Donnerstag, 26. November 2015

System reset nr. 237 - wieder eine neuer Start

Eine neue Stadt, wieder einmal. Es reizt mich gerade, auszurechnen, die wievielte eigentlich. Seit ich Abitur gemacht habe, das war grob vor zehn Jahren, habe ich in fünf Städten gelebt und immer mal ein paar Monate im ländlichen Gebiet, also an sechs Orten. Die Hälfte davon im Ausland. Ich habe in sieben verschiedenen Wohnungen, einem Haus und zweimal im (gleichen) Studentenwohnheim gelebt, also in neun verschiedenen Gebäuden. Ich habe im schönen Altbau gelebt und im kommunistischen Block, in einem Haus für mich allein, in verschiedenen WG-Zimmern und in einem Doppelzimmer im Studentenwohnheim. Ich könnte nicht sagen, dass das eine oder das andere besonders gut oder schlecht gewesen wäre - alles war eine wichtige Erfahrung.

Und nun steht der nächste Umzug an. In eine neue Stadt, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. In den letzten Tagen fügte sich einfach alles. Ich habe erst diesen Job bekommen, den ich richtig gern machen wollte, dann die Möglichkeit, für eine Woche in der Nachbar-WG von einem Freund zu übernachten, dann das Angebot, die Wohnung von einem Kollegen zu übernehmen. Ich zweifle gerade ein bisschen, ob ich das annehmen soll, aber dann ist es einfach zu verlockend, weil es so einfach wäre. Und irgendwie bin ich grad so im "Flow", dass ich zögere, auszusteigen. Ich kann auf jeden Fall erstmal da wohnen in der nächsten Woche, also ist dahingehend die Versorgung auch gesichert. Außerdem kann ich mir noch ein paar Tage überlegen, ob es wirklich das Richtige für mich ist. 

Einzig die Gestaltung vom nächsten Wochenende ist noch ein bisschen schwierig. Da ja mein Auto erstmal nicht mehr fahrbereit ist, muss ich mich mittelfristig um dessen Entsorgung kümmern und kann es nicht mehr für die Heimreise benutzen. Ich müsste aber eigentlich mal zu Hause vorbei schauen, weil ich für die nächste Arbeitswoche saubere Klamotten brauche und vielleicht sollte ich auch den Briefkasten mal leeren. Nur komme ich eben nicht bis nach Hause ohne Auto, einer der negativen Nebeneffekte des Landlebens. Wenn ich dann erst wieder in der Stadt lebe, kann ich zwar keine Äpfel aus dem eigenen Garten verspeisen, aber zu Fuß zum Bio-Laden laufen.

Mittwoch, 25. November 2015

Statt Kuba - Eine Straßenbahn namens "Frohe Zukunft"

In ein paar Stunden sollte ich eigentlich auf Kuba landen. Stattdessen muss ich gleich los zu einer Sitzung und mein neues Projekt vorstellen. Heute war mein dritter Arbeitstag. Ich bereue es überhaupt nicht, dass ich nicht in den Urlaub fliegen konnte, sondern fühle mich trotz Schmuddelwetter sehr wohl. Ich habe einen tollen neuen Job mit netten Kollegen, bin für diese Woche in einer netten WG untergeschlüpft undwerde vermutlich nächste Woche eine süße 1-Zimmer-Wohnung beziehen können. Halle ist eine schnuckelige Stadt. Alles hat sich diese Woche so gut gefügt, dass ich fast schon darauf warte, dass irgendwas negatives passiert, um das ganze Glück auszugleichen. Und dann fällt mir ein, dass das schon geschehen ist: Karl ist schrottreif. Unsere Wege werden sich jetzt definitiv trennen. Das sind richtig schlechte Nachrichten, aber auch hier merke ich, dass sich Lösungen finden. Es wird einen Nachfolger für meinen treuen Gefährten geben und ich werde noch sicherer in eine "Frohe Zukunft" starten. 


