Montag, 29. Februar 2016

Dann mach doch!

Letztes Jahr habe ich die Geschichte gehört, wie das plai-Festival auf die Beine gestellt wurde. Andreea Iager-Tako erzählte, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann, damals vielleicht noch ihr Freund, 2006 die Idee hatte, ein Festival zu veranstalten, weil nichts los gewesen wäre in Timisoara / Temeswar. Deswegen haben sie sich gedacht, dass sie dann eben was machen müssten. Zehn Jahre später haben sie einen Co-Working-Space / Bar / Café / Veranstaltungsraum geschaffen mit wieder der gleichen Ambition - etwas fehlt, also machen wir es. 

Ich finde solche Geschichten beeindruckend. Es erfordert eine Menge Mut, etwas auf die Beine zu stellen. Aber es zeigt auch, dass Veränderung gerade da möglich ist, wo man am Dringendsten spürt, dass sie notwendig ist. Sowohl das Festival als auch die Bar sind ein voller Erfolg geworden. Nicht jeder Mensch hat die Kraft, die Möglichkeiten und das Netzwerk um so etwas zu leisten - wenn es auch immer wieder Beispiele gibt, dass die erfolgreichsten Ideen manchmal ohne viel Know-How im Hintergrund entstehen. Ein weiterer Musterfall hierfür ist die Cola-Marke Premium Cola, die komplett ohne Ahnung von Getränkeherstellung oder Firmenleitung seit über zehn Jahren funktioniert. Im Grunde kann also jeder es schaffen, oder zumindest versuchen. 

"In Rumänien ist das natürlich einfacher, da gibt es bestimmt weniger Bürokratie.", kann ich den Leser denken hören. Aber das Cola-Beispiel ist aus Deutschland und meines Erachtens gibt es in Rumänien mehr Bürokatie. Ich habe daran auch schon jemanden, der aus dem Willen, einen besonderen Ort zu schaffen, mit anderen gemeinsam eine Bar aufzog, scheitern sehen an den Hürden des rumänischen Gesundheitsamts (die seiner Erzählung nach darin bestanden, dass sich dessen Beamten wohl wünschten, bestochen zu werden). Klar, es geht nicht immer alles glatt. Aber besser als dasitzen und sich beschweren, ist der Versuch, es anzupacken, allemal.

Und zumindest kleine Veränderungen kann wirklich jeder bewegen. Sei es durch bewusste Konsumentscheidungen, sei es durch Aktivitäten in einer Organisation, sei es durch haupt- oder ehrenamtliche Arbeit. Was ich nicht mag, ist Jammern. Schlimmer als Jammern ist jedoch noch das Schlechtmachen von objektiv guten Initiativen. In Deutschland meinen ja gerade eine Menge Menschen, den Flüchtlingen gehe es zu gut und man solle besser mal was für die sozial Benachteiligen, Obdachlosen oder die Förderung von (deutschen) Kindern tun. Ich finde, aus dieser Annahme spricht ein unschöner Sozialneid, der Sachen gegeneinander aufrechnet, die nicht im Entferntesten etwas miteinander zu tun haben. "Wenn wir nach Osten flüchten müssten, beispielsweise nach Polen oder Russland, fragen wir auch nicht, ob die Länder vielleicht erstmal ihre eigenen Probleme lösen wollen.", sagte ein mir dadurch sympathisch gewordener Lokalpolitiker letztes Jahr im Oktober. Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen will: Es hält diese Mensche nichts davon ab, selbst eine Initiative für ein Obdachlosenheim in ihrer Region, für eine Suppenküche, für eine Nachmittagsbetreung von Schulkindern oder eine Sozialberatung für Hart4-Empfänger zu gründen. Statt ihre Energie zu verschwenden, in dem sie "Gutmenschen" diffamieren, könnten sie selbst den "Gutmenschen" in sich entdecken und für die Menschen um sich herum etwas Gutes tun. Das würde auch die Moderatoren der Kommentarfunktion in allen wichtigen Medien entlasten. 

