Sonntag, 19. Juli 2015

„Fröhlich, frei, Spaß dabei“

Als ich schlaftrunken in Belgrad aus dem Zug stolperte, der mich von Thessaloniki über Mazedonien nach Serbien gebracht hatte, kamen aus den anderen Waggons unzählige Menschen unterschiedlichster ethnischer Hintergründe und Hautfarben. Es war mir sofort klar, dass diese Menschen Flüchtlinge sein mussten und ich stellte bei meiner Recherche zu Hause später fest, dass ich wohl recht hatte mit der Annahme. Dieser Moment veränderte etwas in mir. Ich fing an, das Reisen neu zu betrachten.

Ich reise seit jeher gern, hatte aber gerade erst angefangen, das Reisen um des Reisens willen als möglichen Lebensentwurf für mich zu überdenken. Ganz von allen Sicherheiten und Verpflichtungen möchte ich mich nicht trennen, aber ich überlege ein verspätetes Brückenjahr einzulegen und ein Jahr lang die Welt zu bereisen. Klar war, dass das möglichst „nomadisch“ geschehen sollte – mit wenig Gepäck, billig und im engen Kontakt mit der Umgebung. Ich hatte ein romantisches Bild davon, wie ich nur mit einem Rucksack loszog, um Kuba, Marokko oder Georgien zu entdecken. Wie ich mithilfe von Couchsurfing überall Leute traf und „off the beaten path“, also abseits der ausgetretenen Wege unterwegs war. Zu diesem Entschluss hatten auch zahlreiche Internetforen, Webseiten und Facebookposts beigetragen. Im Internet gibt es unzählige Communities, die sich mit nichts anderem Beschäftigen, als dem Aussteigertum.

„Digital nomads“ nennen sie sich, „vagabonds“ oder „free spirited“. Mit dem MacBook im Gepäck und einer teuren Spiegelreflexkamera ziehen sie los, um die entlegendsten Ecken der Welt zu erkunden. Dabei verdienen sie ihr Geld oft mit Blogs oder Jobben als Sprachlehrer, Fruitpicker oder musizieren auf der Straße. Fortbewegt wird sich mit Hitchhiking, also per Anhalter, übernachtet wird im Zelt, auf dem Sofa eines Couchsurfers oder allerhöchstens in Hostels. Gern auch als Helper oder Wwoofer gegen Kost und Logis. Hotels verachten sie mindestens so sehr wie Flugzeuge. Außer wenn es mal ein Sonderangebot bei einer Fluggesellschaft gibt, dann sind sie die ersten, die zuschlagen, um an das nächste exotische Ziel zu gelangen. Reisen könne jeder, posaunen sie hinaus, man brauche kaum Geld dafür, tippen sie in ihr MacBook. Ab und zu gibt es auch Beispiele von Leuten, die tatsächlich komplett ohne Geld reisen, wobei diese dann doch eingeschränkt sind – weil man ohne Flugticket eben schlecht auf einen anderen Kontinent kommt und weil Visas in einigen Ländern eben eine Menge kosten. Allen diese Menschen, selbst die Reisenden ohne Geld, haben meist eines gemeinsam: Den richtigen Pass. Und Eltern oder Freunde, die sie zur Not aus dem Schlamassel holen, wenn es hart auf hart kommt und das Geld für die Rückfahrkarte schon überweisen würden. Irgendwo ist noch ein Zimmer frei in den Wohlstandsgesellschaften, aus denen sie kommen und selbst, wenn sie total verarmt wären, würde sie ihr Heimatstaat schon auffangen.

