Posts mit dem Label Deutschland erkunden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Deutschland erkunden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 29. Dezember 2018

Auszeit im Ökodorf

Das Ökodorf Sieben Linden liegt im Nordwesten Sachsen-Anhalts, in der Nähe von Salzwedel, nicht weit entfernt von Wolfsburg und Stendal. So richtig nah ist aber keine dieser Städte, der nächste Ort, Poppau, hat vielleicht 100 oder 200 Einwohner. Wenn man mit Bus und Bahn nach Sieben Linden anreist, landet man nach einer dreiviertelstündigen Fahrt durch viel ländliche Idylle in Poppau und läuft von da noch einmal etwa einen Kilometer nach Sieben Linden raus. Am Besten bewaffnet mit Stirnlampe oder Taschenlampe, denn beleuchtet ist die schmale Straße natürlich nicht. 

Ich war zuvor schon zwei Mal in Sieben Linden, einmal für einen Kurs "Community Building nach Scott Peck" und einmal fürs Pfingst-Tanzfestival. Beide Male fühlte ich mich sehr wohl, wusste aber auch, dass es kein Ort zum Leben für mich ist. Da ich gerade auf dem Weg bin, herauszufinden, ob Leben in Gemeinschaft und im Ökodorf das Richtige für mich ist, habe ich mich noch einmal nach Sieben Linden aufgemacht - um an den Projekt-Informations-Tagen und an der Woche "Sieben Linden intensiv" teilzunehmen.

Nachdem das Info-Wochenende tatsächlich sehr voll war mit Informationen und das Programm extrem dicht, war die Intensiv-Woche schon fast entspannt. Ich fühlte mich sehr wohl in der Gruppe, die buntgemischt war und eine Altersspanne von 25 bis 80 hatte, ich mochte die Atmosphäre, ich konnte viel mitnehmen aus den Übungen und Angeboten. Auch das Rahmenprogramm sagte mir erstaunlicherweise zu, und auf einmal fand ich mich in einem Singkreis wieder (wo ich doch davon überzeugt bin, nicht singen zu können). 

Dass ich eine Woche wenig am Handy war, weil es nämlich in Sieben Linden nicht nur nicht erwünscht ist, sondern schlicht auch keinen Empfang gibt, trug sicher dazu bei, dass ich mich besonders gut auf das Erlebnis Ökodorf einlassen konnte. Das ist jedoch auch definitiv ein Punkt, warum ich mich nicht dort leben sehe. Was mir wiederum viel eher zusagt, ist das mega leckere Essen, dass die Köch*innen zweimal täglich kredenzen, der leckere Lupinen-Kaffee zum Frühstück (koffeinfrei, yeah!) und die Art des Zusammenseins. 

Ich werde es nächstes Jahr mit einem weniger abgelegenen Ökodorf versuchen, ein bisschen weniger "außer der Welt" und ein bisschen weniger Öko-Elite, aber trotzdem ein Beitrag zu einem nachhaltigen Zusammenleben. Ich bin sehr gespannt, ob ich es schaffe, dort heimisch zu werden.

Mittwoch, 14. November 2018

Auszeit am Meer

"Das ist Hiddensee, Ed, verstehst du, hidden - versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, [...] wo man zurückkehrt in sich selbst, daß heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens [...]." (Lutz Seiler, Kruso)


Der September war anstrengend und mein eigentlicher Plan, Anfang Oktober nach Athen zu fahren, fühlte sich nach keiner guten Idee an. Eigentlich wollte ich einfach nur ein paar Tage Ruhe. Ein paar Tage zu mir kommen, ein paar Tage genau das tun, worauf ich Lust hatte, vielleicht am Meer sitzen, vielleicht lange Strandspaziergänge, vielleicht aber auch einfach Nichtstun. Den Hinweis auf die Insel bekam ich von einem lieben Menschen und kurz darauf fing ich an, statt Busse und Züge quer über den Balkan meine Reise mit Zug und Fähre Richtung Norden zu planen.


Irgendwie dachte ich, Hiddensee wäre so etwas wie das Ende der Welt. So ruhig und unberührt, wie ich annahm, war es keinesfalls, überall waren in dieser Woche rund um den Tag der Deutschen Einheit Touristen. Auch, dass ich mich in Stralsund im Biomarkt noch panisch mit ein paar Lebensmitteln eingedeckt hatte, war nicht nötig gewesen - es gab in Vitte, wo ich eine Unterkunft gefunden hatte, ausreichend Geschäfte, neben einem Supermarkt auch einen Laden mit Backwaren und Bio- sowie regionalen Produkten. Und ganz so verkehrsarm, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es dann auch nicht - über die Insel fährt der Inselbus, aber auch sonst habe ich einige, wenn auch wenige Autos gesehen (viele davon mit Elektroantrieb). Ich bewegte mich mit einem Faltrad vorwärts, dass ich mit auf die Insel gebracht hatte - wenn ich mich denn bewegte. Ich entschied mich auch viel fürs Tee trinken und Buch lesen, aber freute mich schon auch, schnell zum Zeltkino und Inseltheater zu kommen.


Trotz eher mittelprächtigen Wetters schaute ich mir beide Leuchttürme der Insel an, machte Strandspaziergänge, lief Richtung Steilküste und unternahm eine Wanderung durch den Dornbusch. Das war auch einer der schönsten Hiddensee-Momente: Gerade stand ich noch an der Steilküste und nach einem Aufstieg stehe ich auf einmal zwischen Bäumen und es riecht nach Wald. Ich ging bis zum Klausner, wo ich das Lokal aus Kruso nicht so recht wiedererkennen konnte, ging noch die wenigen Schritte zum Leuchtturm, bei dem aber die Aussichtsplattform geschlossen hatte, weil der Wind zu stark war. Ich ließ mich selbst fast wegpusten, genoss es für einen Augenblick, im Sturm zu stehen - Meer, Leuchtturm, Naturschutzgebiet und bevor ich die Kapuze gut festgezurrt hatte meine umherfliegenden Haare, die mir die Sicht auf all das nahmen. 


Umherwirbelnde Haare, umherwirbelnde Gedanken, umherwirbelndes Ich. Stürmische Zeiten vor und hinter mir und dazwischen eine kleine Pause am Meer. Hiddensee, vielleicht nicht so versteckt und die Stimme des Herzens wachrufend, wie ich erhoffte, aber dennoch immer noch sehr gut, um der Hektik der Stadt und des Berufs für ein paar Tage zu entkommen.

Sonntag, 5. August 2018

Museumstour in Bonn

Vor einigen Wochen war ich auf die "Deutsche Mythen"-Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn aufmerksam geworden. Ich entdeckte später noch, dass zur gleichen Zeit auch eine Abramović-Ausstellung in der Bundeskunsthalle stattfindet und so setzte ich mich an einem freien Wochenende in den Zug und machte mich auf den Weg an den Rhein.

