Montag, 16. Mai 2016

Krieg in Halle

Seit ich nach Halle gezogen bin, begrüßen mich, sobald ich mit dem Auto in die Stadt fahre, Schilder, auf denen im ersten Augenblick nur Krieg zu lesen ist. Ein wenig beängstigend, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich um eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte handelt. Ich hatte dieser Ausstellung schon während der Museumsnacht einen kurzen Besuch abgestattet, aber war nicht abegeneigt, mir das Ganze noch mal ausführlicher anzusehen. Denn es schien auf den ersten Blick durchaus eine sehenswerte Ausstellung und ich hatte während der Museumsnacht nicht mehr genug Aufnahmefähigkeit. Da ich nun Besuch von einer Freundin aus München bekam, war das ein willkommener Anlass, noch einmal ein bisschen länger durch die Ausstellung zu gehen.

Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták

Beeindruckend an der Ausstellung ist zuerst einmal der Aufbau. Betritt man das Museum, sieht man sich Skeletten gegenüber: 47 Tote, zentral im Raum angebracht - das Massengrab der Schlacht von Lützen aus dem Jahr 1632. Rund um dieses zentrale Ausstellungsstück gibt es weitere Informationen zu der Schlacht, zu den Toten, zum Dreißigjährigen Krieg. 1632 kämpfte bei Lützen der Schwedenkönig Gustav Adolf gegen Wallenstein. Wer die Krieger waren, wie ihre Lebensbedingungen waren, mit welchen Waffen sie kämpften und an welchen Verletzungen sie starben, all das haben die Wissenschaftler rekonstruiert und für die Besucher aufbereitet. Das Leben einzelner Personen wird so gut es geht rekonstruiert, sogar die Gesichtszüge werden anhand des Schädels bei einer Person nachempfunden. 
Als besonderes Erlebnis kampierte am Pfingstwochenende eine Re-enactment-Truppe vor dem Landesmuseum. Das sind Menschen, die in zeitgemäßer Kleidung, mit nachempfundenen Waffen, Zelten, ja sogar Kochutensilien anreisen und Schlachten nachspielen - oder wie zu Pfingsten in Halle dem Publikum ihre Gewehre und Kanonen vorführen. Der Besucher kann die Waffe selbst mal in der Hand halten, kann Fragen stellen, wie das alles funktioniert(e) und sich über das Leben der Kriegsspielenden und damaligen Krieger erkundigen. Dadurch wurde das Thema natürlich noch greifbarer, zumal wir das Museum gerade verließen, als eine Vorführung der Musketen angesetzt war. Den tosenden Lärm hörten wir schon drinnen - und als wir raus kamen, sahen wir, dass die Musketiere direkt auf das auf der Vortreppe versammelte Publikum zielten. Trotz Platzpatronen wurde uns mulmig, und so stellten wir uns weiter an den Rand. Das Gespräch mit einem Musketier suchte ich trotzdem später noch. Mich interessierte nämlich, wie sich Freund und Feind eigentlich unterschieden im Schlachtgewimmel. Eine Armbinde in einer bestimmten Farbe, wie der Hobby-Söldner sie auch trug, hätten alle Kämpfer gehabt und ginge die verloren, gab es zur Not noch eine vorher festgelegte Parole. Dass aber nicht doch mal Leute aus dem eigenen Lager dran glauben mussten bei all dem Chaos, war nicht sicher. 

Die Schlacht und das Grab ist der Aufhänger der Ausstellung, doch dahinter steht die Frage, seit wann es in der menschlichen Zivilisation eigentlich Krieg gibt. Also die gezielte Auseinandersetzung einer Gruppe mit einer anderen. Schon bei den Primaten gibt es Mord und Totschlag, so zeigte die Ausstellung und Gewalt wohl auch schon seit der Urzeit. Das finde ich etwas ernüchternd, hätte ich doch gern geglaubt, dass Gewalt eine Folge der "modernen Zivilisation", wo auch immer man die ansetzt, ist. Aber auch in der Urgesellschaft gab es also schon Auseinandersetzungen, die ziemlich handgreiflich abliefen. Später gab es die ersten Stammeskonflikte und noch einmal später betritt der Krieg die Bühne der Menschheit. Interessant und nachvollziehbar ist, dass es zu Krieg kommt, dort wo Menschen sesshaft werden und der anderen, sich ausdehnenden Gruppe nicht mehr so einfach ausweichen können. Außerdem da, wo es um begrenzte Ressourcen geht - soweit logisch. Dass aber auch Schimpansen schon Territorialkonflikte mit anderen Gruppen austragen und dabei auch vor dem Töten nicht zurückschrecken, wusste ich nicht. Die Welt scheint weit weniger friedlich, als ich sie gern hätte. 