Das klingt zynisch und es ist zu einem gewissen Maße sicher so. Jemand, der einen nigerianischen Pass hat, wird wohl schwer ein solcher „digital nomad“ werden können und von überall auf der Welt aus arbeiten. Ich möchte den Menschen, die sich als Reisende begreifen, ihr Recht darauf nicht absprechen. Ich stimme vollkommen zu, das Reisen, insbesondere, wenn dabei wirklich der Kontakt zu anderen Kulturen gesucht wird und man sich nicht nur in einer abgeschotteten Hotelburg befindet und dann behauptet, man sei auf Kuba gewesen, zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen in andere Länder reisen würden und dabei über die Rolle des Touristen hinausträten. Aber ich verlange nicht, dass jeder Mensch seinen geregelten Job aufgibt und von nun an um die Welt zieht, zumal es eben manchen gar nicht möglich ist, weil sie aufgrund ihres sozialen und nationalen Hintergrunds niemals die Chance haben werden. Auch der Markt an Reiseblogs ist irgendwann übersättigt und nicht jedem gelingt es, sich mit Posts aus aller Welt über Wasser zu halten. Ich halte das Reisen nicht für den einzig richtigen Weg, sein Leben zu leben. Und insbesondere, wenn ich eine Gruppe von Flüchtlingen am Belgrader Bahnhof sehe, weiß ich, dass die Forderung, jeder sollte reisen, einem Luxusdenken entspringt. Diese Menschen, die in Belgrad ankommen und versuchen werden, über die serbisch-ungarische Grenze irgendwie in den Schengenraum zu gelangen, sind nicht in diesen Zug gestiegen, weil sie sich den Luxus von zwei Tagen Thessaloniki gönnen wollten. Sie haben keinen Liegewagen gebucht, wo sie einen Teil der Zugfahrt schlafen konnten und sie haben nicht noch Reste vom Salzwasser im Haar, weil sie am Vortag kurz zur Erfrischung im Meer baden waren. Wenn sie Reste von Salzwasser im Haar haben, dann aus anderen Gründen. Sie werden nicht als nächstes nach Rumänien reisen und in ein paar Wochen weiter nach Deutschland, mit dem eigenen Auto dauert das etwa einen Tag. Nein, sie werden diesen Weg vielleicht versuchen, aber sie werden wohl eher von Schleusern in LKWs über die Grenze transportiert, werden versuchen ein unbewachtes Loch in der grünen Grenze zu finden und kilometerweit laufen. Sie haben es bis hierher geschafft, aber Serbien ist kein Land für Flüchtlinge, das wissen sie. Schließlich sehen sie selbst, wie dutzende mit ähnlichem Schicksal in den Parkanlagen um den Belgrader Bahnhof und Busbahnhof lagern.

Ich sollte mir nicht schlecht vorkommen, wenn ich vom Belgrader Bahnhof mit meinem Rucksack zur Innenstadt losziehe, an ihnen vorbei, noch kurz beim McDonalds halt mache, um mir eine heiße Schokolade zu kaufen, das Internet zu nutzen und die Toilette aufzusuchen. Als Landstreicherin würde ich es vielleicht ähnlich machen. Genau deshalb komme ich mir aber schlecht vor – weil ich einen Lebensstil vorspiegele, den ich gar nicht habe. Freiheit und Armut sind in gewissen Kreisen fast zu Statussymbolen geworden. „Du musst unbedingt in Albanien den Zug nehmen! Er braucht ewig und wer es sich leisten kann von den Einheimischen, würde niemals Zug fahren, aber es ist ein Erlebnis und der billigste Weg von A nach B zu kommen!“ - „Nimm ja nicht die Touristenfähre. Es gibt eine Autofähre, die die Albaner selbst benutzen, die ist zwar auch nur ein bisschen billiger, aber viel authentischer!“ Solche Sätze lese ich in letzter Zeit ständig. Und auch ich dürste nach Authentizität, will sehen, wie die Einheimischen und auch die ärmere Bevölkerung wirklich lebt und gleichzeitig ist da ein Zwiespalt in mir: Warum sollte ich nicht den Shuttleservice für Touristen nehmen, wenn ich das Geld doch habe und im Endeffekt damit mehr Geld im Land lasse, was den Einheimischen ja dient? Aber Geld im Land zu lassen, scheint verpönt zu sein. „Guys you don't need to give money to no one. Don't try to corrupt the heart of the person with stupid money. If a person host you it is not about money and no one is expecting money but it is for respect, and they expect only one thing, Respect. Givin money to the other is not respect and it is not a help.“, antwortet ein Couchsurfer auf eine Frage im Forum, ob der Gast ein bisschen Geld dalassen sollte, wenn er bei Einheimischen (nicht Couchsurfern) in Albanien übernachtet. Als Couchsurferin stimme ich ihm zu – es geht hier nicht um Geld. Als Low-Budget-Reisende möchte ich ihm auch gern zustimmen. Als Mensch erscheint es mir falsch. Klar ist es vielleicht besser, ein Geschenk dazulassen als ein paar Scheine, aber ich möchte Gastfreundschaft auf keinen Fall ausnutzen – weder in den ohnehin sehr gastfreundlichen Ländern Südosteuropas, noch irgendwo sonst auf der Welt.

