Donnerstag, 6. März 2014

Ein unfreiwilliger Ausflug nach Arad – Irrfahrt mit der rumänischen Bahn

Die Deutsche Bahn ist unzuverlässig? Schon mal mit der CFR, also der rumänischen Bahn gefahren? Der folgende Bericht sollte überzeugen, dass es definitiv schlimmer geht, als sich jeder deutsche Passagier das vorstellen kann.

Ich wollte nach Sibiu. Sibiu liegt 300km östlich von Timisoara. Arad liegt 60km nördlich von Timisoara. Die Zugfahrt nach Sibiu dauert sieben bis acht Stunden. Ja, für 300km braucht die rumänische Bahn so lang. Nicht nur, dass die Züge in Schrittgeschwindigkeit fahren, sie halten auch an Haltestellen, an denen zur Erntezeit vielleicht mal ein heubeladener Pferdewagen steht und ansonsten 360 Tage im Jahr nichts passiert. Und dort halten sie dann 15 Minuten. Diese Haltestellen, denn Bahnhöfe wäre übertrieben, haben dann auch noch Namen wie Margina – zu deutsch "der Rand". Um nach Sibiu zu kommen, kann man also einen Direktzug um fünf Uhr morgens nehmen. Oder spätabends losfahren und nachts um drei in Teius umsteigen mit zwanzig Minuten Aufenthalt. Wo auch immer Teius sich befindet, es klingt nach keinem Ort, an dem ich nachts um drei stranden will. Oder man nimmt um ein Uhr mittags einen Zug nach Arad, hat dort zwanzig Minuten Zeit zum Umsteigen und fährt dann weiter nach Sibiu. In der Theorie. In der Praxis schafft es der Zug von Timisoara nach Arad aber in den eineinhalb Stunden Fahrzeit eine Verspätung von einer halben Stunde zu erreichen. Dann sieht man zwar den Zug nach Sibiu noch im Bahnhof stehen. Aber ehe man sich durch das Gewirr von Menschen und Bahnsteigen gekämpft hat, ist er abgefahren. Denn an rumänischen Bahnhöfen gibt es keine Anzeigen, es gibt keine Ansagen. In Arad standen eine ganze Menge Menschen in orangen Warnwesten rum, die wohl die Leute davon abhalten sollten, aus Wut Bauarbeiter vom Gerüst zu schütteln, die gerade am Bahnhof rumwerkelten, wenn sie ihren Zug verpassten. Denn der Bahnhof war eine Baustelle und so liegt die Vermutung nahe, dass die Menschen in Neonorange verwirrten Fahrgästen helfen sollten. Taten sie aber nicht. Auf die Frage „Ist dies der Zug nach Sibiu?“, erhielt ich die Antwort: „Ja, wenn du ihn noch schaffst.“ Da ich nicht, wie einige andere quer über die Bahnsteige hüpfte und somit auch über die gerade neu gebauten Barrieren zwischen den Gleisen kletterte, schaffte ich ihn nicht. Normalerweise kann man in rumänischen Bahnhöfen an sehr vielen Stellen mehr oder weniger illegal die Gleise überqueren. Ein Sicherheitszaun ist etwas zutiefst unrumänisches, dass sich nicht mit der Verspätung der Züge verträgt. Es wird nur auf diejenigen Anschlussreisenden gewartet, die über Gleise hüpfen, nicht auf die, welche die Fußgängerüberführung nutzen. 


Ich sah den Zug also verschwinden. Und meine Hoffnung, noch an diesem Tag in Sibiu anzukommen, sank ebenso. Ich war fertig. Noch am Tag zuvor hatte ich mich dafür entschieden, den Nachmittagszug zu nehmen, um entspannt und rechzeitig in Sibiu anzukommen. Ich war extra noch morgens früh ins Büro gegangen, um wichtige Arbeit fertig zu stellen. Ich war vom Büro direkt zum Bahnhof gefahren. Und nun stand ich da und wusste – es gibt wahrscheinlich keinen weiteren Zug nach Sibiu an diesem Tag. Also auf zur Bahnhofsinformation, beziehungsweise zum Fahrkartenschalter. Bereits etwas aufgelöst erklärte ich der Verkäuferin mein Problem. Kein Problem, ich könnte den nächsten Zug nach Timisoara nehmen und sie würde mir das Geld für das Ticket wiedergeben. Das klang ja immerhin gut. Nur, ich bekam bloß das Geld für das „nicht genutzte“ Ticket wieder, also die Strecke Arad-Sibiu und damit 50 von 70 Lei (11 von 16 Euro). Das war schon eine bodenlose Frechheit. Doch dann kam die Höhe: „Arad – Timisoara, das macht dann 7,80.“ Obwohl keine große Summe, gab es mir wirklich den Rest, dass ich unfreiwillig in Arad gestrandet war und jetzt meine Rückfahrt nach Hause selbst zahlen sollte, selbst wenn es nur
2 Euro waren. Den Gipfel der Dreistigkeit erkannte ich an der Anzeigetafel im Bahnhof – in der Zwischenzeit wären zwei Züge der privaten Bahngesellschaft Regiotrans nach Timisoara gefahren, ich hätte also bei weitem nicht so lange in Arad verharren müssen. Da die Schaltertante aber diese Tickets nicht verkaufte, gab sie mir natürlich auch keinen Hinweis auf diese Möglichkeit und ich war, als ich es nach einer Weile erkannte, bereit, noch zwanzig Minuten länger zu warten, anstatt noch ein weiteres Ticket zu erstehen und wieder auf einer unnützen Ausgabe sitzen zu bleiben.

Ich habe also sechs Stunden meines Lebens und 30 Lei darauf verwendet, fast zwei Stunden in Arad rumzuhängen. Ich war so wütend auf die Bahn, dass ich ihnen am Liebsten ihren blöden Zug randaliert hätte, der mich über nimmerendende Zwischenhalte zurück nach Hause beförderte. Wo ich dann noch einmal ein paar Stunden schlief, ehe ich doch noch den Zug früh um fünf nahm. Mit einer neuen Fahrkarte und ohne jegliche Entschädigung versteht sich.


Die deutsche Bahn mag viel Mist bauen, aber immerhin hat man einen gewissen Service – vom Schaffner, der den anderen Zug informiert, dass sich Anschlussreisende verspäten bis hin zum Hotel oder Taxi, sollte man nachts irgendwo unverschuldet stranden. Abgesehen davon gibt es auch mehr als zwei Züge pro Tag zwischen großen Städten und wenn man umsteigt, kann man darauf vertrauen, dass in ein oder spätestens zwei Stunden der nächste Anschlusszug folgt. Auch wenn man im Zug sitzt und die Landschaft betrachtet, ist die Frustration kleiner. Keine LKW, die auf Landstraßen neben der Strecke mühelos in doppelter Geschwindigkeit vorbeiziehen – nein, für 300km braucht man selbst auf schlecht ausgebauten Strecken keine drei Stunden. Hier ist es eine Tagesreise. Das einzige, was ich der rumänischen Bahn zu Gute halten mag sind die Nachtzüge, wobei diese auch wieder nur auf weiten Strecken fahren. Sie sind relativ billig und statt endlose Stunden im Zug zu vergeuden, kann man sich einfach aufs Ohr hauen und ist am nächsten Morgen durchgerüttelt am Ziel.

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