Donnerstag, 15. Juni 2017

Frisch!

Ich hatte einen richtig schönen Abend gehabt. Dass ich das Landleben genieße, das passiert ja eher selten in letzter Zeit. Meistens hetze ich hin und her und sehe nur, was alles noch zu erledigen ist, den Kopf voller Sorgen. Aber dieser Abend war anders: Ich habe mich mit diesen Menschen, die ich kaum kannte, sofort wohl gefühlt. Ich habe eher aus Vernunft kurz vor zwölf gesagt, dass ich mich besser hinlege. Und ich hätte mich am Liebsten auf Arbeit krank gemeldet und wäre mit ihnen weitergereist. Aber am Ende bin ich doch ein pflichtbewusster Mensch und nach ein wenig Bier und Schnaps, nach spannenden Gesprächen, mit übervollem Magen voller Grillgut knüllte ich schließlich auf der Couch und checkte nochmal, ob der Wecker auch auf 6:30 gestellt war. 

Als es hell wurde, wachte ich jedoch schon auf und um sechs beschloss ich dann, nicht weiter zu versuchen, zu schlafen. Ich schmierte mir noch ein Brötchen, putzte mir die Zähne, zog mir das nach Mückenspray und Schweiß riechende Shirt vom Abend wieder über und beschloss, bevor ich auf Arbeit fuhr, noch beim Steinbruch zu halten und die Dusche durch ein Bad im kühlen Wasser zu ersetzen. Ich packte alles ins Auto, was ich mitnehmen musste, legte mir mein Handtuch bereit und lenkte nach wenigen Kilometern auf den Feldweg ein, der zum See im Steinbruch führte. Ich parkte am Feldweg, nahm das Handtuch und lief die letzten Meter zum See. Mir fiel das Schild des Anglervereins ("Vereinsgewässer! Angeln nur für Mitglieder") und "Betreten verboten!" auf, beim letzten Besuch hatte ich das nicht gesehen.

Es war kurz nach sieben, höchstens 7:15 Uhr. Der Anblick des Steinbruchs war bezaubernd - das Wasser kräuselte sich nur ganz leicht und der See lag sehr ruhig. Ich war ganz allein. Ich hängte mein Handtuch an einen Baum, ließ die Klamotten zurück und stieg nackt in das kalte Wasser. Es war kalt, aber angenehm und ich fühlte mich nach der kurzen Nacht und trotz des kleinen Katers, den ich hatte, erfrischt. Ich schwamm nicht lange, nur eine winzige Runde, nur um einen klaren Kopf und einen guten Start in den Morgen zu haben. Als ich wieder draußen war, rubbelte ich mich ab und stellte noch fest, dass ich ausreichend nüchtern war, um Auto zu fahren - das Balancieren auf einem Fuß, um die Socken und Schuhe anzuziehen, gelang mir recht gut. Ich warf auch das Shirt wieder über und schlüpfte in die Jeans, ich würde doch noch kurz zuhause vorbeischauen, um zu duschen, bevor ich auf Arbeit ging. 

So schlenderte ich mit dem Handtuch auf dem Arm zurück zum Auto. Und mir entgegen kam ein Polizeiauto. Die Polizisten schienen Streife zu fahren. Kurz nach sieben Uhr morgens, auf einem Feldweg an einem Steinbruch zwischen kleinen Dörfern irgendwo in der sächsischen Provinz. Sie hielten an und stiegen aus. Ich verlangsamte meine Schritte und überlegte, ob ich auf sie zugehen sollte. Ich konnte nicht leugnen, dass ich gerade gebadet hatte, oder was sollte ich sagen? Schließlich waren meine Haare nicht nass, also vielleicht konnte ich es auch abstreiten. Und mein Auto, durfte das da am Feldweg stehen? Der ältere der Polizist unterbrach meine Bedenken. "Alles in Ordnung.", meinte er und schickte ein "Frisch!" hinterher. Ja, frisch fühlte ich mich.

Samstag, 10. Juni 2017

Gori - Stalin und Völkerfreundschaft

Ich werde es gleich zu Anfang sagen: Stalins Geburtsstadt ist wirklich nicht besonders sehenswert. Das Museum ist interessant, vor allem wie es aufgezogen ist, ansonsten kann man noch einmal zur Burg hochklettern und das war es dann auch - eigentlich muss man hier keine Übernachtung einplanen. 

Wir hatten uns für einen Besuch in Gori entschieden, weil es strategisch günstig zwischen Kutaissi und Tiflis liegt, mit dem Zug zu erreichen ist und, eben, weil es doch irgendwie interessant ist, Stalins Geburtsort zu besuchen, umso mehr, wenn es da noch ein Museum ihm zu Ehren gibt. Wir stolperten aus dem Bahnhof heraus gleich mal instinktiv in die falsche Richtung, um dann einen relativ langen Fußweg Richtung Innenstadt anzutreten. Hinter dem Stalin-Museum gab es zwar eine Touri-Info, die aber entgegen der angezeigten Öffnungszeiten geschlossen hatte. Sie wurde von der deutschen GTZ finanziert, wie auf einem kleinen Schild zu lesen war, weswegen uns das Nicht-an-die-Öffnungszeiten-halten unverschämter vorkam, als ohnehin schon. Schließlich nahmen wir ein Taxi zu unserer Unterkunft, da wir einfach überhaupt keine Orientierung hatten. 

