Sonntag, 24. Februar 2019

Flygskam - Flugscham

Vierzig Tage reisen, ohne zu fliegen, das war das Ziel. Und nun sitze ich in Madrid, bin einigermaßen ausgeschlafen und habe keine stundenlangen Fähre-Bus-Zug-Kombinationen hinter mir. Gut, ausgeschlafen wäre ich so oder so, aber vielleicht nicht so erholt.

Alles begann mit einem verhängnisvollem Essen an einem schönen Aussichtspunkt am Mittelmeer in Tanger. Danach ging es mir noch gut und nach einem Abschiedsbier auf der Dachterrasse unserer Unterkunft machte ich ich Pläne, welche Fähre und welchen Zug ich nehmen würde, um von Tanger nach Madrid zu kommen. Denn die Abreise aus Marokko ließ sich nicht mehr aufschieben - in ein paar Tagen wollte ich Freunde in London treffen, tags zuvor noch eine weitere Freundin in Paris - die Route stand. Tanger, Madrid, Paris, London, auf dem Landweg hatte ich dafür vier Tage Zeit, was sportlich, aber dank guter Planung machbar war. Da ich am Sonntagabend in einem Nachtbus von Madrid nach Paris steigen wollte, wollte ich definitiv schon am Samstag dorthin fahren. Erst am Sonntag bereits nach ewiglanger Reise in Madrid anzukommen und nach kurzem Aufenthalt weiter zu fahren, schien keine gute Idee.

Doch nun wand ich mich vor Bauchschmerzen im Bett in Tanger und suchte immer wieder die Toilette auf - das Essen auf der wunderschönen Terrasse war mir gehörig auf den Magen geschlagen. Ich schlief kaum in der Nacht, fror erst entsetzlich, zog mir dann noch etwas an und es ging besser, jedoch wurde meine Ruhe immer wieder von Toilettenbesuchen unterbrochen. Der Wecker klingelte, ich hätte genügend Zeit zur Fähre zu gehen. Doch daran war nicht zu denken. Mein Bauch rumorte trotz zahlreicher Kohletabletten noch kräftig, ich war schlicht nicht "transportfähig". Vielleicht wäre ich es in einer Stunde und würde die Fähre knapp kriegen, aber was dann? Nach der einstündigen Fährfahrt Tanger-Tarifa eine einstündige Busfahrt nach Algeciras, danach eine mehrstündige Busfahrt, weil die Zugstrecke da unten in Andalusien gesperrt war und irgendwann der Umstieg in den Zug. Was würde mein Magen dazu sagen? Konnte ich sicher sein, dass ich während dieser Fahrten keine Toilette brauchte?

Ich war zweieinhalb meiner insgesamt drei Wochen in Marokko mit einem großartigen Reisegefähten unterwegs gewesen, dieser musste ein wenig später, als meine Fähre ging, zum Flughafen aufbrechen und flog mit Umstieg in Madrid zurück nach Deutschland. Auch wenn ich mich selbst gegen das Fliegen entschieden hatte, konnte ich es ihm nicht verdenken, schließlich dauert die Anreise nach Marokko ohne Fliegen selbst wenn man es gut plant und an einem Stück durchzieht drei bis vier Tage und so viel Zeit hatte er schlicht nicht bei zweieinhalb Wochen Urlaub. Bereits am Morgen nagte nun die Frage an mir: Was wäre, wenn ich einfach bis Madrid mitkäme? Flöge? Ich wäre nicht allein, falls aus dem Ganzen etwas schlimmeres würde, eine ausgewachsene Nahrungsmittelvergiftung oder ähnliches. Und ich wäre schnell in Europa, wo ich im Krankenhaus mit meiner europäischen Krankenversicherungskarte wedeln könnte und hoffen, dass man mir hilft. Ich hätte mehr Zeit, mich auszuruhen, mein Bauch könnte sich beruhigen und ich könnte entspannter in den Sonntag starten, an dessen Ende eine sehr lange Busfahrt stand. Für die mein Magen einigermaßen stabil sein sollte. Ich war müde und mir ging es dreckig und die Aussicht auf eine zehnstündige Fähr- und Landpartie war gar nicht reizvoll. Alleine dableiben und mich auskurieren tauchte zwar kurz auch in meinen Gedanken auf, wurde aber sehr schnell wieder verworfen. Allein in Marokko und im schlimmsten Fall ernsthaft krank? Keine gute Idee.

