Freitag, 18. Dezember 2015

„Die wollen sich ja nicht integrieren“

Ich arbeite jetzt seit etwa einem Monat in einem bunt gemischten Team mit und für Migrantinnen und Migranten. Ich habe eine Projektleitungsstelle in einem Verein, der MigrantInnenselbstverwaltung fördert. Am Anfang habe ich dem Mitbestimmungsaspekt nicht so viel Gewicht beigemessen. Ist doch klar, will ich doch auch, wollen doch alle. Erst langsam wird mir klar, dass auch ich als ach so aufgeschlossener Mensch ganz zufrieden damit bin, den MigrantInnen ihren Platz zuzuweisen.
Integration bedeutet, dass sich alle, die hier ankommen an die Regeln hier zu halten haben. Die Gesetze respektieren, aber auch die gesellschaftlichen Regeln. Beteiligung ist nicht vorgesehen, oder nur in den vorgegeben Strukturen. Immer alles schön mit der Integrationsbeauftragten absprechen und ja nicht auf die Idee kommen, selbst eine Projektidee umzusetzen, vielleicht sogar noch, ohne vorher zu fragen. Gute Deutsche schreiben die Projekte, die MigrantInnen dürfen mitspielen. Vielleicht mal noch eine Bedarfsanalyse hier und eine Zielgruppenbefragung dort, aber im Allgemeinen weiß man ja, was die brauchen. Und wo sind bitte die Deutschen, die Rumänisch können für das neue Problemgebietsprojekt der nächsten Hilfsorganisation? Auslandserfahrung und interkulturelle Kompetenz wünschenswert!
Doch egal, wie lange ich im Ausland gelebt habe, ich werde es nie verstehen, wie es ist, AusländerIn in Deutschland zu sein. Ich hatte immer die richtige Hautfarbe, die richtige Währung auf dem Konto und den richtigen Pass in der Tasche. Ja, ich fiel auf in den Straßen von Nusaybin in Kurdistan, aber niemand wäre je auf die Idee gekommen, mich herumzuschubsen oder mich zu beleidigen, einfach nur, weil ich anders aussehe. Von meinen Kolleginnen, höre ich nicht nur, wie ihnen das ständig passiert, sondern auch, dass niemand aufsteht und etwas dagegen sagt. Dann schäme ich mich für dieses Land, aber verstehen werde ich es nie ganz, wie es ist, mit einer dunklen Hautfarbe durch die Straßen zu gehen oder mit einem Kopftuch. Warum sollte ich dann entscheiden, wie ich diesen Menschen helfen kann? Warum sollte ich Projekte für sie schreiben, warum sollte ich in einem Büro sitzen und über ihr Schicksal bestimmen? Wo sind die Leute mit Migrationshintergrund in den deutschen Amtsstuben?
Wir entmündigen die Flüchtlinge, die ankommen, aber nicht nur die. Immer schön bei der Asylunterkunft an- und abmelden – aber natürlich können diese Menschen machen, was sie wollen, sind ja erwachsene Leute! Menschen, die seit über zehn Jahren hier leben, haben keine Möglichkeit, sich politisch zu beteiligen. Sie können die nicht wählen, die über ihre Zukunft entscheiden. „Na, das wäre ja noch schöner!“ - Moment, kann nicht jeder Rentner (ohne ausländische Wurzeln) auch die Partei wählen, die die Rentenerhöhung verspricht, wenn er das möchte?
Der Platz der ausländischen Bevölkerung ist in den fetttriefenden Fastfood-Imbissen, ist in körperlich anstrengenden und unschönen Berufen, wie Baugewerbe, Fleischverarbeitung und Gebäudepflege. Natürlich ist es auch schön, mal hier und da einen gut integrierten Vorzeige-Ausländer zu haben, der zeigt, dass man es ja auch schaffen kann in Deutschland mit Migrationshintergrund – natürlich nur, wenn man sich gut integriert und mitspielt. Dabei ist aus zahlreichen Studien bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen strukturell benachteiligt werden, wenn es also doch mal eineR schafft, ist das zwar auch eine große Leistung von ihm oder ihr, aber dahinter stehen eine Menge andere, die nie auch nur die Möglichkeit hatten.
In all dem offenbart sich, dass doch jeder Angst hat, es könnte sich etwas verändern, wenn man wirkliche Beteiligung ermöglicht. Es wird noch lange so sein, dass die Stellen, die sich mit Migration und Integration beschäftigen, überwiegend von Menschen besetzt sind, die hiervon keine Ahnung haben können. Denn man kann es noch so lange studieren, man wird es nie verstehen, aus dieser privilegierten Position der weißen Mittelklasse.
Und vielleicht ist ein Hinweis wie dieser sogar sehr angebracht:
Sie werden in dieser Unterkunft einige Zeit verbringen. Die meisten von Ihnen sind aus schwierigen Situationen heraus hierher gekommen. Auch hier werden Sie auf manche Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten stoßen, da für Sie zunächst Vieles fremd sein wird. Bitte wenden Sie sich mit allen Fragen, Sorgen und Nöten an die Betreuer vor Ort. Wir wünschen Ihnen dennoch einen angenehmen Aufenthalt in unserer Unterkunft.
Ich denke, wir haben mehr zu gewinnen, als zu verlieren, wenn wir den Neuankömmlingen Möglichkeiten eröffnen, anstatt sie nur zu verwalten und ihnen Plätze zuzuweisen. Ein gleichberechtigtes Miteinander ist in nächster Zeit kaum umsetzbar, aber Beteiligung und Begegnung auf Augenhöhe ist jetzt schon möglich und das müssen wir gemeinsam anstreben.

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