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Dienstag, 6. Februar 2018

"Eine Kollektion für Gott" - Modenschau der Burg Halle

Sicher ist fast jedem und jeder, der oder die in Halle wohnt, die "Burg" ein Begriff. Die Burg meint nicht die Moritzburg, die recht zentral im Zentrum liegt und in der das Kunstmuseum untergebracht ist, sondern die Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle - kurz Burg. Die Student*innen der Burg prägen das kulturelle Leben der Stadt mit - was sicher auch mit der ja eher überschaubaren Größe von Halle und der Anzahl von etwa 1100 Kunst- und Design-Studierenden zusammenhängt. Zweimal im Jahr ziehen Veranstaltungen hunderte Halloren, Hallenser, Hallunken und sicher auch überregionale Gäste an - die Jahresausstellung im Sommer und die Modenschau im Winter. Im Sommer gibt es auch eine Modenschau und zwar am Abend bevor die Jahresausstellung dann beginnt. Bei der Modenschau werden Werke der Student*innen aus dem Fachbereich Modedesign gezeigt, bei der Jahresausstellung alles, was Studierende so im letzten Jahr geschaffen haben.

Ich hatte schon gehört, dass es schwer ist, für die Modenschau Karten zu bekommen und da ich nun nicht übermäßig an Mode interessiert bin, hatte ich nie auch nur genug Energie aufgebracht um nachzuforschen, wo ich denn eine Karte bekäme. Umso schöner war die Überraschung, dass diese mir einfach so zuflog - eine alte Rumänienbekannte, heute Volontärin bei der Pressestelle der Burg, bot mir an, mit ihrem Vorkaufsrecht eine Karte für mich zu besorgen, ob ich nicht Lust hätte, zu kommen? Das nahm ich natürlich gern an, denn wie gesagt, habe ich als Hallunkin schon viel über die Burg gehört und habe auch schon Freundinnen sagen hören, wie froh sie seien, eine Karte dafür ergattert zu haben. Ich war sehr gespannt, weil ich nicht genau wusste, was mich erwartete.  Meine erste Modenschau!

Ich bekam nicht nur die Eintrittskarte von der Freundin, sie hatte mir auch einen Platz bei den Presseleuten reserviert mit ausgezeichnetem Blick auf den Laufsteg. Das war sehr vorausschauend - es fanden bei Weitem nicht alle Menschen Platz, die keine Reservierung hatten. Zuschauer*innen standen dicht gedrängt hinter den Stuhlreihen und saßen auf freien Flecken - zum Beispiel zwischen den Stuhlreihen und dem Laufsteg - auf dem Boden. Mehrere hundert Personen waren wohl im Saal. Durch die Mitte zog sich ein weißer Laufsteg, der auf eine dreigeteilte Videoleinwand zulief - hinter der die Models herauskamen und wieder verschwanden. Rechts und links waren Instrumente aufgebaut - die Show wurde von Live-Musik begleitet, die sehr abwechslungsreich war. Licht, Musik, die Clips auf der Leinwand und natürlich die Kreationen der Student*innen waren gekonnt abgestimmt. 

Insgesamt dauerte es etwa eineinhalb Stunden, bis alle Entwürfe gezeigt waren. Es kamen Werke von Student*innen des zweiten, dritten und vierten Jahrgangs auf den Laufsteg, außerdem Bachelor- und Master-Abschlussarbeiten. Die Zeit verging wie im Flug beim Ansehen all interessanten Ideen. Dabei war das Thema "Eine Kollektion für Gott" für mich als Laiin nicht bei allen Arbeiten zu erkennen. Aber unterhaltsam war es ohne Frage - manches auch durchaus sehr beeindruckend. 

Der einzige kleine Wermutstropfen war, als ich, mehr durch Zufall wegen einer missverstandenen Kommunikation vorher, feststellte, dass die Models doch alle eher dünn waren. Das wäre mir vielleicht gar nicht so krass aufgefallen, sind wir doch darauf programmiert, beim Betrachten von Mode auch überwiegend dünne Personen zu sehen - das was ich sah, war so gesehen "normal". Die Models, wohl überwiegend aus dem Kommiliton*innen- und Bekanntenkreis der Studierenden selbst, waren jetzt auch keine Hungerhaken, wie das vielleicht bei Modenschauen auf den Fashion Days dieser Welt der Fall ist, aber ich nahm nicht eine einzige dicke Person war. Schade, hatte ich doch gerade von einer Hochschule, die so viel künstlerisches Flair umgibt, den Mut erwartet, auch weniger "normative" Personen auf den Laufsteg zu schicken.