Ich bin jedenfalls froh, die Ausstellung, die leider nur noch eine Woche zu sehen ist, noch besucht zu haben. Sie ist interessant aufbereitet und regt zum Nachdenken an. Schließlich ist nicht umsonst ein Zitat von Albert Einstein am Ende der Ausstellung zu finden: 
"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Samstag, 14. Mai 2016

Einar Stray Orchestra im UT Connewitz in Leipzig

Das Einar Stray Orchestra ist eine norwegische Band rund um den Bandleader Einar, die sich laut Wikipedia als Post-Rock und Indie-Pop einordnen lässt. Was folkiges ist definitiv auch drin und so richtig kann man die Musik zwischen orchestralen Nummern und Acapella-Stücken bis hin zu melidösen, gutgelaunten Indie-Pop-Nummern nicht beschreiben. Ich hatte die Norweger als Vorband von Me and My Drummer auf der Parkbühne Geyserhaus in Leipzig entdeckt und es geschafft, einen anderen Menschen zu begeistern, in dem ich ihm nur "For the country" vorspielte. Da sie nun in unsere Ecke Deutschlands kommen würden, war mir klar, dass ich sie sehen wollte. Dann war noch die Frage, ob in Leipzig oder Magdeburg, aber schließlich war Leipzig machbarer. 



Quelle: UT Connewitz / Webseite
Das wunderschöne UT Connewitz bot einen schönen Rahmen für das Konzert. Das alte Lichtspielhaus, das älteste Kino Leipzigs (erste Vorführung 1912), passt perfekt zur Musik. Ein Portikus mit Säulen hinter der Bühne, ein bisschen bröckelt alles, aber es hat doch eine gewisse Erhabenheit. Die geringe Distanz zur Bühne erlaubt fast eine "floor show". Saßen bei der Vorband Vil, die aus zwei schüchternen Menschen bestand, die mit Stimme, Keyboard, Gitarre und Synthesizer und einer elektrischen Zahnbürste rumexperimtentierten, noch alle auf den Klapp-Kinositzen oder davor auf dem Boden oder standen dahinter, standen sobald Einar und seine Crew die Bühne betraten gleich alle auf. Nach einem Lied, stellte er aber wohl fest, dass wir noch zu weit wegstanden. Wir mussten uns näher kommen und so traten die Musiker an den vorderen Bühnenrand und forderten das Publikum auf, ebenfalls näher zur Bühne zu kommen. Dann kam das Gänsehaut-A-Capella-Stück "For the country". Spätestens da hatten sie das Publikum in der Hand. Ich konnte die meiste Zeit gar nicht anders, als ein breites Lächeln auf dem Gesicht tragen, so dass fast schon meine Grübchen schmerzten. Die Band spielte Songs von den beiden Alben und auch ein paar Lieder, die erst auf dem nächsten Album veröffentlicht werden sollen. Ich bin sehr gespannt darauf und werde es mir gleich kaufen, wenn es raus kommt. Ein Thema, kündigte Einar an, wird die Doppelmoral in der heutigen Gesellschaft sein, die Sachen auf Facebook teilt, zum Beispiel zum Thema Umweltschutz und sich dabei gut fühlt, aber nie ihr eigenes Handeln verändern würde. Und gab gleich zu, dass sie selbst ja auch so seien. 


Ach, was war das wunderbar. Die Musik kann ich nur empfehlen und das Konzert ist definitiv ein großes Erlebnis. Mein Herz haben sie definitiv erreicht an dem Abend. Jetzt bin ich mal gespannt, wen Me and My Drummer dieses Jahr als Support mit auf die Parkbühne bringen - vielleicht gibt es da ja wieder was zu entdecken...

