Freitag, 29. Dezember 2017

Hyggelig in Kopenhagen

Ein paar Tage Resturlaub trafen Ende November auf den Wunsch, mal wieder was Neues zu entdecken und die Feststellung, dass die Reise von Berlin in die dänische Hauptstadt scheinbar unkompliziert und schnell ist. Schließlich konnte ich noch einen Freund überreden, mitzukommen und so standen zweieinhalb Tage Kopenhagen auf dem Plan. Die Reise stellte sich als nicht ganz so unkompliziert wie gedacht heraus, weil Schlafen im Nachtbus fast unmöglich war, da wir diesen mitten in der Nacht für die Fährüberfahrt den Bus verlassen mussten. Dennoch finde ich, dass wir trotz oder gerade wegen der Fähre recht fix nach Kopenhagen kamen und irgendwie spannend war es ja auch, wie der Bus und sogar der Zug bei der Rückfahrt darauf geladen wurden.


Was auch immer "knallert" heißt...
Ende November ist sicher nicht die beste Reisezeit und so erwischte uns am ersten Tag auch das nasskalte Wetter. Wir stapften trotzdem tapfer mit der Free Walking Tour mit - ein witziger Australier scheuchte uns zwei Stunden kreuz und quer durch die Stadt und erzählte lustige Anekdoten über die Dänen. Wirklich viel hängen geblieben ist da zugegebenermaßen bei mir nicht, aber es war unterhaltsam. Lustig war auch der Fakt, dass er uns aufforderte, uns wie die Pinguine zusammen zu stellen, damit es hyggelig [gemütlich] werden würde trotz des miesen Wetters. Das zog sich tatsächlich durch die ganze Tour, genau so wie das Ausspielen von Stereotypen über die anwesenden Nationalitäten. Zur Meerjungfrau ging es nicht - das wäre die zweitunbeeindruckendste Sehenswürdigkeit Europas (nach dem Manneken Pis (was ich nicht beurteilen kann, weil ich tatsächlich noch nie in Brüssel war) verriet uns unser Guide immerhin.

Jedenfalls gewannen wir so schon mal einen guten Überblick über die Stadt, erfuhren, dass sie verdammt oft niedergebrannt war und hatten uns immerhin ein bisschen draußen bewegt. Am Abend fuhren wir dann noch mithilfe des "Kongeelevator" [Königsfahrstuhl] auf den Turm des Parlaments und verschafften uns einen weiteren, visuellen Überblick über das nächtliche Kopenhagen. Von oben auf die Stadt schauten wir auch am nächsten Tag und auch das Schmunzeln über die dänische Sprache riss nicht ab. 


Der zweite Tag verging dann im strahlenden Sonnenschein. Wir erliefen noch viel mehr von Kopenhagen. Zuerst gingen wir zum autonomen Gebiet Christiniania, wo offen Drogen verkauft werden, es aber abseits des sehr touristischen Tourimarktes mit Nippes, Souvenirs, Haschisch und Cannabis aussieht wie in einem sehr gemütlichen Ökodorf. Ich werde hier dazu nicht viel Schreiben, Berichte über diese "gesetzesfreie Zone" gibt es genügend - einen wie ich finde, recht amüsanten und vor Ignoranz und Überheblichkeit strotzdenden hier: Henryk M. Broder über Christiania (Spiegel-Artikel von 2009). Nur so viel - ich fühlte mich sehr sicher und mir wurde weder die Kamera noch das Smartphone aus der Hand geschlagen. Ich habe aber auch am zentralen Markt keine Bilder gemacht. Broder übertreibt jedenfalls gehörig, acht Jahre später ist es auch in Christiania sehr viel hyggeliger, als er es darstellt.

Danach stiegen wir auf den runden Turm und hatten damit nochmals eine fantastische Aussicht über die Stadt, diesmal bei fabelhaftem Wetter. Der Turm diente früher als Observatorium und ist heute eine beliebte Touristenattraktion, so dass wir sogar anstehen mussten, aber glücklicherweise nicht lange. 

Unseren Hunger stillten wir mit Smörrebröd in der Streetfood-Halle. Mir gelüstete nach einem Bier dazu, ich hatte aber kein dänisches Geld, also keine Kronen einstecken. Daher fragte ich meinen Begleiter, ob ich Bier holen solle und er mir Geld geben würde. Er hielt mir einen Hunderter hin, mit den Worten: "Meinst du, Hundert werden reichen?" Noch lachten wir, aber als ich für die umgerechnet 15 Euro keine zwei Bier bekam, war es dann doch nicht mehr so witzig. Alkohol, selbst Bier aus Plastikbechern, ist in Dänemark wirklich richtig teuer. Autsch. 

Erträglich bepreist war der Glögg [Glühwein], den wir stattdessen die ganze Zeit tranken. Es war ja auch schon Weihnachtsmarktsaison, es war kalt, also warum nicht?! Dänischer Glühwein enthält neben Wein und Gewürzen Rosinen und Mandeln. Interessant. Interessant auch, dass der Weihnachtsmarkt um sechs schon schloss. Wir spazierten abends noch über das Tivoli-Gelände, auch wenn ich meinen Begleiter zu keiner Achterbahnfahrt überreden konnte. 