Sonntag, 29. Mai 2016

Erkundung des Saalekreises, Teil 2 und das Gute im Menschen entdecken

Ich habe mich ja vor ein paar Wochen schon mal aufs Rad geschwungen und bin die Saale herauf geradelt, also Richtung Quelle. Da geht es nach Merseburg und ich bin sogar bis Bad Dürrenberg gekommen. Den Bericht gibt es hier. Diesen Samstag nun wollte ich mir mal die andere Richtung anschauen, sozusagen die Fließrichtung. Auch da wird es interessant, immerhin kommt nach zwanzig Kilometern Wettin. Ursprünglich dachte ich, ich fahr mal so weit ich komme, dann stand irgendwie fest - Wettin ist das Ziel. Das letzte Mal war ich dort vor fast drei Jahren, als ich für ein wunderbares Filmprojekt die Kameras beim offenen Kanal abholte und zurückbrachte. Damals wurde ich gemeinsam mit Karl von den gepflasterten Landstraßen durchgerüttelt und verirrte mich auf der Rückfahrt in der sachsen-anhaltinischen Pampa. 

Jetzt hatte ich mal wieder einen freien Tag und Zeit für mich. Ausgeschlafen und ohen Zeitdruck, setzte mir schließlich selbst das Ziel, gegen elf zu einer kleinen Radtour aufzubrechen. Dass ich dann doch erst 11.30 Uhr los kam, war überhaupt nicht schlimm. Das einzige, was ich mir vornahm, war, gegen vier wieder daheim zu sein, denn ein Couchsurfer wollte bei mir übernachten. Da ich merkte, dass ich ganz schön gut vorankam, dachte ich mir aber, dass ich bis vier wieder zurück sein würde, auch wenn ich bis Wettin führe. Also los!
Ich startete an der Saalebrücke bei der Saline in Halle. Von dort fuhr ich entlang der Saale über die Peißnitz-Insel und raus aus der Stadt. In Kröllwitz war die Saale nicht mehr zu sehen, dafür fuhr ich durch ein Gebiet mit hunderten Kleingärten. Immer weiter zwischen den Gärten entlang, dann weiter nach Lettin und wieder kamen Gärten. Diesmal aber Geistergärten. Die gesamte Gartenanlage bei Lettin war verlassen. Offensichtlich war in einigen Häusern randaliert worden, hier und da waren Häuser besprayt, die Scheiben waren zumeist eingeschlagen, es war ein seltsames Bild. Ich konnte mir überhaupt nicht erklären, was passiert war. Wie lange standen die Gärten schon leer? Es blühte immer noch an allen Ecken und Enden, aber die Hecken waren verwuchert, die Zäune fehlten und man konnte durch die Gartenhäuschen spazieren. Erst beim Nachhausekommen las, dass diese Gartenanlage regelmäßig vom Hochwasser überflutet wurde, zuletzt 2013, und die meisten ihren Garten danach aufgegeben hatten. Auf jeden Fall würde ich gern noch mal mit der Kamera hin, um Bilder zu machen.




Als ich Lettin hinter mir gelassen hatte, ging es weiter Richtung Brachwitz, wo ich mit der Fähre übersetzte. 50 Cent kostete der Spaß für mich und mein Rad, dann ging es weiter nach Wettin. Hinter Döblitz begann eine Pflasterstraße, aber zum Glück gab es bald wieder Asphalt und ich wurde nicht mehr so arg durchgerüttelt. Dann kam auch schon langsam die Burg Wettin in den Blick, bis dahin wollte ich noch. Ich schaffte es auch und kletterte sogar noch zur Burg hinauf. Ins schicke Burg-Cafe mochte ich mich nicht setzen, aber im Cafe unten im Ort war leider geschlossene Gesellschaft und so holte ich mir ein Eis bei einem spelunkigen Kiosk und setzte mich ins Gras an die Saale. Lange rastete ich nicht. Ich bat die Verkäuferin noch, meine Trinkflasche mit Leitungswasser aufzufüllen, was sie mit einem lauten Atmen quittierte, aber sie tat mir den Gefallen dennoch. Danke, gute Frau. Ich trat den Rückweg an. Nachdem ich so losbrauste, kam ich denn auch recht schnell an die Stelle mit dem Kopfsteinpflaster. 



