Montag, 16. Mai 2016

Krieg in Halle

Seit ich nach Halle gezogen bin, begrüßen mich, sobald ich mit dem Auto in die Stadt fahre, Schilder, auf denen im ersten Augenblick nur Krieg zu lesen ist. Ein wenig beängstigend, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich um eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte handelt. Ich hatte dieser Ausstellung schon während der Museumsnacht einen kurzen Besuch abgestattet, aber war nicht abegeneigt, mir das Ganze noch mal ausführlicher anzusehen. Denn es schien auf den ersten Blick durchaus eine sehenswerte Ausstellung und ich hatte während der Museumsnacht nicht mehr genug Aufnahmefähigkeit. Da ich nun Besuch von einer Freundin aus München bekam, war das ein willkommener Anlass, noch einmal ein bisschen länger durch die Ausstellung zu gehen.

Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Beeindruckend an der Ausstellung ist zuerst einmal der Aufbau. Betritt man das Museum, sieht man sich Skeletten gegenüber: 47 Tote, zentral im Raum angebracht - das Massengrab der Schlacht von Lützen aus dem Jahr 1632. Rund um dieses zentrale Ausstellungsstück gibt es weitere Informationen zu der Schlacht, zu den Toten, zum Dreißigjährigen Krieg. 1632 kämpfte bei Lützen der Schwedenkönig Gustav Adolf gegen Wallenstein. Wer die Krieger waren, wie ihre Lebensbedingungen waren, mit welchen Waffen sie kämpften und an welchen Verletzungen sie starben, all das haben die Wissenschaftler rekonstruiert und für die Besucher aufbereitet. Das Leben einzelner Personen wird so gut es geht rekonstruiert, sogar die Gesichtszüge werden anhand des Schädels bei einer Person nachempfunden. 
Als besonderes Erlebnis kampierte am Pfingstwochenende eine Re-enactment-Truppe vor dem Landesmuseum. Das sind Menschen, die in zeitgemäßer Kleidung, mit nachempfundenen Waffen, Zelten, ja sogar Kochutensilien anreisen und Schlachten nachspielen - oder wie zu Pfingsten in Halle dem Publikum ihre Gewehre und Kanonen vorführen. Der Besucher kann die Waffe selbst mal in der Hand halten, kann Fragen stellen, wie das alles funktioniert(e) und sich über das Leben der Kriegsspielenden und damaligen Krieger erkundigen. Dadurch wurde das Thema natürlich noch greifbarer, zumal wir das Museum gerade verließen, als eine Vorführung der Musketen angesetzt war. Den tosenden Lärm hörten wir schon drinnen - und als wir raus kamen, sahen wir, dass die Musketiere direkt auf das auf der Vortreppe versammelte Publikum zielten. Trotz Platzpatronen wurde uns mulmig, und so stellten wir uns weiter an den Rand. Das Gespräch mit einem Musketier suchte ich trotzdem später noch. Mich interessierte nämlich, wie sich Freund und Feind eigentlich unterschieden im Schlachtgewimmel. Eine Armbinde in einer bestimmten Farbe, wie der Hobby-Söldner sie auch trug, hätten alle Kämpfer gehabt und ginge die verloren, gab es zur Not noch eine vorher festgelegte Parole. Dass aber nicht doch mal Leute aus dem eigenen Lager dran glauben mussten bei all dem Chaos, war nicht sicher. 

Die Schlacht und das Grab ist der Aufhänger der Ausstellung, doch dahinter steht die Frage, seit wann es in der menschlichen Zivilisation eigentlich Krieg gibt. Also die gezielte Auseinandersetzung einer Gruppe mit einer anderen. Schon bei den Primaten gibt es Mord und Totschlag, so zeigte die Ausstellung und Gewalt wohl auch schon seit der Urzeit. Das finde ich etwas ernüchternd, hätte ich doch gern geglaubt, dass Gewalt eine Folge der "modernen Zivilisation", wo auch immer man die ansetzt, ist. Aber auch in der Urgesellschaft gab es also schon Auseinandersetzungen, die ziemlich handgreiflich abliefen. Später gab es die ersten Stammeskonflikte und noch einmal später betritt der Krieg die Bühne der Menschheit. Interessant und nachvollziehbar ist, dass es zu Krieg kommt, dort wo Menschen sesshaft werden und der anderen, sich ausdehnenden Gruppe nicht mehr so einfach ausweichen können. Außerdem da, wo es um begrenzte Ressourcen geht - soweit logisch. Dass aber auch Schimpansen schon Territorialkonflikte mit anderen Gruppen austragen und dabei auch vor dem Töten nicht zurückschrecken, wusste ich nicht. Die Welt scheint weit weniger friedlich, als ich sie gern hätte. 

Ich bin jedenfalls froh, die Ausstellung, die leider nur noch eine Woche zu sehen ist, noch besucht zu haben. Sie ist interessant aufbereitet und regt zum Nachdenken an. Schließlich ist nicht umsonst ein Zitat von Albert Einstein am Ende der Ausstellung zu finden: 
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion stimmst du / stimmen Sie den Datenschutzrichtlinien dieser Seite zu.