Freitag, 29. Dezember 2017

Hyggelig in Kopenhagen

Ein paar Tage Resturlaub trafen Ende November auf den Wunsch, mal wieder was Neues zu entdecken und die Feststellung, dass die Reise von Berlin in die dänische Hauptstadt scheinbar unkompliziert und schnell ist. Schließlich konnte ich noch einen Freund überreden, mitzukommen und so standen zweieinhalb Tage Kopenhagen auf dem Plan. Die Reise stellte sich als nicht ganz so unkompliziert wie gedacht heraus, weil Schlafen im Nachtbus fast unmöglich war, da wir diesen mitten in der Nacht für die Fährüberfahrt den Bus verlassen mussten. Dennoch finde ich, dass wir trotz oder gerade wegen der Fähre recht fix nach Kopenhagen kamen und irgendwie spannend war es ja auch, wie der Bus und sogar der Zug bei der Rückfahrt darauf geladen wurden.


Was auch immer "knallert" heißt...
Ende November ist sicher nicht die beste Reisezeit und so erwischte uns am ersten Tag auch das nasskalte Wetter. Wir stapften trotzdem tapfer mit der Free Walking Tour mit - ein witziger Australier scheuchte uns zwei Stunden kreuz und quer durch die Stadt und erzählte lustige Anekdoten über die Dänen. Wirklich viel hängen geblieben ist da zugegebenermaßen bei mir nicht, aber es war unterhaltsam. Lustig war auch der Fakt, dass er uns aufforderte, uns wie die Pinguine zusammen zu stellen, damit es hyggelig [gemütlich] werden würde trotz des miesen Wetters. Das zog sich tatsächlich durch die ganze Tour, genau so wie das Ausspielen von Stereotypen über die anwesenden Nationalitäten. Zur Meerjungfrau ging es nicht - das wäre die zweitunbeeindruckendste Sehenswürdigkeit Europas (nach dem Manneken Pis (was ich nicht beurteilen kann, weil ich tatsächlich noch nie in Brüssel war) verriet uns unser Guide immerhin.

Jedenfalls gewannen wir so schon mal einen guten Überblick über die Stadt, erfuhren, dass sie verdammt oft niedergebrannt war und hatten uns immerhin ein bisschen draußen bewegt. Am Abend fuhren wir dann noch mithilfe des "Kongeelevator" [Königsfahrstuhl] auf den Turm des Parlaments und verschafften uns einen weiteren, visuellen Überblick über das nächtliche Kopenhagen. Von oben auf die Stadt schauten wir auch am nächsten Tag und auch das Schmunzeln über die dänische Sprache riss nicht ab. 


Der zweite Tag verging dann im strahlenden Sonnenschein. Wir erliefen noch viel mehr von Kopenhagen. Zuerst gingen wir zum autonomen Gebiet Christiniania, wo offen Drogen verkauft werden, es aber abseits des sehr touristischen Tourimarktes mit Nippes, Souvenirs, Haschisch und Cannabis aussieht wie in einem sehr gemütlichen Ökodorf. Ich werde hier dazu nicht viel Schreiben, Berichte über diese "gesetzesfreie Zone" gibt es genügend - einen wie ich finde, recht amüsanten und vor Ignoranz und Überheblichkeit strotzdenden hier: Henryk M. Broder über Christiania (Spiegel-Artikel von 2009). Nur so viel - ich fühlte mich sehr sicher und mir wurde weder die Kamera noch das Smartphone aus der Hand geschlagen. Ich habe aber auch am zentralen Markt keine Bilder gemacht. Broder übertreibt jedenfalls gehörig, acht Jahre später ist es auch in Christiania sehr viel hyggeliger, als er es darstellt.

Danach stiegen wir auf den runden Turm und hatten damit nochmals eine fantastische Aussicht über die Stadt, diesmal bei fabelhaftem Wetter. Der Turm diente früher als Observatorium und ist heute eine beliebte Touristenattraktion, so dass wir sogar anstehen mussten, aber glücklicherweise nicht lange. 

