"Das ist Hiddensee, Ed, verstehst du, hidden - versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, [...] wo man zurückkehrt in sich selbst, daß heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens [...]." (Lutz Seiler, Kruso)
Der September war anstrengend und mein eigentlicher Plan, Anfang Oktober nach Athen zu fahren, fühlte sich nach keiner guten Idee an. Eigentlich wollte ich einfach nur ein paar Tage Ruhe. Ein paar Tage zu mir kommen, ein paar Tage genau das tun, worauf ich Lust hatte, vielleicht am Meer sitzen, vielleicht lange Strandspaziergänge, vielleicht aber auch einfach Nichtstun. Den Hinweis auf die Insel bekam ich von einem lieben Menschen und kurz darauf fing ich an, statt Busse und Züge quer über den Balkan meine Reise mit Zug und Fähre Richtung Norden zu planen.
Irgendwie dachte ich, Hiddensee wäre so etwas wie das Ende der Welt. So ruhig und unberührt, wie ich annahm, war es keinesfalls, überall waren in dieser Woche rund um den Tag der Deutschen Einheit Touristen. Auch, dass ich mich in Stralsund im Biomarkt noch panisch mit ein paar Lebensmitteln eingedeckt hatte, war nicht nötig gewesen - es gab in Vitte, wo ich eine Unterkunft gefunden hatte, ausreichend Geschäfte, neben einem Supermarkt auch einen Laden mit Backwaren und Bio- sowie regionalen Produkten. Und ganz so verkehrsarm, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es dann auch nicht - über die Insel fährt der Inselbus, aber auch sonst habe ich einige, wenn auch wenige Autos gesehen (viele davon mit Elektroantrieb). Ich bewegte mich mit einem Faltrad vorwärts, dass ich mit auf die Insel gebracht hatte - wenn ich mich denn bewegte. Ich entschied mich auch viel fürs Tee trinken und Buch lesen, aber freute mich schon auch, schnell zum Zeltkino und Inseltheater zu kommen.
Trotz eher mittelprächtigen Wetters schaute ich mir beide Leuchttürme der Insel an, machte Strandspaziergänge, lief Richtung Steilküste und unternahm eine Wanderung durch den Dornbusch. Das war auch einer der schönsten Hiddensee-Momente: Gerade stand ich noch an der Steilküste und nach einem Aufstieg stehe ich auf einmal zwischen Bäumen und es riecht nach Wald. Ich ging bis zum Klausner, wo ich das Lokal aus Kruso nicht so recht wiedererkennen konnte, ging noch die wenigen Schritte zum Leuchtturm, bei dem aber die Aussichtsplattform geschlossen hatte, weil der Wind zu stark war. Ich ließ mich selbst fast wegpusten, genoss es für einen Augenblick, im Sturm zu stehen - Meer, Leuchtturm, Naturschutzgebiet und bevor ich die Kapuze gut festgezurrt hatte meine umherfliegenden Haare, die mir die Sicht auf all das nahmen.
Umherwirbelnde Haare, umherwirbelnde Gedanken, umherwirbelndes Ich. Stürmische Zeiten vor und hinter mir und dazwischen eine kleine Pause am Meer. Hiddensee, vielleicht nicht so versteckt und die Stimme des Herzens wachrufend, wie ich erhoffte, aber dennoch immer noch sehr gut, um der Hektik der Stadt und des Berufs für ein paar Tage zu entkommen.



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