Aber nicht nur in Deutschland ist die Situation so, dass sich sofort kritische Stimmen zu jeder Initiative erheben. In Rumänien weist ein Kommentar bei einer Straßenhunde-Initiative auf Straßenkinder hin, denen ja angeblich niemand helfe. Zu einer Sammelstelle für Recyclingstoffe, bei der es Wertbons für die angelieferten Dinge gibt, wird gesagt, sie läge zu weit außerhalb und das wäre ja sinnlos da extra hinzufahren. Was hält die Person davon ab, die Facebookseite einer rumänischen Kinderschutzinitiative zu liken und nicht die von einer Hunderettungsstelle? Warum kann man nicht einfach mal die Möglichkeit würdigen, seinen alten Kühlschrank nicht im Straßengraben, sondern legal und sogar gegen ein paar Euro bei einer Sammelstelle vorbeibringen zu können? Ist es Missgunst, die diese Menschen antreibt? 

Ich frage mich, was es überhaupt für ein Antrieb ist, wenn man nur negative Gefühle in sich hat. Viel schöner ist es doch, das ganze in positive Energie zu wandeln, um zu versuchen, etwas zu ändern in der Welt. Es gibt eine Menge Bereiche, in denen man das tun kann. Ob die Suche nach einem erfüllenden Job, die Teilnahme in einer Gruppe, die sich für ein gemeinsames Ziel einsetzt, oder sei es nur die bewusste Entscheidung für eine Müsli-Sorte, weil man die richtiger findet. Immer nur alles falsch zu finden und dagegen zu hetzen, ist das nicht anstrengend?


Donnerstag, 25. Februar 2016

Winterschlaf beendet



Seit Ende November bin ich nun hier in Halle an der schönen Saale. Bis vor zwei Wochen spielte sich mein Leben aber fast nur zwischen Arbeit, Wohnung, regelmäßigen Fahrten in die Urheimat und den Harz sowie gelegentlichen Treffen mit Freunden in Leipzig ab. Mir war klar, dass sich das ändern muss, wenn ich hier Fuß fassen will. Wie lerne ich in einer neuen Stadt neue Leute kennen? Diese nicht ganz einfache Frage stellte sich also nun auch mir. Keine Studiengruppe und keine WG würden mir helfen und mit den Arbeitskollegen komme ich zwar sehr gut klar, aber abends zusammen Bier trinken zu gehen, käme mir trotzdem seltsam vor. Also, was tun?

Meine erste Idee war, über Couchsurfing Leute kennenzulernen. Bei Couchsurfing-Treffen kommen Leute zusammen, die ähnlich ticken und gemeinsame Gesprächsthemen ergeben sich meist schnell. Nur so ein Treffen muss erstmal stattfinden und das ist in Halle so eine Sache. Ein Serbe, der grad Freiwilligendienst in Halle macht, postete sogar mal eine Veranstaltung, aber am Ende stand ich mit ihm allein da, wir tranken ein Bier zusammen und danach hat er sich nicht wieder gemeldet. Ob das an meiner Gesellschaft lag, sei dahin gestellt. Dann gab es noch ein paar Leute bei Couchsurfing, die sich meist montags trafen, um zusammen ins Kino zu gehen und Filme in Originalsprache mit Untertiteln zu schauen. Montags wollte einfach irgendwie nicht klappen. Dieser Weg schien also irgendwie nicht so zu funktionieren.

Irgendwie braucht es ja immer Mut, allein irgendwo hinzugehen. Aber hat man die Hemmschwelle dann erst einmal überwunden, ist man irgendwie ja auch gezwungen, mit anderen Menschen zu interagieren. Ich nahm also all meinen Mut zusammen und ging zu einem Tanzworkshop. Und doch noch zur Couchsurfing-Kino-Verabredung. Und zu einem Votrag. Und zu einem Fototreffen im Makerspace. Und zu einem Brettspielabend. Und zu einem Film-Abend. Und zu einer WG-Party, auf der ich niemanden kannte, dachte ich zumindest. Die Couchsurferin, die zum gemeinsamen Kinobesuch eingeladen hatte, lud mich nämlich eine Woche später ein, mit zu einer WG-Party zu kommen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete und war ein wenig nervös. Doch ich begegnete nicht nur jemanden, mit dem ich beim Tanzworkshop vor über einer Woche noch getanzt hatte. Das witzigste war, dass ich jemanden traf, mit dem ich 2012 Erasmus in Rumänien gemacht hatte.
Er: "Kennen wir uns nicht?"
Ich: "Nein, ich glaube nicht."
Er: "Wir waren doch zusammen beim Modeselektor-Konzert in Bukarest."
Ich: "Das ist ja krass. Wohnst du in Halle?"
Der ehemalige Erasmus-Kollege wohnt nicht nur in Halle, er hat auch zum Beispiel den Makerspace mit aufgebaut, den ich eine Woche zuvor besucht hatte und bietet dort Fototouren durch Halle an. Irgendwie ist also Halle entweder verdammt klein oder es reicht eigentlich, eine handvoll Leute zu kennen, dann hat man die wichtigsten Sachen abgedeckt.

