Donnerstag, 24. April 2014

Von einer, die auszog um Stühle zu stibitzen

Folgende Konstellation muss man sich vorstellen: Eine junge Frau und ein junger Mann fahren mit dem Auto. Es ist Sonntag, der Himmel klar und blau, es herrschen frühlingshafte Temperaturen. In einem schönen Ort halten sie spontan an. Sie haben beide eine Vorliebe für alte, verfallene Gebäude und nur zu gerne kriechen sie in Ruinen rum und entdecken die Vergangenheit der alten Häuser. Aus irgendeinem Grund sind es besonders die Schulen, die oft verlassen daliegen, an diesem entfernten Landstrich des ehemals glorreichen Königreiches Zubrowka. 
 

Nun packt die zwei Abenteurer mal wieder die Erkundungslust. Ein Zaun scheint im Weg, aber in der warmen Sonntagsnachmittagssonne zeigt sich nichts, was die beiden von ihrer Erkundung abhalten könnte. Der Zaun ist zwar hoch, doch gut zu erklettern und auf der anderen Seite warten Entdeckungen. So landet man schließlich auf dem Hinterhof einer alten Schule und die einzige Zeugin weit und breit ist eine schlafende Katze im Fenster des Nachbarhauses. Die Schule hat wohl das Mobiliar gewechselt, denn an der Hintertür liegen bunt durcheinander alte Bänke und Stühle. Die junge Frau ist den Möbeln sofort verfallen und beschließt - einen solchen Stuhl möchte sie haben. Gesagt getan, der Stuhl wird über den Zaun gehoben, während man zurückklettert und der Abtransport zum Auto beginnt. Doch, nein, man hat nicht mit der alten Dame gerechnet, die ein Fenster weiter an die Seite der Katze getreten ist. "Kommen Sie doch, wenn die Schule offen ist, und fragen Sie!", klagt sie die halblegale Stuhlinbesitznahme an. Wobei man nicht weiß, ob die Schule das letzte Mal offen war, als die Grauhaarige selbst noch wohlbezopft in den Reihen vor der Lehrerin saß. 


Der Stuhl wird schließlich verstaut, denn Zurückbringen wäre ja auch feige. Ein kurzer Schulterblick beim Ausparken und die Alte ist schon fast vergessen. Doch nur wenig weiter kommt man. Denn eine Burg will gesucht werden, auf dem Hügel im Wald. Instinktiv schlagen die Erkunder den falschen Weg ein und landen leicht ängstlich bei einer Art Almhütte, wo ein alter Mann scheinbar Futter für sein Viehzeug rupft. Erst im Nachhinein kommt ihr in den Sinn, dass sie wohl deshalb ein wenig Angst vor der Hütte hat, weil sie sie an die Hütte in dem Film "Die Wand" erinnert. Und der Figur aus die Wand will ihr Unterbewusstsein wohl nicht begegnen. Glücklicherweise ist der Alte aber sehr nett und keinesfalls ein Barbar und gibt Tipps, wie die Burg zu erreichen sei. Die Wanderer schlagen sich durch den Wald. Erst ist es einfach, dann müssen sie durch immer dichteres Dickicht, aber schließlich stehen sie vor den vermutlich sehr alten Ruinen. 


Nach einem missglücktem Abstieg, den zumindest sie halb im Rutschen und Lachen durchführt, fahren sie zurück. Doch eine weitere Ruine neueren Datums erweckt ihre Aufmerksamkeit und so kommen sie nicht weit. Eine alte Schule, wie so oft, verstellt ihnen förmlich den Rückweg, den Abenteurer wie sie sind, müssen sie das alte Gebäude unter die Lupe nehmen. Und es lohnt sich. Nehmen wir an, hier gibt es keine Zäune, dafür aber auch keine Stühle mehr. Das einzige, was zu holen ist, sind alte zerrissene Schulbücher und Poster für den Klassenraum aus dem Jahre 1987. Vielleicht nimmt sie ja dann wenigstens eines von denen mit. Nehmen wir aber weiter an, in das Gebäude kommt man rein, anders als in jenes erste Schulgebäude und kann wunderschöne Bilder schießen. Dann hätte sich der Besuch doch sogar noch mehr gelohnt.


Genau so könnte sich die Geschichte zugetragen haben. Vielleicht stammt aber der kleine Holzstuhl, auf dem ich sitze, während ich tippe, von ganz woanders. Vielleicht gibt es gar keine Schulruinen und Burgruinen und alles ist frei erfunden. Vielleicht aber gibt es das verzauberte Königreich Zubrowka und jedes Mal, wenn sie losfährt, macht sie sich auf, ein Stückchen davon kennenzulernen.

