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Mittwoch, 13. September 2017

Abschied von Timisoara.

Die verflossene Liebe liegt in der Bega. Vielleicht entließ mich die Stadt am nächsten Morgen mit so poetischen Bildern, weil ich eine Erinnerung dem Kanal überlassen hatte: Eine Gabe, wenn auch mit keinem Opfer verbunden. Vielleicht ist aber auch einfach der Sonnenaufgang ohnehin getränkt mit Poesie.

Ich ging zum Bahnhof. Klimaanlagen tropften Kondenswasser auf die Gehwege und es fing an, ganz sachte zu regnen. Es wurde langsam hell, während die Straßenlaternen ihr letztes Licht gaben und hier und da die Scheinwerfer einer Straßenbahn ein heller Punkt im noch zarten Dämmerlicht waren.

Wahrscheinlich, dachte ich mir, werde ich nicht wiederkommen. Ich schaute auf den blauen Zug, der hinter den letzten Gleisen des Bahnhofs einer Kunstinstallation gleich faszinierend vor sich hinrostet, manche der Waggons schon stark verformt und fast vollständig rostrot.

La revedere?


Dienstag, 17. März 2015

Eine Woche Co-Working im Ambasada in Timisoara

Temeswar hat seit neuestem einen gemütliches Lokal mehr. Aber es ist mehr als ein schönes, liebevoll eingerichtetes Lokal. Es ist ein Ort für kreative Ideen - ein Creative Hub und Co-Working Space. Aber wenn man möchte, ist es auch einfach ein gemütliches Café. Kreative Geister werden sich hier wohlfühlen - so viel ist sicher.


Ambasada heißt auf Deutsch Botschaft. Es soll ein Ort des Zusammentreffens sein, für einzelne Menschen genauso wie für Vereine und Organisationen. Im Café kann man einfach seine Arbeit mitbringen und sich mit Freunden, Kollegen oder Geschäftspartnern treffen. Unterschiedlich große Tische bieten Platz für unterschiedlich viele Menschen, im hinteren Bereich kann man sich es auch auf Sesseln oder Sitzsäcken bequem machen. Für Non-Profit-Organisationen kostenlos ist auch die Nutzung des Seminarraums und des Veranstaltungssaals. Hier kann man Konferenzen abhalten oder Teambesprechungen organisieren.


Die Idee stammt von den Organisatoren des Plai Festivals. Dieses Festival bringt zum einen Weltmusik auf die Bühne, zum anderen ist es ein Ort, wo sich Organisationen präsentieren können, Leute in Kontakt kommen können und das alles bei guter Musik, gutem Essen, guter Getränkeversorgung in einer super-chilligen Athmosphäre. Ich berichtete vom letzten Jahr. Der Traum von den Machern des Plai war es nun, einen solchen Ort für das ganze Jahr zu haben. Und sie haben es schließlich auch umgesetzt, denn die Devise ist: Wenn dir etwas nicht passt in deinem Umfeld, dann arbeite daran, es zu verändern! 



Ich habe nun das Ambasada ausprobiert und muss sagen, ich bin begeistert. Wir hatten eine Woche lang jeden Tag Arbeitstreffen dort. Dabei haben wir den kleinen Seminarraum und das Café genutzt. Was macht das ganze nun so angenehm?
  • Es ist rauchfrei. Geraucht werden darf nur draußen auf der Terrasse. 
  • Die Musik ist nicht zu laut und vor allem gut. 
  • Es gibt guten Kaffee, mit Sojamilch!, und entkoffiniert, als Latte, Cappuccino...
  • Die Kellner sind freundlich.
  • Es gibt leckere Snacks, wie kleine Käsecroissants oder eine Suppe zu günstigen Preisen.

Irgendwie scheinen manche der Punkte nicht so außergewöhnlich, aber Orte wie dieser sind eben doch außergewöhnlich. Leider ist es in Rumänien nicht selbstverständlich, dass die Kellner nett sind. Aber im Ambasada lächelt der Kellner noch, nachdem er auf einem Tisch einen Espresso mit Sojamilch, einen Cappuccino entkoffiniert, einen koffeeinfreien Caffe Latte mit Sojamilch und einen normalen mit Sojamilch endlich richtig zugeordnet hat. Total fasziniert hat mich auch das kabelfreie Boxensystem, bei dem man jeden Lautsprecher einzeln leiser drehen kann. Alles in allem ein hipper Hang-out, wie man ihn eher in Berlin erwarten würde. 


Montag, 2. März 2015

Vorfrühlingsglück - ein sonniger Samstag in Timisoara

In Timisoara ist es bereits Ende Februar schon ziemlich mild. Hier im Banat dauert der Winter meistens nicht so lange und ist weniger streng als in anderen Regionen Rumäniens. Wenn man sich wie ich darauf freut, endlich wieder draußen was zu unternehmen, ist es natürlich toll, wenn an einem lauen Februarsamstag um die zwölf Grad Celsius vorherrschen. Und so habe ich den Samstag vor einer Woche genutzt.


Nach einem Frühstück mit Smoothie und Haferbrei – meine Lieblings-Morgenkombination im Moment, startete ich zum Flohmarkt. Ich wollte nach einer Jacke Ausschau halten und auch sonst, einfach mal sehen, was mir so über den Weg läuft. In Temeswar gibt es, soweit mir bekannt, drei Flohmärkte am Wochenende. Einmal der Ocsko – Er befindet sich am Stadtrand hinter dem Stadtteil Mehala vom Zentrum ausgesehen. Man erreicht ihn mit dem Bus Nummer 13 vom Piata Marasti. Dann gibt es noch Piata Flavia und Piata Aurora. Diese zwei Märkte sind direkt nebeneinander und am Besten mit der Straßenbahn Nummer 9 oder 7 (Haltestelle Transilvania) zu erreichen. Auf dem Piata Flavia gibt es fast alles – von deutscher Importschokolade und Joghurt, über pseudo-antike Möbel, bis hin zu Wohnungsauflösungen aus Deutschland, Second Hand Klamotten und Schuhen. Der Aurora-Markt ist nur Kleidung und Schuhen vorbehalten. Samstags ist der Eintritt im Flavia kostenlos, am Sonntag kostet es ein paar Lei. Bei Aurora zahlt man zwei Lei Eintritt (50 Cent). Ich stöberte ein wenig nach Jacken, und probierte sogar einige, aber das meiste was ich fand, war zu klein, zu hässlich, zu abgeranzt – irgendwas war immer. Dann sprang mir eine schwarze Softshell-Jacke in den Blick, sogar in meiner Größe – perfekt. Unübersehbar handelte es sich um eine Werbejacke einer deutschen Biermarke. Auf dem Kragen war eine Stickerei angebracht, an allen Reißverschlüssen baumelten kleine stilisierte „K“s zur Verzierung und ein großes K auch auf die Brust gedruckt. Und wenn ich mir auch nie so eine Jacke in Deutschland zulegen würde – wobei, zu dem Preis und fürs Radfahren in der Freizeit vielleicht schon – hier fand ich es so witzig, dass ich jetzt in meiner Freizeit, zum Wandern und Radfahren für das Team „Köstritzer“ unterwegs bin. Schwarzbier habe ich aber meist keins dabei.