Das "Highlight" der Reise hatten wir uns dann bis zum Ende aufgespart - ja, wir liefen tatsächlich am letzten halben Tag, den wir noch hatten zur Kleinen Meerjungfrau. Das, was wohl am Meisten ein Foto wert war, war die Busladung asiatischer Touristen, die die Meerjungfrau fotografierten. Ansonsten hat man am Morgen die tiefstehende Sonne als Gegenlicht, ein Industriegebiet auf dem anderen Seite der Bucht, falls das nicht durch die blendende Sonne eh nicht sichtbar wäre, zumeist eine Möwe auf dem Kopf der Dame und eine wirklich uneinladende Umgebung rund um das "Wahrzeichen". Nun ja, durch den Spaziergang haben wir auch noch andere Ecken der Stadt gesehen, zum Beispiel die Gegend mit den schönen gelben kasernenartigen Häusern. 

Das Ziel der Reise war, mal wieder was anderes zu sehen und mal wieder den Kopf durchgepustet zu bekommen, am Besten mit frischer Meeresluft. Das ist gelungen. Ich würde Kopenhagen nicht für Leute empfehlen, die irgendwie vorhaben, auf ihr Reisebudget zu achten. Es ist im europäischen Vergleich einfach teuer, und zwar so ziemlich alles. Es ist aber durchaus eine Reise wert - die Stadt an sich ist sehr gut zu durchlaufen, generell recht hyggelig, die Kanäle mit vertäuten Booten und die Altstadtgassen sind wirklich schmuck. Und jepp, es gibt sie, die Unmengen an Fahrradfahrern und ja, als Fußgänger sollte man da ein wenig aufpassen, denen nicht in die Quere zu kommen. Aber selbst ich mit meiner Tapsigkeit wurde nur ein einziges Mal in zwei Tagen von einer Radfahrerin angeschrien, weil ich ihren Weg ungünstig kreuzte. Das ist doch ein guter Schnitt, oder? 


Dienstag, 12. Dezember 2017

Jena. Paradies.


Ich kannte von Jena zwei Sachen. Zum Einen die Plattenbauten von Jena-Lobeda, die ich ein paar Mal von der Autobahn gesehen hatte, als ich an Jena vorbeigerauscht bin, meist als Insassin mit viel Zeit zum Umschauen. Recht lange dachte ich, dass Jena nur aus diesen Plattenbauten bestünde. Zum Anderen, den Bahnhof Jena-Paradies, dessen Namen ich immer leicht amüsiert wahrnahm, wenn ich mit dem Zug durch Jena fuhr, meist in irgendeinem ICE oder IC und meist von oder nach Bayern. Das war, als ich bereits älter war und viel Zug reiste. Und beim Umblicken aus dem Zugfenster stellte ich fest - Jena hat nicht nur Plattenbauten, ja ist vielleicht sogar ganz hübsch.

Ich verließ weder Auto noch Zug je, soweit ich mich erinnere. Es gab keinen Anlass für mich, nach Jena zu fahren, obwohl es ja gar nicht weit weg war. Doch dann ergab sich für mich ein guter Grund - ein Konzert drei der großartigen Musiker des Einar Stray Orchestra. Zwar würden sie auch nach Halle kommen und so quasi zu mir nach Hause. Gerade an dem Tag war aber auch das Weihnachtsessen mit Freunden angesetzt. Es zerriss mich fast - wie sollte ich da richtig entscheiden? Schließlich die rettende Idee - auf nach Jena, dort würden Einar und zwei seiner Bandmitglieder einige Tage vorher konzertieren.

Nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgestellt hatte, strolchte ich über den Weihnachtsmarkt und durch die Stadt. Dabei stellte ich fest - hier ist nicht nur der namensgebende Park neben dem Bahnhof ein Paradies. Ganz Jena ist, vielleicht nicht Garten Eden, aber doch ein äußerst wandelnswertes Pflaster. Hübsche Cafés, ein zauberhafter Buchladen, kleine Designerlädchen, entzückende Gassen, ein kleiner Mittelalter-Weihnachtsmarkt an den Überresten der Stadtmauer.

Ich schlug die Richtung zum Paradies-Park ein und suchte das Glashaus, in dem das Einar Stray Trio konzertieren sollte. Vielleicht 60 Leute mögen auf den Stühlen Platz gefunden haben, die aufgestellt waren. Ich wählte die erste Reihe, denn ich liebe es, Einar und seiner Band zuzuschauen, wie sie die Lieder mit so viel Enthusiasmus vortragen. Es war dann wahrlich ein fantastisches, mitreißendes Erlebnis. Ich hing an ihren Lippen, ertappte mich selbst beim ekstatischen Mitwippen und hatte auch mal einen Moment lang Tränen in den Augen. Sie spielten einen ganz neuen Song, ansonsten eine Mischung von ihren drei bereits veröffentlichten Alben und - season's greetings - ein Weihnachtslied. 

 

Nach dem Konzert sprach ich mit meiner Sitznachbarin, die sich als Russin herausstellte, die in Estland lebte, gerade im Urlaub in Berlin war und gern Bands hinterherreiste. Sie fuhr später mit dem Bus wieder zurück nach Berlin und wollte deswegen noch ein bisschen mit der Band rumhängen. Diese hatte ohnehin angekündigt, dass sie sich über Gespräche am Merchandise-Stand freue. Wir redeten also mit Einar, Steinar und Ophelia. Ich empfahl ihnen, in Halle Waffeln essen zu gehen. Wie mir meine russische Bekanntschaft später schrieb, taten sie das sogar. Ich hoffe, es hat gemundet. Ich begleitete die Konzertbekanntschaft noch zu ihrem Bus und schwebte durch die schönen Gassen Jenas zurück zum Hostel. Ich nahm mir Zeit dafür und beschloss mir am nächsten Tag noch einiges anzusehen.




