Vor einigen Wochen war ich auf die "Deutsche Mythen"-Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn aufmerksam geworden. Ich entdeckte später noch, dass zur gleichen Zeit auch eine Abramović-Ausstellung in der Bundeskunsthalle stattfindet und so setzte ich mich an einem freien Wochenende in den Zug und machte mich auf den Weg an den Rhein.
Ich hatte mir noch einen Schlafwagenplatz im Base Camp Hostel reserviert. Das Konzept des Hostels ist, dass in einer großen Halle ganz viele Wohnmobile und Camper stehen, aber eben auch ein Nachtzug und zum Beispiel ein Trabi mit Dachzelt. Ich hatte mich also für ein Schlafwagenabteil im Zug entschieden, das war ich ja von zahlreichen Reisen schon gewöhnt, zudem dachte ich, es wäre wohl die lärmgeschützteste Variante in der großen Halle. Es war leider dann sehr heiß und demnach schlief ich nicht so gut, ich denke aber, dass ging auch den Leuten in den Campern nicht anders. Aber zunächst begab ich mich zur Kunsthalle, nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgelegt hatte. Dort war eine Ausstellung über die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die ich unbedingt sehen wollte. In der Ausstellung gab es Videos und Fotografien ihrer Kunstwerke zu sehen, aber auch Reperformances einiger ihrer Werke. Einige werden vielleicht schon mal von ihrer Perfomance "The Artist is Present" gehört haben, mit der die Ausstellung begann. Abramović saß drei Monate lang im Museum of Modern Art in New York und Besucher*innen konnten ihr gegenüber an einem Tisch mit zwei Stühlen Platz nehmen. Die Künstlerin blickte die Person dann einfach nur stumm, aber aufmerksam an. Die meisten Menschen beschrieben es als ein einmaliges Erlebnis. Zu sehen waren in Bonn Videos mit den Gesichtern der Menschen, die teilgenommen hatten und gegenüber an der anderen Wand das Gesicht Abramovićs, wie sie diese Menschen anblickte. Zudem war ein einfacher Tisch mit zwei Stühlen aufgebaut, an dem man selbst die Performance nachstellen konnte. Die Ausstellung war eine Art Werkschau, bei der ich viel über die Biographie erfuhr und das küntlerische Schaffen von Abramović nachvollziehen konnte. Ich war sehr beeindruckt und konnte, obwohl ich mir ein Kombiticket für das gesamte Museum gekauft hatte, in den anderen Ausstellung kaum noch etwas aufnehmen.
Am nächsten Tag startete ich gegen zehn zum Haus der Geschichte und schaute mir die Mythen-Ausstellung an. Diese war wirklich gut gemacht, räumte mit gängigen Narrativen wie Wirtschaftswunder und Öko-Nation auf, griff auch die Erzählungen der DDR und auf der anderen Seite der BRD auf und schaffte es durchaus auch, mich zu überraschen. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass der Käfer als Kraft-durch-Freude-Wagen konzipiert gewesen war und der Begriff "Deutsches Wirtschaftswunder" ebenfalls schon in den 1930er Jahren entstand - ironisch für den künstlich durch Staatsausgaben gepushten Aufschwung. So einiges von Trümmerfrauen zu Wirtschaftswunder durch deutschen Fleiß ist tatsächlich größtenteils Mythos mit wenig Wahrheitsgehalt, aber klar wurde auch: der Europäischen Union fehlen beispielsweise die Mythen und damit auch der Zusammenhalt. Denn das ist es, was Mythen machen, sie wirken als Kleber in der Gesellschaft. Was nicht beleuchtet wurde ist die Frage: Warum braucht es das? Sind wir nicht alle Menschen, die zufällig hier oder dort ihr Leben leben. Müssen wir uns durch nationale oder regionale Narrative von anderen abgrenzen?
Ich gehe normalerweise selten ins Museum, aber vielleicht sollte ich das wirklich öfter tun, wenn mich eine Ausstellung interessiert. Es ist zunächst einmal einfach lehrreich, aber es bringt mich auch raus aus meiner gewohnten Umgebung und Denkweise. Und davon möchte ich gern mehr haben.


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