Sonntag, 19. Juli 2015

„Fröhlich, frei, Spaß dabei“

Als ich schlaftrunken in Belgrad aus dem Zug stolperte, der mich von Thessaloniki über Mazedonien nach Serbien gebracht hatte, kamen aus den anderen Waggons unzählige Menschen unterschiedlichster ethnischer Hintergründe und Hautfarben. Es war mir sofort klar, dass diese Menschen Flüchtlinge sein mussten und ich stellte bei meiner Recherche zu Hause später fest, dass ich wohl recht hatte mit der Annahme. Dieser Moment veränderte etwas in mir. Ich fing an, das Reisen neu zu betrachten.

Ich reise seit jeher gern, hatte aber gerade erst angefangen, das Reisen um des Reisens willen als möglichen Lebensentwurf für mich zu überdenken. Ganz von allen Sicherheiten und Verpflichtungen möchte ich mich nicht trennen, aber ich überlege ein verspätetes Brückenjahr einzulegen und ein Jahr lang die Welt zu bereisen. Klar war, dass das möglichst „nomadisch“ geschehen sollte – mit wenig Gepäck, billig und im engen Kontakt mit der Umgebung. Ich hatte ein romantisches Bild davon, wie ich nur mit einem Rucksack loszog, um Kuba, Marokko oder Georgien zu entdecken. Wie ich mithilfe von Couchsurfing überall Leute traf und „off the beaten path“, also abseits der ausgetretenen Wege unterwegs war. Zu diesem Entschluss hatten auch zahlreiche Internetforen, Webseiten und Facebookposts beigetragen. Im Internet gibt es unzählige Communities, die sich mit nichts anderem Beschäftigen, als dem Aussteigertum.

„Digital nomads“ nennen sie sich, „vagabonds“ oder „free spirited“. Mit dem MacBook im Gepäck und einer teuren Spiegelreflexkamera ziehen sie los, um die entlegendsten Ecken der Welt zu erkunden. Dabei verdienen sie ihr Geld oft mit Blogs oder Jobben als Sprachlehrer, Fruitpicker oder musizieren auf der Straße. Fortbewegt wird sich mit Hitchhiking, also per Anhalter, übernachtet wird im Zelt, auf dem Sofa eines Couchsurfers oder allerhöchstens in Hostels. Gern auch als Helper oder Wwoofer gegen Kost und Logis. Hotels verachten sie mindestens so sehr wie Flugzeuge. Außer wenn es mal ein Sonderangebot bei einer Fluggesellschaft gibt, dann sind sie die ersten, die zuschlagen, um an das nächste exotische Ziel zu gelangen. Reisen könne jeder, posaunen sie hinaus, man brauche kaum Geld dafür, tippen sie in ihr MacBook. Ab und zu gibt es auch Beispiele von Leuten, die tatsächlich komplett ohne Geld reisen, wobei diese dann doch eingeschränkt sind – weil man ohne Flugticket eben schlecht auf einen anderen Kontinent kommt und weil Visas in einigen Ländern eben eine Menge kosten. Allen diese Menschen, selbst die Reisenden ohne Geld, haben meist eines gemeinsam: Den richtigen Pass. Und Eltern oder Freunde, die sie zur Not aus dem Schlamassel holen, wenn es hart auf hart kommt und das Geld für die Rückfahrkarte schon überweisen würden. Irgendwo ist noch ein Zimmer frei in den Wohlstandsgesellschaften, aus denen sie kommen und selbst, wenn sie total verarmt wären, würde sie ihr Heimatstaat schon auffangen.

