Dienstag, 30. August 2016

Lieblingsort: Die Kirchenburg in Holzmengen


Es gibt Orte, da fühle ich mich wohl. Und dazu gehört das Gelände von Kirchenburg und Pfarrhaus in Holzmengen. Ich war jetzt dreimal dort und wäre es gern öfter, wenn es nicht so verdammt weit weg von meinem derzeitigen Lebensmittelpunkt wäre. 


Seit drei Jahren findet in Holzmengen das Holzstock-Festival statt. Ich war nun schon zweimal dabei. Beide male waren voll von guter Musik, interessanten Begegnungen, guten Gesprächen, entspannter Athmosphäre... Und eigentlich ist es die Athmosphäre, die besonders dann ensteht, wenn Jugendgruppen vor Ort sind, die Holzmengen für mich zu einem Lieblingsort machen. Dann gibt es Lagerfeuer vor der Scheune und das warme Brot kommt vom Team der "Alten Mühle". 


Falls ich mal wirklich eine Auszeit brauche, wenn ich oder besser falls ich mal mein erstes Burn-out habe, eine schmerzliche Trennung hinter mir oder einfach so richtig die Schnauze voll vom Hamsterrad der Lohnarbeit, möchte ich gern in Holzmengen Burghüterin sein für ein paar Wochen. Dann werde ich auf der Treppe vorm Pfarrhaus sitzen und Tagebuch schreiben, mir eine Hängematte zwischen die Bäume hängen, die Mirabellen vom Baum essen, auf den Kirchturm klettern und den Ausblick genießen, den Blick Richtung Karpaten schweifen lassen und auf der Wiese liegen. Wenn mir langweilig werden würde, würde ich zur Hauptstraße laufen und den Bus Richtung Sibiu nehmen oder versuchen, per Anhalter bis in die Stadt zu kommen.


Und ich würde mich mit den Leuten vom Holzmengen-Verein, von der Alten Mühle und von der Elijah-Organisation treffen und inspirierende Gespräche führen. Ich würde ab und zu mit einer ganz wunderbaren Person am Lagerfeuer sitzen und ein Schlückchen Pflaumenschnaps trinken. 



Mittwoch, 24. August 2016

Auf Reisen als Frau - Monatshygiene

Ich war lange am Zweifeln, ob ich diesen Post verfassen soll oder nicht. Denn so richtig ist es kein Blogthema, andererseits hängt es auch mit dem Reisen zusammen. Also, alle Zartbesaiteten ignorieren diesen Blogeintrag bitte - es geht ums Thema Menstruation. 

Wie das nun mal so ist als Frau, kommt die Menstruation, es sei denn man beeinflusst durch Pille oder andere hormonelle Varianten, auch während der Reise. Entweder frau nimmt sich einen Vorrat an Hygieneprodukten mit oder kauft vor Ort, wo sie aber im Zweifelsfall nicht das passende findet. Eine Mitreisende meinte vor einigen Jahren mal, das kleine Läden in Rumänien beispielsweise keine Tampons führen. Vielleicht hat sich das auch inzwischen geändert, aber es ist jedenfalls schwieriger, in jeder Ecke der Welt das Gewünschte zu finden. Mitschleppen ist aber je nachdem wie lange die Reise dauern soll, auch blöd. Eine andere Möglichkeit ist die sogenannte Menstruationstasse. Die gibt es in einer Vielzahl von Varianten von zahlreichen Anbietern. Es handelt sich im Endeffekt um ein kleines Ding aus Silikon, welches wie ein Tampon in die Scheide eingeführt wird und dort bis zu 12 Stunden verbleibt und das Menstruationsblut auffängt. Es entsteht kein Müll und mitzuschleppen ist auch nur ein kleines Beutelchen mit der jeweiligen Menstruationstasse. Praktisch für Reisen also, oder? Ich habe das jetzt das erste Mal getestet. 

