Mittwoch, 28. September 2016

Ausflug ins Donaudelta - Die Suche nach den Pelikanen


 Ich habe ungefähr drei der letzten neun Jahre in Rumänien verbracht. Da sollte ich wirklich so langsam alles kennen. Andererseits habe ich auch über 25 Jahre in Deutschland verbracht und war zum Beispiel noch nie in den Alpen oder an der Nordseeküste. Aber in Rumänien war ich, denke ich, weit häufiger touristisch unterwegs als in Deutschland: kurze und längere Ausflüge während ich dort studierte oder arbeitete, Studienexkursionen, Projekte, Urlaube. Maramuresch, Banat, Siebenbürgen, Schwarzmeerküste, Moldau, Bukarest, alles mal besucht. Nur das Donaudelta fehlte mir nun noch und das wollte ich ändern. Ich hatte einer Freundin versprochen, im Sommer nach Rumänien zu kommen und sie bei einem Festival zu treffen. Aufgrund der Entfernung bot es sich allerdings an länger als nur dafür in Rumänien zu bleiben. Ich überlegte also, was ich mit meinen restlichen Urlaubstagen anstellen konnte. Da ich schon so oft im traumhaften Siebenbürgen unterwegs gewesen war, entschied ich mich, für ein paar Tage ins Donaudelta zu fahren. 

Leider konnte die Freundin nach dem Festival nicht weg und so brauchte ich andere Gesellschaft. Ich hatte auch überlegt, allein zu fahren, aber irgendwie ist es zu zweit doch besser - alleine wäre ich wohl kaum im Kanu losgepaddelt. Außerdem ist es angenehm, seine Eindrücke teilen zu können. "Schau mal da, ein Pelikan!", klingt halt einfach als Selbstgespräch nicht so gut. Ich hatte also über eine Internetreiseplattform jemanden gefunden, kurz mit ihm telefoniert und mir gedacht, dass es schon passen würde mit uns. Ein bisschen Grundvertrauen in die Menschheit gehört natürlich dazu, wenn ich einen fremden Mann fern der Heimat treffe, um in mit ihm in eine mir unbekannte Gegend zu fahren. Mein Reisegfährte und potenzieller Axtmörder stellte sich aber als sehr sympathischer Mensch heraus, der mir in keiner Weise zu nahe trat oder versuchte, mich auszurauben oder umzubringen. Und leider muss ich auch alle enttäuschen, die sich eine Romanze erwarten, es war einfach nur eine sehr angenehme Reisebegleitung.

Ich traf den Reisegefährten in Sibiu. Ich hatte bereits Tickets nach Tulcea mit Umstief in Medgidia gekauft. Der erste Zug war ein Nachtzug Richtung Schwarzmeerküste - allerdings, wie ich schon beim Kauf des Tickets mit Erschrecken festgestellt hatte, ohne Liegewagenabteile. Anfangs saßen wir noch recht bequem in dem Zug, der total überhitzt war, weil die Klimaanlage erst angemacht wurde, als er los fuhr und die Waggons davor wer weiß wie lange in der Sonne gestanden hatten. In dem Maße, in dem sich der Zug abkühlte, wurde er aber auch voller. Familien und junge Leute waren es vor allem, die wohl billig ans Meer wollten. Und sie hatten Koffer dabei, als wollten sie dahin umziehen. Wir waren eingequetscht zwischen jungen Rumänen, die noch dazu kleine Boxen für ihre Handys dabei hatten und Musik abspielten. Ich habe gefühlt keine Minute geschlafen in dieser Nacht, die scheinbar nie enden wollte. In Medgidia standen wir uns dann am Bahnhof die Beine in den Bauch. Die Sonne ging irgendwann auf, unser Zug kam irgendwann und wir zuckelten im Schneckentempo weiter durch die Dobrudscha. So nennt man den Landstrich an der Schwarzmeerküste.