Unseren Hunger stillten wir mit Smörrebröd in der Streetfood-Halle. Mir gelüstete nach einem Bier dazu, ich hatte aber kein dänisches Geld, also keine Kronen einstecken. Daher fragte ich meinen Begleiter, ob ich Bier holen solle und er mir Geld geben würde. Er hielt mir einen Hunderter hin, mit den Worten: "Meinst du, Hundert werden reichen?" Noch lachten wir, aber als ich für die umgerechnet 15 Euro keine zwei Bier bekam, war es dann doch nicht mehr so witzig. Alkohol, selbst Bier aus Plastikbechern, ist in Dänemark wirklich richtig teuer. Autsch. 

Erträglich bepreist war der Glögg [Glühwein], den wir stattdessen die ganze Zeit tranken. Es war ja auch schon Weihnachtsmarktsaison, es war kalt, also warum nicht?! Dänischer Glühwein enthält neben Wein und Gewürzen Rosinen und Mandeln. Interessant. Interessant auch, dass der Weihnachtsmarkt um sechs schon schloss. Wir spazierten abends noch über das Tivoli-Gelände, auch wenn ich meinen Begleiter zu keiner Achterbahnfahrt überreden konnte. 

Das "Highlight" der Reise hatten wir uns dann bis zum Ende aufgespart - ja, wir liefen tatsächlich am letzten halben Tag, den wir noch hatten zur Kleinen Meerjungfrau. Das, was wohl am Meisten ein Foto wert war, war die Busladung asiatischer Touristen, die die Meerjungfrau fotografierten. Ansonsten hat man am Morgen die tiefstehende Sonne als Gegenlicht, ein Industriegebiet auf dem anderen Seite der Bucht, falls das nicht durch die blendende Sonne eh nicht sichtbar wäre, zumeist eine Möwe auf dem Kopf der Dame und eine wirklich uneinladende Umgebung rund um das "Wahrzeichen". Nun ja, durch den Spaziergang haben wir auch noch andere Ecken der Stadt gesehen, zum Beispiel die Gegend mit den schönen gelben kasernenartigen Häusern. 

Das Ziel der Reise war, mal wieder was anderes zu sehen und mal wieder den Kopf durchgepustet zu bekommen, am Besten mit frischer Meeresluft. Das ist gelungen. Ich würde Kopenhagen nicht für Leute empfehlen, die irgendwie vorhaben, auf ihr Reisebudget zu achten. Es ist im europäischen Vergleich einfach teuer, und zwar so ziemlich alles. Es ist aber durchaus eine Reise wert - die Stadt an sich ist sehr gut zu durchlaufen, generell recht hyggelig, die Kanäle mit vertäuten Booten und die Altstadtgassen sind wirklich schmuck. Und jepp, es gibt sie, die Unmengen an Fahrradfahrern und ja, als Fußgänger sollte man da ein wenig aufpassen, denen nicht in die Quere zu kommen. Aber selbst ich mit meiner Tapsigkeit wurde nur ein einziges Mal in zwei Tagen von einer Radfahrerin angeschrien, weil ich ihren Weg ungünstig kreuzte. Das ist doch ein guter Schnitt, oder? 


Dienstag, 12. Dezember 2017

Jena. Paradies.


Ich kannte von Jena zwei Sachen. Zum Einen die Plattenbauten von Jena-Lobeda, die ich ein paar Mal von der Autobahn gesehen hatte, als ich an Jena vorbeigerauscht bin, meist als Insassin mit viel Zeit zum Umschauen. Recht lange dachte ich, dass Jena nur aus diesen Plattenbauten bestünde. Zum Anderen, den Bahnhof Jena-Paradies, dessen Namen ich immer leicht amüsiert wahrnahm, wenn ich mit dem Zug durch Jena fuhr, meist in irgendeinem ICE oder IC und meist von oder nach Bayern. Das war, als ich bereits älter war und viel Zug reiste. Und beim Umblicken aus dem Zugfenster stellte ich fest - Jena hat nicht nur Plattenbauten, ja ist vielleicht sogar ganz hübsch.