Mittwoch, 18. November 2015

Die einzige Konstante in meinem Leben: Ständige Planänderungen

Letzte Woche bin ich noch verzweifelt bei dem Gedanken, bald ins brandenburgische Nirgendwo ziehen zu müssen - diese Woche sieht alles schon wieder ganz anders aus. Statt in die brandenburgische Pampa geht es nach Halle an der Saale, statt Kuba-Urlaub geht es gleich mit einem fordernden neuen Job los. Innerhalb von weniger als einer Woche wendete sich die Situation für mich komplett, so dass ich jetzt statt in Wünsdorf in Halle nach einer schönen Wohnung suche. Ich bin viel glücklicher mit dem neuen Angebot und freue mich auch darauf, in der Nähe von lieben Menschen zu weilen, statt mir komplett neue Sozialkontakte aufbauen zu müssen. Den Flug nach Kuba habe ich gerade storniert - es war tatsächlich einmal eine weise Entscheidung, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen. Es tat schon weh, andererseits freue ich mich auch auf die neuen Herausforderungen, die auf mich in Halle warten. Alles neu, das fühlt sich immer wieder gut an für mich. Denn dann heißt es immer erkunden, entdecken und seinen Platz darin finden. Wie heißt es so schön - "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..." 

Die Wege ins Unbekannte verlocken am Meisten.
 

Mittwoch, 11. November 2015

Eines der trostlosesten Fleckchen Erde - mit überraschendem Pluspunkt


Für mich geht es ja bald wieder nach Osten - genau genommen nach Nordosten. Von der sächsischen Provinz bei Leipzig habe ich vor nach Wünsdorf zu ziehen. Das ist südlich von Berlin, im brandenburgischen Niemandsland. Hier gab es einst einen riesigen russischen Stützpunkt, um nicht zu sagen, eine russische Stadt. Vorher waren die Nazis da und vorher hatte die kaiserliche Armee hier eine Garnison, also sind so ziemlich alle mal dagewesen und haben ihre Kasernen und Bunker dagelassen. Es ist tatsächlich einer der seltsamsten Orte, die ich je besucht habe. 




Die Häuser stehen in Reih und Glied, dazwischen ragt hier und da noch ein sogenannter "Spitzbunker" aus unkaputtbarem Stahlbeton in die Landschaft. Man trifft auch auf verlassene Kasernen und viel Ödland - ehemals war die Zone komplettes Sperrgebiet. Auch heute noch wird man beim Spazierengehen hier und da von Betonmauern oder Bauzäunen aufgehalten. Das ganze Areal ist recht weitläufig - es zieht sich für einige Kilometer entlang der Bundesstraße 96 und einer Bahnstrecke. Neben den Kasernen gibt es auch Neubaublocks, zum Beispiel in der euphemistisch "Waldesruh" genannten Siedlung. Der Blick vom Balkon zeigt den Parkplatz, dahinter ein struppiger Wald. In der Nähe des Bahnhofs ist eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Hier haben sich manche wahre Villen hingesetzt. Wenn ich Bauland suchen würde, dann sicher nicht an diesem tristen Fleckchen Erde, geht es mir durch den Kopf. Doch selbst Erde gibt es kaum, der Boden hier ist sandig. Über die Fußwege zu laufen, gibt einem das Gefühl, einen Strandspaziergang zu machen. 


Ich habe mir vier Wohnungen angesehen in dieser Stadt. Bei der ersten erscheint niemand, als ich dann anrufe, ist die Vormieterin sofort bereit vorbeizukommen. Als ich eintrete merke ich - aha, Raucherwohnung. Doch die Wohnung ist eigentlich schön. Am Ende des Gesprächs wird klar, warum die Vorbewohnerin einen Nachmieter sucht - sie will nicht streichen, aus gesundheitlichen Gründen könne sie gerade nicht über dem Kopf arbeiten. Weiter geht es zur nächsten Wohnung. Hier zeigt nicht der aktuelle Bewohner die Wohnung, sondern seine etwa zwanzigjährige Tochter und ihr Freund. Sie hat ein solariumverbranntes Gesicht, aber ist eigentlich ganz nett. Ob die Küche drin bleibe? Naja, der Herd sei kaputt und würde natürlich entsorgt. Den Rest der angesifften Möbel könne ich übernehmen, schreibt sie mir später eine SMS. Doch ob ich in besagter Siedlung Waldesruh wohnen möchte? Erstmal weiter schauen. Ich bin zu früh, und will also noch einen kleinen Spaziergang machen, bevor ich klingele. Ist nur schwierig, denn hier ist der Zugang zum Wald von einem Bauzaun verstellt. Ehemaliges Sperrgebiet sieht anders aus, ich würde eher von einem aktiven Sperrgebiet reden. Auch der Spielplatz ist mit Bauzaun abgesperrt, aber ohnehin ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, die diesen nutzen könnte. Nur ein älterer Herr mit Hund. Und der spricht mich auch gleich an, ob ich Frau XY sei? "Sie fallen hier auf!", meint er, wohl als Begründung, warum er gefragt hat. Er ist der nächste Vorbesitzer und wohl der skurrilste in der Runde. Er ist sehr nett, bietet mir Tee oder Kaffee an (ich lehne dankend ab), ehe er mir auf den Cent ausrechnet, was ich ihm für die Küche zu geben hätte. 2153,14 Euro. Er hat jede Besteckschublade einbezogen in seine Rechnung, vermutlich hat er für alles noch die Quittungen. Er könne auch alles mitnehmen, aber ich bräuchte ja eine Küche und dann müsse ich die ja auch noch aufgebaut bekommen, so wäre alles schon drin. Ich traue mich gar nicht zu fragen, was mich sein Kleiderschrank kosten würde. 

