Donnerstag, 31. Dezember 2015

Wege, gegangene und zu gehende

Das Jahresende fordert mich immer heraus, zu resümieren. War es ein gutes Jahr, habe ich spannende Sachen erlebt, was hat sich verändert? Für mich steht dieses Jahr jedoch mehr die Frage im Vordergrund: Wie habe ich mich weiterentwickelt?

Der Rückblick zeigt: Es war wieder ein ereignisreiches Jahr. Vor etwa zwölf Monaten fasste ich den Entschluss, meinen Vertrag in Rumänien im August auslaufen zu lassen. Ich bin im Sommer noch mal über den Balkan gereist und auch viel innerhalb von Rumänien. Zwei Höhepunkte waren neben den Reisen auch das Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman und das plai-Festival in Temeswar / Timisoara. Schließlich ging ich die Jobsuche doch sofort an und nahm mir keine Auszeit, wie geplant. Der November brachte dann noch eine folgenschwere Entscheidung - die schon bestätigte Arbeitsstelle in Brandenburg lehnte ich doch ab, dafür trat ich "ab sofort" eine Stelle in Halle an. Das heißt wieder näher an Zuhause und näher an meinen Freunden in Leipzig. Auch näher am Harz, wo ich in letzter Zeit auch häufiger bin.

Wie starte ich also ins neue Jahr? Ich könnte jetzt schreiben, mit einer fordernden Projektstelle und einer halbbezogenen 1-Zimmer-Wohnung in der Hallenser Innenstadt. Aber das wichtigere ist eigentlich, dass das Jahresende sehr viel Veränderung mit sich gebracht hat und ich motiviert bin, selbst auch noch zusätzlich zu diesem Umbruch, der von außen kommt, ein wenig Wandel von mir aus hineinzubringen. Da geht es viel um ökologische und soziale Themen, aber auch um mein Leben. Das Reisen werde ich wohl erstmal für eine Weile einschränken müssen, dafür freue ich mich, ein wenig in der Umgebung unterwegs zu sein. Ich habe zudem einige neue Menschen kennen gelernt und alte Kontakte reaktiviert - und das ist ja auch immer unglaublich spannend. Gerade bin ich gar nicht so sehr daran interessiert, neue Gegenden zu erkunden, weil ich ohne mich viel zu bewegen sehr viel neues entdecke. Sein Leben umzukrempeln, oder wenigstens einige Ecken davon, kann auch eine spannende Reise sein. Wer weiß, vielleicht bleibt Ende 2016 ja ein bisschen Resturlaub für zwei-drei Wochen Kuba übrig.


Ich könnte gerade eine Menge schlauer Kalendersprüche aufschreiben zum Thema "Weg". Dass dieser eben nicht nur geradeaus verläuft, sondern kurvig und auch mal uneben sein kann. Dass auch das aus-der-Kurve-fliegen dazu gehört zum Leben und das es einem die Gelegenheit gibt, wieder in die richtige Spur zurückzufinden. Das Verirren zum Geradeaus dazu gehört. Dass es sich auf ausgetretenen Pfaden zwar gut läuft, man aber manchmal neue Wege beschreiten muss. Dass man allein schneller geht, aber gemeinsam weiter kommt. Dass man auch mal einsam ist oder hängen bleibt, während andere weiter ziehen. Grundsätzlich leuchtet aber gerade ganz viel Optimismus durch: Dass auch 2016 wieder interessante Entwicklungen mit sich bringt. Vor allem habe ich ganz stark das Gefühl, dass ich mich gerade nicht nur bewege, sondern unterwegs dahin bin, wo ich gern sein würde. Um noch den verbreitetsten Spruch zum Thema fallen zu lassen: Der Weg ist das Ziel - ob ich jemals im Utopia ankomme, ist deshalb auch egal, mir ist wichtig, mich jetzt aufzumachen. Dafür braucht es auch eigentlich keinen Jahreswechsel, auch wenn der ein willkommener Anlass ist, die Entwicklung, die das Leben grad einschlägt, mal zu überdenken.