Ich sagte noch im Scherz: "Was zählt denn mein Magen verglichen mit dem Klimawandel!", aber mir war klar, dass ich diesen Flug nehmen sollte. Dass ich auf mich achten sollte. Dass es nichts hilft, die Welt zu retten, wenn ich mich selbst kasteie. Es quälte mich, das Projekt "Vierzig Tage, fünf Länder, ungezählte Kilometer, kein Fliegen" zu verraten. Ich nahm mir ganz fest vor, den Flug bei Atmosfair zu kompensieren. Aber da war sie trotz meiner Lage: die Flugscham.

Ich habe es dennoch getan. Mein erster Flug seit fast zwei Jahren. Und hoffentlich der letzte für dieses Jahr.

Sonntag, 27. Januar 2019

Barcelona - Flucht in den Süden

Ich war seit etwa 24 Stunden in der Stadt, als ich am Meer saß, auf großen Felsbrocken, die als Wellenbrecher dienen. Während die Gondel vom Montjüic ins Tal schwebte und die Seilbahn sich als Silhoutte in der untergehenden Sonne abzeichnete, beobachtete ich die Surfer*innen am Barceloneta. Ich brach auf und blieb an der plamengesäumten Strandpromenade noch einmal stehen und beobachtete einen der Surfer, wie er sich grad am Strand bereit machte um sich in die Fluten zu stürzen. Auch, als ich Richtung Stadt ging, kamen mir weitere Menschen mit Surfbrett entgegen. Dabei stand die Sonne schon tief und wärmte kaum noch, das Wasser ist Mitte Januar sicher auch nicht warm und bei höchstens zwölf Grad herrschte ein kalter Wind, der den Surfern wohl aber eher entgegen kam, weil er für ein paar Wellen sorgte. Trotzdem fühlte sich die ganze Szenerie sommerlich an.

Barcelona unterdessen war abgesehen vom Strand voll und hektisch. Ich suchte ständig etwas, Metro-Stationen und Bushaltestellen, etwas zu essen - ich war nicht so richtig bereit, mich einfach treiben zu lassen. Ich floh in die kleinen Gassen des El Raval, floh in die Parks Montjüic und Güell, um nicht mit den Massen auf der Ramblas mitschwimmen zu müssen. Ich schaute mir kein einziges der architektonischen Denkmäler an, die Sagrada Familia wenigstens von außen, aber der Eintritt war mir zu teuer und ich war nicht in Stimmung, mit einer Menge anderer Touristen durchgeschleust zu werden durch diese Kirchenbaustelle monströsen Ausmaßes. Dafür genoss ich den Ausblick auf die Stadt sehr, das mehr im Hintergrund und die Kirchenbaustelle in der Mitte aufragend.

Am Tag meiner Ankuft in Barcelona war ich bereits beim spätabendlichen Erkunden der Umgebung auf einen Innenhof mit Orangenbäumen gestoßen, die mit Früchten vollhingen. Beim Spaziergang auf dem Montjüic einen Tag später blickte ich mich dann lange nach den Vögeln um, die so laut zwitscherten und sah schließlich Kanarienvögel auffliegen. Im Güell-Park entdeckte ich wieder welche, die es sich in Palmen bequem gemacht hatten. Mein Handy sagte mir, dass es in Deutschland sehr kalt war und ich lief hier höchstens mit Fleecejacke rum.
Auch vor Ort in Barcelona bemerkte ich krasse Unterschiede. Mehrmals stolperte ich aus Versehen mitten in der Innenstadt in Ecken, wo offensichtlich Obdachlose lebten, einmal auf einen schveinbaren Straßenstrich. Der Stadtteil Raval faszinierte mich mit seiner Multiethnizität, aber neben kleinen arabischen Läden sprossen wie überall auf der Welt Hipster-Cafés aus dem Boden.

Ich bin - und da werde ich vielleicht eine der wenigen sein - tatsächlich froh, nur zwei Tage in Barcelona verbracht zu haben. Die Stadt ist wirklich schön, aber auch laut und hektisch und teuer. An vielen Ecken ist die katalanische Hauptstadt wirklich bezaubernd, ich wollte jedoch zu Anfang meiner Reise vor allem erstmal runterkommen. Und da gleich mit einer Großstadt zu starten, war vielleicht einfach keine gute Idee. Dennoch, auch hier gibt es Ecken, die Ruhe ausstrahlen. Als ich mich auf dem Montjüic absichtlich verlief, entdeckte ich Winkel, wo ich fast ganz allein war. Und dann stand ich wieder ganz schnell zwischen dutzenden Tourist*innen und Einheimischen am Bahnhof. Und fuhr in den Süden Spaniens, raus aus der zweitgrößten Stadt Spaniens, auf nach Andalusien.