Schließlich fuhren wir in Tulcea ein. Ich hatte das Gefühl, ordentlich zu stinken nach einem sonnigen Tag und einer Nacht in einem überfüllten Zug und hätte alles gegeben, um kurz ins Meer oder anderweitig ins Wasser zu hüpfen. Der See, der im Reiseführer als eine Art Naherholungsgebiet angepriesen war, erwies sich aber als dreckiger Tümpel und so fiel das aus. Wir warteten auf die Fähre nach Sulina. An der Ablegestelle hatte sich ein Pulk Menschen gebildet, die alle einen Platz auf der Fähre ergattern wollten. Überraschenderweise ist ja am Ende doch immer Platz für jeden. Wir erwischten schöne Plätze an der Reling, so dass wir die ganze Fahrt über Donau, Ufer und vorbeiziehende Boote beobachten konnten. Irgendwann kam dann ein älterer Herr namens Pavel und quatschte meinen Reisegefährten voll. Der sprach kein Rumänisch, aber Pavel war glücklich, als er feststellte, dass ich dolmetschen konnte. Wir unterhielten uns eine Weile mit ihm, wobei Pavel natürlich feststellte, dass wir ein wunderbares Paar waren. Ich war zu müde und zu fertig, um ihm zu erklären, dass wir das mitnichten seien. Manchmal ist es einfacher, Erwartungen zu erfüllen.

In Sulina angekommen, waren da eine Menge Menschen, die das Boot in Empfang nahmen, um Zimmer zu vermitteln. Wir brauchten natürlich was und holten Angebote ein. Wir hatten die Wahl zwischen einer zentrumsnahen Variante im Wohnblock und einer Pension näher am Strand. Uns zog es erstmal zum vermeintlichen Luxus, der Pension in Strandnähe. Die geschäftstüchtige Betreiberin pries uns das Zimmer an, wir dachten aber vermutlich beide nur an den Strand und daran, bald ins Wasser springen zu können. Wenn wir wiederkommen würden, hätte unsere Gastgeberin schon den Fisch fertig und wir konnten nach dem Abendessen einfach nur noch ins Bett fallen. Der Strand war weit weniger idyllisch, als wir uns das vorgestellt hatten, aber immerhin, es gab Meer und somit kühlendes Nass. Und wir entfernten uns einfach ein wenig vom beschirmten Bereich des Strandes, da war es auch schon viel menschenleerer. Die anschließende Dusche war nicht gerade erhebend, das Badezimmer war ziemlich grottig, aber immerhin war das Abendessen lecker. Wir aßen natürlich Fisch. Ich lebe ja flexitarisch, aber überwiegend vegetarisch und zuhause-vegan. Aber bei einem Ausflug ins Donaudelta war mir schon klar gewesen, dass ich eine Menge Fisch essen würde. Ich hoffe, dass der Fisch regional geangelt und nicht aus überfischten Gewässern importiert war. Jedenfalls war er ziemlich lecker. Als wir jedoch das Licht auf der Terasse anschalteten, kamen die Mücken und ließen uns nicht zu Ende essen. Sie stachen uns, unsere Hände, den Fisch auf dem Teller und sogar in den Maisbrei. Nur war es ja auch nicht möglich, Fisch ohne Licht zu essen. Ich habe immer ein wenig Panik, Gräten zu verschlucken und bin auch nicht besonders geübt darin, sie vom Rest des Tieres zu trennen.

Wir suchten für die zweite Nacht dann erstmal eine neue Unterkunft, denn das Preis-Leistungs-Verhältnis war nicht besonders gut. Wie sich herausstellte, reichte es, sich an eine Ecke der Hauptstraße zu stellen und fragend zu gucken. Im Nu hatten wir ein Privatzimmer bei einer Frau und ihrem erwachsenen Sohn in deren Wohnung im Block. Aber das Bad war sauber, das Zimmer war sauber, und wir hatten für ein Drittel weniger Geld alles, was wir brauchen. Klar wir reden hier von 120 Lei (ca. 27 Euro) gegen 80 Lei (ca. 18 Euro) fürs Doppelzimmer. Aber auch wenn wir keine fünf Euro pro Person sparten, kam uns die neue Bleibe viel schöner vor. Wir erkundeten noch den Friedhof, der berühmt war, weil hier Menschen und Seefahrer aus aller Herren Länder begraben lagen und gingen auch an diesem Tag wieder an den Strand.