Ich möchte Gastfreundschaft zurückgeben. Ich will mir diese Mentalität des Willkommenheißens annehmen. Klar weiß ich, dass ich auch hier wieder von meinen Privilegien der richtigen Hautfarbe und Nationalität profitiere und in einem makedonischen Haushalt wohl nicht so herzlich aufgenommen werden würde, wäre ich Sudanesin. Dennoch, ich strebe es für mich an, den Menschen unabhängig von ihrer Herkunft diese Herzlichkeit zurückzugeben, die mir entgegengebracht wird. Das bedeutet für mich auch, dass wenn ich als Fremde in anderen Ländern gut aufgenommen werde, ich es als Pflicht sehe, diese Menschen bei mir gut aufzunehmen. Und hier schließt sich der Kreis zu den Flüchtlingen, die versuchen nach Deutschland zu gelangen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich mache mir bewusst, dass diese Menschen auf überladenen Booten oder tagelang durch die Wüste irrend, im Zweifelsfall beides, versteckt in überfüllten LKWs ohne Luft zum Atmen irgendwie in Europa ankommen. Zu solch einer Reise, die ja jeden „nomad“ ins Schwärmen bringen sollte, weil sie so low budget und authentisch ist (entschuldigt den bitteren Humor), bricht man nicht auf, weil man etwas Neues erleben möchte, weil man denkt, dass Deutschland ein Schlaraffenland ist. Zu solch einer Reise bricht man auf, weil man keinen anderen Weg sieht, zu überleben, sonst würde man wohl kaum die tödlichen Gefahren ausblenden, die der Weg mit sich bringt. Ein Leben am im wirklichen Sinne des Wortes Existenzminimum, Folter, Gefängnis, Verfolgung bringen einen Menschen soweit.

Ich möchte nicht bestreiten, dass es auch Menschen gibt, für die das „nomadische“ Leben auf Reisen der einzige Ausweg ist – die verzweifeln und keinen Lebenssinn sehen, wenn sie nicht ständig unterwegs sind und Neues entdecken. Aber ein Großteil der Abenteurer fühlt sich eigentlich ganz wohl in seinem Sozialsystem, mit dem sicheren Rückhalt seiner Eltern oder seinem Bausparkonto und möchte nur mal eben den Kick und den Kitzel spüren, mit „nur“ ein paar Hundert oder ein paar Tausend Euro loszuziehen. Auch das ist ok, ich will hier niemanden verurteilen, man sollte sich nur stets vor Augen führen, dass es Menschen gibt, für die eine solche Reise kein Spaß ist. Wenn ich in Rumänien den Daumen raus halte und ein Auto anhalte, um meine Reise zu beginnen, steht neben mir ein Mann, der das tut, weil er zu Arbeit muss und kein eigenes Auto hat und sich den Bus nicht leisten kann . 


*„Fröhlich, frei, Spaß dabei“ ist der Titel eines Disney-Films aus dem Jahr 1947 basierend auf der Erzählung „Bongo“ von Sinclair Lewis.

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