Als ich schlaftrunken in Belgrad aus
dem Zug stolperte, der mich von Thessaloniki über Mazedonien nach
Serbien gebracht hatte, kamen aus den anderen Waggons unzählige
Menschen unterschiedlichster ethnischer Hintergründe und Hautfarben.
Es war mir sofort klar, dass diese Menschen Flüchtlinge sein mussten
und ich stellte bei meiner Recherche zu Hause später fest, dass ich
wohl recht hatte mit der Annahme. Dieser Moment veränderte etwas in
mir. Ich fing an, das Reisen neu zu betrachten.
Ich reise seit jeher gern, hatte aber
gerade erst angefangen, das Reisen um des Reisens willen als
möglichen Lebensentwurf für mich zu überdenken. Ganz von allen
Sicherheiten und Verpflichtungen möchte ich mich nicht trennen, aber
ich überlege ein verspätetes Brückenjahr einzulegen und ein Jahr
lang die Welt zu bereisen. Klar war, dass das möglichst „nomadisch“
geschehen sollte – mit wenig Gepäck, billig und im engen Kontakt
mit der Umgebung. Ich hatte ein romantisches Bild davon, wie ich nur
mit einem Rucksack loszog, um Kuba, Marokko oder Georgien zu
entdecken. Wie ich mithilfe von Couchsurfing überall Leute traf und
„off the beaten path“, also abseits der ausgetretenen Wege
unterwegs war. Zu diesem Entschluss hatten auch zahlreiche
Internetforen, Webseiten und Facebookposts beigetragen. Im Internet
gibt es unzählige Communities, die sich mit nichts anderem
Beschäftigen, als dem Aussteigertum.
„Digital nomads“ nennen sie sich,
„vagabonds“ oder „free spirited“. Mit dem MacBook im Gepäck
und einer teuren Spiegelreflexkamera ziehen sie los, um die
entlegendsten Ecken der Welt zu erkunden. Dabei verdienen sie ihr
Geld oft mit Blogs oder Jobben als Sprachlehrer, Fruitpicker oder
musizieren auf der Straße. Fortbewegt wird sich mit Hitchhiking,
also per Anhalter, übernachtet wird im Zelt, auf dem Sofa eines
Couchsurfers oder allerhöchstens in Hostels. Gern auch als Helper
oder Wwoofer gegen Kost und Logis. Hotels verachten sie mindestens so
sehr wie Flugzeuge. Außer wenn es mal ein Sonderangebot bei einer
Fluggesellschaft gibt, dann sind sie die ersten, die zuschlagen, um
an das nächste exotische Ziel zu gelangen. Reisen könne jeder,
posaunen sie hinaus, man brauche kaum Geld dafür, tippen sie in ihr
MacBook. Ab und zu gibt es auch Beispiele von Leuten, die tatsächlich
komplett ohne Geld reisen, wobei diese dann doch eingeschränkt sind
– weil man ohne Flugticket eben schlecht auf einen anderen
Kontinent kommt und weil Visas in einigen Ländern eben eine Menge
kosten. Allen diese Menschen, selbst die Reisenden ohne Geld, haben
meist eines gemeinsam: Den richtigen Pass. Und Eltern oder Freunde,
die sie zur Not aus dem Schlamassel holen, wenn es hart auf hart
kommt und das Geld für die Rückfahrkarte schon überweisen würden.
Irgendwo ist noch ein Zimmer frei in den Wohlstandsgesellschaften,
aus denen sie kommen und selbst, wenn sie total verarmt wären, würde
sie ihr Heimatstaat schon auffangen.
Das klingt zynisch und es ist zu einem
gewissen Maße sicher so. Jemand, der einen nigerianischen Pass hat,
wird wohl schwer ein solcher „digital nomad“ werden können und
von überall auf der Welt aus arbeiten. Ich möchte den Menschen, die
sich als Reisende begreifen, ihr Recht darauf nicht absprechen. Ich
stimme vollkommen zu, das Reisen, insbesondere, wenn dabei wirklich
der Kontakt zu anderen Kulturen gesucht wird und man sich nicht nur
in einer abgeschotteten Hotelburg befindet und dann behauptet, man
sei auf Kuba gewesen, zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Die
Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen in andere Länder
reisen würden und dabei über die Rolle des Touristen hinausträten.
