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Sonntag, 2. September 2018

Und jährlich ruft die Kirchenburg - Holzstock-Festival 2018

Dieses Jahr fand das fünfte Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman bei Hermannstadt / Sibiu in Rumänien statt. Ich war das vierte Mal dabei (Berichte von 2017, 2016, 2015). Es wird jedes Jahr professioneller und besser organisiert und hat dabei bisher seinen Charme eines großen Treffens mit vielen Freunden behalten. Ich bin da, um einige alte Rumänien-Bekannte wiederzusehen, um an der Kirchenburg zu chillen, um den Sonnenuntergang über den Wiesen zu bewundern und den Blick an der Bühne vorbei auf die Gipfel des Fagarasch-Gebirge schweifen zu lassen. Die Musik, die jedes Jahr wieder spannende Auftritte von mir unbekannten Künstler*innen bietet, tritt da fast in den Hintergrund, aber auch in diesem Jahr kam das Tanzen nicht zu kurz. 

Die entspannte Stimmung trägt viel zurgroßartigen Athmosphäre des Ortes bei, die noch unterstützt wird von kleinen Details wie Schmalzbroten von der lokalen Bäckerei im Ort, einer Chill-Scheune, die Pinterest-mäßig allerliebst hergerichtet wird und Konzerten in der kleinen Kirche mit massiven Wehrmauern. 

Und wie jedes Jahr nehme ich mir vor, nächstes Jahr wiederzukommen. Sobald ich einen Kalender habe, wird der Termin fürs nächste Jahr dick und fett eingetragen und dann setze ich alles daran, dass das auch klappt mit der Rumänienreise 2019.
 

Sonntag, 29. April 2018

Goldener Sonnenschein in der Goldenen Stadt


Ich fürchte, ich überschlage mich gleich mit Lobhuldigungen auf Prag - es ist aber auch immer wieder schön da. Dabei stören mich Touristenhorden sehr und die in Prag auftauchende Spezies des mitteleuropäischen Sauftouristen besonders (im Vergleich zu den meisten anderen Ländern gibt es schließlich relativ billiges Bier an jeder Ecke). Aber trotz Brückentag am Montag und damit überfüllter Stadt am Samstag und keinem Plan, was ich eigentlich tun wollte, war es richtig schön.


Der Anlass meiner Reise war ein Konzert vom Einar Stray Orchestra. Ja, ihr dürft mich jetzt seltsam finden, dass ich denen schon fast hinterherreise (siehe Jena). Ich hatte aber nicht nur das Konzert im Blick, ich sah es einfach als gute Gelegenheit eine 24-Stunden-Auszeit in der tschechischen Hauptstadt zu genießen und den Konzertbesuch so mit einem Kurzurlaub zu verbinden. Nicht zuletzt freute ich mich sehr darauf, einen alten Arbeitskollegen wiederzutreffen, dem ich gleich geschrieben hatte, als mein Mini-Urlaubs-Plan konkretere Züge annahm. Es war richtig schön, Zeit mit ihm zu verbringen und gemeinsam durch die Stadt zu schlendern. Wir trafen uns gleich am Busbahnhof und verbrachten den Nachmittag zusammen, er lotste mich durch die Stadt, ohne, dass ich irgendeine Karte konsultieren musste.

Das Konzert war sehr gut und es gab Momente, wo ich einfach nur breit grinsend und mittwippend dasaß (der Saal des Palac Akropolis war für die Gelegenheit bestuhlt). Meine Lieblingslieder wurden fast alle gespielt, ein wenig enttäuschend war nur, dass Einar und seine Band ohne Zugabe verschwanden. Tja, wer weiß, vielleicht gab es eine Auflage vom Veranstaltungsort. 

Nachdem ich in meinem Hostel ein paar Stunden geschlafen hatte, wurde ich recht früh wach und versuchte mich unter eher schwierigen sanitären Bedingungen etwas zu reinigen. Es gab keine Ablage oder auch nur Haken in der Dusche, die Armatur am winzigen Waschbecken war lose, die Dusche funktionierte per Drücker, den man allerdings gedrückt halten musste, damit ein scheinbar beliebig warmer Wasserstrahl aus der Brause regnete. Gegen acht verließ ich schon das Hostel, mit dem Ziel, im Café Louvre zu frühstücken, weil ich es einfach schön da finde und damit auch schöne Erinnerungen verbinde. Ich war natürlich nicht die einzige, die auf die Idee gekommen war - schon als ich nach dem Spaziergang von Žižkov in die Národní třída gegen neun ankam, stand eine Touristentraube davor. Ich fand, ich war fürh genug dran, um trotzdem einen Platz zu bekommen, aber oben wurde es nicht besser - unheimlich viele Menschen, gehetzt wirkende Kellner schon am frühen Morgen - ich beschloss recht schnell, wieder zu gehen. Ich kaufte mir ein Frühstück zum Mitnehmen bei einem dieser Kaffee-Läden und zog schließlich beladen mit frischem Orangensaft, heißer Schokolade, einer Apfeltasche und einem Schokotörtchen los in Richtung Moldau. 


Das war die beste Idee überhaupt - ich ließ mich auf einer der Inseln mit perfektem Blick auf die Karlsbrücke nieder. Ich gebe hier mal ganz bewusst keine genaue Wegbeschreibung, vielleicht will ich das mal wieder machen und dann nicht bereits um 7:30 von anderen Reisenden belagert finden... Ich genoss mein mitgebrachtes Frühstück, teilte nicht mit einem herbeischwimmenden Erpel, und machte ganz viele Bilder von diesem wunderschönen Anblick. Auf der Karlsbrücke war schon jetzt gut was los, auf der Insel war ich eine von wenigen. Das war der perfekte Start in einen super sonnigen Tag. 

Danach ließ ich mich durch die Altstadt treiben, immer Reisegruppen ausweichend und geriet tatsächlich in menschenleere Straßen mit hübschen Altstadtbauten. Um elf wollte ich am Bahnhof sein, wo ich mich mit meinem alten Kollegen wieder treffen wollte - er hatte angeboten, mir beim Erkunden von Prag Gesellschaft zu leisten. Es war ein herrlicher Tag. Ich konnte herzlich Lachen, als mir mein soeben erworbenes Eis in die Moldau fiel (deswegen darf man also in Belgrad nicht auf der Festungsmauer sitzen - nicht wegen der eigenen Sicherheit, sondern, dass einem nichts runterfällt). Ich war überhaupt gut gelaunt, als wir so umherschlenderten und ganz viel da saßen und die Stadt und die Hektik ausblendeten. Es war auch viel zu warm, um umherzuhetzen, ich hatte kein gesteigertes Interesse an Museen und ich kannte die Haupt-Sehenswürdigkeiten schon. Und so liefen wir einfach umher, vermieden den Altstädter Ring und Wenzelsplatz sowie die Burg recht großräumig und flanierten beispielsweise lieber über die Kampa-Insel. Der Freund konnte mich noch auf einige interessante Fakten zur Stadt hinweisen und weniger bekannte Fleckchen zeigen. Eine Shopping-Queen bin ich ja eh nicht und ich sehe wenig Sinn darin, Einkaufstütenbeladen durch europäische Metropolen zu hetzen.  Das einzige, was ich mitnehmen musste, war gutes tschechisches Bier.

Mit einer Jutetasche meines alten Arbeitgebers, in dem einige Flaschen Bier für die Grillparty bei meinem Bruder am Montag klapperten, stieg ich am Nachmittag in den Zug nach Dresden. Ich hatte mir nur einen ganz leichten Sonnenbrand geholt, hatte - wie war das eigentlich möglich - wieder neue Facetten der Stadt kennengelernt und einen schönen Kurzurlaub gehabt. Vielleicht sollte ich langsam lieber in ein einfaches Hotel investieren, statt mich mit schlecht belüfteten Hostelzimmern rumzuärgern, aber prinzipiell tut mir so ein Kurztrip einfach verdammt gut.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Jena. Paradies.