Am nächsten Morgen nahmen wir dann in aller Frühe die Fähre nach Crisan. Beim Ablegen in Sulina bot sich der Blick auf einen atemberaubenden Sonnenaufgang. Das frühe Aufstehen hatte sich schon allein deswegen gelohnt. In Crisan wollten wir uns ein Kanu mieten und eine zweitägige Tour durchs Donaudelta machen. Aufgrund des Reiseführers hatte ich Mila 23 als Ziel auserkoren. Das ist im Übrigen kein Frauenname mit Altersangabe, sondern bedeutet Meile 23, also die 23. Meile gezählt ab der Mündung der Donau ins Schwarze Meer. Nach einigem Rumfragen fanden wir auch den Zeltplatz mit Kanuverleih, den der Reiseführer empfohlen hatte und wo ich uns schon angekündigt hatte. Die Kanus standen bereit, wir packten alles Nötige in einen Packsack und ließen die Rucksäcke zurück. Dann ging es nach einem kurzen Abstecher in den Lebensmittelladen auch gleich los.

Auf dem Sulina-Arm der Donau zu manövrieren, erst recht flussaufwärts, war gar nicht einfach. Wir gerieten immer wieder in eine Strömung, die uns quer stellte, mühten uns ab, auch nur ein paar Meter vorwärts zu kommen und die paar Kilometer, die es angeblich bis zur Einmündung des Kanals Richtung Mila 23 waren, kamen uns endlos vor. Irgendwann hatten wir es aber geschafft und in den ruhigeren Nebenkanälen war es viel entspannter, wenn nicht gerade ein Motorboot der Fischer oder vollgepackt mit Touristen vorbeipreschte. Unser Kanu kam ganz schön ins Schaukeln jedesmal, aber wir kenterten nicht. Bloß gut, die Eskimorolle hatten wir nicht geübt. Die Touristen machten manchmal auch Bilder von uns und wir überlegten, dass der Reiseführer wohl grad sagte: "Und hier sehen sie deutsche Touristen bei ihrem typischen Zeitvertreib.", und mir ging es etwas auf die Nerven, wie ein Zootier angestarrt zu werden. Wir waren wirklich die einzigen Paddler weit und breit - wir begegneten keinem anderen Boot, was mit Muskelkraft betrieben war. Dabei war es viel schöner, ohne Motorenlärm die Stille zu genießen, den Fröschen beim Weghüpfen zuzuschauen, Komorane und Reiher zu begutachten, und anzulegen, wo wir wollten.

Mila 23 ist so gar nicht das romantische Fischerdorf, welches die Reiseführer anpreisen. Es gibt viele neugebaute große Pensionen mit etlichen Zimmern und doch fanden wir keine, die ein Zimmer für uns hatte. Dabei sah man nirgends Touristen. Wir hatten da zwei Theorien: Entweder waren es Touristen, die den ganzen Tag in den Angel-Gewässern unterwegs waren oder anderweitig Touren machten oder die Pensionen hatten keine Gäste und wollten sich nicht die Mühe machen, wegen einem Zimmer den gesamten Betrieb "hochzufahren". Schließlich fanden wir doch noch eine schöne Pension, deren Namen mir leider nicht mehr einfallen will und wo wir eines der zwei kleinen Gartenhäuschen beziehen konnten. Unser Kanu zerrten wir auf den zur Pension gehörigen Steg und gönnten uns eine riesige Fischplatte zu zweit. Dazu wurden lokaler Kaviar, Knoblauchpaste, Fischbällchen und Maisbrei gereicht und als wir satt und zufrieden waren, wies uns die Kellnerin darauf hin, dass sie gleich das Dessert bringe. Aber was heißt eigentlich gönnen - das Essen kostete uns etwa acht Euro pro Person, die unterkunft noch mal elf.


Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, um zu den Pelikanen zu fahren. Denn das war eines der Hauptziele dieser Paddeltour - Pelikane in freier Natur. Wir steuerten unser Kanu über einen flachen See und entdeckten auf einem Baumstumpf schon den ersten großen Vogel - das konnte doch nur ein Pelikan sein? Aber obwohl wir uns anschlichen, hatten wir keine Chance - er flog davon. Wir manövrierten das Boot weiter und hatten schließlich später auf einem kleineren See doch noch Glück - eine Gruppe von vielleicht 20, 30 Tieren war gerade beim Mittagessen und fischte mit den Schnäbeln im See rum. Als wir zu nahe kamen, flogen auch sie davon, aber wir kamen doch ganz schön nah mit unserem Kanu. Ziemlich beeindruckende Tiere.