Montag, 4. April 2016

Ich mach mir einen sonnigen Sonntag

Veganes Sonntags-Frühstück mit Prädikat "yummy" 

 

Das erste Frühlingswochenende des Jahres hatte mit einer kleinen Radtour und einer leicht geröteten Nase am Samstagabend begonnen. Nun wollte es entsprechend fortgeführt werden - ein weiterer Tag Seelefüttern stand an. Weil Seelefüttern bei mir auch immer mit Magenfüttern verbunden ist, machte ich mir erstmal ein wunderbares Frühstück ganz für mich selbst. Da soll mal noch eine*r sagen: "Was, du lebst vegan? Was kannst du denn da noch essen?" Abgesehen davon, dass ich alles essen kann, weil Veganismus keine totalitäre Ideologie, Sekte oder Krankheit ist und ich einfach kein Ei und keine Milch essen möchte, bewies dieses Frühstück mal wieder, dass ich mich wirklich nicht über mangelnde Auswahl beschweren kann. 

Schlüppertauschmarkt der Sachspendenzentrale in Leipzig  


Der nächste Tagesordnungspunkt war (nach einem langen Telefonat, dass ebenfalls die Seele ausgiebig streichelte) der Schlüppertauschmarkt in Leipzig. Was, Schlüppertausch? Getragene, ungetragene, warum und wieso? Entwarnung für alle, die sich schon ekeln und leider auch für alle, die schon ganz scharf auf widerliche Details sind - es geht um neue, ungetragene Unterwäsche. Die Sachspendenzentrale Leipzig bekommt neben sachdienlichen Sachspenden auch eine ganze Menge Kram, den sich nicht gebrauchen kann. Spiele, Plüschtiere, Partyfummel, Miniröcke, Sakkos, Morgenmäntel... all die Dinge, die man eben als Geflüchteter oder sonstwie Bedürftiger vielleicht nicht grad am Dringendsten braucht. Ich habe selbst mal ganz kurz in einer improvisierten Kleiderkammer einer Kleinstadt mitgearbeitet und ebenfalls zerrissene Hosen und getragene BHs erlebt. Manchmal habe ich gedacht, die Menschen haben wirklich einfach ihren Kleiderschrank ausgemistet und zwar die Sachen, die wirklich nicht mehr zu tragen waren Damen-Hosenanzüge und Kostüme hatten wir auch eine Menge. 


Die Sachspendenzentrale Leipzig jedenfalls hat auf die ungewöhnlichen Spenden reagiert und veranstaltete nun schon zum zweiten Mal den Schlüppertausch. Man kann vor Ort Schlüppis erwerben oder mitbringen und diese gegen Kleidung, Bücher, Spiele, Handtaschen, Flohmarksachen... eintauschen. Bei mir eingezogen sind ein Ubongo-Spiel, ein Fake-Seiden-Morgenmantel in weiß mit Schmetterlingen, zwei gepunktete Oberteile / Kleidchen und ein kurzer Rock. Der Morgenmantel ist natürlich superschick und ich bedaure, dass mich in den meisten Fällen wohl niemand sehen wird, wenn ich mit ihm bekleidet am Frühstückstisch sitze und mal wieder ein opulentes Veggie-Sonntags-Frühstück zu mir nehme. Insgesamt war ich 12 Euro oder sechs Männerunterhosen ärmer, als ich mit meinen Errungenschaften rausging und fühle mich jetzt schon fast etwas schlecht dabei, weil ich das Gefühl habe, sehr profitiert zu haben. 

Sardinen-Sitzen im Lene-Voigt-Park

 

"Komm lass uns in den Park gehen!", sagte am Sonntag halb Reudnitz, aber vermutlich auch die Bewohner aller anderen Stadtteile und meinten nicht irgendeinen Park. Nein, der Lene-Voigt-Park musste es sein. Da wurde dann gegrillt, Kinder liefen umher, man sportelte an den Tischtennisplatten oder am Beach-Volley-Netz und ich suchte zunächst eine alte Studienkollegin und dann meine Leipziger Freunde. Das ist ganz einfach, wenn die Wiese in etwas aussieht, wie ein Pinguin-Reservat zur Brutzeit. Schließlich bekam ich aber ein Stück Decke ab, ein lieber Mensch organisierte mir ein Bier und einen Teller und ich war trotz der vielen Menschen ziemlich zufrieden mit dem Leben. Es war spannend, die alte Studienkollegin wiederzutreffen, die seit ein paar Monaten in Leipzig wohnte und es ist immer schön, die Freunde aus Leipzig zu treffen. Das Leipziger Hipstertum, das mich manchmal einfach nur unendlich nervt, störte mich gar nicht an diesem Sonntag, ich genoss einfach nur die Sonne - inzwischen mit einer Portion Sonnencreme auf dem Gesicht. So gegen sechs sprang ich dennoch auf und machte mich auf den Heimweg nach Halle. Ich mag es, am Sonntagabend noch ein bisschen Zeit für mich zu haben, bevor die nächste Arbeitswoche beginnt und da nicht so "reinzustolpern". 
Das Wochenende hat sehr gut getan und richtig viel Lust auf Frühling gemacht. Auf Radtouren, auf Treffen im Park, auf draußen sein und Sonne schnuppern, aber auch auf etwas unternehmen, sei es Klamottentausch, Flohmarkt oder Poetry Slam. Ich fühle mich richtig zum Leben erweckt von den wärmenden Sonnenstrahlen. 

