Samstag, 25. Januar 2014

Die Baustelle vor meinem Haus

In Timisoara regnet es in den letzten Tagen oft. Dadurch, dass die ganze Stadt momentan eine einzige Baustelle ist, ergibt das braune Matschepampe überall. Auf der Straße, den Gehwegen, in der Schule, im Büro und in den Geschäften, ja sogar in den Wohnungen. Im Theaterfoyer haben die Frauen genauso Dreck an ihren hohen Stiefeln wie am Bankschalter. Und die schwarzen Anzughosen der Geschäftsmänner sind meist zumindest am Knöchel und an der Ferse mit braunen Schlammspritzern verziert.


Dass die ganze Stadt eine Baustelle ist, ist im Übrigen keinesfalls eine Übertreibung. Sämtliche Uferwege der Bega wurden gerade genauso aufgerissen wie sämtliche, also wirklich fast alle Straßen der Altstadt zwischen Piata Unirii und Piata Libertatii, sowie der Piata Libertatii selbst (oben im Bild). Wie man auch sieht, kann man überall fröhlich mitten durch marschieren. Dabei muss man hoffen, dass man nicht stecken bleibt in Schlamm und Dreck, aber meistens stehen irgendwo untätige Bauarbeiter, die einen im Notfall sicher rausziehen würden.




Auf dem unteren Bild sieht man unten, was der Baustellendreck in Kombination mit Regen aus Temeswars Straßen und Fußwegen macht - der Zebrastreifen ist kaum noch zu erkennen. 

Freitag, 24. Januar 2014

Belgrad mit dem Auto - oder "Der Club der anonymen Rakija-Liebhaber"

Eigentlich müsste es ja "Club der öffentlichen Eurokrem-Fanatiker" heißen, aber ich konnte nicht noch einen Alternativtitel in die Überschrift zwängen. Wie ich also das sechste Mal nach Belgrad reiste, erfahrt ihr in den nächsten Absätzen.



Da war so eine Idee vor Weihnachten, die, wenn ich mich nicht täusche, bei einem feuchtfröhlichen Scrabble-Abend in einer Kneipe ihren Anfang nahm. Wenig von dem Abend hat sich durchgesetzt - zumindest wurde der russische Männername Smrdiff noch nicht populär und auch ein afrikanisches Land mit dem Namen, den wir erfunden an diesem Abend, wurde wohl noch nicht gegründet.
Aber die Idee blieb hängen, irgendwo zwischen vage und abgemacht und so kamen wir darauf zurück im neuen Jahr.

Karl hat eine Freundin gefunden...


Schon am zweiten Wochenende starteten wir dann. Wir fuhren also am Freitagnachmittag zu viert los – zwei Journalisten (oder ein Journalist und eine Möchtegern-Journalistin) und zwei PraktikantInnen. Auf Richtung Grenze und damit kamen wir auch näher zu der Frage, ob wir durchkommen würden, ohne beglaubigte Vollmacht, Karl, der ja nicht offiziell mir gehört, fahren zu dürfen. Nach den Fahrzeugpapieren fragte dann im Endeffekt niemand, bloß die Pässe mussten wir zeigen. 


Dann waren wir auch schon in Serbien. Wir hielten an einer Tankstelle und reservierten noch schnell ein Hostelzimmer in der Innenstadt. Ohne Navi den Weg dahin zu finden war dann nicht ganz unabenteuerlich und frustriert von der fehlenden Möglichkeit, in die Straße, wo das Hostel wäre, einzubiegen, fuhr ich auch an einer Stelle fast falschrum in eine Einbahnstraße. Irgendwie überlebten wir es aber alles und stellten Karl sicher im Innenhof des Hostels ab. Wir legten unsere Sachen in dem kleinen Studio ab, dass wir bekommen hatten und tranken noch einen Rakija mit den Hostelbesitzern. Der Mann der Besitzerin zeigte uns noch ein paar Sachen auf der Karte. Mich juckte es schon, ich wollte unbedingt zur Kalemegdan-Festung. Der Ausblick dort ist so schön bei Nacht.


Wir genossen also den Ausblick und begaben uns dann in die Skadarska-Straße und suchten ein Restaurant. Vorher kauften wir noch für das Frühstück am nächsten Morgen ein - Eurokrem und Firschkäse. Dann kehrten wir ins "Sesir moj" ein, im Sommer leicht zu erkennen durch die Blumen, die davor angebracht sind. Skadarlija ist bekannt als Treffpunkt der Boheme. Wir erlebten ein Konzert mit Sängerin und Musikern, was man wohl als typisch für die Straße bezeichnen kann. Und das, obwohl wir keine anderen Touristen sahen. Wohlig vollgefressen begaben wir uns dann auch zur Ruhe, denn am nächsten Tag hatten wir ein kleines touristisches Programm geplant.

