Montag, 18. März 2013

Mein Block - Novi Beograd


Wenn man in Beograd auf der Festung steht und Richtung Fluss schaut, sieht man Novi Beograd. Die schönste Aussicht der Stadt geht also auf die Neustadt. Die sozialistische Planstadt wurde 1948 begonnen, obwohl schon vor dem Zweiten Weltkrieg Pläne zur Stadterweiterung bestanden, und ist heute nicht nur der Sitz von Banken und Business, Einkaufscentern und Konsum, sondern vor allem der Wohnsitz eines Drittels der Belgrader Einwohner. Die zahlreichen Blocks kann man ästhetisch finden oder nicht, ich finde sie durchaus lebenswert, auch wenn man, wie ich hier hautnah erleben kann, relativ viel von seinen Nachbarn hört. Novi Beograd ist für mich untrennbar verbunden mit meiner ersten eigenen Belgrad-Reise, also die Geschichts-Exkursion der Uni nicht mitgezählt, als ich zum ersten Mal hier couchsurfte, in eben diesem Block.





Ich fand mich bis vor zwei Wochen hier nie zurecht und verirrte mich praktisch auf dem Weg zur Bushaltestelle. Mittlerweile weiß ich jedoch, welcher Eingang, welche Tür, welcher Block, welche Treppen, welcher Bus, welche Straße und welche Richtung ins Zentrum führt. Die Brankuv Most, die Branko-Brücke, die Alt- und Neustadt verbindet, ist für mich nun zum Inbegriff des Nachhausewegs geworden. Ich weiß jetzt, wo der Supermarkt ist und wo die Bushaltestelle, wann die Ampeln zwar auf Rot stehen, aber die Autos auch eine Weile rot haben werden und wie die Gegend im Abendlicht irgendwie seltsam romantisch wirkt. Denn über Novi Beograd geht die Sonne unter. In der Altstadt, Stari Grad, mag sie aufgehen, aber Sonnenuntergänge haben ja auch was.

Ich mag Novi Beograd irgendwie, wahrscheinlich nur, weil meine serbische Lieblingsfamilie hier wohnt. Und ich weiß, dass ich hier immer willkommen bin. Und ich habe keine Ahnung, warum eigentlich. Hier noch ein paar Impressionen...


Mittwoch, 13. März 2013

Zemun im Sonnenschein

Ich habe mich gestern und heute mit inem netten Australier getroffen, den ich in Skopje kennengelernt habe. Gestern habe ich ihm die zerstörten Ministerien gezeigt, heute war Zemun dran. Zemun ist ein Stadtteil von Belgrad, war aber in der Vergangenheit Teil Österreich-Ungarns, während die Festung Belgrads Teil des Osmanischen Reiches war. Die Donau bildete somit die Grenze.


Heute sieht man Zemun das habsburgische durchaus noch an. Es wirkt zudem im Vergleich zu Belgrad wie eine niedliche Kleinstadt, obwohl es auch 150.000 Einwohner hat. Dieses "Städtchen" hat aber durchaus sehr viel Charme. Wenn man am Ufer der Donau sitzt und den Geruch der Fischrestaurants einatmet, kommt durchaus eine maritime Stimmung auf. 




Wir fuhren mit dem Bus von Novi Beograd nach Zemun und stiegen dann den Hügel mit dem Gardoš-Turm herauf und besuchten den Friedhof. Wir hatten Glück, es war gerade schön sonnig und es herrschte extrem klare Sicht, so dass wir schöne Fotos vom Stadtpanorama machen konnten. Danach schlenderten wir durch kopfsteingepflasterte Straßen den Hügel herunter und ließen uns an der Donau nieder, wo wir eine Limonade tranken. Bevor es vollkommen dunkel wurde, nahmen wir den Bus zurück ins Zentrum.

Montag, 11. März 2013

Wochenendausflug nach Skopje

Spontan bin ich für ein Wochenende nach Skopje gefahren. Um drei nachmittags habe ich mein Busticket gekauft, um 17.30 Uhr ging der Bus. Dazwischen habe ich schnell noch ein paar Sachen in eine Tasche geworfen und mich mit einem Falafel-Sandwich versorgt.