Ich hatte mir noch einen Schlafwagenplatz im Base Camp Hostel reserviert. Das Konzept des Hostels ist, dass in einer großen Halle ganz viele Wohnmobile und Camper stehen, aber eben auch ein Nachtzug und zum Beispiel ein Trabi mit Dachzelt. Ich hatte mich also für ein Schlafwagenabteil im Zug entschieden, das war ich ja von zahlreichen Reisen schon gewöhnt, zudem dachte ich, es wäre wohl die lärmgeschützteste Variante in der großen Halle. Es war leider dann sehr heiß und demnach schlief ich nicht so gut, ich denke aber, dass ging auch den Leuten in den Campern nicht anders. Aber zunächst begab ich mich zur Kunsthalle, nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgelegt hatte. Dort war eine Ausstellung über die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die ich unbedingt sehen wollte. In der Ausstellung gab es Videos und Fotografien ihrer Kunstwerke zu sehen, aber auch Reperformances einiger ihrer Werke. Einige werden vielleicht schon mal von ihrer Perfomance "The Artist is Present" gehört haben, mit der die Ausstellung begann. Abramović saß drei Monate lang im Museum of Modern Art in New York und Besucher*innen konnten ihr gegenüber an einem Tisch mit zwei Stühlen Platz nehmen. Die Künstlerin blickte die Person dann einfach nur stumm, aber aufmerksam an. Die meisten Menschen beschrieben es als ein einmaliges Erlebnis. Zu sehen waren in Bonn Videos mit den Gesichtern der Menschen, die teilgenommen hatten und gegenüber an der anderen Wand das Gesicht Abramovićs, wie sie diese Menschen anblickte. Zudem war ein einfacher Tisch mit zwei Stühlen aufgebaut, an dem man selbst die Performance nachstellen konnte. Die Ausstellung war eine Art Werkschau, bei der ich viel über die Biographie erfuhr und das küntlerische Schaffen von Abramović nachvollziehen konnte. Ich war sehr beeindruckt und konnte, obwohl ich mir ein Kombiticket für das gesamte Museum gekauft hatte, in den anderen Ausstellung kaum noch etwas aufnehmen. 

Am nächsten Tag startete ich gegen zehn zum Haus der Geschichte und schaute mir die Mythen-Ausstellung an. Diese war wirklich gut gemacht, räumte mit gängigen Narrativen wie Wirtschaftswunder und Öko-Nation auf, griff auch die Erzählungen der DDR und auf der anderen Seite der BRD auf und schaffte es durchaus auch, mich zu überraschen. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass der Käfer als Kraft-durch-Freude-Wagen konzipiert gewesen war und der Begriff "Deutsches Wirtschaftswunder" ebenfalls schon in den 1930er Jahren entstand - ironisch für den künstlich durch Staatsausgaben gepushten Aufschwung. So einiges von Trümmerfrauen zu Wirtschaftswunder durch deutschen Fleiß ist tatsächlich größtenteils Mythos mit wenig Wahrheitsgehalt, aber klar wurde auch: der Europäischen Union fehlen beispielsweise die Mythen und damit auch der Zusammenhalt. Denn das ist es, was Mythen machen, sie wirken als Kleber in der Gesellschaft. Was nicht beleuchtet wurde ist die Frage: Warum braucht es das? Sind wir nicht alle Menschen, die zufällig hier oder dort ihr Leben leben. Müssen wir uns durch nationale oder regionale Narrative von anderen abgrenzen? 

Ich gehe normalerweise selten ins Museum, aber vielleicht sollte ich das wirklich öfter tun, wenn mich eine Ausstellung interessiert. Es ist zunächst einmal einfach lehrreich, aber es bringt mich auch raus aus meiner gewohnten Umgebung und Denkweise. Und davon möchte ich gern mehr haben.

Dienstag, 17. Juli 2018

Zauberhaftes Brandenburg

Ich mag ja bekanntlich Orte, die nicht so dicht besiedelt sind, wo die Einheimischen am Liebsten wegziehen möchten und wo es wilde Tiere wie Bären und Wölfe gibt. Rumänien zum Beispiel und Brandenburg. 

Und so jette ich für einen Wochenendausflug nicht nach Paris oder Mailand, sondern fahre ins Havelland. In Gesellschaft eines Menschen, der zu den besten gehört, die ich kennenlernen durfte, genieße ich dann das Frühstück im Wintergarten im strahlenden Sonnenschein mit Blick auf Jungstörche und Naturpool. Erkunde Brandenburg City und jage Abendessen im lokalen Biomarkt. Paddele über den Möserschen See und lasse mich ans Ufer der Kanincheninsel treiben. Besuche eine kleine Alpaka-Farm und verliere mich eine Weile im Betrachten der Tiere. Lasse mich dann im Elektromobil durch brandenburgische Wälder fahren und halte an der Bücher-Tausch-Telefonzelle, wo ich mir Lesestoff mitnehme. Das alles kann man im ländlichen Brandenburg machen. 

Das alles liegt keine 150 km von meinem Wohnort entfernt. Ich höre jetzt Leute sagen, dass sie solche Ausflüge ja auch im Alter noch machen können. Ja, klingt sehr seniorengerecht, was ich da oben beschrieben habe (naja, statt Paddeln vielleicht ein Motorboot). Aber für mich zählt, dass ich schöne Momente im Urlaub habe. Und ich weiß nicht, ob ich "bessere" Erlebnisse in Amsterdam gehabt hätte oder an den Masurischen Seen - und warum kann ich diese Dinge nicht auch noch im Alter tun? So gern ich in die Ferne schweife, so sehr mag ich es auch, meine Umgebung zu erkunden. Wenn es da Alpakas gibt, umso besser. 


Dienstag, 10. Juli 2018

Radelnd durch den Osten Deutschlands

Raus in die Natur! Ich hatte Anfang Juli ein paar Tage frei und überlegte eine Weile, was ich damit anfangen könnte. Rom, Paris, New York? Was wäre unstressig, schön und nah und würde mir Spaß machen? Wenn ich jetzt schreibe, dass Bitterfeld und Wittenberg dabei rausgekommen sind, fragt sich der*die geneigte Leser*in wahrscheinlich: "Warum um alles in der Welt?"

Ich habe vor einigen Jahren schon mal eine Radtour durch die Lausitz gemacht und festgestellt, dass es wunderschöne Orte zu entdecken gibt, wenn man mit gemäßigter Geschwindigkeit abseits der Hauptverkehrswege unterwegs ist. Dass mich das auch noch entspannt, war ein Plus, der Fitnessaspekt und dass ich keine Emmissionen verursache, kommen noch obendrauf. Wohin also radeln? Schnell entwickelte sich die Idee, von der sächsischen Provinz zu einem lieben Menschen bei Bad Belzig zu fahren. Und da ich mir die Strecke nicht auf einmal zutraute und zudem eine landschaftlich schöne Strecke wählen wollte, nahm ich mir Mulde-Radweg und Europäischen Fernradweg R1 vor.


Ich startete bei Thallwitz und radelte an der Mulde entlang nach Eilenburg und immer weiter Richtung Bitterfeld. Der Radweg war in Sachsen ausgezeichnet ausgeschildert, in Sachsen-Anhalt nicht mehr so sehr. Leider ging es kaum direkt am Fluss lang, der zeigte sich bloß an einzelnen Punkten mal und war ansonsten hinter Deichen versteckt. Ich fand die Strecke wenig reizvoll, die Überfahrt mit der Personenfähre in Gruna war schon ein richtiges Erlebnis, weil ansonsten links und rechts des Weges wenig passierte. Vor allem nach Bad Düben, wo ich mittäglich pausierte, gab es bis Pouch eigentlich überhaupt nichts außer Feldern und einem Storch und einem Bussard an der Strecke. In Bitterfeld verlor ich den Radweg und verirrte mich zwischen Bitterfeld und Wolfen (wo ich hinwollte) und Industrieanlagen, weil wirklich nichts ausgeschildert war. Irgendwann kam ich bei meiner ersten Station an und wurde von meiner Gastgeberin mit Spaghetti mit Tomatensauce für 67 gefahrene Kilometer belohnt. 

