Sonntag, 24. Juni 2018

Verantwortung

Ich arbeite in einer Organisation, die versucht, Migrant*innen zu helfen. Wir sind inzwischen einige Mitarbeiter*innen und nun, da die Projekte größtenteils aufgebaut und angelaufen sind, werden organisatorische und soziale Fragen wichtig. Zum Beispiel das der betrieblichen Altersvorsorge und so war zur Mitarbeitendenversammlung ein Versicherungsmensch eingeladen. Der erzählte uns, wie viel Rente wir garantiert bekämen – auf Nachfrage dann – falls wir mindestens 40 Jahre einzahlen. Natürlich war das schön gerechnet, schließlich liegt unser Altersschnitt höher als 30 Jahre, natürlich will er sein Produkt verkaufen. Das ist auch nicht das Problem. So funktioniert Kapitalismus eben und das durchschaut sicher die Mehrheit. Das wirkliche Problem des kapitalistischen Systems offenbarte sich erst auf Nachfrage: Wo investiert denn die Versicherung die eingezahlten Gelder?

Tja, da wären schon Landminen dabei, leider. Soll sich aber in den nächsten Jahren ändern. Es wäre auch bei keiner anderen Versicherung anders. Ansonsten investiert die besagte Versicherung noch in Immobilien.

Deutlicher, plakativer kann man es sich noch nicht mal ausdenken. Ich arbeite im sozialen Bereich. Ich tue um mein Geld zu verdienen Gutes für Menschen, in meinem Fall sogar speziell für Migrant*innen. Ich bin schon allein aufgrund des Leitbilds meines Arbeitgebers gegen Gewalt und für ein solidarische Miteinander, dafür arbeite ich. Aber ich hätte den Job wohl auch kaum, wenn ich nicht dahinterstünde. Berechtigterweise überlege ich nun, wie ich dieses Geld auch fürs Alter sichern kann. Um dies zu tun, möchte ich es in einer Versicherung anlegen. Diese Versicherung spekuliert nicht nur mit Immobilien, denn etwas anderes heißt „investieren“ in Immobilien nicht, sondern steckt auch Geld in Firmen, die Landminen herstellen. Ich lege also mein Geld in etwas an, wogegen ich bin, und profitiere im Alter davon, wogegen ich in jüngeren Jahren gearbeitet habe. Ganz nebenbei sichere ich noch meinen aktuellen Job, weil Menschen schließlich genau deswegen migrieren – Landminen und andere Kriegstechnik.

Das ist nicht nur ein Beispiel. So funktioniert das System. Ich muss mich fragen: Will ich ein Teil davon sein?

Donnerstag, 21. Juni 2018

Zwei Tage Hamburg mit zweimal Wiedersehensfreude


Die Arbeit brachte mich für eine Tagung in meinem Fachgebiet nach Hamburg. Da ich nicht den kompletten Tag in Zügen und auf der Tagung verbringen wollte und außerdem wusste, dass mindestens zwei alte Freund*innen in Hamburg wohnen, entschied ich mich, bei ihnen nachzufragen, ob wir uns sehen wollten. Ich habe mit beiden mal Erasmus in Rumänien gemacht, das eine Mal vor zehn, das zweite Mal vor sechs Jahren. Als ich das ausrechnete, kam ich mir ja spontan etwas alt vor - aber dachte auch automatisch an die tolle Zeit zurück. Ungefähr genau so lange hatte ich weder die eine noch den anderen wiedergesehen. Beide wollten mich gern treffen und ich konnte sogar bei ihnen übernachten und hatte so entspannt Zeit, anzukommen und abzureisen. Ich schaute zunächst bei der alten Wohnheimkollegin von vor zehn Jahren vorbei - sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem ruhigen Stadtteil. Wir gaben uns gegenseitig ein Update, wo wir gerade stehen im Leben und tranken ein Glas Wein auf dem Balkon. Als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben, fiel es uns leicht, uns zu erzählen, was gerade los ist. Am nächsten Morgen startete ich dann zur Tagung, die mir noch einmal viele interessante Einblicke in meinen Bereich gewährte. Danach verbrachte ich etwas Zeit mit zwei Teilnehmerinnen aus Leipzig, die einen späteren Zug zurück nahmen und ich brach dann zu meinem zweiten ehemaligen Wohnheimkollegen auf, mit dem ich vor sechs Jahren viele Erlebnisse beim Auslandssemester geteilt hatte. Von Hamburg hatte ich zu dem Zeitpunkt den Bahnhof, den Nahverkehr und den Tagungsort gesehen und freute mich, dass er mir sein Viertel, Wilhelmsburg, und vielleicht noch mehr zeigen wollte. Gleich am Abend gab er mir eine Mini-Tour durch sein Nachbarschaft.

Wir brachen am nächsten Morgen mit der Fähre von Wilhelmsburg zu den Landungsbrücken und weiter zur Elbphilharmonie auf. Die Annäherung vom Wasser aus bot noch mal einen ganz anderen, wie einen "zweiten ersten" Eindruck. Mein Gastgeber erzählte mir sehr viel über Stadt und Hafen City und Wilhelmsburg, während ich gespannt lauschte. In der Hafen City trennten sich dann auch unsere Wege und ich war auf mich allein gestellt mit einigen Tipps, darunter Elbphilharmonie und Gängeviertel. Diese "ging" ich dann auch im wahrsten Sinne des Wortes an, zu Fuß mit meinem großen Rucksack auf den Rücken. Ich finde, beim Spazierengehen kann man am Ehesten den Flair einer Stadt aufsaugen und ich lief gespannt durch die Straßen, trotz des Gepäcks. Sehr schön fand ich, dass in Hamburg überall das Wasser präsent ist in Form von Flüssen und Kanälen sowie natürlich dem Hafenbecken. Zunächst holte ich mir ein kostenloses Ticket für den Besuch der Plaza der Elbphilharmonie, eine Art Aussichtsplattform im Zwischengeschoss und spähte in alle Richtungen. Dann lief ich hoch zum Gängeviertel, betrachtete Street Art und gönnte mir im Nasch ein veganes Linsen-Curry. So wieder gestärkt machte ich mich langsam auf den Weg zum Bahnhof und betrachtete ich im Vorbeigehen noch das opulente Rathaus. Wahrscheinlich hatte ich mit Elbphilharmonie und Gängeviertel zwei unterschiedliche Ecken von Hamburg betrachtet und auch das dazwischen kam mir interessant vor. Ich ließ mir Zeit, wich immer wieder von der von meiner Smartphone-Navigation vorgeschlagenen Route ab. Wie tickt die Stadt? Irgendwie anders, hatte ich gleich festgestellt, als ich das erste Mal aus der U-Bahn gestiegen war. So hoch im Norden war ich sonst nie unterwegs (und auch selten in so einer Großstadt). Irgendwas war anders. War es die hanseatische Architektur, war es das Wasser, waren es die Menschen? Ich konnte es bis zum Schluss nicht ganz festmachen.

Voller Eindrücke und wohligen Erinnerungen an die Begegnungen saß ich im ICE, der mich ohne Zwischenhalt zurück nach Halle brachte. Es war ein bisschen kurz und ich hätte gern noch mehr erkundet, mich verlaufen, mehr erzählt bekommen, zu Stadt und Stadtentwicklung, mehr Zeit geteilt mit meinen Gastgeber*innen. Aber auch so war ich zufrieden, es fühlte sich wie ein Mini-Urlaub an, dabei war ich nur 55 Stunden aus Halle weg gewesen.