Nach dieser Tour durch diesen sonderbaren Ort ist mir so gar nicht mehr danach, dorthin zu ziehen. Mein Arbeitsvertrag läuft zunächst ein Jahr, so lange würde ich es wohl auch maximal aushalten im brandenburgischen Sperrgebiet. Und eine Küche anzuschaffen, für eine Wohnung, die ich eigentlich gern schnell wieder verlassen möchte, danach ist mir auch nicht. Ich habe ein wenig Zeit bis zur letzten Besichtigung und habe noch nichts zu Mittag gegessen. Im "Nahkauf" werde ich bestimmt ein paar Kekse bekommen, denke ich mir. Ich bekomme den Eindruck, man möchte den Einkaufenden 30 Jahre zurückkatapultieren in der Zeit. In den Regalen stehen vereinzelt ein paar Dosensuppen, darunter natürlich auch noch die gute alte Soljanka, von der meine Leser aus Westdeutschland bestimmt gar nicht wissen, was es ist.. Ich habe die Auswahl zwischen zwei-drei Sorten Keksen. Vielleicht ist dieses Einzelhandelsgeschäft ja in irgendein Tourismuskonzept eingepasst. Vor - oder nach? - der Bunkertour Mangelwirtschaft in der überdimensionierten Ost-Kaufhalle erleben? Vielleicht ist es auch ein Wink mit dem Zaunspfahl, der da schreit "Du brauchst gar keine Küche!". Ganz authentisch ist es dann aber doch nicht, es gibt Bananen in unterschiedlichem Bräunungsgrad - die gammeligeren herabgesetzt. 

So uneinladend das auch alles wirkt, so überraschend kommt dann auch die Wendung. Irgendwoher muss Wünsdorf ja den Titel "Bücher- und Bunkerstadt" haben. Die Bunker sind nicht zu übersehen. Die Bücher entdeckte ich später. Drei große Antiquariate warten im Ort auf Besucher. Ich hatte etwa eine Stunde Zeit und verlor mich daraufhin in einem davon, dem von "Dr. Minx". Es ist ein Antiquariat nach meinem Geschmack, überall liegen Bücher kreuz und quer, große Kisten stehen vor den Regalen, in denen die Bücher dann auch thematisch oder alphabetisch geordnet sind. In fast jeder Kiste sprang mir etwas entgegen und so ging ich am Ende mit fünf Büchern heraus. Ein Buch von Hans Fallada habe ich nicht bei seinen anderen Werken unter F gefunden, sondern in der Wühlkiste und einen Bereich mit englischsprachiger Literatur habe ich gar nicht gesehen, dennoch halte ich das Reclamheft "Harold and Maude" in den Händen. 
Ich als Öko und Möchtegern-Minimalistin hatte mir vorgenommen, keine Bücher mehr zu kaufen und sie nur noch aus der Bibliothek zu holen. Denn was ist schlimmer beim Umziehen als Bücherkisten und das für ein Buch Papier benötigt wird, ist ja auch allgemein bekannt. Den Öko-Aspekt habe ich ganz gut im Griff, denn ich kaufe fast nie neue Bücher sondern das meiste antiquarisch, wenn auch viel online. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, durch ein Antiquariat zu schlendern, wo man alte Lesezeichen, gepresste Blüten und Zeitungsausschnitte in Büchern findet und nicht die sterilen Pakete mit Büchern in "sehr gutem" oder "hervorragendem" Zustand vom Versandhändler geliefert bekommt. Und so habe ich meinen Büchervorrat schon wieder aufgestockt. "Harold and Maude" hatte ich übrigens schon zu Hause. Wer das Zweitexemplar, handverlesen in der Bücherstadt Wünsdorf, haben möchte, schreibe mich kurz an und nenne mir die Lieferadresse. Es macht sich dann mit einem lieben Gruß auf den Weg zu seinem neuen Besitzer. 

