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Dienstag, 1. Oktober 2019

Slowenien - Alpen und Adria


Die erste Frage, wenn ich einen Blogpost über die Reise nach Slowenien verfassen will, ist natürlich: Wo packe ich es denn hin? Südosteuropa-Reise oder nicht? Wo ist denn eigentlich dieses Slowenien? Einerseits irgendwie neben Italien und unter Österreich, spricht alles für Mitte-Süd oder so. Andererseits Ex-Jugoslawien und da schlägt ja gleich mein Herz für "den Osten" höher. Nur um dann doch festzustellen, dass das Land so gar nichts von seinem ehemaligen Bundesgenossen Serbien hat - das Land, dass ich vor allem mit Jugoslawien verbinde. Alles ist schön ordentlich und sauber und teurer als für einen Urlaub in Ex-Jugoslawien erwartet. Die Straßen sind überall in einem vortrefflichen Zustand, vor jedem noch so kleinen Lokal gibt es einen Stellplatz für Behinderte. Immerhin, es gibt Plazma-Kekse und Cedevita-Brause und in Velenje steht ein Tito-Denkmal am Hauptplatz zwischen Plattenbauten und vor dem sozialistischen Kulturhaus. Und doch fühlt es sich anders an zwischen den Alpen un der Adria. Es fehlt mir vielleicht ein bisschen die Anarchie und Absurdität, die sich ansonsten bei Reisen in den wilden Osten gern mal einstellt.

Da, wo der Sonnenstrahl hinfällt, mussten wir hoch
Aber erstmal auf Anfang. Wir fuhren über Tschechien und Österreich nach Maribor und durchquerten das Land im Norden. Wir wollten irgendwo am Bohinj-See übernachten, um dann auf den Triglav hochzuklettern. Starten wollten wir in Ukanc, westlich des Sees, da waren aber preislich akzeptable Lösungen bis auf Camping schwer zu finden und losstiefeln, nachdem wir erstmal Zelt abbauen mussten, klang auch wenig verlockend für eine Mehrtageswanderung. Die Bedienung bei einem Kiosk half uns dann mit einem Zimmer zum Schnäppchenpreis von 60 Euro weiter - das war so ungefähr der Minimalpreis, den man bei spontaner Einkehr irgendwo erwarten konnte, wie wir lernen sollten. Das Billigste, was wir an Übernachtungen hatten, war ein Zeltplatz für 9 Euro pro Person und ein Bungalow, der wohl seit Titos Zeiten keine Veränderung gesehen hatte, für 45 Euro.

Die Wanderung zum Triglav war heausfordernd. Wir hatten einen schier endlosen Anstieg vor uns, um über eine Felswand zu kommen, die mir beim Anblick unbezwingbar vorkam. Ich sagte immer wieder, dass ich es für unmöglich hielte, dass ich da hochkommen würde, aber irgendwie ging es scheinbar doch und wir waren tatsächlich drüber und kamen am Črno jezero (Schwarzer See) an. Kleine Pause und weiter ging es zur ersten Hütte - wo ich dann durch Mithören anderer Gespräche mitbekam, dass es nirgends Übernachtungsplätze in den Berghütten gab. Nach kurzer Nachforschung - unsere Mobiltelefone hatten keinen Empfang, daher mussten wir das Hüttenpersonal bitten, anzurufen - stellte sich heraus, dass einzig in einer Hütte, die eigentlich erst auf unserem Rückweg lag, Übernachtungsplätze in Betten frei waren. In allen anderen Hütten hätten wir im Gastraum Notquartier beziehen können. Damit hätten wir warten müssen, bis die letzten im Bett sind und mit den ersten frühmorgens um fünf aufstehen dürfen, außerdem hatten wir bis auf dünne Hüttenschlafsäcke nichts dabei, was uns die Nachtruhe angenehmer gemacht hätte. Darauf, auf Frühstückstischen Quartier zu beziehen, verzichteten wir also und wanderten weiter zur im-Bett-schlafen-Hütte. Da wir nicht ausreichend auf die Schilder achteten, nahmen wir gleich noch den Weg über den steilen Kamm (wo mich beim Aufstieg kurzzeitig Nerven und Kräfte verließen) und hatten so am Ende des Tages bestimmt 1500 Höhenmeter an Aufstieg hinter uns. 

Immerhin brachte ich den Herbergswirt kurz zum Lachen, als wir endlich in der Hütte angekommen waren und uns zum Abendessen niederließen. Mein Begleiter bestellte Bier, was wollte ich denn trinken? Ich überlegte nur kurz: "Schnaps!" Der war wirklich lecker, selbstgemacht und mit Gebirgskräutern verfeinert. Am Morgen erlebten wir noch den Almabtrieb mit, als während des Frühstücks überall Kuhglocken um uns herum ertönten. Der Abstieg war richtig anstrengend, zumal wir Klettersteigsets und Helme umsonst mit auf den Berg geschleppt hatten, ebenso wie andere Dinge für eine Mehrtagestour. Am Bohinj-See legten wir eine Badepause ein, dann holten wir das Auto und fuhren Richtung Meer.


Nach der Enttäuschung, den Triglav nicht bezwingen zu können, war der Ausflug ans Meer die beste Entscheidung. Ich habe sie zu großen Teilen meinem Reisegenossen zu verdanken habe, der sich stark dafür einsetzte. Wir legten noch eine Übernachtungspause in besagtem Old-School-Bungalow (siehe weiter oben) ein, der auf einem Campingplatz stand, der offensichtlich über einem Höhlensystem stand. Da die einzige Führung durch die Höhle aber um neun Uhr stattfand, wohlgemerkt an einem Sonntag, kam die Erkundung nicht in Frage. Wir fuhren schließlich gegen zehn weiter und hatten immerhin am Vortag die Burg des Raubritters Erasmus noch gesehen. Hier aßen wir auf einer Panorama-Terasse zu Abend und blickten Richtung in eine Höhle gezimmerte Burg. Würden vielleicht gleich die Scheinwerfer angehen? Es war schließlich schon ziemlich dunkel. Seit drei Jahren funktioniere das nicht, sagte die Bedienung, also nichts da. Vielleicht war dieser Stopp in der Mitte Sloweniens das ostigste, was uns in diesem Urlaub so passierte. Bungalow mit Originaleinrichtung von vor 40, 50 Jahren inklusive dunkelbrauner Fliesen im Bad, Höhlenführung zu einer absurden Zeit, Zeltplatzpförtner, der frisch aus den 80ern gefallen zu sein schien und nicht-funktionale Beleuchtungseinrichtung an einer der meist ge-instagrammten Sehenswürdigkeiten Sloweniens (#predjama). Und hier ertappe ich mich beim angewandten Balkanismus - warum muss denn immer alles absurd und disfunktional sein, um ostig zu sein?

Auf der Autobahn Richtung Süden meinte ich dann: Lass uns nach Triest fahren! Ich wollte da immer schon mal hin. Italien, dolce vita, Sommerurlaub - sofort stellte sich bei mir eine Flanier-Stimmung ein. Wir aßen eine Kleinigkeit in einer Fußgänger-Zone, dann ließen wir uns durch die Stadt treiben. Irgendwie kamen wir zur Burg und wollten eigentlich nur vorbei oder drum herum gehen, um wieder zum Auto zu kommen. Ein angesprochenes Touristenpaar, von dem wir wissen wollten, ob wir wohl auch quer durch gehen könnten, empfahl uns den Besuch und so schauten wir bei feinstem Sonnenwetter von den Burgmauern in jede Richtung und holten uns Sonnenbrand auf der Nase. Als wir dann schließlich wieder im Auto saßen, fuhren wir entlang der malerischen Küste nach Slowenien mit dem Ziel Piran. Also, malerisch wird die Küste, nachdem man aus dem Hafen- und Industriegebiet von Triest irgendwann raus ist.