Die Jacke war gekauft und wollte ausgefahren werden. Mein Drahtesel stand nach einer etwas missglückten Tour vor zwei Wochen, als sich schon mal so etwas wie schönes Wetter ankündigte, total verdreckt in meinem Flur rum. Ich hatte mich damals für eine Route über Feldwege entschieden, die aber bei matschigem Wetter vor allem in sumpfartige Feuchtgebiete führten. Irgendwann konnte ich in einer schienenbeinhohen Pfütze mein Rad im Schlamm nicht mehr manövrieren und hatte Absteigen müssen. Das Resultat waren schlammdurchtränkte Schuhe und nasse Füße auf der ganzen Heimfahrt gewesen. Und eben ein ziemlich dreckiges Fahrrad. Froh, dass der meiste Dreck nun abfallen würde, trug ich mein Mountainbike also die Treppen aus dem vierten Stock herunter und machte mich in Richtung Serbien auf. Kein Scherz! An der Bega entlang, dem langsam-dahinsickernden Kanal, der durch Temeswar und weiter Richtung Serbien führt, wurde seit Herbst letzten Jahres eine Radpiste angelegt. Ich war schon ein paar Mal dagewesen und auch vor der Fertigstellung bis zur serbischen Grenze einmal bis zum Ende, ich glaube das waren damals so 20km einfach, gefahren. Inzwischen ist die Strecke wohl 37km lang bis zur Grenze und im Sommer soll wohl sogar ein saisonaler Grenzkontrollpunkt für Radtouristen eingerichtet werden. Diesmal fuhr ich nur bis Sanmihaiu Roman und drehte wieder um. Jedoch sah ich schon hier, dass man gearbeitet hatte. Zum Beispiel muss man nicht mehr wie im letzten Jahr sein Fahrrad über die Bahnstrecke und die Gleise tragen sondern es gibt eine Unterführung am Fluss entlang. Auch wurden mehrere Schranken aufgestellt, damit die Strecke nicht mehr von Autofahrern benutzt wird. Diese Schranken haben aber den Nachteil, dass der Radfahrer auch nicht durch kommt, sondern sich daran vorbeischlängeln muss, also kurz den Radweg verlassen. Bei viel Betrieb werden diese Stellen sicher zum Nadelöhr werden, außerdem führt es den Radweg etwas ad absurdum. Es war wichtig und notwendig, eine Sperre aufzustellen, Poller wären aber in jedem Falle besser gewesen.

Nach meiner Radtour ruhte ich noch ein wenig aus, ehe es dann abends zu einem Jazzkonzert im Hostel Costel ging. Dieses gemütliche Hostel – ich habe nie hier genächtigt, aber schon ein paar Mal im Garten gesessen – ist eine Institution in Temeswar. Die Besitzer sind immer wieder an Veranstaltungen beteiligt und haben nun offensichtlich eine Konzertreihe in einem der Schlafsäle ins Leben gerufen. Letzten Samstag stand ein Jazz-Duo auf dem Plan, zusammengesetzt aus den Pianisten zwei der bedeutendsten Temeswarer Jazzbands – Spanache Trio und Jazzybit. Teodor Pop und Sebastian Spanache improvisierten und battleten sich zum Teil förmlich am Klavier. Wir waren früh gekommen und hatten somit freie Platzwahl – ich schlug eines der Hochbetten vor, aufgrund der guten Sicht. Wir blieben die einzigen mit dieser Idee, die Mehrheit der Zuhörer begnügte sich mit einem Platz im Hintergrund und auf den unteren Etagen. Das Konzert war ganz große Klasse, auch wenn ein wenig lang. Offensichtlich verlor nicht nur ich, sondern einige der Zuhörer nach zwei Stunden ein wenig die Geduld, was an der allgemeinen Unruhe zu spüren war. Man merkte den Jungs an den Keyboards echt an, dass sie Spaß am Musizieren hatten, aber zum Schluss wurde das Privatvergnügen, miteinander zu Jammen, etwas zu langwierig fürs Publikum. Das nächste Mal also vielleicht einfach privat fortsetzen...


Nicht alle Samstage hier sind so ereignisreich, manchmal hänge ich auch den ganzen Tag faul rum. Aber was ich sagen will – Timisoara hat durchaus Potential. Gerade jetzt im Frühling sprießen an allen Ecken nicht nur die Frühlingsblüher sondern auch die Ideen, scheint es. Im Moment entstehen so viele kreative Projekte, bei denen man Lust bekommt, hineinzuschnuppern, dass keine Langeweile aufkommt.

Dienstag, 13. Januar 2015

Exit Game Timisoara - entkomme aus dem Büro des kommunistischen Parteisekretärs!

Neulich kam die Idee auf, doch endlich mal Exit Games in Timisoara auszuprobieren. Ein Exit Game ist ein Raum, in dem man sich mit einer Gruppe von zwei bis fünf Personen befindet und aus dem man mithilfe von Hinweisen versuchen muss, wieder herauszukommen bzw. bei dem man versuchen muss, ein Rätsel zu lösen. Eine Art Exit Game gab es also schon zweimal in meiner Wohnung, als verschiedene Personen die Badtür hinter sich absperrten. Der Riegel verkeilt sich nur leider manchmal, so dass man länger als "nur mal kurz" verschwindet. In einem organisierten Exit Game hat man meist eine Stunde Zeit. Läuft die Zeit ab, hat man verloren. Schafft man es in weniger als 60min, hat man gewonnen. In meinem Bad darf man solange bleiben, wie man will, bzw. bis ich dann mal auf Toilette muss.


So ein Exit Game kann man nur einmal spielen, weil man dann weiß, wie es funktioniert und es würde keinen Spaß mehr machen. Um keine Hinweise zu geben, will ich deshalb hier nicht auf Einzelheiten eingehen. Zu meiner Badtür kann ich aber die Lösung verraten - man benötigt mindestens einen Komplizen, der einem von draußen eine Gabel unter der Tür durchschiebt, mit welcher man den Riegel versucht zurück zu schieben. In Timisoara gibt es, abgesehen von meinem Bad, noch eine Location mit zwei Räumen - einem einfacheren und einem schwierigeren. Wir haben mit dem einfachen angefangen - dem Büro des Parteisekretärs. Daneben gibt es noch die Bombe - dort muss, wie der Name schon sagt, eine imaginäre Bombe entschärft werden. Beim Parteibüro ist das Setting folgendes - man ist, während der Parteisekretär kurz weg ist, in das Parteibüro hineingeschlüpft. Die Tür wurde daraufhin leider versperrt und nun hat man eine Stunde, bis der Schreibtischtäter wieder kommt, um einen standesrechtlich exekutieren zu lassen. Um herauszukommen hat man eine Art Schaltkreis mit zweimal 37 Möglichkeiten, die man irgendwie verbinden muss, um die Tür zu öffnen. Doch zunächst muss man an die nötigen Kabel gelangen und an die Information, wie der Schaltkreis verbunden werden muss. Auf dem Weg dahin, gilt es kleinere Rätsel zu lösen, Codes für Zahlenschlösser zu finden und Schlüssl für einfache Schlösser. 

