Sonntag, 29. Mai 2016

Erkundung des Saalekreises, Teil 2 und das Gute im Menschen entdecken

Ich habe mich ja vor ein paar Wochen schon mal aufs Rad geschwungen und bin die Saale herauf geradelt, also Richtung Quelle. Da geht es nach Merseburg und ich bin sogar bis Bad Dürrenberg gekommen. Den Bericht gibt es hier. Diesen Samstag nun wollte ich mir mal die andere Richtung anschauen, sozusagen die Fließrichtung. Auch da wird es interessant, immerhin kommt nach zwanzig Kilometern Wettin. Ursprünglich dachte ich, ich fahr mal so weit ich komme, dann stand irgendwie fest - Wettin ist das Ziel. Das letzte Mal war ich dort vor fast drei Jahren, als ich für ein wunderbares Filmprojekt die Kameras beim offenen Kanal abholte und zurückbrachte. Damals wurde ich gemeinsam mit Karl von den gepflasterten Landstraßen durchgerüttelt und verirrte mich auf der Rückfahrt in der sachsen-anhaltinischen Pampa. 

Jetzt hatte ich mal wieder einen freien Tag und Zeit für mich. Ausgeschlafen und ohen Zeitdruck, setzte mir schließlich selbst das Ziel, gegen elf zu einer kleinen Radtour aufzubrechen. Dass ich dann doch erst 11.30 Uhr los kam, war überhaupt nicht schlimm. Das einzige, was ich mir vornahm, war, gegen vier wieder daheim zu sein, denn ein Couchsurfer wollte bei mir übernachten. Da ich merkte, dass ich ganz schön gut vorankam, dachte ich mir aber, dass ich bis vier wieder zurück sein würde, auch wenn ich bis Wettin führe. Also los!
Ich startete an der Saalebrücke bei der Saline in Halle. Von dort fuhr ich entlang der Saale über die Peißnitz-Insel und raus aus der Stadt. In Kröllwitz war die Saale nicht mehr zu sehen, dafür fuhr ich durch ein Gebiet mit hunderten Kleingärten. Immer weiter zwischen den Gärten entlang, dann weiter nach Lettin und wieder kamen Gärten. Diesmal aber Geistergärten. Die gesamte Gartenanlage bei Lettin war verlassen. Offensichtlich war in einigen Häusern randaliert worden, hier und da waren Häuser besprayt, die Scheiben waren zumeist eingeschlagen, es war ein seltsames Bild. Ich konnte mir überhaupt nicht erklären, was passiert war. Wie lange standen die Gärten schon leer? Es blühte immer noch an allen Ecken und Enden, aber die Hecken waren verwuchert, die Zäune fehlten und man konnte durch die Gartenhäuschen spazieren. Erst beim Nachhausekommen las, dass diese Gartenanlage regelmäßig vom Hochwasser überflutet wurde, zuletzt 2013, und die meisten ihren Garten danach aufgegeben hatten. Auf jeden Fall würde ich gern noch mal mit der Kamera hin, um Bilder zu machen.




Als ich Lettin hinter mir gelassen hatte, ging es weiter Richtung Brachwitz, wo ich mit der Fähre übersetzte. 50 Cent kostete der Spaß für mich und mein Rad, dann ging es weiter nach Wettin. Hinter Döblitz begann eine Pflasterstraße, aber zum Glück gab es bald wieder Asphalt und ich wurde nicht mehr so arg durchgerüttelt. Dann kam auch schon langsam die Burg Wettin in den Blick, bis dahin wollte ich noch. Ich schaffte es auch und kletterte sogar noch zur Burg hinauf. Ins schicke Burg-Cafe mochte ich mich nicht setzen, aber im Cafe unten im Ort war leider geschlossene Gesellschaft und so holte ich mir ein Eis bei einem spelunkigen Kiosk und setzte mich ins Gras an die Saale. Lange rastete ich nicht. Ich bat die Verkäuferin noch, meine Trinkflasche mit Leitungswasser aufzufüllen, was sie mit einem lauten Atmen quittierte, aber sie tat mir den Gefallen dennoch. Danke, gute Frau. Ich trat den Rückweg an. Nachdem ich so losbrauste, kam ich denn auch recht schnell an die Stelle mit dem Kopfsteinpflaster. 