Donnerstag, 17. April 2014

Reschitza lieben lernen

Letztes Wochenende durfte ich die Industriestadt im Banater Bergland erkunden. Ich muss sagen - ich war beeindruckt. Reschitza kann man mögen oder hassen, so sagte es mir jemand. Ich gehöre zu denjenigen, die die Stadt in ihr Herz geschlossen haben.


Etwa 100km von Temeswar, im Banater Bergland, liegt die ziemlich abstruse Mischung aus Schwerindustrie und kommunistischer Architektur mit dazwischengetüpfelten Spuren einer längst vergangenen Zeit. Mitten im Industriegebiet stehen beispielsweise zwei Kirchen. Oder nein, ich formuliere es neu - das Industriegebiet liegt mitten in der Stadt. Das Wahrzeichen der Stadt, ein Zahnrad, ist von überall zu sehen. Die Industriebahn, das zweite Wahrzeichen der Stadt, verläuft an Wohnblocks vorbei und quer über die Innenstadt. Dann diese massiven Kollosse von Fabriken und Werken mit ihren rauchenden Schloten. Nicht zu vergessen das Eisenbahnmuseum mit angerosteten alten Dampflokomotiven, denen man leider ansieht, dass sie wohl nicht mehr fahren würden, die aber in ihrer Massivität dennoch beeindrucken, wenn man direkt davor steht. In Reschitza, gibt es einiges zu sehen.



Nur wo geht man hin, in einer Kleinstadt, wenn man abends ein Bier trinken will? Die erstbeste Bar erweist sich als Treffpunkt von "Schränken", die man normalerweise im Fitnessstudio antrifft. Im Sportsaal, der sich kurioserweise mitten am zentralen Platz der Stadt befindet, ist ein wichtiger Boxkampf. Eurosport überträgt, so dass auch die, die sich nur ein Bier in der Bar und keine Eintrittskarte leisten können, dabei sind. Ein seltsamer Abend in einer ungewöhnlichen Stadt.


Doch trotzdem, Reschitza wirkt gelungen. Es passt irgendwie zusammen - eine Bergbaustadt mit unzähligen Arbeitersiedlungen, Plattenbauten und andere Wohnblocks soweit das Auge reicht. Dazu die Fabrikgelände - irgendwie stimmig. Der riesige Platz in der Stadtmitte mit einem gigantischen Brunnen - alles ein bisschen überproportioniert und trotzdem wirkt die Stadt, zwischen Berge und Wälder geklemmt, einladend. Was sieht schon zu groß aus neben eine Stahlfabrik? Mein Historikerherz würde gern mal die Stadtgeschichte untersuchen...

Sonntag, 6. April 2014

Radwanderung nach Ecotopia

Wann genau die Idee entstand, nach Stanciova zu radeln, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwann im Winter bestimmt, an Tagen, an denen man sich sehnt, dass der Frühling bald kommt und lange Radtouren möglich macht. Ende März dann, nach den ersten Testfahrten mit dem Mountainbike war es dann soweit - wir radelten nach Ecotopia.


Stanciova ist ein relativ großes Dorf im Nordwesten von Temeswar. Mit dem Auto sind es 35km bis nach Stanciova. Mit dem Fahrrad über die Dörfer fährt man ca. 40km, es gibt aber auch eine längere Route von 50km.
Stanciova ist auch eine offene Gemeinschaft,bestehend aus einigen Familien und Einzelmenschen, die bewusst aufs Dorf gezogen sind, um das einfache Leben zu leben, ökologisch und sozial verträglich. Und genau das wollte ich mir gern mal anschauen. Deswegen suchte ich nach Radwegen, um in das Dorf zu gelangen. Über eine Freundin erhielten wir die Nummer von einer der Bewohnerinnen und sicherten uns einen Schlafplatz, dann konnte es auch schon losgehen.