Am nächsten Tag wollte ich mich zum R1 durchschlagen, und gelangte nach kurzem Umweg auf den Kohle-Dampf-Licht-Radweg, der mich dahin brachte. Ab Jeßnitz war es schon sehr viel spannendender, auch wenn die Radwege zum Teil sehr schlecht beschaffen waren. Zugewachsene Betonpflasterwege neben Landstraßen bereiteten mir keine Freude. Ich pausierte in Gräfenhainichen, wo ich auf den R1 traf, der mich nach Wittenberg bringen sollte. Hier ging es durch ein paar Wälder, was wegen der Kühle und des Schattens und überhaupt, weil ich Wald mag, eine willkommene Aussicht war.


Gegen frühen Nachmittag erreichte ich den wunderschönen Bergwitzsee, wo ich mir erst einmal Pommes und eine Limo gönnte, und mich dann auch noch im Wasser des Sees abkühlte. Nach Wittenberg war es dann nicht mehr weit und da ich noch Zeit hatte, bis ich bei meinem Couchsurfer auftauchen konnte, gab es als verspäteten Nachtisch noch einen Eisbecher in der Innenstadt für mich. Beim Couchsurfer nächtigte dann noch ein amerikanisches Paar mittleren Alters, mit denen ich Abendessen - wieder Nudeln - zubereitete und mich ganz wunderbar unterhielt. 

In Wittenberg sah ich mich am Morgen noch kurz um, bestieg den Turm der Schlosskirche und machte ein Foto von Luthers Thesentür. Dann ging es aber langsam los auf die letzte und kürzeste Etappe - größtenteils durch den Wald, zum Teil auf relativ schlechten Wegen und stärker auf und ab als bisher. In meinem Gehirn sagte irgendwas "Endmoränen!", ich weiß nicht, ob dieses Überbleibsel aus dem Geographieunterricht korrekt ist. Trotzdem war ich gut gelaunt, dem Ziel nahe, noch relativ fit und zudem führte die Strecke fast die ganze Zeit durch schöne Wälder. So erklomm ich dann auch in die Pedale tretend die Straße zur Burg Rabenstein, wo ich Mittagspause machte. Es war jedoch keine lange Rast. Auf gings, die letzte Etappe stand an und bald rollte ich durch die historische Innenstadt von Bad Belzig und war dem Ziel sehr nah.  


Die Tour war wie erwartet schön, gut zum Kopf frei bekommen, wenig an andere Dinge denken als die Beschaffenheit des Radwegs und die Möglichkeit, irgendwo Wasser aufzufüllen. Die Strecke wurde ab Bitterfeld schöner, den Mulderadweg fand ich recht wenig attraktiv auf dem Teil, den ich gefahren bin. Schade, dass er irgendwie so an allem vorbei, sowohl Fluss als auch Dörfer - irgendwo im Nirgendwo verläuft. Auch Bad Düben liegt eigentlich abseits der Strecke und ich fuhr nur in die Stadt, um mir einen Snack und frisches Wasser zu organisieren. Der Bergwitzsee war mein absoluter Favorit an Entdeckungen der Tour, aber tatsächlich gab es doch auch viel zu bewundern und wenn es manchmal nur der Storch war, der im Feld sein Mittagsmahl suchte.

Donnerstag, 21. Juni 2018

Zwei Tage Hamburg mit zweimal Wiedersehensfreude


Die Arbeit brachte mich für eine Tagung in meinem Fachgebiet nach Hamburg. Da ich nicht den kompletten Tag in Zügen und auf der Tagung verbringen wollte und außerdem wusste, dass mindestens zwei alte Freund*innen in Hamburg wohnen, entschied ich mich, bei ihnen nachzufragen, ob wir uns sehen wollten. Ich habe mit beiden mal Erasmus in Rumänien gemacht, das eine Mal vor zehn, das zweite Mal vor sechs Jahren. Als ich das ausrechnete, kam ich mir ja spontan etwas alt vor - aber dachte auch automatisch an die tolle Zeit zurück. Ungefähr genau so lange hatte ich weder die eine noch den anderen wiedergesehen. Beide wollten mich gern treffen und ich konnte sogar bei ihnen übernachten und hatte so entspannt Zeit, anzukommen und abzureisen. Ich schaute zunächst bei der alten Wohnheimkollegin von vor zehn Jahren vorbei - sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem ruhigen Stadtteil. Wir gaben uns gegenseitig ein Update, wo wir gerade stehen im Leben und tranken ein Glas Wein auf dem Balkon. Als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben, fiel es uns leicht, uns zu erzählen, was gerade los ist. Am nächsten Morgen startete ich dann zur Tagung, die mir noch einmal viele interessante Einblicke in meinen Bereich gewährte. Danach verbrachte ich etwas Zeit mit zwei Teilnehmerinnen aus Leipzig, die einen späteren Zug zurück nahmen und ich brach dann zu meinem zweiten ehemaligen Wohnheimkollegen auf, mit dem ich vor sechs Jahren viele Erlebnisse beim Auslandssemester geteilt hatte. Von Hamburg hatte ich zu dem Zeitpunkt den Bahnhof, den Nahverkehr und den Tagungsort gesehen und freute mich, dass er mir sein Viertel, Wilhelmsburg, und vielleicht noch mehr zeigen wollte. Gleich am Abend gab er mir eine Mini-Tour durch sein Nachbarschaft.

Wir brachen am nächsten Morgen mit der Fähre von Wilhelmsburg zu den Landungsbrücken und weiter zur Elbphilharmonie auf. Die Annäherung vom Wasser aus bot noch mal einen ganz anderen, wie einen "zweiten ersten" Eindruck. Mein Gastgeber erzählte mir sehr viel über Stadt und Hafen City und Wilhelmsburg, während ich gespannt lauschte. In der Hafen City trennten sich dann auch unsere Wege und ich war auf mich allein gestellt mit einigen Tipps, darunter Elbphilharmonie und Gängeviertel. Diese "ging" ich dann auch im wahrsten Sinne des Wortes an, zu Fuß mit meinem großen Rucksack auf den Rücken. Ich finde, beim Spazierengehen kann man am Ehesten den Flair einer Stadt aufsaugen und ich lief gespannt durch die Straßen, trotz des Gepäcks. Sehr schön fand ich, dass in Hamburg überall das Wasser präsent ist in Form von Flüssen und Kanälen sowie natürlich dem Hafenbecken. Zunächst holte ich mir ein kostenloses Ticket für den Besuch der Plaza der Elbphilharmonie, eine Art Aussichtsplattform im Zwischengeschoss und spähte in alle Richtungen. Dann lief ich hoch zum Gängeviertel, betrachtete Street Art und gönnte mir im Nasch ein veganes Linsen-Curry. So wieder gestärkt machte ich mich langsam auf den Weg zum Bahnhof und betrachtete ich im Vorbeigehen noch das opulente Rathaus. Wahrscheinlich hatte ich mit Elbphilharmonie und Gängeviertel zwei unterschiedliche Ecken von Hamburg betrachtet und auch das dazwischen kam mir interessant vor. Ich ließ mir Zeit, wich immer wieder von der von meiner Smartphone-Navigation vorgeschlagenen Route ab. Wie tickt die Stadt? Irgendwie anders, hatte ich gleich festgestellt, als ich das erste Mal aus der U-Bahn gestiegen war. So hoch im Norden war ich sonst nie unterwegs (und auch selten in so einer Großstadt). Irgendwas war anders. War es die hanseatische Architektur, war es das Wasser, waren es die Menschen? Ich konnte es bis zum Schluss nicht ganz festmachen.