Wir waren in einer kleinen Pension untergebracht, wo gleichzeitig fünf Tschechen nächtigten und uns wurde gleich noch ein Abendessen angeboten, was wir gleich noch "zubuchten". Allzu vielversprechend erschienen uns die kulinarischen Möglichkeiten nach unserem Fußmarsch zu urteilen nicht in Gori. Wir erklommen vorm Abendessen noch die Festung, von der man einen schönen Ausblick über die Stadt hatte und ließen uns dann mit drei der Tschechen am Tisch nieder. Die Hausherrin hatte gekocht und aufgetischt und, verkaufstüchtig wie sie war, schwatzte sie uns gleich noch ein paar Flaschen selbstgemachten Wein auf. Wir sprachen dem Wein zu, wir unterhielten uns prächtig und fielen irgendwann zufrieden in unsere Betten. Die Tschechen erfüllten das Klischee, dass ich von ihnen habe: Außerhalb ihres Wohnsitzes sind sie eigentlich nur mit voller Trekking-Ausrüstung anzutreffen und auch gerade dabei, die nächste Bergtour zu planen. Ich habe auch schon Tschechen getroffen, die nicht in dieses Muster passten, aber unsere Abendgesellschaft war defintiv gerade am Überlegen, welche Berge sie sich aufgrund der Witterung am Besten vornehmen sollten. Unsere Wege trennten sich also nach dem Frühstück am nächsten Morgen, denn wir wollten das Stalinmuseum angehen. Doch vorher kam noch die ernüchterte Feststellung - kein Kater, kein Kopfschmerz, kein flauer Magen. Ein Weingelage ohne Folgen? War es vielleicht wirklich ein ganz besonderer Wein, den die Georgier da kelterten?

Das konnten wir an dem Tag nicht weiter klären, erstmal ging es zum Stalinmuseum. Das Museum wurde 1957 dem Generalissimus gewidmet. Seither scheint sich darin nicht viel verändert zu haben. Prächtige Hallen mit hohen Decken, ein cleverer Aufbau, der die Aufmerksamkeit immer wieder auf Portraits oder Büsten lenkt - das Gebäude ist ziemlich prunkvoll. Der Inhalt ist voll an Glorifzierungen, Bildern von Stalin und allen möglichen Menschen, die ihm die Hand schütteln. In einem Schaukasten war dann mal zu sehen, welche Georgier*innen während des Stalinismus verfolgt wurden, aber ansonsten drehte sich alles um die Verherrlichung dieses Mannes. Wir haben etwa eine Stunde gebraucht, uns aber auch nicht jede Info durchgelesen (wenn es nur auf georgisch und russisch war, musste ich eh passen). Danach ging es noch zu Stalins Reisewaggon, der nichtssagender kaum hätte sein können - meines Erachtens waren alle Gegenstände mit Hussen verhüllt, was ja auch Sinn macht, bei ziemlich alten Möbeln, wofür ich aber wiederum nicht extra Eintritt zahlen möchte. Das kann man meiner Meinung nach weglassen. 

Interessant war, dass es Menschen gab, die da weniger touristisch rangingen als wir. Vor dem Waggon machte eine Abordnung der chinesischen kommunistischen Partei (wie ich vermutete, ich kann aber auch komplett daneben liegen) ein Foto. Wenn man noch nicht genug von Stalin hat, kann man sowohl im Museumsshop als auch hinter dem Museum noch Touristennippes kaufen. Ich hätte ja eine Postkarte vom jungen Stalin mitgenommen, um jeden zu zeigen, dass der heute als heißer Hipster durchgehen würde, die gab es aber leider nicht. 

Auch in Gori holte uns die neueste Geschichte wieder ein - 2008 gab es Kampfhandlungen in der Stadt, als die russische Armee im Land war. Gebäude wurden bombardiert, noch heute sieht man an vielen Gebäuden Einschusslöcher. Und wieder schaffen es die Georgier, ihr nationales Gefühl irgendwie zurechtzubasteln. Stalin war ein Guter, aber die Russen sind die bösen - da wird ganz schön viel Geschichte passend gemacht auf nur ein paar Quadratkilometern.

Wir hatten in Gori am Wein genippt und daher zog es uns an Tiflis vorbei nach Kachetien - die Weinregion Georgiens. Nach einem Marshrutka-Wechsel in Tiflis saßen wir in einem Kleinbus nach Signagi - wo weitere Abenteuer auf uns warteten...