Samstag, 29. Dezember 2018

Auszeit im Ökodorf

Das Ökodorf Sieben Linden liegt im Nordwesten Sachsen-Anhalts, in der Nähe von Salzwedel, nicht weit entfernt von Wolfsburg und Stendal. So richtig nah ist aber keine dieser Städte, der nächste Ort, Poppau, hat vielleicht 100 oder 200 Einwohner. Wenn man mit Bus und Bahn nach Sieben Linden anreist, landet man nach einer dreiviertelstündigen Fahrt durch viel ländliche Idylle in Poppau und läuft von da noch einmal etwa einen Kilometer nach Sieben Linden raus. Am Besten bewaffnet mit Stirnlampe oder Taschenlampe, denn beleuchtet ist die schmale Straße natürlich nicht. 

Ich war zuvor schon zwei Mal in Sieben Linden, einmal für einen Kurs "Community Building nach Scott Peck" und einmal fürs Pfingst-Tanzfestival. Beide Male fühlte ich mich sehr wohl, wusste aber auch, dass es kein Ort zum Leben für mich ist. Da ich gerade auf dem Weg bin, herauszufinden, ob Leben in Gemeinschaft und im Ökodorf das Richtige für mich ist, habe ich mich noch einmal nach Sieben Linden aufgemacht - um an den Projekt-Informations-Tagen und an der Woche "Sieben Linden intensiv" teilzunehmen.

Nachdem das Info-Wochenende tatsächlich sehr voll war mit Informationen und das Programm extrem dicht, war die Intensiv-Woche schon fast entspannt. Ich fühlte mich sehr wohl in der Gruppe, die buntgemischt war und eine Altersspanne von 25 bis 80 hatte, ich mochte die Atmosphäre, ich konnte viel mitnehmen aus den Übungen und Angeboten. Auch das Rahmenprogramm sagte mir erstaunlicherweise zu, und auf einmal fand ich mich in einem Singkreis wieder (wo ich doch davon überzeugt bin, nicht singen zu können). 

Dass ich eine Woche wenig am Handy war, weil es nämlich in Sieben Linden nicht nur nicht erwünscht ist, sondern schlicht auch keinen Empfang gibt, trug sicher dazu bei, dass ich mich besonders gut auf das Erlebnis Ökodorf einlassen konnte. Das ist jedoch auch definitiv ein Punkt, warum ich mich nicht dort leben sehe. Was mir wiederum viel eher zusagt, ist das mega leckere Essen, dass die Köch*innen zweimal täglich kredenzen, der leckere Lupinen-Kaffee zum Frühstück (koffeinfrei, yeah!) und die Art des Zusammenseins. 

Ich werde es nächstes Jahr mit einem weniger abgelegenen Ökodorf versuchen, ein bisschen weniger "außer der Welt" und ein bisschen weniger Öko-Elite, aber trotzdem ein Beitrag zu einem nachhaltigen Zusammenleben. Ich bin sehr gespannt, ob ich es schaffe, dort heimisch zu werden.

Freitag, 16. November 2018

Paris, encore une fois

Im Oktober hatte ich mal wieder Gelegenheit, festzustellen, was für eine schöne Stadt Paris doch ist. Eine Freundin gab eine Party anlässlich ihrer Hochzeit, wobei es keine eigentliche Hochzeitsfeier war, was das ganze für mich noch mal sympathischer machte. Und sechs alte Freunde aus der Schulzeit, manche nebst Partner*in, taten sich zusammen und fuhren nach Frankreich. Une bonne idée! 