Voller Eindrücke und wohligen Erinnerungen an die Begegnungen saß ich im ICE, der mich ohne Zwischenhalt zurück nach Halle brachte. Es war ein bisschen kurz und ich hätte gern noch mehr erkundet, mich verlaufen, mehr erzählt bekommen, zu Stadt und Stadtentwicklung, mehr Zeit geteilt mit meinen Gastgeber*innen. Aber auch so war ich zufrieden, es fühlte sich wie ein Mini-Urlaub an, dabei war ich nur 55 Stunden aus Halle weg gewesen.

Donnerstag, 8. Februar 2018

Winterliches Harzgerode

Was gibt es schöneres, als einen kalten Dezember-Sonntag mit Freunden zu verbringen? Dazu eine Märchenlesung mit Begleitung auf der Leier, dazu ein Theaterstück über Weltfrieden aufgeführt von Jugendlichten und das alles in einem wunderbaren Fachwerkhaus, dem alten Gasthaus "Weißes Ross", um genau zu sein, im Ostharz? 


So etwas hatte ich mir gedacht, als ich trotz des wirklich reichhaltigen und ausdauernden Weihnachtsessen am Vortag (ein Traum in drei Gängen mit den wunderbarsten Menschen, die Leipzig so zu bieten hat) beschloss, nach Harzgerode zu fahren. Voller Vorfreude auf Schnee, voller Vorfreude auf lange Umarmungen, voller Vorfreude auf die Projektfortschritte, die es zu bestaunen geben würde, machte ich mich Mitte Dezember auf den Weg. 

Das Projekt "O16 - ein Ort für Chancen", dass zwei Freunde von mir auf die Beine gestellt haben, war Teil der Adventswege in Harzgerode und die Türen der sogenannten Zukunftsbaustelle in der Oberstraße 16 standen an diesem Tag vielleicht noch ein Stück weiter offen, als ohnehin schon. Das schmucke Fachwerkhaus war früher ein Gasthof und somit einer der wichtigsten Orte des Städtchens, wo alle bedeutetenden Lebensereignisse gefeiert wurden. Schon lange waren die Gästezimmer nicht mehr genutzt und die ehemalige Diskothek im Anbau zeugte allenfalls von dem verzweifelten Versuch, in den Neunzigern noch mal etwas aus dem Haus zu machen. Inzwischen gibt es wieder Leben im Haus - sechs Jugendliche sind nicht nur im Seminarraum und der Projektküche anzutreffen sondern auch bei der Arbeit auf dem Bau - wie sie Lehmputz von der Wand hacken, Balken freilegen und überhaupt eine Menge werkeln. Und auch seinen Ruf als Kulturinstitution gewinnt das Haus langsam, mit vorsichtigen Schritten wieder, wenn es hier wie an eben diesem Wochenende Lesungen und Theateraufführungen gibt. 

Die Freundin, die mit Herz und Kopf mit im Projekt steckt, hatte mir bereits angekündigt, dass sie kaum Zeit für mich haben würde, um sich persönlich zu unterhalten. Zu wuselig war es, zu viele Leute mussten begrüßt werden, Tüten mit Keksen verteilt werden, alkoholfreier Punsch und Kaffee eingeschenkt werden, das Projekt erklärt werden, die Theateraufführung bestaunt werden, die Märchenlesung begleitet werden. Dennoch kam eine besinnliche Stimmung auf - spätestens als beim Märchen alle mit einer Kerze in der Hand andächtig lauschten. Dazu schneite es draußen dicke Flocken, als ich mich kurz auf den Weihnachtsmarkt herauswagte, der fast direkt vor der Tür des alten Gasthauses begann. 


Für die Rückfahrt musste ich 15cm Neuschnee vom Autodach kehren und mit ungeräumten Straßen kämpfen, aber wieder einmal beschloss ich, dass ich wirklich öfter kommen müsste. Als ich abends müde und verspannt von der Autofahrt in Halle ankam, bereute ich es keine Sekunde, diesen Sonntagsausflug gemacht zu haben.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Jena. Paradies.


Ich kannte von Jena zwei Sachen. Zum Einen die Plattenbauten von Jena-Lobeda, die ich ein paar Mal von der Autobahn gesehen hatte, als ich an Jena vorbeigerauscht bin, meist als Insassin mit viel Zeit zum Umschauen. Recht lange dachte ich, dass Jena nur aus diesen Plattenbauten bestünde. Zum Anderen, den Bahnhof Jena-Paradies, dessen Namen ich immer leicht amüsiert wahrnahm, wenn ich mit dem Zug durch Jena fuhr, meist in irgendeinem ICE oder IC und meist von oder nach Bayern. Das war, als ich bereits älter war und viel Zug reiste. Und beim Umblicken aus dem Zugfenster stellte ich fest - Jena hat nicht nur Plattenbauten, ja ist vielleicht sogar ganz hübsch.

Ich verließ weder Auto noch Zug je, soweit ich mich erinnere. Es gab keinen Anlass für mich, nach Jena zu fahren, obwohl es ja gar nicht weit weg war. Doch dann ergab sich für mich ein guter Grund - ein Konzert drei der großartigen Musiker des Einar Stray Orchestra. Zwar würden sie auch nach Halle kommen und so quasi zu mir nach Hause. Gerade an dem Tag war aber auch das Weihnachtsessen mit Freunden angesetzt. Es zerriss mich fast - wie sollte ich da richtig entscheiden? Schließlich die rettende Idee - auf nach Jena, dort würden Einar und zwei seiner Bandmitglieder einige Tage vorher konzertieren.

Nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgestellt hatte, strolchte ich über den Weihnachtsmarkt und durch die Stadt. Dabei stellte ich fest - hier ist nicht nur der namensgebende Park neben dem Bahnhof ein Paradies. Ganz Jena ist, vielleicht nicht Garten Eden, aber doch ein äußerst wandelnswertes Pflaster. Hübsche Cafés, ein zauberhafter Buchladen, kleine Designerlädchen, entzückende Gassen, ein kleiner Mittelalter-Weihnachtsmarkt an den Überresten der Stadtmauer.

Ich schlug die Richtung zum Paradies-Park ein und suchte das Glashaus, in dem das Einar Stray Trio konzertieren sollte. Vielleicht 60 Leute mögen auf den Stühlen Platz gefunden haben, die aufgestellt waren. Ich wählte die erste Reihe, denn ich liebe es, Einar und seiner Band zuzuschauen, wie sie die Lieder mit so viel Enthusiasmus vortragen. Es war dann wahrlich ein fantastisches, mitreißendes Erlebnis. Ich hing an ihren Lippen, ertappte mich selbst beim ekstatischen Mitwippen und hatte auch mal einen Moment lang Tränen in den Augen. Sie spielten einen ganz neuen Song, ansonsten eine Mischung von ihren drei bereits veröffentlichten Alben und - season's greetings - ein Weihnachtslied. 

 

Nach dem Konzert sprach ich mit meiner Sitznachbarin, die sich als Russin herausstellte, die in Estland lebte, gerade im Urlaub in Berlin war und gern Bands hinterherreiste. Sie fuhr später mit dem Bus wieder zurück nach Berlin und wollte deswegen noch ein bisschen mit der Band rumhängen. Diese hatte ohnehin angekündigt, dass sie sich über Gespräche am Merchandise-Stand freue. Wir redeten also mit Einar, Steinar und Ophelia. Ich empfahl ihnen, in Halle Waffeln essen zu gehen. Wie mir meine russische Bekanntschaft später schrieb, taten sie das sogar. Ich hoffe, es hat gemundet. Ich begleitete die Konzertbekanntschaft noch zu ihrem Bus und schwebte durch die schönen Gassen Jenas zurück zum Hostel. Ich nahm mir Zeit dafür und beschloss mir am nächsten Tag noch einiges anzusehen.