 Wir haben 52 Minuten gebraucht. Man muss eingestehen, dass der Typ, der das Exit Game betreibt, die ganze Zeit zuschaut, wie man sich abmüht, aber auch ab und zu Hinweise gibt, wenn man sich in die falsche Richtung verrennt. Alles in allem haben wir es aber echt gut gemeistert. Und das, obwohl ich anfangs meine Zweifel hatte, ob es mit diesem Team klappen würde - ich kannte die Leute nicht sehr gut und manchmal kam es mir vor, als würden alle nur wie ein Hühnerhaufen durch die Gegend rennen. Handy zu benutzen ist übrigens verboten - bringt aber im Endeffekt auch nichts. Für alle Fälle gibt es Stift und Papier. Ganz analog also - wie zu Zeiten der kommunistischen Partei.

Es ist jedenfalls super unterhaltsam. Ich würde so ein Exit Game jederzeit wieder spielen - leider kann man das ja nur einmal. Aber es gibt noch viele andere Städte, in denen es Exit Games - auch "Room Escape Challenges" gibt. Wahrscheinlich steht bald mal eine Reise nach Budapest oder Belgrad an...

Bilder: www.exitgames.ro / https://www.facebook.com/exitgamesro/

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Weihnachten altfel

Altfel ist rumänisch für anders. Weihnachten in Rumänien ist anders. Auf den ersten Blick würde ich sagen mehr blinkende Lichter, mehr Kitsch und mehr Konsum. Aber das stimmt nicht ganz. In Deutschland habe ich nie Leute erlebt, die ein Spektakel auf der Straße aufgeführt haben oder nachts Lieder singend um die Häuser gezogen sind. Irgendwie scheint es also doch auch Herz zu haben.



Ich habe den Entschluss, den ich seit Jahren hege, Weihnachten ja nicht zu Hause zu verbringen, erstmals umgesetzt. Habe bei einer rumänischen Familie Weihnachten gefeiert. Und hier gibt es schon das erste Problem – was ist im Banat eigentlich rumänisch? Die Familie jedenfalls eine typische Banater Mischung, mit ungarischen, deutschen und rumänischen Anteilen. Ein typisch rumänisches Weihnachtsfest durfte ich zudem nicht erwarten, weil die Hausfrau aus gesundheitlichen Gründen Diät halten muss und somit Krautwickel und Sahnetorten für alle unter den Tisch fielen – darüber war ich aber gar nicht böse. Also war es in jeder Hinsicht anders als gedacht. Es gab kein Protokoll, keine Zwänge, keine Essenszeiten, keine Kirche, keine Gäste. Nur vier Personen, die einen Tag lang auf der faulen Haut lagen, so gut es eben ging. Es wurde natürlich viel gegessen und viel genascht zwischendurch, Geschenke gab es auch, aber irgendwie fand ich es alles sehr enstpannt. Kein „Oh, ist der Baum aber schön, so gleichmäßig gewachsen“ - zu meiner Freude gab es keinen echten Baum. 


Behinderte Weihnachtsbäume

Das alles ist natürlich ein sehr persönlicher Eindruck, aber es war ein sehr schönes Weihnachten. Heiligabend gibt es keinen Kartoffelsalat sondern Nudeln mit Mohn und Zucker. Den lärmenden Zigeunern, die verkleidet vorbeiziehen muss man etwas geben, wenn man das Fenster öffnet und herausschaut. Am zweiten Weihnachtsfeiertag haben die Geschäfte wieder offen, damit der Rumäne seiner Lieblingsbeschäftigung – Konsum – nachgehen kann. Viel mehr Erkenntnisse habe ich auch nicht aus meinem ersten halbwegs rumänischen Weihnachtsfest gezogen.


Mittwoch, 3. Dezember 2014

Leben auf der Dauerbaustelle


Temeswar ist eine einzige Baustelle. Sobald man in der Innenstadt zu tun hat, kann man seine frisch geputzten Schuhe vergessen. Wenn es regnet, klebt der Dreck an den Strumpfhosen oder Hosenbeinen, an den Stiefeln und Turnschuhen sowieso. In den Läden schleppen die Leute den Schmutz herein, in den Cafés... ganz Temeswar ist wie von einer feinen Dreckschicht überzogen.

Klar, wer Fortschritt möchte, muss in den sauren Apfel beißen, dass eben Späne fallen, wo gehobelt wird. Aber das Hobeln sollte von Anfang an zwei Jahre dauern, findet in der gesamten Innenstadt gleichzeitig statt und verzögert sich ständig. Denn sobald man mit dem Spaten in die Erde sticht, trifft man hier in der Stadt auf irgendwelches antikes Gerümpel, dass die Römer, die Daker, die Osmanen oder im Zweifelsfall die Habsburger hier gelassen haben. Ich als Historikerin verstehe natürlich, dass man sich das auch ansehen sollte und es ordentlich konservieren muss, aber im Endeffekt bedeutet es für mich, als Bewohnerin dieser Stadt, noch länger über irgendwelche Holzplanken an den Bauarbeitern vorbei zu balancieren.

Dazu kommt die Absurdität. Da wird mit dem Presslufthammer vor ein paar Wochen gegossener Beton wieder aufgerissen. Oder an der neuen Brücke der zwei Monate alte Fußweg mit großen Kratern versehen. Zwischen den Abraumhalden wirkt die Kunstinstallation, als gehöre das so. Die Vögel suchen wohl nach dem Sinn, aber der ist in den Erdhügeln auch nicht zu erkennen. 
Foto: Eye in the Sky
Für viele Lokale in der Innenstadt bedeutete die Dauerbaustelle bereits das Aus. Rumänien ist dynamisch, so ist es nicht - ständig entstehen an anderer Stelle neue Lokale. Aber das was einst einer der schönsten und belebtesten Plätze der Stadt war, ist nun seit über einem Jahr Dauerbaustelle. Dafür ist ein anderer Platz fast fertig, der Piata Libertatii / Freiheitsplatz. Ziegelrotes glattes Betonpflaster mit Altstadtpflaster zu Ringen um eine der ältesten Statuen der Stadt angeordnet ist so ziemlich der Gipfel des schlechten Geschmacks. Den Fotografen von Eye in the Sky hat es zu der Feststellung verleitet: Heute auf dem "Roten" Platz, ehemals Freiheitsplatz.




Samstag, 15. November 2014

Veränderungen, wohin das Auge blickt...

Ein Jahr bin ich nun in Timisoara- und es hat sich doch etwas getan seitdem. Die Baustellen, darauf werde ich noch kommen, bringen mich noch genau so zum verzweifeln wie vor Monaten, aber es gibt ein paar neue Sachen in der Begastadt.

Erstmal auf Arbeit, da ist mir folgendes auf der Hinweisetafel für Notfälle aufgefallen. Links neu, rechts alt.



