Donnerstag, 25. Dezember 2014

Weihnachten altfel

Altfel ist rumänisch für anders. Weihnachten in Rumänien ist anders. Auf den ersten Blick würde ich sagen mehr blinkende Lichter, mehr Kitsch und mehr Konsum. Aber das stimmt nicht ganz. In Deutschland habe ich nie Leute erlebt, die ein Spektakel auf der Straße aufgeführt haben oder nachts Lieder singend um die Häuser gezogen sind. Irgendwie scheint es also doch auch Herz zu haben.



Ich habe den Entschluss, den ich seit Jahren hege, Weihnachten ja nicht zu Hause zu verbringen, erstmals umgesetzt. Habe bei einer rumänischen Familie Weihnachten gefeiert. Und hier gibt es schon das erste Problem – was ist im Banat eigentlich rumänisch? Die Familie jedenfalls eine typische Banater Mischung, mit ungarischen, deutschen und rumänischen Anteilen. Ein typisch rumänisches Weihnachtsfest durfte ich zudem nicht erwarten, weil die Hausfrau aus gesundheitlichen Gründen Diät halten muss und somit Krautwickel und Sahnetorten für alle unter den Tisch fielen – darüber war ich aber gar nicht böse. Also war es in jeder Hinsicht anders als gedacht. Es gab kein Protokoll, keine Zwänge, keine Essenszeiten, keine Kirche, keine Gäste. Nur vier Personen, die einen Tag lang auf der faulen Haut lagen, so gut es eben ging. Es wurde natürlich viel gegessen und viel genascht zwischendurch, Geschenke gab es auch, aber irgendwie fand ich es alles sehr enstpannt. Kein „Oh, ist der Baum aber schön, so gleichmäßig gewachsen“ - zu meiner Freude gab es keinen echten Baum. 


Behinderte Weihnachtsbäume

Das alles ist natürlich ein sehr persönlicher Eindruck, aber es war ein sehr schönes Weihnachten. Heiligabend gibt es keinen Kartoffelsalat sondern Nudeln mit Mohn und Zucker. Den lärmenden Zigeunern, die verkleidet vorbeiziehen muss man etwas geben, wenn man das Fenster öffnet und herausschaut. Am zweiten Weihnachtsfeiertag haben die Geschäfte wieder offen, damit der Rumäne seiner Lieblingsbeschäftigung – Konsum – nachgehen kann. Viel mehr Erkenntnisse habe ich auch nicht aus meinem ersten halbwegs rumänischen Weihnachtsfest gezogen.


Mittwoch, 3. Dezember 2014

Leben auf der Dauerbaustelle


Temeswar ist eine einzige Baustelle. Sobald man in der Innenstadt zu tun hat, kann man seine frisch geputzten Schuhe vergessen. Wenn es regnet, klebt der Dreck an den Strumpfhosen oder Hosenbeinen, an den Stiefeln und Turnschuhen sowieso. In den Läden schleppen die Leute den Schmutz herein, in den Cafés... ganz Temeswar ist wie von einer feinen Dreckschicht überzogen.

Klar, wer Fortschritt möchte, muss in den sauren Apfel beißen, dass eben Späne fallen, wo gehobelt wird. Aber das Hobeln sollte von Anfang an zwei Jahre dauern, findet in der gesamten Innenstadt gleichzeitig statt und verzögert sich ständig. Denn sobald man mit dem Spaten in die Erde sticht, trifft man hier in der Stadt auf irgendwelches antikes Gerümpel, dass die Römer, die Daker, die Osmanen oder im Zweifelsfall die Habsburger hier gelassen haben. Ich als Historikerin verstehe natürlich, dass man sich das auch ansehen sollte und es ordentlich konservieren muss, aber im Endeffekt bedeutet es für mich, als Bewohnerin dieser Stadt, noch länger über irgendwelche Holzplanken an den Bauarbeitern vorbei zu balancieren.

Dazu kommt die Absurdität. Da wird mit dem Presslufthammer vor ein paar Wochen gegossener Beton wieder aufgerissen. Oder an der neuen Brücke der zwei Monate alte Fußweg mit großen Kratern versehen. Zwischen den Abraumhalden wirkt die Kunstinstallation, als gehöre das so. Die Vögel suchen wohl nach dem Sinn, aber der ist in den Erdhügeln auch nicht zu erkennen. 
Foto: Eye in the Sky
Für viele Lokale in der Innenstadt bedeutete die Dauerbaustelle bereits das Aus. Rumänien ist dynamisch, so ist es nicht - ständig entstehen an anderer Stelle neue Lokale. Aber das was einst einer der schönsten und belebtesten Plätze der Stadt war, ist nun seit über einem Jahr Dauerbaustelle. Dafür ist ein anderer Platz fast fertig, der Piata Libertatii / Freiheitsplatz. Ziegelrotes glattes Betonpflaster mit Altstadtpflaster zu Ringen um eine der ältesten Statuen der Stadt angeordnet ist so ziemlich der Gipfel des schlechten Geschmacks. Den Fotografen von Eye in the Sky hat es zu der Feststellung verleitet: Heute auf dem "Roten" Platz, ehemals Freiheitsplatz.