Am Morgen darauf stärkte ich mich erstmal mit Croissant und heißer Schokolade im Kaffeehaus mit bezauberndem Blick Richtung Stadtkirche. Im "Stilbruch", einem Café, das mir fast noch schöner vorgekommen war mit seinem opulenten Interieur, hatte ich leider keinen Platz gefunden, der mir zusagte. Dann lief ich bei wunderbarem klaren Wetter und blauem Himmel noch ein wenig durch die Stadt. Ich musste unbedingt in diesen winzige Buchladen an der Ecke, die Jenaer Bücherstube. Ein wirklich tolles Geschäft, auch und obwohl sehr eng und klein, so dass ich mir mit Rucksack auf dem Rücken schon fast zu groß vorkam. Ich konte nicht anders und nahm den neuen Roman von Juli Zeh mit. Ich schaute noch in das ein oder andere Design-Lädchen, bis ich glücklich und zufrieden die Heimreise antrat. 

Ich hatte einen paradiesischen Abend mit dem Klängen des Einar Stray Trios verbracht, war duch die schmucke Stadt geschlendert und stellte vor allem fest - einen Ausflug nach Jena kann ich schon mal wieder machen.

Mittwoch, 13. September 2017

Abschied von Timisoara.

Die verflossene Liebe liegt in der Bega. Vielleicht entließ mich die Stadt am nächsten Morgen mit so poetischen Bildern, weil ich eine Erinnerung dem Kanal überlassen hatte: Eine Gabe, wenn auch mit keinem Opfer verbunden. Vielleicht ist aber auch einfach der Sonnenaufgang ohnehin getränkt mit Poesie.

Ich ging zum Bahnhof. Klimaanlagen tropften Kondenswasser auf die Gehwege und es fing an, ganz sachte zu regnen. Es wurde langsam hell, während die Straßenlaternen ihr letztes Licht gaben und hier und da die Scheinwerfer einer Straßenbahn ein heller Punkt im noch zarten Dämmerlicht waren.

Wahrscheinlich, dachte ich mir, werde ich nicht wiederkommen. Ich schaute auf den blauen Zug, der hinter den letzten Gleisen des Bahnhofs einer Kunstinstallation gleich faszinierend vor sich hinrostet, manche der Waggons schon stark verformt und fast vollständig rostrot.

La revedere?


Sonntag, 10. September 2017

Begegnungen rund um eine Kirchenburg - Holzstock-Festival 2017 und alles drum herum



Ich hatte es versprochen - auch 2017 würde ich wieder zum Holzstock-Festival fahren. Ein bisschen mehr als eine Woche Urlaub hatte ich mir genommen. Ich hatte ein Zugticket nach Budapest und von Budapest nach Sibiu gekauft, ebenso für die Rückfahrt, ein minimal leichteres Zelt geliehen und meine Sachen gepackt. Dann ging es los, zunächst über Dresden, von da nach Budapest und nach einem zweistündigen Aufenthalt weiter Richtung Siebenbürgen. Ein besonders schöner Moment war der kurze Aufenthalt in Prag, bei dem mir ein Freund einen Proviantbeutel voll mit tschechischen Süßigkeiten sowie einem Bier vorbeibrachte. Das läutete die Urlaubswoche gewissermaßen ein. Ich aß und trank viel, ja das auch, aber vor allem ging es auch weiterhin um wunderbare Begegnungen mit tollen Menschen.


Gleich nach der Ankunft in Sibiu suchte ich den Bus nach Holzmengen / Hosman und wurde am Schalter, wo ich das Ticket kaufte, für mein Rumänisch gelobt. Auch das ging also gut los. Als die Kirchenburg nach gut zwanzig Minuten Fahrt am Horizont auftauchte, machte ich mich ganz hibbelig zum Aussteigen bereit. Es lagen noch ein, zwei Kilometer Fußmarsch von der Haltestelle an der Straßenkreuzung bis zur Kirchenburg von mir und ich hielt immer wieder an, einfach um den Anblick zu genießen und mich zu freuen. Das Panorama ist aber auch fantastisch. Das Dorf, daraus herausragend die Kirchenburg und im Hintergrund bläulich die Berge am Horizont.

Einmal angekommen begrüßte ich die Freundin von mir, die für die Organisation des Festivals verantwortlich war. Bei ihr liefen die Fäden zusammen, sie musste den Überblick bewahren und nahm sich dennoch ab und zu Zeit, um mit mir zu quatschen. Ich taufte sie die Magierin des Festivals, denn sie bewältigte diese schwierige Aufgabe glänzend. Am Abend kamen weitere Freunde an, darunter eine Freundin, mit der ich gemeinsam gearbeitet hatte, mit ihrer Familie und ein Freund, mit dem ich immer gern Pflaumenschnaps trinke, sowie einige weitere Leute, die ich aus meiner Rumänienzeit kannte. Der Saxophonist von artischoque erkannte mich auch wieder - ich war ein Jahr zuvor bei ihm bis Sibiu mitgefahren. Es wurde ein großartiges Festival mit schönen Begegnungen, grandioser Musik und genügend Entspannung und Rumhängen.



