Freitag, 7. März 2014

Hermannstadt ganz nebenbei

Ich habe es nach meiner Irrfahrt über Arad doch noch nach Sibiu / Hermannstadt geschafft. Ich nehme hier drei Tage an einer Werkstatt zum Schreiben von Anträgen für Erasmus+ teil. Schon wieder Erasmus? Nachdem ich das Erasmusprogramm schon mehr als eigentlich möglich ist ausgeschöpft habe, mache ich natürlich nicht noch ein Auslandssemester über den europäischen Studentenaustausch. Mein Erasmus-Semester führte mich bereits 2008 ins schöne Rumänien und damals nahm ja sozusagen alles seinen Anfang. Danach machte ich 2010 noch Leonardo, beziehungsweise Erasmus-Placements, wie es für Studenten noch heißt in Prag, also ein Auslandspraktikum. Und 2012 machte ich mein zweites inoffizielles Erasmus-Semester, bei dem sich viele Problem dadurch auftaten, dass niemand zweimal Erasmus machen darf. Ich erhielt eh kein Stipendium, aber streng genommen hätte ich den Platz (den seit Jahren niemand genutzt hatte) auch nicht bekommen dürfen. Hier eine kleine Einführung in meine Leidensgeschichte.

Letzten Sommer habe ich dann an einem Jugend in Aktion Projekt teilgenommen, dass noch immer läuft und hoffentlich bald seinen fulminanten Abschluss findet. Wir wollen den ersten Stolperstein in Rumänien setzen. Die Anfänge des Projekts gibt es fragmentarisch hier. Jugend in Aktion ist ein europäisches Förderprogramm für transnationale Jugendprojekte. Und seit diesem Jahr heißt Jugend in Aktion eben Erasmus+. Weil ich jetzt beruflich das ein oder andere Jugendprojekt umsetzen will und meine Gastinstitution wie die meisten Vereine chronisch an Geldmangel leidet, bin ich nun zu einem Trainingskurs gegangen, um zu lernen, wie man Erasmus+-Anträge schreibt. Und ganz nebenbei war ich dafür drei Tage in Sibiu. Morgen reise ich am Nachmittag wieder ab, um noch mit einem Freund aus Deutschland ein Bier trinken gehen zu können, ehe dieser sich wieder nach Deutschland aufmacht.



Sibiu ist wunderschön. Ich war sehr lange nicht hier und es ist etwas anders, als ich es in Erinnerung habe. Ich hatte es noch glattpolierter vor meinem geistigen Auge und so erscheint es mir fast ein wenig heruntergekommen, wenn es auch immer schon so war, dass die glänzende Fassade sich vor allem auf den Großen Platz beschränkte und wenn man die Treppen und Stiegen in die kleinen Gassen herabsteigt, hier und da der Putz bröckelt und die Farbe blättert. Dennoch, das schmälert die Schönheit der Stadt nicht. Sibiu ist dort ehrlicher, wo das Pflaster holpriger ist. Ich mag es so und ich mag die engen Gassen, die etwas anders aussehen, als das prächtige Bruckenthal-Palais. 



Dennoch, bei schon fast frühlingshaftem Wetter ist der Platz gefüllt. Überall hört man deutsch und ich weiß nicht, wie viele Backpacker ich ihre Rucksäcke geschultert über das Pflaster traben sah. Seit die Stadt 2007 Europäische Kulturhauptstadt war, ist sie nicht nur bei Backpackern, sonder auch bei Kulturtouristen ein interessanter Zwischenstopp zwischen Budapest und Bukarest. Sie gehört zu einer Rumänienreise unbedingt dazu, mehr noch als Temeswar / Timisoara, Klausenburg / Cluj oder Kronstadt / Brasov. Iasi, mit seiner Lage ganz im Osten, ist zwar eine der größten Städte des Landes, wird aber von Reisenden, wohl auch wegen seiner Lage außerhalb Transilvaniens und fernab der Backpackerrouten, ignoriert.


Und so glänzt Sibiu, glänzt vor sich hin mit seinen Türmen und Treppen, Museen und Kirchen. Es ist ein Beispiel, was ein Kulturhauptstadt-Titel ausmachen kann für eine Stadt. Die Hermannstädter leben wohl kaum in Saus und Braus seit 2007, aber die Innenstadt zumindest ist belebt und kaum steht mal ein Laden leer. Irgendwie wünsche ich mir den Titel für Timisoara. Cluj hat bereits genügend Kultur, Nachtleben und kleine Läden in der Innenstadt. Ich war länger nicht da, aber ich glaube, die Biergärten werden immer noch sieben Sorten Limonade servieren im Sommer, in den ungarischen Kneipen wird immer noch Harghita-Bier verkauft und an den Kicker-Tischen stehen immer noch 16, 17-jährige Punk-Mädchen und Erasmus-Studenten. Ich sollte mal wieder hinfahren, ich vermisse es doch irgendwie.


Sibiu ist anders als Temeswar. So anders eben, wie eine siebenbürgische Kirchenburg von einem Banater Schwabendorf ist. Wie die Berge um Sibiu vom flachen Land um Temeswar sind. Wie die sächsischen Festungsmauern von der österreichischen Bastion sind. Vielleicht mag ich es gerade deshalb jetzt so sehr, weil es eine willkommene Abwechslung ist. Sicher ist es auch eine schöne Abwechslung zu den omnipräsenten Bauarbeiten in Temeswar. Dort wird gerade die Innenstadt komplett umgegraben, in Sibiu ist die innerste Innenstadt sauber und restauriert. Schade nur, dass die Fahrt ins nur 300km entfernte Sibiu so lange dauert. Ich würde sonst wohl öfters kommen, so ist es ein wenig fraglich, wann es wieder einmal so weit ist.


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