In Piran hatten wir dann erstmal eine Parking-Challenge vor uns - man darf die Stadt nicht mit dem Auto befahren, allerdings mussten wir in die Stadt, um das verbilligte Ticket für die Tiefgarage zu holen, welches uns die Unterkunft stellte, damit wir das Auto außerhalb der Innenstadt abstellen konnten. Unsere Unterkunft hatte uns eine Liste mit acht Punkten geschickt, wie diese Herausforderung zu bewältigen sei. (Reinfahren, Ticket fürs Innenstadtparken ziehen, Auto abstellen, Zettel schreiben, dass Auto stehe da nur zum Check in, zur Unterkunft, Tiefgaragenticket holen, Vermieterbestätigung nicht vergessen, Auto wieder holen und in die Tiefgarage fahren, bei der Ausfahrt aus der Innenstadt Vermieterbestätigung zeigen, um zu beweisen, dass man nur für den Check in da war, Parken, Bus zurück in die Innenstadt nehmen). Wir haben es schließlich geschafft. Jetzt konnten wir durch die wunderbaren engen Gassen streunen, ein köstliches Abendessen zu uns nehmen und den phänomenalen Sonnenuntergang fotografieren, eine Fahrradtour entlang der Küste planen, auf der Terasse unserer Unterkunft sitzen, im noch angenehm warmen Meer baden, dabei auf potenzielle Seeigel achten, von der Stadtmauer aufs Gassengewirr blicken. Es fühlte sich nach Urlaub an. Nach Sommerurlaub, nach Leichtigkeit, nach Seele baumeln lassen. Und das alles da so eingequetscht zwischen Kroatien und Italien - waren wir am Vortag noch mal eben in Triest gewesen, standen wir am nächsten Tag mit den Fahrrädern an der kroatischen Grenze (mein Gefährte hatte keinen Pass dabei auf der Radtour, deswegen überquerten wir sie nicht). Die Olivenhaine, die Feigenbäume, das Meer und die sofort ansteigenden Hügel, wunderschön. 

Doch wir wollten ja noch mehr von Slowenien sehen als nur das Meer. Die Soča zum Beispiel, Sloweniens berühmter türkisfarbener Fluss. Wir fuhren also wieder nach Norden, vertrödelten den Tag etwas im schönen Vipava-Tal, wo wir keine gute Übernachtungsmöglichkeit fanden, und hatten schließlich nach einer zähen Suche Glück in einem Ort mit dem wenig verheißungsvollen Namen "Kanal". Was nach Industrie und begradigtem Flusslauf klingt, stellte sich als hübscher Ort heraus und auf einmal tauchte direkt neben einem Strand, der mitten im Ort an der Soča zum Baden und verweilen einlud, ein Campingplatz auf. Dieser war so rudimentär betrieben, dass er den Namen kaum verdiente, aber wir checkten dennoch ein. Belohnt wurden wir mit einem Abendessen an einem der schönsten Strände, an denen ich bisher in der Dämmerung gesessen habe. Wir picknickten an der Soča mit Blick auf eine schöne Steinbrücke und Reste der Stadtmauer. 

Bereits ab Nova Gorica waren wir vom Meer kommend entlang der Soča (italienisch Isonzo, vielleicht ist das der einen oder dem anderen eher ein Begriff) gefahren, nachdem wir am Morgen zusammengepackt hatten, fuhren wir weiter entlang des schillernden Flusses in seinem felsigen Bett. Wir hielten erst in dem Ort Soča wieder, wo wir einen Ferienbauernhof ansteuerten, wo es angeblich Esel geben sollte. Die drei Tiere stellten sich als gut vor den Tourist*innen versteckt heraus, die Herberge war trotzdem eher ein Lichtblick unserer ganzen Übernachtungssuche in Slowenien. Von dort aus besichtigten wir die Quelle der Soča - verrückt, wie das Wasser bereits an der Quelle diese türkise Farbe hat (die ja auch durch das Gestein drum herum beeinflusst ist, schon klar). Und endlich kam auch das Klettersteigset noch zum Einsatz - am letzten Urlaubstag wagten wir uns noch an den Klettersteig am Prisojnik. Ich bin ja was Klettersteige angeht fast Frischling und fand es schon sehr herausfordernd, die Tour zu machen. Sie ist über einige Abschnitte hinweg ungesichert, belohnt aber mit dem Klettern durch ein natürliches Felsfenster. Gerade dort hatte ich allerdings auch ein wenig Angst - immer wieder lösten sich Steine und rollten in Mini-Lawinen den Geröllhang hinunter, zwar nicht direkt in unserem Aufstiegsweg, dennoch wurde mir mulmig. Ich war deshalb für ein zügiges Weitergehen. Als wir es geschafft hatten, fanden wir wie zur Belohnung ein schönes Stück Felsen zur Pause und Brotzeit. Eine Dohle, die uns schon am Felstor singend begrüßt hatte, gesellte sich zu uns und staubte Brotkrumen ab. 

Das war es dann mit Slowenien - einen Mini-Ausflug nach Ljubljana unternahmen wir noch, dann fuhren wir wieder gen Heimat. Das herausforderndste war tatsächlich die Unterkunftssuche, die uns auch dazu bewog, in einer einmal gefundenen Unterkunft länger zu bleiben. Und es ist wahrlich kein Low-Budget-Urlaub. Wir scherzten beim Klettersteig schon, dass wir uns wunderten, dass niemand Parkgebühr oder Eintritt verlangt hatte. Irgendwie schien alles in Slowenien Geld zu kosten, noch dazu nicht wenig. Slowenien ist jedoch definitiv schön und eine Reise wert - die sonnige Zeit an der Adria, das Entdecken kleiner Dörfer und Burgen unterwegs, die Fahrt duchs slowenische Alpenvorlang, all das ist traumhaft. Und das nächste Bergabenteuer geht vielleicht doch in die Karpaten, den Kaukasus oder die Dinariden oder tja, wieder mal in die sächsisch-böhmische Schweiz
 

Montag, 9. September 2019

Rumänien erwandern - 4 Touren-Tipps

Wenn ich in Rumänien bin, bin ich auch meist wandernderweise irgendwo draußen in der Natur. Das habe ich bis vor Kurzem in Deutschland noch kaum gemacht und in Rumänien gehört es fast irgendwie zum Programm. Es gibt einfach so viel Schönheit an Landschaften und Natur, das will erkundet werden. Letztes Jahr war ich in den Muntii Rodnei und in der Nera-Klamm. Beides beeindruckende, wunderschöne Wandertouren - erstere mit einem Bergsee als Ziel, letztere an einem Fluss, der sich im Banat durch die Landschaft gegraben hat. Dieses Jahr war ich im Valea Lui Stan (Stans Tal) und auf dem Piatra Cetii, wiederum eine Mischung aus Flusswanderung mit Klamm und Bergwanderung.

Muntii Rodnei - Lacul Iezer (Rodna-Gebirge mit Iezer-See)


An das Rodna-Gebirge kommt man wohl von Norden und von Süden ran - wir entschieden uns, dass das einfachste wohl wäre, es von Norden zu versuchen und bezogen im unglaublich hässlichen Borsa ein gar nicht mal so hässliches Quartier. Das lag bereits am Weg in Richtung Iezer-See und Pietrosul-Berg, wir mussten also nur noch losgehen und uns immer bergauf halten, den blauen Markierungen folgend. Der Weg war aber gut ausgebaut und auch gar nicht zu verfehlen. Der stetige Anstieg machte mir aber derart zu schaffen, dass ich es vom Iezer-See dann nicht mehr bis zum Gipfel schaffte - die Tour endete am schönen Gletscher-See, der angeblich die Umrisse Rumäniens hat. Am See sind viele Leute unterwegs, wenn auch nicht ganz so viele wie beispielsweise am Bâlea-See, und es gibt wilde Blaubeeren, wenn man zur richtigen Jahreszeit kommt. Natürlich fehlt auch ein fantastischer Ausblick ins Tal nicht. Ich ärgerte mich, dass ich mich wirklich nicht in der Lage fühlte, den Aufstieg zum Gipfel noch anzugehen, war aber getröstet von dem schönen Bergsee und dem herrlichen Blick Richtung Tal.