2015 war auch das Jahr, in dem ich wieder mit der alten Practika meines Vaters fotografierte und zwar ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Filmen. Ein paar der Bilder, die diese Jahr so entstanden, sollen die Gedanken zum Thema Wege illustrieren. 2015 war zudem das Jahr, in dem ich schweren Herzens von meinem treuen Gefährten Karl Abschied nehmen musste. Daher hier noch mal eine kleine Erinnerung an ihn. Mensch, war das schön. Ich und die Weite Rumäniens. Jetzt geht es auf in die Weiten Sachsen-Anhalts und zwar mit meiner neuen Gefährtin Lucille.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Lieblingsort: Kalemegdan in Belgrad

So wie ich in Cluj / Klausenburg fast jedesmal den Belvedere-Hügel hochsteige, um über die Stadt zu blicken, so zieht es mich in Belgrad immer und immer wieder zur Festung Kalemegdan. Ich sitze gern an den Mauern über der Sava und Donau, ich lasse den Blick gern schweifen über Novi Beograd - Kalemegdan ist für mich das Herz der Stadt. 


Die Festung liegt über dem Zusammenfluss von Donau uns Sava, am Ende der beliebten Fußgängerzone Knez Mihailova, auf der Landzunge, die Richtung Kriegsinsel und Neu-Belgrad ragt. Es sind natürlich nur noch die Reste einer Festung, die Grundmauern und viele Torbögen. Über allem trohnt der Sieger, Pobednik, weithin sichtbar. 


Für mich gibt es keinen schöneren Ort in Belgrad, um auf einer Bank zu sitzen und in die Sonne zu blinzeln. Es gibt keinen schöneren Ort, um abends ein Bier mit Freunden zu trinken und zu quatschen. Es ist für mich auch ein wunderbarer Ort, um Leute zu beobachten und nicht zuletzt, hat man einen wunderbaren Ausblick. 