Das klingt zynisch und es ist zu einem gewissen Maße sicher so. Jemand, der einen nigerianischen Pass hat, wird wohl schwer ein solcher „digital nomad“ werden können und von überall auf der Welt aus arbeiten. Ich möchte den Menschen, die sich als Reisende begreifen, ihr Recht darauf nicht absprechen. Ich stimme vollkommen zu, das Reisen, insbesondere, wenn dabei wirklich der Kontakt zu anderen Kulturen gesucht wird und man sich nicht nur in einer abgeschotteten Hotelburg befindet und dann behauptet, man sei auf Kuba gewesen, zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen in andere Länder reisen würden und dabei über die Rolle des Touristen hinausträten. Aber ich verlange nicht, dass jeder Mensch seinen geregelten Job aufgibt und von nun an um die Welt zieht, zumal es eben manchen gar nicht möglich ist, weil sie aufgrund ihres sozialen und nationalen Hintergrunds niemals die Chance haben werden. Auch der Markt an Reiseblogs ist irgendwann übersättigt und nicht jedem gelingt es, sich mit Posts aus aller Welt über Wasser zu halten. Ich halte das Reisen nicht für den einzig richtigen Weg, sein Leben zu leben. Und insbesondere, wenn ich eine Gruppe von Flüchtlingen am Belgrader Bahnhof sehe, weiß ich, dass die Forderung, jeder sollte reisen, einem Luxusdenken entspringt. Diese Menschen, die in Belgrad ankommen und versuchen werden, über die serbisch-ungarische Grenze irgendwie in den Schengenraum zu gelangen, sind nicht in diesen Zug gestiegen, weil sie sich den Luxus von zwei Tagen Thessaloniki gönnen wollten. Sie haben keinen Liegewagen gebucht, wo sie einen Teil der Zugfahrt schlafen konnten und sie haben nicht noch Reste vom Salzwasser im Haar, weil sie am Vortag kurz zur Erfrischung im Meer baden waren. Wenn sie Reste von Salzwasser im Haar haben, dann aus anderen Gründen. Sie werden nicht als nächstes nach Rumänien reisen und in ein paar Wochen weiter nach Deutschland, mit dem eigenen Auto dauert das etwa einen Tag. Nein, sie werden diesen Weg vielleicht versuchen, aber sie werden wohl eher von Schleusern in LKWs über die Grenze transportiert, werden versuchen ein unbewachtes Loch in der grünen Grenze zu finden und kilometerweit laufen. Sie haben es bis hierher geschafft, aber Serbien ist kein Land für Flüchtlinge, das wissen sie. Schließlich sehen sie selbst, wie dutzende mit ähnlichem Schicksal in den Parkanlagen um den Belgrader Bahnhof und Busbahnhof lagern.

Ich sollte mir nicht schlecht vorkommen, wenn ich vom Belgrader Bahnhof mit meinem Rucksack zur Innenstadt losziehe, an ihnen vorbei, noch kurz beim McDonalds halt mache, um mir eine heiße Schokolade zu kaufen, das Internet zu nutzen und die Toilette aufzusuchen. Als Landstreicherin würde ich es vielleicht ähnlich machen. Genau deshalb komme ich mir aber schlecht vor – weil ich einen Lebensstil vorspiegele, den ich gar nicht habe. Freiheit und Armut sind in gewissen Kreisen fast zu Statussymbolen geworden. „Du musst unbedingt in Albanien den Zug nehmen! Er braucht ewig und wer es sich leisten kann von den Einheimischen, würde niemals Zug fahren, aber es ist ein Erlebnis und der billigste Weg von A nach B zu kommen!“ - „Nimm ja nicht die Touristenfähre. Es gibt eine Autofähre, die die Albaner selbst benutzen, die ist zwar auch nur ein bisschen billiger, aber viel authentischer!“ Solche Sätze lese ich in letzter Zeit ständig. Und auch ich dürste nach Authentizität, will sehen, wie die Einheimischen und auch die ärmere Bevölkerung wirklich lebt und gleichzeitig ist da ein Zwiespalt in mir: Warum sollte ich nicht den Shuttleservice für Touristen nehmen, wenn ich das Geld doch habe und im Endeffekt damit mehr Geld im Land lasse, was den Einheimischen ja dient? Aber Geld im Land zu lassen, scheint verpönt zu sein. „Guys you don't need to give money to no one. Don't try to corrupt the heart of the person with stupid money. If a person host you it is not about money and no one is expecting money but it is for respect, and they expect only one thing, Respect. Givin money to the other is not respect and it is not a help.“, antwortet ein Couchsurfer auf eine Frage im Forum, ob der Gast ein bisschen Geld dalassen sollte, wenn er bei Einheimischen (nicht Couchsurfern) in Albanien übernachtet. Als Couchsurferin stimme ich ihm zu – es geht hier nicht um Geld. Als Low-Budget-Reisende möchte ich ihm auch gern zustimmen. Als Mensch erscheint es mir falsch. Klar ist es vielleicht besser, ein Geschenk dazulassen als ein paar Scheine, aber ich möchte Gastfreundschaft auf keinen Fall ausnutzen – weder in den ohnehin sehr gastfreundlichen Ländern Südosteuropas, noch irgendwo sonst auf der Welt.