Sonntag, 3. April 2016

Erkundungen an einem Samstag

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, Besuch von einem Couchsurfer aus Leipzig zu haben, mit dem ich die Stadt entdecken wollte. Da besagter Mensch aber doch nicht kam, war meine nicht-vorhandene Samstagsplanung über den Haufen geworfen. Das klingt erst einmal seltsam, dennoch wäre ich mit ihm wohl eher durch die Stadt gestreift und Ideen hätten sich spontan ergeben - vielleicht auf die Peißnitz, vielleicht zur Burg Giebichstein? Allein durch Halle zu ziehen, darauf hatte ich aber keine Lust. Also brauchte ich einen Alternativ-Plan um allein was zu unternehmen.

Raus in die Natur - aber hier geht's erstmal nicht weiter.
Ich habe seit einer Woche mein Fahrrad in Halle, und ich brannte darauf, es auszufahren. Zudem war eine Fahrradkarte für Halle und Umgebung bei mir eingetroffen, die ich mir über einen Second-Hand-Buchversand bestellt hatte. Ich dachte mir nun, man könnte ja einfach mal beides kombinieren. Also packte ich vorm Zubettgehen die Karte in den Rucksack, ebenso wie meine Kamera, stellte die Proviantbüchse und die Trinkflasche bereit und legte meine todschicke Radlerhose mit verstärktem Polster am Po heraus. Ich wollte früh los, denn wer weiß, wie viele sich gleich am ersten Frühlingstag auf dem Saaleradweg tummeln würden. Die Angst war unbegründet, dafür fror ich ziemlich an die Waden - besagte Hose ist nämlich nur dreiviertellang - und das Wetter war auch nicht besonders toll vor zwölf. Noch dazu verirrte ich mich zuerst ein wenig in der Südstadt, dann im Naturschutzgebiet Saaleaue, und übersah dann auch noch eine Abzweigung des Radwegs, so dass ich eine Runde durch das schöne Dörfchen Kollebey drehte. Aber Umwege gehören ja bekanntlich zum Leben. Ohne meine Schusseligkeit, wäre ich gar nicht in der sumpfigen Saaleaue, wo außer einer Frau, die mit ihrem Hund spielte und mir, offenbar niemand war oder eben in Kollebey gelandet. Ich plane jetzt sicher nicht meinen nächsten Urlaub in Kollebey, aber abseits der ausgetretenen Pfade (oder in dem Fall gut asphaltierten Radwege) ist es eben auch interessant.

Durch die vielen kleineren Umwege kam ich so in Merseburg schon auf fast 30km. Ich bemerkte schon erste Ermüdungserscheinungen, radelte aber trotzdem tapfer den Berg hoch, Richtung Burg und Schloss. Und das hat sich gelohnt - Merseburg ist echt hübsch. Dann ging es über die Saale und wenig Zickzack durch die Stadt, bis ich sie Richtung Leuna verließ. Die Schornsteine der Chemiewerke hatten schon seit der Aufahrt aus Halle den Horizont bestimmt, Leuna ist aber eigentlich viel mehr als Industrie - es hat auch einen Teil mit spießigen Häuschen mit Vorgärten zum Beispiel. Ich wollte unbedingt noch bis Bad Dürrenberg und radelte also weiter auf dem recht gut ausgebauten Radweg. Meine Lunge wird es mir gedankt haben, denn ich flanierte in Bad Dürrenberg mehrmals am Gradierwerk im Kurpark entlang, wo Sole über Sanddornbündel rieselt. Das dient eigentlich der Salzgewinnung, hat aber den positiven Nebeneffekt salziger Luft wie am Meer und das soll ja gut für die Atmung und die Schleimhäute sein. Als ich mich danach wieder aufs Rad setzte, musste ich feststellen, dass mein Hintern schon schmerzte - ich war lange keine weitere Strecke mehr gefahren - und meine Beine auch müde waren, daran hatte die Salzluft wohl nichts ändern können. Ich strampelte dennoch tapfer zurück bis Merseburg, von wo ich dann den Zug nach Halle nahm. Insgesamt 46km habe ich an dem Tag mit dem Rad zurückgelegt.