Während ich also bis in den Februar hinein oft nach der Arbeit wie ein auf den Rücken gefallener Käfer kaum von der Couch hockam, habe ich nun ein paar Anknüpfungspunkte, um gar nicht erst in die Gemütlichkeit der Couch zu sinken. Wenn was passieren soll zwischen Schlafen, Essen und Arbeiten, muss ich selbst dafür sorgen. Gerade bin ich so energiegeladen, dass ich sogar meine Laufschuhe aus der Versenkung geholt und bereits die kürzeste Route bis zur Saale ausfindig gemacht habe, wo ich längere Lauftouren unternehmen könnte, wenn erst die Kondition und Fitness stimmen. Ich lass es aber langsam angehen, schließlich habe ich viel zu lange überhaupt keinen Sport gemacht. 

Neben den Dingen, die hier in Halle passieren, bin ich auch mehr denn je dem Geschehen in einer kleinen Gemeinschaft im Harz verbunden und auch das gibt mir sehr viel Energie, wenn es auch an anderer Stelle an meinen Zeit- und Kraftressourcen knabbert. Was da passiert, ist aber noch einmal eine vollkommen andere Geschichte und ich brauche noch etwas Zeit, um das hier zu teilen. Aber auch das passt gut zu dem Motto: Raus aus der Winterstarre, ein bisschen mehr Leben eben.

Sonntag, 14. Februar 2016

Svavar Knutur in Leipzig - zwischen Dahinschmelzen und lautem Lachen

Gestern Abend war ich mit Freunden zum Konzert von Svavar Knutur im Horns Erben in Leipzig. Ich kannte ihn vorher nicht und habe mir nur ein paar Youtube-Videos angeschaut. Schnell wurde klar - der Typ hat einen sehr seltsamen Humor. Zwischen wunderbar melancholischen Singer/Songwriter Stücken, die er allein mit seiner Gitarre oder Ukulele auf der Bühne darbringt, erzählt er die verrücktesten Geschichten. Kaum beginnt er ein Lied, auf Englisch oder Isländisch, versinkt man seelig lächelnd in der Melodie. Kaum macht er denn Mund auf, um zwischen den Lieder was zu erzählen, macht sich ein breites Grinsen auf dem Gesicht breit und vereinzelt schlägt sich sogar ein lautes Lachen seine Bahn nach draußen. So moderierte er seine ersten drei Lieder mit der Ansage an, dass er mit drei essentiellen Dingen beginne: Weltschmerz, Waldeinsamkeit und Wanderlust. Oder er meinte, das Musik gesünder sei als Sport und es somit gut für die Gesundheit für uns, als Publikum, sei mitzusingen. Ich singe ja sehr ungern, erst recht öffentlich, aber auch ich stimmte ein, beim Refrain von Wanderlust zum Beispiel. Was vom Abend bleibt, sind schöne Melodien im Ohr und verrückte Geschichten im Gedächtnis. 

Donnerstag, 11. Februar 2016

Lucille ist krank

Neulich habe ich mich noch mit einem guten Freund darüber unterhalten, ob es Sinn macht in der Stadt ein Auto zu haben. Und meinte dann noch, dass ich auf meins nicht verzichten könnte, auch wenn ich es nur alle zwei Wochen benutze, um in den Harz oder in die sächsische Urheimat zu fahren. Klar, wo wirklich ein Wille ist, ist auch ein Weg, aber es wäre schon arg umständlich und dafür bin ich im Moment noch zu bequem. Ich hoffe, wenn ich mir mein nächstes Auto anschaffen werde - und bis dahin ziehen hoffentlich noch einige Jahre ins Land - ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass ich ein Elektroauto kaufen kann. Denn auch das ist derzeit schwierig - fehlende Elektrotankstellen und ungenügende Reichweite (für meinen Bedarf) sind zwei Argumente dagegen. 