Ich hatte ja vor, mich treiben zu lassen und das tat ich dann auch. Erst fuhr ich mit jemanden, den ich die Tage kennengelernt hatte nach Sibiu zurück, wo ich bei der Festival-Magierin übernachten konnte, während sie noch bei der Kirchenburg war. Ich nahm mir einen Tag,um zu entspannen und vernünftig zu duschen. Dann nahmen mich Freunde zu ihrem frisch erworbenen Haus in Glâmboica mit, wo ich zwei Nächte blieb. Von dort konnte ich in einem Camper-Bulli mitfahren bei einem Freund, der abends mit zum Grillen eingeladen war und so kam ich wieder nach Sibiu. Vorher machten wir aber noch einen Abstecher nach Holzmengen, wo noch ein paar Sachen geholt werden mussten und ich auch den vergessenen tschechischen Proviantbeutel noch fand. Es wäre sehr schade gewesen, wäre der verloren gegangen. Einen Tag fuhr ich nach Paltinis, um ein wenig durch die Wälder zu streifen, außerdem traf ich mich in Hermannstadt mit einigen lieben Menschen und ging gemeinsam mit ihnen frühstücken oder mittagessen. So waren meine Tage bis zur Abreise angefüllt mit viel gutem Essen und vielen wunderbaren Begegnungen - vom Grillen am Häuschen bis zum Mittagessen auf Hermannstadts schönster Straße. Das ist angeblich die Strada Cetatii. Meine liebsten Gassen sind hingegen die beiden vom Piata Mica und Huetplatz abgehenden Treppen (Turnul Scarilor und Richtung Piata Aurarilor), aber in der Cetatii-Straße sitzt man tatsächlich sehr schön zum Essen.






Ich nahm mir auch viel Zeit für mich, machte mal einfach gar nichts und versuchte, früh zu schlafen oder stromerte gedankenverloren durch die Stadt und aß jeden Tag viel Eis - kurz, ich ließ es mir gut gehen. Einen Abend legte ich noch in Timisoara ein und hier tat ich eigentlich das selbe - zunächst saß ich eine Weile an der Bega und trank in einer der Bars am Kanal etwas, dann lief ich noch ein wenig umher und schaute, ob ich mein Timisoara noch wiedererkannte. Ja, das tat ich, und an einigen Ecken wirkte auch der Zauber noch - aber mein Herz hängt inzwischen doch eher an Siebenbürgen.

Die Rückreise hatte ich mit dem Kurzaufenthalt über nach in Timisoara bereits gestückelt, jetzt sollte noch ein Nachmittag in Budapest die lange Zugfahrt entzerren. Ich weichte stundenlang im Rudas-Bad vor mich hin. Hier wollte ich schon länger mal hin, das Bad wirbt mit Panorama-Pool auf dem Dach und Thermalbecken mit türkischer Kuppel. Will man das alles besuchen, ist der Eintritt sehr teuer (ca. 20 Euro), und ich würde das wohl kaum nochmal ausgeben. Der Pool auf dem Dach ist sehr klein, ab Nachmittag wird es richtig voll im Bad und man muss schon wirklich mehrere Stunden bleiben, damit der Preis gerechtfertigt ist. Toll fand ich aber die Saunawelt und das Becken mit Kuppel ist auch sehr schön, solange es noch nicht so voll ist. Ich bin gegen eins gekommen, ab drei fand ich es recht voll. Danach habe ich mich noch mit meiner Arbeitskollegin getroffen, die zufällig mit ihrem Freund auch grad Urlaub in Budapest machte und wir waren auf dem Streetfoodmarket was essen und trinken.

Die Rückfahrt war dann anstrengender als gedacht, denn der geplante Liegewagen war nicht bereit gestellt worden sondern ein ganz normaler Wagen mit Abteilen. Ich kam schnell mit einer anderen Frau ins Gespräch, die mich auf meinen Turnbeutel ansprach, auf dem das Logo meines alten Arbeitgebers war. Wie sich schnell herausstellte, hatte sie für die gleiche Organisation genau wie ich zwei Jahre als Entsandte gearbeitet. Wir freuten uns schon, dass Sechser-Abteil wenigstens für uns zu haben. Dann hätten wir uns ausstrecken können, aber an der slowakischen Grenze stiegen noch Menschen zu, mit denen wir dann auch noch nett ins Gespräch kamen und selbstgemachten leckeren Wein aufgenötigt bekamen. Ich war irgendwann einfach nur hundemüde und freute mich, in einem halbleeren Abteil schlafen zu können, wo auch der Sohn der Familie schon pennte. Der war irgendwann weg - dafür waren auf einmal zwei vermutlich tschechische Jugendliche da, die Chips aßen und Cola tranken. Es war ja mitten in der Nacht und ich lag über drei Sitze ausgebreitet in meinem Schlafsack, so dass ich das schon skurril fand, aber schnell wieder einschlief. Irgendwann waren dann alle weg, was ich bei der Ausfahrt aus Dresden - ich wollte bis Berlin - feststellte. Der Zug war fast leer. Überraschenderweise waren wir pünktlich, ich erwischte den richtigen Regionalexpress und meine Reise kam bald zu einem Ende. 

Was für abenteuerliche Tage - vom Zelten auf dem Festival, übers Duschen im Garten bis hin zum Zug nach Hause. Ich war müde und kaputt, aber auch voller schöner Eindrücke, als ich meinen Rucksack auspackte. Holzstock-Festival 2018 ist schon abgemacht. Einen schöneren Anlass jährlich wiederzukommen, könnte es kaum geben. 