Zu Fuß kann man die Stadt besser erkunden und zu Rad das Umland. Viele kleine Dinge, wären mir entgangen, wäre ich mit dem Auto die Bundesstraße entlang gefahren. Der erste Mini-Sonnenbrand des Jahres zwar auch, aber damit auch eine Menge Sonnenstrahlen auf der Haut, die die Glückshormone nur so fließen ließen. Ich werde wohl in der Zukunft öfter mal ins Umland radeln, entweder weiter die Saale entlang oder zu den vielen Seen im Umland, zu den kleinen Städtchen und verträumten Ortschaften. Um den Tag zu schließen, erkundete ich dann noch das Hallesche Kulturangebot. Ich wollte gern zum Poetry Slam "Wörterspeise" in der Goldenen Rose und obwohl ich nun ohne Couchsurfing-Besuch allein war, wagte ich mich dennoch hin. Es hat sich voll gelohnt, die Slammer waren gut, die Texte toll und ich das erste Mal in der "Goldenen Rose". Die liegt praktischerweise gleich bei mir um die Ecke und scheint auch ansonsten ein sehr gemütlicher Laden. Ich hätte gern mehr von solchen Samstagen. Und auch von den Sonntagen, die darauf folgen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte... 



Dienstag, 29. März 2016

Happy Easter to me!

Ostern bedeutet mir höchstens aus einer ethnologisch-interessierten Perspektive etwas. Wenn ich in die Kirche gehe, dann, weil ich es spannend finde, und ich gehe an sich nicht gern in die Kirche. Außer zu Ostern in Rumänien, weil das eben interessant ist. Ansonsten verstehe ich nicht, warum man sich etwas schenkt und was das mit dem Osterhasen soll. Irgendwie finde ich, ich als agnostische Atheistin habe keinen Anspruch darauf, Weihnachten oder Ostern zu feiern, denn weder die Geburt noch die Wiederauferstehung Jesu haben für mich persönlich eine Bedeutung. Über die freien Tage freue ich mich dennoch, was vielleicht auch nicht ganz korrekt ist, aber ein paar Tage ausschlafen sind prinzipiell immer willkommen. 

Ich wollte die Tage im Häuschen in der sächsischen Provinz zubringen und ein bisschen werkeln und hobbygärtnern - genau genommen, mir ein Paravent bauen und meine Pflanzen umtopfen. Beides ist mehr oder minder gelungen. So habe ich nun einen klapprigen, schiefen und schlecht verarbeiteten Raumteiler, der mich aber dennoch mit einem gewissen Stolz erfüllt. Ich habe nämlich das Material selbst eingekauft und ihn ganz allein zusammengebastelt. Die Anleitung steht unten im "kleinen Exkurs". Und ich habe statt einem Blumentopf nun fünf, von denen ich nicht weiß, wie ich sie eigentlich in meiner Einzimmerwohnung verteilen soll. Da ich viel Zeit hatte und immer noch meine Wohnung in Halle ein wenig optimieren möchte, habe ich mir außerdem noch einen alten Stuhl vom Dachboden meines Bruders geschnappt und ihn weiß lackiert - aus Landhausstil wird Shabby Chic. So sollte er ganz gut neben mein weißes Bett passen.

Unerwarteterweise bekam ich noch ein kleines schokoladiges Osternest von ebendiesem Bruder und dann machte ich mir selbst noch ein Ostergeschenk, indem ich mir ein Ticket für das Mine-Konzert im Mai in Leipzig kaufte, zu dem ich mit einer alten Studienkollegin gehen will. Schließlich kamen heute verspätet auch noch ein Buch und eine Radfahrkarte an, die ich mir in der Woche vor Ostern bestellt hatte - und so war die Ausbeute für jemanden, der weder an Jesus noch an den Osterhasen glaubt, echt nicht schlecht am Ende. 