Ich kannte von Jena zwei Sachen. Zum Einen die Plattenbauten von Jena-Lobeda, die ich ein paar Mal von der Autobahn gesehen hatte, als ich an Jena vorbeigerauscht bin, meist als Insassin mit viel Zeit zum Umschauen. Recht lange dachte ich, dass Jena nur aus diesen Plattenbauten bestünde. Zum Anderen, den Bahnhof Jena-Paradies, dessen Namen ich immer leicht amüsiert wahrnahm, wenn ich mit dem Zug durch Jena fuhr, meist in irgendeinem ICE oder IC und meist von oder nach Bayern. Das war, als ich bereits älter war und viel Zug reiste. Und beim Umblicken aus dem Zugfenster stellte ich fest - Jena hat nicht nur Plattenbauten, ja ist vielleicht sogar ganz hübsch.

Ich verließ weder Auto noch Zug je, soweit ich mich erinnere. Es gab keinen Anlass für mich, nach Jena zu fahren, obwohl es ja gar nicht weit weg war. Doch dann ergab sich für mich ein guter Grund - ein Konzert drei der großartigen Musiker des Einar Stray Orchestra. Zwar würden sie auch nach Halle kommen und so quasi zu mir nach Hause. Gerade an dem Tag war aber auch das Weihnachtsessen mit Freunden angesetzt. Es zerriss mich fast - wie sollte ich da richtig entscheiden? Schließlich die rettende Idee - auf nach Jena, dort würden Einar und zwei seiner Bandmitglieder einige Tage vorher konzertieren.

Nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgestellt hatte, strolchte ich über den Weihnachtsmarkt und durch die Stadt. Dabei stellte ich fest - hier ist nicht nur der namensgebende Park neben dem Bahnhof ein Paradies. Ganz Jena ist, vielleicht nicht Garten Eden, aber doch ein äußerst wandelnswertes Pflaster. Hübsche Cafés, ein zauberhafter Buchladen, kleine Designerlädchen, entzückende Gassen, ein kleiner Mittelalter-Weihnachtsmarkt an den Überresten der Stadtmauer.

Ich schlug die Richtung zum Paradies-Park ein und suchte das Glashaus, in dem das Einar Stray Trio konzertieren sollte. Vielleicht 60 Leute mögen auf den Stühlen Platz gefunden haben, die aufgestellt waren. Ich wählte die erste Reihe, denn ich liebe es, Einar und seiner Band zuzuschauen, wie sie die Lieder mit so viel Enthusiasmus vortragen. Es war dann wahrlich ein fantastisches, mitreißendes Erlebnis. Ich hing an ihren Lippen, ertappte mich selbst beim ekstatischen Mitwippen und hatte auch mal einen Moment lang Tränen in den Augen. Sie spielten einen ganz neuen Song, ansonsten eine Mischung von ihren drei bereits veröffentlichten Alben und - season's greetings - ein Weihnachtslied. 

 

Nach dem Konzert sprach ich mit meiner Sitznachbarin, die sich als Russin herausstellte, die in Estland lebte, gerade im Urlaub in Berlin war und gern Bands hinterherreiste. Sie fuhr später mit dem Bus wieder zurück nach Berlin und wollte deswegen noch ein bisschen mit der Band rumhängen. Diese hatte ohnehin angekündigt, dass sie sich über Gespräche am Merchandise-Stand freue. Wir redeten also mit Einar, Steinar und Ophelia. Ich empfahl ihnen, in Halle Waffeln essen zu gehen. Wie mir meine russische Bekanntschaft später schrieb, taten sie das sogar. Ich hoffe, es hat gemundet. Ich begleitete die Konzertbekanntschaft noch zu ihrem Bus und schwebte durch die schönen Gassen Jenas zurück zum Hostel. Ich nahm mir Zeit dafür und beschloss mir am nächsten Tag noch einiges anzusehen.




Am Morgen darauf stärkte ich mich erstmal mit Croissant und heißer Schokolade im Kaffeehaus mit bezauberndem Blick Richtung Stadtkirche. Im "Stilbruch", einem Café, das mir fast noch schöner vorgekommen war mit seinem opulenten Interieur, hatte ich leider keinen Platz gefunden, der mir zusagte. Dann lief ich bei wunderbarem klaren Wetter und blauem Himmel noch ein wenig durch die Stadt. Ich musste unbedingt in diesen winzige Buchladen an der Ecke, die Jenaer Bücherstube. Ein wirklich tolles Geschäft, auch und obwohl sehr eng und klein, so dass ich mir mit Rucksack auf dem Rücken schon fast zu groß vorkam. Ich konte nicht anders und nahm den neuen Roman von Juli Zeh mit. Ich schaute noch in das ein oder andere Design-Lädchen, bis ich glücklich und zufrieden die Heimreise antrat. 

Ich hatte einen paradiesischen Abend mit dem Klängen des Einar Stray Trios verbracht, war duch die schmucke Stadt geschlendert und stellte vor allem fest - einen Ausflug nach Jena kann ich schon mal wieder machen.

Sonntag, 11. September 2016

Ein Zelt in der Kirchenburg und eine Bühne neben dem Pfarrhaus - Holzstock-Festival 2016

Eine recht profane Umnutzung erfuhr das Gelände der Kirchenburg in Holzmengen Mitte August. Die Jugendlichen der Deutschen Minderheit in Hermannstadt / Sibiu verwandelten das Gelände mit einigen helfenden Händen in eine Festivallocation. Eine professionelle Bühne wurde organisiert, eine Wasserrutsche gebaut, Campingplätze ausgewiesen, die Scheune in einen Chillout-Bereich verwandelt, ein zweiter Feuerplatz angelegt, die organisierten Caterer eingewiesen und die Musiker begrüßt. Was folgte, waren zwei wunderbare Abende in fantastischer Stimmung.

Mein Rumänienurlaub startete mit dem Festival. Ich traf nach einer 24-stündigen Reise von Halle über Dresden und Budapest mit dem Zug gegen elf Uhr morgens in Sibiu ein. In Rumänien angekommen war ich eigentlich schon, als ich die Augen aufschlug, aus dem Zugfenster spähte und diese wunderbare Landschaft sah. Gefühlt hatte ich sogar schon beim Betreten des Zuges im Budapester Bahnhof rumänischen Boden betreten, weil sowohl meine Mitreisende im Abteil als auch der Zugbegleiter mich gleich auf Rumänisch vollquatschten. Und als hätten sie nur darauf gewartet, waren sofort die rumänischen Wörter in meinem Kopf und ich antwortete ganz selbstverständlich auf Rumänisch. Am nächsten Morgen erblickte ich dann also Berge und Tunnel und Hügel und Wiesen und kleine Bahnhofsstationshäuschen. All das hieß mich willkommen und ich fühlte mich sofort wieder „da“. Ich stolperte in Sibiu aus dem Zug und wusste wohin. Da den Hügel hoch, erstmal zum Piata Mare, dann weitersehen. Erstmal eine rumänische Simkarte kaufen. Erstmal in die Schiller-Buchhandlung, eine Karte fürs Donaudelta kaufen. Erstmal eine Runde durch die Stadt drehen. Erstmal die wunderbare Freundin anrufen, die das Festival mitorganisierte und die ein wichtiger Grund war, warum ich überhaupt da war. Sie war bereits an der Kirchenburg in Holzmengen, wo das Festival stattfinden würde und informierte mich, dass ich 14 Uhr mit anderen gemeinsam mit dem VW-Bus kommen konnte. Also hatte ich noch ein bisschen Zeit. Jetzt noch ein Zugticket kaufen für die Weiterreise nach dem Festival ins Donaudelta. Ich wanderte durch die Stadt auf der Suche nach der Bahn-Agentur, als ein Platzregen mich zwang, eine Pause einzulegen und ein Café aufzusuchen. Ich bestellte mir ein für rumänische Verhältnisse teures Frühstück aus frischgepresstem Orangensaft, Croissant und Marmelade, Käse und Toast. Dieses simple und nicht besonders ansehnliche Frühstück ließ mich komplett ankommen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich den salzigen Käse vermisst hatte, der ein wenig wie Feta aussieht, aber salziger und mit Kuhmilch gemacht ist. Jetzt verputzte ich ihn mit Genuss bis auf den letzten Krümel. Für das Zugticket musste ich schließlich noch mal zum Bahnhof laufen, wo ich mich natürlich bei zwei offenen Schaltern genau an dem anstellte, wo man nicht mit Karte zahlen konnte. Aber irgendwann hielt ich auch die Tickets für die Weiterreise in der Hand, und konnte mich beruhigt auf den Weg nach Holzmengen machen.