Ich möchte Gastfreundschaft zurückgeben. Ich will mir diese Mentalität des Willkommenheißens annehmen. Klar weiß ich, dass ich auch hier wieder von meinen Privilegien der richtigen Hautfarbe und Nationalität profitiere und in einem makedonischen Haushalt wohl nicht so herzlich aufgenommen werden würde, wäre ich Sudanesin. Dennoch, ich strebe es für mich an, den Menschen unabhängig von ihrer Herkunft diese Herzlichkeit zurückzugeben, die mir entgegengebracht wird. Das bedeutet für mich auch, dass wenn ich als Fremde in anderen Ländern gut aufgenommen werde, ich es als Pflicht sehe, diese Menschen bei mir gut aufzunehmen. Und hier schließt sich der Kreis zu den Flüchtlingen, die versuchen nach Deutschland zu gelangen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich mache mir bewusst, dass diese Menschen auf überladenen Booten oder tagelang durch die Wüste irrend, im Zweifelsfall beides, versteckt in überfüllten LKWs ohne Luft zum Atmen irgendwie in Europa ankommen. Zu solch einer Reise, die ja jeden „nomad“ ins Schwärmen bringen sollte, weil sie so low budget und authentisch ist (entschuldigt den bitteren Humor), bricht man nicht auf, weil man etwas Neues erleben möchte, weil man denkt, dass Deutschland ein Schlaraffenland ist. Zu solch einer Reise bricht man auf, weil man keinen anderen Weg sieht, zu überleben, sonst würde man wohl kaum die tödlichen Gefahren ausblenden, die der Weg mit sich bringt. Ein Leben am im wirklichen Sinne des Wortes Existenzminimum, Folter, Gefängnis, Verfolgung bringen einen Menschen soweit.

Ich möchte nicht bestreiten, dass es auch Menschen gibt, für die das „nomadische“ Leben auf Reisen der einzige Ausweg ist – die verzweifeln und keinen Lebenssinn sehen, wenn sie nicht ständig unterwegs sind und Neues entdecken. Aber ein Großteil der Abenteurer fühlt sich eigentlich ganz wohl in seinem Sozialsystem, mit dem sicheren Rückhalt seiner Eltern oder seinem Bausparkonto und möchte nur mal eben den Kick und den Kitzel spüren, mit „nur“ ein paar Hundert oder ein paar Tausend Euro loszuziehen. Auch das ist ok, ich will hier niemanden verurteilen, man sollte sich nur stets vor Augen führen, dass es Menschen gibt, für die eine solche Reise kein Spaß ist. Wenn ich in Rumänien den Daumen raus halte und ein Auto anhalte, um meine Reise zu beginnen, steht neben mir ein Mann, der das tut, weil er zu Arbeit muss und kein eigenes Auto hat und sich den Bus nicht leisten kann . 


*„Fröhlich, frei, Spaß dabei“ ist der Titel eines Disney-Films aus dem Jahr 1947 basierend auf der Erzählung „Bongo“ von Sinclair Lewis.

Sonntag, 5. Juli 2015

Kurz ans Meer - Mini-Urlaub in Thessaloniki

Meine Gedanken kreisen seit einiger Zeit nur noch um Urlaub. Noch zwei Monate läuft mein Arbeitsvertrag, doch jetzt im Sommer fällt der Gedanke an Arbeit oft ein bisschen schwer. Also denke ich viel an mögliche Ziele. Vor etwa zwei Wochen hatte ich dann beschlossen, mir zwei Tage frei zu nehmen und für ein verlängertes Wochenende wegzufahren. Die Überlegungen reichten von Radtour entlang der Donau bis hin zu ans Meer fahren. Da standen dann zwei Optionen zur Auswahl - beide ungefähr gleich weit entfernt und auch von der Fahrzeit ähnlich. Rumänische Schwarzmeerküste oder montenegrinische Mittelmeerküste. Montenegro reizte mich mehr, von meinem letzten Besuch am rumänischen Schwarzmeer hatte ich nicht so viele positive Eindrücke behalten. Also stellte ich mich darauf ein, nach Belgrad zu fahren und von dort den Nachtzug ans Meer zu nehmen. Dann jedoch entdeckte ich, dass man von Belgrad mit dem Nachtzug auch die griechische Küste, genauer Thessaloniki erreichen konnte und die Entscheidung war gefallen. Ich war scließlich noch nie auf dem griechischen Festland.