Cheile Nerei (Nera-Klamm)

Es gibt im Nationalpark Cheile Nerei einige Wanderwege. Die meisten Menschen suchen den - zumindest in Rumänien - berühmten Wasserfall Beusnita und den See "Auge des Bei" auf. Außerdem ein Anziehungspunkt sind die "Tunnel" (tunele), vor langer Zeit, vermutlich durch die Römer geschaffene Durchgänge / Tunnel im Karstgestein.
Die Gegend ist aber überhaupt schön - es gibt dichte Buchenwälder, der Spaziergang entlang der Nera ist ein wenig anspruchsvoll, aber auch für ungeübte Wanderer*innen gut zu schaffen und es ist möglich, sich durch ein Bad im Fluss zu erfrischen - wenn man nicht ohnehin hindurchwaten muss, weil der Wanderweg auf der anderen Seite weitergeht.
Ein guter Ausgangspunkt für die Erkundung des Nationalparks ist Sasca Montana. Von dort aus gelangt man schnell zu den Tunneln. Danach gabelt sich der Weg (und es gibt noch einmal einen großen Parkplatz, für alle, die sich die Strecke zu Fuß sparen möchten) - zum einen zum "in Rumänien einmaligen" Wasserfall Beusnita (laut Wikipedia) und zum anderen durch die Klamm. Da viele zum Wasserfall und einer Forellenzucht mit Ausflugslokal, die auf dem Weg dahin liegt, wollen, ist der Weg durch die Klamm in die andere Richtung sehr viel ruhiger und angenehmer und trotz fehlendem Wasserfall mangelt es nicht an Schönheit der Natur. Wir waren am Ende 26km unterwegs und haben dafür mit Pausen fast 10 Stunden gebraucht - inklusive ausgedehntem Bad in der Nera und Rückweg durchs Dornengestrüpp ("Hier müsste eigentlich der Weg sein...").





Valea Lui Stan

Diese Klettersteigtour ist bei den Rumän*innen recht bekannt - der Weg durch ein Flusstal mit vielen Wasserfällen führt über viele im Fels verankerte Eisenstufen und ist gut mit Stahlseilen zum Festhalten ausgestattet. Auch Familien sind hier unterwegs und mit Sicherung oder Klettersteigset sieht man niemanden. Ich würde den Weg als nicht sehr schwer einstufen, aber Ausdauer und gutes Schuhwerk sollte man dennoch mitbringen. Die Dauer ist unterschiedlich mit 3,5 bis 5 Stunden angegeben - wir haben mit vielen Pausen und einer Rast am Vidraru-Stausee zum Baden viel länger gebraucht. Die spektakulären Wasserfälle waren wegen Niedrigwasser nicht allzu spektakulär, die Tour war dennoch sehr schön und abwechslungsreich durch den Flusslauf mit kleinen Wasserfällen und Becken, in denen sich das Wasser sammelte, bevor es an anderen Stellen wieder munter plätscherte.
Der Zugang erfolgt von Transfogarascher Passstraße am Staudamm des Vidraru-Sees (Barajul Vidraru). Die Straße ist als "Transfagarasan" bekannt, allerdings ist der nördliche Teil mit seinen Serpentinen berühmter als der südliche, wo der Staudamm liegt. Man kann im Bereich des Stausees oder zwischen Stausee und Festung Poenari parken. Aus Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer sollte man allerdings darauf achten, die Fahrbahn dadurch nicht zu blockieren, da der Stausee bei hohem Besucheraufkommen ohnehin zum Nadelöhr wird.

Eine ausführliche Beschreibung auf Englisch (oder wahlweise Rumänisch) der Tour mit vielen Fotos gibt es hier: https://amazingromania.net/the-stan-valley-canyon/ 
Ein GPS-Track findet sich hier: https://www.outdooractive.com/en/route/hiking-trail/muntenia/valea-lui-stan-poiana-calugarita-baraj-vidraru/116931409/
(die Webseiten und die Informationen darauf sind nicht von mir, ich übernehme keinerlei Haftung) 

Piatra Cetii (Cetea-Stein)

Im Apuseni-Gebirge gibt es zahlreiche schöne Orte und viele Gegenden, wo es sich gut wandern lässt. Es gibt unzählige Höhlen und mittelgebirgige Höhenzüge, es gibt Mischwälder, kleine Dörfer und Höfe fernab der nächsten Straße. Wir wollten uns irgendwo zwischen Alba Iulia und Cluj von Osten annähern. Vielleicht glücklicherweise klappte es nicht mit der Übernachtungssuche in Râmet, so dass wir auf Poiana Galdei auswichen. Dort fuhr von Alba Iulia sogar ein Bus hin, der uns in das Tal brachte, wo es die ein oder andere Klamm gab, Mischwald und eben den Cetea-Stein.
Irgendwie recht planlos machten wir uns erst gegen Mittag zu unserer Wanderung auf - erst ein ganzes Stück an der Straße entlang, dann einem Bachlauf den Berg hinauf folgend. Der Bachlauf verschwand kurz bevor wir eine angepeilte Lichtung erreichten und wir schlugen uns durchs Gestrüpp, bevor wir an einer noch nicht fertig gebauten Kirche herauskamen. Hier sollte es auch Häuser geben und schnell fanden wir den einzeln daliegenden Hof und sprachen die ältere Frau, die dort gerade ihrem Alltag nachging, nach Wasser an. Sie nahm sich daraufhin gleich noch Zeit, mit uns in die Karte zu schauen, wie es weitergehen könnte. Wir wollten gern weiter hoch auf den Cetea-Stein, allerdings völlig die Uhr aus dem Blick lassend. Der Weg war zunächst gut markiert, wir verloren die Markierung aber zwischendurch immer mal wieder. Es ging buchstäblich über Stock und Stein und wir schlugen uns weiter durch die Wildnis und zerschrammten uns die Beine, der Aufstieg war beschwerlich mit vielen Gesteinsbrocken und auch beim Abstieg wurde es nicht besser. Auf den einfacheren Strecken über Wiesen kreuzte mehrmals ein Weidezaun den Wanderweg und ich hoffte inständig, dass wir keinem ausgewachsenem Rindvieh begegnen mögen oder einer Rotte Hütehunde. Als wir am Gipfel angelangt waren, war es schon recht spät und wir waren sonnenverbrannt, so dass wir den Ausblick nicht lange genießen konnten, sondern einfach hofften, noch bei Tageslicht wieder aus dem Wald heraus zu finden. Ein einziges Mal verloren wir den Wanderweg derart aus den Augen, dass nur der Fakt, dass es spärlichen Handyempfang gab und meine Idee, eine OpenStreetMaps-Karte im Browser meines Smartphones zu laden, uns wieder auf Spur brachten. Die meiste Zeit gab es aber überhaupt keinen Mobilfunkempfang. Immerhin gelangten wir auf eine Art Autobahn unter den Wanderwegen auf dem Abstieg zurück zur Straße - gefühlt aller zehn Meter war die Wanderwegmarkierung auf einen Baum gepinselt, der Weg war breit und der Abstieg leicht und ohne größere Hindernisse. 




Kartenmaterial:

Gute Wanderkarten für Rumänien kann man bei der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé, beide in Sibiu / Hermannstadt kaufen. Ich habe mir oft die Karten von Dimap / Erfatur gekauft, inzwischen gibt es Karten (und eine App, die ich aber leider noch nicht verstanden habe) von Muntii Nostri. Ich habe mir auf der Rother-App den Wanderführer Rumänien-Südkarpaten gekauft, fand aber keine der Touren dieses Jahr passend für meine Interessen, das war also leider ein Fehlkauf.
Es gibt in Rumänien auch Outdoorläden, die haben auch manchmal Kartenmaterial. Vor Ort kaufen macht von daher Sinn, als dass die meisten Karten in den genannten Buchhandlungen unter 20 Lei (weniger als 5 Euro) kosten. 

Sonntag, 2. September 2018

Und jährlich ruft die Kirchenburg - Holzstock-Festival 2018

Dieses Jahr fand das fünfte Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman bei Hermannstadt / Sibiu in Rumänien statt. Ich war das vierte Mal dabei (Berichte von 2017, 2016, 2015). Es wird jedes Jahr professioneller und besser organisiert und hat dabei bisher seinen Charme eines großen Treffens mit vielen Freunden behalten. Ich bin da, um einige alte Rumänien-Bekannte wiederzusehen, um an der Kirchenburg zu chillen, um den Sonnenuntergang über den Wiesen zu bewundern und den Blick an der Bühne vorbei auf die Gipfel des Fagarasch-Gebirge schweifen zu lassen. Die Musik, die jedes Jahr wieder spannende Auftritte von mir unbekannten Künstler*innen bietet, tritt da fast in den Hintergrund, aber auch in diesem Jahr kam das Tanzen nicht zu kurz. 