Ich entdeckte neben der Straße eine Art Trampelpfad, schmal, vielleicht auch von einigen Radlern ausgefahren. Ich wollte wechseln und während ich mein Fahrrad herübermanövrierte, sah ich auch schon meinen Fehler - es gab eine Bordsteinkante zwischen Fahrbahn und Wegesrand. Über die purzelte ich und zwar mit einigem Schwung, so dass es mich gegen einen Baum warf und vom Rad herunter. Das war schon schmerzhaft und den ersten Impuls weiterzuradeln, als wäre nichts gewesen, gab ich auch auf, nachdem ich den Blutfleck am Knie meiner Radhose sah. Weiterradeln musste ich trotzdem, denn hier zwischen Mücheln und Döblitz am Wegesrand konnte ich auch nichts machen. Also zumindest bis Döblitz und dort erstmal am Dorfteich auf eine Bank setzen und die Wunde mit Wasser abspülen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, vermutlich taten Endorphine und Adrenalin das ihrige dazu, aber beim Anschauen wurden schon deutlich, dass die Schramme ganz schön tief war. Ein radwanderndes Pärchen hatte auf der anderen Bank Rast gemacht und ich fragte sie, ob sie Desinfektionsmittel oder Pflaster dabei hätten. Sie hatten zwar kleine Pflaster, aber das half mir auch nicht wirklich was bei der Größe der Wunde. Die Frau beschloss daraufhin in einem Hof von Döblitz nach einem Verbandskasten zu fragen. Einen Kfz-Verbandskasten hat ja fast jeder im Haus, war ihre Logik. Ich blieb also einfach mal sitzen und schließlich kam die Frau mitsamt einer Anwohnerin mitsamt Verbandskasten wieder und mir wurde das Knie einigermaßen gut verbunden. Die Anwohnerin tat das ohne viel Federlesen und empfahl mir, dennoch noch mal zum Arzt zu gehen. Wenn ich Fahrrad fahren könne, dann vielleicht direkt nach Halle ins Uni-Klinikum? 
Ich radelte also tapfer weiter bis zum Uniklinikum Halle. Die Notaufnahme war voll, dennoch kam ich recht schnell dran. Und das obwohl ich keine Krankenkarte und keinerlei Identitätsnachweis dabei hatte. Die Schwester war so nett, meine Daten trotzdem aufzunehmen. Es wurde einmal desinfiziert und neu verbunden, dann konnte ich nach Hause. 

Zu Fuß hätte der Heimweg eine Stunde gedauert, also radelte ich so halb und versuchte dabei, das rechte Bein kaum zu beugen. Sah sicher ulkig aus, aber immerhin war ich schneller zuhause. Der Couchsurfer war bereits von meinem Missgeschick informiert, seine Reise hatte selbst nicht so geklappt wie geplant und er würde erst gegen neun bei mir sein. Das fand ich nicht schlecht, so hatte ich Zeit, das Bein noch hochzulegen. Ich überzeugte noch einen Bekannten, auf ein Bier rumzukommen und wir saßen schließlich noch bis zwölf mit dem ukrainischen Gast.

Was habe ich gelernt? Auf größeren Ausflügen nehme ich ab jetzt wohl immer ein kleines Erste-Hilfe-Set mit. Auf kleineren wenigstens den Ausweis, besser noch die Krankenversichertenkarte. Falls mal was schlimmeres passiert, sollten sie ja auch wissen, wen sie da gerade zusammenflicken. Dass Menschen prinzipiell gut sind. Dass sie helfen, dass sie nicht immer auf ihren bürokratischen Vorschriften bestehen. Ansonsten im Hinblick auf Unfallgefahren im alleinreisenden Zustang - tja, das Leben ist lebensgefährlich. Deswegen auf Abenteuer und Freiheit und damit aufs Leben zu verzichten erscheint mir keine Lösung. Also raus da und ab und zu riskieren, ein bisschen auf die Nase zu fallen. Es gibt schlimmeres als vernarbte Knie. Zu wenig Leben zum Beispiel.