Montag, 4. September 2017

Und immer wieder Rumänien... 10 Jahre lang

2007 bin ich das erste Mal nach Rumänien gereist. Jahrhundertsommer (damals wussten wir noch nicht, dass es Normalität werden würde). Leute starben einfach an der Hitze. Auch in Rumänien. Und ich besuchte: Cluj, Sibiu, Sighisoara, Brasov, Bran, Bukarest. Das war im August 2007. Im August 2017 war ich wieder in Rumänien. Ich muss zählen, das wievielte Mal: das neunte. Inzwischen habe ich fast alles gesehen, die meisten Städte, die meisten Sehenswürdigkeiten, die die Reiseführer anpreisen. Maramures, Moldau, Siebenbürgen, Banat, Schwarzmeer, Donaudelta - der Süden fehlt, aber der taucht auch in keinem Reiseführer auf. 

2007 - ich habe wohl vor allem das Klischee gesucht.


Zehn Jahre, in denen ich einem Land bei einer Veränderung zugeschaut habe. Heute vermisse ich die Personenzüge, die ich bei meiner ersten Reise erlebt habe. Aber auch heute noch bin ich begeistert beim Anblicken dieser Landschaften. Außerdem verbinde ich Rumänien inzwischen mit Menschen, die Orte mit Ereignissen. Ich liebe das Land anders, vielleicht tiefergehender. Ich schüttele immer noch an Küchentischen ungläubig meinen Kopf über so manche rumänische Eigenheit. Aber jedes Mal, wenn ich da bin, wünsche ich mir inzwischen, wieder zu kommen und länger zu bleiben. 

2017 suche ich vor allem die Magie dieser Kirchenburg.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Kreuz und quer durch Tiflis - Georgiens Hauptstadt als Abschluss


Die letzten Tage unseres Urlaubs verbrachten wir in Tiflis, georgisch Tbilisi, und erkundeten die Stadt. Wir hatten drei volle Tage dafür und am vierten mussten wir in aller Frühe am Flughafen sein, um über Istanbul zurück nach Deutschland zu fliegen. Da blieb genug Zeit für Walking Tour, Befreiungstagsfeier, Besichtigung der Riesen-Kathedrale und ganz viel Zeit in Cafés und Restaurants verbringen. 

Mit unserer Unterkunft hatten wir etwas Pech. Zunächst waren wir bei einer skurrilen älteren Russin gelandet, die über ein kleines Reich an Zimmern waltete und ganz genau wusste, wo wir unsere Rucksäcke am Besten abstellen sollten, während sie die Bedienstete schickte, uns das Bett zu beziehen. Eigentlich war das Zimmer (und das Frühstück!) aber sehr gut, gemessen daran, was uns danach erwartete. Wir wollten uns nämlich noch mal so eine richtig schöne Unterkunft gönnen zum Abschluss. Das Hotel Check-In erwies sich da aber als schlechte Wahl. Zunächst konnten wir nicht einchecken, weil sie unsere Buchung versemmelt hatten. Dann war niemand da, als wir morgens die Rucksäcke schon mal dalassen wollten. Die Unterkunft war solala, wie man das so kennt, mehr Schein, als sein. Das Waschbecken hatte ein Loch, besonders sauber war es auch nicht... Und zum Schluss hielt man unsere Rucksäcke als Geiseln, weil sie glaubten, wir hätten den Balkonschlüssel verschlampt.

Davon ließen wir uns aber die Urlaubsfreude nicht trüben - immerhin waren wir in Tiflis! Und gleich am ersten Tag starteten wir zu einer Free Walking Tour, die von einer charismatischen Ukrainerin geführt wurde, die uns in über vier Stunden quer durch die Stadt jagte - super, um einen ersten Überblick zu bekommen. Die Walking Tour ist wirklich zu empfehlen, auch wenn ich etwas bemängelte, dass die nicht so schönen Ecken ausgespart wurden. Dafür erzählte die Ukrainerin sehr viel über die Georgier (sie lebte mit einem zusammen). Schön fand ich auch, dass sie sich anders als Einheimische den Blick von außen ein Stück weit bewahrt hatte. Toughe Person, schöne Tour, klasse Einstieg in die Stadt. Den versteckten Wasserfall mitten in der Stadt hätten wir zum Beispiel auf eigene Faust wohl kaum gefunden. Nach dieser Tour gabelten wir abends einen Türken, der in Kutaisi ein Hostel eröffnen wollte, und einen Syrer, den er im Schlepptau hatte, auf und gingen zusammen trinken. 

Der nächste Tag war dann ganz dem Fest der Befreiung von den Faschisten gewidmet. Es war der 9. Mai, in einem Park in Tiflis war eine große Kranzniederlegung angekündigt. Wir verliefen uns erst ein wenig am Stadion, dann hatten wir es gefunden. Und wow, uns bot sich ein interessantes Bild. Leute stellten Bildchen von Stalin auf, Veteranen umarmten Kinder und nahmen Blumen entgegen und drumherum ganz viele Fernsehkameras. Es zeigte sich zudem wieder mal das fragile Konstrukt der georgischen Identität - ein Mensch mit angeheftetem Andreasband geriet am Rande der Feierlichkeit im Park mit Passanten darüber in Konflikt. Das Andreasband steht für die russischen Streitkräfte. Jemand entriss ihm den Anstecker und versuchte, das Band anzuzünden. Ein Handgemenge entstand, aber keine ernsthafte Prügelei. Trotzdem interessant - die Sowjetunion wird verehrt, aber Russland ist der große Feind? Hach, früher war alles besser (oder nur einfacher?)...