Das zogen wir dann auch durch, nachdem wir mit viel Eurokrem gefrühstückt hatten. Zuerst ging es den guten alten Tesla besuchen, und ich muss sagen, es hat mich ganz schön umgehauen. Was der alles erfunden hat. Die Tesla-Spule, das haben vielleicht einige noch dunkel in Erinnerung aus dem Physikunterricht, aber der Typ hat Neonröhren und Kraftwerke gebaut, und das alles vor 1900. Er hatte die Idee für ein Weltnetz und für elektrische Schutzschilder zur Verhinderung von militärischen Angriffen. Der Typ war ein Genie. Da wir vor Beginn der englischsprachigen Tour noch ein wenig Zeit haben, schauten wir auch kurz noch in die immer noch im Bau befindliche riesige Sava-Kathedrale. Nach dem Tesla Museum aßen wir Falafel und streiften durch die Straßen.


Video im Original auf: http://on.ted.com/Tesla



Natürlich durfte auch das zerschossene Ministerium nicht fehlen. Unser rumänischer Reisegenosse quatschte den Soldaten an, der in der Nähe herumstand. Er bekam Auskunft, die Ruine rühre vom 1999-Nato-Bombardement. Wo er herkäme. Rumänien. "You are NATO. Killing people in Afghanistan.", war die Antwort. Wir waren alle etwas geschockt. Natürlich ist das kein repräsentatives Bild, denn es gab auch genug Leute, die sagten, "Hey, Romania, nice!". Aber einen schalen Geschmack ließ es doch zurück. Wir streiften noch ein wenig durch die Innenstadt und ließen uns fußtot bei frühlingshaftem Wetter an der Kalemegdan-Festung im Gras nieder. Und das im Januar! Bis Sonnenuntergang etwa blieben wir, dann machten wir uns auf den Weg ins Hostel, um noch Abendbrot zu essen. Später gingen wir noch in eine Bar mit Live-Musik und tranken ein Bier.

Wir hatten uns die Frage gestellt, ob wir am Sonntag lieber nach Zemun fahren oder in Vrsac halten sollen, diese Frage wurde dann aber dadurch beantwortet, dass ich gerne noch meinen alten Couchsurfing-Freund treffen wollte und so wählten wir Zemun. Wir parkten Karl etwas abenteuerlich in einer Seitenstraße und machten uns auf zum Markt. Der Stadtteil von Belgrad hatte bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehört, war dann eine eigene Stadt und erst 1945 wurde er Belgrad angegliedert. Man erreicht ihn, wenn man über die Donau durch Novi Belgrad hindurch fährt. Auf dem Berg in Zemun gibt es einen Turm, den Gardoš-Turm, den man weithin sieht und von dem man eine großartige Sicht über Zemun und Richtung Belgrad hat. Nachdem wir an der Donau gesessen und etwas getrunken hatten, gingen wir herauf. Danach gingen wir noch zum wunderschönen Friedhof in Zemun. Dort sind sehr skurrile wie auch sehr traurige Gräber zu sehen. Leider habe ich kein Foto von dem eingravierten Mafiamitglied gemacht, der auf seinem Grabstein in Flipflops und Boxershorts sowie oberkörperfrei erscheint.

Einige Eindrücke von Zemun (mit der geliehenen Spiegelreflex gemacht):

 

 Krippe in der katholischen Kirche: 




 




Es wurde langsam dunkel und fing an zu regnen. Wenn auch der Abschied wieder mal schwer fiel, war es Zeit, Belgrad zu verlassen. Und wie sagte mein Couchsurfer, den ich mit schöner Regelmäßigkeit besuche so treffend: "We are neighbours now.". 

Mittwoch, 8. Januar 2014

Im Osten

"Lost in Cluj" war einmal - ich habe eine neue Blogadresse bezogen. Einerseits, weil ich schon lange nicht mehr in Cluj lebe, andererseits, weil ich mich nicht verloren fühle. Also, nicht mehr und nicht weniger als jeder Mensch, der zu nachdenklichen Momenten neigt, eben hin und wieder.

Angekommen bin ich vielleicht auch noch nicht, das kann ich noch nicht sagen. Aber der neue Titel passt perfekt - sollte ich nicht gerade nach Westfrankreich ziehen, wird wohl mein Leben sich oft östlich abspielen. Im Osten von irgendwas ist man genau betrachtet ja überall auf der Welt.

Witzigerweise bin ich eigentlich im Westen von Rumänien - aber für viele da draußen eben doch ganz weit im Osten. Aufgewachsen bin ich im Osten Deutschlands, in den sogenannten neuen Bundesländern. Studiert habe ich Osteuropastudien, an der östlichen Grenze Deutschlands, nicht weit von Tschechien.

Im Osten geht die Sonne auf. Ich mag es hier. Auch wenn ich nicht weiß, wie lange ich bleibe, hoffe ich, dass mein Blog hier langfristig ein neues Zuhause gefunden hat. Auf viele schöne Tage im Osten. La Multi Ani cu Sanatate si Fericire! [Noch viele Jahre mit Gesundheit und Glück!]

