Mittwoch, 3. Dezember 2014

Leben auf der Dauerbaustelle


Temeswar ist eine einzige Baustelle. Sobald man in der Innenstadt zu tun hat, kann man seine frisch geputzten Schuhe vergessen. Wenn es regnet, klebt der Dreck an den Strumpfhosen oder Hosenbeinen, an den Stiefeln und Turnschuhen sowieso. In den Läden schleppen die Leute den Schmutz herein, in den Cafés... ganz Temeswar ist wie von einer feinen Dreckschicht überzogen.

Klar, wer Fortschritt möchte, muss in den sauren Apfel beißen, dass eben Späne fallen, wo gehobelt wird. Aber das Hobeln sollte von Anfang an zwei Jahre dauern, findet in der gesamten Innenstadt gleichzeitig statt und verzögert sich ständig. Denn sobald man mit dem Spaten in die Erde sticht, trifft man hier in der Stadt auf irgendwelches antikes Gerümpel, dass die Römer, die Daker, die Osmanen oder im Zweifelsfall die Habsburger hier gelassen haben. Ich als Historikerin verstehe natürlich, dass man sich das auch ansehen sollte und es ordentlich konservieren muss, aber im Endeffekt bedeutet es für mich, als Bewohnerin dieser Stadt, noch länger über irgendwelche Holzplanken an den Bauarbeitern vorbei zu balancieren.

Dazu kommt die Absurdität. Da wird mit dem Presslufthammer vor ein paar Wochen gegossener Beton wieder aufgerissen. Oder an der neuen Brücke der zwei Monate alte Fußweg mit großen Kratern versehen. Zwischen den Abraumhalden wirkt die Kunstinstallation, als gehöre das so. Die Vögel suchen wohl nach dem Sinn, aber der ist in den Erdhügeln auch nicht zu erkennen. 
Foto: Eye in the Sky
Für viele Lokale in der Innenstadt bedeutete die Dauerbaustelle bereits das Aus. Rumänien ist dynamisch, so ist es nicht - ständig entstehen an anderer Stelle neue Lokale. Aber das was einst einer der schönsten und belebtesten Plätze der Stadt war, ist nun seit über einem Jahr Dauerbaustelle. Dafür ist ein anderer Platz fast fertig, der Piata Libertatii / Freiheitsplatz. Ziegelrotes glattes Betonpflaster mit Altstadtpflaster zu Ringen um eine der ältesten Statuen der Stadt angeordnet ist so ziemlich der Gipfel des schlechten Geschmacks. Den Fotografen von Eye in the Sky hat es zu der Feststellung verleitet: Heute auf dem "Roten" Platz, ehemals Freiheitsplatz.




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