Ich habe auf meinem Computer einen Ordner, der den Namen "Silvester 1-99" trägt. Als ich ihn angelegt habe, bin ich davon ausgegangen, dass ich mit diesen Freuden jedes Jahr, bis ans Ende meiner Tage, Silvester feiern werde. Darin sind Bilder von Silvesterfesten, die ältesten von 2006. Wir waren so 18, 19 Jahre alt und haben in meiner damaligen Wohnung gefeiert - mit Postern von Jim Morrison und Placebo an der Wand, mit Konfetti, das sich jahrelang in so manchen Ritzen versteckte, herausgeputzt nach dem von mir ausgerufenen Motto "Punk Cabaret". Ein Jahr später fand die Feier abermals bei mir statt. Das Motto war "Dein wahres Ich" und ich trug khakigrün mit roten Sternen aufgepappt - damit wollte ich wohl als Revolutionärin durchgehen. Auch die "Vor-Silvester-Feier" 2008 (weil eine Freundin am 31.12. nicht da war, feierten wir zweimal) war wieder bei mir und ich war als Zigeunerin verkleidet. Im Folgenden wechselten die Locations und Placebo und Jim Morrison dienten nicht mehr als Kulisse für die absurdesten Mottos und Verkleidungen. Was gleich blieb über all die Jahre, war, dass wir stets bei jemandem zu Hause feierten und viel zu viel aßen.
Dieses Jahr wollten wir es nun erstmals anders machen. Weggehen, feiern, Party in einem Club. Wir kauften Karten für die Gatsby-Party in Leipzig im Felsenkeller und trafen uns vorher bei einer Freundin, um noch gemeinsam zu essen und zu beginnen, zu trinken. Gemeinsam schnippelten wir viel zu viel Salat und stellten Antipasti, Dips und Brot bereit, ehe wir über das Buffet herfielen. Gegen halb zehn wurde dann langsam ans Aufbrechen gedacht, das schien uns eine gute Zeit, denn der Einlass bei der Gatsby-Party begann um neun. Bereits in der Straßenbahn konnte man sehen, dass scheinbar halb Leipzig das gleiche Ziel hatte - wohin man auch blickte, Männer im Anzug und Frauen mit viel Strass, Federboas, Haarbändern und Federn im Haar. Die Leute waren herausgeputzt, wie es sich für eine 20er-Jahre-Party gehört, da konnte man nicht meckern. Als wir mit der Straßenbahn ankamen, sahen wir, dass die ganze geschniegelte und gefederte Meute eine bestimmt fast hundert Meter lange Schlange zum Einlass bildete. Wir standen in der Kälte und froren, bis wir endlich drinnen waren. Da gab es dann eine zweite Schlange, denn die Leute, die gerade hereingekommen waren, wollten nun natürlich ihre Jacken und Mäntel an der Garderobe lassen (welche noch einmal extra kostete). Auch das meisterten wir, um uns dann in die Schlange an der Bar einzureihen, um ein Getränk zu bekommen. Wieder musste man viel Geduld mitbringen. Mir fiel der Grund wieder ein, warum ich gegen Weggehen zu Silvester war - ich habe keine Lust, die halbe Nacht in irgendwelchen Schlangen zu verbringen und in der Silvesternacht ist man bekanntlich nicht der oder die Einzige mit dem Einfall, feiern zu gehen. Irgendwann hielten wir schließlich auch jeder ein Getränk in der Hand und beschlossen, die Tanzfläche aufzusuchen. Gerade spielte eine Art italienische Swing-Band - nichts außergewöhnliches, aber gute Musik. Irgendwann kam uns die Idee, doch nach dem zweiten Floor zu suchen - den es nicht gab. Ebenso wenig, wie es irgendwo eine ruhige Ecke gab oder Sitzmöglichkeiten - es war eben ein großer Saal, in dem dementsprechend eine Lautstärke wie in einer Disco üblich vorherrschte. Irgendwann musste ich mal auf Toilette und freute mich schon fast, für ein paar Minuten den hämmernden Bässen zu entkommen (denn die Musik war zwischenzeitlich auch nicht besonders gut, von wegen Electro Swing). Jedoch entkam ich so schnell gar nicht, denn ich verbrachte erstmal mindestens eine halbe Stunde in der Schlange vor der Damentoilette. Die Performance-Einlagen später waren auch nicht gerade atemberaubend und vom Welcome Drink oder "Flying Buffet" habe ich gar nichts mitbekommen. Alles in allem war für den Preis ziemlich wenig geboten, aber eine gute Silvester-Feier kostet wohl ordentlich. Blöd fand ich vor allem, dass man von seiner Fete so wenig hatte, weil man gefühlt die Hälfte der Zeit mit Warten verbrachte - sei es am Einlass, der Garderobe, der Bar oder der Toilette. Die meisten waren wohl (wie auch wir ein Stück weit) durch den Namen "Party like Gatsby" angezogen worden und hatten dann entsprechende Erwartungen mitgebracht - die so nicht erfüllt worden. Das einzige was man wirklich hervorheben muss, ist, dass fast alle Anwesenden sich sehr viel Mühe mit ihren Outfits gegeben hatten - wir als Gruppe waren naturgemäß die Schönsten weit und breit.
Ich ärgere mich jetzt gar nicht übermäßig, stelle nur fest, dass eine gute Party mit Freunden mir viel lieber ist, als irgendwo Feiern zu gehen. Ich geh auch mal gern tanzen, aber zu Silvester erscheint mir das keine besonders gute Idee. Zumal alles voll ist von Besoffenen, die bereits weit vor zwölf kaum noch stehen können und Leuten, die auf der Tanzfläche miteinander rummachen. Der Weg durch die Stadt ist auch nicht gerade der angenehmste, wenn einem in unregelmäßigen Abständen aus dem Nichts auftauchende Böller fast das Trommelfell wegfetzen. Um Mitternacht den Club zu verlassen, um sich das Feuerwerk anzusehen, ist unmöglich, wenn man mit Abholung der Jacke an der Garderobe und raus- und wieder reinkommen nicht sehr perfekt plant, aber selbst dann ist es wohl aufgrund der Menschenmassen sehr schwierig. Die Idee für nächstes Jahr ist eine eigene 20er-Jahre-Party bei einem von uns, was ich sehr gutheißen würde. Was dennoch sehr schön war, ist, dass ich Zeit mit meinen Freunden verbracht habe. Nicht allein ins Bett zu gehen, am Morgen noch gemeinsam zu frühstücken, das hat den Start ins neue Jahr für mich auch schön gemacht. Und am Morgen davon aufzuwachen, dass eine Katze über mich spaziert, ist auch nicht das schlimmste. Wobei, schwarze Katze von links nach rechts...?


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