Es gibt da ein Häuschen in Sachsen in dem ich ab und zu meine Wochenenden verbringe. Ich habe auch schon mal kurz da gewohnt, in der Zeit entstanden einige amüsante Landleben-Texte. Lange halte ich es leider nie da aus - die Einsamkeit ist erdrückend. Das Haus liegt zwar in einer Siedlung, aber mit den Nachbarn kann ich nichts anfangen. Aber hin und wieder muss ich vorbeifahren, damit eben diese Nachbarn sich nicht beschweren, dass die Hecke verwildet, der Rasen nicht gemäht ist oder die Einfahrt zugewachsen. Ich liebe meinen kleinen Dschungel hingegen und freue mich jedes Mal, wenn ich komme, welche Blumen gerade blühen. Ich bin der festen Überzeugung, dass in meinem wilden Garten zwei- bis dreimal soviele Tiere leben, wie in den sauber gestutzen Nutzgärten der anderen. Allein für Insekten muss es doch ein Paradies sein. Und für mich ist es das manchmal auch, auch wenn ich es oft auch als Last wahrnehme.
Ich bin gestern gegen Mittag aufgebrochen. Ich hatte noch eine Verabredung zum veganen Sommerfest auf dem Markt und fuhr deshalb erst danach los. Schon auf der Autobahn merkte ich - mit Hecke schneiden und Rasen mähen wird das wohl nichts - es regnete stark. Als ich schließlich da war, sah es nicht viel besser aus. Aber die Hecke war nicht mein einziger Grund für den Ausflug nach Sachsen gewesen. Ich hatte auch noch etwas zu erledigen und außerdem dachte ich mir, dass ein Teil der Beeren reif sein würde. Und so schlüpfte ich in ein paar Gummistiefel, zog einen Kittel über und schlug mich ins Gebüsch. Das ist ein winziger Minuspunkt am Verwildernlassen des Gärtchens - ich komme eben an die Johannisbeerbüsche auch nicht mehr so gut ran. Aber noch viel besser als Johannisbeeren sind Jochelbeeren. Das ist eine Kreuzung aus schwarzer Johannisbeere und Stachelbeere und davon habe ich einige Büsche in ebendiesem Garten. Die Beeren schmecken auch wie eine Mischung aus ebendiesen Beeren, einfach lecker. Nach kurzer Zeit hatte ich eine Schüssel Jochelbeeren und eine Schüssel Rote Johannisbeeren gepflückt. Aus denen wollte ich wieder Marmelade machen.
Dazu kam ich aber erst am Abend, nachdem ich noch andere Dinge erledigt hatte. Außerdem nutzte ich den Moment, als der Himmel aufklärte und ging mit der elektrischen Heckenschere auf die Hecke los. Oder auf das verwucherte Ding aus Buchsbaum, Brombeere und anderen Pflanzen, das den wackeligen Holzzaun zusammenhält. Wirklich schön wurde das natürlich nicht, denn die Hecke ist relativ hoch, ich aber nicht, die Heckenschere ist ein paar Kilo schwer und ich habe keine Armmuskeln und Geduld und Feingefühl, damit es gerade wird, fehlen mir auch. Ich zerrupfte demnach die Hecke eher mit dem Gerät, aber niemand kann mehr sagen, dass ich mich nicht um den Heckenschnitt kümmern würde.
Als ich am Abend gegen elf ins Bett sank, beschloss ich, mein Telefon einfach auszuschalten. Ich wollte aufstehen, wann immer ich wach wurde und gleich in einem Steinbruch in der Nähe schwimmen gehen. Ich wachte schließlich kurz vor acht auf und der strahlend blaue Himmel bestätigte mein Vorhaben. Ich schlüpfte in eine Shorts und ein T-Shirt und klemmte mir ein Handtuch auf den Gepäckträger, dann radelte ich gleich ohne Frühstück los. Nach dem Fußballspiel, von dem ich keine Ahnung hatte, wie es ausgegangen war, war niemand auf der Straße. Ich sah in der Ferne einen Radfahrer und eine Zeitungsausträgerin, mir kam ein einziges Auto entgegen und zwei Katzen kreuzten meinen Weg. Dabei ist die Strecke immerhin drei, vier Kilometer lang. Als ich am See ankam, hörte ich jedoch Menschen, die sich unterhielten. Ich hatte mich so darauf gefreut, allein zu sein. Da ich keinen Badeanzug oder Bikini dabei hatte, hoffte ich darauf, die Menschen wenigstens nicht zu kennen - ich wollte ungern nackt vor alten Klassenkameraden stehen. Es waren dann mir fremde Menschen, die ich mit einem freundlichen Guten Morgen grüßte und rausschwamm. Das Wasser war herrlich. Für mich ein wunderbarer Start in den Tag.
Nachdem ich vom See zurück war, ordnete ich dann aber recht schnell wieder meine Sachen und fuhr nach Halle, denn lange halte ich es allein nicht aus in diesem Häuschen. Steinbruch und Jochelbeerstrauch können mich am Ende doch nicht da halten - ganz abgesehen davon, dass ich jetzt ja in Halle einen interessanten Job habe. Vielleicht ergibt sich ja noch eine ganz andere Möglichkeit. Bei meinem Kurzaufenthalt habe ich entdeckt, dass in dem Pflanzkübel neben der Hintertür ein Jochelbeerstrauch wuchert - es wäre doch auch eine Möglichkeit, den auszugraben und mitzunehmen, wenn ich woanders einen neuen Versuch "Landleben" starte...