"Do not express the fear" fand ich zugegebenermaßen besser. Aber die Infografik daneben ist immer noch super.


Dann ist Timisoara jetzt auch offiziell hipp, denn hier gibt es jetzt eine Suppenbar. Für nur 7 Lei erhält man einen Becher Suppe mit Brot zum Mitnehmen oder vor Ort essen. Die negativen Punkte vorweg - nur eine kleine Bank bietet außen Sitzgegelegenheiten und auch bei Verzehr vor Ort erhält man einen Wegwerfbecher und Plastiklöffel. Da ist noch Raum für Verbesserung, auch wenn das mit dem Freisitz wohl aufgrund der Lage Wunschtraum bleiben muss. Auf jeden Fall sehr lecker und Veggie-Optionen gibt es auch immer.

Zusätzlich dazu gibt es eine Menge neue superschicke Cafés. Am Domplatz hat inzwischen so ziemlich alles dicht gemacht - nach einem Jahr Baustelle kommt da wohl wirklich zu selten jemand vorbei.


Die Radwege - sie sind jetzt tatächlich an vielen Stellen fertig. Und auf diesem Schmuckstück hier kann man zum Beispiel an der Bega lang Richtung Serbien fahren. Ein europäisches Projekt, dass nicht nur ich gut finde - an sonnigen Sonntagen ist die Hölle los auf dem schmalen Asphaltstreifen.

Sonntag, 21. September 2014

Jahr II - Auf geht's!

Über ein Jahr bin ich jetzt schon hier in Timisoara. Die Zeit verflog natürlich rückblickend, aber ich habe das eine Jahr auch mit vielen interessanten Erlebnissen angefüllt. Ich fühle mich sehr wohl hier und das ist wohl auch der wichtigste Grund, warum ich nun in mein zweites Jahr starte. Ich könnte jetzt mal wieder über das Zuhause-Sein philosophieren und wo ich mich wohlfühle und wie ich mich doch noch fremd fühle und und und...

Aber das lasse ich bleiben. Ich werde nur sagen, wie schön die Zeit hier war und ist, auch aufgrund vieler toller Menschen die hier meinen Weg kreuzten. Ich will aber auch festhalten, dass ich manchmal extreme Anflüge von Heimweh habe, bedingt vor allem durch das Fehlen einiger Menschen, die in meinem Leben enorm wichtig sind. Mal wieder bewahrheitet sich, dass Orte austauschbar sind, aber wirklich großartige Menschen das Herz doch wieder an einen Punkt der Erde ziehen, der dann zu einem Lieblingspunkt wird. Über mein Lieblings-Leipzig zum Beispiel, habe ich ja erst kürzlich geschrieben.

Genug der Worte, die ich mir ja sparen wollte. Wenn der geneigte Leser drei Minuten Zeit hat, kann er ja stattdessen einer kleinen Diashow beiwohnen... Viel Spaß!


Montag, 15. September 2014

Love & Peace & Plai - Neuigkeiten von der Festival-Lichtung

Quelle: plai.ro
Das Plai-Festival hielt mich das ganze Wochenende gefangen. Plai ist ein Weltmusik-Festival in Timisoara, auf dem Gelände des Dorfmuseums im Jagdwald (Muzeul Satului in Padurea Verde). Ein sehr kleines Festival mit sehr vielen gut-gelaunten Menschen. Neben einer Hauptbühne mit drei Konzerten jeden Abend gab es zahlreiche Stände mit Infos über lokale Organisationen, Werkstätten für Kinder und Erwachsene - von Töpfern über Fotografie bis zu Upcycling alles Mögliche. Auf einer kleinen Bühne wurden ebenfalls Workshops geboten oder lokale Musiker spielten. Daneben gab es noch ein Filmzelt. Natürlich auch jeden Menge Essen und Trinken. Auch hier wurde lokal ganz groß geschrieben. Wenn man sich mit seinem Bier zurückzog und von der Wiese einen Blick zurück auf den Stand warf, stellte man fest, dass man das Bier gerade von seiner Lieblingskneipe gekauft hatte. Auch das Essen war lokal, wenn auch interkulturell gemischt. Von Schmalzbroten über indisches Essen hin zu einer Suppenbar war alles dabei. Die Preise für ein Bier waren sehr vernünftig (5 Lei, also 1,20 Euro) und fürs Essen natürlich auch weit unter deutschen Festivalstandards. Für die richtige Athmosphäre war auch gesorgt - auf der Wiese konnte man sich auf Europaletten und Fake-Strohsäcken gemütlich machen oder auf mit Stoff bespannten Autoreifen. Alles sehr gemütlich, aber leider aufgrund des Regens oft nur im riesigen Chill-Zelt zu genießen.

Der Regen war irgendwie dennoch gar nicht schlimm. Der schönste Festivalmoment war für mich, cu fetele [mit den Mädels] vom Deutschen Kulturzentrum in eben diesem Zelt zu sitzen und zu quatschen. Die Konzerte waren natürlich auch toll. Meine Lieblingsband des Festivals war, würde ich sagen, Asian Dub Foundation. Aber auch alle anderen Bands waren toll und jede in ihrem jeweiligen Musikstil einfach top. Es war eben Weltmusik, was natürlich heißt, dass es bei Flamenco oder Fado auch mal etwas ruhiger zugeht. Für die meisten Gäste waren wohl die Subcarpaţi das Highlight. Eine rumänische Band, die traditionelle rumänische Musik mit HipHop verbindet. Ich habe irgendwie das halbe Konzert gebraucht, um reinzukommen, dann war es ganz gut, aber erst hat es mir gar nicht gefallen. Ja, die Rumänen würden für diesen Kommentar auf mich einschlagen, denn die Leute sind total abgegangen. Naja, da zeigt sich mal wieder, dass Anpassung nicht vollkommen und ohne Vorbehalte möglich ist. 

Es waren jeden Fall drei ganz tolle Abende und das nicht nur wegen der Musik. Die Location im Dorfmuseum ist optimal, ich war mit netten Leute unterwegs, das Essen war gut, es war rundum zum Wohlfühlen. Außerdem ist der Riesenvorteil eines Heimspiels nicht zu unterschätzen - jeden Abend nach den Konzerten nach Hause zu radeln und in sein eigenes gemütliches Bett zu fallen ist schon ein Luxus. Der einzige Wermutstropfen war ein Bremsen- oder Wespenstich am Samstag, der am Sonntag mein Bein kräftig hat anschwellen lassen. Hässliches Souvenir, dass ich hoffentlich bald wieder los werde. Da ist mir doch mein Plai-T-Shirt lieber, dass ich auf dem Festival käuflich erwarb. 

