Mittwoch, 4. Februar 2015

Irgendwo in Rumänien - Der alte Mann von nebenan

Mein Nachbar ist echt ein netter Typ. Er bezahlt die Nebenkosten für mich, wenn der Hausverwalter klingelt und ich nicht da bin. Denn so etwas wird in Rumänien persönlich und in bar bezahlt. Also muss man möglichst da sein, wenn der gute Hausverwalter vorbei kommt. Meine Nachbarn in meinem alten Block kannte ich kaum. Neben mir war so eine verrückte alte Katzenlady und unter mir scheinbar eine Opernsängerin. Denn man hörte sie ab und zu beim Proben. Nun wäre der stinkende Typ von nebenan auch nicht gerade jemand, den ich gern kennenlernen würde in einem normalen Leben. Aber hey, in Rumänien ist das eben irgendwie ein ziemlich normaler Nachbar. Und wie sich herausstellt eben sogar noch ein sehr netter.

Auf den ersten Blick denkt man, er ist Alkoholiker. Damit hat man auch sicher nicht ganz unrecht. Seine Klamotten immer ziemlich eklig, er stinkt und wenn er die Tür zu seiner Wohnung öffnet, riecht es nach dreißig Jahre nicht renovierter - und nicht gelüfteter - Raucherwohnung. Muffig, nach alten Leuten und einer Menge Zigarettenqualm. Er dünstet all das natürlich auch aus, wo immer er ist. Deswegen ist es eine Kür, ihn ja nicht herein zu lassen. Aber auch gar nicht so einfach. Wie er es schafft, ist mir nicht ganz klar, aber schwupps ist er über die Schwelle. Ob ich die Gasrechnung schon aus dem Briefkasten geholt habe. Das Geld für die Nebenkosten könne ich ihm bezahlen, wann immer ich es hätte. Wo ich gewesen sei. Er sei ja Ungar, aus Maramuresch. Und dann sagt er zwei Sätze auf Ungarisch. Im Rumänischen haben wir scheinbar ein ähnliches Sprachlevel, wir beiden. In der Körperhygiene rangieren wir nicht nur auf einem anderen Niveau, sondern in einem anderen Sonnensystem. Jetzt steht er also da und brabbelt unverständliches, sagt alles dreimal und kriegt nicht mit, wie man sich panisch nach einer Möglichkeit umsieht, ihn schnell wieder loszuwerden. Schon als er auf der Schwelle stand und es tatsächlich schaffte, seinen Körper in den Wohnungsflur zu manövrieren, mischte sich in das Erstaunen über dieses Überschreiten der Privatsphäre das blanke Entsetzen in den Blick. Danke, danke, ist ja nett, dass sie die Nebenkosten ausgelegt haben, aber jetzt raus aus meiner Wohnung, möchte man schreien. Und jetzt hat er tatsächlich seine Hand ausgestreckt und einen an der Schulter berührt. Angefasstwerden von fremden Menschen konnte ich ja noch nie leiden. Irgendwann begreift er es scheinbar, das er gehen sollte, oder ihm wird einfach langweilig und er dreht ab. Nochmal danke sagen, dann die Tür zu, abschließen und alle Fenster der Wohnung aufreißen. Es stinkt barbarisch.

Das Kuriose ist, dieser Mensch, den Mann auf der Straße für einen Penner halten würde, legt Monat für Monat die Nebenkosten in Höhe von zehn bis fünfzehn Euro aus. Er beschwert sich sogar noch beim Blockverwalter, wenn diese ihm zu hoch scheinen für das nette Mädchen von nebenan.

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