Letztes Jahr habe ich die Geschichte gehört, wie das plai-Festival auf die Beine gestellt wurde. Andreea Iager-Tako erzählte, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann, damals vielleicht noch ihr Freund, 2006 die Idee hatte, ein Festival zu veranstalten, weil nichts los gewesen wäre in Timisoara / Temeswar. Deswegen haben sie sich gedacht, dass sie dann eben was machen müssten. Zehn Jahre später haben sie einen Co-Working-Space / Bar / Café / Veranstaltungsraum geschaffen mit wieder der gleichen Ambition - etwas fehlt, also machen wir es.
Ich finde solche Geschichten beeindruckend. Es erfordert eine Menge Mut, etwas auf die Beine zu stellen. Aber es zeigt auch, dass Veränderung gerade da möglich ist, wo man am Dringendsten spürt, dass sie notwendig ist. Sowohl das Festival als auch die Bar sind ein voller Erfolg geworden. Nicht jeder Mensch hat die Kraft, die Möglichkeiten und das Netzwerk um so etwas zu leisten - wenn es auch immer wieder Beispiele gibt, dass die erfolgreichsten Ideen manchmal ohne viel Know-How im Hintergrund entstehen. Ein weiterer Musterfall hierfür ist die Cola-Marke Premium Cola, die komplett ohne Ahnung von Getränkeherstellung oder Firmenleitung seit über zehn Jahren funktioniert. Im Grunde kann also jeder es schaffen, oder zumindest versuchen.
"In Rumänien ist das natürlich einfacher, da gibt es bestimmt weniger Bürokratie.", kann ich den Leser denken hören. Aber das Cola-Beispiel ist aus Deutschland und meines Erachtens gibt es in Rumänien mehr Bürokatie. Ich habe daran auch schon jemanden, der aus dem Willen, einen besonderen Ort zu schaffen, mit anderen gemeinsam eine Bar aufzog, scheitern sehen an den Hürden des rumänischen Gesundheitsamts (die seiner Erzählung nach darin bestanden, dass sich dessen Beamten wohl wünschten, bestochen zu werden). Klar, es geht nicht immer alles glatt. Aber besser als dasitzen und sich beschweren, ist der Versuch, es anzupacken, allemal.
Und zumindest kleine Veränderungen kann wirklich jeder bewegen. Sei es durch bewusste Konsumentscheidungen, sei es durch Aktivitäten in einer Organisation, sei es durch haupt- oder ehrenamtliche Arbeit. Was ich nicht mag, ist Jammern. Schlimmer als Jammern ist jedoch noch das Schlechtmachen von objektiv guten Initiativen. In Deutschland meinen ja gerade eine Menge Menschen, den Flüchtlingen gehe es zu gut und man solle besser mal was für die sozial Benachteiligen, Obdachlosen oder die Förderung von (deutschen) Kindern tun. Ich finde, aus dieser Annahme spricht ein unschöner Sozialneid, der Sachen gegeneinander aufrechnet, die nicht im Entferntesten etwas miteinander zu tun haben. "Wenn wir nach Osten flüchten müssten, beispielsweise nach Polen oder Russland, fragen wir auch nicht, ob die Länder vielleicht erstmal ihre eigenen Probleme lösen wollen.", sagte ein mir dadurch sympathisch gewordener Lokalpolitiker letztes Jahr im Oktober. Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen will: Es hält diese Mensche nichts davon ab, selbst eine Initiative für ein Obdachlosenheim in ihrer Region, für eine Suppenküche, für eine Nachmittagsbetreung von Schulkindern oder eine Sozialberatung für Hart4-Empfänger zu gründen. Statt ihre Energie zu verschwenden, in dem sie "Gutmenschen" diffamieren, könnten sie selbst den "Gutmenschen" in sich entdecken und für die Menschen um sich herum etwas Gutes tun. Das würde auch die Moderatoren der Kommentarfunktion in allen wichtigen Medien entlasten.
Aber nicht nur in Deutschland ist die Situation so, dass sich sofort kritische Stimmen zu jeder Initiative erheben. In Rumänien weist ein Kommentar bei einer Straßenhunde-Initiative auf Straßenkinder hin, denen ja angeblich niemand helfe. Zu einer Sammelstelle für Recyclingstoffe, bei der es Wertbons für die angelieferten Dinge gibt, wird gesagt, sie läge zu weit außerhalb und das wäre ja sinnlos da extra hinzufahren. Was hält die Person davon ab, die Facebookseite einer rumänischen Kinderschutzinitiative zu liken und nicht die von einer Hunderettungsstelle? Warum kann man nicht einfach mal die Möglichkeit würdigen, seinen alten Kühlschrank nicht im Straßengraben, sondern legal und sogar gegen ein paar Euro bei einer Sammelstelle vorbeibringen zu können? Ist es Missgunst, die diese Menschen antreibt?
Ich frage mich, was es überhaupt für ein Antrieb ist, wenn man nur negative Gefühle in sich hat. Viel schöner ist es doch, das ganze in positive Energie zu wandeln, um zu versuchen, etwas zu ändern in der Welt. Es gibt eine Menge Bereiche, in denen man das tun kann. Ob die Suche nach einem erfüllenden Job, die Teilnahme in einer Gruppe, die sich für ein gemeinsames Ziel einsetzt, oder sei es nur die bewusste Entscheidung für eine Müsli-Sorte, weil man die richtiger findet. Immer nur alles falsch zu finden und dagegen zu hetzen, ist das nicht anstrengend?