Am Morgen darauf stärkte ich mich erstmal mit Croissant und heißer Schokolade im Kaffeehaus mit bezauberndem Blick Richtung Stadtkirche. Im "Stilbruch", einem Café, das mir fast noch schöner vorgekommen war mit seinem opulenten Interieur, hatte ich leider keinen Platz gefunden, der mir zusagte. Dann lief ich bei wunderbarem klaren Wetter und blauem Himmel noch ein wenig durch die Stadt. Ich musste unbedingt in diesen winzige Buchladen an der Ecke, die Jenaer Bücherstube. Ein wirklich tolles Geschäft, auch und obwohl sehr eng und klein, so dass ich mir mit Rucksack auf dem Rücken schon fast zu groß vorkam. Ich konte nicht anders und nahm den neuen Roman von Juli Zeh mit. Ich schaute noch in das ein oder andere Design-Lädchen, bis ich glücklich und zufrieden die Heimreise antrat. 

Ich hatte einen paradiesischen Abend mit dem Klängen des Einar Stray Trios verbracht, war duch die schmucke Stadt geschlendert und stellte vor allem fest - einen Ausflug nach Jena kann ich schon mal wieder machen.

Mittwoch, 11. November 2015

Eines der trostlosesten Fleckchen Erde - mit überraschendem Pluspunkt


Für mich geht es ja bald wieder nach Osten - genau genommen nach Nordosten. Von der sächsischen Provinz bei Leipzig habe ich vor nach Wünsdorf zu ziehen. Das ist südlich von Berlin, im brandenburgischen Niemandsland. Hier gab es einst einen riesigen russischen Stützpunkt, um nicht zu sagen, eine russische Stadt. Vorher waren die Nazis da und vorher hatte die kaiserliche Armee hier eine Garnison, also sind so ziemlich alle mal dagewesen und haben ihre Kasernen und Bunker dagelassen. Es ist tatsächlich einer der seltsamsten Orte, die ich je besucht habe. 




Die Häuser stehen in Reih und Glied, dazwischen ragt hier und da noch ein sogenannter "Spitzbunker" aus unkaputtbarem Stahlbeton in die Landschaft. Man trifft auch auf verlassene Kasernen und viel Ödland - ehemals war die Zone komplettes Sperrgebiet. Auch heute noch wird man beim Spazierengehen hier und da von Betonmauern oder Bauzäunen aufgehalten. Das ganze Areal ist recht weitläufig - es zieht sich für einige Kilometer entlang der Bundesstraße 96 und einer Bahnstrecke. Neben den Kasernen gibt es auch Neubaublocks, zum Beispiel in der euphemistisch "Waldesruh" genannten Siedlung. Der Blick vom Balkon zeigt den Parkplatz, dahinter ein struppiger Wald. In der Nähe des Bahnhofs ist eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Hier haben sich manche wahre Villen hingesetzt. Wenn ich Bauland suchen würde, dann sicher nicht an diesem tristen Fleckchen Erde, geht es mir durch den Kopf. Doch selbst Erde gibt es kaum, der Boden hier ist sandig. Über die Fußwege zu laufen, gibt einem das Gefühl, einen Strandspaziergang zu machen. 


Ich habe mir vier Wohnungen angesehen in dieser Stadt. Bei der ersten erscheint niemand, als ich dann anrufe, ist die Vormieterin sofort bereit vorbeizukommen. Als ich eintrete merke ich - aha, Raucherwohnung. Doch die Wohnung ist eigentlich schön. Am Ende des Gesprächs wird klar, warum die Vorbewohnerin einen Nachmieter sucht - sie will nicht streichen, aus gesundheitlichen Gründen könne sie gerade nicht über dem Kopf arbeiten. Weiter geht es zur nächsten Wohnung. Hier zeigt nicht der aktuelle Bewohner die Wohnung, sondern seine etwa zwanzigjährige Tochter und ihr Freund. Sie hat ein solariumverbranntes Gesicht, aber ist eigentlich ganz nett. Ob die Küche drin bleibe? Naja, der Herd sei kaputt und würde natürlich entsorgt. Den Rest der angesifften Möbel könne ich übernehmen, schreibt sie mir später eine SMS. Doch ob ich in besagter Siedlung Waldesruh wohnen möchte? Erstmal weiter schauen. Ich bin zu früh, und will also noch einen kleinen Spaziergang machen, bevor ich klingele. Ist nur schwierig, denn hier ist der Zugang zum Wald von einem Bauzaun verstellt. Ehemaliges Sperrgebiet sieht anders aus, ich würde eher von einem aktiven Sperrgebiet reden. Auch der Spielplatz ist mit Bauzaun abgesperrt, aber ohnehin ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, die diesen nutzen könnte. Nur ein älterer Herr mit Hund. Und der spricht mich auch gleich an, ob ich Frau XY sei? "Sie fallen hier auf!", meint er, wohl als Begründung, warum er gefragt hat. Er ist der nächste Vorbesitzer und wohl der skurrilste in der Runde. Er ist sehr nett, bietet mir Tee oder Kaffee an (ich lehne dankend ab), ehe er mir auf den Cent ausrechnet, was ich ihm für die Küche zu geben hätte. 2153,14 Euro. Er hat jede Besteckschublade einbezogen in seine Rechnung, vermutlich hat er für alles noch die Quittungen. Er könne auch alles mitnehmen, aber ich bräuchte ja eine Küche und dann müsse ich die ja auch noch aufgebaut bekommen, so wäre alles schon drin. Ich traue mich gar nicht zu fragen, was mich sein Kleiderschrank kosten würde. 

Nach dieser Tour durch diesen sonderbaren Ort ist mir so gar nicht mehr danach, dorthin zu ziehen. Mein Arbeitsvertrag läuft zunächst ein Jahr, so lange würde ich es wohl auch maximal aushalten im brandenburgischen Sperrgebiet. Und eine Küche anzuschaffen, für eine Wohnung, die ich eigentlich gern schnell wieder verlassen möchte, danach ist mir auch nicht. Ich habe ein wenig Zeit bis zur letzten Besichtigung und habe noch nichts zu Mittag gegessen. Im "Nahkauf" werde ich bestimmt ein paar Kekse bekommen, denke ich mir. Ich bekomme den Eindruck, man möchte den Einkaufenden 30 Jahre zurückkatapultieren in der Zeit. In den Regalen stehen vereinzelt ein paar Dosensuppen, darunter natürlich auch noch die gute alte Soljanka, von der meine Leser aus Westdeutschland bestimmt gar nicht wissen, was es ist.. Ich habe die Auswahl zwischen zwei-drei Sorten Keksen. Vielleicht ist dieses Einzelhandelsgeschäft ja in irgendein Tourismuskonzept eingepasst. Vor - oder nach? - der Bunkertour Mangelwirtschaft in der überdimensionierten Ost-Kaufhalle erleben? Vielleicht ist es auch ein Wink mit dem Zaunspfahl, der da schreit "Du brauchst gar keine Küche!". Ganz authentisch ist es dann aber doch nicht, es gibt Bananen in unterschiedlichem Bräunungsgrad - die gammeligeren herabgesetzt. 

