Montag, 22. Mai 2017

Kutaisi, Georgiens verschlafener Parlamentssitz

Ankunft


Kutaisi ist die drittgrößte Stadt Georgiens, hier steht das futuristische neue Parlamentsgebäude, hier befindet sich einer der Flughäfen, der besonders von den Billigairlines angeflogen wird. Ohne einen billigen Wizzair-Direktflug von Memmingen / Allgäu-Aiport aus, wären wir da wohl auch nie gelandet. Und nach Memmingen wäre ich wohl auch nie wieder gekommen in meinem Leben. Aber so war es, nach drei Stunden Flug landeten wir gegen Mitternacht am hochmodernen Flughafen und ließen uns ganz klassisch gleich mal von einem privaten Schlepper übers Ohr hauen (er bot uns an, uns für "20" ins Zentrum zu bringen, nur dachten wir Lari und er meinte Euro, was einen gewaltigen Unterschied macht, da 26 Lari etwa 10 Euro sind). Also Achtung, besser ordentlich absprechen und ein richtiges Taxi nehmen. All zu viele gab es davon nicht, als wir ankamen, dafür umso mehr Privatmenschen, die Touristen ausbeuten wollten. Da wir uns das Taxi mit zwei anderen Deutschen geteilt hatten, war das aber auch noch zu verkraften.

Wir kamen in unserem Hotel an, in einer ranzigen, schlecht beleuchteten Straße und wurden nicht enttäuscht von unserem Zimmer - Kitsch und Rosa und Schnörkel überall. Wir hatten uns den Spaß gemacht, das Lux Palace zu buchen, in der Erwartung osteuropäischer Übertreibung an den Grenzen jeglichen Geschmacks und das Hotel enttäuschte uns nicht. Das Frühstück war reichlich und gut, das Zimmer war billig, der Service zuvorkommend, nur der Weg in die Stadt war etwas weit.

Am nächsten Tag erkundeten wir selbige und stellten fest - so viel gab es da jetzt auch nicht zu erkunden. Für den nächsten Tag nahmen wir uns deshalb gleich den Naturpark mit "Dinosaurierfußabdrücken" vor, für den Tag darauf das Weltkulturerbe-Kloster Gelati und dann wollten wir uns mit einem der zwei täglichen Züge weiter in Richtung Tiflis begeben. Kutaisi ist hübsch und dadurch, dass es nicht viel zu sehen gab, verbrachten wir umso mehr Zeit in Cafés und Restaurants, von denen es einige hübsche gab. Wir entdeckten die pappsüße georgische Limonade für uns, die es in seltsamen Geschmacksrichtungen wie Sahne und Vanilie gab, wir streiften durch die Innenstadt und stiegen zur Bagrati-Kathedrale den Hügel hoch. Wir entdeckten schöne kleine Eckchen, die sich uns unerwartet offenbarten, wie nach dem Besuch der Kathedrale an einer kleineren Kirche in der Nähe, deren schattiger Garten ein überwucherter Friedhof war.





Sataplia-Nationalpark mit "Dinosaurierspuren"

 



Die Touristeninfo in Kutaissi zog während unseres Besuches in ein tolles frisch renoviertes Gebäude nahe des Flusses um, aber zumindest als wir da waren, waren die Infos immer noch ähnlich spärlich und die Mitarbeiter*innen zwar bemüht, leider wussten sie aber auch nicht mehr, als auf ihren Flyern stand. Der Tipp, mit der Mashrutka zum Nationalpark rauszufahren, war zwar ganz gut, nur wies uns niemand darauf hin, dass wir da nie wieder wegkommen würden. Wir fuhren also nach Sataplia, wo irgendjemand angeblich vor fast einhundert Jahren Dinosaurierspuren entdeckt hatte. Und als sei das nicht genug, auch noch Spuren zweier unterschiedlicher Saurierarten, die Millionen von Jahren zeitlich voneinander getrennt gelebt hatten. Für mich klingt das ziemlich absurd. Aber wir konnten ja noch nicht wissen, was uns erwartete, als wir die Marschrutka dorthin nahmen. Die fuhr an der Eissporthalle ab- es gab tatsächlich eine schlecht isolierte Eishalle im Mai, in der einige Kinder unter einem Trainer Eishockey trainierten. Der Fahrer fuhr uns bis zu dem Parkplatz, wo schon einige Menschen saßen, allerdings augenscheinlich überwiegend Angestellte des Nationalparks. Uns wurden Karten verkauft und eine ganze Zeit lang sage man uns, dass es in zehn Minuten eine Führung geben würde. Warum man uns nicht allein hereinließ war uns da noch nicht ganz klar. Jedenfalls fand schließlich wirklich eine Führung statt, natürlich auf Russisch, so dass ich außer "Dinoßaurrrr" nichts verstand und als besonders auflussreich erwiesen sich die Hinweisschilder auf Englisch jetzt auch nicht. Die Dinosaurierfußstapfen waren recht wenig beeindruckend, die Höhle, durch die wir gingen, ganz schön, aber auch hier gab es nicht viel zu tun. Vielleicht wäre es noch ganz nett gewesen ein Eis zu essen, aber das Besuchercafé sah nicht so aus, als habe es jemals schon geöffnet gehabt, obwohl es kaum ein paar Jahre alt sein konnte, ebenso wie die gläserne Besucherplattform, die einen fantastischen Blick ins Tal bieten sollte - aus Sicherheitsgründen geschlossen. Interessant fand ich viel eher, dass überall gebaut worden war - Besucherzentrum und Infokiosk und Plattform und das mitten im Naturschutzgebiet. Außerdem fuhr ein Kleinwagen mit Warnblinke die ganze Zeit kreuz und quer über die asphaltierten breiten Wege. Er hielt bei uns an, der Fahrer stieg aus, und fragte uns, ob wir schon an der Höhle gewesen seien. Wir bejahten, daraufhin ging er den riesigen Generator ausschalten, der offensichtlich die Höhle mit Strom für die Beleuchtung versorgte. 