Die entspannte Stimmung trägt viel zurgroßartigen Athmosphäre des Ortes bei, die noch unterstützt wird von kleinen Details wie Schmalzbroten von der lokalen Bäckerei im Ort, einer Chill-Scheune, die Pinterest-mäßig allerliebst hergerichtet wird und Konzerten in der kleinen Kirche mit massiven Wehrmauern. 

Und wie jedes Jahr nehme ich mir vor, nächstes Jahr wiederzukommen. Sobald ich einen Kalender habe, wird der Termin fürs nächste Jahr dick und fett eingetragen und dann setze ich alles daran, dass das auch klappt mit der Rumänienreise 2019.
 

Sonntag, 10. September 2017

Begegnungen rund um eine Kirchenburg - Holzstock-Festival 2017 und alles drum herum



Ich hatte es versprochen - auch 2017 würde ich wieder zum Holzstock-Festival fahren. Ein bisschen mehr als eine Woche Urlaub hatte ich mir genommen. Ich hatte ein Zugticket nach Budapest und von Budapest nach Sibiu gekauft, ebenso für die Rückfahrt, ein minimal leichteres Zelt geliehen und meine Sachen gepackt. Dann ging es los, zunächst über Dresden, von da nach Budapest und nach einem zweistündigen Aufenthalt weiter Richtung Siebenbürgen. Ein besonders schöner Moment war der kurze Aufenthalt in Prag, bei dem mir ein Freund einen Proviantbeutel voll mit tschechischen Süßigkeiten sowie einem Bier vorbeibrachte. Das läutete die Urlaubswoche gewissermaßen ein. Ich aß und trank viel, ja das auch, aber vor allem ging es auch weiterhin um wunderbare Begegnungen mit tollen Menschen.


Gleich nach der Ankunft in Sibiu suchte ich den Bus nach Holzmengen / Hosman und wurde am Schalter, wo ich das Ticket kaufte, für mein Rumänisch gelobt. Auch das ging also gut los. Als die Kirchenburg nach gut zwanzig Minuten Fahrt am Horizont auftauchte, machte ich mich ganz hibbelig zum Aussteigen bereit. Es lagen noch ein, zwei Kilometer Fußmarsch von der Haltestelle an der Straßenkreuzung bis zur Kirchenburg von mir und ich hielt immer wieder an, einfach um den Anblick zu genießen und mich zu freuen. Das Panorama ist aber auch fantastisch. Das Dorf, daraus herausragend die Kirchenburg und im Hintergrund bläulich die Berge am Horizont.

Einmal angekommen begrüßte ich die Freundin von mir, die für die Organisation des Festivals verantwortlich war. Bei ihr liefen die Fäden zusammen, sie musste den Überblick bewahren und nahm sich dennoch ab und zu Zeit, um mit mir zu quatschen. Ich taufte sie die Magierin des Festivals, denn sie bewältigte diese schwierige Aufgabe glänzend. Am Abend kamen weitere Freunde an, darunter eine Freundin, mit der ich gemeinsam gearbeitet hatte, mit ihrer Familie und ein Freund, mit dem ich immer gern Pflaumenschnaps trinke, sowie einige weitere Leute, die ich aus meiner Rumänienzeit kannte. Der Saxophonist von artischoque erkannte mich auch wieder - ich war ein Jahr zuvor bei ihm bis Sibiu mitgefahren. Es wurde ein großartiges Festival mit schönen Begegnungen, grandioser Musik und genügend Entspannung und Rumhängen.



Ich hatte ja vor, mich treiben zu lassen und das tat ich dann auch. Erst fuhr ich mit jemanden, den ich die Tage kennengelernt hatte nach Sibiu zurück, wo ich bei der Festival-Magierin übernachten konnte, während sie noch bei der Kirchenburg war. Ich nahm mir einen Tag,um zu entspannen und vernünftig zu duschen. Dann nahmen mich Freunde zu ihrem frisch erworbenen Haus in Glâmboica mit, wo ich zwei Nächte blieb. Von dort konnte ich in einem Camper-Bulli mitfahren bei einem Freund, der abends mit zum Grillen eingeladen war und so kam ich wieder nach Sibiu. Vorher machten wir aber noch einen Abstecher nach Holzmengen, wo noch ein paar Sachen geholt werden mussten und ich auch den vergessenen tschechischen Proviantbeutel noch fand. Es wäre sehr schade gewesen, wäre der verloren gegangen. Einen Tag fuhr ich nach Paltinis, um ein wenig durch die Wälder zu streifen, außerdem traf ich mich in Hermannstadt mit einigen lieben Menschen und ging gemeinsam mit ihnen frühstücken oder mittagessen. So waren meine Tage bis zur Abreise angefüllt mit viel gutem Essen und vielen wunderbaren Begegnungen - vom Grillen am Häuschen bis zum Mittagessen auf Hermannstadts schönster Straße. Das ist angeblich die Strada Cetatii. Meine liebsten Gassen sind hingegen die beiden vom Piata Mica und Huetplatz abgehenden Treppen (Turnul Scarilor und Richtung Piata Aurarilor), aber in der Cetatii-Straße sitzt man tatsächlich sehr schön zum Essen.






Ich nahm mir auch viel Zeit für mich, machte mal einfach gar nichts und versuchte, früh zu schlafen oder stromerte gedankenverloren durch die Stadt und aß jeden Tag viel Eis - kurz, ich ließ es mir gut gehen. Einen Abend legte ich noch in Timisoara ein und hier tat ich eigentlich das selbe - zunächst saß ich eine Weile an der Bega und trank in einer der Bars am Kanal etwas, dann lief ich noch ein wenig umher und schaute, ob ich mein Timisoara noch wiedererkannte. Ja, das tat ich, und an einigen Ecken wirkte auch der Zauber noch - aber mein Herz hängt inzwischen doch eher an Siebenbürgen.

Die Rückreise hatte ich mit dem Kurzaufenthalt über nach in Timisoara bereits gestückelt, jetzt sollte noch ein Nachmittag in Budapest die lange Zugfahrt entzerren. Ich weichte stundenlang im Rudas-Bad vor mich hin. Hier wollte ich schon länger mal hin, das Bad wirbt mit Panorama-Pool auf dem Dach und Thermalbecken mit türkischer Kuppel. Will man das alles besuchen, ist der Eintritt sehr teuer (ca. 20 Euro), und ich würde das wohl kaum nochmal ausgeben. Der Pool auf dem Dach ist sehr klein, ab Nachmittag wird es richtig voll im Bad und man muss schon wirklich mehrere Stunden bleiben, damit der Preis gerechtfertigt ist. Toll fand ich aber die Saunawelt und das Becken mit Kuppel ist auch sehr schön, solange es noch nicht so voll ist. Ich bin gegen eins gekommen, ab drei fand ich es recht voll. Danach habe ich mich noch mit meiner Arbeitskollegin getroffen, die zufällig mit ihrem Freund auch grad Urlaub in Budapest machte und wir waren auf dem Streetfoodmarket was essen und trinken.

Die Rückfahrt war dann anstrengender als gedacht, denn der geplante Liegewagen war nicht bereit gestellt worden sondern ein ganz normaler Wagen mit Abteilen. Ich kam schnell mit einer anderen Frau ins Gespräch, die mich auf meinen Turnbeutel ansprach, auf dem das Logo meines alten Arbeitgebers war. Wie sich schnell herausstellte, hatte sie für die gleiche Organisation genau wie ich zwei Jahre als Entsandte gearbeitet. Wir freuten uns schon, dass Sechser-Abteil wenigstens für uns zu haben. Dann hätten wir uns ausstrecken können, aber an der slowakischen Grenze stiegen noch Menschen zu, mit denen wir dann auch noch nett ins Gespräch kamen und selbstgemachten leckeren Wein aufgenötigt bekamen. Ich war irgendwann einfach nur hundemüde und freute mich, in einem halbleeren Abteil schlafen zu können, wo auch der Sohn der Familie schon pennte. Der war irgendwann weg - dafür waren auf einmal zwei vermutlich tschechische Jugendliche da, die Chips aßen und Cola tranken. Es war ja mitten in der Nacht und ich lag über drei Sitze ausgebreitet in meinem Schlafsack, so dass ich das schon skurril fand, aber schnell wieder einschlief. Irgendwann waren dann alle weg, was ich bei der Ausfahrt aus Dresden - ich wollte bis Berlin - feststellte. Der Zug war fast leer. Überraschenderweise waren wir pünktlich, ich erwischte den richtigen Regionalexpress und meine Reise kam bald zu einem Ende. 

