Eine recht profane Umnutzung erfuhr das Gelände der
Kirchenburg in Holzmengen Mitte August. Die Jugendlichen der
Deutschen Minderheit in Hermannstadt / Sibiu verwandelten das Gelände
mit einigen helfenden Händen in eine Festivallocation. Eine
professionelle Bühne wurde organisiert, eine Wasserrutsche gebaut,
Campingplätze ausgewiesen, die Scheune in einen Chillout-Bereich
verwandelt, ein zweiter Feuerplatz angelegt, die organisierten
Caterer eingewiesen und die Musiker begrüßt. Was folgte, waren zwei
wunderbare Abende in fantastischer Stimmung.
Mein Rumänienurlaub startete mit dem Festival. Ich
traf nach einer 24-stündigen Reise von Halle über Dresden und
Budapest mit dem Zug gegen elf Uhr morgens in Sibiu ein. In Rumänien
angekommen war ich eigentlich schon, als ich die Augen aufschlug, aus
dem Zugfenster spähte und diese wunderbare Landschaft sah. Gefühlt
hatte ich sogar schon beim Betreten des Zuges im Budapester Bahnhof
rumänischen Boden betreten, weil sowohl meine Mitreisende im Abteil
als auch der Zugbegleiter mich gleich auf Rumänisch vollquatschten.
Und als hätten sie nur darauf gewartet, waren sofort die rumänischen
Wörter in meinem Kopf und ich antwortete ganz selbstverständlich
auf Rumänisch. Am nächsten Morgen erblickte ich dann also Berge und
Tunnel und Hügel und Wiesen und kleine Bahnhofsstationshäuschen.
All das hieß mich willkommen und ich fühlte mich sofort wieder
„da“. Ich stolperte in Sibiu aus dem Zug und wusste wohin. Da den
Hügel hoch, erstmal zum Piata Mare, dann weitersehen. Erstmal eine
rumänische Simkarte kaufen. Erstmal in die Schiller-Buchhandlung,
eine Karte fürs Donaudelta kaufen. Erstmal eine Runde durch die
Stadt drehen. Erstmal die wunderbare Freundin anrufen, die das
Festival mitorganisierte und die ein wichtiger Grund war, warum ich
überhaupt da war. Sie war bereits an der Kirchenburg in Holzmengen,
wo das Festival stattfinden würde und informierte mich, dass ich 14
Uhr mit anderen gemeinsam mit dem VW-Bus kommen konnte. Also hatte
ich noch ein bisschen Zeit. Jetzt noch ein Zugticket kaufen für die
Weiterreise nach dem Festival ins Donaudelta. Ich wanderte durch die
Stadt auf der Suche nach der Bahn-Agentur, als ein Platzregen mich
zwang, eine Pause einzulegen und ein Café aufzusuchen. Ich bestellte
mir ein für rumänische Verhältnisse teures Frühstück aus
frischgepresstem Orangensaft, Croissant und Marmelade, Käse und
Toast. Dieses simple und nicht besonders ansehnliche Frühstück ließ
mich komplett ankommen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich den
salzigen Käse vermisst hatte, der ein wenig wie Feta aussieht, aber
salziger und mit Kuhmilch gemacht ist. Jetzt verputzte ich ihn mit
Genuss bis auf den letzten Krümel. Für das Zugticket musste ich schließlich noch mal zum Bahnhof laufen, wo ich mich natürlich bei zwei offenen Schaltern genau an dem anstellte, wo man nicht mit Karte zahlen konnte. Aber irgendwann hielt ich auch die Tickets für die Weiterreise in der Hand, und konnte mich beruhigt auf den Weg nach Holzmengen machen.
Die Fahrgemeinschaft nach Holzmengen verspätete
sich um eine Stunde, in der ich rumstand und wartete, dabei konnte
ich es doch gar nicht erwarten, die Freundin wiederzusehen. Aber
endlich brachen wir dann doch auf. Ich strahlte, als ich den Turm der
Kirchenburg von der Landstraße erblickte. Die Freude war riesig, als
ich im ehemaligen Pfarrhaus dann auch meine Freundin fand. Die
Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, schließlich war es der Tag vor
dem Festival und ich versuchte, ein bisschen zu helfen und baute dann
auch schon mal mein eigenes Zelt im Kirchhof auf. Da stand es ganz
allein - die Freundin versprach, ihres noch daneben zu stellen, aber
tat es dann zumindest in der ersten Nacht nicht mehr. Sie hatte viel
zu tun, ich war müde von der Reise und verabschiedete mich nach
einem Ankunfts-Pflaumenschnaps am Lagerfeuer am Abend recht schnell
ins Zelt. Da war ich dann also allein, ein paar Meter neben dem
Friedhof und neben den meterdicken Mauern der Kirche. Das war aber
wirklich mein geringstes Problem - mehr Sorgen als um Spuk und
Gespenster machte ich mir darum, dass ich bald selbst ins Totenreich
eingehen könnte, nachdem ich in meinem Zelt erfroren war. Es war
verdammt kalt. Es hatte geregnet, alles war feuchtklamm und als
wirklich dicht konnte man das Zelt nicht bezeichnen. Die Zeltplane
war durchgeweicht und immer wenn ich in dem winzigen Zelt bei einer
Bewegung dagegen kam, nässte es durch. Und ich bewegte mich noch ein
paar Mal, denn schließlich musste ich noch Klamotten in meinem
Rucksack finden, die ich zusätzlich anziehen konnte. Und mich in die
Häkeldecke wickeln, die ich mir aus dem Pfarrhaus geliehen hatte.