So uneinladend das auch alles wirkt, so überraschend kommt dann auch die Wendung. Irgendwoher muss Wünsdorf ja den Titel "Bücher- und Bunkerstadt" haben. Die Bunker sind nicht zu übersehen. Die Bücher entdeckte ich später. Drei große Antiquariate warten im Ort auf Besucher. Ich hatte etwa eine Stunde Zeit und verlor mich daraufhin in einem davon, dem von "Dr. Minx". Es ist ein Antiquariat nach meinem Geschmack, überall liegen Bücher kreuz und quer, große Kisten stehen vor den Regalen, in denen die Bücher dann auch thematisch oder alphabetisch geordnet sind. In fast jeder Kiste sprang mir etwas entgegen und so ging ich am Ende mit fünf Büchern heraus. Ein Buch von Hans Fallada habe ich nicht bei seinen anderen Werken unter F gefunden, sondern in der Wühlkiste und einen Bereich mit englischsprachiger Literatur habe ich gar nicht gesehen, dennoch halte ich das Reclamheft "Harold and Maude" in den Händen. 
Ich als Öko und Möchtegern-Minimalistin hatte mir vorgenommen, keine Bücher mehr zu kaufen und sie nur noch aus der Bibliothek zu holen. Denn was ist schlimmer beim Umziehen als Bücherkisten und das für ein Buch Papier benötigt wird, ist ja auch allgemein bekannt. Den Öko-Aspekt habe ich ganz gut im Griff, denn ich kaufe fast nie neue Bücher sondern das meiste antiquarisch, wenn auch viel online. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, durch ein Antiquariat zu schlendern, wo man alte Lesezeichen, gepresste Blüten und Zeitungsausschnitte in Büchern findet und nicht die sterilen Pakete mit Büchern in "sehr gutem" oder "hervorragendem" Zustand vom Versandhändler geliefert bekommt. Und so habe ich meinen Büchervorrat schon wieder aufgestockt. "Harold and Maude" hatte ich übrigens schon zu Hause. Wer das Zweitexemplar, handverlesen in der Bücherstadt Wünsdorf, haben möchte, schreibe mich kurz an und nenne mir die Lieferadresse. Es macht sich dann mit einem lieben Gruß auf den Weg zu seinem neuen Besitzer. 

Nach dem Wühlen in Bücherkisten und streifen durch die Regale, war es Zeit, zum letzten Termin zu gehen. Ich war nun besserer Laune und der Teil von Wünsdorf, nämlich eigentlich die Waldstadt, gefiel mir auch viel besser, als das, was ich vorher gesehen hatte. Ich meldete mich bei der Hausverwalterin und wir gingen die letzte und wunderschöne Wohnung besichtigen, in der noch ein junges Paar wohnte. Die Gegend gefiel mir, die Wohnung gefiel mir, nur war sie zu teuer und viel zu groß für mich allein. Es war allerdings auch die einzige Wohnung mit Küche, die ich bisher gesehen hatte. Sie hatte auch ausnahmsweise keinen zurückgelassenen Sperrmüll neben den Müllcontainern, sondern Fahrradschuppen neben den Hauseingängen. Dafür lag der Mietpreis eben fast auf Leipziger Niveau. Mir wurde mal wieder bewusst, wie schwierig Wohnungssuche eigentlich war und wieviel Schrott man allgemeinhin so angeboten bekam. Es wird wohl nicht meine letzte Exkursion zur Wohnungssuche im Sperrgebiet gewesen sein. Im Dunkeln fuhr ich zurück in die sächsischen Gefilde, kilometerweit mutterseelenallein auf gespenstischen Brandenburger Alleen, im Rückspiegel nichts als schwarze Nacht. 



"Wünsdorf, da willst du nicht hinziehen", sagte mir einmal eine Brandenburgerin, als ich ihr erzählte, wo ich arbeiten werde. Ich bin mir jetzt tatsächlich sehr unsicher, ob ich das will. Als ich zurückkam spähte ich erstmal ungeduldig in den Briefkasten, ob nicht vielleicht eine Antwort auf die anderen Bewerbungen, die ich so verschickt hatte, darin war.

Samstag, 7. November 2015

Bayern, Biergärten, Brezen

Es ist eine andere Welt. Mir wird bewusst, dass ich bis zu meinem nächsten Besuch wohl keine so gute Breze mehr essen werden, als ich im Fernbus zurück nach Leipzig sitze. Ein letzter Seitenblick auf die Münchner Frauenkirche, dann setzt sich der Bus in Bewegung. 

München gehörte nie zu meinen Lieblingsstädten (Wobei ich davon einige habe: Leipzig, Cluj, Belgrad, Timisoara...). Im Studium war ich gewzungen, von Regensburg aus regelmäßig für Seminare herzukommen. Ich sah nie viel mehr als Hauptbahnhof, U-Bahn sowie Historicum und Hauptgebäude der LMU. Die offensichtliche Schickeria schreckte mich ab, alles kam mir teuer und exklusiv vor. Die monumentale Architektur verstärkte den Eindruck noch. Bayern dagegen habe ich liebgewonnen: Regensburg und die Donau, die Holledau mit ihren Hopfenfeldern, das Bier, die Brezen und natürlich die Biergärten. So war es wohl auch irgendwie logisch, dass ich meine kleine Bayernreise nicht in der Landeshauptstadt sondern in der Provinz begonnen habe.

Ich besuchte eine ältere Cousine, die mit ihrem Mann und ihrer 18-jährigen Tochter in Oberbayern wohnt. Es waren drei wunderbare Tage bei ihnen mit einer Menge tiefgreifenden Gesprächen, viel Sonne und Zeit für mich, aber auch gemeinsamen Spaziergängen und einem kleinen Ausflug zur "Schönen Aussicht". Bei schönstem Biergartenwetter aßen wir unter lauter Ausflüglern, später unternahm ich noch einen kleinen Waldspaziergang. Es war so etwas wie ein seelisches Wellness-Programm, denn ich fühlte mich augenblicklich wohl und willkommen. Dazu trug bestimmt das leicht feministische, linke und vegetarische Umfeld der Frauen des Hauses bei. In meinem Kopf wurden mal wieder ein paar Sachen durcheinandergepustet, aber auf eine angenehme Art und Weise, so dass ich jetzt darüber Nachdenken und die Gedanken neu ordnen kann. 

Wenn ich in München und Umgebung bin, versäume ich es eigentlich nie, eine ehemalige Studienkollegin zu treffen und so war das der zweite Punkt meiner Reise. Sie wohnt seit ein paar Jahren in der Oktoberfest-Stadt (und hasst selbiges) und hat mir schon bei früheren Besuchen die schönen Ecken der Stadt gezeigt. München ist eben auch Englischer Garten und Isar, ist eben auch eine Metropole mit entsprechendem kulinarischen und kulturellen Angebot. Sie holte mich morgens am Bahnhof ab, und es trieb mir sofort ein breites Grinsen ins Gesicht, als ich feststellte, dass wir automatisch und ganz ohne Absprache beide den Imbiss als Treffpunkt annahmen, bei dem wir uns in der Studienzeit immer mit Verpflegung für den Zug ausgestattet hatten. Nach einer kleinen Touristentour durch die Innenstadt - wir kamen gerade rechtzeitig um am Rathaus das Glockenspiel und die Figuren zu beobachten - liefen wir entlang der Isar zum Englischen Garten und genehmigten uns am Chinesischen Turm ein Radler. Danach steuerten wir das Stadtmuseum an und besuchten die Sonderausstellung zu Damenmode der 1930er Jahre. Die Ausstellung ist sehr zu empfehlen und noch bis Mai 2016 zu sehen: Gretchen mag's mondän – Damenmode der 1930er Jahre. Einer vom Wachpersonal bat mich, für eine verirrte Amerikanerin zu dolmetschen, die eine Ausstellung zum Mittelalter mit Ritterrüstungen suchte. Wir wiesen sie mit vereinten Kräften darauf hin, dass das nicht wirklich das richtige Museum sei, sie war aber schon überfordert von dem Gedanken, in einer andere Etage zu gehen, weil sie den Aufzug nicht fand. Wenn ich jemals beim Reisen so dermaßen das Orientierungsgefühl verliere, setze man mich bitte in den nächsten Flieger gen Heimat. Nach dem Museum schlossen wir den Abend noch mit einem viel zu reichlichem, aber wunderbar leckerem Essen in einem afgahnischen Restaurant ab (Bamyan Narges), darauf tranken wir noch das letzte Radler in einem Lokal im Glockenbachviertel. 