Die Busfahrt war eher unspektakulär, zunächst auf der Autobahn, später auf kleineren Straßen, allerdings war wegen der Dunkelheit kaum etwas von der Landschaft zu erahnen. Wir kamen an der Tito-Raststätte vorbei und hielten ab und zu im Nirgendwo, um Mitfahrer einzuladen, aber an sich war das ganze eher unspektakulär. Etwa halb zwölf kamen wir in Skopje am Busbahnhof an. Ich irrte zunächst etwas desorientiert herum und überlegte, noch das Ticket für die Rückfahrt zu reservieren, beschloss dann aber gleich zum Hostel aufzubrechen, es war bereits spät genug. Ich ließ mich von meinem Navi, welches glücklicherweise dank der kürzlich heruntergeladenen Karte für Mazedonien gut funktionierte, zum Hostel leiten und wanderte so etwa eine halbe Stunde durchs nächtliche Skopje, vorbei an Jugendlichen auf dem Weg zum Club, ziemlich aufgestylt, wie überall auf der Welt in eher mittelmäßigen Partylocations, zusammenfallenden Häusern, die vermutlich von Roma oder Albanern bewohnt wurden und einem Einkaufszentrum. Irgendwann war ich dann da und nachdem mich die Wache vor der chinesischen Botschaft noch in die richtige Straße geleitet hatte, fand ich das Hostel auch. Das war sehr ernüchternd, ziemlich dreckig und ziemlich voll und ich war ziemlich fertig. Nach ein paar Stunden Schlaf im wackeligen Doppelstockbett war ich wieder wach, weil irgendjemand im Zimmer es auch war und beschloss aufzustehen und was von der Stadt zu sehen.
Als ich schlaftrunken im Gemeinschaftsraum stand, mir gegenüber ein anderes Mädchen, meinte sie auf einmal "Do we know each other?". Wie sich herausstellte, hatten wir vor drei Jahren gemeinsam eine Sommerschule in Polen besucht. Wir unterhielten uns noch bei einem einfachen Frühstück, dann versuchte jede von uns, wenigstens kurz das einzige und ziemlich schmutzige Bad zu benutzen und zu bezahlen, um auschecken zu können. Der Hostelinhaber ließ sich allerdings zu so früher Stunde nicht sehen und wir mussten noch ein wenig warten. Dann bekam ich auch eine schlechte, kopierte Karte der Stadt, auf der er eine abenteuerliche Route einzeichnete, die mich in die Innenstadt führen würde. Ich überlegte, ob ich nicht zum Berg aufbrechen wollte, wo sich ein Kloster und ein riesige Kreuz, das Milleniums-Kreuz, befinden sollten, entschied mich dann aber doch aufgrund des Nieselregens und des trüben Wetters dagegen - ich hätte wohl kaum etwas von der Stadt gesehen von da oben. Also machte ich mich auf den Weg in die Stadt, die irgendwie doch nicht so einfach zu finden war, und endete schließlich nach einem Platz mit gefühlten 73 Statuen in einer Baustelle, beziehungsweise in einer Serie von ineinander verketteten Baustellen. Diese gehören zum Projekt "Skopje 2014", welches zum Ziel hat, der Stadt bis zum Jahr 2014 ein komplett neues Gesicht zu geben. Ein paar interessante Hintergrundinfos über diese Megalomanie finden sich auf der englischen und deutschen Wikipedia.






Für den Besucher bedeutet es vor allem, dass er sich in Skopje fühlt, als wäre er auf einer Baustelle unterwegs. Überquert man die Steinerne Brücke zum Alten Bazar der Stadt, steht man in Sandhaufen und Drecklöchern und muss seinen Weg durch die Baustellen suchen, denn der Weg geradeaus ist von mehreren Bauzäunen versperrt.


