Für mich geht es ja bald wieder nach Osten - genau genommen nach Nordosten. Von der sächsischen Provinz bei Leipzig habe ich vor nach Wünsdorf zu ziehen. Das ist südlich von Berlin, im brandenburgischen Niemandsland. Hier gab es einst einen riesigen russischen Stützpunkt, um nicht zu sagen, eine russische Stadt. Vorher waren die Nazis da und vorher hatte die kaiserliche Armee hier eine Garnison, also sind so ziemlich alle mal dagewesen und haben ihre Kasernen und Bunker dagelassen. Es ist tatsächlich einer der seltsamsten Orte, die ich je besucht habe.

Die Häuser stehen in Reih und Glied, dazwischen ragt hier und da noch ein sogenannter "
Spitzbunker" aus unkaputtbarem Stahlbeton in die Landschaft. Man trifft auch auf verlassene Kasernen und viel Ödland - ehemals war die Zone komplettes Sperrgebiet. Auch heute noch wird man beim Spazierengehen hier und da von Betonmauern oder Bauzäunen aufgehalten. Das ganze Areal ist recht weitläufig - es zieht sich für einige Kilometer entlang der Bundesstraße 96 und einer Bahnstrecke. Neben den Kasernen gibt es auch Neubaublocks, zum Beispiel in der euphemistisch "Waldesruh" genannten Siedlung. Der Blick vom Balkon zeigt den Parkplatz, dahinter ein struppiger Wald. In der Nähe des Bahnhofs ist eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Hier haben sich manche wahre Villen hingesetzt. Wenn ich Bauland suchen würde, dann sicher nicht an diesem tristen Fleckchen Erde, geht es mir durch den Kopf. Doch selbst Erde gibt es kaum, der Boden hier ist sandig. Über die Fußwege zu laufen, gibt einem das Gefühl, einen Strandspaziergang zu machen.

Ich habe mir vier Wohnungen angesehen in dieser Stadt. Bei der ersten erscheint niemand, als ich dann anrufe, ist die Vormieterin sofort bereit vorbeizukommen. Als ich eintrete merke ich - aha, Raucherwohnung. Doch die Wohnung ist eigentlich schön. Am Ende des Gesprächs wird klar, warum die Vorbewohnerin einen Nachmieter sucht - sie will nicht streichen, aus gesundheitlichen Gründen könne sie gerade nicht über dem Kopf arbeiten. Weiter geht es zur nächsten Wohnung. Hier zeigt nicht der aktuelle Bewohner die Wohnung, sondern seine etwa zwanzigjährige Tochter und ihr Freund. Sie hat ein solariumverbranntes Gesicht, aber ist eigentlich ganz nett. Ob die Küche drin bleibe? Naja, der Herd sei kaputt und würde natürlich entsorgt. Den Rest der angesifften Möbel könne ich übernehmen, schreibt sie mir später eine SMS. Doch ob ich in besagter Siedlung Waldesruh wohnen möchte? Erstmal weiter schauen. Ich bin zu früh, und will also noch einen kleinen Spaziergang machen, bevor ich klingele. Ist nur schwierig, denn hier ist der Zugang zum Wald von einem Bauzaun verstellt. Ehemaliges Sperrgebiet sieht anders aus, ich würde eher von einem aktiven Sperrgebiet reden. Auch der Spielplatz ist mit Bauzaun abgesperrt, aber ohnehin ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, die diesen nutzen könnte. Nur ein älterer Herr mit Hund. Und der spricht mich auch gleich an, ob ich Frau XY sei? "Sie fallen hier auf!", meint er, wohl als Begründung, warum er gefragt hat. Er ist der nächste Vorbesitzer und wohl der skurrilste in der Runde. Er ist sehr nett, bietet mir Tee oder Kaffee an (ich lehne dankend ab), ehe er mir auf den Cent ausrechnet, was ich ihm für die Küche zu geben hätte. 2153,14 Euro. Er hat jede Besteckschublade einbezogen in seine Rechnung, vermutlich hat er für alles noch die Quittungen. Er könne auch alles mitnehmen, aber ich bräuchte ja eine Küche und dann müsse ich die ja auch noch aufgebaut bekommen, so wäre alles schon drin. Ich traue mich gar nicht zu fragen, was mich sein Kleiderschrank kosten würde.