Ich verwende seit einigen Monaten Menstruationstassen, inzwischen benutze ich die Lily Cup A und und Me Luna M. Was sich (an welchem Tag der Menstruation) am Besten anfühlt, sollte jede Frau selbst entscheiden. Eine super Übersicht zu Menstruationstassen bietet die folgende Seite: www.cuptime.de. Dort findet bestimmt jede die passende Menstruationstasse und auch mit Vorurteilen wird aufgeräumt und auf die Vorteile der Menstruationstassen eingegangen. Falls frau noch zweifelt, sollte sie da mal vorbeischauen. 

 

Nun also zur Handhabung bei der Reise. Ich leere und reinige die Menstruationstasse normalerweise 2-3 mal täglich. Praktisch ist es natürlich im eigenen Badezimmer, da kann frau sich die Hände waschen, den Cup entfernen und ausleeren, ausspülen und wieder einsetzen und nochmal Hände waschen. Aber wie funktioniert das Ganze auf Reisen? Auf einer öffentlichen Toilette mit der Menstruationstasse ans Waschbecken zu gehen ist ja in den meisten Fällen nicht möglich. Viele Frauen spülen einfach kurz mit mitgebrachtem Wasser ab, aber man kann die Cup auch ohne Ausspülen wieder einsetzen. Es gibt auch spezielle Reinigungstücher für die Menstruationstassen, das halte ich aber auch nicht für notwendig. Ich war auch ein bisschen vorsichtig, mit nicht als Trinkwasser ausgewiesenem Wasser abzuspülen aus Angst vor einer Infektion. Dann lieber einmal unabgespült lassen und beim nächsten Mal ausleeren gründlich reinigen. Das ist aber meine persönliche Meinung, wer lieber abspülen möchte, kann das ja auch mit mitgebrachtem Trinkwasser tun, wo möglich. Das größte Problem war für mich eher, dass die meisten öffentlichen Toiletten Orte sind, auf denen man nicht gerade mit viel in Berührung kommen möchte und sich erst recht nicht auf die Klobrille setzen möchte. Das erfordert ein wenig Gelenkigkeit beim Entfernen und Ausleeren. Von Vorteil ist auch, wenn man das Prozedere schon gewöhnt ist und nicht beim Reisen damit anfängt. Die Angst "Ich krieg das Ding da nie wieder raus!", sollte eine ja nun nicht gerade auf einer Bahnhofstoilette befallen. Obwohl ich in Osteuropa, was Toiletten angeht, wirklich keine guten Bedingungen hatte, bin ich aber nach wie vor von Menstruationstassen überzeugt. Wichtig ist es in jedem Fall ein paar Taschentücher oder Feuchttücher (auch für die Hände) dabei zu haben und sich vorher gründlich die Hände zu waschen. Dadurch, dass frau normalerweise (wenn sie nicht gerade sehr stark blutet) 12 Stunden hat, um den Cup auszuleeren, gibt es auch meist die Möglichkeit, eine akzeptable Toilette aufzusuchen, zum Beispiel in der eigenen Unterkunft. Andere Vorteile - gerade auf Reisen - sind natürlich, dass frau schwimmen gehen und Sport machen kann, wie es ihr beliebt und dass (wenn alles gut sitzt) nichts vorbeiläuft und es zu keinen unangenehmen Flecken, Gerüchen oder sonstigen Zwischenfällen kommen kann. Ein Nachteil ist vielleicht noch, dass die Dinger schon ein wenig Geräusche machen - wenn einer also in einer öffentlichen Toilette mit mehreren Kabinen normalerweise schon peinlich ist, das andere das Geräusch vom Knistern des Tampon- oder Slipeinlagenauspackens hören, ist es vielleicht auch nichts. 

Dienstag, 23. August 2016

Auf den Straßen von Bukarest



Carturesti Carusel
Ich war letzten Samstag für ein paar Stunden in Bukarest unterwegs, bevor es weiterging nach Timisoara. Ich spazierte durch die Innenstadt, hauptsächlich in Lipscani umher. Außerdem besuchte ich natürlich Carturesti Carusel, die mit viel Medienaufmerksamkeit eröffnete mehrstöckige Buchhandlung, allerdings war mir nicht danach, mein Reisegepäck durch Bücher zu belasten. Den großen Rucksack hatte ich im Übrigen gar nicht dabei. Inzwischen kann man Gepäck sehr komfortabel in einem Schließfach am Bahnhof lassen. Die Schließfächer sehen relativ neu aus und kosten 10 Lei für 12 Stunden für ein normalgroßes Schließfach (mein Treckingrucksack und die Isomatte haben locker reingepasst), außerdem gibt es darin einen Stromanschluss zum Aufladen elektronischer Geräte. Das konnte ich leider nicht ausprobieren, da mein Ipod-Ladekabel wohl einen Defekt hat. XXL-Schließfächer für 20 Lei gibt es auch. (Mehr Infos: http://romobility.ro/en). 