Ich entdeckte neben der Straße eine Art Trampelpfad, schmal, vielleicht auch von einigen Radlern ausgefahren. Ich wollte wechseln und während ich mein Fahrrad herübermanövrierte, sah ich auch schon meinen Fehler - es gab eine Bordsteinkante zwischen Fahrbahn und Wegesrand. Über die purzelte ich und zwar mit einigem Schwung, so dass es mich gegen einen Baum warf und vom Rad herunter. Das war schon schmerzhaft und den ersten Impuls weiterzuradeln, als wäre nichts gewesen, gab ich auch auf, nachdem ich den Blutfleck am Knie meiner Radhose sah. Weiterradeln musste ich trotzdem, denn hier zwischen Mücheln und Döblitz am Wegesrand konnte ich auch nichts machen. Also zumindest bis Döblitz und dort erstmal am Dorfteich auf eine Bank setzen und die Wunde mit Wasser abspülen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, vermutlich taten Endorphine und Adrenalin das ihrige dazu, aber beim Anschauen wurden schon deutlich, dass die Schramme ganz schön tief war. Ein radwanderndes Pärchen hatte auf der anderen Bank Rast gemacht und ich fragte sie, ob sie Desinfektionsmittel oder Pflaster dabei hätten. Sie hatten zwar kleine Pflaster, aber das half mir auch nicht wirklich was bei der Größe der Wunde. Die Frau beschloss daraufhin in einem Hof von Döblitz nach einem Verbandskasten zu fragen. Einen Kfz-Verbandskasten hat ja fast jeder im Haus, war ihre Logik. Ich blieb also einfach mal sitzen und schließlich kam die Frau mitsamt einer Anwohnerin mitsamt Verbandskasten wieder und mir wurde das Knie einigermaßen gut verbunden. Die Anwohnerin tat das ohne viel Federlesen und empfahl mir, dennoch noch mal zum Arzt zu gehen. Wenn ich Fahrrad fahren könne, dann vielleicht direkt nach Halle ins Uni-Klinikum? 
Ich radelte also tapfer weiter bis zum Uniklinikum Halle. Die Notaufnahme war voll, dennoch kam ich recht schnell dran. Und das obwohl ich keine Krankenkarte und keinerlei Identitätsnachweis dabei hatte. Die Schwester war so nett, meine Daten trotzdem aufzunehmen. Es wurde einmal desinfiziert und neu verbunden, dann konnte ich nach Hause. 

Zu Fuß hätte der Heimweg eine Stunde gedauert, also radelte ich so halb und versuchte dabei, das rechte Bein kaum zu beugen. Sah sicher ulkig aus, aber immerhin war ich schneller zuhause. Der Couchsurfer war bereits von meinem Missgeschick informiert, seine Reise hatte selbst nicht so geklappt wie geplant und er würde erst gegen neun bei mir sein. Das fand ich nicht schlecht, so hatte ich Zeit, das Bein noch hochzulegen. Ich überzeugte noch einen Bekannten, auf ein Bier rumzukommen und wir saßen schließlich noch bis zwölf mit dem ukrainischen Gast.

Was habe ich gelernt? Auf größeren Ausflügen nehme ich ab jetzt wohl immer ein kleines Erste-Hilfe-Set mit. Auf kleineren wenigstens den Ausweis, besser noch die Krankenversichertenkarte. Falls mal was schlimmeres passiert, sollten sie ja auch wissen, wen sie da gerade zusammenflicken. Dass Menschen prinzipiell gut sind. Dass sie helfen, dass sie nicht immer auf ihren bürokratischen Vorschriften bestehen. Ansonsten im Hinblick auf Unfallgefahren im alleinreisenden Zustang - tja, das Leben ist lebensgefährlich. Deswegen auf Abenteuer und Freiheit und damit aufs Leben zu verzichten erscheint mir keine Lösung. Also raus da und ab und zu riskieren, ein bisschen auf die Nase zu fallen. Es gibt schlimmeres als vernarbte Knie. Zu wenig Leben zum Beispiel.