Die Anreise im ICE und TGV fühlte sich in dieser Gruppe von dann insgesamt neun Leuten stark nach Klassenfahrt an. Ich nutzte die Zeit im Zug, um mit einigen mal wieder ein bisschen länger zu quatschen. Im TGV wurden wir dann leider getrennt, weil es nicht möglich ist, bei der Reservierung einen bestimmten Sitzplatz auszuwählen und wir so zu neunt auf fünf verschiedene Wagen aufgeteilt waren. Bei einem vollständig reserviertem Zug (im TGV ist die Reservierung obligatorisch) war es auch nicht möglich, spontan den Platz zu wechseln und beeinander zu sitzen. In Paris fanden wir uns am Bahnsteig wieder zusammen und liefen und rolkofferten zu unserem Hotel. Es war nicht so weit vom Bahnhof, weniger als eine halbe Stunde zu Fuß und wir sogen schon die erste Pariser Luft ein, genossen den spätsommerlich wirkenden Nachmittag und die Schönheit der Stadt. Im Hotel hatten wir - aber das war nicht anders zu erwarten - ziemlich winzige Zimmer, aber sie waren sehr sauber und somit war ich sehr zufrieden. Der erste Abend führte uns auf Idee eines Reieseteilnehmers zu einem äthiopischen Restaurant. Das Essen war super lecker! Die Freundin, die die Party schmiss, hing ironischerweise beruflich selbst noch in Deutschland fest, und so kamen wir einfach erstmal an. Zudem sollte der Abend ja nicht so wild werden, weil wir am nächsten Tag ja feiern wollten. Zufrieden und satt steuerten wir recht früh das Hotel an. 

Am nächsten Morgen fanden wir ein hübsches Café zum Frühstück und plünderten deren gesamte Vorräte an Pain au chocolat und Croissants. Die große Gruppe war erwartungsgemäß träge zu navigieren und es dauerte, eh wir irgendwo loskamen. Trotzdem wollten alle einen Spaziergang Richtung Seine machen, wo sich dann die Wege trennten. Die einen Richtung Notre Dame und Louvre, die anderen am Quai entlang, ich mit einer Freundin in Quartier Latin, wo wir uns erstmal niederließen, was aßen und umschauten. Als dann eine andere Freundin des Weges kam, ließ ich die beiden allein und ging mich noch ein wenig verlaufen. Ich streunte durchs Viertel, entdeckte, schaute in kleine Geschäfte - Boutiquen, pardon! - und lief dahin, wo es mich hinzog. 


Die Party am Abend war großartig. Wir plünderten das leckere italienisch angehauchte Buffet, tranken Prosecco, tanzten viel, nutzten ausgiebig die Photo Box, tanzten noch mehr und blieben bis zum letzten Lied. Das war, eine Ode an die alten Zeiten, Kettcar. Der französische DJ war gezwungen wurden, wenigsten ein, zwei Lieder vom Soundtrack unserer Jugend zu organisieren und musste für uns Tanzwütige dies dann extra noch mal auflegen. Und wir sprangen und tanzten und sangen mit, als wären wir wieder 17 und würden bei jemandem Zuhause die Musik aufdrehen. 

Der nächste und somit letzte Paris-Tag begann wieder mit einem großartigen Frühstück, diesmal in einem anderen Kaffee, dafür mit mehr Auswahl an Frühstücksgerichten. Mit einer Freundin und ihrem Partner beschloss ich nach dem ausgedehnten Mahl, noch zum Eiffelturm zu fahren. Die beiden waren noch nie in Paris und tja, wenn wir schon mal da waren... Es war dann auch total schön und übermütig beschlossen wir, noch zum Arc de Triomphe zu laufen. Und irgendwo hier verschätzten wir uns total. Wir fanden am Triumphbogen nicht sofort die Metro, verpassten dann noch eine und die nächste blieb aus unbekannter Ursache einfach fünf Minuten stehen, statt loszufahren - wir merkten, dass wir es nicht mehr zum Bahnhof schaffen würden, da ja unsere Sachen noch im Hotel abgestellt waren und wir diese erst noch holen mussten. Die rettende Idee hatte die Freundin - lassen wir es einfach da. Denn Freunde von uns würden noch eine Nacht länger bleiben und könnten uns die Dinge mitbringen. So schafften wir es schließlich rechtzeitig zum Bahnhof, es war sogar noch Zeit, sich mit Getränken und Keksen einzudecken - nur war die Zeit für den Umweg zum Hotel zu knapp gewesen. Ich hatte infolgedessen nur eine Handtasche mit meiner Kamera, meinem Handy und meinem Portemonnaie bei mir. Selbst meine Wohnungsschlüssel waren im Rucksack, der noch im Hotel war. Das Ticket für den Zug hatte ich immerhin auf dem Handy. Aber ich würde am späten Abend, wenn ich zuhause ankam, nicht rein kommen. Eine liebe Freundin in Halle rettete mich dann aus der Situation, in dem sie, sofort nach dem ich ihr geschrieben hatte, anbot, ich könne bei ihr übernachten. 