Das Festival wird übrigens komplett von Freiwilligen organisiert. Vielleicht ist deswegen die Stimmung auch bei strömendem Regen noch gut, wer weiß. Die Leute können jedenfalls sehr stolz sein auf das, was sie da zustande bringen. Ich musste die ganze Zeit an Leute denken, denen die Musik und die Stimmung und das Drumherum auch so gut gefallen hätte. Ich denke hier an die Leute, die mit mir bei meinen ersten Festivals waren, die Leute, die gern durch meinen Garten hopsen, an das Fräulein aus Berlin und ein paar andere Erasmus-Kollegen von meinem Auslandssemester in Cluj, wie unseren Lieblingsschweden, an meinen Lieblingscouchsurfer aus Belgrad, an einige meiner jetzigen und gewesenen Kollegen auf unseren Ost-, Mittel- und Südosteuropaaußenposten und an Leute, die ich hier kennengelernt habe, die aber Temeswar leider wieder hinter sich gelassen haben. Aber naja, vor dem Plai ist nach dem Plai und vielleicht überlegt sich ja die oder der eine oder andere, bei der nächsten Edition vorbeizuschauen? 

Hier noch ein paar Bilder, die vielleicht Lust auf mehr machen...







Regenwolken? Die Sonne versteckt sich nur...


Mehr Infos zum Festival und ganz viele Bilder gibt es unter plai.ro und auf der Facebookseite (PLAIFestival).

Samstag, 28. Juni 2014

Totalausfall

Obwohl heftige Gewitter über Temeswar tosten, ist das nicht der Grund, warum ich keinen Strom hatte. Mein sogenannter „Sicherungskasten“ hatte sich mit einem Durchschmorren eines Kabels verabschiedet. Nicht, dass daraufhin irgendeine Sicherung rausgeflogen wäre. Nach kurzer Zeit Funkstille und einem ziemlich ekligen Geruch in der Luft, war der Strom wieder da.

Vorher

Ich fand das Ganze erwartungsgemäß nicht so toll. Ich rief meinen Vermieter an, der meinte „Sicherungen rausdrehen“. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf keinen Fall willens, den „Sicherungskasten“ auch noch irgendwie anzufassen. Also einen Elektriker-Notdienst anrufen. Der meinte, es könne nichts mehr passieren. Hatte aber ja auch den Stromkasten nicht gesehen. Die Hauptsicherung für die Wohnung suchen. Dazu die Verwalterin rausklingeln. Die kommt angeschlappt – es ist schließlich schon abends um neun, und klingelt erstmal noch weitere Nachbarn raus. Ob uns jemand helfen könnte, ob jemand Ahnung hätte? Schließlich drehte ein berherzter Anwohner aus dem 7. Stock die Hauptsicherung raus. Gut und nun? Ich packte mir ein paar Sachen ein, um woanders zu übernachten.

Am nächsten Tag kam ich wieder in die Wohnung und sah das Chaos – das Eis aus dem Eisfach im Kühlschrank war abgetaut und hatte die unmittelbare Umgebung des Kühlschranks unter Wasser gesetzt, inklusive einiger Lebensmittel im Kühlschrank. Ich wischte auf, schmiss die Lebensmittel aus dem Kühlschrank weg, wusch ab und machte mich wieder zu meiner Schlafgelegenheit auf. Zwischenzeitlich drehte ich die Sicherung noch kurz rein, um Mails zu checken. Der Strom funktionierte natürlich noch, es hatte ja bloß einen kleinen Kabelbrand gegeben. Beim nochmaligem Rausdrehen der Sicherung aber fiel mir selbige auf den Boden und das Porzellan platzte ab. Wovon redet die da, werdet ihr euch fragen, die diese alten Sicherungen zum Reinschrauben gar nicht mehr kennen. Glaubt mir, ich wüsste lieber auch nicht, von was ich rede.

Ein Handwerker war jedenfalls besorgt, um fünf am nächsten Tag sollte er kommen, die Rechnung würde ich von der Miete abziehen. Doch dann der Anruf vom Vermieter – er wolle selbst jemanden organisieren. Mein Vermieter wurde mitmJack Nicholson in „The Shining“ verglichen. Keine Ahnung, wie der aussieht, aber stellt euch einfach einen abgeranzten, versoffenen, stinkigen Rumä... Moment, stellt euch einen abgeranzten, versoffenen, stinkigen Typen von der Imbissbude im Problemviertel vor. Jetzt gebt ihm noch dunkle, an den Seiten schüttere und eklig fettige Haare. Als Accessoire könnt ihr ihm noch eine löchrige alte Reisetasche in die Hand drücken oder eine Plastiktüte. Japp. Also, nun stellt euch vor, was für einen Elektriker dieser Typ wohl kennt. Mich beschäftigte die Frage ein wenig, bis der Elektriker dann da stand.

Bis er da stand, dauerte es geschlagene zweieinhalb Stunden. Mein Vermieter kam kurz nach drei. Kündigte dann gleich an, dass der Typ kurz nach vier kommen würde. Aus irgendeinem Grund wurde es dann doch erst fünf. Kurz vor fünf wiederum brach draußen ein heftiges Gewitter los. Also konnte er natürlich nicht kommen. Inzwischen fragte ich mich, ob er tatsächlich mit dem Auto kommen würde oder mit dem Dreirad. Warum konnte er nicht trotz Regens fahren?

Also weiter warten. Innerlich fing ich schon an zu zweifeln, ob überhaupt nohc jemand auftauchen würde. Mein Vermieter, mit dem ich inzwischen über Rumänien gequatscht hatte und der sich schon das zweite Bier am Kiosk geholt hatte, meinte auch: „Ich hoffe er kommt.“, was mich nicht sonderlich beruhigte. Als er dann dastand, war ich zunächst positiv überrascht. Zwei ordentlich angezogene Typen mittleren Alters mit einem Werkzeugkoffer. Sie bauten den Sicherungskasten ab und stellten fest, dass das durchgeschmorte Kabel das von der Klingel sei. Da es durchgeschmort war, als ich die Waschmaschine gestartet habe, erschien mir das sehr logisch. Sie fanden noch ein weiteres fehlendes Stück Kabel und wollten dies nun irgendwie überbrücken. Neuer Sicherungskasten: Pustekuchen. 

Nachher.

Mein Vermieter wühlte in einer Kiste, die in der Küche rumstand und allerlei lustige Sachen enthielt - alte Duschschläuche und alte Stromkabel zum Beispiel. Prompt wurde eines der Stromkabel auf die passende Länge gekürzt und um den Sicherungskasten herumimprovisiert. Hauptsicherung wieder rein gedreht, fertig. So einfach kann das in Rumänien sein. Ich habe immer noch Angst, dass mir die Wohnung abfackelt, aber immerhin habe ich nun wieder Strom.

Später am Abend zeigte mir noch Manu Chao, wie man kreativ mit Stromausfällen umgeht und Hunderte Konzertgäste, dass man die gute Laune nicht verlieren sollte:



Donnerstag, 26. Juni 2014

Manu Chao in Temeswar

Sea lo que sea.
Pase lo que paso. 
Proxima estacion: Esperanza.


Ich war gestern auf dem Konzert von Manu Chao am Dorfmuseum (Muzeul Satului) in Timisoara und es war einfach großartig. Ich bin jetzt sicher nicht der größte Fan, hatte mir aber dennoch die Karte vor Wochen gekauft, weil ich sicher war, dass es fantastisch werden würde. Ich meine, die Musik schreit einfach nach Open Air, nach Party, nach ausgelassenem Tanzen. 