Kleiner Exkurs: Ein Paravent selbst bauen


Eigentlich hatte ich mir es ziemlich simpel gedacht und es war auch tatsächlich in wenigen Stunden geschafft, aber vielleicht können handwerklich geschicktere eine hüberschere Variante hinbekommen...

Material: 7 vorbearbeitete Holzleisten aus dem Baumarkt a 2m, einen alten Bettbezug und nach Wahl Textilfarbe, vier Scharniere, Schrauben, Akkubohrschrauber, Tacker 

Ich habe leider während des Prozesses keine Bilder gemacht, deswegen die kleinen Skizzen anbei. Vielleicht helfen die ja. 
 Ich habe als erstes den alten Bettbezug mit zwei Packungen simplicol-Textilfarbe in dunkelrot eingefärbt. Dann habe ich mir die Leisten genommen und je zwei davon auf 1,60m, 1,70m und 1,80m gekürzt. Den 40cm langen Rest von den kürzesten habe ich wiederum für die kurze Seite weiterverwendet, außerdem habe ich mir aus der letzten Latte zwei Stücke zu 45cm und zwei zu 50cm abgesägt. Man kann natürlich auch beliebige Größen wählen, ich fand halt so eine Abstufung schön. Ich habe in die langen Leisten immer oben im Abstand von 1,5 und 3cm zwei Löcher gebohrt und von unten 20cm abgemessen, also bei 21,5 und 23cm von unten ebenfalls Löcher gebohrt. Bei den kurzen Leisten habe ich an der Schnittkante ebenfalls zwei Löcher in 1,5cm Abstand zueinander angebracht. Ich habe das ganze dazu in einen Schraubstock gespannt, aber ich hatte keine, wie sagt man da, Aufhängung? Führung?, für die Bohrmaschine, das heißt, ich habe das mit der Hand gehalten. Und hier liegt das Problem, die Löcher kamen natürlich nicht exakt da raus, wo ich sie reinbohrte, wurden also schief, weswegen die kurzen Leisten nicht ganz zu den langen passen. Auf jeden Fall sollte man einen dünneren Bohrer nehmen, als man Schrauben hat, denn diese gehen ohnehin relativ leicht in das Weichholz (im Baumarkt bekommt man am ehesten Leisten aus Fichte oder so und das ist recht leicht zu bearbeiten). Nun verschraubt man also die langen Seiten mit den kurzen Kanten, senkrecht aufeinander, damit man den Rahmen erhält. Jetzt schneidet man aus dem gefärbten, inzwischen schon wieder trockenen Bettbezug die passenden Stücke raus. Am Besten  funktioniert das, wenn man den Rahmen auf den Stoff legt. Da meine Nähmaschine nicht mehr so richtig funktioniert, habe ich mich damit begnügt, die Kanten des Stoffes, abzustecken umzubügeln und anschließend sauber abzuschneiden - allerdings habe ich einen ca. 1cm breiten umgebügelten Rand gelassen, damit es nicht ausfranst. Der umgebügelte Rand wird im nächsten Schritt eh mit festgetackert, deswegen habe ich mir das Festnähen gespart, man kann aber natürlich auch einen 1cm breiten Rand umnähen. Wenn man den Rand links und oben hat, kann man den Stoff noch mal auflegen, um zu sehen, wie groß der Rand rechts und unten werden muss, damit das Stoffstück weder zu knapp noch zu kurz ist. Hat man dann alle vier Kanten umgebügelt und gekürzt, wird das Stück Stoff einfach nur noch auf den Rahmen getackert. Sieht nicht so supertoll aus und wenn man es wirklich gut machen möchte, könnte man nun noch einen zweiten Zierrahmen oder so was davorschrauben, aber ich habe dafür momentan keine Muse. Zum Schluss verbindet man die drei Elemente noch mit den Scharnieren und kann den Paravent aufstellen, wo man ihn gerade braucht. Das ist die absolute Basic-Low-Budget-Variante, die auch an einigen Punkten verbesserungswürdig ist, aber wenn man sauber und mit Plan arbeitet (und nicht wie ich einfach drauf los), kann auch sicher ein richtig schöner Paravent entstehen. Außerdem hängt es natürlich auch viel vom verwendeten Stoff ab, wenn man nicht Upcyclen möchte, kann man sich auch was Schickes im Stoffgeschäft kaufen. Für meinen Paravent lag der Kostenpunkt bei ca. 25 Euro für das Holz, die Scharniere und die Textilfarbe, alles andere hatte ich da.