Der Zeitpunkt scheint vielleicht ein bisschen schlecht gewählt wegen der Staatskrise und des angeblichen sofort bevorstehenden Bankrotts des Landes. Ich kam mir vor allem als Deutsche sehr seltsam vor, scheint doch die Bundeskanzlerin die Wortführerin schlechthin zu sein, wenn es darum geht, den Griechen Unfähigkeit zu unterstellen. Andererseits habe ich davon gar nichts gemerkt - ich habe Geld am Bankautomaten bekommen und wurde auch nicht als Deutsche diskriminiert. Und der Strand verändert sich ja nicht, bloß weil grad Staatskrise ist.

Ich startete am Freitag nach der Arbeit und fuhr los nach Belgrad. Zufällig hatte ich gerade eine Couchsurferin bei mir, die ich schon bei einem Projekt in Hermannstadt kennengelernt hatte und die auch nach Belgrad wollte. Deswegen gründeten wir kurzerhand eine Fahrgemeinschaft. Wir fuhren kurz nach vier los und tuckerten langsam Richtung Belgrad. Wir hatten eine unterhaltsame Fahrt. Einen Teil des Weges zuckelten wir dann hinter zwei Panzerwagen hinterher, die wohl auch auf dem Weg nach Belgrad waren, wir konnten sie dann aber doch abhängen. Die Freundin wollte Couchsurfen, ich hatte mir ein Hostel mit Parkplatz herausgesucht, wo wir zunächst erstmal hinfuhren, um das Auto abzustellen. Dann begleitete ich meine Beifahrerin noch zum Bahnhof, wo sie die Straßenbahn zu ihrer Couchsurferin nehmen wollte. Ich wanderte danach noch ein wenig durch die Stadt, hoch zur Kalemegdan-Festung und zurück durch die Innenstadt, bevor ich zurück zum Hostel ging. Am nächsten Tag setzte ich mein zielloses Schlendern fort, natürlich immer die Kamera dabei und machte ein paar Fotos von Belgrad. Leider bin ich immer noch ein wenig zu schüchtern, um Menschen anzusprechen. Beispielsweise hätte ich den älteren Herrn fotografieren sollen, der lauthals auflachte, als er sah, wie verstört ich schaute, wie sich eine asiatische Touristin von ihrem Freund mit einem pinken Gebäckstück in der Hand fotografieren ließ. Die bettelnden Romakinder habe ich sogar, zumindest eins davon, aber nicht, wie sie später mit ihrer Gruppe dasaßen, dabei auch ältere Personen, die ihnen vermutlich das Geld abnahmen. 

Um 18:30 ging mein Zug. Ich war schon etwas eher am Bahnhof. Mit dem Zugbegleiter hatte ich eine kleine wortlose Diskussion. Ich zeigte ihm mein Ticket mit der Nummer 81. Er zeigte mir seine Liste von gebuchten Schlafplätzen - keine 81 dabei. So ging das ein paar Mal hin und her, wir sprachen glaube ich fünf Silben dabei, dann malte er schließlich bei der ausgedruckten Liste neben die Plätze 82 bis 86 kurzerhand noch eine 81. Damit war auch irgendwie klar, dass ich nicht viel Platz haben würde, wenn die anderen Plätze alle gebucht waren. Kurz vor knapp, ich dachte schon, ich hätte doch Glück, kam eine Gruppe Rentner mit riesigen Koffern. Sie sprachen eine slawische Sprache, aber Serbisch war es irgendwie nicht. Es klang so langgezogen und ich erkannte schnell das Sächsisch unter den slawischen Sprachen - Tschechisch. Ich fragte noch mal nach und es stimmte tatsächlich. Die Tschechen müffelten leider ein wenig, es war ja auch ein heißer Tag gewesen, aber trotzdem empfand ich es als unangenehm. Ansonsten waren sie aber sehr lieb und wir kamen - ohne, dass wir uns irgendwie verständigen konnten, super miteinander klar. Ich fragte mich, wie diese Menschen es ohne Englischkenntnisse wohl quer durch Europa geschafft hatten, vermutlich mit dem Zug. 

