Sonntag, 28. Mai 2017

Vom Festhängen


Es ist ein lustiges Geräusch, wie die Biene in der Blüte der Akelei brummt. Als würde sie feststecken. Vielleicht tut sie das sogar, aber der süße Nektar ist eben so lecker, dass sie trotzdem immer wieder sie glockenförmigen Blüten anfliegt.

Ich liebe die Bienen und das Herumgeschwirre, wenn ich hinterm Haus meiner Großeltern sitze. Es steht leer, weil meine Oma bereits tot ist und mein Opa im Betreuten Wohnen lebt. Das ist nun schon seit ein paar Jahren so und deshalb hat sich die Wildnis den Garten zurückerobert. Ich liebe Akelei und es stört mich nicht, dass sie sich inzwischen unkrautartig über den gesamten Garten ausgebreitet hat. Ich liebe es zum Frühstück im Bademantel an der Hintertür zu sitzen mit einem Buch, einem Tee und einer Schale Müsli. Während ich mein Müsli löffele, denke ich an zu organisierende Dinge und wie ich heute heldenhaft den Dschungel bezwingen werde, der der Garten inzwischen geworden ist. Soviel Bienennahrung wie möglich stehen lassen, das ist selbstverständlich mein Ziel. Ich will eigentlich nur Schneisen schlagen. Damit ich noch ein bisschen wegkomme von all den schweren Gedanken, die da sonst noch so auftauchen, lese ich etwas in Margarete Stokowskis „Untenrum frei“. Ich bin ganz verliebt in das Buch – es ist ein angenehm entspanntes Plädoyer für Feminismus.

Eine halbe Stunde später stehe ich fluchend neben dem Rasenmäher. Er will nicht anspringen. Keine Chance. Ich zerre und zerre am Starter. Ich pumpe Benzin mit dem Primer zum Anlasser. Ich zerre wieder. Ich schwitze inzwischen, mein Pferdeschwanz hat sich gelockert, mein Arm fällt fast ab. Nach dutzenden Versuchen gebe ich auf. Nicht um bei jedem Vorbeilaufen später noch fünf mal am Starter zu ziehen. Gerade noch ein Feminismus-Buch gelesen, jetzt scheitere ich an einem beknackten Benzinrasenmäher. Ich will das können. Resigniert schreibe ich meinem Bruder, ob er helfen könne. Und schaffe es trotzdem, das für mich positiv zu werten, dass ich Hilfe annehmen möchte und sogar darum bitte. Er kommt später am Nachmittag, schreibt er zurück.

Mein Arm ist zwar immer noch gefühllos vom vielen Ziehen, trotzdem beschließe ich, dass ich dann eben zuerst die Hecke schneide, wenn der Rasenmäher nicht mitmacht. Ich lege mir Verlängerungsschnur und wuchte die kiloschwere elektrische Heckenschere durch die Gegend. Bestimmt 25m Hecke gilt es zu bezwingen und zum Teil ist diese 2m hoch. Nach einigen wenigen Metern will die Heckenschere nicht mehr. Ich tippe auf Wackelkontakt, da sie mal geht, mal nicht. In diesem Moment kommen mir die Tränen und ich bin nah dran, vor Überforderung zu kapitulieren. Überlege, ob sie beim Baumarkt Heckenscheren verleihen oder ob ich es einfach bleiben lasse und einen Scheiß auf alles gebe. Geknickt lege ich das Kabel in Schlaufen und will es zurückhängen, da fällt mir auf – mit dem anderen Kabel ging es ja vorhin. Ich probiere noch mal und siehe da, es lag nur am Verlängerungskabel. Also weiter. Und jedes Mal, wenn ich an der Straße stehe und die Hecke mehr zerrupfe denn zurechtstutze, sehe ich mich, wie die Leute mich sehen – „Die Kleine mit der schweren Heckenschere, na Mensch, hat die denn keinen Mann, der das machen kann?“. Vielleicht denken sie das gar nicht. Vielleicht finden sie es unglaublich cool. Ich fände es gerade unglaublich cool, wenn früher jemand zu mir gesagt hätte: Hier ist eine Heckenschere, so bedient man die. Hier ist ein Rasenmäher, schau, so macht man das. Vielleicht wäre dann die Hecke nicht zerrupft und ich würde den Rasenmäher anbekommen. Aber ich war halt immer eher beim Marmelade-Kochen dabei. Zweifelsohne auch eine wichtige Aufgabe, aber wie ich gerade merke, nicht die einzige, die in einem Haus mit Garten anfällt.

Ich sitze später nach dem Mittagessen mit einem Eis in einem schief gewachsenen Apfelbaum. Ich werde mir eingestehen, dass ich kapituliere. Ich kapituliere, weil ich Schönheit sehe, wo andere einen ungepflegten Garten sehe. Ich kapituliere, weil ich nicht wie alle Nachbarn jeden Samstag damit verbringen möchte, den Vorgarten in Schuss zu halten, den Rasen zu mähen und die Büsche und Bäume zu beschneiden. Ich kapituliere aber vor allem, weil ich das nicht schaffe. Das liegt nicht daran, dass ich eine Frau bin und mir der richtige Mann fehlt. Das liegt daran, dass ich allein kämpfe. Gemeinsam mit einer anderen Frau, die weiß, wie man die Zündkerze am Rasenmäher überprüft, wäre es schon viel leichter.

Wenn es mir dann noch gelingt, meiner Kapitulation hinterherzuschicken: „Ich muss das nicht. Ich muss mir die Verantwortung nicht aufbürden.“, dann kann ich auch wieder den Bienen zuhören, wie sie in den Akelei-Blüten festhängen. 


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