Schick, nicht?
Dabei schien die Party schon fast gefährdet. Den ganzen Tag regnete es in Strömen, zudem war ein Kabel an meinem Sicherungskasten durchgebrannt, so dass ich mit meinem ranzigen Vermieter dasaß und auf einen Elektriker wartete, den er kannte. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die ich auch noch erzählen werde. Ich sah mich also noch nicht vor der Bühne rumhüpfen. Schließlich gingen die Elektriker aber wieder und ich fing an, mich Matschepampe-gerecht anzuziehen. Das bedeutete Wanderstiefel, Strumpfhose und Jeansshorts, Tanktop, Longsleeve und Pulli. In meinem festivalgeeigneten Bauchtäschchen verstaute ich neben dem nötigen Kram eine zurechtgeschnittene Mülltüte, dann konnte es losgehen. Ich war für alles gerüstet. Es konnte losgehen.


Wir entschieden uns, aufgrund des Regens ein Taxi zu nehmen. Als wir zum Taxistand aufbrachen, stellte ich fest, dass die Karte noch in der Wohnung lag, aber noch war massig Zeit, also nochmal zurück. Der Einlass war herrlich unkompliziert - ohne Taschenkontrolle. Ein paar Mädels rissen einfach die Ecke vom Ticket ab, das war's. Schließlich standen wir eine halbe Stunde vor Konzertbeginn da, konnten in Ruhe noch ein Bier holen und quatschten schließlich noch ganz nett mit Bekannten. 

 
Kurz nach neun begann dann Manu Chao. Hier gab es die nächste Überraschung nach der fehlenden Taschenkontrolle - keine Vorband. Der Meister legte gleich los und machte seine Sache auch sehr gut. Ich fing praktisch sofort an zu tanzen und rumzuspringen. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, wie lange er spielte, aber bestimmt locker über eine Stunde. Irgendwann regnete es auch mal ein bisschen stärker, da zogen wir unsere Müllsäcke an. Dann machte er sich von der Bühne, um sich wieder rausklatschen zu lassen. Die Zugabe war fast noch besser. Dann wiederholte sich das ganze. Der alte Herr (er ist immerhin vor kurzem 53 geworden!) spielte eine Zugabe nach der anderen, heizte die Leute an, machte Stimmung, sprang auf der Bühne rum. Die Show war Wahnsinn, das Konzert war Wahnsinn. Obwohl wir nicht mehr konnten, blieben wir drei Stunden, bis zur dritten Zugabe oder so. Wir tanzten noch ein wenig auf der Wiese ein ganzes Stück weg von der Bühne, wo wir massig Platz hatten. Dann gegen zwölf traten wir doch den Heimweg an. Es war genug gewesen und man konnte wirklich nicht wissen, wie lange es noch gehen würde.


Es ist schade, dass es so geregnet hatte, denn bestimmt hat das viele potenzielle Besucher abgeschreckt. Ich fand es natürlich nicht schlecht, dass es nicht rappelvoll war, aber für die Organisatoren, die auch das Weltmusikfestival im Herbst organisieren, ist es natürlich schlecht, denn eventuell haben sie große finanzielle Verluste. Auf jeden Fall war es ein magischer Abend. Die, die sich haben abschrecken lassen, haben definitiv etwas verpasst. Die Location am Dorfmuseum ist auch cool. Vor der Bühne ist die Fläche mit Platten ausgelegt, so dass es kein Herumspringen im Schlamm geben muss. Dahinter ist eine Wiese mit ein paar Bäumen - bei mehreren tausend Leuten ist da die Sicht bestimmt nicht so gut, aber gemütlich ist es allemal.

Dienstag, 10. Juni 2014

Familienbesuch und Abenteuer offroad

Mein Bruder ist nach Temeswar gekommen, was mich sehr gefreut hat. Ich wollte ihm ein wenig Rumänien und Temeswar zeigen. Obwohl ich auch arbeiten musste, haben wir eine Menge unternommen. Die Hauptattraktion war wohl der Ausflug nach Lindenfeld.

 Mein Bruder kam am Freitag an und wir starteten sogleich zu einer kleinen Stadterkundung. Abends gingen wir noch ins Aethernativ und später auf ein Konzert im La Capite. Am nächsten Tag war ausschlafen angesagt. Danach stand der erste Ausflug an - einfach ein wenig durch die Gegend fahren auf der Suche nach vulkanisch-sprudelnden Schlammlöcher. Ich nehme es vorweg - wir fanden sie nicht. Was wir fanden war ein Brunnen mit Mineralwasser - irre, wenn man sich Sprudelwasser aus dem Brunnen schöpft - und ein paar sumpfige Wiesen. Wie sich am nächsten Tag herausstellte hatten wir es außerdem geschafft, uns bei der Tour über die Feldwege einen Platten zu fahren. Armer Karl. Aber so kam ich schließlich auch zu meinem ersten Kontakt mit dem Vulcanizare [Reifenflickerei] 50m von meiner Arbeitsstelle. Ruck zuck waren zwei neue Reifen drauf und das hat noch nicht mal viel gekostet. Am Samstagabend war zudem ein Rugby-Spiel. Es war zugleich das erste Rugbyspiel, dass ich in meinem Leben besuchte und das erste mal, dass ich ein Stadion betrat (Musikveranstaltungen ausgeschlossen). Ich feuerte natürlich unsere Jungs, das heißt, das Temeswarer Team an. Und die holten auch den Sieg. Sie sind ja auch Rumänienmeister im Rugby.


Nach einem lockeren Sonntag und einem ebenso ruhigen Montag - wir grillten mit Kollegen auf der Terasse des Hostel Costel - wurde es am Dienstag wieder spannend. Wir wollten nach Garâna / Wolfsberg fahren, um von da aus nach Lindenfeld zu wandern. Das Wetter sollte ganz gut sein und der Plan ging auch ganz gut auf. Wieder einmal übernachteten wir im gemütlichen La Rascruce, wo wir auch sehr gut zu Abend aßen.

