Eigentlich müsste es ja
"Club der öffentlichen Eurokrem-Fanatiker" heißen, aber ich konnte nicht noch einen Alternativtitel in die Überschrift zwängen. Wie ich also das sechste Mal nach Belgrad reiste, erfahrt ihr in den nächsten Absätzen.
Da war so eine Idee vor Weihnachten, die, wenn ich mich nicht täusche, bei einem feuchtfröhlichen Scrabble-Abend in einer Kneipe ihren Anfang nahm. Wenig von dem Abend hat sich durchgesetzt - zumindest wurde der russische Männername Smrdiff noch nicht populär und auch ein afrikanisches Land mit dem Namen, den wir erfunden an diesem Abend, wurde wohl noch nicht gegründet.
Aber die Idee blieb hängen, irgendwo zwischen vage und abgemacht und so kamen wir darauf zurück im neuen Jahr.
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| Karl hat eine Freundin gefunden... |
Schon am zweiten Wochenende starteten wir dann. Wir fuhren also am Freitagnachmittag zu
viert los – zwei Journalisten (oder ein Journalist und eine
Möchtegern-Journalistin) und zwei PraktikantInnen. Auf Richtung Grenze
und damit kamen wir auch näher zu der Frage, ob wir durchkommen würden, ohne
beglaubigte Vollmacht, Karl, der ja nicht offiziell mir gehört,
fahren zu dürfen. Nach den Fahrzeugpapieren fragte dann im Endeffekt
niemand, bloß die Pässe mussten wir zeigen.

Dann waren wir auch schon in Serbien. Wir hielten an einer Tankstelle und reservierten noch schnell ein Hostelzimmer in der Innenstadt. Ohne Navi den Weg dahin zu finden war dann nicht ganz unabenteuerlich und frustriert von der fehlenden Möglichkeit, in die Straße, wo das Hostel wäre, einzubiegen, fuhr ich auch an einer Stelle fast falschrum in eine Einbahnstraße. Irgendwie überlebten wir es aber alles und stellten Karl sicher im Innenhof des Hostels ab. Wir legten unsere Sachen in dem kleinen Studio ab, dass wir bekommen hatten und tranken noch einen Rakija mit den Hostelbesitzern. Der Mann der Besitzerin zeigte uns noch ein paar Sachen auf der Karte. Mich juckte es schon, ich wollte unbedingt zur Kalemegdan-Festung. Der Ausblick dort ist so schön bei Nacht.


Wir genossen also den Ausblick und begaben uns dann in die Skadarska-Straße und suchten ein Restaurant. Vorher kauften wir noch für das Frühstück am nächsten Morgen ein - Eurokrem und Firschkäse. Dann kehrten wir ins "Sesir moj" ein, im Sommer leicht zu erkennen durch die Blumen, die davor angebracht sind. Skadarlija ist bekannt als Treffpunkt der Boheme. Wir erlebten ein Konzert mit Sängerin und Musikern, was man wohl als typisch für die Straße bezeichnen kann. Und das, obwohl wir keine anderen Touristen sahen. Wohlig vollgefressen begaben wir uns dann auch zur Ruhe, denn am nächsten Tag hatten wir ein kleines touristisches Programm geplant.
Das zogen wir dann auch durch, nachdem wir mit viel Eurokrem gefrühstückt hatten. Zuerst ging es den guten alten Tesla
besuchen, und ich muss sagen, es hat mich ganz schön umgehauen. Was der
alles erfunden hat. Die Tesla-Spule, das haben vielleicht einige noch
dunkel in Erinnerung aus dem Physikunterricht, aber der Typ hat
Neonröhren und Kraftwerke gebaut, und das alles vor 1900. Er hatte die
Idee für ein Weltnetz und für elektrische Schutzschilder zur
Verhinderung von militärischen Angriffen. Der Typ war ein Genie. Da wir vor Beginn der englischsprachigen Tour noch ein wenig Zeit haben, schauten wir auch kurz noch in die immer noch im Bau befindliche riesige Sava-Kathedrale. Nach dem Tesla Museum aßen wir Falafel und streiften durch die Straßen.
Video im Original auf: http://on.ted.com/Tesla


Natürlich durfte auch das zerschossene Ministerium nicht fehlen. Unser rumänischer Reisegenosse quatschte den Soldaten an, der in der Nähe herumstand. Er bekam Auskunft, die Ruine rühre vom 1999-Nato-Bombardement. Wo er herkäme. Rumänien. "You are NATO. Killing people in Afghanistan.", war die Antwort. Wir waren alle etwas geschockt. Natürlich ist das kein repräsentatives Bild, denn es gab auch genug Leute, die sagten, "Hey, Romania, nice!". Aber einen schalen Geschmack ließ es doch zurück. Wir streiften noch ein wenig durch die Innenstadt und ließen uns fußtot bei frühlingshaftem Wetter an der Kalemegdan-Festung im Gras nieder. Und das im Januar! Bis Sonnenuntergang etwa blieben wir, dann machten wir uns auf den Weg ins Hostel, um noch Abendbrot zu essen. Später gingen wir noch in eine Bar mit Live-Musik und tranken ein Bier.

Wir hatten uns die Frage gestellt, ob wir am Sonntag lieber nach
Zemun fahren oder in Vrsac halten sollen, diese Frage wurde dann aber
dadurch beantwortet, dass ich gerne noch meinen alten
Couchsurfing-Freund treffen wollte und so wählten wir Zemun. Wir parkten
Karl etwas abenteuerlich in einer Seitenstraße und machten uns auf zum
Markt. Der Stadtteil von Belgrad hatte bis 1918 zu Österreich-Ungarn
gehört, war dann eine eigene Stadt und erst 1945 wurde er Belgrad
angegliedert. Man erreicht ihn, wenn man über die Donau durch Novi
Belgrad hindurch fährt. Auf dem Berg in Zemun gibt es einen Turm, den Gardoš
-Turm,
den man weithin sieht und von dem man eine großartige Sicht über Zemun
und Richtung Belgrad hat. Nachdem wir an der Donau gesessen und etwas
getrunken hatten, gingen wir herauf. Danach gingen wir noch zum
wunderschönen Friedhof in Zemun. Dort sind sehr skurrile wie auch sehr
traurige Gräber zu sehen. Leider habe ich kein Foto von dem
eingravierten Mafiamitglied gemacht, der auf seinem Grabstein in
Flipflops und Boxershorts sowie oberkörperfrei erscheint.
Einige Eindrücke von Zemun (mit der geliehenen Spiegelreflex gemacht):
Krippe in der katholischen Kirche:
Es wurde langsam dunkel und fing an zu regnen. Wenn auch der Abschied wieder mal schwer fiel, war es Zeit, Belgrad zu verlassen. Und wie sagte mein Couchsurfer, den ich mit schöner Regelmäßigkeit besuche so treffend: "We are neighbours now.".