Als ich dann in besagtem Fernbus saß, lagen vier Tage Bayern hinter mir, die mal wieder eine Vielzahl neuer Eindrücke mit sich gebracht haben. Ich habe ein neues Eckchen Bayerns entdeckt, mein Bild von München mal wieder ein bisschen erweitert und ein paar großartige Tage mit tollen Menschen um mich rum gehabt. Das Versprechen für einen Rückbesuch ist jeweils abgenommen, ich hoffe, dass er auch bald stattfindet. Es ist schade, wenn liebe Menschen so weit weg wohnen, dass man sie nicht regelmäßiger sehen kann, andererseits ist es dann immer fantastisch, wenn man sich mal wieder sieht. Bayern ist anders als der Rest von Deutschland und wohl vor allem Ostdeutschland, das merkte ich im Biergarten zwischen all den Rentnern in Softshell-Jacken, die sich zum Kaffee trafen. Das merkte ich auch beim Spaziergang durch den Ort, der Lebendigkeit ausstrahlt mit seinem Bioladen und seiner Buchhandlung, mit seinem lebendigen Treiben im Ortskern, aber auch mit seinen Offenställen für die Kühe, die auftauchen, sobald man eine halbe Stunde aus dem Ort herausspaziert. Dort dominieren dann pittoreske, gepflegte Höfe das Bild. Im Osten fühlt sich immer alles an, als wäre es gerade am Sterben, und das seit 20 Jahren. Ich mag Sachsen und es gibt auch wahnsinnig schöne Ecken, aber man sieht gerade im Kontrast die Armut, das Improvisierte, die Arbeitslosigkeit stärker, gerade im ländlichen Gebiet. Perspektivlosigkeit, die man fast mit den Händen greifen kann an jeder Ecke und Menschen, die das auch gern offen zur Schau stellen (vgl. Frag nicht nach Sonnenschein). In Bayern fühle ich mich auch nach wie vor gut, obwohl damit auch negative Gefühle verknüpft sind, überwiegen doch die positiven. Leckere Brezen und ein gutes Helles, am Besten an einem sonnigen Tag mit Freunden im Biergarten genossen, das bleibt für mich immer mit Bayern verbunden.

Montag, 2. November 2015

Auszeit im Harz

In den letzten Oktobertagen besuchte ich einen Freund im Harz. Ich hatte ihn vor über zwei Jahren in Esslingen bei Stuttgart kennengelernt, als ich als Couchsurferin bei ihm übernachtete. Nun hatte es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlagen, in ein Gemeinschaftsprojekt auf einem ehemaligen Klinikgelände im Harz. Das wollte ich mir unbedingt mal anschauen und so vereinbarten wir, dass ich ihn besuchen würde.

Ich nahm mir vor, für zwei Tage komplett offline zu gehen. Kein Facebook, kein Whats App, keine Mails. Ich habe dann wirklich nur einmal ganz kurz das Internet auf meinem Handy aktiviert, weil ich einen Anruf von einem Freund verpasst habe und schauen wollte, ob er mir vielleicht anderweitig geschrieben hat. Offline zu gehen kann ich wirklich für jeden Kurzurlaub empfehlen, man ist sofort sehr viel entspannter und kann auch schon bei nur zwei Tagen viel besser abschalten.

Ansonsten hatte ich nichts geplant. Ich hatte meine Wanderstiefel für Ausflüge in die Natur dabei, aber ich hatte keinerlei Erwartungen, was Unternehmungen angeht. Als ich ankam, stromerte ich erstmal ein wenig über das Gelände der ehemaligen Klinik. Es war ein Kinderkrankenhaus für Lungenbeschwerden gewesen und insgesamt eine riesige Anlage, erbaut in den 1930ern. Zum Teil kann man den Bauhaus-Stil noch deutlich erkennen, vor allem bei den umliegenden Nebengebäuden. Am Hauptgebäude der Klinik gefällt mir vor allem, dass die Räume alle lichtdurchflutet sind, weil es eine große Fensterwand zum kleinen Teich in der Mitte des Geländes gibt. Seit etwa 15 Jahren stand die Klinik komplett leer, auch wenn es wohl zwei Investoren gegeben hatte, die versucht hatten, etwas daraus zu machen. Seit letztem Jahr haben es sich nun die „Gemeinschaftsstifter“, wie sich die Gruppe nennt, zur Aufgabe gemacht dem Gelände wieder leben einzuhauchen. Das Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen und viel ist noch nicht zu sehen vom Gemeinschaftsleben – aber viele Menschen wohnen momentan auch noch nicht da. Große Teile des Gebäudes sind immer noch stark renovierungsbedürftig. Ich war fasziniert von den Bädern, in denen noch Sticker mit Tiermotiven klebten und von den Zeichnungen an den bröckelnden Wänden, die vor Ewigkeiten für die kleinen Patienten aufgemalt worden waren. Ich stattete dem ehemaligen Veranstaltungssaal einen Besuch ab (und konnte es nicht lassen, kurz auf dem Trampolin zu hüpfen, dass in dessen Mitte stand, um es vor der kalten Witterung draußen zu schützen). Ich schlich durch die Räume, über die Dachterassen und die Treppenhäuser hoch und runter. Es war fast schon gespenstisch still in diesem riesigen Haus.

Trotzdem, es ist „not a lost place at all“, wie der Freund einst bloggte. Denn man spürt den Willen vieler Menschen, hier eine ökologische Gemeinschaft aufzubauen. Wen man auch trifft, wird diskutiert, über die Gruppe, über die Ausrichtung, über die Finanzierung, über die Probleme. Die Menschen haben sich hier mit Herzblut in eine Sache gehangen, die ganz groß werden könnte, wenn sie es schaffen, Kompromisse zu schließen und persönliche Konflikte außen vor zu lassen. Eine Mammut-Aufgabe, wie es scheint, ungefähr so riesig wie die Anlage selbst, aber dennoch machbar.

Es waren zwei unglaublich inspirierende Tage im Harz. Ich traf einige Menschen, denen ich mich sofort sehr nahe fühlte. Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl an diesem Ort. Ganz davon abgesehen, dass die Gegend auch wunderschön ist. Quedlinburg gehört nicht zu Unrecht zum UNESCO-Weltkulturerbe und der Harz im Spätherbst ist sowieso eine Reise wert. Während das Laub von den Bäumen schneit und der Dampfzug der Selketalbahn durchs Tal pfeift, kann man kaum anders, als sich gut zu fühlen.