Mein Spaziergang durch Bukarest war also sehr entspannt und sogar recht unterhaltsam. Hier ein paar Eindrücke.

Na dann ist ja alles gut bewacht.

Mir fiel spontan jemand ein, mit dem ich gern im Regen tanzen würde.

"NICHT zu verkaufen sind die Wohnungen Nr. ..."

Creaturi dragute!

I am the designer of my own catastrophy.

"Sich nicht zu bewegen ist jetzt der intelligenteste Schritt."

"Iss gesund!"


Nu te mai preocupa, esti frumoasa astazi. - Das heißt soviel wie "Sorge dich nicht mehr, du bist heute schön.", und richtet sich an weibliche Hauptstädterinnen (frumoasa ist die weibliche Form von schön). Ein schöner Spruch, der mit Edding an viele Wände in U-Bahn-Stationen geschrieben steht. Mal ist das "astazi" [heute] durchgestrichen und durch "tot timpul" [immer] ersetzt, in der Variante unten steht etwas pessimistischer: dar timpul trece [aber die Zeit vergeht].





Sonntag, 21. August 2016

Fütterungszeit für den Blog

Ich war mal wieder unterwegs und hab einige Sonnenaufgänge in Südosteuropa erlebt. Einige Posts dazu folgen in den nächsten Tagen. 


Sonntag, 3. Juli 2016

Wo die Jochelbeeren wachsen

Es gibt da ein Häuschen in Sachsen in dem ich ab und zu meine Wochenenden verbringe. Ich habe auch schon mal kurz da gewohnt, in der Zeit entstanden einige amüsante Landleben-Texte. Lange halte ich es leider nie da aus - die Einsamkeit ist erdrückend. Das Haus liegt zwar in einer Siedlung, aber mit den Nachbarn kann ich nichts anfangen. Aber hin und wieder muss ich vorbeifahren, damit eben diese Nachbarn sich nicht beschweren, dass die Hecke verwildet, der Rasen nicht gemäht ist oder die Einfahrt zugewachsen. Ich liebe meinen kleinen Dschungel hingegen und freue mich jedes Mal, wenn ich komme, welche Blumen gerade blühen. Ich bin der festen Überzeugung, dass in meinem wilden Garten zwei- bis dreimal soviele Tiere leben, wie in den sauber gestutzen Nutzgärten der anderen. Allein für Insekten muss es doch ein Paradies sein. Und für mich ist es das manchmal auch, auch wenn ich es oft auch als Last wahrnehme. 


Ich bin gestern gegen Mittag aufgebrochen. Ich hatte noch eine Verabredung zum veganen Sommerfest auf dem Markt und fuhr deshalb erst danach los. Schon auf der Autobahn merkte ich - mit Hecke schneiden und Rasen mähen wird das wohl nichts - es regnete stark. Als ich schließlich da war, sah es nicht viel besser aus. Aber die Hecke war nicht mein einziger Grund für den Ausflug nach Sachsen gewesen. Ich hatte auch noch etwas zu erledigen und außerdem dachte ich mir, dass ein Teil der Beeren reif sein würde. Und so schlüpfte ich in ein paar Gummistiefel, zog einen Kittel über und schlug mich ins Gebüsch. Das ist ein winziger Minuspunkt am Verwildernlassen des Gärtchens - ich komme eben an die Johannisbeerbüsche auch nicht mehr so gut ran. Aber noch viel besser als Johannisbeeren sind Jochelbeeren. Das ist eine Kreuzung aus schwarzer Johannisbeere und Stachelbeere und davon habe ich einige Büsche in ebendiesem Garten. Die Beeren schmecken auch wie eine Mischung aus ebendiesen Beeren, einfach lecker. Nach kurzer Zeit hatte ich eine Schüssel Jochelbeeren und eine Schüssel Rote Johannisbeeren gepflückt. Aus denen wollte ich wieder Marmelade machen. 