Was für abenteuerliche Tage - vom Zelten auf dem Festival, übers Duschen im Garten bis hin zum Zug nach Hause. Ich war müde und kaputt, aber auch voller schöner Eindrücke, als ich meinen Rucksack auspackte. Holzstock-Festival 2018 ist schon abgemacht. Einen schöneren Anlass jährlich wiederzukommen, könnte es kaum geben. 


Montag, 4. September 2017

Und immer wieder Rumänien... 10 Jahre lang

2007 bin ich das erste Mal nach Rumänien gereist. Jahrhundertsommer (damals wussten wir noch nicht, dass es Normalität werden würde). Leute starben einfach an der Hitze. Auch in Rumänien. Und ich besuchte: Cluj, Sibiu, Sighisoara, Brasov, Bran, Bukarest. Das war im August 2007. Im August 2017 war ich wieder in Rumänien. Ich muss zählen, das wievielte Mal: das neunte. Inzwischen habe ich fast alles gesehen, die meisten Städte, die meisten Sehenswürdigkeiten, die die Reiseführer anpreisen. Maramures, Moldau, Siebenbürgen, Banat, Schwarzmeer, Donaudelta - der Süden fehlt, aber der taucht auch in keinem Reiseführer auf. 

2007 - ich habe wohl vor allem das Klischee gesucht.


Zehn Jahre, in denen ich einem Land bei einer Veränderung zugeschaut habe. Heute vermisse ich die Personenzüge, die ich bei meiner ersten Reise erlebt habe. Aber auch heute noch bin ich begeistert beim Anblicken dieser Landschaften. Außerdem verbinde ich Rumänien inzwischen mit Menschen, die Orte mit Ereignissen. Ich liebe das Land anders, vielleicht tiefergehender. Ich schüttele immer noch an Küchentischen ungläubig meinen Kopf über so manche rumänische Eigenheit. Aber jedes Mal, wenn ich da bin, wünsche ich mir inzwischen, wieder zu kommen und länger zu bleiben. 

2017 suche ich vor allem die Magie dieser Kirchenburg.

Mittwoch, 28. September 2016

Ausflug ins Donaudelta - Die Suche nach den Pelikanen


 Ich habe ungefähr drei der letzten neun Jahre in Rumänien verbracht. Da sollte ich wirklich so langsam alles kennen. Andererseits habe ich auch über 25 Jahre in Deutschland verbracht und war zum Beispiel noch nie in den Alpen oder an der Nordseeküste. Aber in Rumänien war ich, denke ich, weit häufiger touristisch unterwegs als in Deutschland: kurze und längere Ausflüge während ich dort studierte oder arbeitete, Studienexkursionen, Projekte, Urlaube. Maramuresch, Banat, Siebenbürgen, Schwarzmeerküste, Moldau, Bukarest, alles mal besucht. Nur das Donaudelta fehlte mir nun noch und das wollte ich ändern. Ich hatte einer Freundin versprochen, im Sommer nach Rumänien zu kommen und sie bei einem Festival zu treffen. Aufgrund der Entfernung bot es sich allerdings an länger als nur dafür in Rumänien zu bleiben. Ich überlegte also, was ich mit meinen restlichen Urlaubstagen anstellen konnte. Da ich schon so oft im traumhaften Siebenbürgen unterwegs gewesen war, entschied ich mich, für ein paar Tage ins Donaudelta zu fahren. 

Leider konnte die Freundin nach dem Festival nicht weg und so brauchte ich andere Gesellschaft. Ich hatte auch überlegt, allein zu fahren, aber irgendwie ist es zu zweit doch besser - alleine wäre ich wohl kaum im Kanu losgepaddelt. Außerdem ist es angenehm, seine Eindrücke teilen zu können. "Schau mal da, ein Pelikan!", klingt halt einfach als Selbstgespräch nicht so gut. Ich hatte also über eine Internetreiseplattform jemanden gefunden, kurz mit ihm telefoniert und mir gedacht, dass es schon passen würde mit uns. Ein bisschen Grundvertrauen in die Menschheit gehört natürlich dazu, wenn ich einen fremden Mann fern der Heimat treffe, um in mit ihm in eine mir unbekannte Gegend zu fahren. Mein Reisegfährte und potenzieller Axtmörder stellte sich aber als sehr sympathischer Mensch heraus, der mir in keiner Weise zu nahe trat oder versuchte, mich auszurauben oder umzubringen. Und leider muss ich auch alle enttäuschen, die sich eine Romanze erwarten, es war einfach nur eine sehr angenehme Reisebegleitung.

Ich traf den Reisegefährten in Sibiu. Ich hatte bereits Tickets nach Tulcea mit Umstief in Medgidia gekauft. Der erste Zug war ein Nachtzug Richtung Schwarzmeerküste - allerdings, wie ich schon beim Kauf des Tickets mit Erschrecken festgestellt hatte, ohne Liegewagenabteile. Anfangs saßen wir noch recht bequem in dem Zug, der total überhitzt war, weil die Klimaanlage erst angemacht wurde, als er los fuhr und die Waggons davor wer weiß wie lange in der Sonne gestanden hatten. In dem Maße, in dem sich der Zug abkühlte, wurde er aber auch voller. Familien und junge Leute waren es vor allem, die wohl billig ans Meer wollten. Und sie hatten Koffer dabei, als wollten sie dahin umziehen. Wir waren eingequetscht zwischen jungen Rumänen, die noch dazu kleine Boxen für ihre Handys dabei hatten und Musik abspielten. Ich habe gefühlt keine Minute geschlafen in dieser Nacht, die scheinbar nie enden wollte. In Medgidia standen wir uns dann am Bahnhof die Beine in den Bauch. Die Sonne ging irgendwann auf, unser Zug kam irgendwann und wir zuckelten im Schneckentempo weiter durch die Dobrudscha. So nennt man den Landstrich an der Schwarzmeerküste.

Schließlich fuhren wir in Tulcea ein. Ich hatte das Gefühl, ordentlich zu stinken nach einem sonnigen Tag und einer Nacht in einem überfüllten Zug und hätte alles gegeben, um kurz ins Meer oder anderweitig ins Wasser zu hüpfen. Der See, der im Reiseführer als eine Art Naherholungsgebiet angepriesen war, erwies sich aber als dreckiger Tümpel und so fiel das aus. Wir warteten auf die Fähre nach Sulina. An der Ablegestelle hatte sich ein Pulk Menschen gebildet, die alle einen Platz auf der Fähre ergattern wollten. Überraschenderweise ist ja am Ende doch immer Platz für jeden. Wir erwischten schöne Plätze an der Reling, so dass wir die ganze Fahrt über Donau, Ufer und vorbeiziehende Boote beobachten konnten. Irgendwann kam dann ein älterer Herr namens Pavel und quatschte meinen Reisegefährten voll. Der sprach kein Rumänisch, aber Pavel war glücklich, als er feststellte, dass ich dolmetschen konnte. Wir unterhielten uns eine Weile mit ihm, wobei Pavel natürlich feststellte, dass wir ein wunderbares Paar waren. Ich war zu müde und zu fertig, um ihm zu erklären, dass wir das mitnichten seien. Manchmal ist es einfacher, Erwartungen zu erfüllen.

