Montag, 2. November 2015

Auszeit im Harz

In den letzten Oktobertagen besuchte ich einen Freund im Harz. Ich hatte ihn vor über zwei Jahren in Esslingen bei Stuttgart kennengelernt, als ich als Couchsurferin bei ihm übernachtete. Nun hatte es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlagen, in ein Gemeinschaftsprojekt auf einem ehemaligen Klinikgelände im Harz. Das wollte ich mir unbedingt mal anschauen und so vereinbarten wir, dass ich ihn besuchen würde.

Ich nahm mir vor, für zwei Tage komplett offline zu gehen. Kein Facebook, kein Whats App, keine Mails. Ich habe dann wirklich nur einmal ganz kurz das Internet auf meinem Handy aktiviert, weil ich einen Anruf von einem Freund verpasst habe und schauen wollte, ob er mir vielleicht anderweitig geschrieben hat. Offline zu gehen kann ich wirklich für jeden Kurzurlaub empfehlen, man ist sofort sehr viel entspannter und kann auch schon bei nur zwei Tagen viel besser abschalten.

Ansonsten hatte ich nichts geplant. Ich hatte meine Wanderstiefel für Ausflüge in die Natur dabei, aber ich hatte keinerlei Erwartungen, was Unternehmungen angeht. Als ich ankam, stromerte ich erstmal ein wenig über das Gelände der ehemaligen Klinik. Es war ein Kinderkrankenhaus für Lungenbeschwerden gewesen und insgesamt eine riesige Anlage, erbaut in den 1930ern. Zum Teil kann man den Bauhaus-Stil noch deutlich erkennen, vor allem bei den umliegenden Nebengebäuden. Am Hauptgebäude der Klinik gefällt mir vor allem, dass die Räume alle lichtdurchflutet sind, weil es eine große Fensterwand zum kleinen Teich in der Mitte des Geländes gibt. Seit etwa 15 Jahren stand die Klinik komplett leer, auch wenn es wohl zwei Investoren gegeben hatte, die versucht hatten, etwas daraus zu machen. Seit letztem Jahr haben es sich nun die „Gemeinschaftsstifter“, wie sich die Gruppe nennt, zur Aufgabe gemacht dem Gelände wieder leben einzuhauchen. Das Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen und viel ist noch nicht zu sehen vom Gemeinschaftsleben – aber viele Menschen wohnen momentan auch noch nicht da. Große Teile des Gebäudes sind immer noch stark renovierungsbedürftig. Ich war fasziniert von den Bädern, in denen noch Sticker mit Tiermotiven klebten und von den Zeichnungen an den bröckelnden Wänden, die vor Ewigkeiten für die kleinen Patienten aufgemalt worden waren. Ich stattete dem ehemaligen Veranstaltungssaal einen Besuch ab (und konnte es nicht lassen, kurz auf dem Trampolin zu hüpfen, dass in dessen Mitte stand, um es vor der kalten Witterung draußen zu schützen). Ich schlich durch die Räume, über die Dachterassen und die Treppenhäuser hoch und runter. Es war fast schon gespenstisch still in diesem riesigen Haus.

Trotzdem, es ist „not a lost place at all“, wie der Freund einst bloggte. Denn man spürt den Willen vieler Menschen, hier eine ökologische Gemeinschaft aufzubauen. Wen man auch trifft, wird diskutiert, über die Gruppe, über die Ausrichtung, über die Finanzierung, über die Probleme. Die Menschen haben sich hier mit Herzblut in eine Sache gehangen, die ganz groß werden könnte, wenn sie es schaffen, Kompromisse zu schließen und persönliche Konflikte außen vor zu lassen. Eine Mammut-Aufgabe, wie es scheint, ungefähr so riesig wie die Anlage selbst, aber dennoch machbar.

Es waren zwei unglaublich inspirierende Tage im Harz. Ich traf einige Menschen, denen ich mich sofort sehr nahe fühlte. Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl an diesem Ort. Ganz davon abgesehen, dass die Gegend auch wunderschön ist. Quedlinburg gehört nicht zu Unrecht zum UNESCO-Weltkulturerbe und der Harz im Spätherbst ist sowieso eine Reise wert. Während das Laub von den Bäumen schneit und der Dampfzug der Selketalbahn durchs Tal pfeift, kann man kaum anders, als sich gut zu fühlen.

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