Montag, 6. Januar 2014

Der Sonne entgegen

Die Tage waren gezählt und von der Urheimat musste ich wieder nach Hause - von Sachsen nach Timisoara. Mit dem guten alten Karlchen "Carol" von Großzschepa, dem alten Clio sollte diese Monstertour bewältigt werden: etwas mehr als tausend Kilometer in zwei Tagen mit nächtlichem Zwischenstopp in Bratislava. Und was bedeutet nach Südosten fahren in Kombination mit der alten Weisheit, dass im Osten die Sonne aufgeht? Richtig, es ging immer der Sonne entgegen!

I came in like a wrecking ball...


Los ging es in einem kleinen Dorf in Sachsen gegen halb zehn, die erste größere Pause wurde irgendwo in der Nähe von Prag bei einer Käsepizza gemacht. Dicker Nebel in ganz Tschechien ließ mich von der Idee Abstand nehmen, noch eine Pause bei einer mährischen Schlossanlage zu machen. Man hätte wohl das Schloss vor Augen nicht gesehen. Und so näherten wir uns Bratislava, nachdem die zweite Vignette des Tages auf die Scheibe gepappt war.

Ausblick vom Hostel-Zimmer - vielleicht schlief ich deshalb so schlecht?

Mithilfe des Navis fanden wir recht schnell das Hostel, wo wir ein Doppelzimmer gebucht hatten. Doch bevor wir dies bezogen, wollten wir noch raus, uns etwas die statt ansehen. Glücklicherweise lag die Altstadt nicht weit vom Hostel und so kraxelten wir sogar zur Burg hoch, wenn auch nicht ganz, denn den Burghof fanden wir schon verschlossen. Es reichte aber auch. Bei mir zeigten sich erste Anzeichen einer unschönen Erkältung. Da war es besser, einen ruhigen Schritt einzulegen. Die nächste Frage war die nach dem Abendessen. Ich hatte vor vier Jahren ganz gut in einer Kneipe in der Nähe des Theaters gegessen und nach ein klein wenig Sucherei fanden wir das Lokal recht schnell.

Ein paar Eindrücke von Bratislava:






Danach wuselten wir nur noch zurück zum Hostel, wo ich über Schmerzen klagte und unruhig schlief - schon allein weil mir vor der Fahrt am nächsten Tag graute. Nocheinmal 500km standen uns bevor und das in meinem Zustand von Grippeanflug mit Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Gliederschmerzen, Unwohlsein. Um acht standen wir auf, eine dreiviertel Stunde später hatten wir auch unseren Schlüsselpfand zurück und konnten Karel, unseren treuen Begleiter satteln. Mir war schlecht und ich fühlte mich richtig mies. Nach einem Tee, einem Keks und einem Orangensaft als wir bereits in Ungarn waren, ging es ein wenig besser. Beim nächsten Tankstopp hatte ich schon Appetit auf einen Müsliriegel und für vielleicht hundert Kilometer konnte ich wieder einigermaßen klar denken.

Zum Glück hat Karl "Károly" den ungarischen Autobahnparkplatz unbeschadet überlebt.


Irgendwann kamen wir dann an einen Grenzübergang, der definitiv schon bessere Tage gesehen hatte. Bereits an der slowakisch-ungarischen Grenze war es seltsam gewesen, einfach so durchzufahren, durch die Grenzstation, die aussah, wie eine alte Filmkulisse für ein Roadmovie, die nun seit Jahrzehnten nicht mehr gebraucht wurde und dem Verfall überlassen. Auch an der ungarisch-rumänischen Grenze erschien der Grenzposten wieder überdimensioniert für diese inzwischen kaum noch benötigte Grenze. Ein Europa - was das bedeutet, wird spätestens klar, wenn man an zwei Tagen in fünf Ländern ist und von zwei davon nur die Autobahn und deren Raststätten sieht. Keine Grenzkontrollen und überhaupt die Natürlichkeit, mit der sich österreichische, slowakische, deutsche und rumänische Kennzeichen auf ungarischen Autobahnen mischen. So viele Probleme auch mit Europa und dem Euro verbunden werden - es ging uns nie besser und es war nie friedlicher in unserem Europa.

Kurz vor der rumänischen Grenze hörte die Autobahn auf. In Rumänien gibt es sowieso bloß ein paar Kilometer Autobahn hier und da und der Westen gehört nicht zum Hauptverbreitungsgebiet zweispuriger Schnellstraßen. Dennoch kamen wir schnell voran, meist in Kolonne und einzelnen Fußgängern am Fahrbahnrand ausweichend. Jetzt muss ich sogar schmunzeln bei dem Gedanken an die Fußgänger und Fahrradfahrer, die wie Selbstmordkommandos an den Hauptstraßen entlangwuselten. Willkommen zu Hause.