Mittwoch, 29. August 2018

Betreten verboten

Wir hatten von diesem verlassenen Industriegelände gehört, welches mit riesigen Wandbildern bemalt war. Da wir in der Nähe vorbeikamen, wollten wir es uns anschauen. Mit dem Auto fuhren wir, sobald wir es in der Kleinstadt lokalisiert hatten, direkt auf das Areal. Eine Pförtnerin mit schwarzer 80er-Jahre-Mähne schaute uns hinterher. Ich stieg daher aus, nachdem wir das Auto abgestellt hatten und ging auf sie zu.

Na, eigentlich dürften wir nicht aufs Gelände, aber ok. Ja nirgends reingehen. Und auf keinen Fall vom Direktor erwischen lassen, da bekäme sie Ärger. Und auf keinen Fall irgendwo reingehen.
Nein, nein, wir wollten doch nirgends reingehen, bloß ein paar Fotos von außen.

Wir fotografierten die großflächigen Gemälde, die Sprüche an den Mauern, die herumlungernden ängstlichen Straßenhunde davor, das weitläufige Gelände. Wir liefen umher und entdeckten immer noch weitere Motive. Dann standen wir vor einem Gebäude, welches ein Wachmann bewachte und was ein Kulturzentrum oder eine Galerie zu beherbergen schien.

Ob wir reindürfen?
Nein, das ginge nicht. Aber er könne uns zu dem Eingang bringen, den früher die Arbeiter benutzt hätten. 

Natürlich nahmen wir an und trotteten hinterher, während der Sicherheitsmann immer weitere Schlüssel hervorkramte und uns Türen öffnete. Die Werkstatt, der Machinenraum, eine große Halle, schließlich erklommen wir die Eisentreppen eines Turmes - wir waren im Herzen der Anlage, im Schaltzentrum und hatten einen Überblick über das gesamte Gelände.

Ja nirgendwo hereingehen, wiederholte belustigt eine Stimme in meinem Kopf, als wir schließlich wieder im Auto saßen und davon fuhren. Den Direktor hatten wir nicht gesehen. Ob er tatsächlich manchmal kam?

Montag, 27. August 2018

Post-Urlaubs-Blues

Da trottete ich zur Arbeit und wunderte mich, dass so viel los war auf der Straße. Ach ja, die Schule hatte ja auch schon wieder begonnen, vor zwei, drei Wochen. Am Morgen war es fast noch dunkel gewesen und das Aufstehen fiel schwer. Jetzt kratzte ich einen Sticker der "Jungen Alternative" vom Bauzaun an der Baustelle nebenan, ehe ich die Tür zum Haus aufschloss, in dem das Büro des Vereins lag. Ich war mir sicher, dass ihr sinngemäßes "Wir wollen unser Deutschland wieder" mir und meinen Kolleginnen, meinem Chef und der ganzen Organisation galt. Trotzdem stapfte ich wenig kämpferisch die Treppenstufen hoch. Ich war schon am Vorabend niedergeschlagen von den Nachrichten von rechtsextremen Ausschreitungen, von nicht anlegen dürfenden Rettungsschiffen mit Geflüchteten. All das hatte ich ignoriert zwei Wochen lang und es war mir damit gut gegangen. Nun breitete sich wieder das Unbehagen in mir aus über diese Welt, in der ich lebe.Wie können Menschen so voller Hass und ohne Mitgefühl sein? 

Über 100 Mails im Postfach warteten auf die Sortierung, bei einigen merkte ich, wie mein Stresspegel sofort stieg. Aber alles in allem in weniger als einer Woche aufzuarbeiten, meine Vertretung hatte sehr gute Arbeit geleistet. Und in die kleinen internen Querelen durfte ich mich einfach nicht mehr so reinstürzen. Dann kam noch die Nachricht von der Kündigung einer von mir sehr geschätzten Kollegin. Wer würde weiter dabei bleiben am Ende? 

Ich ging nach Wochen mal wieder joggen, danach kochte ich mir aus dem übrig geblieben Räucherkäse aus Rumänien, der Zacusca und einer Zucchini ein Abendessen. Der Käse roch stark, aber als Pfannenkäse eignete er sich gut. Ich war gerade bei den letzten Happen und genoss meine einfach Mahlzeit, als die Montagsdemo draußen losplärrte, die sich gewöhnlich gegen Merkel und Geflüchtete richtet. Ich verstand nichts, schon allein der Tonfall versetzte mich aber in Aufregung. Ich konnte mir nach den Krawallen am Sonntag vorstellen, um was es ging. Ziehen diese Menschen Erfüllung aus Hetze?