Die Fahrgemeinschaft nach Holzmengen verspätete sich um eine Stunde, in der ich rumstand und wartete, dabei konnte ich es doch gar nicht erwarten, die Freundin wiederzusehen. Aber endlich brachen wir dann doch auf. Ich strahlte, als ich den Turm der Kirchenburg von der Landstraße erblickte. Die Freude war riesig, als ich im ehemaligen Pfarrhaus dann auch meine Freundin fand. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, schließlich war es der Tag vor dem Festival und ich versuchte, ein bisschen zu helfen und baute dann auch schon mal mein eigenes Zelt im Kirchhof auf. Da stand es ganz allein - die Freundin versprach, ihres noch daneben zu stellen, aber tat es dann zumindest in der ersten Nacht nicht mehr. Sie hatte viel zu tun, ich war müde von der Reise und verabschiedete mich nach einem Ankunfts-Pflaumenschnaps am Lagerfeuer am Abend recht schnell ins Zelt. Da war ich dann also allein, ein paar Meter neben dem Friedhof und neben den meterdicken Mauern der Kirche. Das war aber wirklich mein geringstes Problem - mehr Sorgen als um Spuk und Gespenster machte ich mir darum, dass ich bald selbst ins Totenreich eingehen könnte, nachdem ich in meinem Zelt erfroren war. Es war verdammt kalt. Es hatte geregnet, alles war feuchtklamm und als wirklich dicht konnte man das Zelt nicht bezeichnen. Die Zeltplane war durchgeweicht und immer wenn ich in dem winzigen Zelt bei einer Bewegung dagegen kam, nässte es durch. Und ich bewegte mich noch ein paar Mal, denn schließlich musste ich noch Klamotten in meinem Rucksack finden, die ich zusätzlich anziehen konnte. Und mich in die Häkeldecke wickeln, die ich mir aus dem Pfarrhaus geliehen hatte. Und ein zweites Paar Socken anziehen. Es war wirklich keine angenehme Nacht und es war auch definitiv nicht schön, am Morgen wieder in die nassen Turnschuhe zu steigen. 

Ich fasste dementsprechend den Entschluss, nach Sibiu zu fahren, um mir einen neuen Schlafsack zu kaufen und dem Tod durch Erfrieren in der nächsten Nacht zu entgehen. Eigentlich hatte ich überlegt, einen Ausflug nach Agnetheln zu machen, aber mein Leben lag mir mehr am Herzen als verschlafene, ehemals siebenbürgisch-sächsische Orte. Ich fuhr mit dem Einkaufstrupp von der Festivalorganisation los. Ich hätte auch trampen können, aber es waren 25km und so erschien es mir am Einfachsten. Im Stadtzentrum hatte ich dann Stunde "Freizeit", die ich für einen Besuch in einem Outdoorladen nutzte. Da ich davon ausging, dass wir noch in die Mall fahren würden, suchte ich nicht noch nach Gummistiefeln. Lieber kaufte ich mir ein Mittagessen aus gefüllten Blätterteigtaschen, ehe es wieder losging. Beziehungsweise ich wieder sehr lange am vereinbarten Ort auf die vereinbarte Transportmöglichkeit wartete. Hach ja, Rumänien. Aber da ich Urlaub hatte, war ich demgegenüber zumindest ziemlich entspannt, als ich mir so die Beine in den Bauch stand. Die Rückfahrt war chaotisch, weil noch eingekauft werden musste (wir fuhren aber nicht in die Mall und somit gab es auch keine Gummistiefel für mich) und einige Leute noch abgeholt werden mussten, aber irgendwann waren wir wieder da - die ersten Gäste trafen schon ein und auch die ersten Musiker. 

Jetzt ging das Festival so langsam los. Zwei Abende lang würden verschiedene Musiker der unterschiedlichsten Richtungen ihre Stücke auf der Bühne neben der Kirchenburg präsentieren. Das Line-up liest sich unspektakulär, für jemanden, der die lokale Musikszene nicht kennt, aber es waren wirklich ziemlich gute Sachen dabei. Ich freute mich besonders auf Lipiciosii, die ich schon im letzten Jahr beim Holzstockfestival erlebt hatte, Petra Acker, von der ich mir großes erwartete und Artischoque, die ich beim Mach-Festival in Halle gehört hatte. Und alle drei waren dann tatsächlich ziemlich gut. Und die anderen ebenso, auch wenn mir Kevin Wagner (ein lokaler DJ, der nur einen deutschen Namen hat, weil er vermutlich auch irgendwie zur deutschen Minderheit gehört oder seine Vorfahren) vom Stil her nicht so gefallen hat, aber ich konnte mich ja auf dem weitläufigen Festivalgelände einfach ein bisschen abseits der Bühne halten, bis die wunderbaren Lipiciosii aufspielten. Die Band ist aus Sibiu und macht eine Mischung aus Folk und Covern bekannter Lieder auf ihre eigene Art, durchmischt mit viel Humor und einem guten Schuss Alkohol. Sie enttäuschten auch diesmal nicht und auf einmal fand sich das Publikum vor der Bühne in einem riesigen Kreis Hora-tanzend wieder [eine Art rumänischer Sirtaki, das heißt traditioneller Kreistanz]. Und was noch viel verrückter ist - plötzlich scherten einige Jugendliche aus und wirbelten in Pärchen in einem flotten Polka im Kreis und zwar innerhalb des großen Hora-Kreises. Ich vermute, das waren die Jugendlichen aus der deutschen Trachtentanzgruppe. Das hat mein Bild über Trachtentanzgruppen mal wieder ein bisschen revidiert, denn es sah nach sehr viel Spaß und guter Laune aus, während ich mich versuchte, stolpernd an die Hora-Schritte zu erinneren (aber auch eine Menge Spaß dabei hatte). Die folgenden Bands rissen mich nicht so mit. Sergiu Bolota begann wohl eher gegen ein Uhr nachts, denn bei so einem Festival verschiebt sich durch kleine Verzögerungen ja gern mal das ganze nach hinten. Ich lauschte seinen Akustik-Versionen bekannter Hits dann schon vom Zelt aus, wo ich nach einem kurzen Versuch mit meinem neuen Schlafsack den alten Schlafsack noch drüber zog. Doppelt hält besser.