Außerdem besuchten wir an dem Tag noch einen Kunst- und Antiqitäten-Freiluftmarkt und kauften in der Altstadt Wein und Gewürze. In einem Laden, der versprach "no tourist prices" zu haben, gab es nicht nur großartige Gewürze, sondern die Preise waren tatsächlich sehr moderat. Der Verkäufer hielt mir einige Gewürzdosen unter die Nase und in meinem Gehirn explodierten förmlich die Synapsen. Ein Geruch war herrlicher als der andere und nach wenigen war ich unfähig, weiterzuriechen von so vielen Eindrücken. Ich nahm schließlich "Swanetisches Salz", "Für alles"-Gewürz und gemahlenen Koriander mit. Ich habe es bereits getestet und mein Favorit ist tatsächlich das Swanetische Salz. Yummy!

Unser letzter Tag war ab Mittag ziemlich verregnet. Ich wurde stundenlang nicht mehr richtig warm, weil die Nässe meine Hosenbeine hochkroch, aber ich hielt tapfer durch. Dafür hielt der Tag noch kulinarische Entdeckungen für uns bereit später. Zunächst ging es also los, die Post suchen. Ganz nebenbei entdeckten wir noch ein nettes Viertel jenseits des Flusses und abseits der Straßen, die uns als Orientierung dienten. Und die Nutella-Bar. Das war eine Art Eis-Milkshake-Süßigkeiten-Bude, wo man alles mit ganz viel Nutella drauf bekommen konnte. Scheinbar ganz frisch aufgemacht. Wir bestellten zwei Nutella-Shakes, an denen wir fast starben. Vielleicht auch daran, dass der (vermutliche) Besitzer aller drei Minuten neben uns stand und uns noch etwas kostenlos hinhielt - eine Erdbeere mit Nutella, ein kleiner Becher mit Eis oder einfach einen Löffel Nutella! Wir glaubten nicht daran, je wieder essen zu können. 


Nachdem wir dann die Post erledigt hatten, steuerten wir die gigantische Kathedrale an. Größer als die St. Sava in Belgrad (und das will was heißen), einfach nur riesig. Und sogar fertig (kann man von der St. Sava immer noch nicht sagen, oder?). Ich will nicht wissen, was das Ding gekostet hat. Größenwahn in seiner Reinform. Haben wir das also auch mal gesehen. Was sollten wir noch mit dem Regentag anfangen? Im Café rumsitzen ist natürlich im Urlaub die absolut richtige Antwort. Wir entdeckten das zauberhafte Café Leila und blieben stundenlang. Limonadenlang. Inzwischen konnten wir auch wieder essen und taten es. Es gab eine leckere vegetarisch-vegane Auwahl. Bevor es aber dazu kam, wärmte ich meinen ausgekühlten Körper im Schwefelbad. Und das war so... 


Die Schwefelbäder in Tiflis gibt es mit privaten Becken zu unterschiedlichen Preisen, aber man muss schon sehr viel Glück haben oder zu einer seltsamen Zeit kommen, um ein freies Becken zu erwischen. Tags zuvor war uns das nicht vergönnt. Außerdem gibt es das öffentliche Bad - allerdings gab es hier nur für die Herren auch Becken, für die Damen lediglich Duschen mit Schwefelwasser. Da gingen auch die Georgier*innen hin, um sich mal gründlich zu schrubben. Ich beschloss also, durchgefroren, wie ich war, eine heiße Schwefeldusche könne nicht schaden. Und begab mich zum Bad. Ich bezahlte Eintritt und irrte durch ein Gewirr von Gängen. Hier machte eine Frau der anderen die Haare, hier aß eine ihr mitgebrachtes Abendbrot, hier unterhielten sich zwei. Schließlich kam ich er Sache näher. Ob ich Seife kaufen wollte? Öh, nee. Man gab mir ein einfaches Baumwolltuch, also ohne Frottee - mein Handtuch und eine Dame wies mir einen Spind an. Nun hieß es blankziehen und ab in die Gruppendusche. Hier standen schrumpelige und nichtschrumpelige, aber tatsächlich überwiegend alte Frauen und schrubbten sich gründlich. Ich suchte mir einen Platz, drehte das Wasser auf und ließ das Heilwasser auf mich prasseln. Tat das gut! Ich genoss eher einfach das fließende heiße Wasser, dessen Temperatur man regulierte, in dem man normales kaltes Leitungswasser dazu mischen konnte. Ich brauchte es aber gerade sowieso sehr warm. Minutenlang stand ich da, ich kann gar nicht sagen, wie lange ich einfach nur die Kälte abwusch. Irgendwann war ich fertig, mein Spind wurde wieder aufgeschlossen, ich zog mich wieder an. Und fühlte mich augenblicklich viel besser. Frohgemut ging ich ins Café Leila zurück, wo meine Reisegenossin auf mich gewartet hatte...

