Die Deutsche Bahn ist unzuverlässig?
Schon mal mit der CFR, also der rumänischen Bahn gefahren? Der
folgende Bericht sollte überzeugen, dass es definitiv schlimmer
geht, als sich jeder deutsche Passagier das vorstellen kann.
Ich wollte nach Sibiu. Sibiu liegt
300km östlich von Timisoara. Arad liegt 60km nördlich von Timisoara. Die
Zugfahrt nach Sibiu dauert sieben bis acht Stunden. Ja, für 300km braucht die
rumänische Bahn so lang. Nicht nur, dass die Züge in
Schrittgeschwindigkeit fahren, sie halten auch an Haltestellen, an
denen zur Erntezeit vielleicht mal ein heubeladener Pferdewagen steht
und ansonsten 360 Tage im Jahr nichts passiert. Und dort halten sie
dann 15 Minuten. Diese Haltestellen, denn Bahnhöfe wäre
übertrieben, haben dann auch noch Namen wie Margina – zu deutsch
"der Rand". Um nach Sibiu zu kommen, kann man also einen Direktzug um fünf
Uhr morgens nehmen. Oder spätabends losfahren und nachts um drei in
Teius umsteigen mit zwanzig Minuten Aufenthalt. Wo auch immer Teius
sich befindet, es klingt nach keinem Ort, an dem ich nachts um drei
stranden will. Oder man nimmt um ein Uhr mittags einen Zug nach Arad,
hat dort zwanzig Minuten Zeit zum Umsteigen und fährt dann weiter
nach Sibiu. In der Theorie. In der Praxis schafft es der Zug von
Timisoara nach Arad aber in den eineinhalb Stunden Fahrzeit eine
Verspätung von einer halben Stunde zu erreichen. Dann sieht man zwar
den Zug nach Sibiu noch im Bahnhof stehen. Aber ehe man sich durch
das Gewirr von Menschen und Bahnsteigen gekämpft hat, ist er
abgefahren. Denn an rumänischen Bahnhöfen gibt es keine Anzeigen,
es gibt keine Ansagen. In Arad standen eine ganze Menge Menschen in
orangen Warnwesten rum, die wohl die Leute davon abhalten sollten,
aus Wut Bauarbeiter vom Gerüst zu schütteln, die gerade am Bahnhof
rumwerkelten, wenn sie ihren Zug verpassten. Denn der Bahnhof war
eine Baustelle und so liegt die Vermutung nahe, dass die Menschen in
Neonorange verwirrten Fahrgästen helfen sollten. Taten sie aber
nicht. Auf die Frage „Ist dies der Zug nach Sibiu?“, erhielt ich
die Antwort: „Ja, wenn du ihn noch schaffst.“ Da ich nicht, wie
einige andere quer über die Bahnsteige hüpfte und somit auch über
die gerade neu gebauten Barrieren zwischen den Gleisen kletterte,
schaffte ich ihn nicht. Normalerweise kann man in rumänischen
Bahnhöfen an sehr vielen Stellen mehr oder weniger illegal die
Gleise überqueren. Ein Sicherheitszaun ist etwas zutiefst
unrumänisches, dass sich nicht mit der Verspätung der Züge
verträgt. Es wird nur auf diejenigen Anschlussreisenden gewartet,
die über Gleise hüpfen, nicht auf die, welche die
Fußgängerüberführung nutzen.

Ich sah den Zug also verschwinden. Und
meine Hoffnung, noch an diesem Tag in Sibiu anzukommen, sank ebenso.
Ich war fertig. Noch am Tag zuvor hatte ich mich dafür entschieden,
den Nachmittagszug zu nehmen, um entspannt und rechzeitig in Sibiu
anzukommen. Ich war extra noch morgens früh ins Büro gegangen, um
wichtige Arbeit fertig zu stellen. Ich war vom Büro direkt zum
Bahnhof gefahren. Und nun stand ich da und wusste – es gibt
wahrscheinlich keinen weiteren Zug nach Sibiu an diesem Tag. Also auf
zur Bahnhofsinformation, beziehungsweise zum Fahrkartenschalter.
Bereits etwas aufgelöst erklärte ich der Verkäuferin mein Problem.
Kein Problem, ich könnte den nächsten Zug nach Timisoara nehmen und
sie würde mir das Geld für das Ticket wiedergeben. Das klang ja
immerhin gut. Nur, ich bekam bloß das Geld für das „nicht
genutzte“ Ticket wieder, also die Strecke Arad-Sibiu und damit 50
von 70 Lei (11 von 16 Euro). Das war schon eine bodenlose Frechheit.
Doch dann kam die Höhe: „Arad – Timisoara, das macht dann 7,80.“
Obwohl keine große Summe, gab es mir wirklich den Rest, dass ich
unfreiwillig in Arad gestrandet war und jetzt meine Rückfahrt nach
Hause selbst zahlen sollte, selbst wenn es nur
2 Euro waren. Den Gipfel der
Dreistigkeit erkannte ich an der Anzeigetafel im Bahnhof – in der
Zwischenzeit wären zwei Züge der privaten Bahngesellschaft
Regiotrans nach Timisoara gefahren, ich hätte also bei weitem nicht
so lange in Arad verharren müssen. Da die Schaltertante aber diese
Tickets nicht verkaufte, gab sie mir natürlich auch keinen Hinweis
auf diese Möglichkeit und ich war, als ich es nach einer Weile
erkannte, bereit, noch zwanzig Minuten länger zu warten, anstatt
noch ein weiteres Ticket zu erstehen und wieder auf einer unnützen
Ausgabe sitzen zu bleiben.
Ich habe also sechs Stunden meines
Lebens und 30 Lei darauf verwendet, fast zwei Stunden in Arad
rumzuhängen. Ich war so wütend auf die Bahn, dass ich ihnen am
Liebsten ihren blöden Zug randaliert hätte, der mich über
nimmerendende Zwischenhalte zurück nach Hause beförderte. Wo ich
dann noch einmal ein paar Stunden schlief, ehe ich doch noch den Zug
früh um fünf nahm. Mit einer neuen Fahrkarte und ohne jegliche
Entschädigung versteht sich.
Die deutsche Bahn mag viel Mist bauen,
aber immerhin hat man einen gewissen Service – vom Schaffner, der
den anderen Zug informiert, dass sich Anschlussreisende verspäten
bis hin zum Hotel oder Taxi, sollte man nachts irgendwo unverschuldet
stranden. Abgesehen davon gibt es auch mehr als zwei Züge pro Tag
zwischen großen Städten und wenn man umsteigt, kann man darauf
vertrauen, dass in ein oder spätestens zwei Stunden der nächste
Anschlusszug folgt. Auch wenn man im Zug sitzt und die Landschaft
betrachtet, ist die Frustration kleiner. Keine LKW, die auf
Landstraßen neben der Strecke mühelos in doppelter Geschwindigkeit
vorbeiziehen – nein, für 300km braucht man selbst auf schlecht
ausgebauten Strecken keine drei Stunden. Hier ist es eine Tagesreise.
Das einzige, was ich der rumänischen Bahn zu Gute halten mag sind
die Nachtzüge, wobei diese auch wieder nur auf weiten Strecken
fahren. Sie sind relativ billig und statt endlose Stunden im Zug zu
vergeuden, kann man sich einfach aufs Ohr hauen und ist am nächsten
Morgen durchgerüttelt am Ziel.