Dienstag, 8. März 2016

Internationaler Blumenschenktag II

Gestern war ich im Kino. Emma Watson und Daniel Brühl in Colonia Dignidad. Die Liebesgeschichte zwischen den Hauptfiguren fand ich ganz schön haaresträubend, aber gut, nehmen wir einfach mal an, es gibt diese bedingungslose Liebe, die eine Frau dazu bringt, sich freiwillig der Möglichkeit auszusetzen, fast zu Tode geprügelt zu werden, nur um ihn zu sehen. Denn natürlich war die weibliche Hauptfigur diejenige, die ihrem Freund überall hinfolgte. Kaum anders denkbar in Kinofilmen, oder? Wieviele starke weibliche Hauptrollen fallen mir ein, die nicht auch noch als wahnsinnig sexy und verführerisch rüberkommen mussten? Aber Moment, in unserer Gesellschaft gibt es ja heutzutage kaum noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

In einer Welt, die immer noch maßgeblich von weißen Männern dominiert wird, finde ich einen Tag, an dem Frauen gefeiert werden wichtig und richtig. Besonders in Osteuropa wird der Tag noch begangen. Eigentlich erfreulich und ich würde mir wünschen, auch in Deutschland wäre der Internationale Frauentag so bekannt. Aber wenn ich mich so in den sozialen Medien bei meinen rumänischen Freunden umschaue, erschrecke ich geradezu. Das Web (zumindest das rumänische) scheint am 8. März zu strotzen vor Blumensträußen. Die eigentlich von mir als relativ qualitativ betrachtete Zeitung Adevarul berichtet von einem Fall, an dem eine Frau ihrem Mann versucht hat den Penis abzuschneiden, weil dieser ihr keine Blumen gekauft hat. Ob das so stimmt, wage ich zwar zu bezweifeln, aber die Erwartung bei rumänischen Frauen ist meiner Meinung nach schon hoch: Kauf mir Blumen! Und zwar einfach, weil es der Tag eben vorsieht. In Rumänien ist ja die Zeit zwischen 14. Februar und 8. März besonders hart. Erst der Valentinstag, dann Dragobete (so etwas wie der rumänische Valentinstag), dann 1. März (hier werden Märzchen, kleine Schmuckanhänger, verschenkt), dann 8. März. Das Weihnachtsgeld sollte Mann wirklich lieber zurücklegen, denn an all diesen Tagen wird ein recht einseitiges Schenken erwartet. Über die Bedeutung und Geschichte des Tages wird, wenn überhaupt, nur am Rande nachgedacht. Dabei ist der Tag aus dem politischem Kampf der Frauen für mehr Partizipation entstanden. Und heute lassen wir uns mit Blumen abspeisen? 

Der wurde aber nicht erfunden, um Bilder leichtbekleideter Frauen im Internet zu teilen.  

Vielleicht sehe ich das zu krass, aber es ist, als wäre aus Feminismus Sexismus geworden. Klar, es ist schön, Blumen zu bekommen. Aus ökologischer Sicht sind Rosen natürlich ein Albtraum - hier nachzulesen: Zeit-Artikel (Besonders schön finde ich, wie Zeit mit Hinweis auf Mindestlöhne und Ökobilanz den Leser schön in der Gewissheit wiegt, dass er weiter Rosen kaufen kann). Der Punkt ist vielmehr, dass es für mich wieder ein kleinmachen ist: Hier Frau, freu dich über die Blumen, ich sag dir auch noch wie hübsch du bist und dann bist du bitte ruhig. Es ist ein bisschen wie Almosen, einmal im Jahr einen Strauß Blumen zu bekommen und nette Worte oder Pralinen. Ich würde mich viel mehr freuen, wenn all diese Menschen, die heute Blumen gekauft haben, auf die Straße gingen und für Frauenrechte eintreten. Aber das tun sie nicht. Die meisten zeigen ihre Zuneigung, weil Frau Brüste hat und eine Vagina und weil Frau Mutter ist oder sein kann. Das hat nichts mit Respekt zu tun. Natürlich ist das zu allgemein gefasst und natürlich gibt es auch Männer, die für Geschlechtergleichheit eintreten. Aber die Welt braucht weniger Blumenschenker und mehr Menschen, die sich mit Feminismus beschäftigen. Die nachfragen, warum es immer noch ein topaktuelles Thema ist und sich das gern auch von Frauen erklären lassen. Die sich für Gleichheit einsetzen, nicht nur zwischen Geschlechtern, sondern zwischen allen Ausformungen des menschlichen Lebens. 