Lindenfeld


Am Morgen gegen zehn Uhr trotteten wir los. Gute Laune, schöner Sonnenschein und ein Dorfhund als Begleitung. Wir liefen erstmal ein ganzes Stück, bis wir aus Wolfsberg raus waren. Dann mussten wir vorbei an mehreren böse bellenden Hunden und nach einer ganzen Weile entlang des Waldrands ging es schließlich durch den Wald. Es war hügelig und der Weg war schlecht, die Laune dementsprechend nicht mehr ganz so toll. Schließlich kamen wir endlich wieder aus dem Wald raus. 10km waren wir gegangen. Und standen vor drei oder vier gefährlich klingenden Hütehunden, die uns nicht vorbei lassen wollten. Ohne große Diskussionen drehten wir um - die ganzen 10km zurück. Einen anderen Weg gab es nicht.
Da wir Lindenfeld unbedingt machen wollten, beschlossen wir, nach unserer Ankunft in Wolfsberg noch einen zweiten Versuch zu starten und mit dem Auto nach Lindenfeld zu fahren. Es sollte eine Route geben. Sie führt von Westen über das Dorf Poiana an Lindenfeld heran. Der Weg ist extremst schlecht. Zunächst einmal verfuhren wir uns, weil wir eine Abzweigung, bei der wir das Auto einmal komplett hätten wenden müssen, ignorierten. Wir liefen einen Waldweg für ein paar Kilometer entlang. Inzwischen wurde es schon dunkel und uns klar, dass da nichts mehr kommen würde. Also zurück. Beim zweiten Versuch nahmen wir die Abzweigung und Karl quälte sich im ersten Gang und mit surrender Lüftung die Feldwege hoch. Noch einmal hielten wir zu früh, fragten Schäfer und fuhren schließlich ganz nah ran.
Zunächst war die Enttäuschung groß. Wirklich nur ein paar Mauerreste waren von ein paar Häusern geblieben, ein paar eingeknickte Zäune und alte Obstbäume. Wir sahen schließlich den Friedhof und liefen darauf zu. Dort trafen wir einen Schäfer, der ein Lamm suchte. Er erklärte uns, wo ungefähr die Kirche lag, die wir dann auch fanden. An der Straße mit der Kirche waren außerdem zwei neugebaute Häuser, beide noch nicht ganz fertig und mehrere zusammengefallene Häuser. Eines hatte noch ein Dach, dass aber eingefallen war, ein anderes wirkte noch recht intakt und jemand hatte auch ein Vorhängeschloss an der Tür angebracht. Der Schäfer hatte bei seiner Suche Unterstützung bekommen - ein älteres Schaf rannte blökend den Weg auf und ab, was vom Mäen des Lamms irgendwo im Gebüsch beantwortet wurde. Schließlich fand er es im Kirchhof.  Der Schäfer erklärte uns, das fast fertige neugebaute Haus gehöre jemanden aus Caransebes. Es wirkte, als sollte es vielleicht einmal eine Pension werden. Das andere neue, von dem nur Mauern standen, gehörte jemandem aus Deutschland. Als wir wieder gingen, bemerkten wir noch eine Kuh, die ihren Kopf aus einem improvisierten Schuppen steckte. Das Dorf schien den Hirten und ihren Tieren zu gehören.

Gegen 23 Uhr waren wir zurück in Temeswar. Am nächsten Tag gingen wir noch zum Poetry Slam, der vom Deutschen Kulturzentrum veranstaltet wurde und am letzten Tag noch zum Bierfest. Ich war ganz schön müde von der Woche, aber es war dennoch eine sehr schöne Zeit gewesen. Ich bin froh, dass ich nun endlich Lindenfeld gesehen habe. 

Sonntag, 25. Mai 2014

Der erste Stolperstein in Rumänien

Nein, diesmal geht es nicht um kulturelle Hürden sondern einen richtigen Stein - auch wenn man über ihn nicht tatsächlich stolpern soll, sondern eher im Geiste und im Herzen. Das Projekt Stolpersteine ist ein Kunstprojekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig. Die Steine mit kleinen Messingplatten sollen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Sie werden an Orten verlegt, wo Juden, aber auch Roma, Homosexuelle oder Regimegegner zuletzt freiwillig gewohnt haben. Der unbegreiflichen Zahl von sechs Millionen setzen sie ein nachvollziehbares Einzelschicksal entgegen. Ich bin sehr glücklich, Teil einer Initiative gewesen zu sein, die den ersten Stolperstein in Rumänien verlegt hat.


Der Stein liegt in Timisoara, im Stadtteil Fabric, einem meiner Lieblingsstadteile. Das Haus ist ein zweistöckiger Altbau, heute wohnen einige Familien darin und auch ein Büro ist im Erdgeschoss. Der Hof ist belebt mit Kindern, Essensgerüchen und Töpfeklappern aus den angrenzenden Wohnungen. Für den Stolperstein ist Gunter Demnig extra nach Rumänien gekommen - auch er hat sich über die Premiere gefreut. In Europa ist Rumänien nun das 18. Land in dem Stolpersteine liegen. Gunter Demnig möchte gern in allen Ländern verlegen, in denen Menschen im Nationalsozialismus verfolgt und in den Tod getrieben wurden. Da hat er sicher noch einiges vor, aber ein weiterer Schritt ist damit jetzt getan.


Die Verlegung an sich dauert nur ein paar Minuten. Das Loch war freundlicherweise von der Stadt bereits ordentlich vorbereitet worden. Sie hatte die Bauarbeiten an den Gehwegen in der Straße extra beschleunigt und so war noch in der Woche vor der Verlegung der Bürgersteig betoniert und geteert wurden. Ein kleiner Rahmen wurde eingesetzt, so dass ein Loch für den Stein blieb. Die Bauarbeiter halfen auch bei der Verlegung und rührten fleißig Beton an. Vor und nach der Verlegung war ein Rahmenprogramm geplant - eine Geigerin spielte ein Stück, die jüdische Gemeinde hielt eine kurze Ansprache und ein Gebet, die Organisatoren stellten das Projekt vor und auch der Künstler sprach ein paar Worte.


Lorant Bloch wurde 1909 in Lugoj geboren und starb nach einem Arbeitsunfall, während er im Kreis Arad Zwangsarbeit leistete. Andrei Ghidali von der jüdischen Gemeinde stellte nach der Verlegung fest: "Jetzt kann niemand mehr behaupten, in Rumänien hätte es keinen Holocaust gegeben." Meines Erachtens kann auch niemand behaupten, es hätte hier in Timisoara oder im Banat keinen Holocaust gegeben. Denn Holocaust bedeute nach meinem Verständnis die systematische Verfolgung von Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. Und wenn Menschen strukturell benachteiligt, enteignet, aus ihren Wohnungen vertrieben und zur Zwangsarbeit gezwungen sowie zum Teil auch deportiert wurden, ist das meines Erachtens Teil des Holocausts. Bloß weil im Banat die direkten Todesopfer vielleicht "nur" im drei- bis vierstelligen Bereich liegen - es ist für mich unmöglich eine Schätzung abzugeben - kann man nicht behaupten, dass es keine Judenverfolgung gab.

Einen Film über das Projekt, dass der Stolpersteinlegung vorausging, findet sich bei Youtube. Wenn man sich den Film bei Youtube anschaut, kann man unten rechts deutsche Untertitel einstellen.


Donnerstag, 20. März 2014

SkirtBike? DirtBike!

Ich schaue mir die Fotos von hübschen stilvollen Mädchen auf hübschen stillvollen Rädern sehr gern an und würde auch gern wie eine Elfe über das Altstadtpflaster schweben - in einem Kleid aus dem letzten Jahrhundert und sauber zurechtgelegten Haaren. Leider fehlt mir da wohl das osteuropäische Gen - nicht nur um für die entsprechenden Bilder zu posen, sondern auch um stilbewusst in die Pedale zu treten. Ich kann auch hübsch, so ist es nicht. Und ein schönes Kleid trage ich auch sehr gern, und etwas geschminkt bin ich auch hin und wieder. Aber ich habe nicht den Anspruch, jeden Morgen auszusehen wie ein Model, wenn ich auf Arbeit gehe und wenn ich eine Fahrradtour mache, dann bin ich ganz die Deutsche und zieh mir meine bequemen Hosen und die Fleecejacke an.