Und ein zweites Paar Socken anziehen. Es war wirklich keine angenehme
Nacht und es war auch definitiv nicht schön, am Morgen wieder in die
nassen Turnschuhe zu steigen.
Ich fasste dementsprechend den Entschluss, nach
Sibiu zu fahren, um mir einen neuen Schlafsack zu kaufen und dem Tod
durch Erfrieren in der nächsten Nacht zu entgehen. Eigentlich hatte
ich überlegt, einen Ausflug nach Agnetheln zu machen, aber mein
Leben lag mir mehr am Herzen als verschlafene, ehemals
siebenbürgisch-sächsische Orte. Ich fuhr mit dem Einkaufstrupp von
der Festivalorganisation los. Ich hätte auch trampen können, aber
es waren 25km und so erschien es mir am Einfachsten. Im Stadtzentrum
hatte ich dann Stunde "Freizeit", die ich für einen Besuch
in einem Outdoorladen nutzte. Da ich davon ausging, dass wir noch in
die Mall fahren würden, suchte ich nicht noch nach Gummistiefeln.
Lieber kaufte ich mir ein Mittagessen aus gefüllten
Blätterteigtaschen, ehe es wieder losging. Beziehungsweise ich
wieder sehr lange am vereinbarten Ort auf die vereinbarte
Transportmöglichkeit wartete. Hach ja, Rumänien. Aber da ich Urlaub
hatte, war ich demgegenüber zumindest ziemlich entspannt, als ich
mir so die Beine in den Bauch stand. Die Rückfahrt war chaotisch,
weil noch eingekauft werden musste (wir fuhren aber nicht in die Mall
und somit gab es auch keine Gummistiefel für mich) und einige Leute
noch abgeholt werden mussten, aber irgendwann waren wir wieder da -
die ersten Gäste trafen schon ein und auch die ersten Musiker.
Richtig gut geschlafen habe ich auch in dieser Nacht
nicht, aber immerhin kündigte sich ein schönerer zweiter
Festivaltag an. Der Frühstückstrupp hatte verschlafen, aber
irgendwann stand Brot und Marmelade und Käse und Tomaten und Melone
für alle Festivalgäste bereit. Das ist wohl das einzige Festival,
dass ich je erlebt habe, bei dem es neben freiem Camping auch freies
Frühstück für alle gibt. So kommt man hier und da über einem
Stück Melone noch mit anderen Leuten ins Gespräch, wenn man nicht
gerade zu müde ist. Am zweiten Tag, also Samstag, fanden auch die
Workshops des Festivals statt. Man konnte sich als Pfadfinder
ausprobieren, seine Kompetenz bei Bewerbungsgesprächen hinterfragen
oder beim Malen kreativ werden. Einen Theaterworkshop gab es auch,
oder man ließ sich die Haare zu kreativen Zöpfen flechten. Ich war
nicht motiviert genug, irgendwo teilzunehmen und schlenderte
stattdessen über das Gelände. Irgendwann wagte ich auch die
halsbrecherische Aktion und probierte die Wasserrutsche aus. Es war
inzwischen schön warm und ich hatte an dem Tag auch keine Probleme
mit klammfeuchten Klamotten und nassen Turnschuhen mehr und so konnte
ich mir eine Abkühlung genehmigen. Die Jugendlichen hatten einige
Tage vor dem Festival in dem Hügel hinter der Kirchenburg eine Rinne
angelegt und sie mit Stroh ausgepolstert und darauf dann eine dicke
Plane gelegt. Unten war eine Art kleines „Auffangbecken“, dass
aber nicht besonders tief war. Im Jahr zuvor war man einfach gegen
Strohballen geknallt und wenn man zu viel Schwung hatte, auch darüber
geflogen. Das war also schon mal eine Verbesserung. Allerdings war
die Rutsche in diesem Jahr auch doppelt so lang wie im letzten Jahr –
mit einem flachen Teil zum eingewöhnen und einem steilen Teil am
Ende. Betrieben wurde sie mit Wasser aus einem großen Container der
oben am Hügel stand. Rutschte man im letzten Jahr einfach auf seinem
Hintern herunter, konnte man in diesem Jahr Teile einer alten
Schaumstoffmatratze als Polster benutzen. Diese waren mit
Frischhaltefolie umwickelt und wurden mit Flüssigseife eingerieben.