In Sulina angekommen, waren da eine Menge Menschen, die das Boot in Empfang nahmen, um Zimmer zu vermitteln. Wir brauchten natürlich was und holten Angebote ein. Wir hatten die Wahl zwischen einer zentrumsnahen Variante im Wohnblock und einer Pension näher am Strand. Uns zog es erstmal zum vermeintlichen Luxus, der Pension in Strandnähe. Die geschäftstüchtige Betreiberin pries uns das Zimmer an, wir dachten aber vermutlich beide nur an den Strand und daran, bald ins Wasser springen zu können. Wenn wir wiederkommen würden, hätte unsere Gastgeberin schon den Fisch fertig und wir konnten nach dem Abendessen einfach nur noch ins Bett fallen. Der Strand war weit weniger idyllisch, als wir uns das vorgestellt hatten, aber immerhin, es gab Meer und somit kühlendes Nass. Und wir entfernten uns einfach ein wenig vom beschirmten Bereich des Strandes, da war es auch schon viel menschenleerer. Die anschließende Dusche war nicht gerade erhebend, das Badezimmer war ziemlich grottig, aber immerhin war das Abendessen lecker. Wir aßen natürlich Fisch. Ich lebe ja flexitarisch, aber überwiegend vegetarisch und zuhause-vegan. Aber bei einem Ausflug ins Donaudelta war mir schon klar gewesen, dass ich eine Menge Fisch essen würde. Ich hoffe, dass der Fisch regional geangelt und nicht aus überfischten Gewässern importiert war. Jedenfalls war er ziemlich lecker. Als wir jedoch das Licht auf der Terasse anschalteten, kamen die Mücken und ließen uns nicht zu Ende essen. Sie stachen uns, unsere Hände, den Fisch auf dem Teller und sogar in den Maisbrei. Nur war es ja auch nicht möglich, Fisch ohne Licht zu essen. Ich habe immer ein wenig Panik, Gräten zu verschlucken und bin auch nicht besonders geübt darin, sie vom Rest des Tieres zu trennen.

Wir suchten für die zweite Nacht dann erstmal eine neue Unterkunft, denn das Preis-Leistungs-Verhältnis war nicht besonders gut. Wie sich herausstellte, reichte es, sich an eine Ecke der Hauptstraße zu stellen und fragend zu gucken. Im Nu hatten wir ein Privatzimmer bei einer Frau und ihrem erwachsenen Sohn in deren Wohnung im Block. Aber das Bad war sauber, das Zimmer war sauber, und wir hatten für ein Drittel weniger Geld alles, was wir brauchen. Klar wir reden hier von 120 Lei (ca. 27 Euro) gegen 80 Lei (ca. 18 Euro) fürs Doppelzimmer. Aber auch wenn wir keine fünf Euro pro Person sparten, kam uns die neue Bleibe viel schöner vor. Wir erkundeten noch den Friedhof, der berühmt war, weil hier Menschen und Seefahrer aus aller Herren Länder begraben lagen und gingen auch an diesem Tag wieder an den Strand.


Am nächsten Morgen nahmen wir dann in aller Frühe die Fähre nach Crisan. Beim Ablegen in Sulina bot sich der Blick auf einen atemberaubenden Sonnenaufgang. Das frühe Aufstehen hatte sich schon allein deswegen gelohnt. In Crisan wollten wir uns ein Kanu mieten und eine zweitägige Tour durchs Donaudelta machen. Aufgrund des Reiseführers hatte ich Mila 23 als Ziel auserkoren. Das ist im Übrigen kein Frauenname mit Altersangabe, sondern bedeutet Meile 23, also die 23. Meile gezählt ab der Mündung der Donau ins Schwarze Meer. Nach einigem Rumfragen fanden wir auch den Zeltplatz mit Kanuverleih, den der Reiseführer empfohlen hatte und wo ich uns schon angekündigt hatte. Die Kanus standen bereit, wir packten alles Nötige in einen Packsack und ließen die Rucksäcke zurück. Dann ging es nach einem kurzen Abstecher in den Lebensmittelladen auch gleich los.

Auf dem Sulina-Arm der Donau zu manövrieren, erst recht flussaufwärts, war gar nicht einfach. Wir gerieten immer wieder in eine Strömung, die uns quer stellte, mühten uns ab, auch nur ein paar Meter vorwärts zu kommen und die paar Kilometer, die es angeblich bis zur Einmündung des Kanals Richtung Mila 23 waren, kamen uns endlos vor. Irgendwann hatten wir es aber geschafft und in den ruhigeren Nebenkanälen war es viel entspannter, wenn nicht gerade ein Motorboot der Fischer oder vollgepackt mit Touristen vorbeipreschte. Unser Kanu kam ganz schön ins Schaukeln jedesmal, aber wir kenterten nicht. Bloß gut, die Eskimorolle hatten wir nicht geübt. Die Touristen machten manchmal auch Bilder von uns und wir überlegten, dass der Reiseführer wohl grad sagte: "Und hier sehen sie deutsche Touristen bei ihrem typischen Zeitvertreib.", und mir ging es etwas auf die Nerven, wie ein Zootier angestarrt zu werden. Wir waren wirklich die einzigen Paddler weit und breit - wir begegneten keinem anderen Boot, was mit Muskelkraft betrieben war. Dabei war es viel schöner, ohne Motorenlärm die Stille zu genießen, den Fröschen beim Weghüpfen zuzuschauen, Komorane und Reiher zu begutachten, und anzulegen, wo wir wollten.

Mila 23 ist so gar nicht das romantische Fischerdorf, welches die Reiseführer anpreisen. Es gibt viele neugebaute große Pensionen mit etlichen Zimmern und doch fanden wir keine, die ein Zimmer für uns hatte. Dabei sah man nirgends Touristen. Wir hatten da zwei Theorien: Entweder waren es Touristen, die den ganzen Tag in den Angel-Gewässern unterwegs waren oder anderweitig Touren machten oder die Pensionen hatten keine Gäste und wollten sich nicht die Mühe machen, wegen einem Zimmer den gesamten Betrieb "hochzufahren". Schließlich fanden wir doch noch eine schöne Pension, deren Namen mir leider nicht mehr einfallen will und wo wir eines der zwei kleinen Gartenhäuschen beziehen konnten. Unser Kanu zerrten wir auf den zur Pension gehörigen Steg und gönnten uns eine riesige Fischplatte zu zweit. Dazu wurden lokaler Kaviar, Knoblauchpaste, Fischbällchen und Maisbrei gereicht und als wir satt und zufrieden waren, wies uns die Kellnerin darauf hin, dass sie gleich das Dessert bringe. Aber was heißt eigentlich gönnen - das Essen kostete uns etwa acht Euro pro Person, die unterkunft noch mal elf.


Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, um zu den Pelikanen zu fahren. Denn das war eines der Hauptziele dieser Paddeltour - Pelikane in freier Natur. Wir steuerten unser Kanu über einen flachen See und entdeckten auf einem Baumstumpf schon den ersten großen Vogel - das konnte doch nur ein Pelikan sein? Aber obwohl wir uns anschlichen, hatten wir keine Chance - er flog davon. Wir manövrierten das Boot weiter und hatten schließlich später auf einem kleineren See doch noch Glück - eine Gruppe von vielleicht 20, 30 Tieren war gerade beim Mittagessen und fischte mit den Schnäbeln im See rum. Als wir zu nahe kamen, flogen auch sie davon, aber wir kamen doch ganz schön nah mit unserem Kanu. Ziemlich beeindruckende Tiere.


Nach dem Paddelausflug stellten wir unsere Zelte auf dem Campingplatz in Crisan und suchten das einzige Lokal im Ort, welches dummerweise am anderen Ende des Ortes lag und damit einen guten Fußmarsch entfernt. Denn Crisan besteht praktisch nur aus einer sehr langen Straße entlang des Donauarms. Als wir vom Essen wiederkamen, tranken wir noch Bier und Pflaumenschnaps mit den zwei Österreichern, die eine Fahrradtour entlang der Donau gemacht hatten. Für sie ging es nun weiter nach Istanbul, für uns zurück nach Tulcea und dann Bukarest am nächsten Tag.

Das Donaudelta war definitiv einen Besuch wert. Vielleicht war es nicht gerade die richtige Ecke davon, denn anderswo hätten wir vielleicht noch mehr Natur und Naturbelassenheit erlebt. Aber es war eine schöne Erfahrung und ich würde vielleicht sogar noch mal hinfahren und noch andere Ecken davon entdecken.