Dazu kam ich aber erst am Abend, nachdem ich noch andere Dinge erledigt hatte. Außerdem nutzte ich den Moment, als der Himmel aufklärte und ging mit der elektrischen Heckenschere auf die Hecke los. Oder auf das verwucherte Ding aus Buchsbaum, Brombeere und anderen Pflanzen, das den wackeligen Holzzaun zusammenhält. Wirklich schön wurde das natürlich nicht, denn die Hecke ist relativ hoch, ich aber nicht, die Heckenschere ist ein paar Kilo schwer und ich habe keine Armmuskeln und Geduld und Feingefühl, damit es gerade wird, fehlen mir auch. Ich zerrupfte demnach die Hecke eher mit dem Gerät, aber niemand kann mehr sagen, dass ich mich nicht um den Heckenschnitt kümmern würde. 

Als ich am Abend gegen elf ins Bett sank, beschloss ich, mein Telefon einfach auszuschalten. Ich wollte aufstehen, wann immer ich wach wurde und gleich in einem Steinbruch in der Nähe schwimmen gehen. Ich wachte schließlich kurz vor acht auf und der strahlend blaue Himmel bestätigte mein Vorhaben. Ich schlüpfte in eine Shorts und ein T-Shirt und klemmte mir ein Handtuch auf den Gepäckträger, dann radelte ich gleich ohne Frühstück los. Nach dem Fußballspiel, von dem ich keine Ahnung hatte, wie es ausgegangen war, war niemand auf der Straße. Ich sah in der Ferne einen Radfahrer und eine Zeitungsausträgerin, mir kam ein einziges Auto entgegen und zwei Katzen kreuzten meinen Weg. Dabei ist die Strecke immerhin drei, vier Kilometer lang. Als ich am See ankam, hörte ich jedoch Menschen, die sich unterhielten. Ich hatte mich so darauf gefreut, allein zu sein. Da ich keinen Badeanzug oder Bikini dabei hatte, hoffte ich darauf, die Menschen wenigstens nicht zu kennen - ich wollte ungern nackt vor alten Klassenkameraden stehen. Es waren dann mir fremde Menschen, die ich mit einem freundlichen Guten Morgen grüßte und rausschwamm. Das Wasser war herrlich. Für mich ein wunderbarer Start in den Tag. 

Nachdem ich vom See zurück war, ordnete ich dann aber recht schnell wieder meine Sachen und fuhr nach Halle, denn lange halte ich es allein nicht aus in diesem Häuschen. Steinbruch und Jochelbeerstrauch können mich am Ende doch nicht da halten - ganz abgesehen davon, dass ich jetzt ja in Halle einen interessanten Job habe. Vielleicht ergibt sich ja noch eine ganz andere Möglichkeit. Bei meinem Kurzaufenthalt habe ich entdeckt, dass in dem Pflanzkübel neben der Hintertür ein Jochelbeerstrauch wuchert - es wäre doch auch eine Möglichkeit, den auszugraben und mitzunehmen, wenn ich woanders einen neuen Versuch "Landleben" starte...

Sonntag, 29. Mai 2016

Erkundung des Saalekreises, Teil 2 und das Gute im Menschen entdecken

Ich habe mich ja vor ein paar Wochen schon mal aufs Rad geschwungen und bin die Saale herauf geradelt, also Richtung Quelle. Da geht es nach Merseburg und ich bin sogar bis Bad Dürrenberg gekommen. Den Bericht gibt es hier. Diesen Samstag nun wollte ich mir mal die andere Richtung anschauen, sozusagen die Fließrichtung. Auch da wird es interessant, immerhin kommt nach zwanzig Kilometern Wettin. Ursprünglich dachte ich, ich fahr mal so weit ich komme, dann stand irgendwie fest - Wettin ist das Ziel. Das letzte Mal war ich dort vor fast drei Jahren, als ich für ein wunderbares Filmprojekt die Kameras beim offenen Kanal abholte und zurückbrachte. Damals wurde ich gemeinsam mit Karl von den gepflasterten Landstraßen durchgerüttelt und verirrte mich auf der Rückfahrt in der sachsen-anhaltinischen Pampa. 