Montag, 16. Mai 2016

Krieg in Halle

Seit ich nach Halle gezogen bin, begrüßen mich, sobald ich mit dem Auto in die Stadt fahre, Schilder, auf denen im ersten Augenblick nur Krieg zu lesen ist. Ein wenig beängstigend, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich um eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte handelt. Ich hatte dieser Ausstellung schon während der Museumsnacht einen kurzen Besuch abgestattet, aber war nicht abegeneigt, mir das Ganze noch mal ausführlicher anzusehen. Denn es schien auf den ersten Blick durchaus eine sehenswerte Ausstellung und ich hatte während der Museumsnacht nicht mehr genug Aufnahmefähigkeit. Da ich nun Besuch von einer Freundin aus München bekam, war das ein willkommener Anlass, noch einmal ein bisschen länger durch die Ausstellung zu gehen.

Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Beeindruckend an der Ausstellung ist zuerst einmal der Aufbau. Betritt man das Museum, sieht man sich Skeletten gegenüber: 47 Tote, zentral im Raum angebracht - das Massengrab der Schlacht von Lützen aus dem Jahr 1632. Rund um dieses zentrale Ausstellungsstück gibt es weitere Informationen zu der Schlacht, zu den Toten, zum Dreißigjährigen Krieg. 1632 kämpfte bei Lützen der Schwedenkönig Gustav Adolf gegen Wallenstein. Wer die Krieger waren, wie ihre Lebensbedingungen waren, mit welchen Waffen sie kämpften und an welchen Verletzungen sie starben, all das haben die Wissenschaftler rekonstruiert und für die Besucher aufbereitet. Das Leben einzelner Personen wird so gut es geht rekonstruiert, sogar die Gesichtszüge werden anhand des Schädels bei einer Person nachempfunden. 
Als besonderes Erlebnis kampierte am Pfingstwochenende eine Re-enactment-Truppe vor dem Landesmuseum. Das sind Menschen, die in zeitgemäßer Kleidung, mit nachempfundenen Waffen, Zelten, ja sogar Kochutensilien anreisen und Schlachten nachspielen - oder wie zu Pfingsten in Halle dem Publikum ihre Gewehre und Kanonen vorführen. Der Besucher kann die Waffe selbst mal in der Hand halten, kann Fragen stellen, wie das alles funktioniert(e) und sich über das Leben der Kriegsspielenden und damaligen Krieger erkundigen. Dadurch wurde das Thema natürlich noch greifbarer, zumal wir das Museum gerade verließen, als eine Vorführung der Musketen angesetzt war. Den tosenden Lärm hörten wir schon drinnen - und als wir raus kamen, sahen wir, dass die Musketiere direkt auf das auf der Vortreppe versammelte Publikum zielten. Trotz Platzpatronen wurde uns mulmig, und so stellten wir uns weiter an den Rand. Das Gespräch mit einem Musketier suchte ich trotzdem später noch. Mich interessierte nämlich, wie sich Freund und Feind eigentlich unterschieden im Schlachtgewimmel. Eine Armbinde in einer bestimmten Farbe, wie der Hobby-Söldner sie auch trug, hätten alle Kämpfer gehabt und ginge die verloren, gab es zur Not noch eine vorher festgelegte Parole. Dass aber nicht doch mal Leute aus dem eigenen Lager dran glauben mussten bei all dem Chaos, war nicht sicher. 

Die Schlacht und das Grab ist der Aufhänger der Ausstellung, doch dahinter steht die Frage, seit wann es in der menschlichen Zivilisation eigentlich Krieg gibt. Also die gezielte Auseinandersetzung einer Gruppe mit einer anderen. Schon bei den Primaten gibt es Mord und Totschlag, so zeigte die Ausstellung und Gewalt wohl auch schon seit der Urzeit. Das finde ich etwas ernüchternd, hätte ich doch gern geglaubt, dass Gewalt eine Folge der "modernen Zivilisation", wo auch immer man die ansetzt, ist. Aber auch in der Urgesellschaft gab es also schon Auseinandersetzungen, die ziemlich handgreiflich abliefen. Später gab es die ersten Stammeskonflikte und noch einmal später betritt der Krieg die Bühne der Menschheit. Interessant und nachvollziehbar ist, dass es zu Krieg kommt, dort wo Menschen sesshaft werden und der anderen, sich ausdehnenden Gruppe nicht mehr so einfach ausweichen können. Außerdem da, wo es um begrenzte Ressourcen geht - soweit logisch. Dass aber auch Schimpansen schon Territorialkonflikte mit anderen Gruppen austragen und dabei auch vor dem Töten nicht zurückschrecken, wusste ich nicht. Die Welt scheint weit weniger friedlich, als ich sie gern hätte. 