Sonntag, 11. September 2016

Ein Zelt in der Kirchenburg und eine Bühne neben dem Pfarrhaus - Holzstock-Festival 2016

Eine recht profane Umnutzung erfuhr das Gelände der Kirchenburg in Holzmengen Mitte August. Die Jugendlichen der Deutschen Minderheit in Hermannstadt / Sibiu verwandelten das Gelände mit einigen helfenden Händen in eine Festivallocation. Eine professionelle Bühne wurde organisiert, eine Wasserrutsche gebaut, Campingplätze ausgewiesen, die Scheune in einen Chillout-Bereich verwandelt, ein zweiter Feuerplatz angelegt, die organisierten Caterer eingewiesen und die Musiker begrüßt. Was folgte, waren zwei wunderbare Abende in fantastischer Stimmung.

Mein Rumänienurlaub startete mit dem Festival. Ich traf nach einer 24-stündigen Reise von Halle über Dresden und Budapest mit dem Zug gegen elf Uhr morgens in Sibiu ein. In Rumänien angekommen war ich eigentlich schon, als ich die Augen aufschlug, aus dem Zugfenster spähte und diese wunderbare Landschaft sah. Gefühlt hatte ich sogar schon beim Betreten des Zuges im Budapester Bahnhof rumänischen Boden betreten, weil sowohl meine Mitreisende im Abteil als auch der Zugbegleiter mich gleich auf Rumänisch vollquatschten. Und als hätten sie nur darauf gewartet, waren sofort die rumänischen Wörter in meinem Kopf und ich antwortete ganz selbstverständlich auf Rumänisch. Am nächsten Morgen erblickte ich dann also Berge und Tunnel und Hügel und Wiesen und kleine Bahnhofsstationshäuschen. All das hieß mich willkommen und ich fühlte mich sofort wieder „da“. Ich stolperte in Sibiu aus dem Zug und wusste wohin. Da den Hügel hoch, erstmal zum Piata Mare, dann weitersehen. Erstmal eine rumänische Simkarte kaufen. Erstmal in die Schiller-Buchhandlung, eine Karte fürs Donaudelta kaufen. Erstmal eine Runde durch die Stadt drehen. Erstmal die wunderbare Freundin anrufen, die das Festival mitorganisierte und die ein wichtiger Grund war, warum ich überhaupt da war. Sie war bereits an der Kirchenburg in Holzmengen, wo das Festival stattfinden würde und informierte mich, dass ich 14 Uhr mit anderen gemeinsam mit dem VW-Bus kommen konnte. Also hatte ich noch ein bisschen Zeit. Jetzt noch ein Zugticket kaufen für die Weiterreise nach dem Festival ins Donaudelta. Ich wanderte durch die Stadt auf der Suche nach der Bahn-Agentur, als ein Platzregen mich zwang, eine Pause einzulegen und ein Café aufzusuchen. Ich bestellte mir ein für rumänische Verhältnisse teures Frühstück aus frischgepresstem Orangensaft, Croissant und Marmelade, Käse und Toast. Dieses simple und nicht besonders ansehnliche Frühstück ließ mich komplett ankommen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich den salzigen Käse vermisst hatte, der ein wenig wie Feta aussieht, aber salziger und mit Kuhmilch gemacht ist. Jetzt verputzte ich ihn mit Genuss bis auf den letzten Krümel. Für das Zugticket musste ich schließlich noch mal zum Bahnhof laufen, wo ich mich natürlich bei zwei offenen Schaltern genau an dem anstellte, wo man nicht mit Karte zahlen konnte. Aber irgendwann hielt ich auch die Tickets für die Weiterreise in der Hand, und konnte mich beruhigt auf den Weg nach Holzmengen machen.


Die Fahrgemeinschaft nach Holzmengen verspätete sich um eine Stunde, in der ich rumstand und wartete, dabei konnte ich es doch gar nicht erwarten, die Freundin wiederzusehen. Aber endlich brachen wir dann doch auf. Ich strahlte, als ich den Turm der Kirchenburg von der Landstraße erblickte. Die Freude war riesig, als ich im ehemaligen Pfarrhaus dann auch meine Freundin fand. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, schließlich war es der Tag vor dem Festival und ich versuchte, ein bisschen zu helfen und baute dann auch schon mal mein eigenes Zelt im Kirchhof auf. Da stand es ganz allein - die Freundin versprach, ihres noch daneben zu stellen, aber tat es dann zumindest in der ersten Nacht nicht mehr. Sie hatte viel zu tun, ich war müde von der Reise und verabschiedete mich nach einem Ankunfts-Pflaumenschnaps am Lagerfeuer am Abend recht schnell ins Zelt. Da war ich dann also allein, ein paar Meter neben dem Friedhof und neben den meterdicken Mauern der Kirche. Das war aber wirklich mein geringstes Problem - mehr Sorgen als um Spuk und Gespenster machte ich mir darum, dass ich bald selbst ins Totenreich eingehen könnte, nachdem ich in meinem Zelt erfroren war. Es war verdammt kalt. Es hatte geregnet, alles war feuchtklamm und als wirklich dicht konnte man das Zelt nicht bezeichnen. Die Zeltplane war durchgeweicht und immer wenn ich in dem winzigen Zelt bei einer Bewegung dagegen kam, nässte es durch. Und ich bewegte mich noch ein paar Mal, denn schließlich musste ich noch Klamotten in meinem Rucksack finden, die ich zusätzlich anziehen konnte. Und mich in die Häkeldecke wickeln, die ich mir aus dem Pfarrhaus geliehen hatte. Und ein zweites Paar Socken anziehen. Es war wirklich keine angenehme Nacht und es war auch definitiv nicht schön, am Morgen wieder in die nassen Turnschuhe zu steigen. 

Ich fasste dementsprechend den Entschluss, nach Sibiu zu fahren, um mir einen neuen Schlafsack zu kaufen und dem Tod durch Erfrieren in der nächsten Nacht zu entgehen. Eigentlich hatte ich überlegt, einen Ausflug nach Agnetheln zu machen, aber mein Leben lag mir mehr am Herzen als verschlafene, ehemals siebenbürgisch-sächsische Orte. Ich fuhr mit dem Einkaufstrupp von der Festivalorganisation los. Ich hätte auch trampen können, aber es waren 25km und so erschien es mir am Einfachsten. Im Stadtzentrum hatte ich dann Stunde "Freizeit", die ich für einen Besuch in einem Outdoorladen nutzte. Da ich davon ausging, dass wir noch in die Mall fahren würden, suchte ich nicht noch nach Gummistiefeln. Lieber kaufte ich mir ein Mittagessen aus gefüllten Blätterteigtaschen, ehe es wieder losging. Beziehungsweise ich wieder sehr lange am vereinbarten Ort auf die vereinbarte Transportmöglichkeit wartete. Hach ja, Rumänien. Aber da ich Urlaub hatte, war ich demgegenüber zumindest ziemlich entspannt, als ich mir so die Beine in den Bauch stand. Die Rückfahrt war chaotisch, weil noch eingekauft werden musste (wir fuhren aber nicht in die Mall und somit gab es auch keine Gummistiefel für mich) und einige Leute noch abgeholt werden mussten, aber irgendwann waren wir wieder da - die ersten Gäste trafen schon ein und auch die ersten Musiker. 