Drei Tage Abenteuer, zwei Tage Paris bei schönstem Oktoberwetter, eine der besten Hochzeitspartys, auf der ich je war - es hatte sich gelohnt, nach Frankreich zu fahren. Das letzte Mal war ich zwar erst vor einem Jahr da, allerdings hetzte ich nur durch die Stadt, um einen großartigen Menschen vorm Eiffelturm stehend anzurufen und zum Geburtstag zu gratulieren. Ich hatte einige Stunden Umsteigezeit, als ich aus Südfrankreich kam und nach Hause zurück wollte. Davor war ich mit 15 das letzte Mal da, vor über 15 Jahren. Witzigerweise mit einigen der gleichen Leute wie dieses Mal, das kam mir ein paar Mal in den Sinn und ließ mich schmunzeln. 

Mittwoch, 14. November 2018

Auszeit am Meer

"Das ist Hiddensee, Ed, verstehst du, hidden - versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, [...] wo man zurückkehrt in sich selbst, daß heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens [...]." (Lutz Seiler, Kruso)


Der September war anstrengend und mein eigentlicher Plan, Anfang Oktober nach Athen zu fahren, fühlte sich nach keiner guten Idee an. Eigentlich wollte ich einfach nur ein paar Tage Ruhe. Ein paar Tage zu mir kommen, ein paar Tage genau das tun, worauf ich Lust hatte, vielleicht am Meer sitzen, vielleicht lange Strandspaziergänge, vielleicht aber auch einfach Nichtstun. Den Hinweis auf die Insel bekam ich von einem lieben Menschen und kurz darauf fing ich an, statt Busse und Züge quer über den Balkan meine Reise mit Zug und Fähre Richtung Norden zu planen.


Irgendwie dachte ich, Hiddensee wäre so etwas wie das Ende der Welt. So ruhig und unberührt, wie ich annahm, war es keinesfalls, überall waren in dieser Woche rund um den Tag der Deutschen Einheit Touristen. Auch, dass ich mich in Stralsund im Biomarkt noch panisch mit ein paar Lebensmitteln eingedeckt hatte, war nicht nötig gewesen - es gab in Vitte, wo ich eine Unterkunft gefunden hatte, ausreichend Geschäfte, neben einem Supermarkt auch einen Laden mit Backwaren und Bio- sowie regionalen Produkten. Und ganz so verkehrsarm, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es dann auch nicht - über die Insel fährt der Inselbus, aber auch sonst habe ich einige, wenn auch wenige Autos gesehen (viele davon mit Elektroantrieb). Ich bewegte mich mit einem Faltrad vorwärts, dass ich mit auf die Insel gebracht hatte - wenn ich mich denn bewegte. Ich entschied mich auch viel fürs Tee trinken und Buch lesen, aber freute mich schon auch, schnell zum Zeltkino und Inseltheater zu kommen.


Trotz eher mittelprächtigen Wetters schaute ich mir beide Leuchttürme der Insel an, machte Strandspaziergänge, lief Richtung Steilküste und unternahm eine Wanderung durch den Dornbusch. Das war auch einer der schönsten Hiddensee-Momente: Gerade stand ich noch an der Steilküste und nach einem Aufstieg stehe ich auf einmal zwischen Bäumen und es riecht nach Wald. Ich ging bis zum Klausner, wo ich das Lokal aus Kruso nicht so recht wiedererkennen konnte, ging noch die wenigen Schritte zum Leuchtturm, bei dem aber die Aussichtsplattform geschlossen hatte, weil der Wind zu stark war. Ich ließ mich selbst fast wegpusten, genoss es für einen Augenblick, im Sturm zu stehen - Meer, Leuchtturm, Naturschutzgebiet und bevor ich die Kapuze gut festgezurrt hatte meine umherfliegenden Haare, die mir die Sicht auf all das nahmen. 


Umherwirbelnde Haare, umherwirbelnde Gedanken, umherwirbelndes Ich. Stürmische Zeiten vor und hinter mir und dazwischen eine kleine Pause am Meer. Hiddensee, vielleicht nicht so versteckt und die Stimme des Herzens wachrufend, wie ich erhoffte, aber dennoch immer noch sehr gut, um der Hektik der Stadt und des Berufs für ein paar Tage zu entkommen.