Richtig gut geschlafen habe ich auch in dieser Nacht nicht, aber immerhin kündigte sich ein schönerer zweiter Festivaltag an. Der Frühstückstrupp hatte verschlafen, aber irgendwann stand Brot und Marmelade und Käse und Tomaten und Melone für alle Festivalgäste bereit. Das ist wohl das einzige Festival, dass ich je erlebt habe, bei dem es neben freiem Camping auch freies Frühstück für alle gibt. So kommt man hier und da über einem Stück Melone noch mit anderen Leuten ins Gespräch, wenn man nicht gerade zu müde ist. Am zweiten Tag, also Samstag, fanden auch die Workshops des Festivals statt. Man konnte sich als Pfadfinder ausprobieren, seine Kompetenz bei Bewerbungsgesprächen hinterfragen oder beim Malen kreativ werden. Einen Theaterworkshop gab es auch, oder man ließ sich die Haare zu kreativen Zöpfen flechten. Ich war nicht motiviert genug, irgendwo teilzunehmen und schlenderte stattdessen über das Gelände. Irgendwann wagte ich auch die halsbrecherische Aktion und probierte die Wasserrutsche aus. Es war inzwischen schön warm und ich hatte an dem Tag auch keine Probleme mit klammfeuchten Klamotten und nassen Turnschuhen mehr und so konnte ich mir eine Abkühlung genehmigen. Die Jugendlichen hatten einige Tage vor dem Festival in dem Hügel hinter der Kirchenburg eine Rinne angelegt und sie mit Stroh ausgepolstert und darauf dann eine dicke Plane gelegt. Unten war eine Art kleines „Auffangbecken“, dass aber nicht besonders tief war. Im Jahr zuvor war man einfach gegen Strohballen geknallt und wenn man zu viel Schwung hatte, auch darüber geflogen. Das war also schon mal eine Verbesserung. Allerdings war die Rutsche in diesem Jahr auch doppelt so lang wie im letzten Jahr – mit einem flachen Teil zum eingewöhnen und einem steilen Teil am Ende. Betrieben wurde sie mit Wasser aus einem großen Container der oben am Hügel stand. Rutschte man im letzten Jahr einfach auf seinem Hintern herunter, konnte man in diesem Jahr Teile einer alten Schaumstoffmatratze als Polster benutzen. Diese waren mit Frischhaltefolie umwickelt und wurden mit Flüssigseife eingerieben. Ich setzte mich also etwas angstvoll auf eines dieser Schaumstoffteile, das nicht mehr besonders gut in Schuss war und sich schon voll Wasser gesogen hatte. Es war noch seifig genug und ich wollte ohnehin lieber erstmal langsam den Berg runter. Ich platzierte mich am oberen Ende der Strecke und hinter mir drehte jemand den Hahn am Container auf. Mit ein bisschen Beinantrieb kam ich ins Rutschen. Meine Matte drehte sich unkontrolliert, so dass ich bald rückwärts rutschte, ich konnte aber auf dem flachen Stück noch mal bremsen und nachjustieren. Der letzte Teil machte natürlich am Meisten Spaß, nur in der Grube mit Matschepampe aus Seife, Dreck, Schlamm und ein bisschen Wasser zu landen, war nicht lustig. Und auch nicht, das vollgesogene Polster wieder den Berg hochzuschleppen. Aber ich wollte unbedingt noch mal und es wollten ja auch noch andere rutschen. Beim zweiten Mal drehte ich mich auf dem steilen, schnellen Teil der Strecke und klatsche rücklings in die Matschgrube . Was dazu führte, dass ich wortwörtlich von oben bis unten nass und dreckig war. Das Duschen sparte ich mir aber, denn gleich neben dem Wassercontainer am oberen Ende der Strecke war auch ein Wasserschlauch mit Frischwasser und so spritzte ich mich einfach gründlich von oben bis unten ab. Leider habe ich selbst kein Bild gemacht, das Bild oben ist von einem anderen Festivalbesucher.


Am Abend gab es dann wieder Konzerte. Ich freute mich ja besonders auf Petra Acker. Ich wurde auch nicht enttäuscht und stand selig in der ersten Reihe, während ich über die Freiheit nachdachte, die sie besang. Hier das Video von dem wundebaren Auftritt und dem schönsten Lied, wie ich fand. Artischoque rockten das Festival dann noch mal so richtig zum Abschluss, das Bild ist auch von ihrem Auftritt. Ich war zwar müde, konnte aber nicht umhin, noch mal von der Feuerstelle aufzuspringen und in der Meute vor der Bühne mit rumzutoben. Das DJ Set von Kevin Wagner sparte ich mir, und irgendwann schlief ich in meinem kleinen blau-orangen Zelt auch ein. Damit war das Festival für mich vorbei, denn am nächsten Tag wurde nur noch aufgeräumt und zusammengepackt. Aber was für Eindrücke! Was für Gespräche am Lagerfeuer, was für musikalische Highlights, wie viele Umarmungen, wie viele strahlende Gesichter, was für ein Spaß! Und das alles mit 200, vielleicht maximal 300 Festivalbesuchern an einem ganz magischen Ort.

Am Abreisetag war ich eigentlich mit zwei anderen Festivalbesuchern verabredet, gemeinsam zum Bus zu laufen, der uns nach Sibiu bringen würde, daraus wurde aber nichts, mein Zelt stand im Schatten und war vom Morgentau durchnässt. Ich hängte es erstmal über ein Geländer und konnte es erst ein bisschen später einpacken. Glücklicherweise trocknete es schnell, an den Bus kurz vor elf war trotzdem nicht zu denken. Erst nach zwölf war ich fertig mit Packen und verabschieden und fragte mal an, ob vielleicht irgendjemand ohnehin gleich in die Stadt fahren würde. Ich fuhr bei den Leuten von Artischoque mit, die sich auf mehrer Autos verteilt erstmal Richtung Sibiu und dann entweder nach Hause oder noch auf einen kleinen Urlaub in Rumänien begaben. Ich erwischte zwei nette Menschen, die sich von mir noch ein paar Reisetipps gaben lassen auf der halbstündigen Fahrt. So kam ich noch pünktlich in die Stadt um meinen Reisegefährten fürs Donaudelta zu treffen. Aber die Abenteuer im Donaudelta sind schon wieder eine ganz andere Geschichte...

Samstag, 14. Mai 2016

Einar Stray Orchestra im UT Connewitz in Leipzig

Das Einar Stray Orchestra ist eine norwegische Band rund um den Bandleader Einar, die sich laut Wikipedia als Post-Rock und Indie-Pop einordnen lässt. Was folkiges ist definitiv auch drin und so richtig kann man die Musik zwischen orchestralen Nummern und Acapella-Stücken bis hin zu melidösen, gutgelaunten Indie-Pop-Nummern nicht beschreiben. Ich hatte die Norweger als Vorband von Me and My Drummer auf der Parkbühne Geyserhaus in Leipzig entdeckt und es geschafft, einen anderen Menschen zu begeistern, in dem ich ihm nur "For the country" vorspielte. Da sie nun in unsere Ecke Deutschlands kommen würden, war mir klar, dass ich sie sehen wollte. Dann war noch die Frage, ob in Leipzig oder Magdeburg, aber schließlich war Leipzig machbarer. 