Wir kamen mit saftigen zwei Stunden Verspätung am nächsten Morgen in Thessaloniki an. Die Grenzkontrollen hatten mitten in der Nacht stattgefunden, einen Stempel für meinen Pass hatte ich sehr zu meinem Leidwesen nicht bekommen. Man durchfährt ja auf dem Weg von Serbien nach Griechenland auch noch Mazedonien, was wir aber überwiegend mitten in der Nacht taten. Ich kaufte mir in Thessaloniki angekommen noch eine Reservierung für den Nachtzug zurück nach Belgrad einen Tag später und ging dann Richtung Hostel. Das hatte ich mir extra in Bahnhofsnähe gesucht - nun freute ich mich, dass es nicht so weit war. Ich hatte ein Doppelzimmer, aber trotzdem "dormitory", was heißt, dass ich das Doppelzimmer einfach mit einer wildfremden Person teilte. Das Hostel war wirklich gut, die Zimmer waren groß, alles war schön sauber und die Damen an der Rezeption echt nett. Nur leider war es dann doch etwas weit vom Zentrum und der Altstadt, wie sich herausstellte. Ich durfte mein Zimmer schon eher beziehen und ging gleich erstmal duschen, dann machte ich mich auf zur Stadterkundung. Da ja das oberste Ziel das Meer gewesen war, saß ich schon um drei auf einem Boot, dass mich zu einem Strand bringen sollte. Es ging einmal quer über die Bucht nach Neol Epivates. Um vier waren wir etwa da und ich suchte mir gleich ein Plätzchen am Strand. Schatten war leider sehr wenig zu finden und ich ließ mich schließlich in Nähe der Strandpromenade nieder, wo einige Bäume noch ein wenig Schatten boten. Ich sprang ins Wasser - erfrischend, belebend, wunderbar - hielt mich aber nicht lange auf. Ich war allein und hatte somit auch niemanden, der auf meine Sachen aufpassen konnte und ich hatte keine Ahnung, wie es mit Dieben so aussah. Aber dennoch, schon allein für das kurze eintauchen ins Salzwasser hat es sich voll und ganz gelohnt.
Nach dem Bad las ich noch ein wenig und schlenderte an der Strandpromenade entlang, ich kaufte mir ein Eis und genoss es einfach, da zu sein. Dann machte ich mich auf zum Kai, wo das Schiff für die Rückfahrt anlegen würde. Es zogen dunkle Wolken auf, deswegen hatten die Idee nicht wenige. Was ich nicht realisiert hatte - es wurde nur eine begrenzte Anzahl von Menschen aufs Schiff gelassen. Da ich aber nicht drängelte und schubste, stand ich unter den letzten. Witzigerweise waren die letzten fast nur Deutsche, neben mir standen noch ein paar deutsche Urlauberinnen. Ich wartete stoisch noch ein bisschen, ging schon meine Optionen durch (Abendessen in einem Strandlokal und Ellenbogen ausfahren beim nächsten Schiff in zwei Stunden oder lieber einen Bus suchen?), doch da gingen auf einmal ein paar Jungs wieder von Bord, weil es einer aus der Gruppe nicht geschafft hatte und es kurz vor ihm hieß "Stopp!". Witzigerweise englischsprachige Touristen. Die Balkanesen sind wohl besser im Drängeln und Schubsen. Jedenfalls ließ der Typ am Schiff nun noch vier weitere Touristen mitfahren und ich gehörte glücklicherweise dazu. 
Streetart in Thessaloniki
Ich ging zurück in mein Hostel, duschte nochmal kurz und beschloss, ein Bier trinken zu gehen. Am Ende saß ich in einer tschechischen Kneipe namens Gambrinus und ließ mir ein ebenfalls tschechisches Bier schmecken - auch nicht schlecht. Ich blieb aber wirklich nur auf ein Bier, alleine ist es ja auch doof, und begab mich dann wieder zum Hostel. Hier machte sich meine Mitbewohnerin gerade bereit zum Ausgehen. Ich hatte beim Reinkommen nur kurz erblickt - wie sie nackt im Bett lag, wohl wegen der Hitze. Dann am Landungssteg des Schiffes war sie gerade auf dem Weg zum Strand, während ich gerade versuchte, auf das Schiff zum kommen zurück nach Thessaloniki - zumindest glaubte ich, dass sie es sein müsste. Sie war es tatsächlich gewesen, nun warf sie sich in Schale. Es sei ihr letzter Abend, sie wollte noch mit ein paar Griechen ausgehen. Ich hatte kein Interesse und konnte wohl neben dieser Partyqueen ohnehin nicht bestehen. Sie sagte noch, ich solle sie wecken, morgen sei ja ihr letzter Tag und sie hatte in den letzten Tagen überhaupt nichts von den Sehenswürdigkeiten gesehen - wir könnten doch zusammen in die Altstadt gehen. Ich murmelte Zustimmung und fragte mich, wie ich da wieder rauskommen könnte. Als sie morgens um sechs nach Hause kam, erklärte ich noch kurz, dass sich meine Pläne geändert hätten und ich jemanden träfe, sie solle sich selber den Wecker stellen, ehe ich wieder eindöste.
Gegen neun war ich dann tatsächlich auf dem Weg in die Altstadt. Zunächst wollte ich aber über den Markt schlendern und tauchte ein in Basar-artiges Gewimmel, vorbei an den Fisch- und Fleischständen, wo die Fleischer die Tiere noch zerlegten. Es gab alles, was das Herz begehrte, nur leider wenig Handarbeit. Ich hätte mir ein paar handgemachte Sandalen gewünscht, fündig wurde ich aber nicht. Ich ging dann an einigen Kirchen und ähnlichem vorbei, dann ging es immer nur den Berg hoch. Durch steile enge Gassen, die die Griechen wohl tatsächlich mit dem Auto befuhren, kletterte ich höher und höher. Ein fantastischer Ausblick belohnte mich, außerdem war Thessaloniki hier viel schöner als unten am Meer. Im flachen Teil der Stadt stehen vor allem hässliche Neubauten, von einigen Ausnahmen abgesehen. Je höher man kommt, desto schöner wird auch die Bausubstanz. Ganz oben auf dem Hügel kletterte ich schließlich auf den Mauern einer alten Festung umher und machte Bilder. 
Kurz nach zwölf traf ich einen Couchsurfer, mit dem ich mich verabredet hatte. Er logierte in einem wirklich tollen Hostel mitten in der Altstadt. Er war Inder, der in Kanada lebte und hatte noch eine Südkoreanerin dabei, die er im Hostel kennengelernt hatte. Der Rezeptionist vom Hostel empfahl uns noch ein "nicht ganz billiges" Restaurant in der Nähe. Wir gingen hin und zahlten am Ende 10 Euro pro Person für zwei Hauptspeisen mit Fleisch, zwei Vorspeisen mit Gemüse und Käse (für mich), einen Wein und ein Bier. Dazu gab es aber noch kostenlos eine Runde Schnaps (Rakija nicht Ouzo), ein Mini-Apperetif und Dessert für alle sowie Brot und Wasser. Wir waren gut vollgefressen und hatten interessante Gespräche geführt, nun wollten wir noch einen kleinen Spaziergang machen, der uns wieder runter ans Meer führen sollte. Der Inder kam bloß bis zum Triumphbogen mit, wo wir auch noch ein Foto zu dritt machten, dann verabschiedete er sich. Ich trennte mich von der Koreanerin am Weißen Turm und ging wieder zum Hostel, um auf dem Weg noch einzukaufen und meine Sachen zu holen, damit ich den Zug nicht verpasste. 