Aber ich verlange nicht, dass jeder Mensch seinen geregelten Job
aufgibt und von nun an um die Welt zieht, zumal es eben manchen gar
nicht möglich ist, weil sie aufgrund ihres sozialen und nationalen
Hintergrunds niemals die Chance haben werden. Auch der Markt an
Reiseblogs ist irgendwann übersättigt und nicht jedem gelingt es,
sich mit Posts aus aller Welt über Wasser zu halten. Ich halte das
Reisen nicht für den einzig richtigen Weg, sein Leben zu leben. Und
insbesondere, wenn ich eine Gruppe von Flüchtlingen am Belgrader
Bahnhof sehe, weiß ich, dass die Forderung, jeder sollte reisen,
einem Luxusdenken entspringt. Diese Menschen, die in Belgrad ankommen
und versuchen werden, über die serbisch-ungarische Grenze irgendwie
in den Schengenraum zu gelangen, sind nicht in diesen Zug gestiegen,
weil sie sich den Luxus von zwei Tagen Thessaloniki gönnen wollten.
Sie haben keinen Liegewagen gebucht, wo sie einen Teil der Zugfahrt
schlafen konnten und sie haben nicht noch Reste vom Salzwasser im
Haar, weil sie am Vortag kurz zur Erfrischung im Meer baden waren.
Wenn sie Reste von Salzwasser im Haar haben, dann aus anderen
Gründen. Sie werden nicht als nächstes nach Rumänien reisen und in
ein paar Wochen weiter nach Deutschland, mit dem eigenen Auto dauert
das etwa einen Tag. Nein, sie werden diesen Weg vielleicht versuchen,
aber sie werden wohl eher von Schleusern in LKWs über die Grenze
transportiert, werden versuchen ein unbewachtes Loch in der grünen
Grenze zu finden und kilometerweit laufen. Sie haben es bis hierher
geschafft, aber Serbien ist kein Land für Flüchtlinge, das wissen
sie. Schließlich sehen sie selbst, wie dutzende mit ähnlichem
Schicksal in den Parkanlagen um den Belgrader Bahnhof und Busbahnhof
lagern.
Ich sollte mir nicht schlecht
vorkommen, wenn ich vom Belgrader Bahnhof mit meinem Rucksack zur
Innenstadt losziehe, an ihnen vorbei, noch kurz beim McDonalds halt
mache, um mir eine heiße Schokolade zu kaufen, das Internet zu
nutzen und die Toilette aufzusuchen. Als Landstreicherin würde ich
es vielleicht ähnlich machen. Genau deshalb komme ich mir aber
schlecht vor – weil ich einen Lebensstil vorspiegele, den ich gar
nicht habe. Freiheit und Armut sind in gewissen Kreisen fast zu
Statussymbolen geworden. „Du musst unbedingt in Albanien den Zug
nehmen! Er braucht ewig und wer es sich leisten kann von den
Einheimischen, würde niemals Zug fahren, aber es ist ein Erlebnis
und der billigste Weg von A nach B zu kommen!“ - „Nimm ja nicht
die Touristenfähre. Es gibt eine Autofähre, die die Albaner selbst
benutzen, die ist zwar auch nur ein bisschen billiger, aber viel
authentischer!“ Solche Sätze lese ich in letzter Zeit ständig.
Und auch ich dürste nach Authentizität, will sehen, wie die
Einheimischen und auch die ärmere Bevölkerung wirklich lebt und
gleichzeitig ist da ein Zwiespalt in mir: Warum sollte ich nicht den
Shuttleservice für Touristen nehmen, wenn ich das Geld doch habe und
im Endeffekt damit mehr Geld im Land lasse, was den Einheimischen ja
dient? Aber Geld im Land zu lassen, scheint verpönt zu sein. „Guys
you don't need to give money to no one. Don't try to corrupt the
heart of the person with stupid money. If a person host you it is not
about money and no one is expecting money but it is for respect, and
they expect only one thing, Respect. Givin money to the other is not
respect and it is not a help.“, antwortet ein Couchsurfer auf eine
Frage im Forum, ob der Gast ein bisschen Geld dalassen sollte, wenn
er bei Einheimischen (nicht Couchsurfern) in Albanien übernachtet.