Quelle: UT Connewitz / Webseite
Das wunderschöne UT Connewitz bot einen schönen Rahmen für das Konzert. Das alte Lichtspielhaus, das älteste Kino Leipzigs (erste Vorführung 1912), passt perfekt zur Musik. Ein Portikus mit Säulen hinter der Bühne, ein bisschen bröckelt alles, aber es hat doch eine gewisse Erhabenheit. Die geringe Distanz zur Bühne erlaubt fast eine "floor show". Saßen bei der Vorband Vil, die aus zwei schüchternen Menschen bestand, die mit Stimme, Keyboard, Gitarre und Synthesizer und einer elektrischen Zahnbürste rumexperimtentierten, noch alle auf den Klapp-Kinositzen oder davor auf dem Boden oder standen dahinter, standen sobald Einar und seine Crew die Bühne betraten gleich alle auf. Nach einem Lied, stellte er aber wohl fest, dass wir noch zu weit wegstanden. Wir mussten uns näher kommen und so traten die Musiker an den vorderen Bühnenrand und forderten das Publikum auf, ebenfalls näher zur Bühne zu kommen. Dann kam das Gänsehaut-A-Capella-Stück "For the country". Spätestens da hatten sie das Publikum in der Hand. Ich konnte die meiste Zeit gar nicht anders, als ein breites Lächeln auf dem Gesicht tragen, so dass fast schon meine Grübchen schmerzten. Die Band spielte Songs von den beiden Alben und auch ein paar Lieder, die erst auf dem nächsten Album veröffentlicht werden sollen. Ich bin sehr gespannt darauf und werde es mir gleich kaufen, wenn es raus kommt. Ein Thema, kündigte Einar an, wird die Doppelmoral in der heutigen Gesellschaft sein, die Sachen auf Facebook teilt, zum Beispiel zum Thema Umweltschutz und sich dabei gut fühlt, aber nie ihr eigenes Handeln verändern würde. Und gab gleich zu, dass sie selbst ja auch so seien. 


Ach, was war das wunderbar. Die Musik kann ich nur empfehlen und das Konzert ist definitiv ein großes Erlebnis. Mein Herz haben sie definitiv erreicht an dem Abend. Jetzt bin ich mal gespannt, wen Me and My Drummer dieses Jahr als Support mit auf die Parkbühne bringen - vielleicht gibt es da ja wieder was zu entdecken...

Sonntag, 14. Februar 2016

Svavar Knutur in Leipzig - zwischen Dahinschmelzen und lautem Lachen

Gestern Abend war ich mit Freunden zum Konzert von Svavar Knutur im Horns Erben in Leipzig. Ich kannte ihn vorher nicht und habe mir nur ein paar Youtube-Videos angeschaut. Schnell wurde klar - der Typ hat einen sehr seltsamen Humor. Zwischen wunderbar melancholischen Singer/Songwriter Stücken, die er allein mit seiner Gitarre oder Ukulele auf der Bühne darbringt, erzählt er die verrücktesten Geschichten. Kaum beginnt er ein Lied, auf Englisch oder Isländisch, versinkt man seelig lächelnd in der Melodie. Kaum macht er denn Mund auf, um zwischen den Lieder was zu erzählen, macht sich ein breites Grinsen auf dem Gesicht breit und vereinzelt schlägt sich sogar ein lautes Lachen seine Bahn nach draußen. So moderierte er seine ersten drei Lieder mit der Ansage an, dass er mit drei essentiellen Dingen beginne: Weltschmerz, Waldeinsamkeit und Wanderlust. Oder er meinte, das Musik gesünder sei als Sport und es somit gut für die Gesundheit für uns, als Publikum, sei mitzusingen. Ich singe ja sehr ungern, erst recht öffentlich, aber auch ich stimmte ein, beim Refrain von Wanderlust zum Beispiel. Was vom Abend bleibt, sind schöne Melodien im Ohr und verrückte Geschichten im Gedächtnis. 

Mittwoch, 19. August 2015

Tag 5 bis 8 - Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman


Zwischenstopp in Sibiu - Abendbrot unter Weinreben
Nachdem ich die Transalpina gemeistert und auf dem Weg noch leckeren Käse von glücklichen Kühen gekauft hatte, kam ich bei einer Freundin, die mich auch schon in Belgrad begleitet hatte an und konnte auf ihrer Couch nächtigen. Sie hatte zwar auch zwei Couchsurfer da, die wollten aber lieber im Garten das Zelt ausprobieren und so konnte ich auf der Couch schlafen. Wir hatten noch einen netten Abend mit den Gästen und am nächsten Morgen ein ausgedehntes Frühstück. Ich ging danach noch eine andere Freundin in Hermannstadt besuchen - ich hatte also streng genommen erstmal einen Tag Leerlauf in Hermannstadt. Das war sehr entspannend und schön und ich freute mich, so viele nette Menschen zu treffen. Doch es sollten noch mehr werden. Denn einen Tag nach meiner Ankunft fuhren wir los nach Holzmengen - dort fand das Holzstock-Festival statt und es musste noch allerhand vorbereitet werden. 

Der alte Saal der Schule in Holzmengen
Das Holzstock-Festival ist ein sehr kleines Festival, organisiert vom deutschen Jugendforum Hermannstadt (Sibiu). Neben einer hauptamtlichen Jugendreferentin arbeiten also vor allem Jugendliche selbst an der Planung. Das ganze fand bereits 2014 statt, somit war 2015 die zweite Auflage. Veranstaltungsort ist die Kirchenburg und das ehemalige Pfarrhaus, heute Jugendherberge, in Holzmengen, etwa 30km von Sibiu. Neben lokalen Bands wurden auch Menschen eingeladen, die einen Workshop halten würden, so war das Festival eine Kombination aus Spaß haben und etwas zu lernen. Und für die Organisatoren war es natürlich eine großartige Möglichkeit, sich einzubringen und interessante Erfahrungen zu sammeln. Ich kenne einige Leute aus Hermannstadt, die im Bereich der deutschen Minderheit arbeiten, ganz gut und freute mich darauf, sie wiederzusehen.

Die Mauer der Kirchenburg
Ich wollte eigentlich für mein Festivalticket zahlen, hatte aber angeboten, ein bisschen mit zu helfen, damit ich auch am Donnerstag schon übernachten konnte, denn eigentlich ging das Festival erst am Freitag los. Da dann aber doch noch Freiwillige gebraucht wurden, erhielt ich einen "Staff"-Ausweis und musste keinen Eintritt zahlen, dafür aber ein paar Schichten im Orga-Team leisten. Da hatte ich auch gar nichts dagegen - bedeutete es zudem noch, dass ich mit lieben Menschen zusammenarbeiten konnte, die ich lange nicht gesehen hatte. Außerdem fand ich das Festival ohnehin eine gute Sache und wollte gern mit anpacken. Leider trafen dann am Donnerstagabend die extreme Hitze und Sonne des Tages auf zu viel Alkohol und wer weiß was noch und knockten mich für einen Tag komplett aus. Ich war so fertig, dass ich am Freitag zu gar nichts zu gebrauchen war und mich Freitagabend nur zurückziehen konnte, anstatt den Konzerten zu lauschen. 

Lea Matika auf der Bühne beim Holzstockfestival
Dafür ging für mich das Festival am Samstagmorgen halb neun motiviert und gut ausgeschlafen los. Ich war für meine erste Schicht bereit und sammelte fleißig Müll auf, der Freitagnacht liegen geblieben war. Den ganzen Tag über half ich noch im Infrastruktur und Ordnungsteam und am Abend genoss ich die drei Konzerte. Lea Matika spielte selbstgeschriebene Lieder und begleitete sich am Bass und Klavier, The Wildfire lieferten solide Cover-Songs und Lipiciosii unterhielten mit eigenwilligen aber interessanten Coverversionen und eigenen Stücken. Am Abend waren bis zu 300 Leute auf dem Gelände des Pfarrhauses. Nach dem die letzte Band fertig war, legte noch ein DJ auf und es konnte getanzt werden. Das nutzten nicht mehr so viele - die meisten standen in Gruppen und quatschten, die Chill-Out-Area hingegen kam wiederum sehr gut an zu späterer Stunde. Ich schlief seit langem mal wieder in einem Zelt, das mir eine Freundin überlassen hatte und ich schlief gar nicht mal so schlecht. Vormerken für den nächsten Urlaub - vielleicht mal wieder zelten gehen?