Nach dem Wühlen in Bücherkisten und streifen durch die Regale, war es Zeit, zum letzten Termin zu gehen. Ich war nun besserer Laune und der Teil von Wünsdorf, nämlich eigentlich die Waldstadt, gefiel mir auch viel besser, als das, was ich vorher gesehen hatte. Ich meldete mich bei der Hausverwalterin und wir gingen die letzte und wunderschöne Wohnung besichtigen, in der noch ein junges Paar wohnte. Die Gegend gefiel mir, die Wohnung gefiel mir, nur war sie zu teuer und viel zu groß für mich allein. Es war allerdings auch die einzige Wohnung mit Küche, die ich bisher gesehen hatte. Sie hatte auch ausnahmsweise keinen zurückgelassenen Sperrmüll neben den Müllcontainern, sondern Fahrradschuppen neben den Hauseingängen. Dafür lag der Mietpreis eben fast auf Leipziger Niveau. Mir wurde mal wieder bewusst, wie schwierig Wohnungssuche eigentlich war und wieviel Schrott man allgemeinhin so angeboten bekam. Es wird wohl nicht meine letzte Exkursion zur Wohnungssuche im Sperrgebiet gewesen sein. Im Dunkeln fuhr ich zurück in die sächsischen Gefilde, kilometerweit mutterseelenallein auf gespenstischen Brandenburger Alleen, im Rückspiegel nichts als schwarze Nacht. 



"Wünsdorf, da willst du nicht hinziehen", sagte mir einmal eine Brandenburgerin, als ich ihr erzählte, wo ich arbeiten werde. Ich bin mir jetzt tatsächlich sehr unsicher, ob ich das will. Als ich zurückkam spähte ich erstmal ungeduldig in den Briefkasten, ob nicht vielleicht eine Antwort auf die anderen Bewerbungen, die ich so verschickt hatte, darin war.

Samstag, 7. November 2015

Bayern, Biergärten, Brezen

Es ist eine andere Welt. Mir wird bewusst, dass ich bis zu meinem nächsten Besuch wohl keine so gute Breze mehr essen werden, als ich im Fernbus zurück nach Leipzig sitze. Ein letzter Seitenblick auf die Münchner Frauenkirche, dann setzt sich der Bus in Bewegung. 

München gehörte nie zu meinen Lieblingsstädten (Wobei ich davon einige habe: Leipzig, Cluj, Belgrad, Timisoara...). Im Studium war ich gewzungen, von Regensburg aus regelmäßig für Seminare herzukommen. Ich sah nie viel mehr als Hauptbahnhof, U-Bahn sowie Historicum und Hauptgebäude der LMU. Die offensichtliche Schickeria schreckte mich ab, alles kam mir teuer und exklusiv vor. Die monumentale Architektur verstärkte den Eindruck noch. Bayern dagegen habe ich liebgewonnen: Regensburg und die Donau, die Holledau mit ihren Hopfenfeldern, das Bier, die Brezen und natürlich die Biergärten. So war es wohl auch irgendwie logisch, dass ich meine kleine Bayernreise nicht in der Landeshauptstadt sondern in der Provinz begonnen habe.

Ich besuchte eine ältere Cousine, die mit ihrem Mann und ihrer 18-jährigen Tochter in Oberbayern wohnt. Es waren drei wunderbare Tage bei ihnen mit einer Menge tiefgreifenden Gesprächen, viel Sonne und Zeit für mich, aber auch gemeinsamen Spaziergängen und einem kleinen Ausflug zur "Schönen Aussicht". Bei schönstem Biergartenwetter aßen wir unter lauter Ausflüglern, später unternahm ich noch einen kleinen Waldspaziergang. Es war so etwas wie ein seelisches Wellness-Programm, denn ich fühlte mich augenblicklich wohl und willkommen. Dazu trug bestimmt das leicht feministische, linke und vegetarische Umfeld der Frauen des Hauses bei. In meinem Kopf wurden mal wieder ein paar Sachen durcheinandergepustet, aber auf eine angenehme Art und Weise, so dass ich jetzt darüber Nachdenken und die Gedanken neu ordnen kann. 