Ich war auf der Rückfahrt in einem Abteil mit einem Schweden, der mit seinem elfjährigen Sohn Interrail machte und einem Südkoreaner, der keine zwei Sätze sagte. Dafür unterhielt ich mich mit den Schweden sehr gut - der Elfjährige beeindruckte mich mit seinen Englischkenntnissen. Schlafen konnte ich ganz gut, am Ende verschlief ich die serbische Passkontrolle und niemand weckte mich, um meinen Pass zu sehen. Als wir in Belgrad ankamen, wollte ich gleich erstmal eine Toilette suchen, um meine Kontaktlinsen reinzumachen und mich ein bisschen notdürftig zu säubern. Erstmal fiel mir aber auf, wie aus dem Zug Dutzende Menschen jeglicher Hautfarbe ausstiegen. Ganz offensichtlich Immigranten, vermutlich eher Flüchtlinge und auch nicht ganz legale Flüchtlinge, wie ich annahm. In Belgrad fällt ohnehin auf, dass unzählige Flüchtlinge in der Nähe des Bahnhofs und Busbahnhofs lagern. Ganze Familien, die irgendwie auf die Weiterreise harren zu scheinen. Vermutlich spuckte der Zug aus Richtung Griechenland jeden Tag neue aus, auch wenn auf den ersten Blick nicht ganz klar ist, warum. Denn von außen betrachtet müsste doch die Ankunft in Griechenland, die ja die Ankunft in der EU bedeutet, auch gleichzeitig eine Ankunft in sicheren Verhältnissen sein. Es wäre interessant sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen, was die Flüchtlinge dazu treibt, weitere beschwerliche Wege auf sich zu nehmen. Vor allem Frage ich mich, wie sie es überhaupt schaffen, in einem Zug legal die Grenze zu überqueren.
NZZ Fotos: Die Flüchtlingsroute über den Westbalkan
UNHCR: Erhöhtes Risiko für Flüchtlinge auf dem Westbalkan