Nach dem Paddelausflug stellten wir unsere Zelte auf dem Campingplatz in Crisan und suchten das einzige Lokal im Ort, welches dummerweise am anderen Ende des Ortes lag und damit einen guten Fußmarsch entfernt. Denn Crisan besteht praktisch nur aus einer sehr langen Straße entlang des Donauarms. Als wir vom Essen wiederkamen, tranken wir noch Bier und Pflaumenschnaps mit den zwei Österreichern, die eine Fahrradtour entlang der Donau gemacht hatten. Für sie ging es nun weiter nach Istanbul, für uns zurück nach Tulcea und dann Bukarest am nächsten Tag.

Das Donaudelta war definitiv einen Besuch wert. Vielleicht war es nicht gerade die richtige Ecke davon, denn anderswo hätten wir vielleicht noch mehr Natur und Naturbelassenheit erlebt. Aber es war eine schöne Erfahrung und ich würde vielleicht sogar noch mal hinfahren und noch andere Ecken davon entdecken.

Sonntag, 11. September 2016

Ein Zelt in der Kirchenburg und eine Bühne neben dem Pfarrhaus - Holzstock-Festival 2016

Eine recht profane Umnutzung erfuhr das Gelände der Kirchenburg in Holzmengen Mitte August. Die Jugendlichen der Deutschen Minderheit in Hermannstadt / Sibiu verwandelten das Gelände mit einigen helfenden Händen in eine Festivallocation. Eine professionelle Bühne wurde organisiert, eine Wasserrutsche gebaut, Campingplätze ausgewiesen, die Scheune in einen Chillout-Bereich verwandelt, ein zweiter Feuerplatz angelegt, die organisierten Caterer eingewiesen und die Musiker begrüßt. Was folgte, waren zwei wunderbare Abende in fantastischer Stimmung.

Mein Rumänienurlaub startete mit dem Festival. Ich traf nach einer 24-stündigen Reise von Halle über Dresden und Budapest mit dem Zug gegen elf Uhr morgens in Sibiu ein. In Rumänien angekommen war ich eigentlich schon, als ich die Augen aufschlug, aus dem Zugfenster spähte und diese wunderbare Landschaft sah. Gefühlt hatte ich sogar schon beim Betreten des Zuges im Budapester Bahnhof rumänischen Boden betreten, weil sowohl meine Mitreisende im Abteil als auch der Zugbegleiter mich gleich auf Rumänisch vollquatschten. Und als hätten sie nur darauf gewartet, waren sofort die rumänischen Wörter in meinem Kopf und ich antwortete ganz selbstverständlich auf Rumänisch. Am nächsten Morgen erblickte ich dann also Berge und Tunnel und Hügel und Wiesen und kleine Bahnhofsstationshäuschen. All das hieß mich willkommen und ich fühlte mich sofort wieder „da“. Ich stolperte in Sibiu aus dem Zug und wusste wohin. Da den Hügel hoch, erstmal zum Piata Mare, dann weitersehen. Erstmal eine rumänische Simkarte kaufen. Erstmal in die Schiller-Buchhandlung, eine Karte fürs Donaudelta kaufen. Erstmal eine Runde durch die Stadt drehen. Erstmal die wunderbare Freundin anrufen, die das Festival mitorganisierte und die ein wichtiger Grund war, warum ich überhaupt da war. Sie war bereits an der Kirchenburg in Holzmengen, wo das Festival stattfinden würde und informierte mich, dass ich 14 Uhr mit anderen gemeinsam mit dem VW-Bus kommen konnte. Also hatte ich noch ein bisschen Zeit. Jetzt noch ein Zugticket kaufen für die Weiterreise nach dem Festival ins Donaudelta. Ich wanderte durch die Stadt auf der Suche nach der Bahn-Agentur, als ein Platzregen mich zwang, eine Pause einzulegen und ein Café aufzusuchen. Ich bestellte mir ein für rumänische Verhältnisse teures Frühstück aus frischgepresstem Orangensaft, Croissant und Marmelade, Käse und Toast. Dieses simple und nicht besonders ansehnliche Frühstück ließ mich komplett ankommen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich den salzigen Käse vermisst hatte, der ein wenig wie Feta aussieht, aber salziger und mit Kuhmilch gemacht ist. Jetzt verputzte ich ihn mit Genuss bis auf den letzten Krümel. Für das Zugticket musste ich schließlich noch mal zum Bahnhof laufen, wo ich mich natürlich bei zwei offenen Schaltern genau an dem anstellte, wo man nicht mit Karte zahlen konnte. Aber irgendwann hielt ich auch die Tickets für die Weiterreise in der Hand, und konnte mich beruhigt auf den Weg nach Holzmengen machen.