Wenn ich in München und Umgebung bin, versäume ich es eigentlich nie, eine ehemalige Studienkollegin zu treffen und so war das der zweite Punkt meiner Reise. Sie wohnt seit ein paar Jahren in der Oktoberfest-Stadt (und hasst selbiges) und hat mir schon bei früheren Besuchen die schönen Ecken der Stadt gezeigt. München ist eben auch Englischer Garten und Isar, ist eben auch eine Metropole mit entsprechendem kulinarischen und kulturellen Angebot. Sie holte mich morgens am Bahnhof ab, und es trieb mir sofort ein breites Grinsen ins Gesicht, als ich feststellte, dass wir automatisch und ganz ohne Absprache beide den Imbiss als Treffpunkt annahmen, bei dem wir uns in der Studienzeit immer mit Verpflegung für den Zug ausgestattet hatten. Nach einer kleinen Touristentour durch die Innenstadt - wir kamen gerade rechtzeitig um am Rathaus das Glockenspiel und die Figuren zu beobachten - liefen wir entlang der Isar zum Englischen Garten und genehmigten uns am Chinesischen Turm ein Radler. Danach steuerten wir das Stadtmuseum an und besuchten die Sonderausstellung zu Damenmode der 1930er Jahre. Die Ausstellung ist sehr zu empfehlen und noch bis Mai 2016 zu sehen: Gretchen mag's mondän – Damenmode der 1930er Jahre. Einer vom Wachpersonal bat mich, für eine verirrte Amerikanerin zu dolmetschen, die eine Ausstellung zum Mittelalter mit Ritterrüstungen suchte. Wir wiesen sie mit vereinten Kräften darauf hin, dass das nicht wirklich das richtige Museum sei, sie war aber schon überfordert von dem Gedanken, in einer andere Etage zu gehen, weil sie den Aufzug nicht fand. Wenn ich jemals beim Reisen so dermaßen das Orientierungsgefühl verliere, setze man mich bitte in den nächsten Flieger gen Heimat. Nach dem Museum schlossen wir den Abend noch mit einem viel zu reichlichem, aber wunderbar leckerem Essen in einem afgahnischen Restaurant ab (Bamyan Narges), darauf tranken wir noch das letzte Radler in einem Lokal im Glockenbachviertel. 


Als ich dann in besagtem Fernbus saß, lagen vier Tage Bayern hinter mir, die mal wieder eine Vielzahl neuer Eindrücke mit sich gebracht haben. Ich habe ein neues Eckchen Bayerns entdeckt, mein Bild von München mal wieder ein bisschen erweitert und ein paar großartige Tage mit tollen Menschen um mich rum gehabt. Das Versprechen für einen Rückbesuch ist jeweils abgenommen, ich hoffe, dass er auch bald stattfindet. Es ist schade, wenn liebe Menschen so weit weg wohnen, dass man sie nicht regelmäßiger sehen kann, andererseits ist es dann immer fantastisch, wenn man sich mal wieder sieht. Bayern ist anders als der Rest von Deutschland und wohl vor allem Ostdeutschland, das merkte ich im Biergarten zwischen all den Rentnern in Softshell-Jacken, die sich zum Kaffee trafen. Das merkte ich auch beim Spaziergang durch den Ort, der Lebendigkeit ausstrahlt mit seinem Bioladen und seiner Buchhandlung, mit seinem lebendigen Treiben im Ortskern, aber auch mit seinen Offenställen für die Kühe, die auftauchen, sobald man eine halbe Stunde aus dem Ort herausspaziert. Dort dominieren dann pittoreske, gepflegte Höfe das Bild. Im Osten fühlt sich immer alles an, als wäre es gerade am Sterben, und das seit 20 Jahren. Ich mag Sachsen und es gibt auch wahnsinnig schöne Ecken, aber man sieht gerade im Kontrast die Armut, das Improvisierte, die Arbeitslosigkeit stärker, gerade im ländlichen Gebiet. Perspektivlosigkeit, die man fast mit den Händen greifen kann an jeder Ecke und Menschen, die das auch gern offen zur Schau stellen (vgl. Frag nicht nach Sonnenschein). In Bayern fühle ich mich auch nach wie vor gut, obwohl damit auch negative Gefühle verknüpft sind, überwiegen doch die positiven. Leckere Brezen und ein gutes Helles, am Besten an einem sonnigen Tag mit Freunden im Biergarten genossen, das bleibt für mich immer mit Bayern verbunden.