Meine Ankunft war also erst einmal begleitet von düsteren Gedanken und die Bahnhofstoilette stellte sich auch als nicht praktikabel für das Einsetzen meiner Kontaktlinsen heraus - Klo und Händewaschen war das Maximum, was ich dort tun wollte. Da mein Zug nur eine Stunde Verspätung hatte, hatte ich noch ein bisschen Zeit, bis ich mich mit meiner Reisegefährtin von der Hinfahrt treffen würde. Wir wollten uns gemeinsam wieder auf den Rückweg von Belgrad nach Timisoara machen. Da also noch Zeit war, ging ich wie so oft die Balkanska-Straße hinauf. Vor dem Hotel Moskau angekommen, überlegte ich kurz, ob ich nicht dort einen Kaffee trinken sollte und das Bad benutzen, verwarf es aber schnell wieder, so stinkend und fertig wie ich war, und entschied mich für das McDonald's auf der anderen Straßenseite. Ich gehe da ja nur äußerst selten hin, aber eine heiße Schokolade, Internet und eine annehmbare Toilette waren dann doch zu verlockend. In etwas besserer Verfassung - wenn auch immer noch stinkend - begab ich mich dann zum vereinbarten Treffpunkt. Gemeinsam nahmen ich und die Reisegefährtin noch ein leckeres Frühstück im Teddy Bear nahe dem Studentski Trg für nur 350 Dinar inklusive Kaffee und chemischem Saft. Dann fuhren wir zum Hostel, wo ich mein Auto hatte stehen lassen dürfen. Im Anschluss verfuhren wir uns etwas in Belgrad, erreichten aber nach einigen Wirren tatsächlich unser Ziel - den See Ada Ciganlija. Ein wenig erfrischen war das Ziel und ich freute mich, den Zugmief und Schweißgeruch loszuwerden. 
Wir blieben nicht lange und fuhren Richtung Timisoara zurück, wobei das diesmal auch viel besser klappte mit der Orientierung. In Vrsac nahmen wir noch einen trampenden Backpacker mit, der auch nach Timisoara wollte und hatte einige interessante Unterhaltungen mit dem Brasilianer. Wir krönten die schönen Urlaubstage, die wir unabhängig voneinander gehabt hatten, mit einem Essen bei meinem Lieblingsrestaurant BioFresh. 



Zug Belgrad-Thessaloniki:

Informationen: http://www.trainose.gr/en/passenger-activity/international-services/international-railway-services/
Preis: Hin- und Rückfahrt ca. 70 Euro inkl. Reservierung für den Liegewagen