Der alte Bazar ist der schönere Teil der Stadt. Der Stadtteil ist zwar nicht besonders groß und Anfang März sind die Gassen auch nicht besonders belebt, dennoch war es sehr schön, hindurch zu schlendern und ein bisschen verloren zu gehen.
Außerdem ist an den Bazar angeschlossen ein riesiger überdachter Markt, wo man praktisch alles kaufen kann. Ich erwarb Gewürze und Oliven. Beim Mittagessen hatte ich einen Australier kennen gelernt, mit dem ich dann noch zur alten Moschee ging. Ein netter Albaner erklärte mir auf bruchstückhaftem Serbisch ein paar Sachen zur Moschee - die angeblich größte und älteste auf dem Balkan - und dass die Stadt gemisch muslimisch-christlich wäre, mit einem großen Anteil von Albanern neben der mazedonischen Mehrheitsbevölkerung. Dabei kann man nach dem offiziellen Zensus von 2002 seine Ansicht, dass die Bevölkerung zur Hälfte christlich und zur Hälfte muslimisch, also auch zur Hälfte überwiegend mazedonisch mit anderen Gruppen wie Serben und Bulgaren und zur Hälfte albanisch mit Minderheiten wie Bosniaken und Roma, wäre, anzweifeln. Die Moschee war jedenfalls beeindruckend, auch wenn, als er das Licht einschaltete, leider nicht der Kronleuchter erstrahlte sondern ein paar Neonröhren, die eine Gebetsnische illuminierten.



Die Festung war leider für Besucher geschlossen und so wanderten wir noch ein wenig ziellos durch die Stadt, bevor ich meinen Couchsurfer traf, bei dem ich die zweite Nacht verbringen wollte. Er hatte noch eine weitere Couchsurferin da, eine nette Polin, mit der ich die nächsten Stunden verbrachte, bis er Zeit für uns hatte. Sie kochte uns dann auch eine fantastische vegane Suppe, während mein Host und ich meine Tasche vom Hostel holten. Wir schauten in dieser Nacht dann lange Filme und schliefen sehr spät, dennoch war ich wieder früh wach und stand auch auf, nichtsahnend, dass es erst kurz nach acht war.
Ich schlich mich heraus und begann den Aufstieg auf den Berg mit dem Milleniumskreuz und dem Kloster. Als ich am Kreuz ankam, war ich schon ziemlich kaputt - die Drahtseilbahn funktionierte aus unerfindlichen Gründen nicht - und eigentlich wollte ich noch gern zum Kloster. Nach einigem hin und her Überlegen, einer Stärkung mit Schokoriegel, Chips und Eis, begab ich mich dann doch noch dorthin. Meine Füße schmerzten bereits, und der Abstieg war nahezu unerträglich, aber trotzdem lohnte sich dieser Umweg vollkommen. Vor allem, weil nicht, wie am Kreuz Hunderte von Leuten unterwegs waren sondern nur Dutzende. Als ich zurückging und schließlich auf einer Art Eselspfad in die Stadt zurückkehrte, war ich nahezu alleine.




Ich war total kaputt, als ich wieder bei meinem Host eintraf. Kurze Zeit später kam auch die Polin von ihrem Tagesausflug zurück. Sie war später aufgebrochen und hatte sich zu einem Tal mit See begeben. Wir gingen noch zusammen essen und Bier trinken, so dass ich gut gefüllt, zuversichtlich war, dass ich im Bus gut schlafen würde. Das tat ich dann auch. Auf den Hinweis, man solle seinen Pass herausholen, nahm ich meinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, dämmerte allerdings, in in der Hand haltend, wieder weg, so dass mich sowohl der Grenzbeamte, als auch der Mensch, der im Bus vor mir saß, aufforderten, ihn herzugeben, was ich dann auch schleunigst tat.



Alles in allem ein wunderbares Wochenende. Ich hätte mir sicher noch ein paar Museen anschauen können, hätte ich mehr Zeit gehabt, aber auch so passte es eigentlich. Ein Tag Stadt, ein Tag Natur - es war eine gute Mischung. Ich empfehle Skopje auf jeden Fall weiter, auch wenn es auf den ersten Blick nicht besonders einladend wirkt, Informationen oft nur auf kyrillisch zu haben sind (wie an der geschlossenen Touristeninformation, die praktischerweise den Grund auf Mazedonisch verkündete), oder nicht existierten (wie die fehlenden Wegweiser zum Kloster). Dennoch, eine schöne Stadt. Aber Belgrad bleibt mein Favorit...