Ich aß nun auch noch was von dem super leckeren Angebot des Cafés und wir saßen noch etwas rum. Was sollten wir noch mit dem Tag anfangen? Noch ein wenig durch die Stadt streifen? Eigentlich war der Plan gewesen, vielleicht auch noch in einer Bar einzukehren, aber bei dem Regenwetter hatten wir wirklich überhaupt keinen Spaß daran. Wir endeten unsere Georgien-Reise im wunderbaren Abajuri und ließen uns dort auch ein Taxi zum Flughafen rufen. Den Plan, mit dem Bus zu fahren hatten wir aufgrund des strömenden Regens aufgegeben. Im Taxi dann noch eine kleine Offenbarung - der Taxifahrer sprach Französisch! In all den Tagen hatten wir uns mit dem Russisch meiner Reisegefährtin gut durchgeschlagen, ein bisschen Englisch hier und da, aber auf die Idee, es mit Französisch zu probieren, war ich nicht gekommen. 


Meine Empfehlungen in Tiflis:
  • Der Blick von oben! Von Mutter Georgien oder der Burg aus bietet sich ein schönes Panorama ebenso vom Café Flowers auf der anderen Seite des Flusses. Und eine Seilbahnfahrt ist auch zu empfehlen (ganz normal mit einem Ticket vom öffentlichen Nahverkehr). 
  • Abends und nachts werden der Fernsehturm und die Freiheitsbrücke angestrahlt. Die Freiheitsbrücke sieht dann aus wie eine überdimensionierte EU-Flagge... Der Fernsehturm leuchtet in georgischen Nationalfarben rot-weiß, wenn nicht gerade Europatag ist, dann natürlich auch blau-gelb. Die Georgier wissen schon, wo sie liegen auf der Landkarte, oder? Naja, ist wohl noch Eurasien, meinen manche... 
  • Den Blick von oben mit der Nachtansicht kombinieren :) 
  • Durch die Straßen treiben lassen und wunderschöne Gassen entdecken, aber auch Orte, wo die Häuser nur noch von schweren Metallpfeilern vorm Einstürzen bewahrt werden. Schrottreife Autos und witzige Streetart - zum Beispiel die ganzen Schafe...



Und hier noch eine Auswahl an Lokalen in Tiflis: 

Das Prosepero's Books and Caliban's Coffee auf der Rustaveli Ave. 34 liegt in einem schönen Hinterhof, hat Snacks, Tee und Kaffee. Im Buchladen gibt es viele englische Bücher und eine kleine feine Auswahl Postkarten.

Das Zoestan auf der Vakhtang Beridze Str. 5 ist ein cooler Ort zum Abhängen, Trinken und Locals kennenlernen (die aber leider im Versuchsfall, sehr jung und sehr betrunken und sehr schnell hoffnungslos in die Fremde verliebt waren). Eine eher Underground-Bar und ein bisschen heruntergekommen, aber mit viel Charme. 


Das Abajuri, weil einfach wunderschön! Ganz wunderbar lässt sich auf der Gallerie um den Innenhof sitzen, die Inhaber sind super nett und auch das Interieur ist sehr schön. Zu finden in der Kote Afkhazi 5/7. 

Und das Café Leila, welch ein zauberhafter Ort. Super leckeres Essen und hausgemachte Limonaden, sehr gemütlich und hübsch orientalisch. In einer kleinen Gasse gelegen und zwar der Erekle 2. 



Sonntag, 16. Juli 2017

Von den Weinhängen Georgiens in die Steppe - Signagi und Dawit Garedscha

Die Reise nach Georgien führte uns nach dem Aufenthalt in Kutaissi und einem kurzen Zwischenstopp in Gori weiter nach Signagi. Hier sind wir im Herzen der Weinregion, in einem zauberhaft schönen Ort gelandet.


Signagi liegt auf einem Hügel und ist umgeben von einer weitläufigen Wehrmauer. Der Ort ist malerisch, kaum ein hässlicher Neubau verschandelt das Bild der Kopfsteingassen, Ziegeldächern und Holzbalkone. Einige Kirchtürme dazugetupft und die Betrachterin schwelgt im idyllischen Anblick. Wenn dann am Horizont auch noch die schneebedeckten Gipfel auftauchen, grenzt das Bild an Perfektion.

Unsere Unterkunft war einfach und das Zimmer sehr klein, aber die Tür ging direkt auf die schöne Veranda der Gastgeber,  auf der sie uns auch das Frühstück servierten und zum Weintrinken nötigten. Ansonsten machten wir einfach viel die Umgebung unsicher. Da gibt es einiges zu entdecken. Zum einen lohnen sich Streifzüge durch den Ort. Es gibt zwei Kirchen, wovon eine scheinbar nur noch eine Ruine ist. Dafür kann man auf die St.-Stefans-Kirche hochsteigen und schöne Bilder machen. Auch die Wehrmauern kann man erklimmen und ein Stück darauf lang laufen. Am Ende befindet sich ein Aussichtsrestaurant mit Blick über die weite Landschaft. Natürlich nahmen wir diese Möglichkeit zur Stärkung gern an.

Um nicht nur den kulinarischen Genüssen in Georgien zu fröhnen, sondern auch von der kulturellen Seite etwas mitzubekommen, wollten wir auch das Kloster Bobde aufsuchen. Der Komplex rund um ein Frauenkloster überrascht mit für Georgien exzellenter touristischer Infrastruktur - Toiletten und ein Besuchercafé. Allerdings kamen Touristen auch Busladungsweise an. Wir unternahmen den Spaziergang zur Quelle der Heiligen Nino, was ein schöner Weg durch den Wald war und ein etwas anstrengenderer Wiederaufstieg zum Kloster. Bobde liegt nur wenige Kilometer von Signagi entfernt und ist gut zu Fuß zu erreichen, auch wenn wir an der Landstraße entlang laufen mussten. 

