Dienstag, 15. Dezember 2015

Statt Landung aus Kuba Aufschlag in der Realität

Letzten Donnerstag wäre ich aus Kuba wiedergekommen. Aus den 14 Tagen in der Sonne wurde ja nichts, weil ich einen neuen Job angefangen hatte. Was als Urlaubszeit eingeplant war, gestaltete sich somit ziemlich arbeitsintensiv. Ich lernte die neuen Kollegen kennen, übernahm die Leitung für ein Projekt, hatte auch noch abends Meetings und ganz nebenbei zog ich nach Halle und kaufte mir ein neues Auto. Einiges klappte nicht wie geplant, zum Beispiel als ich mit dem alten Auto zur Zulassungsstelle wollte, um das neue Auto anzumelden und auf der Autobahn mit einem Platten stehen blieb. Ich wartete fast eineinhalb Stunden auf den Pannenservice, und das in der Böschung gleich bei einem Autobahnkreuz. Es gab Momente der Erschöpfung, wenn ich beispielsweise nachts um halb elf nach einem Arbeitstreffen und anschließendem kurzen Plausch mit Freunden nach Hause lief, aber noch einen Umweg nahm, um ein Zugticket für den nächsten Tag zu kaufen. Aber alles in allem schätzte ich mich glücklich und war euphorisch. Ich war zwar müde und erschöpft, aber die neue Aufgabe war spannend und der Einsatz schien lohnenswert. Zudem müsste ich eben zu Projektbeginn mal etwas mehr Einsatz bringen, später wenn alles funktionieren würde, so dachte ich, würde sich das schon wieder reduzieren. Irgendwie ergaben sich auch so viele glückliche Zufälle, dass ich ein wenig übermütig wurde und dachte, es würde schon alles so weiterlaufen.
Mittwochabend fuhr ich für ein Arbeitstreffen nach Magdeburg. Die Besprechung lief mäßig, aber trotzdem war es gut, die Leute kennengelernt zu haben. Ich setzte mich nach dem Treffen wieder in mein Auto, das ich nur einige Tage zuvor vom Händler geholt hatte. Am Vortag war ich extra nochmal nach Hause gefahren, um es bei meiner Versicherung anzumelden. Jemand vor mir blinkte, hielt an, und ich fuhr ihm hintendrauf. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber die Autos wurden ziemlich zugerichtet, weil ich mein neues Gefährt – Lucille heißt sie übrigens – zielsicher auf der Anhängerkupplung des Vorausfahrenden verkeilte. 18.45 Uhr passierte das Ganze, 22.00 verließ ich den Unfallort. Es dauerte eine Stunde, bis die Polizei kam, eine ganze Weile bis später der Abschleppdienst eintraf und schließlich nochmal ewig, bis der zweite Abschleppwagen da war und sie es endlich schafften, die Autos aus ihrer innigen Verbindung zu lösen. Ein lieber Mensch organisierte mir eine Übernachtungsmöglichkeit bei einem Freund, am nächsten Morgen nahm ich den Zug zurück nach Halle. Das Auto blieb in der Werkstatt und ist hoffentlich diese Woche wieder hergerichtet.
Neulich diskutierte ich noch über aus der Kurve fliegen und ähnliche kleinere Katastrophen des Lebens und wie sie einem zeigen, dass man vielleicht etwas verändern sollte. Nun traf es mich selbst, weil ich mir zu viel vorgenommen hatte. Ich hatte zu viel gearbeitet, war privat ebenso eingespannt und hatte einfach durchgepowert, bis es ein drastisches Signal brauchte. Ich reagierte sofort, baute Überstunden ab und nahm mich zwei Tage zurück, was erst einmal gut tat. Das Problem löst es jedoch nicht. Ich muss eine gesunde Balance für mich finden, sonst ist der nächste Autounfall nicht weit und wer weiß, ob es das nächste Mal auch wieder so glimpflich abgeht. 


Als ich am Morgen nach dem Unfall so im Zug von Magdeburg nach Halle saß, musste ich daran denken, dass ich exakt am gleichen Tag eigentlich die Zugstrecke von Frankfurt nach Leipzig hatte fahren wollen, nachdem der Flieger aus Kuba mich zurück nach Deutschland gebracht hätte. Wenn ich in mich hineinhorche und nachforsche, ob das weh tut, bleibe ich immer noch dabei, dass ich es allgemein nicht all zu sehr bedaure. Es hätte mir zwar einige unangenehme Erfahrungen erspart – dass mein altes Auto kaputt gegangen ist, dass ich mit dem neuen einen Unfall hatte –, aber mich auch anderer, erfreulicherer Entwicklungen beraubt. Mir ist vor Kurzem ein Zitat aus einem Film eingefallen, dessen Titel ich nicht mehr weiß. „Wer blutet, der lebt.“ Das ist etwas drastisch für: Wenn ich wirklich leben will, lassen sich Verletzungen, egal ob physisch oder psychisch, nicht vermeiden. Und wenn mir seit dem Sommer mal wieder eins richtig klar vor Augen steht ist es, dass ich leben will.

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