Mittwoch, 26. Juli 2017

Kreuz und quer durch Tiflis - Georgiens Hauptstadt als Abschluss


Die letzten Tage unseres Urlaubs verbrachten wir in Tiflis, georgisch Tbilisi, und erkundeten die Stadt. Wir hatten drei volle Tage dafür und am vierten mussten wir in aller Frühe am Flughafen sein, um über Istanbul zurück nach Deutschland zu fliegen. Da blieb genug Zeit für Walking Tour, Befreiungstagsfeier, Besichtigung der Riesen-Kathedrale und ganz viel Zeit in Cafés und Restaurants verbringen. 

Mit unserer Unterkunft hatten wir etwas Pech. Zunächst waren wir bei einer skurrilen älteren Russin gelandet, die über ein kleines Reich an Zimmern waltete und ganz genau wusste, wo wir unsere Rucksäcke am Besten abstellen sollten, während sie die Bedienstete schickte, uns das Bett zu beziehen. Eigentlich war das Zimmer (und das Frühstück!) aber sehr gut, gemessen daran, was uns danach erwartete. Wir wollten uns nämlich noch mal so eine richtig schöne Unterkunft gönnen zum Abschluss. Das Hotel Check-In erwies sich da aber als schlechte Wahl. Zunächst konnten wir nicht einchecken, weil sie unsere Buchung versemmelt hatten. Dann war niemand da, als wir morgens die Rucksäcke schon mal dalassen wollten. Die Unterkunft war solala, wie man das so kennt, mehr Schein, als sein. Das Waschbecken hatte ein Loch, besonders sauber war es auch nicht... Und zum Schluss hielt man unsere Rucksäcke als Geiseln, weil sie glaubten, wir hätten den Balkonschlüssel verschlampt.

Davon ließen wir uns aber die Urlaubsfreude nicht trüben - immerhin waren wir in Tiflis! Und gleich am ersten Tag starteten wir zu einer Free Walking Tour, die von einer charismatischen Ukrainerin geführt wurde, die uns in über vier Stunden quer durch die Stadt jagte - super, um einen ersten Überblick zu bekommen. Die Walking Tour ist wirklich zu empfehlen, auch wenn ich etwas bemängelte, dass die nicht so schönen Ecken ausgespart wurden. Dafür erzählte die Ukrainerin sehr viel über die Georgier (sie lebte mit einem zusammen). Schön fand ich auch, dass sie sich anders als Einheimische den Blick von außen ein Stück weit bewahrt hatte. Toughe Person, schöne Tour, klasse Einstieg in die Stadt. Den versteckten Wasserfall mitten in der Stadt hätten wir zum Beispiel auf eigene Faust wohl kaum gefunden. Nach dieser Tour gabelten wir abends einen Türken, der in Kutaisi ein Hostel eröffnen wollte, und einen Syrer, den er im Schlepptau hatte, auf und gingen zusammen trinken. 

Der nächste Tag war dann ganz dem Fest der Befreiung von den Faschisten gewidmet. Es war der 9. Mai, in einem Park in Tiflis war eine große Kranzniederlegung angekündigt. Wir verliefen uns erst ein wenig am Stadion, dann hatten wir es gefunden. Und wow, uns bot sich ein interessantes Bild. Leute stellten Bildchen von Stalin auf, Veteranen umarmten Kinder und nahmen Blumen entgegen und drumherum ganz viele Fernsehkameras. Es zeigte sich zudem wieder mal das fragile Konstrukt der georgischen Identität - ein Mensch mit angeheftetem Andreasband geriet am Rande der Feierlichkeit im Park mit Passanten darüber in Konflikt. Das Andreasband steht für die russischen Streitkräfte. Jemand entriss ihm den Anstecker und versuchte, das Band anzuzünden. Ein Handgemenge entstand, aber keine ernsthafte Prügelei. Trotzdem interessant - die Sowjetunion wird verehrt, aber Russland ist der große Feind? Hach, früher war alles besser (oder nur einfacher?)...

