Mittwoch, 13. September 2017

Abschied von Timisoara.

Die verflossene Liebe liegt in der Bega. Vielleicht entließ mich die Stadt am nächsten Morgen mit so poetischen Bildern, weil ich eine Erinnerung dem Kanal überlassen hatte: Eine Gabe, wenn auch mit keinem Opfer verbunden. Vielleicht ist aber auch einfach der Sonnenaufgang ohnehin getränkt mit Poesie.

Ich ging zum Bahnhof. Klimaanlagen tropften Kondenswasser auf die Gehwege und es fing an, ganz sachte zu regnen. Es wurde langsam hell, während die Straßenlaternen ihr letztes Licht gaben und hier und da die Scheinwerfer einer Straßenbahn ein heller Punkt im noch zarten Dämmerlicht waren.

Wahrscheinlich, dachte ich mir, werde ich nicht wiederkommen. Ich schaute auf den blauen Zug, der hinter den letzten Gleisen des Bahnhofs einer Kunstinstallation gleich faszinierend vor sich hinrostet, manche der Waggons schon stark verformt und fast vollständig rostrot.

La revedere?


Sonntag, 10. September 2017

Begegnungen rund um eine Kirchenburg - Holzstock-Festival 2017 und alles drum herum



Ich hatte es versprochen - auch 2017 würde ich wieder zum Holzstock-Festival fahren. Ein bisschen mehr als eine Woche Urlaub hatte ich mir genommen. Ich hatte ein Zugticket nach Budapest und von Budapest nach Sibiu gekauft, ebenso für die Rückfahrt, ein minimal leichteres Zelt geliehen und meine Sachen gepackt. Dann ging es los, zunächst über Dresden, von da nach Budapest und nach einem zweistündigen Aufenthalt weiter Richtung Siebenbürgen. Ein besonders schöner Moment war der kurze Aufenthalt in Prag, bei dem mir ein Freund einen Proviantbeutel voll mit tschechischen Süßigkeiten sowie einem Bier vorbeibrachte. Das läutete die Urlaubswoche gewissermaßen ein. Ich aß und trank viel, ja das auch, aber vor allem ging es auch weiterhin um wunderbare Begegnungen mit tollen Menschen.


Gleich nach der Ankunft in Sibiu suchte ich den Bus nach Holzmengen / Hosman und wurde am Schalter, wo ich das Ticket kaufte, für mein Rumänisch gelobt. Auch das ging also gut los. Als die Kirchenburg nach gut zwanzig Minuten Fahrt am Horizont auftauchte, machte ich mich ganz hibbelig zum Aussteigen bereit. Es lagen noch ein, zwei Kilometer Fußmarsch von der Haltestelle an der Straßenkreuzung bis zur Kirchenburg von mir und ich hielt immer wieder an, einfach um den Anblick zu genießen und mich zu freuen. Das Panorama ist aber auch fantastisch. Das Dorf, daraus herausragend die Kirchenburg und im Hintergrund bläulich die Berge am Horizont.

Einmal angekommen begrüßte ich die Freundin von mir, die für die Organisation des Festivals verantwortlich war. Bei ihr liefen die Fäden zusammen, sie musste den Überblick bewahren und nahm sich dennoch ab und zu Zeit, um mit mir zu quatschen. Ich taufte sie die Magierin des Festivals, denn sie bewältigte diese schwierige Aufgabe glänzend. Am Abend kamen weitere Freunde an, darunter eine Freundin, mit der ich gemeinsam gearbeitet hatte, mit ihrer Familie und ein Freund, mit dem ich immer gern Pflaumenschnaps trinke, sowie einige weitere Leute, die ich aus meiner Rumänienzeit kannte. Der Saxophonist von artischoque erkannte mich auch wieder - ich war ein Jahr zuvor bei ihm bis Sibiu mitgefahren. Es wurde ein großartiges Festival mit schönen Begegnungen, grandioser Musik und genügend Entspannung und Rumhängen.



Ich hatte ja vor, mich treiben zu lassen und das tat ich dann auch. Erst fuhr ich mit jemanden, den ich die Tage kennengelernt hatte nach Sibiu zurück, wo ich bei der Festival-Magierin übernachten konnte, während sie noch bei der Kirchenburg war. Ich nahm mir einen Tag,um zu entspannen und vernünftig zu duschen. Dann nahmen mich Freunde zu ihrem frisch erworbenen Haus in Glâmboica mit, wo ich zwei Nächte blieb. Von dort konnte ich in einem Camper-Bulli mitfahren bei einem Freund, der abends mit zum Grillen eingeladen war und so kam ich wieder nach Sibiu. Vorher machten wir aber noch einen Abstecher nach Holzmengen, wo noch ein paar Sachen geholt werden mussten und ich auch den vergessenen tschechischen Proviantbeutel noch fand. Es wäre sehr schade gewesen, wäre der verloren gegangen. Einen Tag fuhr ich nach Paltinis, um ein wenig durch die Wälder zu streifen, außerdem traf ich mich in Hermannstadt mit einigen lieben Menschen und ging gemeinsam mit ihnen frühstücken oder mittagessen. So waren meine Tage bis zur Abreise angefüllt mit viel gutem Essen und vielen wunderbaren Begegnungen - vom Grillen am Häuschen bis zum Mittagessen auf Hermannstadts schönster Straße. Das ist angeblich die Strada Cetatii. Meine liebsten Gassen sind hingegen die beiden vom Piata Mica und Huetplatz abgehenden Treppen (Turnul Scarilor und Richtung Piata Aurarilor), aber in der Cetatii-Straße sitzt man tatsächlich sehr schön zum Essen.