Ich bin jedenfalls froh, die Ausstellung, die leider nur noch eine Woche zu sehen ist, noch besucht zu haben. Sie ist interessant aufbereitet und regt zum Nachdenken an. Schließlich ist nicht umsonst ein Zitat von Albert Einstein am Ende der Ausstellung zu finden: 
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Sonntag, 3. April 2016

Erkundungen an einem Samstag

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, Besuch von einem Couchsurfer aus Leipzig zu haben, mit dem ich die Stadt entdecken wollte. Da besagter Mensch aber doch nicht kam, war meine nicht-vorhandene Samstagsplanung über den Haufen geworfen. Das klingt erst einmal seltsam, dennoch wäre ich mit ihm wohl eher durch die Stadt gestreift und Ideen hätten sich spontan ergeben - vielleicht auf die Peißnitz, vielleicht zur Burg Giebichstein? Allein durch Halle zu ziehen, darauf hatte ich aber keine Lust. Also brauchte ich einen Alternativ-Plan um allein was zu unternehmen.

Raus in die Natur - aber hier geht's erstmal nicht weiter.
Ich habe seit einer Woche mein Fahrrad in Halle, und ich brannte darauf, es auszufahren. Zudem war eine Fahrradkarte für Halle und Umgebung bei mir eingetroffen, die ich mir über einen Second-Hand-Buchversand bestellt hatte. Ich dachte mir nun, man könnte ja einfach mal beides kombinieren. Also packte ich vorm Zubettgehen die Karte in den Rucksack, ebenso wie meine Kamera, stellte die Proviantbüchse und die Trinkflasche bereit und legte meine todschicke Radlerhose mit verstärktem Polster am Po heraus. Ich wollte früh los, denn wer weiß, wie viele sich gleich am ersten Frühlingstag auf dem Saaleradweg tummeln würden. Die Angst war unbegründet, dafür fror ich ziemlich an die Waden - besagte Hose ist nämlich nur dreiviertellang - und das Wetter war auch nicht besonders toll vor zwölf. Noch dazu verirrte ich mich zuerst ein wenig in der Südstadt, dann im Naturschutzgebiet Saaleaue, und übersah dann auch noch eine Abzweigung des Radwegs, so dass ich eine Runde durch das schöne Dörfchen Kollebey drehte. Aber Umwege gehören ja bekanntlich zum Leben. Ohne meine Schusseligkeit, wäre ich gar nicht in der sumpfigen Saaleaue, wo außer einer Frau, die mit ihrem Hund spielte und mir, offenbar niemand war oder eben in Kollebey gelandet. Ich plane jetzt sicher nicht meinen nächsten Urlaub in Kollebey, aber abseits der ausgetretenen Pfade (oder in dem Fall gut asphaltierten Radwege) ist es eben auch interessant.

Durch die vielen kleineren Umwege kam ich so in Merseburg schon auf fast 30km. Ich bemerkte schon erste Ermüdungserscheinungen, radelte aber trotzdem tapfer den Berg hoch, Richtung Burg und Schloss. Und das hat sich gelohnt - Merseburg ist echt hübsch. Dann ging es über die Saale und wenig Zickzack durch die Stadt, bis ich sie Richtung Leuna verließ. Die Schornsteine der Chemiewerke hatten schon seit der Aufahrt aus Halle den Horizont bestimmt, Leuna ist aber eigentlich viel mehr als Industrie - es hat auch einen Teil mit spießigen Häuschen mit Vorgärten zum Beispiel. Ich wollte unbedingt noch bis Bad Dürrenberg und radelte also weiter auf dem recht gut ausgebauten Radweg. Meine Lunge wird es mir gedankt haben, denn ich flanierte in Bad Dürrenberg mehrmals am Gradierwerk im Kurpark entlang, wo Sole über Sanddornbündel rieselt. Das dient eigentlich der Salzgewinnung, hat aber den positiven Nebeneffekt salziger Luft wie am Meer und das soll ja gut für die Atmung und die Schleimhäute sein. Als ich mich danach wieder aufs Rad setzte, musste ich feststellen, dass mein Hintern schon schmerzte - ich war lange keine weitere Strecke mehr gefahren - und meine Beine auch müde waren, daran hatte die Salzluft wohl nichts ändern können. Ich strampelte dennoch tapfer zurück bis Merseburg, von wo ich dann den Zug nach Halle nahm. Insgesamt 46km habe ich an dem Tag mit dem Rad zurückgelegt.

