Ich arbeite jetzt seit etwa einem Monat
in einem bunt gemischten Team mit und für Migrantinnen und
Migranten. Ich habe eine Projektleitungsstelle in einem Verein, der
MigrantInnenselbstverwaltung fördert. Am Anfang habe ich dem
Mitbestimmungsaspekt nicht so viel Gewicht beigemessen. Ist doch
klar, will ich doch auch, wollen doch alle. Erst langsam wird mir
klar, dass auch ich als ach so aufgeschlossener Mensch ganz zufrieden
damit bin, den MigrantInnen ihren Platz zuzuweisen.
Integration bedeutet, dass sich alle,
die hier ankommen an die Regeln hier zu halten haben. Die Gesetze
respektieren, aber auch die gesellschaftlichen Regeln. Beteiligung
ist nicht vorgesehen, oder nur in den vorgegeben Strukturen. Immer
alles schön mit der Integrationsbeauftragten absprechen und ja nicht
auf die Idee kommen, selbst eine Projektidee umzusetzen, vielleicht
sogar noch, ohne vorher zu fragen. Gute Deutsche schreiben die
Projekte, die MigrantInnen dürfen mitspielen. Vielleicht mal noch
eine Bedarfsanalyse hier und eine Zielgruppenbefragung dort, aber im
Allgemeinen weiß man ja, was die brauchen. Und wo sind bitte die
Deutschen, die Rumänisch können für das neue Problemgebietsprojekt
der nächsten Hilfsorganisation? Auslandserfahrung und
interkulturelle Kompetenz wünschenswert!
Doch egal, wie lange ich im Ausland
gelebt habe, ich werde es nie verstehen, wie es ist, AusländerIn in
Deutschland zu sein. Ich hatte immer die richtige Hautfarbe, die
richtige Währung auf dem Konto und den richtigen Pass in der Tasche.
Ja, ich fiel auf in den Straßen von Nusaybin in Kurdistan, aber
niemand wäre je auf die Idee gekommen, mich herumzuschubsen oder
mich zu beleidigen, einfach nur, weil ich anders aussehe. Von meinen
Kolleginnen, höre ich nicht nur, wie ihnen das ständig passiert,
sondern auch, dass niemand aufsteht und etwas dagegen sagt. Dann
schäme ich mich für dieses Land, aber verstehen werde ich es nie
ganz, wie es ist, mit einer dunklen Hautfarbe durch die Straßen zu
gehen oder mit einem Kopftuch. Warum sollte ich dann entscheiden, wie
ich diesen Menschen helfen kann? Warum sollte ich Projekte für sie
schreiben, warum sollte ich in einem Büro sitzen und über ihr
Schicksal bestimmen? Wo sind die Leute mit Migrationshintergrund in
den deutschen Amtsstuben?
Wir entmündigen die Flüchtlinge, die
ankommen, aber nicht nur die. Immer schön bei der Asylunterkunft an-
und abmelden – aber natürlich können diese Menschen machen, was
sie wollen, sind ja erwachsene Leute! Menschen, die seit über zehn
Jahren hier leben, haben keine Möglichkeit, sich politisch zu
beteiligen. Sie können die nicht wählen, die über ihre Zukunft
entscheiden. „Na, das wäre ja noch schöner!“ - Moment, kann
nicht jeder Rentner (ohne ausländische Wurzeln) auch die Partei
wählen, die die Rentenerhöhung verspricht, wenn er das möchte?
Der Platz der ausländischen
Bevölkerung ist in den fetttriefenden Fastfood-Imbissen, ist in
körperlich anstrengenden und unschönen Berufen, wie Baugewerbe,
Fleischverarbeitung und Gebäudepflege. Natürlich ist es auch schön,
mal hier und da einen gut integrierten Vorzeige-Ausländer zu haben,
der zeigt, dass man es ja auch schaffen kann in Deutschland mit
Migrationshintergrund – natürlich nur, wenn man sich gut
integriert und mitspielt. Dabei ist aus zahlreichen Studien bekannt,
dass Kinder mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen
strukturell benachteiligt werden, wenn es also doch mal eineR
schafft, ist das zwar auch eine große Leistung von ihm oder ihr,
aber dahinter stehen eine Menge andere, die nie auch nur die
Möglichkeit hatten.
In all dem offenbart sich, dass doch
jeder Angst hat, es könnte sich etwas verändern, wenn man wirkliche
Beteiligung ermöglicht. Es wird noch lange so sein, dass die
Stellen, die sich mit Migration und Integration beschäftigen,
überwiegend von Menschen besetzt sind, die hiervon keine Ahnung
haben können. Denn man kann es noch so lange studieren, man wird es
nie verstehen, aus dieser privilegierten Position der weißen
Mittelklasse.
Und vielleicht ist ein Hinweis wie
dieser sogar sehr angebracht:
Ich denke, wir haben mehr zu gewinnen, als zu verlieren, wenn wir den Neuankömmlingen Möglichkeiten eröffnen, anstatt sie nur zu verwalten und ihnen Plätze zuzuweisen. Ein gleichberechtigtes Miteinander ist in nächster Zeit kaum umsetzbar, aber Beteiligung und Begegnung auf Augenhöhe ist jetzt schon möglich und das müssen wir gemeinsam anstreben.Sie werden in dieser Unterkunft einige Zeit verbringen. Die meisten von Ihnen sind aus schwierigen Situationen heraus hierher gekommen. Auch hier werden Sie auf manche Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten stoßen, da für Sie zunächst Vieles fremd sein wird. Bitte wenden Sie sich mit allen Fragen, Sorgen und Nöten an die Betreuer vor Ort. Wir wünschen Ihnen dennoch einen angenehmen Aufenthalt in unserer Unterkunft.
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