Außerdem besuchten wir an dem Tag noch einen Kunst- und Antiqitäten-Freiluftmarkt und kauften in der Altstadt Wein und Gewürze. In einem Laden, der versprach "no tourist prices" zu haben, gab es nicht nur großartige Gewürze, sondern die Preise waren tatsächlich sehr moderat. Der Verkäufer hielt mir einige Gewürzdosen unter die Nase und in meinem Gehirn explodierten förmlich die Synapsen. Ein Geruch war herrlicher als der andere und nach wenigen war ich unfähig, weiterzuriechen von so vielen Eindrücken. Ich nahm schließlich "Swanetisches Salz", "Für alles"-Gewürz und gemahlenen Koriander mit. Ich habe es bereits getestet und mein Favorit ist tatsächlich das Swanetische Salz. Yummy!

Unser letzter Tag war ab Mittag ziemlich verregnet. Ich wurde stundenlang nicht mehr richtig warm, weil die Nässe meine Hosenbeine hochkroch, aber ich hielt tapfer durch. Dafür hielt der Tag noch kulinarische Entdeckungen für uns bereit später. Zunächst ging es also los, die Post suchen. Ganz nebenbei entdeckten wir noch ein nettes Viertel jenseits des Flusses und abseits der Straßen, die uns als Orientierung dienten. Und die Nutella-Bar. Das war eine Art Eis-Milkshake-Süßigkeiten-Bude, wo man alles mit ganz viel Nutella drauf bekommen konnte. Scheinbar ganz frisch aufgemacht. Wir bestellten zwei Nutella-Shakes, an denen wir fast starben. Vielleicht auch daran, dass der (vermutliche) Besitzer aller drei Minuten neben uns stand und uns noch etwas kostenlos hinhielt - eine Erdbeere mit Nutella, ein kleiner Becher mit Eis oder einfach einen Löffel Nutella! Wir glaubten nicht daran, je wieder essen zu können. 


Nachdem wir dann die Post erledigt hatten, steuerten wir die gigantische Kathedrale an. Größer als die St. Sava in Belgrad (und das will was heißen), einfach nur riesig. Und sogar fertig (kann man von der St. Sava immer noch nicht sagen, oder?). Ich will nicht wissen, was das Ding gekostet hat. Größenwahn in seiner Reinform. Haben wir das also auch mal gesehen. Was sollten wir noch mit dem Regentag anfangen? Im Café rumsitzen ist natürlich im Urlaub die absolut richtige Antwort. Wir entdeckten das zauberhafte Café Leila und blieben stundenlang. Limonadenlang. Inzwischen konnten wir auch wieder essen und taten es. Es gab eine leckere vegetarisch-vegane Auwahl. Bevor es aber dazu kam, wärmte ich meinen ausgekühlten Körper im Schwefelbad. Und das war so... 


Die Schwefelbäder in Tiflis gibt es mit privaten Becken zu unterschiedlichen Preisen, aber man muss schon sehr viel Glück haben oder zu einer seltsamen Zeit kommen, um ein freies Becken zu erwischen. Tags zuvor war uns das nicht vergönnt. Außerdem gibt es das öffentliche Bad - allerdings gab es hier nur für die Herren auch Becken, für die Damen lediglich Duschen mit Schwefelwasser. Da gingen auch die Georgier*innen hin, um sich mal gründlich zu schrubben. Ich beschloss also, durchgefroren, wie ich war, eine heiße Schwefeldusche könne nicht schaden. Und begab mich zum Bad. Ich bezahlte Eintritt und irrte durch ein Gewirr von Gängen. Hier machte eine Frau der anderen die Haare, hier aß eine ihr mitgebrachtes Abendbrot, hier unterhielten sich zwei. Schließlich kam ich er Sache näher. Ob ich Seife kaufen wollte? Öh, nee. Man gab mir ein einfaches Baumwolltuch, also ohne Frottee - mein Handtuch und eine Dame wies mir einen Spind an. Nun hieß es blankziehen und ab in die Gruppendusche. Hier standen schrumpelige und nichtschrumpelige, aber tatsächlich überwiegend alte Frauen und schrubbten sich gründlich. Ich suchte mir einen Platz, drehte das Wasser auf und ließ das Heilwasser auf mich prasseln. Tat das gut! Ich genoss eher einfach das fließende heiße Wasser, dessen Temperatur man regulierte, in dem man normales kaltes Leitungswasser dazu mischen konnte. Ich brauchte es aber gerade sowieso sehr warm. Minutenlang stand ich da, ich kann gar nicht sagen, wie lange ich einfach nur die Kälte abwusch. Irgendwann war ich fertig, mein Spind wurde wieder aufgeschlossen, ich zog mich wieder an. Und fühlte mich augenblicklich viel besser. Frohgemut ging ich ins Café Leila zurück, wo meine Reisegenossin auf mich gewartet hatte...