Ich arbeitete am Samstag, so dass wir erst kurz vor 14 Uhr aufbrechen konnten. Bepackt mit zwei Rucksäcken, etwas Proviant, Zahnbürste und Unterhosen zum Wechseln machten wir uns auf den Weg. Wir verließen Timisoara zunächst in Richtung Giarmata und fuhren dann über Feldwege Richtung Flughafen und zu den nächsten Dörfern. Wir kamen an zwei Seen vorbei, an deren Ufern wir uns für Pausen niederließen. Natürlich gab es auch mehrere Begegnungen mit Hunden. Die erste verlief folgendermaßen. 
Wir kommen einen Weg entlang, ungefähr drei Kilometer sind wir seit dem letzten Dorf gefahren. Ein mittelgroßer Hund kläfft uns schon von fern an. Umdrehen ist keine Option, einen anderen Weg gibt es nicht, wenn wir keinen riesigen Umweg fahren wollen. Also drauf los. Der Hund kläfft, der Hund rennt, wir treten in die Pedale. Ich denke, wir haben es geschafft und lasse ein bisschen locker, weil der Hund doch zurückgeblieben ist. Da höre ich meinen Mitradler rufen: "Fugi, e si unu mare!" [Schnell, da ist noch ein Großer!] In dem Moment höre ich ein zweites Kläffen und trete, so schnell ich kann. 
Wir hängten die Hunde ab, lachten noch etwas über den Ausruf und fuhren ein paar Kilometer bis, ja bis, wir Schafe hörten. Und Schäferhunde. Ob wohl auch ein Schäfer dabei war? Wir wollten es nicht darauf ankommen lassen und fuhren einen riesigen Umweg und zwar geradewegs über den einzigen Berg weit und breit. Vorher machten wir noch am Stausee eine Pause und entspannten an einem wunderschönen Steg, aber was dann kam war wirklich anstrengend. Wir mussten über den Weinberg. Und das war nach bereits guten 25 bis 30 km wirklich anstrengend. Nachdem wir es endlich geschafft hatten, machten wir noch einen unnötigen Abstecher in ein Dorf, wo wir am Brunnen unsere Trinkflaschen auffüllten und fuhren dann unserem Tagesziel entgegen - Stanciova.

Die Leute in Stanciova nahmen uns freundlich auf. Wir bekamen erstmal ein Glas Wasser und einen Platz auf der Terasse, während noch ein wenig am Permakulturgarten gewerkelt wurde. Dann ging es zum Gästehaus, wo wir unser Doppelstockbett gezeigt bekamen und mit den Hunden Bekanntschaft schlossen. Wir drehten noch eine Runde ums Dorf, dann blieb kurz Zeit zu duschen, bevor es Abendessen gab. An einem großen Tisch versammelten sich einige Nachbarn, es gab Käse, Brot, Aufstriche, Pflaumenschnapps und verdünnten Most. Da Earth Hour war, fand dieses Festmahl auch noch bei Kerzenschein statt. Wir unterhielten uns nett mit den Stanciovanern, auf Englisch und Rumänisch, krochen aber recht früh in die Betten - der Tag war ja doch anstrengend gewesen.

Am Morgen machten wir noch eine kleine Tour durchs Dorf und deckten uns bei einem kleinen Laden mit Keksen ein. Als wir wiederkamen, waren auch die anderen Hausbewohner wach und luden uns noch zu Haferflocken ein. Wir konnten schlecht ablehnen und so war es schon 12 Uhr, als wir das Dorf verließen. Es war sehr schade, dass der Aufenthalt nur so kurz war - die Menschen waren wirklich großartig und ich fühlte mich sehr wohl.


Unsere Rückweg sollte auf einer anderen Route erfolgen. Abermals mussten wir über den Weinberg, was mich heftig fluchen ließ, dann über die Dörfer zur Timis, dem Fluss nach dem ja auch Timisoara benannt ist, obwohl es gar nicht dran liegt. Mein Hintern schmerzte schon ganz schön und bei der Aussicht auf 50km Heimweg wurde mir sehr unwohl zumute. Ich fuhr mich dennoch ein, auch wenn der Hintern immer noch weh tat und so radelten wir ein ganzes Stückchen. Als wir an der Timis ankamen, war erstmal Picknick angesagt, dann fuhren wir ein ganzes Stückchen am Fluss lang, was nach einer Weile aber doch auch ein wenig langweilig wurde. Die Langeweile wurde je aufgebrochen von einem Dorn, der sich in mein Vorderrad gebohrt hatte und der langsam aber sicher die Luft entweichen ließ. Nach 32km mussten wir uns geschlagen geben. Noch wenige Kilometer von der Hauptstraße entfernt versuchten wir bei den Ausflüglern am Fluss, die, wie in Rumänien üblich, mit dem Auto bis an ihren Picknickplatz gefahren waren, nach Flickzeug zu fragen. Einige waren sehr hilfreich, Flickzeug oder Pumpe hatte aber keiner so richtig. Was uns blieb, war telefonisch Hilfe zu rufen und so endete unsere Reise mit zwei im Kofferraum transportierten Fahrrädern und einem heftigen Sonnenbrand.



Trotz allem, ein wunderbarer Ausflug. Es ist schön zu sehen, wie Leute den Mut finden, alles hinter sich zu lassen und sich mit weniger zufrieden zu geben. Was diese Menschen dann auch aus dem Wenigen machen. Und vor allem: Das Gastfreundschaft auch mit geringen Mitteln möglich ist. Der Fahrradteil der Reise mag ein wenig verkorkst gewesen sein - zumindest das Ende - aber es hat dennoch eine Menge Spaß gemacht, über die Dörfer zu radeln und die Schönheit der Natur zu genießen. Definitiv zu wiederholen - sowohl Stanciova als auch eine längere Radtour.