Als Couchsurferin stimme ich ihm zu – es geht hier nicht um Geld.
Als Low-Budget-Reisende möchte ich ihm auch gern zustimmen. Als
Mensch erscheint es mir falsch. Klar ist es vielleicht besser, ein
Geschenk dazulassen als ein paar Scheine, aber ich möchte
Gastfreundschaft auf keinen Fall ausnutzen – weder in den ohnehin
sehr gastfreundlichen Ländern Südosteuropas, noch irgendwo sonst
auf der Welt.
Ich möchte Gastfreundschaft
zurückgeben. Ich will mir diese Mentalität des Willkommenheißens
annehmen. Klar weiß ich, dass ich auch hier wieder von meinen
Privilegien der richtigen Hautfarbe und Nationalität profitiere und
in einem makedonischen Haushalt wohl nicht so herzlich aufgenommen
werden würde, wäre ich Sudanesin. Dennoch, ich strebe es für mich
an, den Menschen unabhängig von ihrer Herkunft diese Herzlichkeit
zurückzugeben, die mir entgegengebracht wird. Das bedeutet für mich
auch, dass wenn ich als Fremde in anderen Ländern gut aufgenommen
werde, ich es als Pflicht sehe, diese Menschen bei mir gut
aufzunehmen. Und hier schließt sich der Kreis zu den Flüchtlingen,
die versuchen nach Deutschland zu gelangen. Ich kann es ihnen nicht
verdenken. Ich mache mir bewusst, dass diese Menschen auf überladenen
Booten oder tagelang durch die Wüste irrend, im Zweifelsfall beides,
versteckt in überfüllten LKWs ohne Luft zum Atmen irgendwie in
Europa ankommen. Zu solch einer Reise, die ja jeden „nomad“ ins
Schwärmen bringen sollte, weil sie so low budget und authentisch ist
(entschuldigt den bitteren Humor), bricht man nicht auf, weil man
etwas Neues erleben möchte, weil man denkt, dass Deutschland ein
Schlaraffenland ist. Zu solch einer Reise bricht man auf, weil man
keinen anderen Weg sieht, zu überleben, sonst würde man wohl kaum
die tödlichen Gefahren ausblenden, die der Weg mit sich bringt. Ein
Leben am im wirklichen Sinne des Wortes Existenzminimum, Folter,
Gefängnis, Verfolgung bringen einen Menschen soweit.
Ich möchte nicht bestreiten, dass es
auch Menschen gibt, für die das „nomadische“ Leben auf Reisen
der einzige Ausweg ist – die verzweifeln und keinen Lebenssinn
sehen, wenn sie nicht ständig unterwegs sind und Neues entdecken.
Aber ein Großteil der Abenteurer fühlt sich eigentlich ganz wohl in
seinem Sozialsystem, mit dem sicheren Rückhalt seiner Eltern oder
seinem Bausparkonto und möchte nur mal eben den Kick und den Kitzel
spüren, mit „nur“ ein paar Hundert oder ein paar Tausend Euro
loszuziehen. Auch das ist ok, ich will hier niemanden verurteilen,
man sollte sich nur stets vor Augen führen, dass es Menschen gibt,
für die eine solche Reise kein Spaß ist. Wenn ich in Rumänien den
Daumen raus halte und ein Auto anhalte, um meine Reise zu beginnen,
steht neben mir ein Mann, der das tut, weil er zu Arbeit muss und
kein eigenes Auto hat und sich den Bus nicht leisten kann .
*„Fröhlich, frei, Spaß dabei“ ist
der Titel eines Disney-Films aus dem Jahr 1947 basierend auf der
Erzählung „Bongo“ von Sinclair Lewis.