Zu Fuß kann man die Stadt besser erkunden und zu Rad das Umland. Viele kleine Dinge, wären mir entgangen, wäre ich mit dem Auto die Bundesstraße entlang gefahren. Der erste Mini-Sonnenbrand des Jahres zwar auch, aber damit auch eine Menge Sonnenstrahlen auf der Haut, die die Glückshormone nur so fließen ließen. Ich werde wohl in der Zukunft öfter mal ins Umland radeln, entweder weiter die Saale entlang oder zu den vielen Seen im Umland, zu den kleinen Städtchen und verträumten Ortschaften. Um den Tag zu schließen, erkundete ich dann noch das Hallesche Kulturangebot. Ich wollte gern zum Poetry Slam "Wörterspeise" in der Goldenen Rose und obwohl ich nun ohne Couchsurfing-Besuch allein war, wagte ich mich dennoch hin. Es hat sich voll gelohnt, die Slammer waren gut, die Texte toll und ich das erste Mal in der "Goldenen Rose". Die liegt praktischerweise gleich bei mir um die Ecke und scheint auch ansonsten ein sehr gemütlicher Laden. Ich hätte gern mehr von solchen Samstagen. Und auch von den Sonntagen, die darauf folgen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte... 



Donnerstag, 25. Februar 2016

Winterschlaf beendet



Seit Ende November bin ich nun hier in Halle an der schönen Saale. Bis vor zwei Wochen spielte sich mein Leben aber fast nur zwischen Arbeit, Wohnung, regelmäßigen Fahrten in die Urheimat und den Harz sowie gelegentlichen Treffen mit Freunden in Leipzig ab. Mir war klar, dass sich das ändern muss, wenn ich hier Fuß fassen will. Wie lerne ich in einer neuen Stadt neue Leute kennen? Diese nicht ganz einfache Frage stellte sich also nun auch mir. Keine Studiengruppe und keine WG würden mir helfen und mit den Arbeitskollegen komme ich zwar sehr gut klar, aber abends zusammen Bier trinken zu gehen, käme mir trotzdem seltsam vor. Also, was tun?

Meine erste Idee war, über Couchsurfing Leute kennenzulernen. Bei Couchsurfing-Treffen kommen Leute zusammen, die ähnlich ticken und gemeinsame Gesprächsthemen ergeben sich meist schnell. Nur so ein Treffen muss erstmal stattfinden und das ist in Halle so eine Sache. Ein Serbe, der grad Freiwilligendienst in Halle macht, postete sogar mal eine Veranstaltung, aber am Ende stand ich mit ihm allein da, wir tranken ein Bier zusammen und danach hat er sich nicht wieder gemeldet. Ob das an meiner Gesellschaft lag, sei dahin gestellt. Dann gab es noch ein paar Leute bei Couchsurfing, die sich meist montags trafen, um zusammen ins Kino zu gehen und Filme in Originalsprache mit Untertiteln zu schauen. Montags wollte einfach irgendwie nicht klappen. Dieser Weg schien also irgendwie nicht so zu funktionieren.