Ich aß nun auch noch was von dem super leckeren Angebot des Cafés und wir saßen noch etwas rum. Was sollten wir noch mit dem Tag anfangen? Noch ein wenig durch die Stadt streifen? Eigentlich war der Plan gewesen, vielleicht auch noch in einer Bar einzukehren, aber bei dem Regenwetter hatten wir wirklich überhaupt keinen Spaß daran. Wir endeten unsere Georgien-Reise im wunderbaren Abajuri und ließen uns dort auch ein Taxi zum Flughafen rufen. Den Plan, mit dem Bus zu fahren hatten wir aufgrund des strömenden Regens aufgegeben. Im Taxi dann noch eine kleine Offenbarung - der Taxifahrer sprach Französisch! In all den Tagen hatten wir uns mit dem Russisch meiner Reisegefährtin gut durchgeschlagen, ein bisschen Englisch hier und da, aber auf die Idee, es mit Französisch zu probieren, war ich nicht gekommen. 


Meine Empfehlungen in Tiflis:
  • Der Blick von oben! Von Mutter Georgien oder der Burg aus bietet sich ein schönes Panorama ebenso vom Café Flowers auf der anderen Seite des Flusses. Und eine Seilbahnfahrt ist auch zu empfehlen (ganz normal mit einem Ticket vom öffentlichen Nahverkehr). 
  • Abends und nachts werden der Fernsehturm und die Freiheitsbrücke angestrahlt. Die Freiheitsbrücke sieht dann aus wie eine überdimensionierte EU-Flagge... Der Fernsehturm leuchtet in georgischen Nationalfarben rot-weiß, wenn nicht gerade Europatag ist, dann natürlich auch blau-gelb. Die Georgier wissen schon, wo sie liegen auf der Landkarte, oder? Naja, ist wohl noch Eurasien, meinen manche... 
  • Den Blick von oben mit der Nachtansicht kombinieren :) 
  • Durch die Straßen treiben lassen und wunderschöne Gassen entdecken, aber auch Orte, wo die Häuser nur noch von schweren Metallpfeilern vorm Einstürzen bewahrt werden. Schrottreife Autos und witzige Streetart - zum Beispiel die ganzen Schafe...



Und hier noch eine Auswahl an Lokalen in Tiflis: 

Das Prosepero's Books and Caliban's Coffee auf der Rustaveli Ave. 34 liegt in einem schönen Hinterhof, hat Snacks, Tee und Kaffee. Im Buchladen gibt es viele englische Bücher und eine kleine feine Auswahl Postkarten.

Das Zoestan auf der Vakhtang Beridze Str. 5 ist ein cooler Ort zum Abhängen, Trinken und Locals kennenlernen (die aber leider im Versuchsfall, sehr jung und sehr betrunken und sehr schnell hoffnungslos in die Fremde verliebt waren). Eine eher Underground-Bar und ein bisschen heruntergekommen, aber mit viel Charme. 


Das Abajuri, weil einfach wunderschön! Ganz wunderbar lässt sich auf der Gallerie um den Innenhof sitzen, die Inhaber sind super nett und auch das Interieur ist sehr schön. Zu finden in der Kote Afkhazi 5/7. 

Und das Café Leila, welch ein zauberhafter Ort. Super leckeres Essen und hausgemachte Limonaden, sehr gemütlich und hübsch orientalisch. In einer kleinen Gasse gelegen und zwar der Erekle 2. 



Sonntag, 16. Juli 2017

Von den Weinhängen Georgiens in die Steppe - Signagi und Dawit Garedscha

Die Reise nach Georgien führte uns nach dem Aufenthalt in Kutaissi und einem kurzen Zwischenstopp in Gori weiter nach Signagi. Hier sind wir im Herzen der Weinregion, in einem zauberhaft schönen Ort gelandet.


Signagi liegt auf einem Hügel und ist umgeben von einer weitläufigen Wehrmauer. Der Ort ist malerisch, kaum ein hässlicher Neubau verschandelt das Bild der Kopfsteingassen, Ziegeldächern und Holzbalkone. Einige Kirchtürme dazugetupft und die Betrachterin schwelgt im idyllischen Anblick. Wenn dann am Horizont auch noch die schneebedeckten Gipfel auftauchen, grenzt das Bild an Perfektion.