Freitag, 16. Oktober 2015

Vom Nicht-Stillsitzen-Können

Im Moment tut sich hier nicht viel auf dem Blog. Das liegt daran, dass Deutschland nun mal sehr viel unspannender ist als Rumänien. Nein, das kann man so pauschal ja gar nicht sagen, aber es ist eben sehr viel weniger spannend, wenn ich schreibe, wie die Postfrau fünf Minuten an der Tür warten muss, weil sie für die Bestätigung einer Zustellung meinen Ausweis braucht, den ich nicht finde, als wenn ich erzähle, wie man auf der rumänischen Post nur mit den Achseln zuckt, wenn ich nachfrage, warum ich eigentlich keine Paketbenachrichtigung bekommen habe. Außerdem würde sehr schnell auffallen, dass ich eine ganz schöne Chaotin sein kann, wenn ich von meinem deutschen Alltag berichte.

Woraus besteht der im Moment? Viel schlafen und lesen, aber auch mal einen Tag lang ein Zimmer soweit auf den Kopf stellen, dass am Ende des Tages ein kleiner Müllberg und ein noch viel größerer Berg mit Sachen für den Flohmarkt entstanden sind. Und in den Schränken Ordnung und mehr Platz. Wegwerfen ist nicht so meine Sache, aber die Idee einer minimalistischen Lebensweise fasziniert mich, auch wenn ich es wohl nie soweit schaffen werde. Doch ich sehe ja auch, was passiert, wenn man nichts wegwerfen kann - meine Großeltern haben es geschafft, ein ganzes Haus bis unters Dach vollzustopfen mit allen möglichen Dingen. Da mache ich mich jetzt dran, das abzubauen, in kleinen Schritten.

Ansonsten plane ich Reisen, große und kleine. Ich möchte ein paar Freunde besuchen, dafür geht es zuerst in den Harz und dann nach Oberbayern, München und Prag. Ich freue mich schon drauf, ich war das letzte Mal als wirklich kleines Kind im Harz (neulich beim Aufräumen habe ich die Bilder wieder gefunden - siehe rechte Seite), und im ländlichen Oberbayern war ich noch nie - wobei, das ist gelogen, ich war ja eine Zeit lang öfter in der schönen Holledau und die liegt zum Teil in Nieder- zum Teil in Oberbayern. Aber in dem Teil von Oberbayern, wo ich nun hinfahre, war ich tatsächlich noch nicht. Nochmehr freut es mich aber, wunderbare Menschen wiederzutreffen, die mich inspieren und gute Freunde sind.

Ganz allein geht es zwar auf die Deutschlandreisen, aber ich treffe ja liebe Menschen, die ich kenne. Noch niemanden kenne ich in Kuba. Auf die Insel geht es dann im November bis Dezember für zwei Wochen. Der Flug lastet nicht nur schwer auf meinem ökologischen Gewissen, ich habe auch ein bisschen Angst davor, aber die Neugier überwiegt und ehe Obama am Ende Castro noch anbietet, dass Kuba amerikanischer Bundesstaat wird, will ich es mir anschauen. Der Flug ist gebucht, eine Karte ist bestellt, ein Reiseführer schon gekauft, vor mir liegen ein Monat Vorfreude und ein paar Tage Nervosität. Das wird die weiteste und teuerste Reise, die ich je unternommen habe, aber da ich im Moment sowohl Zeit als auch Geld dafür habe, sollte ich es machen, bevor sich die Situation ändert - so wohl für mich persönlich, als auch in Kuba.

Eine Veränderung steht tatsächlich im Januar an. Ich werde einen neuen Job beginnen, mit Flüchtlingen arbeiten und zwar in der brandenburgischen Provinz. Das wird sicher eine ganz schöne Umstellung, aber ich freue mich auf eine Ortswechsel, viel Natur und Seen in der Umgebung (davon habe ich natürlich im Januar noch nicht viel) und eine sinnvolle Aufgabe. Ab November fange ich dann auch mit der Wohnungssucherei an und im Dezember droht wohl nicht nur das Weihnachtschaos sondern das Umzugschaos gleich dazu.

Freitag, 12. September 2014

Wo alles begann: Ulm

Ich wäre heute wohl kaum hier, gäbe es Ulm nicht. "Häh?", werden sich jetzt einige denken, "Was hat die denn mit Ulm zu tun?" Ich habe eigentlich wirklich gar nichts mit Ulm zu tun. Aber wäre nicht vor mehr als 250 Jahren jemand auf die Idee gekommen, Siedler auf ein Holzboot, eine sogenannte Ulmer Schachtel, zu setzen und von Ulm aus die Donau runter zu schicken, wäre ich jetzt wohl kaum hier. Denn dann wäre ich wohl eine der wenigen Deutschsprachigen. Andersherum wäre ich auch kaum hier, wenn nicht viele der Angesiedelten in der x-ten Generation beschlossen hätten, wieder umzudrehen in ihre Urheimat. Denn dann bräuchten sie mich hier nicht und würden ihre Sprach- und Brauchtumspflege allein ganz gut auf die Reihe kriegen. 



Dass ich nach Ulm gefahren bin, hängt aber nur indirekt mit meiner Arbeit zusammen. Ich war ja diesen Sommer viel unterwegs und habe so bei einer der vielen Hochzeiten eine gute Studienfreundin getroffen. Da mir kurz darauf ein ereignisloses Wochenende in Stuttgart bevorstand, wo ich aufgrund eines Arbeitstreffens weilte, beschloss ich mit ihr, mich in der Mitte zwischen Stuttgart und München, wo sie wohnt, zu treffen. Ulm liegt ziemlich genau in der Mitte. Außerdem war ich noch nie da. Und außerdem kann man sowohl mit dem Bayern-Ticket als auch mit dem BW-Ticket der deutschen Bahn hinfahren. Also war das beschlossene Sache. 


Ulm ist hübsch. An jeder Ecke Fachwerkhäuser, ein riesiger Marktplatz mit einer noch riesigeren Kirche in der Mitte. Es ist der höchste Kirchturm der Welt. Dann die Donau - so ein Fluss gibt einer Stadt ja immer unglaublich viel Athmosphäre. Nette Cafés auf Terassen an der Donau vollenden das Bild. In Ulm lässt es sich schon aushalten. Etwas Puste sollte man zum besteigen der 700 und mehr Stufen des Kirchturms des Ulmer Münsters schon mitbringen. Zu Stoßzeiten auch Geduld, denn dann muss man sich auf dem ersten und letzten Stück an anderen Touristen vorsichtig auf schmalen Treppen vorbeischieben.

Der Fluss teilt noch heute die Städte Ulm und Neu-Ulm. Neu-Ulm gehört zu Bayern, Ulm zu Baden-Württemberg, aber beide zu Schwaben. Ulm ist meines Erachtens der hübschere Teil der Doppelstadt, wenn auch hier viele Bausünden begangen wurden. In eine zuckersüße historische Altstadt hat man einige Betonmonster gepackt, die ihresgleichen suchen. Gut, auch die historische Altstadt ist so historisch wohl nicht, weil viel nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Aber die "Neue Mitte", wie sich unter anderem ein Sparkassen-Klotz nennt, ist meiner Meinung nach nicht mutig sondern einfach unschön. 
 

Mein persönlicher Höhepunkt in Ulm war tatsächlich der Besuch des Donauschwäbischen Zentralmuseums. Obwohl das Museum nicht so gut aufgemacht ist - die multimediale Gestaltung ist meines Erachtens zu kurz gekommen, ist es doch interessant für den Geschichtsinteressierten und für den Donauschwaben sowie ihre Freunde, Bekannten und Angestellten sowieso. 




Ich empfehle also einen Besuch von Ulm und würde als Dinge, die man unbedingt tun muss, aufführen: 1) Auf den Ulmer Münster klettern, 2) Donauschwäbisches Zentralmuseum besuchen, 3) Kaffee und Kuchen an der schönen Donau.