Montag, 22. Oktober 2018

Ankunft in Rumänien

Nach bestimmt einer Stunde Wartezeit hatten wir es geschafft - die Pässe waren kontrolliert, wir waren raus aus dem Schengen-Raum und drin in Rumänien. Hier gleich der nächste Stau oder eher ein Verkehrschaos. Wild parkten überall rumänische Autos. Manchmal denke ich, nur Rumän*innen können dermaßen ohne Rücksicht auf jede Verkehrsordnung parken, liege damit aber bestimmt falsch. An der Tankstelle gleich hinter der Grenze hielten auch wir. Wir brauchten eine Vignette für Rumänien, denn die braucht jedes Auto dort nicht nur auf Autobahnen sondern auch auf ganz gewöhnlichen Landstraßen. Ich kann mich erinnern, diese Vignette vor Jahren mit dem guten Karl, meinem alten Renault, mal an der Tankstelle gekauft zu haben. Deswegen steuerte ich auch siegesgewiss auf die Tankstelle zu. Nein, Vignetten hätten sie keine (obwohl draußen noch die Preisauskunft stand), ich solle rüber zum offiziellen Verkaufsbüro.

Das Vignetten-Verkaufsbüro war leicht an der langen Schlange davor zu erkennen. Hier standen sich nun alle die Beine in den Bauch, während zwei Rumäninnen mit künstlichen Fingernägeln im Zwei-Finger-System die Kennzeichen in den Computer tippten, derweil lief im Hintergrund in ihrem Büro ein Fernseher, dessen Programm vom Wartebereich leider nicht zu erkennen war. Ich fragte gleich mal in die Menge, ob denn Kreditkarte akzeptiert würde - denn dem großen "Visa"-Symbol an der Tür des Büros war nicht zu trauen. Die Frage wurde durch die Reihen vor mir weitergegeben und ein "nein" nach der gleichen Methode zurückgegeben. Hier verließene einige wenige Menschen die Schlange und ich freute mich über den Rest rumänischer Banknoten, die ich noch zuhause gefunden hatte.

Die Schlange rückte stetig weiter, irgendwann passierte auch ich die unfertig eingebaute Kunststoff-Tür (Termopan und Bauschaum) und konnte in den Wartebreich, in dem alte Heizgeräte und zerschlissene Bürostühle wohl darauf warteten, dass sie sich von selbst entsorgten. Eine obligatorische Rumänienkarte an der Wand war leider zu weit weg von der Warteschlange, als dass ich schon mal über die weitere Route hätte sinnieren können. Irgendwann war ich dran. Ich schob meine Fahrzeugpapiere rüber und bat um eine Vignette für 30 Tage. 

Der laufende Fernseher im Hintergrund, der Fakt, dass Zahlung mit Kreditkarte nicht funktionierte, die zwei Grazien, die behäbig tippten und der mit Sperrmüll zugestellte Vorraum - all das schrie mich förmlich an: 

Willkommen in Rumänien! Wir wissen, dass du genau nach dem suchst, was du gerade wieder hier bestätigt bekommen hast - ein wildes Absurdistan. Viel Spaß!

Sonntag, 2. September 2018

Und jährlich ruft die Kirchenburg - Holzstock-Festival 2018

Dieses Jahr fand das fünfte Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman bei Hermannstadt / Sibiu in Rumänien statt. Ich war das vierte Mal dabei (Berichte von 2017, 2016, 2015). Es wird jedes Jahr professioneller und besser organisiert und hat dabei bisher seinen Charme eines großen Treffens mit vielen Freunden behalten. Ich bin da, um einige alte Rumänien-Bekannte wiederzusehen, um an der Kirchenburg zu chillen, um den Sonnenuntergang über den Wiesen zu bewundern und den Blick an der Bühne vorbei auf die Gipfel des Fagarasch-Gebirge schweifen zu lassen. Die Musik, die jedes Jahr wieder spannende Auftritte von mir unbekannten Künstler*innen bietet, tritt da fast in den Hintergrund, aber auch in diesem Jahr kam das Tanzen nicht zu kurz. 

Die entspannte Stimmung trägt viel zurgroßartigen Athmosphäre des Ortes bei, die noch unterstützt wird von kleinen Details wie Schmalzbroten von der lokalen Bäckerei im Ort, einer Chill-Scheune, die Pinterest-mäßig allerliebst hergerichtet wird und Konzerten in der kleinen Kirche mit massiven Wehrmauern. 

Und wie jedes Jahr nehme ich mir vor, nächstes Jahr wiederzukommen. Sobald ich einen Kalender habe, wird der Termin fürs nächste Jahr dick und fett eingetragen und dann setze ich alles daran, dass das auch klappt mit der Rumänienreise 2019.