Es ist ein lustiges Geräusch, wie die
Biene in der Blüte der Akelei brummt. Als würde sie feststecken.
Vielleicht tut sie das sogar, aber der süße Nektar ist eben so
lecker, dass sie trotzdem immer wieder sie glockenförmigen Blüten
anfliegt.
Ich liebe die Bienen und das
Herumgeschwirre, wenn ich hinterm Haus meiner Großeltern sitze. Es
steht leer, weil meine Oma bereits tot ist und mein Opa im Betreuten
Wohnen lebt. Das ist nun schon seit ein paar Jahren so und deshalb
hat sich die Wildnis den Garten zurückerobert. Ich liebe Akelei und
es stört mich nicht, dass sie sich inzwischen unkrautartig über den
gesamten Garten ausgebreitet hat. Ich liebe es zum Frühstück im
Bademantel an der Hintertür zu sitzen mit einem Buch, einem Tee und
einer Schale Müsli. Während ich mein Müsli löffele, denke ich an
zu organisierende Dinge und wie ich heute heldenhaft den Dschungel
bezwingen werde, der der Garten inzwischen geworden ist. Soviel
Bienennahrung wie möglich stehen lassen, das ist selbstverständlich
mein Ziel. Ich will eigentlich nur Schneisen schlagen. Damit ich noch
ein bisschen wegkomme von all den schweren Gedanken, die da sonst
noch so auftauchen, lese ich etwas in Margarete Stokowskis „Untenrum
frei“. Ich bin ganz verliebt in das Buch – es ist ein angenehm
entspanntes Plädoyer für Feminismus.
Eine halbe Stunde später stehe ich
fluchend neben dem Rasenmäher. Er will nicht anspringen. Keine
Chance. Ich zerre und zerre am Starter. Ich pumpe Benzin mit dem
Primer zum Anlasser. Ich zerre wieder. Ich schwitze inzwischen, mein
Pferdeschwanz hat sich gelockert, mein Arm fällt fast ab. Nach
dutzenden Versuchen gebe ich auf. Nicht um bei jedem Vorbeilaufen
später noch fünf mal am Starter zu ziehen. Gerade noch ein
Feminismus-Buch gelesen, jetzt scheitere ich an einem beknackten
Benzinrasenmäher. Ich will das können. Resigniert schreibe ich
meinem Bruder, ob er helfen könne. Und schaffe es trotzdem, das für
mich positiv zu werten, dass ich Hilfe annehmen möchte und sogar
darum bitte. Er kommt später am Nachmittag, schreibt er zurück.
Mein Arm ist zwar immer noch gefühllos
vom vielen Ziehen, trotzdem beschließe ich, dass ich dann eben
zuerst die Hecke schneide, wenn der Rasenmäher nicht mitmacht. Ich
lege mir Verlängerungsschnur und wuchte die kiloschwere elektrische
Heckenschere durch die Gegend. Bestimmt 25m Hecke gilt es zu
bezwingen und zum Teil ist diese 2m hoch. Nach einigen wenigen Metern
will die Heckenschere nicht mehr. Ich tippe auf Wackelkontakt, da sie
mal geht, mal nicht. In diesem Moment kommen mir die Tränen und ich
bin nah dran, vor Überforderung zu kapitulieren. Überlege, ob sie
beim Baumarkt Heckenscheren verleihen oder ob ich es einfach bleiben
lasse und einen Scheiß auf alles gebe. Geknickt lege ich das Kabel
in Schlaufen und will es zurückhängen, da fällt mir auf – mit
dem anderen Kabel ging es ja vorhin. Ich probiere noch mal und siehe
da, es lag nur am Verlängerungskabel. Also weiter. Und jedes Mal,
wenn ich an der Straße stehe und die Hecke mehr zerrupfe denn
zurechtstutze, sehe ich mich, wie die Leute mich sehen – „Die
Kleine mit der schweren Heckenschere, na Mensch, hat die denn keinen
Mann, der das machen kann?“. Vielleicht denken sie das gar nicht.
Vielleicht finden sie es unglaublich cool. Ich fände es gerade
unglaublich cool, wenn früher jemand zu mir gesagt hätte: Hier ist
eine Heckenschere, so bedient man die. Hier ist ein Rasenmäher,
schau, so macht man das. Vielleicht wäre dann die Hecke nicht
zerrupft und ich würde den Rasenmäher anbekommen. Aber ich war halt
immer eher beim Marmelade-Kochen dabei. Zweifelsohne auch eine
wichtige Aufgabe, aber wie ich gerade merke, nicht die einzige, die
in einem Haus mit Garten anfällt.
Ich sitze später nach dem Mittagessen
mit einem Eis in einem schief gewachsenen Apfelbaum. Ich werde mir
eingestehen, dass ich kapituliere. Ich kapituliere, weil ich
Schönheit sehe, wo andere einen ungepflegten Garten sehe. Ich
kapituliere, weil ich nicht wie alle Nachbarn jeden Samstag damit
verbringen möchte, den Vorgarten in Schuss zu halten, den Rasen zu
mähen und die Büsche und Bäume zu beschneiden. Ich kapituliere
aber vor allem, weil ich das nicht schaffe. Das liegt nicht daran,
dass ich eine Frau bin und mir der richtige Mann fehlt. Das liegt
daran, dass ich allein kämpfe. Gemeinsam mit einer anderen Frau, die
weiß, wie man die Zündkerze am Rasenmäher überprüft, wäre es
schon viel leichter.
Wenn es mir dann noch gelingt, meiner
Kapitulation hinterherzuschicken: „Ich muss das nicht. Ich muss mir
die Verantwortung nicht aufbürden.“, dann kann ich auch wieder den
Bienen zuhören, wie sie in den Akelei-Blüten festhängen.