Montag, 16. Mai 2016

Krieg in Halle

Seit ich nach Halle gezogen bin, begrüßen mich, sobald ich mit dem Auto in die Stadt fahre, Schilder, auf denen im ersten Augenblick nur Krieg zu lesen ist. Ein wenig beängstigend, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich um eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte handelt. Ich hatte dieser Ausstellung schon während der Museumsnacht einen kurzen Besuch abgestattet, aber war nicht abegeneigt, mir das Ganze noch mal ausführlicher anzusehen. Denn es schien auf den ersten Blick durchaus eine sehenswerte Ausstellung und ich hatte während der Museumsnacht nicht mehr genug Aufnahmefähigkeit. Da ich nun Besuch von einer Freundin aus München bekam, war das ein willkommener Anlass, noch einmal ein bisschen länger durch die Ausstellung zu gehen.

Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Beeindruckend an der Ausstellung ist zuerst einmal der Aufbau. Betritt man das Museum, sieht man sich Skeletten gegenüber: 47 Tote, zentral im Raum angebracht - das Massengrab der Schlacht von Lützen aus dem Jahr 1632. Rund um dieses zentrale Ausstellungsstück gibt es weitere Informationen zu der Schlacht, zu den Toten, zum Dreißigjährigen Krieg. 1632 kämpfte bei Lützen der Schwedenkönig Gustav Adolf gegen Wallenstein. Wer die Krieger waren, wie ihre Lebensbedingungen waren, mit welchen Waffen sie kämpften und an welchen Verletzungen sie starben, all das haben die Wissenschaftler rekonstruiert und für die Besucher aufbereitet. Das Leben einzelner Personen wird so gut es geht rekonstruiert, sogar die Gesichtszüge werden anhand des Schädels bei einer Person nachempfunden. 
Als besonderes Erlebnis kampierte am Pfingstwochenende eine Re-enactment-Truppe vor dem Landesmuseum. Das sind Menschen, die in zeitgemäßer Kleidung, mit nachempfundenen Waffen, Zelten, ja sogar Kochutensilien anreisen und Schlachten nachspielen - oder wie zu Pfingsten in Halle dem Publikum ihre Gewehre und Kanonen vorführen. Der Besucher kann die Waffe selbst mal in der Hand halten, kann Fragen stellen, wie das alles funktioniert(e) und sich über das Leben der Kriegsspielenden und damaligen Krieger erkundigen. Dadurch wurde das Thema natürlich noch greifbarer, zumal wir das Museum gerade verließen, als eine Vorführung der Musketen angesetzt war. Den tosenden Lärm hörten wir schon drinnen - und als wir raus kamen, sahen wir, dass die Musketiere direkt auf das auf der Vortreppe versammelte Publikum zielten. Trotz Platzpatronen wurde uns mulmig, und so stellten wir uns weiter an den Rand. Das Gespräch mit einem Musketier suchte ich trotzdem später noch. Mich interessierte nämlich, wie sich Freund und Feind eigentlich unterschieden im Schlachtgewimmel. Eine Armbinde in einer bestimmten Farbe, wie der Hobby-Söldner sie auch trug, hätten alle Kämpfer gehabt und ginge die verloren, gab es zur Not noch eine vorher festgelegte Parole. Dass aber nicht doch mal Leute aus dem eigenen Lager dran glauben mussten bei all dem Chaos, war nicht sicher. 

Die Schlacht und das Grab ist der Aufhänger der Ausstellung, doch dahinter steht die Frage, seit wann es in der menschlichen Zivilisation eigentlich Krieg gibt. Also die gezielte Auseinandersetzung einer Gruppe mit einer anderen. Schon bei den Primaten gibt es Mord und Totschlag, so zeigte die Ausstellung und Gewalt wohl auch schon seit der Urzeit. Das finde ich etwas ernüchternd, hätte ich doch gern geglaubt, dass Gewalt eine Folge der "modernen Zivilisation", wo auch immer man die ansetzt, ist. Aber auch in der Urgesellschaft gab es also schon Auseinandersetzungen, die ziemlich handgreiflich abliefen. Später gab es die ersten Stammeskonflikte und noch einmal später betritt der Krieg die Bühne der Menschheit. Interessant und nachvollziehbar ist, dass es zu Krieg kommt, dort wo Menschen sesshaft werden und der anderen, sich ausdehnenden Gruppe nicht mehr so einfach ausweichen können. Außerdem da, wo es um begrenzte Ressourcen geht - soweit logisch. Dass aber auch Schimpansen schon Territorialkonflikte mit anderen Gruppen austragen und dabei auch vor dem Töten nicht zurückschrecken, wusste ich nicht. Die Welt scheint weit weniger friedlich, als ich sie gern hätte. 