Die Fahrgemeinschaft nach Holzmengen verspätete sich um eine Stunde, in der ich rumstand und wartete, dabei konnte ich es doch gar nicht erwarten, die Freundin wiederzusehen. Aber endlich brachen wir dann doch auf. Ich strahlte, als ich den Turm der Kirchenburg von der Landstraße erblickte. Die Freude war riesig, als ich im ehemaligen Pfarrhaus dann auch meine Freundin fand. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, schließlich war es der Tag vor dem Festival und ich versuchte, ein bisschen zu helfen und baute dann auch schon mal mein eigenes Zelt im Kirchhof auf. Da stand es ganz allein - die Freundin versprach, ihres noch daneben zu stellen, aber tat es dann zumindest in der ersten Nacht nicht mehr. Sie hatte viel zu tun, ich war müde von der Reise und verabschiedete mich nach einem Ankunfts-Pflaumenschnaps am Lagerfeuer am Abend recht schnell ins Zelt. Da war ich dann also allein, ein paar Meter neben dem Friedhof und neben den meterdicken Mauern der Kirche. Das war aber wirklich mein geringstes Problem - mehr Sorgen als um Spuk und Gespenster machte ich mir darum, dass ich bald selbst ins Totenreich eingehen könnte, nachdem ich in meinem Zelt erfroren war. Es war verdammt kalt. Es hatte geregnet, alles war feuchtklamm und als wirklich dicht konnte man das Zelt nicht bezeichnen. Die Zeltplane war durchgeweicht und immer wenn ich in dem winzigen Zelt bei einer Bewegung dagegen kam, nässte es durch. Und ich bewegte mich noch ein paar Mal, denn schließlich musste ich noch Klamotten in meinem Rucksack finden, die ich zusätzlich anziehen konnte. Und mich in die Häkeldecke wickeln, die ich mir aus dem Pfarrhaus geliehen hatte. Und ein zweites Paar Socken anziehen. Es war wirklich keine angenehme Nacht und es war auch definitiv nicht schön, am Morgen wieder in die nassen Turnschuhe zu steigen. 

Ich fasste dementsprechend den Entschluss, nach Sibiu zu fahren, um mir einen neuen Schlafsack zu kaufen und dem Tod durch Erfrieren in der nächsten Nacht zu entgehen. Eigentlich hatte ich überlegt, einen Ausflug nach Agnetheln zu machen, aber mein Leben lag mir mehr am Herzen als verschlafene, ehemals siebenbürgisch-sächsische Orte. Ich fuhr mit dem Einkaufstrupp von der Festivalorganisation los. Ich hätte auch trampen können, aber es waren 25km und so erschien es mir am Einfachsten. Im Stadtzentrum hatte ich dann Stunde "Freizeit", die ich für einen Besuch in einem Outdoorladen nutzte. Da ich davon ausging, dass wir noch in die Mall fahren würden, suchte ich nicht noch nach Gummistiefeln. Lieber kaufte ich mir ein Mittagessen aus gefüllten Blätterteigtaschen, ehe es wieder losging. Beziehungsweise ich wieder sehr lange am vereinbarten Ort auf die vereinbarte Transportmöglichkeit wartete. Hach ja, Rumänien. Aber da ich Urlaub hatte, war ich demgegenüber zumindest ziemlich entspannt, als ich mir so die Beine in den Bauch stand. Die Rückfahrt war chaotisch, weil noch eingekauft werden musste (wir fuhren aber nicht in die Mall und somit gab es auch keine Gummistiefel für mich) und einige Leute noch abgeholt werden mussten, aber irgendwann waren wir wieder da - die ersten Gäste trafen schon ein und auch die ersten Musiker. 

