Sonntag, 24. Februar 2019

Flygskam - Flugscham

Vierzig Tage reisen, ohne zu fliegen, das war das Ziel. Und nun sitze ich in Madrid, bin einigermaßen ausgeschlafen und habe keine stundenlangen Fähre-Bus-Zug-Kombinationen hinter mir. Gut, ausgeschlafen wäre ich so oder so, aber vielleicht nicht so erholt.

Alles begann mit einem verhängnisvollem Essen an einem schönen Aussichtspunkt am Mittelmeer in Tanger. Danach ging es mir noch gut und nach einem Abschiedsbier auf der Dachterrasse unserer Unterkunft machte ich ich Pläne, welche Fähre und welchen Zug ich nehmen würde, um von Tanger nach Madrid zu kommen. Denn die Abreise aus Marokko ließ sich nicht mehr aufschieben - in ein paar Tagen wollte ich Freunde in London treffen, tags zuvor noch eine weitere Freundin in Paris - die Route stand. Tanger, Madrid, Paris, London, auf dem Landweg hatte ich dafür vier Tage Zeit, was sportlich, aber dank guter Planung machbar war. Da ich am Sonntagabend in einem Nachtbus von Madrid nach Paris steigen wollte, wollte ich definitiv schon am Samstag dorthin fahren. Erst am Sonntag bereits nach ewiglanger Reise in Madrid anzukommen und nach kurzem Aufenthalt weiter zu fahren, schien keine gute Idee.

Doch nun wand ich mich vor Bauchschmerzen im Bett in Tanger und suchte immer wieder die Toilette auf - das Essen auf der wunderschönen Terrasse war mir gehörig auf den Magen geschlagen. Ich schlief kaum in der Nacht, fror erst entsetzlich, zog mir dann noch etwas an und es ging besser, jedoch wurde meine Ruhe immer wieder von Toilettenbesuchen unterbrochen. Der Wecker klingelte, ich hätte genügend Zeit zur Fähre zu gehen. Doch daran war nicht zu denken. Mein Bauch rumorte trotz zahlreicher Kohletabletten noch kräftig, ich war schlicht nicht "transportfähig". Vielleicht wäre ich es in einer Stunde und würde die Fähre knapp kriegen, aber was dann? Nach der einstündigen Fährfahrt Tanger-Tarifa eine einstündige Busfahrt nach Algeciras, danach eine mehrstündige Busfahrt, weil die Zugstrecke da unten in Andalusien gesperrt war und irgendwann der Umstieg in den Zug. Was würde mein Magen dazu sagen? Konnte ich sicher sein, dass ich während dieser Fahrten keine Toilette brauchte?

Ich war zweieinhalb meiner insgesamt drei Wochen in Marokko mit einem großartigen Reisegefähten unterwegs gewesen, dieser musste ein wenig später, als meine Fähre ging, zum Flughafen aufbrechen und flog mit Umstieg in Madrid zurück nach Deutschland. Auch wenn ich mich selbst gegen das Fliegen entschieden hatte, konnte ich es ihm nicht verdenken, schließlich dauert die Anreise nach Marokko ohne Fliegen selbst wenn man es gut plant und an einem Stück durchzieht drei bis vier Tage und so viel Zeit hatte er schlicht nicht bei zweieinhalb Wochen Urlaub. Bereits am Morgen nagte nun die Frage an mir: Was wäre, wenn ich einfach bis Madrid mitkäme? Flöge? Ich wäre nicht allein, falls aus dem Ganzen etwas schlimmeres würde, eine ausgewachsene Nahrungsmittelvergiftung oder ähnliches. Und ich wäre schnell in Europa, wo ich im Krankenhaus mit meiner europäischen Krankenversicherungskarte wedeln könnte und hoffen, dass man mir hilft. Ich hätte mehr Zeit, mich auszuruhen, mein Bauch könnte sich beruhigen und ich könnte entspannter in den Sonntag starten, an dessen Ende eine sehr lange Busfahrt stand. Für die mein Magen einigermaßen stabil sein sollte. Ich war müde und mir ging es dreckig und die Aussicht auf eine zehnstündige Fähr- und Landpartie war gar nicht reizvoll. Alleine dableiben und mich auskurieren tauchte zwar kurz auch in meinen Gedanken auf, wurde aber sehr schnell wieder verworfen. Allein in Marokko und im schlimmsten Fall ernsthaft krank? Keine gute Idee.

Ich sagte noch im Scherz: "Was zählt denn mein Magen verglichen mit dem Klimawandel!", aber mir war klar, dass ich diesen Flug nehmen sollte. Dass ich auf mich achten sollte. Dass es nichts hilft, die Welt zu retten, wenn ich mich selbst kasteie. Es quälte mich, das Projekt "Vierzig Tage, fünf Länder, ungezählte Kilometer, kein Fliegen" zu verraten. Ich nahm mir ganz fest vor, den Flug bei Atmosfair zu kompensieren. Aber da war sie trotz meiner Lage: die Flugscham.

Ich habe es dennoch getan. Mein erster Flug seit fast zwei Jahren. Und hoffentlich der letzte für dieses Jahr.

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