Ich hatte den ganzen Tag so viel Spaß wie schon lange nicht mehr. Die Atmosphäre war den ganzen Tag sehr entspannt und die Leute waren so gut drauf, dass es Spaß machte, zusammenzuarbeiten. Auch bei den Konzerten am Abend war die Stimmung einfach gut. Selbst am nächsten Tag beim Aufräumen gab es keinen allzu großen Stress - alle machten mehr oder weniger mit und schnell war der gröbste Schmutz beseitigt. Von den Dorfbewohnern kam auch nur positives Feedback. Ich hatte Ärger wegen lauter Musik erwartet, aber ganz im Gegenteil, alle schienen sich zu freuen, dass Jugend im Dorf war und einmal etwas los war in ihrer kleinen Ortschaft. 

Hier noch ein paar Eindrücke vom Auftritt der Band Lipiciosii: 




Sonntag, 21. September 2014

Jahr II - Auf geht's!

Über ein Jahr bin ich jetzt schon hier in Timisoara. Die Zeit verflog natürlich rückblickend, aber ich habe das eine Jahr auch mit vielen interessanten Erlebnissen angefüllt. Ich fühle mich sehr wohl hier und das ist wohl auch der wichtigste Grund, warum ich nun in mein zweites Jahr starte. Ich könnte jetzt mal wieder über das Zuhause-Sein philosophieren und wo ich mich wohlfühle und wie ich mich doch noch fremd fühle und und und...

Aber das lasse ich bleiben. Ich werde nur sagen, wie schön die Zeit hier war und ist, auch aufgrund vieler toller Menschen die hier meinen Weg kreuzten. Ich will aber auch festhalten, dass ich manchmal extreme Anflüge von Heimweh habe, bedingt vor allem durch das Fehlen einiger Menschen, die in meinem Leben enorm wichtig sind. Mal wieder bewahrheitet sich, dass Orte austauschbar sind, aber wirklich großartige Menschen das Herz doch wieder an einen Punkt der Erde ziehen, der dann zu einem Lieblingspunkt wird. Über mein Lieblings-Leipzig zum Beispiel, habe ich ja erst kürzlich geschrieben.

Genug der Worte, die ich mir ja sparen wollte. Wenn der geneigte Leser drei Minuten Zeit hat, kann er ja stattdessen einer kleinen Diashow beiwohnen... Viel Spaß!


Montag, 15. September 2014

Love & Peace & Plai - Neuigkeiten von der Festival-Lichtung

Quelle: plai.ro
Das Plai-Festival hielt mich das ganze Wochenende gefangen. Plai ist ein Weltmusik-Festival in Timisoara, auf dem Gelände des Dorfmuseums im Jagdwald (Muzeul Satului in Padurea Verde). Ein sehr kleines Festival mit sehr vielen gut-gelaunten Menschen. Neben einer Hauptbühne mit drei Konzerten jeden Abend gab es zahlreiche Stände mit Infos über lokale Organisationen, Werkstätten für Kinder und Erwachsene - von Töpfern über Fotografie bis zu Upcycling alles Mögliche. Auf einer kleinen Bühne wurden ebenfalls Workshops geboten oder lokale Musiker spielten. Daneben gab es noch ein Filmzelt. Natürlich auch jeden Menge Essen und Trinken. Auch hier wurde lokal ganz groß geschrieben. Wenn man sich mit seinem Bier zurückzog und von der Wiese einen Blick zurück auf den Stand warf, stellte man fest, dass man das Bier gerade von seiner Lieblingskneipe gekauft hatte. Auch das Essen war lokal, wenn auch interkulturell gemischt. Von Schmalzbroten über indisches Essen hin zu einer Suppenbar war alles dabei. Die Preise für ein Bier waren sehr vernünftig (5 Lei, also 1,20 Euro) und fürs Essen natürlich auch weit unter deutschen Festivalstandards. Für die richtige Athmosphäre war auch gesorgt - auf der Wiese konnte man sich auf Europaletten und Fake-Strohsäcken gemütlich machen oder auf mit Stoff bespannten Autoreifen. Alles sehr gemütlich, aber leider aufgrund des Regens oft nur im riesigen Chill-Zelt zu genießen.

Der Regen war irgendwie dennoch gar nicht schlimm. Der schönste Festivalmoment war für mich, cu fetele [mit den Mädels] vom Deutschen Kulturzentrum in eben diesem Zelt zu sitzen und zu quatschen. Die Konzerte waren natürlich auch toll. Meine Lieblingsband des Festivals war, würde ich sagen, Asian Dub Foundation. Aber auch alle anderen Bands waren toll und jede in ihrem jeweiligen Musikstil einfach top. Es war eben Weltmusik, was natürlich heißt, dass es bei Flamenco oder Fado auch mal etwas ruhiger zugeht. Für die meisten Gäste waren wohl die Subcarpaţi das Highlight. Eine rumänische Band, die traditionelle rumänische Musik mit HipHop verbindet. Ich habe irgendwie das halbe Konzert gebraucht, um reinzukommen, dann war es ganz gut, aber erst hat es mir gar nicht gefallen. Ja, die Rumänen würden für diesen Kommentar auf mich einschlagen, denn die Leute sind total abgegangen. Naja, da zeigt sich mal wieder, dass Anpassung nicht vollkommen und ohne Vorbehalte möglich ist. 

Es waren jeden Fall drei ganz tolle Abende und das nicht nur wegen der Musik. Die Location im Dorfmuseum ist optimal, ich war mit netten Leute unterwegs, das Essen war gut, es war rundum zum Wohlfühlen. Außerdem ist der Riesenvorteil eines Heimspiels nicht zu unterschätzen - jeden Abend nach den Konzerten nach Hause zu radeln und in sein eigenes gemütliches Bett zu fallen ist schon ein Luxus. Der einzige Wermutstropfen war ein Bremsen- oder Wespenstich am Samstag, der am Sonntag mein Bein kräftig hat anschwellen lassen. Hässliches Souvenir, dass ich hoffentlich bald wieder los werde. Da ist mir doch mein Plai-T-Shirt lieber, dass ich auf dem Festival käuflich erwarb. 

Das Festival wird übrigens komplett von Freiwilligen organisiert. Vielleicht ist deswegen die Stimmung auch bei strömendem Regen noch gut, wer weiß. Die Leute können jedenfalls sehr stolz sein auf das, was sie da zustande bringen. Ich musste die ganze Zeit an Leute denken, denen die Musik und die Stimmung und das Drumherum auch so gut gefallen hätte. Ich denke hier an die Leute, die mit mir bei meinen ersten Festivals waren, die Leute, die gern durch meinen Garten hopsen, an das Fräulein aus Berlin und ein paar andere Erasmus-Kollegen von meinem Auslandssemester in Cluj, wie unseren Lieblingsschweden, an meinen Lieblingscouchsurfer aus Belgrad, an einige meiner jetzigen und gewesenen Kollegen auf unseren Ost-, Mittel- und Südosteuropaaußenposten und an Leute, die ich hier kennengelernt habe, die aber Temeswar leider wieder hinter sich gelassen haben. Aber naja, vor dem Plai ist nach dem Plai und vielleicht überlegt sich ja die oder der eine oder andere, bei der nächsten Edition vorbeizuschauen? 

Hier noch ein paar Bilder, die vielleicht Lust auf mehr machen...







Regenwolken? Die Sonne versteckt sich nur...


Mehr Infos zum Festival und ganz viele Bilder gibt es unter plai.ro und auf der Facebookseite (PLAIFestival).

Donnerstag, 26. Juni 2014

Manu Chao in Temeswar

Sea lo que sea.
Pase lo que paso. 
Proxima estacion: Esperanza.