Dienstag, 5. März 2013

Sonne in Belgrad




Ich bin jetzt zwei Tage in Belgrad und der Sprachkurs hat gut angefangen. Ich wohne nun bei meinem serbischen Couchsurfing-Freund, den ich nun bereits zum vierten Mal treffe (hier sind die Aufenthalte eins, zwei und drei) und der ein guter Freund geworden ist. Ich hänge wie immer an seinen Lippen, wenn er seine großartigen Geschichten erzählt, egal ob es um eigene Erlebnisse oder die Geschichte Jugoslawiens und der Nachfolgerstaaten geht. Er kann großartig erzählen.

Der Sprachkurs ist gut und wirklich intensiv, könnte mich aber ruhig noch ein wenig mehr fordern. Ich wäre lieber in der Fortgeschrittenen-Gruppe, weil ich mich da ein bisschen mehr anstrengen müsste. Aber so ist es auch ok. Am Freitag möchte ich nach Skopje fahren. Aus Pristina wird nichts, denn ich habe keinen Reisepass und den braucht man, um in den Kosovo zu kommen. Pech gehabt.

Ich laufe viel durch die Stadt, genieße es einfach, hier zu sein. Es ist mal wieder genau das Richtige. Ich fühle mich am richtigen Platz im Moment.

Sonntag, 3. März 2013

Waiting for the elephant...





6:35 Uhr fuhr der Zug pünktlich in Belgrad ein. Nachdem ich die gefühlte halbe Nacht im Halbschlaf verbracht hatte, um meinen Personalausweis vorzuzeigen - waren das wirklich bloß zwei Grenzbeamte, die den sehen wollten? - allerdings auch die Annehmlichkeiten eines Abteils für mich allein genießen konnte, war ich sehr müde, aber auch euphorisch. Ich liebe den Moment, wenn die Stadt erwacht. Nur normalerweise tut sie das lange vor mir. Deswegen ist es irgendwie auch immer großartig, zur Unzeit in einer Stadt einzutreffen. Früh um sieben durch die Straßen zu schlendern. Dazu kam noch, dass die Gepäckaufbewahrung am Bahnhof so aussah, als wäre sie schon jahrelang nicht mehr in Betrieb gewesen und ich meine 20kg Rucksack mit mir durch die Straßen Belgrads schleppen musste. Das tat ich allerdings voller Elan, denn ich wollte zur Kalemegdan.
Ich lief die Balkanska-Straße herauf, dann durch die Fußgängerzone Knez Mihailova Richtung Festung. Die Stadt war nicht ausgestorben, verglichen mit allen vorherigen Besuchen aber dennoch verdammt leer. Tea Obrehts Elefant aus "The Tiger's Wife" kam mir in den Sinn. Es war nicht Nacht, es herrschte glücklicherweise weder Krieg noch Zerstörung, aber dennoch könnte jeden Moment etwas Magisches passieren, wie in Obrehts Roman so häufig.
Ich kaufte mir in einem 24-Stunden-Supermarkt (die 24-Stunden-Bäckerei, an der ich vorbei gekommen war, hatte zu gehabt) irgendeine Art Brot-Brötchen-Brezel-Dings, weich und weißbrotig, das angeblich "Ethno" war - was auch immer das bei einem Stück Brot bedeutet - und eine Packung Schokobananen (die sind meist vegan und ich fand auch auf der Packung keinen Hinweis auf mlečni [Milch] - Zutaten). 
Dann also zur Kalemegdan. Auf der Bank war noch Rauhreif, die Temperaturanzeige am Bahnhof hatte 0°C angezeigt und von den Flüssen Sava und Donau zog feuchte Luft herauf. Novi Beograd lag im Dunst. Ein paar einzelne Leute führten ihre Hunde aus, ein paar Parkwächter stromerten selbst zu dieser Stunde umher. Wenn ich mich auf die Festungsmauer setzen würde, würden sie mich bestimmt verscheuchen. Das taten sie immer, aus Angst, jemand könnte fallen. Oder springen? 