Jetzt hatte ich mal wieder einen freien Tag und Zeit für mich. Ausgeschlafen und ohen Zeitdruck, setzte mir schließlich selbst das Ziel, gegen elf zu einer kleinen Radtour aufzubrechen. Dass ich dann doch erst 11.30 Uhr los kam, war überhaupt nicht schlimm. Das einzige, was ich mir vornahm, war, gegen vier wieder daheim zu sein, denn ein Couchsurfer wollte bei mir übernachten. Da ich merkte, dass ich ganz schön gut vorankam, dachte ich mir aber, dass ich bis vier wieder zurück sein würde, auch wenn ich bis Wettin führe. Also los!
Ich startete an der Saalebrücke bei der Saline in Halle. Von dort fuhr ich entlang der Saale über die Peißnitz-Insel und raus aus der Stadt. In Kröllwitz war die Saale nicht mehr zu sehen, dafür fuhr ich durch ein Gebiet mit hunderten Kleingärten. Immer weiter zwischen den Gärten entlang, dann weiter nach Lettin und wieder kamen Gärten. Diesmal aber Geistergärten. Die gesamte Gartenanlage bei Lettin war verlassen. Offensichtlich war in einigen Häusern randaliert worden, hier und da waren Häuser besprayt, die Scheiben waren zumeist eingeschlagen, es war ein seltsames Bild. Ich konnte mir überhaupt nicht erklären, was passiert war. Wie lange standen die Gärten schon leer? Es blühte immer noch an allen Ecken und Enden, aber die Hecken waren verwuchert, die Zäune fehlten und man konnte durch die Gartenhäuschen spazieren. Erst beim Nachhausekommen las, dass diese Gartenanlage regelmäßig vom Hochwasser überflutet wurde, zuletzt 2013, und die meisten ihren Garten danach aufgegeben hatten. Auf jeden Fall würde ich gern noch mal mit der Kamera hin, um Bilder zu machen.




Als ich Lettin hinter mir gelassen hatte, ging es weiter Richtung Brachwitz, wo ich mit der Fähre übersetzte. 50 Cent kostete der Spaß für mich und mein Rad, dann ging es weiter nach Wettin. Hinter Döblitz begann eine Pflasterstraße, aber zum Glück gab es bald wieder Asphalt und ich wurde nicht mehr so arg durchgerüttelt. Dann kam auch schon langsam die Burg Wettin in den Blick, bis dahin wollte ich noch. Ich schaffte es auch und kletterte sogar noch zur Burg hinauf. Ins schicke Burg-Cafe mochte ich mich nicht setzen, aber im Cafe unten im Ort war leider geschlossene Gesellschaft und so holte ich mir ein Eis bei einem spelunkigen Kiosk und setzte mich ins Gras an die Saale. Lange rastete ich nicht. Ich bat die Verkäuferin noch, meine Trinkflasche mit Leitungswasser aufzufüllen, was sie mit einem lauten Atmen quittierte, aber sie tat mir den Gefallen dennoch. Danke, gute Frau. Ich trat den Rückweg an. Nachdem ich so losbrauste, kam ich denn auch recht schnell an die Stelle mit dem Kopfsteinpflaster. 