Ich nahm mir auch viel Zeit für mich, machte mal einfach gar nichts und versuchte, früh zu schlafen oder stromerte gedankenverloren durch die Stadt und aß jeden Tag viel Eis - kurz, ich ließ es mir gut gehen. Einen Abend legte ich noch in Timisoara ein und hier tat ich eigentlich das selbe - zunächst saß ich eine Weile an der Bega und trank in einer der Bars am Kanal etwas, dann lief ich noch ein wenig umher und schaute, ob ich mein Timisoara noch wiedererkannte. Ja, das tat ich, und an einigen Ecken wirkte auch der Zauber noch - aber mein Herz hängt inzwischen doch eher an Siebenbürgen.

Die Rückreise hatte ich mit dem Kurzaufenthalt über nach in Timisoara bereits gestückelt, jetzt sollte noch ein Nachmittag in Budapest die lange Zugfahrt entzerren. Ich weichte stundenlang im Rudas-Bad vor mich hin. Hier wollte ich schon länger mal hin, das Bad wirbt mit Panorama-Pool auf dem Dach und Thermalbecken mit türkischer Kuppel. Will man das alles besuchen, ist der Eintritt sehr teuer (ca. 20 Euro), und ich würde das wohl kaum nochmal ausgeben. Der Pool auf dem Dach ist sehr klein, ab Nachmittag wird es richtig voll im Bad und man muss schon wirklich mehrere Stunden bleiben, damit der Preis gerechtfertigt ist. Toll fand ich aber die Saunawelt und das Becken mit Kuppel ist auch sehr schön, solange es noch nicht so voll ist. Ich bin gegen eins gekommen, ab drei fand ich es recht voll. Danach habe ich mich noch mit meiner Arbeitskollegin getroffen, die zufällig mit ihrem Freund auch grad Urlaub in Budapest machte und wir waren auf dem Streetfoodmarket was essen und trinken.

Die Rückfahrt war dann anstrengender als gedacht, denn der geplante Liegewagen war nicht bereit gestellt worden sondern ein ganz normaler Wagen mit Abteilen. Ich kam schnell mit einer anderen Frau ins Gespräch, die mich auf meinen Turnbeutel ansprach, auf dem das Logo meines alten Arbeitgebers war. Wie sich schnell herausstellte, hatte sie für die gleiche Organisation genau wie ich zwei Jahre als Entsandte gearbeitet. Wir freuten uns schon, dass Sechser-Abteil wenigstens für uns zu haben. Dann hätten wir uns ausstrecken können, aber an der slowakischen Grenze stiegen noch Menschen zu, mit denen wir dann auch noch nett ins Gespräch kamen und selbstgemachten leckeren Wein aufgenötigt bekamen. Ich war irgendwann einfach nur hundemüde und freute mich, in einem halbleeren Abteil schlafen zu können, wo auch der Sohn der Familie schon pennte. Der war irgendwann weg - dafür waren auf einmal zwei vermutlich tschechische Jugendliche da, die Chips aßen und Cola tranken. Es war ja mitten in der Nacht und ich lag über drei Sitze ausgebreitet in meinem Schlafsack, so dass ich das schon skurril fand, aber schnell wieder einschlief. Irgendwann waren dann alle weg, was ich bei der Ausfahrt aus Dresden - ich wollte bis Berlin - feststellte. Der Zug war fast leer. Überraschenderweise waren wir pünktlich, ich erwischte den richtigen Regionalexpress und meine Reise kam bald zu einem Ende. 

Was für abenteuerliche Tage - vom Zelten auf dem Festival, übers Duschen im Garten bis hin zum Zug nach Hause. Ich war müde und kaputt, aber auch voller schöner Eindrücke, als ich meinen Rucksack auspackte. Holzstock-Festival 2018 ist schon abgemacht. Einen schöneren Anlass jährlich wiederzukommen, könnte es kaum geben. 


Montag, 4. September 2017

Und immer wieder Rumänien... 10 Jahre lang

2007 bin ich das erste Mal nach Rumänien gereist. Jahrhundertsommer (damals wussten wir noch nicht, dass es Normalität werden würde). Leute starben einfach an der Hitze. Auch in Rumänien. Und ich besuchte: Cluj, Sibiu, Sighisoara, Brasov, Bran, Bukarest. Das war im August 2007. Im August 2017 war ich wieder in Rumänien. Ich muss zählen, das wievielte Mal: das neunte. Inzwischen habe ich fast alles gesehen, die meisten Städte, die meisten Sehenswürdigkeiten, die die Reiseführer anpreisen. Maramures, Moldau, Siebenbürgen, Banat, Schwarzmeer, Donaudelta - der Süden fehlt, aber der taucht auch in keinem Reiseführer auf. 

2007 - ich habe wohl vor allem das Klischee gesucht.


Zehn Jahre, in denen ich einem Land bei einer Veränderung zugeschaut habe. Heute vermisse ich die Personenzüge, die ich bei meiner ersten Reise erlebt habe. Aber auch heute noch bin ich begeistert beim Anblicken dieser Landschaften. Außerdem verbinde ich Rumänien inzwischen mit Menschen, die Orte mit Ereignissen. Ich liebe das Land anders, vielleicht tiefergehender. Ich schüttele immer noch an Küchentischen ungläubig meinen Kopf über so manche rumänische Eigenheit. Aber jedes Mal, wenn ich da bin, wünsche ich mir inzwischen, wieder zu kommen und länger zu bleiben. 

2017 suche ich vor allem die Magie dieser Kirchenburg.