Ich war glücklich. Der Himmel war blassblau, die Sonne stand tief und tauchte die Stadt in die ersten morgendlichen Strahlen. 


Nach einer kurzen Pause und Erholung für die Schultern beschloss ich, zum Hostel aufzubrechen, dass ich noch in der Nacht vorher schnell gebucht hatte, weil ich ja noch nicht wusste, wo ich bleiben würde und außerdem registriert werden wollte, das muss man in Serbien spätestens 24 Stunden nach Ankunft tun und bei einer privaten Übernachtung hätte ich zur Polizei gehen müssen. Ich fand die Straße recht schnell, nur stellte sich heraus, dass ich mir die falsche Adresse gemerkt hatte. Ich hatte mir nämlich am Abend zuvor zwei Hostels angeschaut - und schließlich das andere gebucht. Da ich von dem anderen zwar noch grob die Lage im Stadtplan in Erinnerung hatte, aber nicht die Adresse, beschloss ich, in irgendeinem Café das Internet zu konsultieren. Ich war grad an zwei Cafés vorbeigekommen und das eine hatte einen Zettel im Schaufenster hängen, dass sie Kaffee auch mit Sojamilch anbieten würden. Es hatte zwar noch nicht ganz offen, die Bedienung ließ mich dennoch rein, ich trank seit Ewigkeiten mal wieder Kaffee - sehr lecker - und machte es mir gemütlich. Das andere Hostel war auch nicht weit, ich konnte zu Fuß gehen. Nur fand ich es nicht gleich, weil die Häuser etwas unzureichend beschriftet waren. Dann hatte ich es endlich gefunden, allerdings waren nur andere Gäste - sehr nette Mädels aus Mostar, wenn ich das richtig verstanden habe - anwesend und kein Personal. Nach einer Viertel Stunde kam die Angestellte und ich bezahlte. Jetzt will ich mich noch kurz frisch machen, dann geht es ab in die Stadt. 

Samstag, 2. März 2013

Budapest - alles ganz szimpla





Gestern Abend bin ich in Budapest angekommen, meinem Zwischenstopp auf dem Weg nach Belgrad. Gegen elf Uhr abends war ich am Hostel, keine Stunde später war ich auf dem Weg zum Szimpla, meinem Lieblingsruinenpub, um noch ein Bierchen zu trinken. Ich drehte so meine Runden, mit einem großen Bier in der Hand und überlegte schon irgendwelche Leute anzusprechen, oder mich an die Bar zu hocken und ansprechen zu lassen. So hatte das meine Rumänien-Zimmergenossin immer gemacht und war damit sehr erfolgreich gewesen. Mein Bier neigte sich aber auch schon dem Ende und ich überlegte, ob ich nicht einfach weiterziehen sollte und woanders noch ein letztes Bier trinken und dann ins Bett fallen. Mein Plan war, später als meine Zimmergenossen im 6-er Schlafsaal zu kommen, damit ich nicht von ihnen gewckt würde, wenn sie hereinstolperten.

Was dann passierte, war der Wahnsinn. Jemand tippte mich an. Ich dachte mir, da muss mich jemand verwechseln oder vielleicht will mich jemand mit Anmachsprüchen zutexten. Ich dreh mich rum, und da steht eine Kommilitonin aus Regensburg, die gerade an der Central European University in Budapest studiert. Wir freuen uns beide wie verrückt. Sie hat noch ein paar Finninnen im Schlepptau, und gemeinsam gehen wir an die Bar, um einen Palinka (ungarischer Obstschnaps) zu trinken. Der Studienalltag ist sehr stressig, wie ich höre, und so verabschieden sich die Mädels früh. Ich drehe noch eine Runde um den Block und gehe schließlich zurück ins Hostel.

Geschlafen habe ich mittelmäßig, ich hatte schlimmeres erwartet bei dem wackligen Hochbett, morgens bin ich natürlich wachgeworden, als alle aufstanden (und sich zwei der Typen im Zimmer auch noch recht laut unterhielten), aber dann konnte ich doch noch mal eine Stunde schlafen. Um zwölf checkte ich aus und begab ich mich auf die Suche nach einem veganen Restaurant, dass ich im Internet gefunden hatte. Ich fand es, musste dann aber noch nach einem Bankomaten suchen, dann endlich konnte ich mich niederlassen und leckere Sachen bestellen und davon viel. Das Essen war fantastisch, aber danach war ich ganz kurz vorm Platzen.