Ich verließ weder Auto noch Zug je, soweit ich mich erinnere. Es gab keinen Anlass für mich, nach Jena zu fahren, obwohl es ja gar nicht weit weg war. Doch dann ergab sich für mich ein guter Grund - ein Konzert drei der großartigen Musiker des Einar Stray Orchestra. Zwar würden sie auch nach Halle kommen und so quasi zu mir nach Hause. Gerade an dem Tag war aber auch das Weihnachtsessen mit Freunden angesetzt. Es zerriss mich fast - wie sollte ich da richtig entscheiden? Schließlich die rettende Idee - auf nach Jena, dort würden Einar und zwei seiner Bandmitglieder einige Tage vorher konzertieren.

Nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgestellt hatte, strolchte ich über den Weihnachtsmarkt und durch die Stadt. Dabei stellte ich fest - hier ist nicht nur der namensgebende Park neben dem Bahnhof ein Paradies. Ganz Jena ist, vielleicht nicht Garten Eden, aber doch ein äußerst wandelnswertes Pflaster. Hübsche Cafés, ein zauberhafter Buchladen, kleine Designerlädchen, entzückende Gassen, ein kleiner Mittelalter-Weihnachtsmarkt an den Überresten der Stadtmauer.

Ich schlug die Richtung zum Paradies-Park ein und suchte das Glashaus, in dem das Einar Stray Trio konzertieren sollte. Vielleicht 60 Leute mögen auf den Stühlen Platz gefunden haben, die aufgestellt waren. Ich wählte die erste Reihe, denn ich liebe es, Einar und seiner Band zuzuschauen, wie sie die Lieder mit so viel Enthusiasmus vortragen. Es war dann wahrlich ein fantastisches, mitreißendes Erlebnis. Ich hing an ihren Lippen, ertappte mich selbst beim ekstatischen Mitwippen und hatte auch mal einen Moment lang Tränen in den Augen. Sie spielten einen ganz neuen Song, ansonsten eine Mischung von ihren drei bereits veröffentlichten Alben und - season's greetings - ein Weihnachtslied. 

 

Nach dem Konzert sprach ich mit meiner Sitznachbarin, die sich als Russin herausstellte, die in Estland lebte, gerade im Urlaub in Berlin war und gern Bands hinterherreiste. Sie fuhr später mit dem Bus wieder zurück nach Berlin und wollte deswegen noch ein bisschen mit der Band rumhängen. Diese hatte ohnehin angekündigt, dass sie sich über Gespräche am Merchandise-Stand freue. Wir redeten also mit Einar, Steinar und Ophelia. Ich empfahl ihnen, in Halle Waffeln essen zu gehen. Wie mir meine russische Bekanntschaft später schrieb, taten sie das sogar. Ich hoffe, es hat gemundet. Ich begleitete die Konzertbekanntschaft noch zu ihrem Bus und schwebte durch die schönen Gassen Jenas zurück zum Hostel. Ich nahm mir Zeit dafür und beschloss mir am nächsten Tag noch einiges anzusehen.




Am Morgen darauf stärkte ich mich erstmal mit Croissant und heißer Schokolade im Kaffeehaus mit bezauberndem Blick Richtung Stadtkirche. Im "Stilbruch", einem Café, das mir fast noch schöner vorgekommen war mit seinem opulenten Interieur, hatte ich leider keinen Platz gefunden, der mir zusagte. Dann lief ich bei wunderbarem klaren Wetter und blauem Himmel noch ein wenig durch die Stadt. Ich musste unbedingt in diesen winzige Buchladen an der Ecke, die Jenaer Bücherstube. Ein wirklich tolles Geschäft, auch und obwohl sehr eng und klein, so dass ich mir mit Rucksack auf dem Rücken schon fast zu groß vorkam. Ich konte nicht anders und nahm den neuen Roman von Juli Zeh mit. Ich schaute noch in das ein oder andere Design-Lädchen, bis ich glücklich und zufrieden die Heimreise antrat. 

Ich hatte einen paradiesischen Abend mit dem Klängen des Einar Stray Trios verbracht, war duch die schmucke Stadt geschlendert und stellte vor allem fest - einen Ausflug nach Jena kann ich schon mal wieder machen.