Montag, 2. November 2015

Auszeit im Harz

In den letzten Oktobertagen besuchte ich einen Freund im Harz. Ich hatte ihn vor über zwei Jahren in Esslingen bei Stuttgart kennengelernt, als ich als Couchsurferin bei ihm übernachtete. Nun hatte es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlagen, in ein Gemeinschaftsprojekt auf einem ehemaligen Klinikgelände im Harz. Das wollte ich mir unbedingt mal anschauen und so vereinbarten wir, dass ich ihn besuchen würde.

Ich nahm mir vor, für zwei Tage komplett offline zu gehen. Kein Facebook, kein Whats App, keine Mails. Ich habe dann wirklich nur einmal ganz kurz das Internet auf meinem Handy aktiviert, weil ich einen Anruf von einem Freund verpasst habe und schauen wollte, ob er mir vielleicht anderweitig geschrieben hat. Offline zu gehen kann ich wirklich für jeden Kurzurlaub empfehlen, man ist sofort sehr viel entspannter und kann auch schon bei nur zwei Tagen viel besser abschalten.

Ansonsten hatte ich nichts geplant. Ich hatte meine Wanderstiefel für Ausflüge in die Natur dabei, aber ich hatte keinerlei Erwartungen, was Unternehmungen angeht. Als ich ankam, stromerte ich erstmal ein wenig über das Gelände der ehemaligen Klinik. Es war ein Kinderkrankenhaus für Lungenbeschwerden gewesen und insgesamt eine riesige Anlage, erbaut in den 1930ern. Zum Teil kann man den Bauhaus-Stil noch deutlich erkennen, vor allem bei den umliegenden Nebengebäuden. Am Hauptgebäude der Klinik gefällt mir vor allem, dass die Räume alle lichtdurchflutet sind, weil es eine große Fensterwand zum kleinen Teich in der Mitte des Geländes gibt. Seit etwa 15 Jahren stand die Klinik komplett leer, auch wenn es wohl zwei Investoren gegeben hatte, die versucht hatten, etwas daraus zu machen. Seit letztem Jahr haben es sich nun die „Gemeinschaftsstifter“, wie sich die Gruppe nennt, zur Aufgabe gemacht dem Gelände wieder leben einzuhauchen. Das Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen und viel ist noch nicht zu sehen vom Gemeinschaftsleben – aber viele Menschen wohnen momentan auch noch nicht da. Große Teile des Gebäudes sind immer noch stark renovierungsbedürftig. Ich war fasziniert von den Bädern, in denen noch Sticker mit Tiermotiven klebten und von den Zeichnungen an den bröckelnden Wänden, die vor Ewigkeiten für die kleinen Patienten aufgemalt worden waren. Ich stattete dem ehemaligen Veranstaltungssaal einen Besuch ab (und konnte es nicht lassen, kurz auf dem Trampolin zu hüpfen, dass in dessen Mitte stand, um es vor der kalten Witterung draußen zu schützen). Ich schlich durch die Räume, über die Dachterassen und die Treppenhäuser hoch und runter. Es war fast schon gespenstisch still in diesem riesigen Haus.

Trotzdem, es ist „not a lost place at all“, wie der Freund einst bloggte. Denn man spürt den Willen vieler Menschen, hier eine ökologische Gemeinschaft aufzubauen. Wen man auch trifft, wird diskutiert, über die Gruppe, über die Ausrichtung, über die Finanzierung, über die Probleme. Die Menschen haben sich hier mit Herzblut in eine Sache gehangen, die ganz groß werden könnte, wenn sie es schaffen, Kompromisse zu schließen und persönliche Konflikte außen vor zu lassen. Eine Mammut-Aufgabe, wie es scheint, ungefähr so riesig wie die Anlage selbst, aber dennoch machbar.

Es waren zwei unglaublich inspirierende Tage im Harz. Ich traf einige Menschen, denen ich mich sofort sehr nahe fühlte. Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl an diesem Ort. Ganz davon abgesehen, dass die Gegend auch wunderschön ist. Quedlinburg gehört nicht zu Unrecht zum UNESCO-Weltkulturerbe und der Harz im Spätherbst ist sowieso eine Reise wert. Während das Laub von den Bäumen schneit und der Dampfzug der Selketalbahn durchs Tal pfeift, kann man kaum anders, als sich gut zu fühlen.