Donnerstag, 3. März 2016

Der Versicherungsvertreter

Irgendwo in einer Kleinstadt in Sachsen nahm heute ein Versicherungsvertreter den Telefonhörer in die Hand und dachte sich: "Ich werde diese Kundin schon davon überzeugen, bei meiner Versicherungsgesellschaft zu bleiben." Die Kundin wurde angerufen und das Telefonat überzeugte sie vor allem von einem - es auf keinen Fall zu tun. 
Diese Kundin bin ich, die Versicherung, ich kann es hier ruhig sagen, ist die Allianz. Ich habe ziemlich heftig ein Auto angestupst letztes Jahr im Dezember und nun wollte mir die Allianz kündigen oder meine Prämie kräftig erhöhen. Ich stimmte einem Beratungsgespräch mit dem Versicherungsvertreter erstmal zu, am Abend zu Hause wurde mir dann aber klar - ich will gar nicht bei der Versicherung bleiben. Ich werde einiges draufzahlen, wenn ich wechsele, es wird vielleicht kompliziert, teuer und aufwendig - aber ich habe überhaupt keine Lust, bei einer Gesellschaft zu bleiben, die mit meinem Geld weltweit spekuliert, unter anderem mit Nahrungsmitteln (Oxfam zu Spekulationsgeschäften der Allianz). 

Ich versuche gerade, meine Kaufentscheidungen bewusster zu treffen. Meine Lebensmittel und Kosmetika fast ausschließlich im Biomarkt zu kaufen fühlt sich gut an. Ich bemühe mich auch, wieder mehr lokal zu kaufen und weniger übers Internet. Mit dem Einzug legte ich mir Ökostrom zu, und nun überlege ich eben, ob ich nicht einen Teil meiner Versicherungen auf "grün" umstellen soll. Zögerlich und Schritt für Schritt gehe ich weiter. Dadurch, dass die Versicherung mich nun loswerden wollte, war ein Anlass gegeben, die Kfz-Versicherung als erstes zu überdenken. Klar, auch ganz schön komisch, denn Auto fahren ist per se ja nicht besonders ökologisch. Der Versicherer aber kann es trotzdem sein, in dem er nachhaltig, sozial und ökologisch wirtschaftet.

Mein Versicherungsvertreter in der sächsischen Provinz hat unterdessen kein Verständnis für solche Überlegungen. Er lachte am Telefon, als ich meinte, ich möchte aufgrund meines Lebensstils nach einer ökologischen Alternative suchen und dass ich nicht bei einem Konzern bleiben wolle, der mein Geld unter anderem für Spekulationen verwendet. Es gehe um eine Versicherung, versuchte er anzumerken, aber genau darum geht es eben nicht nur - es geht mir darum, ob ich als Kundin einen Konzern unterstütze, der beispielsweise an den Agrarbörsen dieser Welt spekuliert. Ich will, dass mein Geld in nachhaltige Projekte fließt und nicht an den Börsen dieser Welt zirkuliert. Und wenn er mir ernsthaft weismachen will, dass ich die Police zahle und im Versicherungsfall "mein" Geld quais wieder rausbekomme, das - so soll ich mir das wohl vorstellen - in der Zwischenzeit bei ihm im Safe liegt, versteht er selbst nicht viel von seinem Fach. Durch seine selbstgefällige Art am Telefon hat der Versicherungsmensch dafür gesorgt, dass ich mir auch meine restlichen Versicherungen mal ansehen werde. Es ist eine Leistung, am Telefon durchblicken zu lassen, was man vom Gesprächspartner hält. Ich konnte ihn praktisch denken hören: "Ökospinnerin!" Genau. Und stolz drauf.