Ich begab mich dann schnellen Schrittes zum Treffpunkt für den "Free City Walk on Communism", musste aber leider nach zehn Minuten wieder gehen, weil mir das alles viel zu einseitig war. Das sollte sich kein Historiker jemals antun. Ich meine, ich habe sicher noch Wissenslücken und es wäre cool gewesen, die jeweiligen Orte in der Stadt zu sehen, die in dem Kontext relevant waren, aber es war mir einfach zu krass antikommunistisch und oberflächlich. Kurz gefasst: Die Russen kamen, haben das Land besetzt, den Kommunismus eingeführt, die Bevölkerung war immer antikommunistisch und hat darunter sehr stark gelitten. Später am Abend habe ich mir die Story auch noch mal kurz im "Haus des Terrors" angeschaut. Interessante Ausstellung, interessant aufgearbeitet, und vollkommene Gehirnwäsche. Ähnlich wie auch im Museum des Warschauer Aufstands in Warschau wird man multimedial von allen Seiten beschallt und dabei durchgeschleust, ohne selbst denken und interpretieren zu müssen. Ganz einfach eben: böse, böse Sowjetunion.

Außerdem bin ich noch ganz viel durch die Gegend gelaufen und habe noch ein paar wenige Fotos gemacht. Am Abend habe ich mir dann bei einem anderen Veganer, einem Rohkostveganer, noch einen Tee und ein Stück fetten Schokokuchen gegönnt. Lecker lecker. Wenn ich in Belgrad auch nur annähernd soviele vegane Optionen finde wie hier, und die auch nur halb so gut sind, sind die nächsten Wochen gerettet.

Absprung mit wenig Anlauf

Mal wieder bin ich auf dem Weg nach Osten, nach Südosten, um genau zu sein. Hinter mir liegen stressige Wochen, vor mir liegen stressige Wochen, aber im Moment ist alles genau richtig. Noch habe ich es nicht geschafft, meine Wohnung unterzuvermieten, allerdings bin ich praktisch bereits zu 95% ausgezogen. Mein Fahrrad und ein paar Kisten fehlen noch. Wenn ich zurückkomme, werde ich also nicht mehr nach Regensburg gehen, sondern mich in der Urheimat niederlassen. Der Gedanke macht mir abwechselnd Angst und erscheint mir ganz reizvoll. Wie es in der Praxis aussieht, wird sich zeigen. Wenn ich komme, erwartet mich erst einmal eine Vielzahl von Kisten, die darauf wartet, in den Bestand des Hauses integriert zu werden. Noch mehr Kram. Eigentlich arbeite ich doch daran, dass es weniger wird...


Zunächst aber fast vier Wochen Südosteuropa. Eine Auszeit, eine Pause, aber auch der Wille und die Neugier zum Lernen – Intensivsprachkurs Serbisch steht an. Ich habe noch immer keine Ahnung, wo ich in Belgrad wohnen werde, was nur eine leichte Unsicherheit aufkommen ließ. Ich zwinge mich, balkanischer zu sein, und auch wenn ich meine Herkunft nicht leugnen kann, bin ich seit letztem Jahr schon sehr viel gelassener geworden. Und noch angstfreier. Allein nach Pristina? Warum nicht? Ich berichte, falls ich es schaffe, hinzukommen. Ich habe noch nichts geplant für die nächsten drei Wochenenden, ich hoffe, ich werde nicht zu platt sein, um etwas zu unternehmen. Aber es geht auch ohne Planung. Letzten Sommer der Balkantrip hat gezeigt, wie am Ende alles irgendwie funktioniert. Aber vom Fräulein aus Berlin, meiner Erasmuskollegin, weiß ich auch, dass man manchmal nicht so viel unterwegs sein sollte, sondern lieber mal ausruhen und genießen. Ich werde beides im Hinterkopf behalten und je nach Laune entweder chillen oder reisen.