 

Gelati-Kloster




Wir hatten genug, gingen zurück Richtung Ausgang, nicht ohne uns noch über die infantilen Dinosaurierzeichnungen kaputt zu lachen, die den Weg säumten. Dann fragten wir, ob es denn auch eine Marschrutka gäbe, die irgendwann Richtung Kutaisi zurück fahre. Gab es natürlich nicht. Wir wollten also einfach den Berg runter laufen bis zur nächsten Ortschaft und schauen, ob dort eine vorbeikommen würde, aber ein Georgier gabelte uns auf und nahm uns bis in die Stadt mit. Das witzige ist, dass sich die fehlene Marschrutka für den Rückweg am nächsten Tag wiederholte. Wir fuhren zum Gelati-Kloster, schön gelegen in den Hügeln um Kutaisi. Der Marschrutka-Fahrer lud uns ab und auf Nachfrage erfuhren wir, dass in drei Stunden eine Marschrutka zurück fahren würde. Das Kloster ist tatsächlich ganz schön, aber es war unmöglich, drei Stunden hier zu verbringen. Wir quatschten schließlich ein ukrainisches Pärchen an und teilten uns ein Taxi zurück mit ihnen, was uns zusätzlich noch zum nahegelegenen Kloster Mozameta, das uns viel schöner vorkam. Eine Treppe führte zum Kloster herab und nachdem wir eine Bogenbrücke überquert hatten, gelangten wir schließlich zu dem kleinen Klosterkomplex. Die Aussicht auf die Flußbiegungen ist herrlich. Ich würde einen Besuch unbedingt empfehlen! 

Militär-Museum


Nun hatten wir wirklich alles gesehen, was es in und um Kutaissi zu sehen gab und wir konnten beruhigt weiterfahren. Als nächstes hatten wir uns Gori vorgenommen, hier wollten wir mit dem Zug hinfahren, was gut möglich ist, aber nur entweder früh um fünf oder zwölf Uhr mittags. Wir entschieden uns eindeutig für die Mittagsvariante, wir waren ja schließlich im Urlaub. Außerdem wollten wir uns noch das Museum über die Heldentaten des georgischen Militärs ansehen, das passte gut rein. Nachdem wir die Fahrkarten gekauft hatten, gingen wir also noch mal fix zum Museum. Es war tatsächlich interessant. Aus irgendeinem Grund ist die georgische Armee im Irak unterwegs (warum auch immer, Teil der NATO sind sie ja nicht, die Museumsführerin konnte uns auch nicht genau erklären warum). Außerdem wird natürlich der Krieg mit Russland um Abchasien und Südossetien illustriert. Aber am wichtigsten ist wohl der zweite Weltkrieg. Der Generalissimis war schließlich georgischer Herkunft, da muss man ihn schon entsprechend verehren. Und genau das fand ich die interessanteste Stelle der ganzen Ausstellung - in ein und dem selben Raum wurde der ruhmreichen Sowjetunion gehuldigt und das böse Russland für den Einmarsch in Georgien 2008 verurteilt. Was für ein kompliziertes Gebilde muss dieses Geschichtsbild sein, damit beides irgendwie reinpasst. Wir verließen das Museum, nicht ohne gefragt zu werden, ob es in Deutschland auch solche Museen gäbe. Ich gab zu Bedenken, dass es aufgrund des Zweiten Weltkriegs ja recht wenig ruhmreiche Militärgeschichte gäbe, meine Reisebegleiterin erwähnte aber, dass es durchaus militärhistorische Museen gäbe. Naja, nur sehen die halt etwas anders aus, als dieser Soldatenverehrungsort...

Noch mehr Stalin-Huldigungen sollten wir am nächsten Tag im Museum in dessen Geburtsstadt Gori erleben. Unreflektiert scheint mir eine unzureichende Beschreibung für den Personenkult, der dort immer noch betrieben wird. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion stimmst du / stimmen Sie den Datenschutzrichtlinien dieser Seite zu.