Ich setzte mich also etwas angstvoll auf eines dieser
Schaumstoffteile, das nicht mehr besonders gut in Schuss war und sich
schon voll Wasser gesogen hatte. Es war noch seifig genug und ich
wollte ohnehin lieber erstmal langsam den Berg runter. Ich platzierte
mich am oberen Ende der Strecke und hinter mir drehte jemand den Hahn
am Container auf. Mit ein bisschen Beinantrieb kam ich ins Rutschen.
Meine Matte drehte sich unkontrolliert, so dass ich bald rückwärts
rutschte, ich konnte aber auf dem flachen Stück noch mal bremsen und
nachjustieren. Der letzte Teil machte natürlich am Meisten Spaß,
nur in der Grube mit Matschepampe aus Seife, Dreck, Schlamm und ein
bisschen Wasser zu landen, war nicht lustig. Und auch nicht, das
vollgesogene Polster wieder den Berg hochzuschleppen. Aber ich wollte
unbedingt noch mal und es wollten ja auch noch andere rutschen. Beim
zweiten Mal drehte ich mich auf dem steilen, schnellen Teil der
Strecke und klatsche rücklings in die Matschgrube . Was dazu führte,
dass ich wortwörtlich von oben bis unten nass und dreckig war. Das
Duschen sparte ich mir aber, denn gleich neben dem Wassercontainer am
oberen Ende der Strecke war auch ein Wasserschlauch mit Frischwasser
und so spritzte ich mich einfach gründlich von oben bis unten ab. Leider habe ich selbst kein Bild gemacht, das Bild oben ist von einem anderen Festivalbesucher.
Am Abend gab es dann wieder Konzerte. Ich freute
mich ja besonders auf Petra Acker. Ich wurde auch nicht enttäuscht
und stand selig in der ersten Reihe, während ich über die Freiheit
nachdachte, die sie besang. Hier das Video von dem wundebaren Auftritt und dem schönsten Lied, wie ich fand. Artischoque rockten das Festival dann
noch mal so richtig zum Abschluss, das Bild ist auch von ihrem Auftritt. Ich war zwar müde, konnte aber
nicht umhin, noch mal von der Feuerstelle aufzuspringen und in der
Meute vor der Bühne mit rumzutoben. Das DJ Set von Kevin Wagner
sparte ich mir, und irgendwann schlief ich in meinem kleinen
blau-orangen Zelt auch ein. Damit war das Festival für mich vorbei,
denn am nächsten Tag wurde nur noch aufgeräumt und zusammengepackt.
Aber was für Eindrücke! Was für Gespräche am Lagerfeuer, was für
musikalische Highlights, wie viele Umarmungen, wie viele strahlende
Gesichter, was für ein Spaß! Und das alles mit 200, vielleicht
maximal 300 Festivalbesuchern an einem ganz magischen Ort.
Am Abreisetag war ich eigentlich mit zwei anderen
Festivalbesuchern verabredet, gemeinsam zum Bus zu laufen, der uns
nach Sibiu bringen würde, daraus wurde aber nichts, mein Zelt stand
im Schatten und war vom Morgentau durchnässt. Ich hängte es erstmal
über ein Geländer und konnte es erst ein bisschen später
einpacken. Glücklicherweise trocknete es schnell, an den Bus kurz
vor elf war trotzdem nicht zu denken. Erst nach zwölf war ich
fertig mit Packen und verabschieden und fragte mal an, ob vielleicht
irgendjemand ohnehin gleich in die Stadt fahren würde. Ich fuhr bei
den Leuten von Artischoque mit, die sich auf mehrer Autos verteilt
erstmal Richtung Sibiu und dann entweder nach Hause oder noch auf
einen kleinen Urlaub in Rumänien begaben. Ich erwischte zwei nette
Menschen, die sich von mir noch ein paar Reisetipps gaben lassen auf
der halbstündigen Fahrt. So kam ich noch pünktlich in die Stadt um
meinen Reisegefährten fürs Donaudelta zu treffen. Aber die
Abenteuer im Donaudelta sind schon wieder eine ganz andere
Geschichte...




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