Jetzt ging das Festival so langsam los. Zwei Abende lang würden verschiedene Musiker der unterschiedlichsten Richtungen ihre Stücke auf der Bühne neben der Kirchenburg präsentieren. Das Line-up liest sich unspektakulär, für jemanden, der die lokale Musikszene nicht kennt, aber es waren wirklich ziemlich gute Sachen dabei. Ich freute mich besonders auf Lipiciosii, die ich schon im letzten Jahr beim Holzstockfestival erlebt hatte, Petra Acker, von der ich mir großes erwartete und Artischoque, die ich beim Mach-Festival in Halle gehört hatte. Und alle drei waren dann tatsächlich ziemlich gut. Und die anderen ebenso, auch wenn mir Kevin Wagner (ein lokaler DJ, der nur einen deutschen Namen hat, weil er vermutlich auch irgendwie zur deutschen Minderheit gehört oder seine Vorfahren) vom Stil her nicht so gefallen hat, aber ich konnte mich ja auf dem weitläufigen Festivalgelände einfach ein bisschen abseits der Bühne halten, bis die wunderbaren Lipiciosii aufspielten. Die Band ist aus Sibiu und macht eine Mischung aus Folk und Covern bekannter Lieder auf ihre eigene Art, durchmischt mit viel Humor und einem guten Schuss Alkohol. Sie enttäuschten auch diesmal nicht und auf einmal fand sich das Publikum vor der Bühne in einem riesigen Kreis Hora-tanzend wieder [eine Art rumänischer Sirtaki, das heißt traditioneller Kreistanz]. Und was noch viel verrückter ist - plötzlich scherten einige Jugendliche aus und wirbelten in Pärchen in einem flotten Polka im Kreis und zwar innerhalb des großen Hora-Kreises. Ich vermute, das waren die Jugendlichen aus der deutschen Trachtentanzgruppe. Das hat mein Bild über Trachtentanzgruppen mal wieder ein bisschen revidiert, denn es sah nach sehr viel Spaß und guter Laune aus, während ich mich versuchte, stolpernd an die Hora-Schritte zu erinneren (aber auch eine Menge Spaß dabei hatte). Die folgenden Bands rissen mich nicht so mit. Sergiu Bolota begann wohl eher gegen ein Uhr nachts, denn bei so einem Festival verschiebt sich durch kleine Verzögerungen ja gern mal das ganze nach hinten. Ich lauschte seinen Akustik-Versionen bekannter Hits dann schon vom Zelt aus, wo ich nach einem kurzen Versuch mit meinem neuen Schlafsack den alten Schlafsack noch drüber zog. Doppelt hält besser.

Richtig gut geschlafen habe ich auch in dieser Nacht nicht, aber immerhin kündigte sich ein schönerer zweiter Festivaltag an. Der Frühstückstrupp hatte verschlafen, aber irgendwann stand Brot und Marmelade und Käse und Tomaten und Melone für alle Festivalgäste bereit. Das ist wohl das einzige Festival, dass ich je erlebt habe, bei dem es neben freiem Camping auch freies Frühstück für alle gibt. So kommt man hier und da über einem Stück Melone noch mit anderen Leuten ins Gespräch, wenn man nicht gerade zu müde ist. Am zweiten Tag, also Samstag, fanden auch die Workshops des Festivals statt. Man konnte sich als Pfadfinder ausprobieren, seine Kompetenz bei Bewerbungsgesprächen hinterfragen oder beim Malen kreativ werden. Einen Theaterworkshop gab es auch, oder man ließ sich die Haare zu kreativen Zöpfen flechten. Ich war nicht motiviert genug, irgendwo teilzunehmen und schlenderte stattdessen über das Gelände. Irgendwann wagte ich auch die halsbrecherische Aktion und probierte die Wasserrutsche aus. Es war inzwischen schön warm und ich hatte an dem Tag auch keine Probleme mit klammfeuchten Klamotten und nassen Turnschuhen mehr und so konnte ich mir eine Abkühlung genehmigen. Die Jugendlichen hatten einige Tage vor dem Festival in dem Hügel hinter der Kirchenburg eine Rinne angelegt und sie mit Stroh ausgepolstert und darauf dann eine dicke Plane gelegt. Unten war eine Art kleines „Auffangbecken“, dass aber nicht besonders tief war. Im Jahr zuvor war man einfach gegen Strohballen geknallt und wenn man zu viel Schwung hatte, auch darüber geflogen. Das war also schon mal eine Verbesserung. Allerdings war die Rutsche in diesem Jahr auch doppelt so lang wie im letzten Jahr – mit einem flachen Teil zum eingewöhnen und einem steilen Teil am Ende. Betrieben wurde sie mit Wasser aus einem großen Container der oben am Hügel stand. Rutschte man im letzten Jahr einfach auf seinem Hintern herunter, konnte man in diesem Jahr Teile einer alten Schaumstoffmatratze als Polster benutzen. Diese waren mit Frischhaltefolie umwickelt und wurden mit Flüssigseife eingerieben. Ich setzte mich also etwas angstvoll auf eines dieser Schaumstoffteile, das nicht mehr besonders gut in Schuss war und sich schon voll Wasser gesogen hatte. Es war noch seifig genug und ich wollte ohnehin lieber erstmal langsam den Berg runter. Ich platzierte mich am oberen Ende der Strecke und hinter mir drehte jemand den Hahn am Container auf. Mit ein bisschen Beinantrieb kam ich ins Rutschen. Meine Matte drehte sich unkontrolliert, so dass ich bald rückwärts rutschte, ich konnte aber auf dem flachen Stück noch mal bremsen und nachjustieren. Der letzte Teil machte natürlich am Meisten Spaß, nur in der Grube mit Matschepampe aus Seife, Dreck, Schlamm und ein bisschen Wasser zu landen, war nicht lustig. Und auch nicht, das vollgesogene Polster wieder den Berg hochzuschleppen. Aber ich wollte unbedingt noch mal und es wollten ja auch noch andere rutschen. Beim zweiten Mal drehte ich mich auf dem steilen, schnellen Teil der Strecke und klatsche rücklings in die Matschgrube . Was dazu führte, dass ich wortwörtlich von oben bis unten nass und dreckig war. Das Duschen sparte ich mir aber, denn gleich neben dem Wassercontainer am oberen Ende der Strecke war auch ein Wasserschlauch mit Frischwasser und so spritzte ich mich einfach gründlich von oben bis unten ab. Leider habe ich selbst kein Bild gemacht, das Bild oben ist von einem anderen Festivalbesucher.


