Ich habe mich ja vor ein paar Wochen schon mal aufs Rad geschwungen und bin die Saale herauf geradelt, also Richtung Quelle. Da geht es nach Merseburg und ich bin sogar bis Bad Dürrenberg gekommen. Den Bericht gibt es hier. Diesen Samstag nun wollte ich mir mal die andere Richtung anschauen, sozusagen die Fließrichtung. Auch da wird es interessant, immerhin kommt nach zwanzig Kilometern Wettin. Ursprünglich dachte ich, ich fahr mal so weit ich komme, dann stand irgendwie fest - Wettin ist das Ziel. Das letzte Mal war ich dort vor fast drei Jahren, als ich für ein wunderbares Filmprojekt die Kameras beim offenen Kanal abholte und zurückbrachte. Damals wurde ich gemeinsam mit Karl von den gepflasterten Landstraßen durchgerüttelt und verirrte mich auf der Rückfahrt in der sachsen-anhaltinischen Pampa.
Jetzt hatte ich mal wieder einen freien Tag und Zeit für mich. Ausgeschlafen und ohen Zeitdruck, setzte mir schließlich selbst das Ziel, gegen elf zu einer kleinen Radtour aufzubrechen. Dass ich dann doch erst 11.30 Uhr los kam, war überhaupt nicht schlimm. Das einzige, was ich mir vornahm, war, gegen vier wieder daheim zu sein, denn ein Couchsurfer wollte bei mir übernachten. Da ich merkte, dass ich ganz schön gut vorankam, dachte ich mir aber, dass ich bis vier wieder zurück sein würde, auch wenn ich bis Wettin führe. Also los!
Ich startete an der Saalebrücke bei der Saline in Halle. Von dort fuhr ich entlang der Saale über die Peißnitz-Insel und raus aus der Stadt. In Kröllwitz war die Saale nicht mehr zu sehen, dafür fuhr ich durch ein Gebiet mit hunderten Kleingärten. Immer weiter zwischen den Gärten entlang, dann weiter nach Lettin und wieder kamen Gärten. Diesmal aber Geistergärten. Die gesamte Gartenanlage bei Lettin war verlassen. Offensichtlich war in einigen Häusern randaliert worden, hier und da waren Häuser besprayt, die Scheiben waren zumeist eingeschlagen, es war ein seltsames Bild. Ich konnte mir überhaupt nicht erklären, was passiert war. Wie lange standen die Gärten schon leer? Es blühte immer noch an allen Ecken und Enden, aber die Hecken waren verwuchert, die Zäune fehlten und man konnte durch die Gartenhäuschen spazieren. Erst beim Nachhausekommen las, dass diese Gartenanlage regelmäßig vom Hochwasser überflutet wurde, zuletzt 2013, und die meisten ihren Garten danach aufgegeben hatten. Auf jeden Fall würde ich gern noch mal mit der Kamera hin, um Bilder zu machen.
Als ich Lettin hinter mir gelassen hatte, ging es weiter Richtung Brachwitz, wo ich mit der Fähre übersetzte. 50 Cent kostete der Spaß für mich und mein Rad, dann ging es weiter nach Wettin. Hinter Döblitz begann eine Pflasterstraße, aber zum Glück gab es bald wieder Asphalt und ich wurde nicht mehr so arg durchgerüttelt. Dann kam auch schon langsam die Burg Wettin in den Blick, bis dahin wollte ich noch. Ich schaffte es auch und kletterte sogar noch zur Burg hinauf. Ins schicke Burg-Cafe mochte ich mich nicht setzen, aber im Cafe unten im Ort war leider geschlossene Gesellschaft und so holte ich mir ein Eis bei einem spelunkigen Kiosk und setzte mich ins Gras an die Saale. Lange rastete ich nicht. Ich bat die Verkäuferin noch, meine Trinkflasche mit Leitungswasser aufzufüllen, was sie mit einem lauten Atmen quittierte, aber sie tat mir den Gefallen dennoch. Danke, gute Frau. Ich trat den Rückweg an. Nachdem ich so losbrauste, kam ich denn auch recht schnell an die Stelle mit dem Kopfsteinpflaster.