Nach dieser Tour durch diesen sonderbaren Ort ist mir so gar nicht mehr danach, dorthin zu ziehen. Mein Arbeitsvertrag läuft zunächst ein Jahr, so lange würde ich es wohl auch maximal aushalten im brandenburgischen Sperrgebiet. Und eine Küche anzuschaffen, für eine Wohnung, die ich eigentlich gern schnell wieder verlassen möchte, danach ist mir auch nicht. Ich habe ein wenig Zeit bis zur letzten Besichtigung und habe noch nichts zu Mittag gegessen. Im "Nahkauf" werde ich bestimmt ein paar Kekse bekommen, denke ich mir. Ich bekomme den Eindruck, man möchte den Einkaufenden 30 Jahre zurückkatapultieren in der Zeit. In den Regalen stehen vereinzelt ein paar Dosensuppen, darunter natürlich auch noch die gute alte Soljanka, von der meine Leser aus Westdeutschland bestimmt gar nicht wissen, was es ist.. Ich habe die Auswahl zwischen zwei-drei Sorten Keksen. Vielleicht ist dieses Einzelhandelsgeschäft ja in irgendein Tourismuskonzept eingepasst. Vor - oder nach? - der Bunkertour Mangelwirtschaft in der überdimensionierten Ost-Kaufhalle erleben? Vielleicht ist es auch ein Wink mit dem Zaunspfahl, der da schreit "Du brauchst gar keine Küche!". Ganz authentisch ist es dann aber doch nicht, es gibt Bananen in unterschiedlichem Bräunungsgrad - die gammeligeren herabgesetzt.

So uneinladend das auch alles wirkt, so überraschend kommt dann auch die Wendung. Irgendwoher muss Wünsdorf ja den Titel "Bücher- und Bunkerstadt" haben. Die Bunker sind nicht zu übersehen. Die Bücher entdeckte ich später. Drei große Antiquariate warten im Ort auf Besucher. Ich hatte etwa eine Stunde Zeit und verlor mich daraufhin in einem davon, dem von "Dr. Minx". Es ist ein Antiquariat nach meinem Geschmack, überall liegen Bücher kreuz und quer, große Kisten stehen vor den Regalen, in denen die Bücher dann auch thematisch oder alphabetisch geordnet sind. In fast jeder Kiste sprang mir etwas entgegen und so ging ich am Ende mit fünf Büchern heraus. Ein Buch von Hans Fallada habe ich nicht bei seinen anderen Werken unter F gefunden, sondern in der Wühlkiste und einen Bereich mit englischsprachiger Literatur habe ich gar nicht gesehen, dennoch halte ich das Reclamheft "Harold and Maude" in den Händen.

Ich als Öko und Möchtegern-Minimalistin hatte mir vorgenommen, keine Bücher mehr zu kaufen und sie nur noch aus der Bibliothek zu holen. Denn was ist schlimmer beim Umziehen als Bücherkisten und das für ein Buch Papier benötigt wird, ist ja auch allgemein bekannt. Den Öko-Aspekt habe ich ganz gut im Griff, denn ich kaufe fast nie neue Bücher sondern das meiste antiquarisch, wenn auch viel online. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, durch ein Antiquariat zu schlendern, wo man alte Lesezeichen, gepresste Blüten und Zeitungsausschnitte in Büchern findet und nicht die sterilen Pakete mit Büchern in "sehr gutem" oder "hervorragendem" Zustand vom Versandhändler geliefert bekommt. Und so habe ich meinen Büchervorrat schon wieder aufgestockt. "Harold and Maude" hatte ich übrigens schon zu Hause. Wer das Zweitexemplar, handverlesen in der Bücherstadt Wünsdorf, haben möchte, schreibe mich kurz an und nenne mir die Lieferadresse. Es macht sich dann mit einem lieben Gruß auf den Weg zu seinem neuen Besitzer.
Nach dem Wühlen in Bücherkisten und streifen durch die Regale, war es Zeit, zum letzten Termin zu gehen. Ich war nun besserer Laune und der Teil von Wünsdorf, nämlich eigentlich die Waldstadt, gefiel mir auch viel besser, als das, was ich vorher gesehen hatte. Ich meldete mich bei der Hausverwalterin und wir gingen die letzte und wunderschöne Wohnung besichtigen, in der noch ein junges Paar wohnte. Die Gegend gefiel mir, die Wohnung gefiel mir, nur war sie zu teuer und viel zu groß für mich allein. Es war allerdings auch die einzige Wohnung mit Küche, die ich bisher gesehen hatte. Sie hatte auch ausnahmsweise keinen zurückgelassenen Sperrmüll neben den Müllcontainern, sondern Fahrradschuppen neben den Hauseingängen. Dafür lag der Mietpreis eben fast auf Leipziger Niveau. Mir wurde mal wieder bewusst, wie schwierig Wohnungssuche eigentlich war und wieviel Schrott man allgemeinhin so angeboten bekam. Es wird wohl nicht meine letzte Exkursion zur Wohnungssuche im Sperrgebiet gewesen sein. Im Dunkeln fuhr ich zurück in die sächsischen Gefilde, kilometerweit mutterseelenallein auf gespenstischen Brandenburger Alleen, im Rückspiegel nichts als schwarze Nacht.

"Wünsdorf, da willst du nicht hinziehen", sagte mir einmal eine Brandenburgerin, als ich ihr erzählte, wo ich arbeiten werde. Ich bin mir jetzt tatsächlich sehr unsicher, ob ich das will. Als ich zurückkam spähte ich erstmal ungeduldig in den Briefkasten, ob nicht vielleicht eine Antwort auf die anderen Bewerbungen, die ich so verschickt hatte, darin war.