Ein Fahrrad ist eigentlich für mich ein Fortbewegungsmittel, dass mich zum Einkaufen bringt, zur Uni oder zum Badesee. Diese Stadt ist ein wenig Fahrrad unfreundlich, so dass ich in der Stadt kein Fahrrad benutze. Bei fehlenden Fahrradständern oder anderen Abstellmöglichkeiten und Baustellen in jeder zweiten Gasse und rar gesäten Fahrradwegen in Kombination mit unmöglichen Autofahrern behindert es eher. Wenn ich Fahrrad fahre, dann raus aus der Stadt und rein in die Natur. Gerade deswegen auch die bequeme Kleidung und ein paar Sneaker und ja, sogar ein Fahrradhelm. Ich will mir keine Gedanken darüber machen müssen, ob ich mein Kleidchen dreckig mache.



Das Ergebnis vom letzten Wochenende kann sich sehen lassen. Ich hatte sogar Dreckspritzer im Gesicht. Etwas mehr als 20km war die Erste Tour durch den Jagdwald und Giarmata Vii. Und es hat so einen Spaß gemacht. Es ist das erste richtige Mountainbike, dass ich besitze und ich liebe es schon jetzt. Auf viele spannende Touren!

Samstag, 15. März 2014

Rumänische Autofahrer

Soviel kann man sich denken - Autofahren in Rumänien ist nicht immer ein Spaß. Zweispurige Kreisverkehre verstehe ich so langsam, auch wenn sie mir immer noch Angst einflößen. Mit erhöhter Alarmbereitschaft fahren, und zwar immer, weil man nie weiß, was passieren könnte, ist sowieso das oberste Gebot. Doch nun ist nichts im eigentlichen Straßenverkehr passiert, sondern meine schlimmste Befürchtung eingetroffen - auf dem Parkplatz des Wohnblocks wurde mein treuer Clio Opfer einer brutalen Attacke. Als wir von einem Sonntagsausflug zurückkamen, fanden wir ihn demoliert und mit einem Zettel mit Telefonnummer an der Windschutzscheibe. Übel sah Karl aus...


Zudem war der gute um gute drei, vier Meter nach hinten geschoben - bei angezogener Handbremse eine beachtliche Leistung. Auch die umstehenden Autos waren ordentlich in Mitleidenschaft gezogen. Wie sich herausstellte, hatte eine Nachbarin mit ihrem neuen Gebrauchtwagen gleich vier Autos beim Einparken so richtig angefahren - vermutlich alles nur Blechschäden, dafür aber ordentliche. Da sich der Vorfall an einem Sonntag zutrug und die Nachbarin die Polizei nicht rufen wollte ("Was soll das bringen, da verschwenden wir nur unsere Zeit."), wurde vereinbart, am nächsten Tag bei der Versicherung vorstellig zu werden. Doch noch bevor ich bei der Versicherung eintraf (da es natürlich keine Kundenparkplätze gab, suchte ich zehn Minuten nach einer Parkmöglichkeit), wurde mir mitgeteilt umzudrehen und zur Polizei zu fahren, wo der Unfall aufgenommen werden musste, weil so viele Autos "beteiligt" waren. Mit zwei anderen Nachbarn, dem Ehemann einer Nachbarin, der Unfallverursacherin, ihrem Lebensgefährten und einem Freund der beiden stand ich schließlich in einem engen Raum mit zwei kleinen Fensterchen, an denen die zuständigen Beamten des Bereich "Tamponari" saßen. Das heißt tatsächlich so und bedeutet wohl soviel wie Auffahrunfall.


Alle trugen brav ihre Daten auf den Formblättern ein und zeichneten Skizzen des vermutlichen Unfallhergangs, nach einer Ewigkeit ging der Beamte mit uns raus, um sich die Autos anzuschauen. Da es natürlich auch bei den Tamponari keine Parkmöglichkeiten gab, mussten wir 200m die Straße hoch und runter laufen, um alle Autos aufzusuchen. Schließlich erhielten wir irgendwann das nötige Formblatt für die Versicherung. Zur selbigen fuhren wir geschwind, das heißt nach über zwei Stunden Polizei. Doch natürlich konnten die Herren von der Versicherung auch nichts machen, als uns einen Termin zu geben. Am Mittwoch also sollte ich wieder antanzen, wieder keinen Parkplatz finden, aber wieder mit dem Auto kommen müssen, da ja der Schaden aufgenommen werden musste. Inzwischen war mir irgendwie alles egal, ich nahm den erstbesten Termin und fuhr zur Arbeit.

Mittwoch also der nächste Versuch - neben mir war noch ein Nachbar mit einem ordentlichen Schaden an der Tür da, der am Montag gefehlt hatte. Ich parkte irgendwo, wo ich ziemlich im Weg sein musste und das Auto wurde fotografiert, außerdem wurden ungefähr all meine Daten aufgenommen - vom Ausweis bis zur grünen Versicherungskarte des Autos. Irgendwann durfte ich wieder weg - nur etwa über eine halbe Stunde hatte es gedauert. Beim Ausparken aus dem engen Parkplatz nahm ich noch einen Poller mit, dann konnte ich wiederum auf Arbeit fahren. Es würde eine Weile dauern, die Autos zur Reparatur freizugeben, weil so viele betroffen werden, sagte uns noch der Versicherungsmensch. Na toll. Ich solle trotzdem schon mal mit meinem zur Werkstatt, um den Schaden konkret feststellen zu können, schließlich könnte ja unter der eingedrückten Schnauze durchaus noch was kaputt sein. Dass ich bereits ständig zwischen zuhause, Polizei und Versicherungsbüro hin- und hergefahren war, interessierte scheinbar nicht.


Ich ging wiederum auf Arbeit und so auch am nächsten Tag - das Auto wollte ich in die Werkstatt bringen, wenn mein persönlicher Dolmetscher Zeit hatte, mitzukommen. Auto Schwab hatte ich mir ausgeguckt als Werkstatt meines Vertrauens. Die Schwaben, wie auch die deutsche Minderheit hier heißt, gelten als ordentlich und zuverlässig. Der Name ließ mich etwas Vertrauen fassen. Als nun der Versicherungsmensch etwa 24 Stunden nach unserem Versicherungstermin fragte, ob denn das Auto nun schon in der Werkstatt sei, entschied ich mich schließlich, es schnell zum Auto Schwab zu bringen. Wie sich herausstellte, eine Hinterhofbaracke mit zahlreichen zerstückelten Autoleichen auf dem Parkplatz. Der Mensch von der Versicherung könne erst in einer Stunde kommen. Da ich ohnehin nichts ausrichten konnte, ließ ich Karl schweren Herzens da. Mal sehen, wann ich ihn wieder heil und hergerichtet sehe und meine Hände um sein Lenkrad schmiegen darf.