Am Abend gab es dann wieder Konzerte. Ich freute mich ja besonders auf Petra Acker. Ich wurde auch nicht enttäuscht und stand selig in der ersten Reihe, während ich über die Freiheit nachdachte, die sie besang. Hier das Video von dem wundebaren Auftritt und dem schönsten Lied, wie ich fand. Artischoque rockten das Festival dann noch mal so richtig zum Abschluss, das Bild ist auch von ihrem Auftritt. Ich war zwar müde, konnte aber nicht umhin, noch mal von der Feuerstelle aufzuspringen und in der Meute vor der Bühne mit rumzutoben. Das DJ Set von Kevin Wagner sparte ich mir, und irgendwann schlief ich in meinem kleinen blau-orangen Zelt auch ein. Damit war das Festival für mich vorbei, denn am nächsten Tag wurde nur noch aufgeräumt und zusammengepackt. Aber was für Eindrücke! Was für Gespräche am Lagerfeuer, was für musikalische Highlights, wie viele Umarmungen, wie viele strahlende Gesichter, was für ein Spaß! Und das alles mit 200, vielleicht maximal 300 Festivalbesuchern an einem ganz magischen Ort.

Am Abreisetag war ich eigentlich mit zwei anderen Festivalbesuchern verabredet, gemeinsam zum Bus zu laufen, der uns nach Sibiu bringen würde, daraus wurde aber nichts, mein Zelt stand im Schatten und war vom Morgentau durchnässt. Ich hängte es erstmal über ein Geländer und konnte es erst ein bisschen später einpacken. Glücklicherweise trocknete es schnell, an den Bus kurz vor elf war trotzdem nicht zu denken. Erst nach zwölf war ich fertig mit Packen und verabschieden und fragte mal an, ob vielleicht irgendjemand ohnehin gleich in die Stadt fahren würde. Ich fuhr bei den Leuten von Artischoque mit, die sich auf mehrer Autos verteilt erstmal Richtung Sibiu und dann entweder nach Hause oder noch auf einen kleinen Urlaub in Rumänien begaben. Ich erwischte zwei nette Menschen, die sich von mir noch ein paar Reisetipps gaben lassen auf der halbstündigen Fahrt. So kam ich noch pünktlich in die Stadt um meinen Reisegefährten fürs Donaudelta zu treffen. Aber die Abenteuer im Donaudelta sind schon wieder eine ganz andere Geschichte...