Freitag, 18. September 2015

Kulturgeschockt, mal wieder

Ich bin wieder in Deutschland, in meinem kleinen Provinznest. Ich versuche mich hier wieder einzuleben und es gibt dabei sogar einige positive Überraschungen. Zum Beispiel hatte ich mir die Besuche bei der Agentur für Arbeit (ja, da mein Entsendevertrag nach Rumänien vor zweieinhalb Wochen endete, habe ich Arbeitlosengeld beantragt) ganz anders vorgestellt. Zunächst einmal ist eine wirklich nette Vermittlerin für mich zuständig, die wohl davon ausgeht, dass ich das mit der Jobsuche ganz gut alleine hinkriege und sie mich deshalb in Ruhe lässt. Vermutlich würde sie mich trotzdem gern öfter einbestellen, um mir von ihren Urlauben in Rumänien oder am Baikalsee zu erzählen. An einem anderen Tag - ich stehe zufällig gerade am Empfang eben dieser Arbeitsagentur - ruft mich ihr Kollege an. Er hätte gehört, dass ich rumänisch könne. Ich biete ihm an, da ich ja schon mal da bin, gleich in seinem Büro vorbeizukommen. Er verwickelt mich in ein langes Gespräch und da ich noch andere Dinge erledigen will, muss ich am Ende regelrecht nachfragen, um was es denn nun ginge. Ein Fensterbauer aus dem Einzugsgebiet des Arbeitsamts hat rumänische Mitarbeiter und er sucht jemanden zum Dolmetschen. Im Gesrpäch kommen wir auch auf die regionale Arbeitslosenquote zu sprechen - diese liegt, obwohl es sich um eine Kleinstadt in der sächsischen Provinz handelt, auf Bundesdurchschnitt. Zahlreiche Lehrstellen bleiben jedes Jahr unbesetzt. Ich muss an das Flüchtlingsproblem denken und kombiniere in meinem Kopf gleich unbesetzte Lehrstellen mit jungen Flüchtlingen. Doch - und vielleicht ist das auch sehr gut so - bisher gibt es in dem Ort keine Flüchtlingsunterkunft.  

Denn sosehr ich die Stadt auch wieder "gar nicht so schlimm finde", es gibt die angeblich besorgten Bürger ja auch hier. In einem Ort nicht weit von hier wurde in einer Bürgerversammlung, die der Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft vorausging, mit einem Ei auf den Bürgermeister geworfen - siehe der Ausschnitt aus einer Lokalzeitung rechts. Gesprächskultur vom Feinsten. Die Leute sehen die Bilder im Fernsehen und haben tatsächlich Angst, dass diese Flüchtlinge, die sich grad durch halb Europa kämpfen, um in Deutschland, Schweden oder Österreich anzukommen, morgen vor ihrer Haustür stehen.

Und dennoch, es gibt auch schöne Momente. Es gibt auch in diesem Kaff ein paar Menschen, die anders denken und kein aber an ihre Sätze hängen. Die zum Beispiel Streetart anbringen, wie auf diesem Stromkasten. Ich war auf meiner Rückfahrt, die ich allein mit dem Auto bewältigte, an zwei Tankstellen angehalten und belegte Brötchen gekauft. Einmal zur Halbzeit, zumindest kilometermäßig, in der Slowakei. Äußerst unfreundlich erhielt ich von der Bedienung, die sich nicht besonders bemühte Englisch zu sprechen, das für mich einzig erkenntlich vegetarische Sandwich aus dem Angebot. Einige Kilometer von zu Hause entfernt, kaum von der Autobahn heruntergefahren hielt ich wieder an. Da ich mir um Essen wirklich keine Gedanken machen wollte, wenn ich nach Hause kam, kaufte ich wieder ein belegtes Brot an der Tankstelle. Die supernette Bedienung, erklärte mir auf die Nachfrage hin, ob das vorderste ohne Fleisch sei, die komplette Liste der Zutaten von zwei verschiedenen Sandwiches und ich war viel zu fertig, um es angemessen zu honorieren. Klar, es gab da auch keine Sprachbariere, aber alles was sie tat, war von einem Lächeln begleitet und natürlich wünschte sie mir noch einen schönen Abend. Das Benzin war sogar billiger als in der Slowakei.

Sosehr ich Rumänien liebe, es gibt also auch Sachen, über die ich mich freue und Freundlichkeit von Verkäuferinnen gehört definitiv dazu. Klar ist auch nicht jede Supermarktverkäuferin immer nett, aber im Einzelhandel und in der Gastronomie fühle ich mich im Allgemeinen in Deutschland als Kunde meist wohler. Andererseits - und ich tue mich schwer damit, dass zuzugeben - ist es ungewohnt, dass die Läden sonntags geschlossen sind. Ich finde das vollkommen in Ordnung, nur gerade stört es mich eben noch, weil es in Rumänien schön bequem war, auch sonntags einkaufen gehen zu können.