Ich entdeckte neben der Straße eine Art Trampelpfad, schmal, vielleicht auch von einigen Radlern ausgefahren. Ich wollte wechseln und während ich mein Fahrrad herübermanövrierte, sah ich auch schon meinen Fehler - es gab eine Bordsteinkante zwischen Fahrbahn und Wegesrand. Über die purzelte ich und zwar mit einigem Schwung, so dass es mich gegen einen Baum warf und vom Rad herunter. Das war schon schmerzhaft und den ersten Impuls weiterzuradeln, als wäre nichts gewesen, gab ich auch auf, nachdem ich den Blutfleck am Knie meiner Radhose sah. Weiterradeln musste ich trotzdem, denn hier zwischen Mücheln und Döblitz am Wegesrand konnte ich auch nichts machen. Also zumindest bis Döblitz und dort erstmal am Dorfteich auf eine Bank setzen und die Wunde mit Wasser abspülen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, vermutlich taten Endorphine und Adrenalin das ihrige dazu, aber beim Anschauen wurden schon deutlich, dass die Schramme ganz schön tief war. Ein radwanderndes Pärchen hatte auf der anderen Bank Rast gemacht und ich fragte sie, ob sie Desinfektionsmittel oder Pflaster dabei hätten. Sie hatten zwar kleine Pflaster, aber das half mir auch nicht wirklich was bei der Größe der Wunde. Die Frau beschloss daraufhin in einem Hof von Döblitz nach einem Verbandskasten zu fragen. Einen Kfz-Verbandskasten hat ja fast jeder im Haus, war ihre Logik. Ich blieb also einfach mal sitzen und schließlich kam die Frau mitsamt einer Anwohnerin mitsamt Verbandskasten wieder und mir wurde das Knie einigermaßen gut verbunden. Die Anwohnerin tat das ohne viel Federlesen und empfahl mir, dennoch noch mal zum Arzt zu gehen. Wenn ich Fahrrad fahren könne, dann vielleicht direkt nach Halle ins Uni-Klinikum? 
Ich radelte also tapfer weiter bis zum Uniklinikum Halle. Die Notaufnahme war voll, dennoch kam ich recht schnell dran. Und das obwohl ich keine Krankenkarte und keinerlei Identitätsnachweis dabei hatte. Die Schwester war so nett, meine Daten trotzdem aufzunehmen. Es wurde einmal desinfiziert und neu verbunden, dann konnte ich nach Hause. 

Zu Fuß hätte der Heimweg eine Stunde gedauert, also radelte ich so halb und versuchte dabei, das rechte Bein kaum zu beugen. Sah sicher ulkig aus, aber immerhin war ich schneller zuhause. Der Couchsurfer war bereits von meinem Missgeschick informiert, seine Reise hatte selbst nicht so geklappt wie geplant und er würde erst gegen neun bei mir sein. Das fand ich nicht schlecht, so hatte ich Zeit, das Bein noch hochzulegen. Ich überzeugte noch einen Bekannten, auf ein Bier rumzukommen und wir saßen schließlich noch bis zwölf mit dem ukrainischen Gast.

Was habe ich gelernt? Auf größeren Ausflügen nehme ich ab jetzt wohl immer ein kleines Erste-Hilfe-Set mit. Auf kleineren wenigstens den Ausweis, besser noch die Krankenversichertenkarte. Falls mal was schlimmeres passiert, sollten sie ja auch wissen, wen sie da gerade zusammenflicken. Dass Menschen prinzipiell gut sind. Dass sie helfen, dass sie nicht immer auf ihren bürokratischen Vorschriften bestehen. Ansonsten im Hinblick auf Unfallgefahren im alleinreisenden Zustang - tja, das Leben ist lebensgefährlich. Deswegen auf Abenteuer und Freiheit und damit aufs Leben zu verzichten erscheint mir keine Lösung. Also raus da und ab und zu riskieren, ein bisschen auf die Nase zu fallen. Es gibt schlimmeres als vernarbte Knie. Zu wenig Leben zum Beispiel.

Montag, 16. Mai 2016

Krieg in Halle

Seit ich nach Halle gezogen bin, begrüßen mich, sobald ich mit dem Auto in die Stadt fahre, Schilder, auf denen im ersten Augenblick nur Krieg zu lesen ist. Ein wenig beängstigend, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich um eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte handelt. Ich hatte dieser Ausstellung schon während der Museumsnacht einen kurzen Besuch abgestattet, aber war nicht abegeneigt, mir das Ganze noch mal ausführlicher anzusehen. Denn es schien auf den ersten Blick durchaus eine sehenswerte Ausstellung und ich hatte während der Museumsnacht nicht mehr genug Aufnahmefähigkeit. Da ich nun Besuch von einer Freundin aus München bekam, war das ein willkommener Anlass, noch einmal ein bisschen länger durch die Ausstellung zu gehen.

Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Beeindruckend an der Ausstellung ist zuerst einmal der Aufbau. Betritt man das Museum, sieht man sich Skeletten gegenüber: 47 Tote, zentral im Raum angebracht - das Massengrab der Schlacht von Lützen aus dem Jahr 1632. Rund um dieses zentrale Ausstellungsstück gibt es weitere Informationen zu der Schlacht, zu den Toten, zum Dreißigjährigen Krieg. 1632 kämpfte bei Lützen der Schwedenkönig Gustav Adolf gegen Wallenstein. Wer die Krieger waren, wie ihre Lebensbedingungen waren, mit welchen Waffen sie kämpften und an welchen Verletzungen sie starben, all das haben die Wissenschaftler rekonstruiert und für die Besucher aufbereitet. Das Leben einzelner Personen wird so gut es geht rekonstruiert, sogar die Gesichtszüge werden anhand des Schädels bei einer Person nachempfunden. 
Als besonderes Erlebnis kampierte am Pfingstwochenende eine Re-enactment-Truppe vor dem Landesmuseum. Das sind Menschen, die in zeitgemäßer Kleidung, mit nachempfundenen Waffen, Zelten, ja sogar Kochutensilien anreisen und Schlachten nachspielen - oder wie zu Pfingsten in Halle dem Publikum ihre Gewehre und Kanonen vorführen. Der Besucher kann die Waffe selbst mal in der Hand halten, kann Fragen stellen, wie das alles funktioniert(e) und sich über das Leben der Kriegsspielenden und damaligen Krieger erkundigen. Dadurch wurde das Thema natürlich noch greifbarer, zumal wir das Museum gerade verließen, als eine Vorführung der Musketen angesetzt war. Den tosenden Lärm hörten wir schon drinnen - und als wir raus kamen, sahen wir, dass die Musketiere direkt auf das auf der Vortreppe versammelte Publikum zielten. Trotz Platzpatronen wurde uns mulmig, und so stellten wir uns weiter an den Rand. Das Gespräch mit einem Musketier suchte ich trotzdem später noch. Mich interessierte nämlich, wie sich Freund und Feind eigentlich unterschieden im Schlachtgewimmel. Eine Armbinde in einer bestimmten Farbe, wie der Hobby-Söldner sie auch trug, hätten alle Kämpfer gehabt und ginge die verloren, gab es zur Not noch eine vorher festgelegte Parole. Dass aber nicht doch mal Leute aus dem eigenen Lager dran glauben mussten bei all dem Chaos, war nicht sicher. 

Die Schlacht und das Grab ist der Aufhänger der Ausstellung, doch dahinter steht die Frage, seit wann es in der menschlichen Zivilisation eigentlich Krieg gibt. Also die gezielte Auseinandersetzung einer Gruppe mit einer anderen. Schon bei den Primaten gibt es Mord und Totschlag, so zeigte die Ausstellung und Gewalt wohl auch schon seit der Urzeit. Das finde ich etwas ernüchternd, hätte ich doch gern geglaubt, dass Gewalt eine Folge der "modernen Zivilisation", wo auch immer man die ansetzt, ist. Aber auch in der Urgesellschaft gab es also schon Auseinandersetzungen, die ziemlich handgreiflich abliefen. Später gab es die ersten Stammeskonflikte und noch einmal später betritt der Krieg die Bühne der Menschheit. Interessant und nachvollziehbar ist, dass es zu Krieg kommt, dort wo Menschen sesshaft werden und der anderen, sich ausdehnenden Gruppe nicht mehr so einfach ausweichen können. Außerdem da, wo es um begrenzte Ressourcen geht - soweit logisch. Dass aber auch Schimpansen schon Territorialkonflikte mit anderen Gruppen austragen und dabei auch vor dem Töten nicht zurückschrecken, wusste ich nicht. Die Welt scheint weit weniger friedlich, als ich sie gern hätte. 

Ich bin jedenfalls froh, die Ausstellung, die leider nur noch eine Woche zu sehen ist, noch besucht zu haben. Sie ist interessant aufbereitet und regt zum Nachdenken an. Schließlich ist nicht umsonst ein Zitat von Albert Einstein am Ende der Ausstellung zu finden: 
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."