Ich bin jedenfalls froh, die Ausstellung, die leider nur noch eine Woche zu sehen ist, noch besucht zu haben. Sie ist interessant aufbereitet und regt zum Nachdenken an. Schließlich ist nicht umsonst ein Zitat von Albert Einstein am Ende der Ausstellung zu finden: 
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Samstag, 14. Mai 2016

Einar Stray Orchestra im UT Connewitz in Leipzig

Das Einar Stray Orchestra ist eine norwegische Band rund um den Bandleader Einar, die sich laut Wikipedia als Post-Rock und Indie-Pop einordnen lässt. Was folkiges ist definitiv auch drin und so richtig kann man die Musik zwischen orchestralen Nummern und Acapella-Stücken bis hin zu melidösen, gutgelaunten Indie-Pop-Nummern nicht beschreiben. Ich hatte die Norweger als Vorband von Me and My Drummer auf der Parkbühne Geyserhaus in Leipzig entdeckt und es geschafft, einen anderen Menschen zu begeistern, in dem ich ihm nur "For the country" vorspielte. Da sie nun in unsere Ecke Deutschlands kommen würden, war mir klar, dass ich sie sehen wollte. Dann war noch die Frage, ob in Leipzig oder Magdeburg, aber schließlich war Leipzig machbarer. 



Quelle: UT Connewitz / Webseite
Das wunderschöne UT Connewitz bot einen schönen Rahmen für das Konzert. Das alte Lichtspielhaus, das älteste Kino Leipzigs (erste Vorführung 1912), passt perfekt zur Musik. Ein Portikus mit Säulen hinter der Bühne, ein bisschen bröckelt alles, aber es hat doch eine gewisse Erhabenheit. Die geringe Distanz zur Bühne erlaubt fast eine "floor show". Saßen bei der Vorband Vil, die aus zwei schüchternen Menschen bestand, die mit Stimme, Keyboard, Gitarre und Synthesizer und einer elektrischen Zahnbürste rumexperimtentierten, noch alle auf den Klapp-Kinositzen oder davor auf dem Boden oder standen dahinter, standen sobald Einar und seine Crew die Bühne betraten gleich alle auf. Nach einem Lied, stellte er aber wohl fest, dass wir noch zu weit wegstanden. Wir mussten uns näher kommen und so traten die Musiker an den vorderen Bühnenrand und forderten das Publikum auf, ebenfalls näher zur Bühne zu kommen. Dann kam das Gänsehaut-A-Capella-Stück "For the country". Spätestens da hatten sie das Publikum in der Hand. Ich konnte die meiste Zeit gar nicht anders, als ein breites Lächeln auf dem Gesicht tragen, so dass fast schon meine Grübchen schmerzten. Die Band spielte Songs von den beiden Alben und auch ein paar Lieder, die erst auf dem nächsten Album veröffentlicht werden sollen. Ich bin sehr gespannt darauf und werde es mir gleich kaufen, wenn es raus kommt. Ein Thema, kündigte Einar an, wird die Doppelmoral in der heutigen Gesellschaft sein, die Sachen auf Facebook teilt, zum Beispiel zum Thema Umweltschutz und sich dabei gut fühlt, aber nie ihr eigenes Handeln verändern würde. Und gab gleich zu, dass sie selbst ja auch so seien. 


Ach, was war das wunderbar. Die Musik kann ich nur empfehlen und das Konzert ist definitiv ein großes Erlebnis. Mein Herz haben sie definitiv erreicht an dem Abend. Jetzt bin ich mal gespannt, wen Me and My Drummer dieses Jahr als Support mit auf die Parkbühne bringen - vielleicht gibt es da ja wieder was zu entdecken...