Ich entdeckte neben der Straße eine Art Trampelpfad, schmal, vielleicht auch von einigen Radlern ausgefahren. Ich wollte wechseln und während ich mein Fahrrad herübermanövrierte, sah ich auch schon meinen Fehler - es gab eine Bordsteinkante zwischen Fahrbahn und Wegesrand. Über die purzelte ich und zwar mit einigem Schwung, so dass es mich gegen einen Baum warf und vom Rad herunter. Das war schon schmerzhaft und den ersten Impuls weiterzuradeln, als wäre nichts gewesen, gab ich auch auf, nachdem ich den Blutfleck am Knie meiner Radhose sah. Weiterradeln musste ich trotzdem, denn hier zwischen Mücheln und Döblitz am Wegesrand konnte ich auch nichts machen. Also zumindest bis Döblitz und dort erstmal am Dorfteich auf eine Bank setzen und die Wunde mit Wasser abspülen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, vermutlich taten Endorphine und Adrenalin das ihrige dazu, aber beim Anschauen wurden schon deutlich, dass die Schramme ganz schön tief war. Ein radwanderndes Pärchen hatte auf der anderen Bank Rast gemacht und ich fragte sie, ob sie Desinfektionsmittel oder Pflaster dabei hätten. Sie hatten zwar kleine Pflaster, aber das half mir auch nicht wirklich was bei der Größe der Wunde. Die Frau beschloss daraufhin in einem Hof von Döblitz nach einem Verbandskasten zu fragen. Einen Kfz-Verbandskasten hat ja fast jeder im Haus, war ihre Logik. Ich blieb also einfach mal sitzen und schließlich kam die Frau mitsamt einer Anwohnerin mitsamt Verbandskasten wieder und mir wurde das Knie einigermaßen gut verbunden. Die Anwohnerin tat das ohne viel Federlesen und empfahl mir, dennoch noch mal zum Arzt zu gehen. Wenn ich Fahrrad fahren könne, dann vielleicht direkt nach Halle ins Uni-Klinikum?
Ich radelte also tapfer weiter bis zum Uniklinikum Halle. Die Notaufnahme war voll, dennoch kam ich recht schnell dran. Und das obwohl ich keine Krankenkarte und keinerlei Identitätsnachweis dabei hatte. Die Schwester war so nett, meine Daten trotzdem aufzunehmen. Es wurde einmal desinfiziert und neu verbunden, dann konnte ich nach Hause.
Zu Fuß hätte der Heimweg eine Stunde gedauert, also radelte ich so halb und versuchte dabei, das rechte Bein kaum zu beugen. Sah sicher ulkig aus, aber immerhin war ich schneller zuhause. Der Couchsurfer war bereits von meinem Missgeschick informiert, seine Reise hatte selbst nicht so geklappt wie geplant und er würde erst gegen neun bei mir sein. Das fand ich nicht schlecht, so hatte ich Zeit, das Bein noch hochzulegen. Ich überzeugte noch einen Bekannten, auf ein Bier rumzukommen und wir saßen schließlich noch bis zwölf mit dem ukrainischen Gast.
Was habe ich gelernt? Auf größeren Ausflügen nehme ich ab jetzt wohl immer ein kleines Erste-Hilfe-Set mit. Auf kleineren wenigstens den Ausweis, besser noch die Krankenversichertenkarte. Falls mal was schlimmeres passiert, sollten sie ja auch wissen, wen sie da gerade zusammenflicken. Dass Menschen prinzipiell gut sind. Dass sie helfen, dass sie nicht immer auf ihren bürokratischen Vorschriften bestehen. Ansonsten im Hinblick auf Unfallgefahren im alleinreisenden Zustang - tja, das Leben ist lebensgefährlich. Deswegen auf Abenteuer und Freiheit und damit aufs Leben zu verzichten erscheint mir keine Lösung. Also raus da und ab und zu riskieren, ein bisschen auf die Nase zu fallen. Es gibt schlimmeres als vernarbte Knie. Zu wenig Leben zum Beispiel.
Was habe ich gelernt? Auf größeren Ausflügen nehme ich ab jetzt wohl immer ein kleines Erste-Hilfe-Set mit. Auf kleineren wenigstens den Ausweis, besser noch die Krankenversichertenkarte. Falls mal was schlimmeres passiert, sollten sie ja auch wissen, wen sie da gerade zusammenflicken. Dass Menschen prinzipiell gut sind. Dass sie helfen, dass sie nicht immer auf ihren bürokratischen Vorschriften bestehen. Ansonsten im Hinblick auf Unfallgefahren im alleinreisenden Zustang - tja, das Leben ist lebensgefährlich. Deswegen auf Abenteuer und Freiheit und damit aufs Leben zu verzichten erscheint mir keine Lösung. Also raus da und ab und zu riskieren, ein bisschen auf die Nase zu fallen. Es gibt schlimmeres als vernarbte Knie. Zu wenig Leben zum Beispiel.