Ich war gestern auf dem Konzert von Manu Chao am Dorfmuseum (Muzeul Satului) in Timisoara und es war einfach großartig. Ich bin jetzt sicher nicht der größte Fan, hatte mir aber dennoch die Karte vor Wochen gekauft, weil ich sicher war, dass es fantastisch werden würde. Ich meine, die Musik schreit einfach nach Open Air, nach Party, nach ausgelassenem Tanzen. 

Schick, nicht?
Dabei schien die Party schon fast gefährdet. Den ganzen Tag regnete es in Strömen, zudem war ein Kabel an meinem Sicherungskasten durchgebrannt, so dass ich mit meinem ranzigen Vermieter dasaß und auf einen Elektriker wartete, den er kannte. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die ich auch noch erzählen werde. Ich sah mich also noch nicht vor der Bühne rumhüpfen. Schließlich gingen die Elektriker aber wieder und ich fing an, mich Matschepampe-gerecht anzuziehen. Das bedeutete Wanderstiefel, Strumpfhose und Jeansshorts, Tanktop, Longsleeve und Pulli. In meinem festivalgeeigneten Bauchtäschchen verstaute ich neben dem nötigen Kram eine zurechtgeschnittene Mülltüte, dann konnte es losgehen. Ich war für alles gerüstet. Es konnte losgehen.


Wir entschieden uns, aufgrund des Regens ein Taxi zu nehmen. Als wir zum Taxistand aufbrachen, stellte ich fest, dass die Karte noch in der Wohnung lag, aber noch war massig Zeit, also nochmal zurück. Der Einlass war herrlich unkompliziert - ohne Taschenkontrolle. Ein paar Mädels rissen einfach die Ecke vom Ticket ab, das war's. Schließlich standen wir eine halbe Stunde vor Konzertbeginn da, konnten in Ruhe noch ein Bier holen und quatschten schließlich noch ganz nett mit Bekannten. 

 
Kurz nach neun begann dann Manu Chao. Hier gab es die nächste Überraschung nach der fehlenden Taschenkontrolle - keine Vorband. Der Meister legte gleich los und machte seine Sache auch sehr gut. Ich fing praktisch sofort an zu tanzen und rumzuspringen. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, wie lange er spielte, aber bestimmt locker über eine Stunde. Irgendwann regnete es auch mal ein bisschen stärker, da zogen wir unsere Müllsäcke an. Dann machte er sich von der Bühne, um sich wieder rausklatschen zu lassen. Die Zugabe war fast noch besser. Dann wiederholte sich das ganze. Der alte Herr (er ist immerhin vor kurzem 53 geworden!) spielte eine Zugabe nach der anderen, heizte die Leute an, machte Stimmung, sprang auf der Bühne rum. Die Show war Wahnsinn, das Konzert war Wahnsinn. Obwohl wir nicht mehr konnten, blieben wir drei Stunden, bis zur dritten Zugabe oder so. Wir tanzten noch ein wenig auf der Wiese ein ganzes Stück weg von der Bühne, wo wir massig Platz hatten. Dann gegen zwölf traten wir doch den Heimweg an. Es war genug gewesen und man konnte wirklich nicht wissen, wie lange es noch gehen würde.


Es ist schade, dass es so geregnet hatte, denn bestimmt hat das viele potenzielle Besucher abgeschreckt. Ich fand es natürlich nicht schlecht, dass es nicht rappelvoll war, aber für die Organisatoren, die auch das Weltmusikfestival im Herbst organisieren, ist es natürlich schlecht, denn eventuell haben sie große finanzielle Verluste. Auf jeden Fall war es ein magischer Abend. Die, die sich haben abschrecken lassen, haben definitiv etwas verpasst. Die Location am Dorfmuseum ist auch cool. Vor der Bühne ist die Fläche mit Platten ausgelegt, so dass es kein Herumspringen im Schlamm geben muss. Dahinter ist eine Wiese mit ein paar Bäumen - bei mehreren tausend Leuten ist da die Sicht bestimmt nicht so gut, aber gemütlich ist es allemal.

Sonntag, 19. Mai 2013

Musikstadt Leipzig


Leipzig war die Stadt, in der ich meine ersten Konzerte erlebte und Leipzig ist die Stadt, in der ich immer noch am Häufigsten auf Konzerte gehe. Ich habe hier große Bands gesehen, wie Mando Diao oder Placebo, ich habe hier unbekannte Bands gehört, wie I am in love oder Palestar. Und nachdem ich ein paar Jahre scheinbar auch ohne Musik ganz gut klar kam - natürlich nur oberflächlich betrachtet, tief in mir drin war eine art super massive black hole, nur dass ich es nicht erkannte - gehe ich jetzt jedenfalls wieder häufiger zu Konzerten und es ist einfach großartig. Letzte Woche sah ich mit Freunden auf der Parkbühne am Geyserhaus Me and my drummer und war mal wieder einfach nur hingerissen von der charismatischen Frontfrau des Duos. Vorher spielten als Support Einar Stray und es war gänsehautmäßig sensationell. Ich möchte euch, auch wenn es live noch viel intensiver war, "For the country" vorenthalten.

 

Und natürlich noch Sie und ihr Drummer:


Gestern war ich bei Dear Reader dank der Empfehlung einer lieben Freundin. Ich hatte ein paae stressige Tage hinter mir und war immernoch irgendwie müde und genervt. Aber mit der Vorband fiel das alles von mir ab, die 750km, die ich sinnlos auf deutschen Autobahnen zugebracht hatte, die mit nutzlosem Warten verbrachte Zeit und alles, was nicht geklappt hatte. Die Vorband hieß Traded Pilots und ging nur kurz von der Bühne, denn sie gehörten auch zur aktuellen Besetzung von Cherilyn MacNeils Projekt Dear Reader.



Und, lieber Leser, hier natürlich auch noch die wichtigere Band an dem Abend mit der letzten Zugabe des Abends. Auch sehr gänsehautverdächtig...




So gesehen: Es ist eigentlich ganz einfach...

Mittwoch, 1. Mai 2013

Frühling in Rostock

Letzten Freitag ging es für einen kleinen Roadtrip an die Küste mit dem Besten aller Beifahrer, der es sogar schaffte, widerspenstige Scheibenwischer wieder an ihrem Platz zu fixieren. Wir starteten in Leipzig, beide unsere Studien kurz ruhen lassend und fuhren mit Karl, dem treuen Clio, die 400km gen Norden, begleitet von Regenschauern und trüben Wolken. Aber unsere Freundin in Rostock hatte uns versichert, dass es in Rostock schon Frühling sei, also waren wir guter Dinge - zumindest bis wir ankamen. Außerdem hatte sie uns auf eine unmögliche Parkplatzsituation hingewiesen und auch das bewahrheitete sich nicht, denn direkt vor der Haustür fand sich eine Clio-große Lücke wo Karlchen dann drei Tage blieb - so lang wie wir eben.

Nach ausgedehnte Umarmungen, Zimmerbegutachtung und Wiedersehensfreude gingen wir ganz lecker zum Inder essen - das Jyoti überzeugte geschmacklich absolut und wir waren alle dick- und sattgefressen, als wir noch im "Warmbad" einen Cocktail zu uns nahmen. Noch dazu bekam ich mein Gericht auch ohne Probleme vegan - ich würde das mit dem Veganismus allerdings in den näcshten Tagen nicht durchziehen. Zu viele leckere Dinge, die gegessen werden musste. Die drei Caipirinhas in der Kneipe waren ziemlich alkoholhaltig, aber wie ich gerade mithilfe der guten alten Wikipedia eroiert habe, demzufolge wohl auch richtig zubereitet, da normalerweise nur mit Cachaça und nicht noch mit Soda aufgefüllt wird. Ganz nebenbei hatten wir an dem Abend noch eine erste Gliederung für die Masterarbeit unserer Rostocker Studentin entworfen und ihr damit bei einem der drängendsten Probleme geholfen.