Jetzt ging das Festival so langsam los. Zwei Abende lang würden verschiedene Musiker der unterschiedlichsten Richtungen ihre Stücke auf der Bühne neben der Kirchenburg präsentieren. Das Line-up liest sich unspektakulär, für jemanden, der die lokale Musikszene nicht kennt, aber es waren wirklich ziemlich gute Sachen dabei. Ich freute mich besonders auf Lipiciosii, die ich schon im letzten Jahr beim Holzstockfestival erlebt hatte, Petra Acker, von der ich mir großes erwartete und Artischoque, die ich beim Mach-Festival in Halle gehört hatte. Und alle drei waren dann tatsächlich ziemlich gut. Und die anderen ebenso, auch wenn mir Kevin Wagner (ein lokaler DJ, der nur einen deutschen Namen hat, weil er vermutlich auch irgendwie zur deutschen Minderheit gehört oder seine Vorfahren) vom Stil her nicht so gefallen hat, aber ich konnte mich ja auf dem weitläufigen Festivalgelände einfach ein bisschen abseits der Bühne halten, bis die wunderbaren Lipiciosii aufspielten. Die Band ist aus Sibiu und macht eine Mischung aus Folk und Covern bekannter Lieder auf ihre eigene Art, durchmischt mit viel Humor und einem guten Schuss Alkohol. Sie enttäuschten auch diesmal nicht und auf einmal fand sich das Publikum vor der Bühne in einem riesigen Kreis Hora-tanzend wieder [eine Art rumänischer Sirtaki, das heißt traditioneller Kreistanz]. Und was noch viel verrückter ist - plötzlich scherten einige Jugendliche aus und wirbelten in Pärchen in einem flotten Polka im Kreis und zwar innerhalb des großen Hora-Kreises. Ich vermute, das waren die Jugendlichen aus der deutschen Trachtentanzgruppe. Das hat mein Bild über Trachtentanzgruppen mal wieder ein bisschen revidiert, denn es sah nach sehr viel Spaß und guter Laune aus, während ich mich versuchte, stolpernd an die Hora-Schritte zu erinneren (aber auch eine Menge Spaß dabei hatte). Die folgenden Bands rissen mich nicht so mit. Sergiu Bolota begann wohl eher gegen ein Uhr nachts, denn bei so einem Festival verschiebt sich durch kleine Verzögerungen ja gern mal das ganze nach hinten. Ich lauschte seinen Akustik-Versionen bekannter Hits dann schon vom Zelt aus, wo ich nach einem kurzen Versuch mit meinem neuen Schlafsack den alten Schlafsack noch drüber zog. Doppelt hält besser.

Richtig gut geschlafen habe ich auch in dieser Nacht nicht, aber immerhin kündigte sich ein schönerer zweiter Festivaltag an. Der Frühstückstrupp hatte verschlafen, aber irgendwann stand Brot und Marmelade und Käse und Tomaten und Melone für alle Festivalgäste bereit. Das ist wohl das einzige Festival, dass ich je erlebt habe, bei dem es neben freiem Camping auch freies Frühstück für alle gibt. So kommt man hier und da über einem Stück Melone noch mit anderen Leuten ins Gespräch, wenn man nicht gerade zu müde ist. Am zweiten Tag, also Samstag, fanden auch die Workshops des Festivals statt. Man konnte sich als Pfadfinder ausprobieren, seine Kompetenz bei Bewerbungsgesprächen hinterfragen oder beim Malen kreativ werden. Einen Theaterworkshop gab es auch, oder man ließ sich die Haare zu kreativen Zöpfen flechten. Ich war nicht motiviert genug, irgendwo teilzunehmen und schlenderte stattdessen über das Gelände. Irgendwann wagte ich auch die halsbrecherische Aktion und probierte die Wasserrutsche aus. Es war inzwischen schön warm und ich hatte an dem Tag auch keine Probleme mit klammfeuchten Klamotten und nassen Turnschuhen mehr und so konnte ich mir eine Abkühlung genehmigen. Die Jugendlichen hatten einige Tage vor dem Festival in dem Hügel hinter der Kirchenburg eine Rinne angelegt und sie mit Stroh ausgepolstert und darauf dann eine dicke Plane gelegt. Unten war eine Art kleines „Auffangbecken“, dass aber nicht besonders tief war. Im Jahr zuvor war man einfach gegen Strohballen geknallt und wenn man zu viel Schwung hatte, auch darüber geflogen. Das war also schon mal eine Verbesserung. Allerdings war die Rutsche in diesem Jahr auch doppelt so lang wie im letzten Jahr – mit einem flachen Teil zum eingewöhnen und einem steilen Teil am Ende. Betrieben wurde sie mit Wasser aus einem großen Container der oben am Hügel stand. Rutschte man im letzten Jahr einfach auf seinem Hintern herunter, konnte man in diesem Jahr Teile einer alten Schaumstoffmatratze als Polster benutzen. Diese waren mit Frischhaltefolie umwickelt und wurden mit Flüssigseife eingerieben. Ich setzte mich also etwas angstvoll auf eines dieser Schaumstoffteile, das nicht mehr besonders gut in Schuss war und sich schon voll Wasser gesogen hatte. Es war noch seifig genug und ich wollte ohnehin lieber erstmal langsam den Berg runter. Ich platzierte mich am oberen Ende der Strecke und hinter mir drehte jemand den Hahn am Container auf. Mit ein bisschen Beinantrieb kam ich ins Rutschen. Meine Matte drehte sich unkontrolliert, so dass ich bald rückwärts rutschte, ich konnte aber auf dem flachen Stück noch mal bremsen und nachjustieren. Der letzte Teil machte natürlich am Meisten Spaß, nur in der Grube mit Matschepampe aus Seife, Dreck, Schlamm und ein bisschen Wasser zu landen, war nicht lustig. Und auch nicht, das vollgesogene Polster wieder den Berg hochzuschleppen. Aber ich wollte unbedingt noch mal und es wollten ja auch noch andere rutschen. Beim zweiten Mal drehte ich mich auf dem steilen, schnellen Teil der Strecke und klatsche rücklings in die Matschgrube . Was dazu führte, dass ich wortwörtlich von oben bis unten nass und dreckig war. Das Duschen sparte ich mir aber, denn gleich neben dem Wassercontainer am oberen Ende der Strecke war auch ein Wasserschlauch mit Frischwasser und so spritzte ich mich einfach gründlich von oben bis unten ab. Leider habe ich selbst kein Bild gemacht, das Bild oben ist von einem anderen Festivalbesucher.


Am Abend gab es dann wieder Konzerte. Ich freute mich ja besonders auf Petra Acker. Ich wurde auch nicht enttäuscht und stand selig in der ersten Reihe, während ich über die Freiheit nachdachte, die sie besang. Hier das Video von dem wundebaren Auftritt und dem schönsten Lied, wie ich fand. Artischoque rockten das Festival dann noch mal so richtig zum Abschluss, das Bild ist auch von ihrem Auftritt. Ich war zwar müde, konnte aber nicht umhin, noch mal von der Feuerstelle aufzuspringen und in der Meute vor der Bühne mit rumzutoben. Das DJ Set von Kevin Wagner sparte ich mir, und irgendwann schlief ich in meinem kleinen blau-orangen Zelt auch ein. Damit war das Festival für mich vorbei, denn am nächsten Tag wurde nur noch aufgeräumt und zusammengepackt. Aber was für Eindrücke! Was für Gespräche am Lagerfeuer, was für musikalische Highlights, wie viele Umarmungen, wie viele strahlende Gesichter, was für ein Spaß! Und das alles mit 200, vielleicht maximal 300 Festivalbesuchern an einem ganz magischen Ort.

Am Abreisetag war ich eigentlich mit zwei anderen Festivalbesuchern verabredet, gemeinsam zum Bus zu laufen, der uns nach Sibiu bringen würde, daraus wurde aber nichts, mein Zelt stand im Schatten und war vom Morgentau durchnässt. Ich hängte es erstmal über ein Geländer und konnte es erst ein bisschen später einpacken. Glücklicherweise trocknete es schnell, an den Bus kurz vor elf war trotzdem nicht zu denken. Erst nach zwölf war ich fertig mit Packen und verabschieden und fragte mal an, ob vielleicht irgendjemand ohnehin gleich in die Stadt fahren würde. Ich fuhr bei den Leuten von Artischoque mit, die sich auf mehrer Autos verteilt erstmal Richtung Sibiu und dann entweder nach Hause oder noch auf einen kleinen Urlaub in Rumänien begaben. Ich erwischte zwei nette Menschen, die sich von mir noch ein paar Reisetipps gaben lassen auf der halbstündigen Fahrt. So kam ich noch pünktlich in die Stadt um meinen Reisegefährten fürs Donaudelta zu treffen. Aber die Abenteuer im Donaudelta sind schon wieder eine ganz andere Geschichte...