Unsere Unterkunft war einfach und das Zimmer sehr klein, aber die Tür ging direkt auf die schöne Veranda der Gastgeber,  auf der sie uns auch das Frühstück servierten und zum Weintrinken nötigten. Ansonsten machten wir einfach viel die Umgebung unsicher. Da gibt es einiges zu entdecken. Zum einen lohnen sich Streifzüge durch den Ort. Es gibt zwei Kirchen, wovon eine scheinbar nur noch eine Ruine ist. Dafür kann man auf die St.-Stefans-Kirche hochsteigen und schöne Bilder machen. Auch die Wehrmauern kann man erklimmen und ein Stück darauf lang laufen. Am Ende befindet sich ein Aussichtsrestaurant mit Blick über die weite Landschaft. Natürlich nahmen wir diese Möglichkeit zur Stärkung gern an.

Um nicht nur den kulinarischen Genüssen in Georgien zu fröhnen, sondern auch von der kulturellen Seite etwas mitzubekommen, wollten wir auch das Kloster Bobde aufsuchen. Der Komplex rund um ein Frauenkloster überrascht mit für Georgien exzellenter touristischer Infrastruktur - Toiletten und ein Besuchercafé. Allerdings kamen Touristen auch Busladungsweise an. Wir unternahmen den Spaziergang zur Quelle der Heiligen Nino, was ein schöner Weg durch den Wald war und ein etwas anstrengenderer Wiederaufstieg zum Kloster. Bobde liegt nur wenige Kilometer von Signagi entfernt und ist gut zu Fuß zu erreichen, auch wenn wir an der Landstraße entlang laufen mussten. 

Das Bobde-Kloster war nun nach Gelati und Motsameta bei Kutaisi das dritte, das wir besuchten. Kaum verwunderlich in einem Land, in dem die Orthodoxie gerade wieder erstarkt und das sich rühmt, neben Armenien das erste christliche Land gewesen zu sein. Da wir noch mehr vom Land sehen wollten, suchten wir auch noch eines der Höhelnklöster, von denen es in Georgien mehrere gibt, auf. Dawit Garedscha liegt nahe der aserbaidschanischen Grenze in einer steppenartigen Landschaft. Wir hatten mit einem Taxifahrer um den Preis gefeilscht und dann beinahe das Taxi doch nicht genommen, weil uns einige Lehramtsstudentinnen unbedingt mit ihrem Minibus mitnehmen wollten. Das sorgte für etwas Irritation mit dem Taxifahrer, der auch entsprechend miesgelaunt startete. Wir fuhren zunächst Richtung Sagaredscho, was aufgrund des Fahrverhaltens des Mannes am Steuer schon abenteuerlich genug war und dann auf immer dreckpistenartiger werdenden Wegen zum Kloster. Wir wurden ordentlich durchgeschüttelt, Steine flogen zur Seite, wir sahen die Tierwelt der Steppe und die eindrucksvollen Sedimentsschichten der umliegenden Hügel. Hier sagten sich vielleicht nicht Fuchs und Hase "Gute Nacht" (oder doch?), aber eine Schildkröte sagte uns am Straßenrand zumindest auf der Rückfahrt "Auf Wiedersehen!" 

Zunächst sahen wir uns aber das Kloster an. Da es noch von Mönchen bewohnt wird, sind nicht alle Bereiche zugänglich. Die Toilettenanlagen und die touristische Infrastruktur lassen hier eher zu wünschen übrig - man sollte selbst Snacks und Wasser und Klopapier mitbringen. Das Kloster an sich ist eine recht große, beeindruckende Anlage. Auch hier gibt es eine Quelle, die am Fels oberhalb des Klosters zu entspringen scheint. Und wenn man noch weiter läuft, kommt wohl noch eine kleine Kapelle. Ich habe mich auf den Weg gemacht und ein paar beeindruckende Blick über die Hügel gewonnen, aber schließlich doch vor der Sonne und Hitze kapituliert und bin umgedreht. Vielleicht war das gar keine schlechte Entscheidung und ich habe einen schlimmen Sonnenbrand vermieden. 

Bei der Rückfahrt ließen wir uns von unserem Taxifahrer in Sagaredscho rauslassen. Hier wollten wir eine Marschrutka Richtung Tiflis nehmen, die wir auch schnell fanden und die uns schon bald in die Hauptstadt brachte.