Freitag, 18. Dezember 2015

„Die wollen sich ja nicht integrieren“

Ich arbeite jetzt seit etwa einem Monat in einem bunt gemischten Team mit und für Migrantinnen und Migranten. Ich habe eine Projektleitungsstelle in einem Verein, der MigrantInnenselbstverwaltung fördert. Am Anfang habe ich dem Mitbestimmungsaspekt nicht so viel Gewicht beigemessen. Ist doch klar, will ich doch auch, wollen doch alle. Erst langsam wird mir klar, dass auch ich als ach so aufgeschlossener Mensch ganz zufrieden damit bin, den MigrantInnen ihren Platz zuzuweisen.
Integration bedeutet, dass sich alle, die hier ankommen an die Regeln hier zu halten haben. Die Gesetze respektieren, aber auch die gesellschaftlichen Regeln. Beteiligung ist nicht vorgesehen, oder nur in den vorgegeben Strukturen. Immer alles schön mit der Integrationsbeauftragten absprechen und ja nicht auf die Idee kommen, selbst eine Projektidee umzusetzen, vielleicht sogar noch, ohne vorher zu fragen. Gute Deutsche schreiben die Projekte, die MigrantInnen dürfen mitspielen. Vielleicht mal noch eine Bedarfsanalyse hier und eine Zielgruppenbefragung dort, aber im Allgemeinen weiß man ja, was die brauchen. Und wo sind bitte die Deutschen, die Rumänisch können für das neue Problemgebietsprojekt der nächsten Hilfsorganisation? Auslandserfahrung und interkulturelle Kompetenz wünschenswert!
Doch egal, wie lange ich im Ausland gelebt habe, ich werde es nie verstehen, wie es ist, AusländerIn in Deutschland zu sein. Ich hatte immer die richtige Hautfarbe, die richtige Währung auf dem Konto und den richtigen Pass in der Tasche. Ja, ich fiel auf in den Straßen von Nusaybin in Kurdistan, aber niemand wäre je auf die Idee gekommen, mich herumzuschubsen oder mich zu beleidigen, einfach nur, weil ich anders aussehe. Von meinen Kolleginnen, höre ich nicht nur, wie ihnen das ständig passiert, sondern auch, dass niemand aufsteht und etwas dagegen sagt. Dann schäme ich mich für dieses Land, aber verstehen werde ich es nie ganz, wie es ist, mit einer dunklen Hautfarbe durch die Straßen zu gehen oder mit einem Kopftuch. Warum sollte ich dann entscheiden, wie ich diesen Menschen helfen kann? Warum sollte ich Projekte für sie schreiben, warum sollte ich in einem Büro sitzen und über ihr Schicksal bestimmen? Wo sind die Leute mit Migrationshintergrund in den deutschen Amtsstuben?
Wir entmündigen die Flüchtlinge, die ankommen, aber nicht nur die. Immer schön bei der Asylunterkunft an- und abmelden – aber natürlich können diese Menschen machen, was sie wollen, sind ja erwachsene Leute! Menschen, die seit über zehn Jahren hier leben, haben keine Möglichkeit, sich politisch zu beteiligen. Sie können die nicht wählen, die über ihre Zukunft entscheiden. „Na, das wäre ja noch schöner!“ - Moment, kann nicht jeder Rentner (ohne ausländische Wurzeln) auch die Partei wählen, die die Rentenerhöhung verspricht, wenn er das möchte?
Der Platz der ausländischen Bevölkerung ist in den fetttriefenden Fastfood-Imbissen, ist in körperlich anstrengenden und unschönen Berufen, wie Baugewerbe, Fleischverarbeitung und Gebäudepflege. Natürlich ist es auch schön, mal hier und da einen gut integrierten Vorzeige-Ausländer zu haben, der zeigt, dass man es ja auch schaffen kann in Deutschland mit Migrationshintergrund – natürlich nur, wenn man sich gut integriert und mitspielt. Dabei ist aus zahlreichen Studien bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen strukturell benachteiligt werden, wenn es also doch mal eineR schafft, ist das zwar auch eine große Leistung von ihm oder ihr, aber dahinter stehen eine Menge andere, die nie auch nur die Möglichkeit hatten.
In all dem offenbart sich, dass doch jeder Angst hat, es könnte sich etwas verändern, wenn man wirkliche Beteiligung ermöglicht. Es wird noch lange so sein, dass die Stellen, die sich mit Migration und Integration beschäftigen, überwiegend von Menschen besetzt sind, die hiervon keine Ahnung haben können. Denn man kann es noch so lange studieren, man wird es nie verstehen, aus dieser privilegierten Position der weißen Mittelklasse.
Und vielleicht ist ein Hinweis wie dieser sogar sehr angebracht:
Sie werden in dieser Unterkunft einige Zeit verbringen. Die meisten von Ihnen sind aus schwierigen Situationen heraus hierher gekommen. Auch hier werden Sie auf manche Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten stoßen, da für Sie zunächst Vieles fremd sein wird. Bitte wenden Sie sich mit allen Fragen, Sorgen und Nöten an die Betreuer vor Ort. Wir wünschen Ihnen dennoch einen angenehmen Aufenthalt in unserer Unterkunft.
Ich denke, wir haben mehr zu gewinnen, als zu verlieren, wenn wir den Neuankömmlingen Möglichkeiten eröffnen, anstatt sie nur zu verwalten und ihnen Plätze zuzuweisen. Ein gleichberechtigtes Miteinander ist in nächster Zeit kaum umsetzbar, aber Beteiligung und Begegnung auf Augenhöhe ist jetzt schon möglich und das müssen wir gemeinsam anstreben.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Statt Landung aus Kuba Aufschlag in der Realität