Irgendwie braucht es ja immer Mut, allein irgendwo hinzugehen. Aber hat man die Hemmschwelle dann erst einmal überwunden, ist man irgendwie ja auch gezwungen, mit anderen Menschen zu interagieren. Ich nahm also all meinen Mut zusammen und ging zu einem Tanzworkshop. Und doch noch zur Couchsurfing-Kino-Verabredung. Und zu einem Votrag. Und zu einem Fototreffen im Makerspace. Und zu einem Brettspielabend. Und zu einem Film-Abend. Und zu einer WG-Party, auf der ich niemanden kannte, dachte ich zumindest. Die Couchsurferin, die zum gemeinsamen Kinobesuch eingeladen hatte, lud mich nämlich eine Woche später ein, mit zu einer WG-Party zu kommen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete und war ein wenig nervös. Doch ich begegnete nicht nur jemanden, mit dem ich beim Tanzworkshop vor über einer Woche noch getanzt hatte. Das witzigste war, dass ich jemanden traf, mit dem ich 2012 Erasmus in Rumänien gemacht hatte.
Er: "Kennen wir uns nicht?"
Ich: "Nein, ich glaube nicht."
Er: "Wir waren doch zusammen beim Modeselektor-Konzert in Bukarest."
Ich: "Das ist ja krass. Wohnst du in Halle?"
Der ehemalige Erasmus-Kollege wohnt nicht nur in Halle, er hat auch zum Beispiel den Makerspace mit aufgebaut, den ich eine Woche zuvor besucht hatte und bietet dort Fototouren durch Halle an. Irgendwie ist also Halle entweder verdammt klein oder es reicht eigentlich, eine handvoll Leute zu kennen, dann hat man die wichtigsten Sachen abgedeckt.

Während ich also bis in den Februar hinein oft nach der Arbeit wie ein auf den Rücken gefallener Käfer kaum von der Couch hockam, habe ich nun ein paar Anknüpfungspunkte, um gar nicht erst in die Gemütlichkeit der Couch zu sinken. Wenn was passieren soll zwischen Schlafen, Essen und Arbeiten, muss ich selbst dafür sorgen. Gerade bin ich so energiegeladen, dass ich sogar meine Laufschuhe aus der Versenkung geholt und bereits die kürzeste Route bis zur Saale ausfindig gemacht habe, wo ich längere Lauftouren unternehmen könnte, wenn erst die Kondition und Fitness stimmen. Ich lass es aber langsam angehen, schließlich habe ich viel zu lange überhaupt keinen Sport gemacht. 

Neben den Dingen, die hier in Halle passieren, bin ich auch mehr denn je dem Geschehen in einer kleinen Gemeinschaft im Harz verbunden und auch das gibt mir sehr viel Energie, wenn es auch an anderer Stelle an meinen Zeit- und Kraftressourcen knabbert. Was da passiert, ist aber noch einmal eine vollkommen andere Geschichte und ich brauche noch etwas Zeit, um das hier zu teilen. Aber auch das passt gut zu dem Motto: Raus aus der Winterstarre, ein bisschen mehr Leben eben.

Mittwoch, 20. Januar 2016

"Dann kannst du mich ja mal wieder besuchen..."