Ich hatte so viel gelacht in den letzten zwei Wochen, hatte gekichert, gegluckst, gegrinst. Ich hatte ungezählte und manchmal unendlich scheinende Kilometer auf Straßen verbracht, Landsstraßen, Feldwege, Schotterpisten und Wege, die aus mehr Löchern denn Belag bestanden, selten mal ein Stückchen Autobahn. Meist mit runtergekurbeltem Fenster, meist mit Blick auf viel Grün. Manchmal mit Musik, viel mit Gesprächen oder Schweigen. Ich war so viel draußen gewesen, hatte Sternschnuppen betrachtet, an Seen gesessen, im Sonnenuntergang gepicknickt, an Quellen Wasser aufgefüllt und mich durch Brombeergebüsch geschlagen. War da draußen nicht ein guter Platz für mich?

Sonntag, 5. August 2018

Museumstour in Bonn

Vor einigen Wochen war ich auf die "Deutsche Mythen"-Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn aufmerksam geworden. Ich entdeckte später noch, dass zur gleichen Zeit auch eine Abramović-Ausstellung in der Bundeskunsthalle stattfindet und so setzte ich mich an einem freien Wochenende in den Zug und machte mich auf den Weg an den Rhein.

Ich hatte mir noch einen Schlafwagenplatz im Base Camp Hostel reserviert. Das Konzept des Hostels ist, dass in einer großen Halle ganz viele Wohnmobile und Camper stehen, aber eben auch ein Nachtzug und zum Beispiel ein Trabi mit Dachzelt. Ich hatte mich also für ein Schlafwagenabteil im Zug entschieden, das war ich ja von zahlreichen Reisen schon gewöhnt, zudem dachte ich, es wäre wohl die lärmgeschützteste Variante in der großen Halle. Es war leider dann sehr heiß und demnach schlief ich nicht so gut, ich denke aber, dass ging auch den Leuten in den Campern nicht anders. Aber zunächst begab ich mich zur Kunsthalle, nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgelegt hatte. Dort war eine Ausstellung über die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die ich unbedingt sehen wollte. In der Ausstellung gab es Videos und Fotografien ihrer Kunstwerke zu sehen, aber auch Reperformances einiger ihrer Werke. Einige werden vielleicht schon mal von ihrer Perfomance "The Artist is Present" gehört haben, mit der die Ausstellung begann. Abramović saß drei Monate lang im Museum of Modern Art in New York und Besucher*innen konnten ihr gegenüber an einem Tisch mit zwei Stühlen Platz nehmen. Die Künstlerin blickte die Person dann einfach nur stumm, aber aufmerksam an. Die meisten Menschen beschrieben es als ein einmaliges Erlebnis. Zu sehen waren in Bonn Videos mit den Gesichtern der Menschen, die teilgenommen hatten und gegenüber an der anderen Wand das Gesicht Abramovićs, wie sie diese Menschen anblickte. Zudem war ein einfacher Tisch mit zwei Stühlen aufgebaut, an dem man selbst die Performance nachstellen konnte. Die Ausstellung war eine Art Werkschau, bei der ich viel über die Biographie erfuhr und das küntlerische Schaffen von Abramović nachvollziehen konnte. Ich war sehr beeindruckt und konnte, obwohl ich mir ein Kombiticket für das gesamte Museum gekauft hatte, in den anderen Ausstellung kaum noch etwas aufnehmen. 

Am nächsten Tag startete ich gegen zehn zum Haus der Geschichte und schaute mir die Mythen-Ausstellung an. Diese war wirklich gut gemacht, räumte mit gängigen Narrativen wie Wirtschaftswunder und Öko-Nation auf, griff auch die Erzählungen der DDR und auf der anderen Seite der BRD auf und schaffte es durchaus auch, mich zu überraschen. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass der Käfer als Kraft-durch-Freude-Wagen konzipiert gewesen war und der Begriff "Deutsches Wirtschaftswunder" ebenfalls schon in den 1930er Jahren entstand - ironisch für den künstlich durch Staatsausgaben gepushten Aufschwung. So einiges von Trümmerfrauen zu Wirtschaftswunder durch deutschen Fleiß ist tatsächlich größtenteils Mythos mit wenig Wahrheitsgehalt, aber klar wurde auch: der Europäischen Union fehlen beispielsweise die Mythen und damit auch der Zusammenhalt. Denn das ist es, was Mythen machen, sie wirken als Kleber in der Gesellschaft. Was nicht beleuchtet wurde ist die Frage: Warum braucht es das? Sind wir nicht alle Menschen, die zufällig hier oder dort ihr Leben leben. Müssen wir uns durch nationale oder regionale Narrative von anderen abgrenzen? 

Ich gehe normalerweise selten ins Museum, aber vielleicht sollte ich das wirklich öfter tun, wenn mich eine Ausstellung interessiert. Es ist zunächst einmal einfach lehrreich, aber es bringt mich auch raus aus meiner gewohnten Umgebung und Denkweise. Und davon möchte ich gern mehr haben.