Wir begaben uns nach Hause und schliefen vortrefflich unter dem Poster der heimischen Grassorten. Insebsondere der "Rote Schwingel" wachte wohl über unsere Nachtruhe. Am nächsten Morgen ging es frühstücken ins "A Rebours". Es war ein Fest - wir bestellten insgesamt vier Frühstücke inklusive Tee oder Kaffee und noch einmal Brötchen nach und zahlten dafür, was man in Regensburg locker für zwei Frühstücke ohne Getränke ausgeben kann. Das Essen war einfach nur lecker - über die Speckstreifen kann ich natürlich nichts sagen, hörte aber auch keine Kritik - und auch noch schön angerichtet.

Danach liefen wir zur Hochschule für Mundart und Trommelkunst, genauer für Musik und Theater, um diese zu besichtigen und uns das Hörstück unserer lieben Wahlrostockerin anzuhören. Darin ging es um das Zürcher Hora-Theater, das wir auch schon mal in Berlin erleben durften - hier ist der Bericht. Ich muss sagen, obwohl ich anfangs auch aufgrund des Schwitzerdeutsch und des etwas verwirrenden Einstiegs ein paar Probleme hatte, hörte ich nach einigen Minuten gespannt zu. Ich hoffe, das Ganze wird ein voller Erfolg!
Nach der Hochschule stand Warnemünde auf dem Programm und damit auch endlich Ostsee.Wir wollten im Café des Hotel Neptun majestätisch Kuchen essen und an den Strand gehen. Aufgrund eines akuten Hungergefühls, denn wir hatten schon lange nichts mehr gegessen, mussten wir uns ziemlich schnell ins Panorama-Café des Hotelhochhauses begeben. Wir wurden zwar relativ schnell von einer Bedienung mit Kuchen versorgt, das benutzte Kaffeegedeck räumte allerdings niemand ab. Und ob wir selbst einen Kaffee wünschten, wurden wir auch nicht gefragt. Alles ein bisschen dürftig für ein 5-Sterne-Haus mit Garderobe und weißer Inneneinrichtung. Obwohl wir in Jeans kamen, zahlten wir ja doch auch die 5,45 Euro für die Marzipantorte - die noch nicht mal besonders gut war - also sollten wir wohl auch bedient werden. So gesehen blieb uns dann immerhin erspart, weitere 6 Euro in Kaffee oder Tee zu investieren, denn als die Bedienung nach Getränkewünschen fragte, als wir schon einen beträchtlichen Teil unseres Kuchens verköstigt hatten, lehnten wir ab. Immerhin, fairerweise muss ich zugeben, dass wir, vermutlich aus Reaktion auf unseren ersichtlichen Unmut, einen Rabatt bekamen. Dennoch, ein mir etwas unverständlicher Umgang mit Kunden für ein solches Café, da kann der Ausblick noch so toll sein.

Anshchließend wollten wir nach Hohe Düne zur Robbenstation. Vorher mussten wir uns allerdings noch einmal stärken - es gab Langos für mich und Fischbrötchen für den Rest, direkt am Alten Strom. Wir suchten dann ewig mit dem Auto nach der Zufahrt zur Fähre und als wir sie dann fanden, setzten wir in gefühlten 30 Sekunden über. Wir parkten in einem Wohngebiet und begaben uns an den Strand - vorbei an der Mole und einer gespenstisch anmutenden Hotel- und Restaurantmeile. Kein Mensch weit und breit, die Läden sahen irgendwie schick aus, wenn auch meines Erachtens auf eine etwas billige Art, der Yachthafen relativ ausgestorben. Auch an der Robbenstation, zu der wir vorher noch gingen, sonnten sich nur zwei oder drei faule Tiere auf Pontons, die Anlage an sich war aber geschlossen. Von den Strandkörben am Meer war keiner belegt, nur eine Familie versuchte sich beim Drachensteigen, sonst war nichts los.

Wir fuhren wieder nach Hause und hielten noch beim Edeka, wo wir uns für ein reichhaltiges Abendbrot versorgten. Hummus war zwar nicht zu bekommen, dafür aber Oliven, Weinblätter und Scamorza. Zum Nachtisch holten wir noch Cantuccini und Schokoeiscreme. Zunächst war uns aber erstmal nicht nach Essen zumute und so schauten wir eine Folge "Girls" und quatschten, kreuz und quer auf der Couch liegend. Schließlich begannen wir den Film "Zug des Lebens" zu schauen und bekamen auch langsam wieder Hunger. Dass wir nicht mehr zu der Party der Mitstudenten unserer Freundin gehen würden, zeichnete sich so langsam ab. Zu gemütlich war die Couch und als dann auch noch das Essen wie bei einem Picknick in unserer Mitte ausgebreitet war, war eigentlich alles perfekt. Gekrönt wurde das ganze nur noch durch die Cantuccini mit Schokoeis.

Eigentlich hatten wir dem netten Kellner im "Gegen den Strich" (A Rebours) versprochen, wiederzukommen, aber dann gingen wir der Einfachheit halber am nächsten Tag doch ins Café Central. Dieses lag einfach näher. Der Clou an diesem Lokal: Man erhält zur Bestellung einfach einen kleinen Zettel zum Anreuzen und kann sich so seine Auswahl aus Brötchen, Aufstrichen, Beilagen und Getränken selbst zusammenstellen - also in meinem Fall dann auch vegan kein Problem. Wir schwärmten alle drei von dem selbstgemachten Apfelgelee und auch der Rest war sehr lecker.

Unsere Mundartkünstlerin und Trommlerin musste sich für die Probe ihrer Aufführung am Abend - der Hauptgrund unseres Kommens, also die Aufführung, nicht die Probe, zum Veranstaltungsort begeben, wir beschlossen, ans Meer zu fahren. In Warnemünde nahmen wir uns einen Strandkorb, kauften uns ein riesiges Eis und ließen es uns gut gehen. Die drei Stunden verflogen, während wir nicht viel mehr taten als herumsitzen und unsere Nasen bräunen oder in meinem Fall röten. In der Sonne war es schön warm, dennoch verstand ich die übereifrigen Sonnenbader nicht, die bei Temperaturen von höchstens 14 Grad in der Badehose oder im Unterhemd im Strandkorb saßen.

Und am Abend dann das krönenden Finale - die Aufführung. Ein faustisches Eroticum wurde uns präsentiert von den Rostocker Theaterpädagogikstudenten. Mit soviel Action, Energie, Witz und Charme, wie ich Faust noch nicht kennenlernen durfte. Die sächselnden Handpuppen ins Auerbachs Keller, die tratschenden Nachbarinnen Gretchens beim Frisör, Mephisto als hyperaktiver verschmitzter Halunke und eines der fünf Gretchen mit Migrationshintergrund. Ich stehe modernen Inszenierungen skeptisch gegenüber und wenn ich das so lese, was ich gerade geschrieben habe, hätte es schnell ins Lächerliche abdriften können - tat es aber nicht. Es gab ungeheuer starke Szenen, nicht zuletzt aufgrund des charismatischen Teufels, einem soliden Faust und einem exzellenten Gretchen in der Schlussphase. Und dennoch, es war extrem kurzweilig, so dass man sich am Ende fragte, ob tatsächlich gerade all das, was man in der Schule wochenlang durchgekaut hatte, abgehandelt worden war. Das waren doch nur ein paar Minuten gewesen, oder? Danach gab es die Premierenfeier, ein paar Bier, ein wenig Tanz, eine aufgedrehte Meute, nette Menschen und die Erkenntnis: Es war so gut, zu kommen.