... und das werde ich! Ich kannte ihn ja schon, weil er mir im Dezember immer mal von einem Plakat entgegenlächelte. Aber auch in persona wirkte der Schuhverkäufer kompetent und war super freundlich, obwohl ich bloß Wachs für meine neuen gebrauchten Lederstiefeletten kaufen wollte. Dass er mir von Postern bekannt war, hat nichts damit zu tun, dass er einen riesigen Schuhladen in prominenter Lage führt. Nein, der Laden ist ziemlich klein, nicht besonders auffällig und nicht an der Haupteinkaufsmeile - wenn auch immer noch in sehr guter Innenstadtlage. Der Schuhladen, oder vermutlich eher der Inhaber des Ladens, nimmt an einer Kampagne Teil, die kleinere lokale Geschäfte in Halle stärken soll. Und dafür ist er eben auf dem Plakat gewesen. Zumindest bei mir hatte die Aktion also Erfolg. Obwohl ich auch nicht speziell wegen der Kampagne hingegangen bin, sondern einfach, weil mir der winzige Laden aufgefallen war. Zuerst entdeckt hat ihn zugegebenermaßen meine Begleitung bei einem Spaziergang durch die Stadt - für mich wurde der Laden erst wieder interessant, als ich mich mit dem Thema ökologisch produzierte Schuhe auseinandergesetzt habe. Die Stiefeletten habe ich dann doch nicht neu gekauft, sondern gebraucht gefunden, aber wer gute Schuhe führt, sollte sich ja auch mit Schuhpflege auskennen. Lange Rede kurzer Sinn - vor ein paar Tagen betrat ich den Laden. Ich kaufte eine Dose Lederwachs und warf einen verliebten Blick in Richtung eines Paares Schnürstiefelchen. Auf Nachfrage nach selbigen bekam ich den Hinweis, diese seien eher für die Übergangzeit und da ich wirklich gerade keine Schuhe kaufen wollte noch die Aufforderung, in dieser dann einfach mal wieder zu kommen. 
Eine ganz schön lange Geschichte um eigentlich nur zu sagen, dass es schöner ist bei kleinen Läden zu kaufen, als die Schuhpflege bei Deichmann oder gleich bei dm zu holen. Das wäre beides näher an meiner Wohnung gewesen, so habe ich noch ein paar nette Worte mit dem Verkäufer gewechselt und einen potenziellen Lieblingsladen gefunden. (Ein bisschen Werbung kann man dafür ruhig auch machen, finde ich. Der Laden heißt trittfest, liegt in der Kleinen Ulrichstraße in Halle und hat erfrischenderweise keine Webpräsenz, man muss also im real life mal vorbeischauen.) So versuche ich, näher dran zu sein an der Stadt - neben dem durchgestylten Biomarkt in Bestlage, schaue ich auch ab und zu in die Biohalle, wo ein sympathisch kauziger Verkäufer hinter der Theke steht. Und statt zum Cleanmaster habe ich meine Sachen zur Reinigung "Adrett" gegeben, weil die mit ihrem ostigen Namen mir mehr wie ein kleiner Familienbetrieb vorkam, als Cleanmaster mit vier Filialen in vier Stadtteilen. Da habe ich mir dann gleich noch erklären lassen, wie die Reinigung von Federbetten eigentlich funktioniert - das Ganze wird auch bloß klassisch gewaschen, nur braucht man da riesige Maschinen und es muss in ebenfalls großen Trocknern ewig getrocknet werden. 
Ich mache mir gerade mal wieder bewusst, dass ich mit meiner Kaufentscheidung bestimmte Läden oder Marken fördern kann. Das ist in einem Oxfam- oder Weltladen vielleicht noch offensichtlicher, aber ich kann auch entscheiden, ob ich die Gewinnspanne für das Lederwachs beim kleinen Schuhladeninhaber oder bei der großen Schuhkette lassen will. Ganz nebenbei lerne ich so meine Stadt kennen. Denn Halle bietet, obwohl oder gerade?, weil es keine Metropole ist, kleine Läden und alternative Einkaufsmöglichkeiten, die entdeckt werden wollen.

Montag, 11. Januar 2016

Registriert als Hallunkin

Seite heute ist auf meinem Personalausweis vermerkt, dass ich jetzt hier lebe - in Halle an der Saale. Ein neues Jahr, ein neuer Ort, neues Glück? Ich fühle mich wohl hier und war sehr zufrieden, als ich aus dem Rathaus hinaustrat auf den weiten Marktplatz. Halle ist ein echt hübsches Städtchen, wie ich auf Spaziergängen durch die Gassen feststelle, aber auch beim Blick aus meinem Panoramafenster zugeben muss. Und die Aussicht geht immerhin auf den Anlieferbereich eines Super- und eines Elektromarkts, nichts, was besonders reizvoll wäre. 



Ich kann mir vorstellen, es hier ein Weilchen auszuhalten. Zumindest so lange, bis mich die Wanderlust wieder packt. Ich bin noch etwas vorsichtig, mich hier niederzulassen, aber das ist wohl meine Angst, mich an einen Ort zu binden. Zur Begrüßung gab es übrigens in der Stadtverwaltung heute zwei Freikarten fürs Theater und eine für den Zoo, sowie Stadtpläne und Werbung vom örtlichen Energieversorger. Den werde ich leider enttäuschen müssen, denn bei mir soll nur Ökostrom aus der Dose kommen und zwar wirklicher Ökostrom und keiner von einem Anbieter, der nebenbei auch in Atom- und Kohlestrom investiert. Der Ökostrom des "lokalen" Energieanbieters wird übrigens in Norwegen produziert. Ich werde im Flyer trotzdem darauf hingewiesen: "Zugleich fördern Sie damit die Entwicklung von Anlagen zur umweltschonenden Stromerzeugung in Halle." Mit dem Strom aus Norwegen? Da schau ich lieber mal bei utopia vorbei und finde eine Liste der besten Ökostromanbieter. Aber im Willkommenspaket sind auch noch andere, nützliche Dinge - ein Liniennetzplan von Halle, ein Flyer vom Landesmuseum für Vorgeschichte und für den Willkommens-Treff für Neu-Hallenser. Ich verstehe mich lieber als Neu-Hallunkin, aber vielleicht geh ich trotzdem mal hin.