In den letzten Oktobertagen besuchte
ich einen Freund im Harz. Ich hatte ihn vor über zwei Jahren in
Esslingen bei Stuttgart kennengelernt, als ich als Couchsurferin bei
ihm übernachtete. Nun hatte es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlagen,
in ein Gemeinschaftsprojekt auf einem ehemaligen Klinikgelände im
Harz. Das wollte ich mir unbedingt mal anschauen und so vereinbarten
wir, dass ich ihn besuchen würde.
Ich nahm mir vor, für zwei Tage
komplett offline zu gehen. Kein Facebook, kein Whats App, keine
Mails. Ich habe dann wirklich nur einmal ganz kurz das Internet auf
meinem Handy aktiviert, weil ich einen Anruf von einem Freund
verpasst habe und schauen wollte, ob er mir vielleicht anderweitig
geschrieben hat. Offline zu gehen kann ich wirklich für jeden
Kurzurlaub empfehlen, man ist sofort sehr viel entspannter und kann
auch schon bei nur zwei Tagen viel besser abschalten.
Ansonsten hatte ich nichts geplant. Ich
hatte meine Wanderstiefel für Ausflüge in die Natur dabei, aber ich
hatte keinerlei Erwartungen, was Unternehmungen angeht. Als ich
ankam, stromerte ich erstmal ein wenig über das Gelände der
ehemaligen Klinik. Es war ein Kinderkrankenhaus für
Lungenbeschwerden gewesen und insgesamt eine riesige Anlage, erbaut
in den 1930ern. Zum Teil kann man den Bauhaus-Stil noch deutlich
erkennen, vor allem bei den umliegenden Nebengebäuden. Am
Hauptgebäude der Klinik gefällt mir vor allem, dass die Räume alle
lichtdurchflutet sind, weil es eine große Fensterwand zum kleinen
Teich in der Mitte des Geländes gibt. Seit etwa 15 Jahren stand die
Klinik komplett leer, auch wenn es wohl zwei Investoren gegeben
hatte, die versucht hatten, etwas daraus zu machen. Seit letztem Jahr
haben es sich nun die „Gemeinschaftsstifter“, wie sich die Gruppe
nennt, zur Aufgabe gemacht dem Gelände wieder leben einzuhauchen.
Das Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen und viel ist noch
nicht zu sehen vom Gemeinschaftsleben – aber viele Menschen wohnen
momentan auch noch nicht da. Große Teile des Gebäudes sind immer
noch stark renovierungsbedürftig. Ich war fasziniert von den Bädern,
in denen noch Sticker mit Tiermotiven klebten und von den Zeichnungen
an den bröckelnden Wänden, die vor Ewigkeiten für die kleinen
Patienten aufgemalt worden waren. Ich stattete dem ehemaligen
Veranstaltungssaal einen Besuch ab (und konnte es nicht lassen, kurz
auf dem Trampolin zu hüpfen, dass in dessen Mitte stand, um es vor
der kalten Witterung draußen zu schützen). Ich schlich durch die
Räume, über die Dachterassen und die Treppenhäuser hoch und
runter. Es war fast schon gespenstisch still in diesem riesigen Haus.
Trotzdem, es ist „not a lost place at
all“, wie der Freund einst bloggte. Denn man spürt den Willen
vieler Menschen, hier eine ökologische Gemeinschaft aufzubauen. Wen
man auch trifft, wird diskutiert, über die Gruppe, über die
Ausrichtung, über die Finanzierung, über die Probleme. Die Menschen
haben sich hier mit Herzblut in eine Sache gehangen, die ganz groß
werden könnte, wenn sie es schaffen, Kompromisse zu schließen und
persönliche Konflikte außen vor zu lassen. Eine Mammut-Aufgabe, wie
es scheint, ungefähr so riesig wie die Anlage selbst, aber dennoch
machbar.
Es waren zwei unglaublich inspirierende
Tage im Harz. Ich traf einige Menschen, denen ich mich sofort sehr
nahe fühlte. Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl an diesem Ort.
Ganz davon abgesehen, dass die Gegend auch wunderschön ist.
Quedlinburg gehört nicht zu Unrecht zum UNESCO-Weltkulturerbe und
der Harz im Spätherbst ist sowieso eine Reise wert. Während das
Laub von den Bäumen schneit und der Dampfzug der Selketalbahn durchs
Tal pfeift, kann man kaum anders, als sich gut zu fühlen.
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