Ich habe mir ja letztes Jahr im November Lucille zugelegt. Nachtblauer Skoda, hübsch, kompakt und praktisch. Skoda heißt ja auf tschechisch soviel wie schade. Nomen est omen, schade nur, dass ich nach ein paar Tagen mit meiner neuen Gefährtin einen unschönen Auffahrunfall hatte. Meine Schuld, aber schließlich halb so schlimm, denn es ist niemand außer die Gefährte aller Beteiligter zu Schaden gekommen. Nach ein paar Tagen hatte ich sie wieder, nur mein Konto war um einiges leerer. Als Spätfolge riss mir vor zwei Wochen mittig die Frontscheibe mit einem knirschenden Knacks ein, weil wohl noch Spannung drauf war von dem Auffahrunfall. Da der Riss sich immer weiter ausbreitete, habe ich Lucille zum Scheibendoktor gebracht und nach einer nicht geringen Investition hatte ich sie wieder - inklusive Deluxe-Nano-Versiegelung, die ich für einen symbolischen Euro hinter her geworfen bekam. Mir ist immer noch nicht klar, was die Firmen daran verdienen, wenn sie einem die Scheibe für 1 Euro versiegeln, aber es ist wohl eine Art Dauerwerbe-Aktion. Denn auch wenn ich es in einem halben Jahr wieder erneuern lassen will, kostet es mich, richtig, nichts als 1 Euro. 

Ich habe also ein bisschen was durch mit Lucille und es zähneknirschend hingenommen - am Ende war es ja meine Schuld. Am letzten Wochenende leuchteten dann kurz hintereinander zwei orange Warnleuchten im Amaturenbrett. Ich hoffte kurz auf einen Fehlalarm und das beim nächsten Start oder einem kräftigen Knall der Tür wieder alles erlischt, aber den Gefallen tat mir Lucille nicht. Ich wurde beim Kauf genötigt, eine Gebrauchtwagenversischerung abzuschließen. Sie hatte ja einen Vorbesitzer und ich habe sie bei einem Händler gekauft. Nun war ich natürlich froh, musste aber auch erstmal nachschauen, was nun zu tun sei. Die Versicherung meinte, ich solle in eine Werkstatt und mir einen Kostenvoranschlag machen lassen. "Am Besten bei Skoda, die kennen sich am Besten mit dem Auto aus." Ich dachte mir, dass es doch immer hieße, freie Werkstätten seien billiger. Aber irgendwie sagte mein Bauchgefühl, ich solle lieber zu Skoda gehen, denn da bekäme ich einen vernünftigen Service und ich will die Gute ja noch ein paar Jährchen fahren. Gesagt getan, vorgestern war das. Heute war ich dann neugierig und habe mal angerufen, was denn nun ist mit ihr. 

Die Dame vom Empfang stapfte extra in die Werkstatt, fand aber den Mechaniker nicht und ich erhielt dann Stunden später den Rückruf. Ja, da wäre einiges kaputt, mehrere hundert Euro Schaden. Aber: Ein Teil der Reparatur übernimmt Skoda aus Kulanz, einen anderen die Werkstatt, ich müsste dann nur immer meine Durchsicht auch im Autohaus machen. Klar ist das Kundenfang, aber hey, ich bekomme mein Auto umsonst repariert. Wenn sie mich jetzt nicht gerade bei der Durchsicht total über den Tisch ziehen, komme ich bestimmt immer noch günstiger weg, denke ich mir. Und so kann ich grad nicht fassen, dass ich mal wieder richtig Glück gehabt habe. Lucille hole ich dann am Samstag ab, wenn alles wieder heile ist an ihr. Als ich den ersten Unfall hatte, habe ich noch gescherzt, dass ich wenigstens keinen Parkplatz suchen muss, solange Lucille in der Werkstatt ist. Mittlerweile habe ich subjektiv das Gefühl, dass sie schon in mehr Werkstätten stand, als auf Parkplätzen hier in Halle.