Letzten Donnerstag wäre ich aus Kuba wiedergekommen. Aus den 14 Tagen in der Sonne wurde ja nichts, weil ich einen neuen Job angefangen hatte. Was als Urlaubszeit eingeplant war, gestaltete sich somit ziemlich arbeitsintensiv. Ich lernte die neuen Kollegen kennen, übernahm die Leitung für ein Projekt, hatte auch noch abends Meetings und ganz nebenbei zog ich nach Halle und kaufte mir ein neues Auto. Einiges klappte nicht wie geplant, zum Beispiel als ich mit dem alten Auto zur Zulassungsstelle wollte, um das neue Auto anzumelden und auf der Autobahn mit einem Platten stehen blieb. Ich wartete fast eineinhalb Stunden auf den Pannenservice, und das in der Böschung gleich bei einem Autobahnkreuz. Es gab Momente der Erschöpfung, wenn ich beispielsweise nachts um halb elf nach einem Arbeitstreffen und anschließendem kurzen Plausch mit Freunden nach Hause lief, aber noch einen Umweg nahm, um ein Zugticket für den nächsten Tag zu kaufen. Aber alles in allem schätzte ich mich glücklich und war euphorisch. Ich war zwar müde und erschöpft, aber die neue Aufgabe war spannend und der Einsatz schien lohnenswert. Zudem müsste ich eben zu Projektbeginn mal etwas mehr Einsatz bringen, später wenn alles funktionieren würde, so dachte ich, würde sich das schon wieder reduzieren. Irgendwie ergaben sich auch so viele glückliche Zufälle, dass ich ein wenig übermütig wurde und dachte, es würde schon alles so weiterlaufen.
Mittwochabend fuhr ich für ein Arbeitstreffen nach Magdeburg. Die Besprechung lief mäßig, aber trotzdem war es gut, die Leute kennengelernt zu haben. Ich setzte mich nach dem Treffen wieder in mein Auto, das ich nur einige Tage zuvor vom Händler geholt hatte. Am Vortag war ich extra nochmal nach Hause gefahren, um es bei meiner Versicherung anzumelden. Jemand vor mir blinkte, hielt an, und ich fuhr ihm hintendrauf. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber die Autos wurden ziemlich zugerichtet, weil ich mein neues Gefährt – Lucille heißt sie übrigens – zielsicher auf der Anhängerkupplung des Vorausfahrenden verkeilte. 18.45 Uhr passierte das Ganze, 22.00 verließ ich den Unfallort. Es dauerte eine Stunde, bis die Polizei kam, eine ganze Weile bis später der Abschleppdienst eintraf und schließlich nochmal ewig, bis der zweite Abschleppwagen da war und sie es endlich schafften, die Autos aus ihrer innigen Verbindung zu lösen. Ein lieber Mensch organisierte mir eine Übernachtungsmöglichkeit bei einem Freund, am nächsten Morgen nahm ich den Zug zurück nach Halle. Das Auto blieb in der Werkstatt und ist hoffentlich diese Woche wieder hergerichtet.
Neulich diskutierte ich noch über aus der Kurve fliegen und ähnliche kleinere Katastrophen des Lebens und wie sie einem zeigen, dass man vielleicht etwas verändern sollte. Nun traf es mich selbst, weil ich mir zu viel vorgenommen hatte. Ich hatte zu viel gearbeitet, war privat ebenso eingespannt und hatte einfach durchgepowert, bis es ein drastisches Signal brauchte. Ich reagierte sofort, baute Überstunden ab und nahm mich zwei Tage zurück, was erst einmal gut tat. Das Problem löst es jedoch nicht. Ich muss eine gesunde Balance für mich finden, sonst ist der nächste Autounfall nicht weit und wer weiß, ob es das nächste Mal auch wieder so glimpflich abgeht. 


Als ich am Morgen nach dem Unfall so im Zug von Magdeburg nach Halle saß, musste ich daran denken, dass ich exakt am gleichen Tag eigentlich die Zugstrecke von Frankfurt nach Leipzig hatte fahren wollen, nachdem der Flieger aus Kuba mich zurück nach Deutschland gebracht hätte. Wenn ich in mich hineinhorche und nachforsche, ob das weh tut, bleibe ich immer noch dabei, dass ich es allgemein nicht all zu sehr bedaure. Es hätte mir zwar einige unangenehme Erfahrungen erspart – dass mein altes Auto kaputt gegangen ist, dass ich mit dem neuen einen Unfall hatte –, aber mich auch anderer, erfreulicherer Entwicklungen beraubt. Mir ist vor Kurzem ein Zitat aus einem Film eingefallen, dessen Titel ich nicht mehr weiß. „Wer blutet, der lebt.“ Das ist etwas drastisch für: Wenn ich wirklich leben will, lassen sich Verletzungen, egal ob physisch oder psychisch, nicht vermeiden. Und wenn mir seit dem Sommer mal wieder eins richtig klar vor Augen steht ist es, dass ich leben will.