Das Bobde-Kloster war nun nach Gelati und Motsameta bei Kutaisi das dritte, das wir besuchten. Kaum verwunderlich in einem Land, in dem die Orthodoxie gerade wieder erstarkt und das sich rühmt, neben Armenien das erste christliche Land gewesen zu sein. Da wir noch mehr vom Land sehen wollten, suchten wir auch noch eines der Höhelnklöster, von denen es in Georgien mehrere gibt, auf. Dawit Garedscha liegt nahe der aserbaidschanischen Grenze in einer steppenartigen Landschaft. Wir hatten mit einem Taxifahrer um den Preis gefeilscht und dann beinahe das Taxi doch nicht genommen, weil uns einige Lehramtsstudentinnen unbedingt mit ihrem Minibus mitnehmen wollten. Das sorgte für etwas Irritation mit dem Taxifahrer, der auch entsprechend miesgelaunt startete. Wir fuhren zunächst Richtung Sagaredscho, was aufgrund des Fahrverhaltens des Mannes am Steuer schon abenteuerlich genug war und dann auf immer dreckpistenartiger werdenden Wegen zum Kloster. Wir wurden ordentlich durchgeschüttelt, Steine flogen zur Seite, wir sahen die Tierwelt der Steppe und die eindrucksvollen Sedimentsschichten der umliegenden Hügel. Hier sagten sich vielleicht nicht Fuchs und Hase "Gute Nacht" (oder doch?), aber eine Schildkröte sagte uns am Straßenrand zumindest auf der Rückfahrt "Auf Wiedersehen!" 

Zunächst sahen wir uns aber das Kloster an. Da es noch von Mönchen bewohnt wird, sind nicht alle Bereiche zugänglich. Die Toilettenanlagen und die touristische Infrastruktur lassen hier eher zu wünschen übrig - man sollte selbst Snacks und Wasser und Klopapier mitbringen. Das Kloster an sich ist eine recht große, beeindruckende Anlage. Auch hier gibt es eine Quelle, die am Fels oberhalb des Klosters zu entspringen scheint. Und wenn man noch weiter läuft, kommt wohl noch eine kleine Kapelle. Ich habe mich auf den Weg gemacht und ein paar beeindruckende Blick über die Hügel gewonnen, aber schließlich doch vor der Sonne und Hitze kapituliert und bin umgedreht. Vielleicht war das gar keine schlechte Entscheidung und ich habe einen schlimmen Sonnenbrand vermieden. 

Bei der Rückfahrt ließen wir uns von unserem Taxifahrer in Sagaredscho rauslassen. Hier wollten wir eine Marschrutka Richtung Tiflis nehmen, die wir auch schnell fanden und die uns schon bald in die Hauptstadt brachte. 


Donnerstag, 15. Juni 2017

Frisch!

Ich hatte einen richtig schönen Abend gehabt. Dass ich das Landleben genieße, das passiert ja eher selten in letzter Zeit. Meistens hetze ich hin und her und sehe nur, was alles noch zu erledigen ist, den Kopf voller Sorgen. Aber dieser Abend war anders: Ich habe mich mit diesen Menschen, die ich kaum kannte, sofort wohl gefühlt. Ich habe eher aus Vernunft kurz vor zwölf gesagt, dass ich mich besser hinlege. Und ich hätte mich am Liebsten auf Arbeit krank gemeldet und wäre mit ihnen weitergereist. Aber am Ende bin ich doch ein pflichtbewusster Mensch und nach ein wenig Bier und Schnaps, nach spannenden Gesprächen, mit übervollem Magen voller Grillgut knüllte ich schließlich auf der Couch und checkte nochmal, ob der Wecker auch auf 6:30 gestellt war. 

Als es hell wurde, wachte ich jedoch schon auf und um sechs beschloss ich dann, nicht weiter zu versuchen, zu schlafen. Ich schmierte mir noch ein Brötchen, putzte mir die Zähne, zog mir das nach Mückenspray und Schweiß riechende Shirt vom Abend wieder über und beschloss, bevor ich auf Arbeit fuhr, noch beim Steinbruch zu halten und die Dusche durch ein Bad im kühlen Wasser zu ersetzen. Ich packte alles ins Auto, was ich mitnehmen musste, legte mir mein Handtuch bereit und lenkte nach wenigen Kilometern auf den Feldweg ein, der zum See im Steinbruch führte. Ich parkte am Feldweg, nahm das Handtuch und lief die letzten Meter zum See. Mir fiel das Schild des Anglervereins ("Vereinsgewässer! Angeln nur für Mitglieder") und "Betreten verboten!" auf, beim letzten Besuch hatte ich das nicht gesehen.

Es war kurz nach sieben, höchstens 7:15 Uhr. Der Anblick des Steinbruchs war bezaubernd - das Wasser kräuselte sich nur ganz leicht und der See lag sehr ruhig. Ich war ganz allein. Ich hängte mein Handtuch an einen Baum, ließ die Klamotten zurück und stieg nackt in das kalte Wasser. Es war kalt, aber angenehm und ich fühlte mich nach der kurzen Nacht und trotz des kleinen Katers, den ich hatte, erfrischt. Ich schwamm nicht lange, nur eine winzige Runde, nur um einen klaren Kopf und einen guten Start in den Morgen zu haben. Als ich wieder draußen war, rubbelte ich mich ab und stellte noch fest, dass ich ausreichend nüchtern war, um Auto zu fahren - das Balancieren auf einem Fuß, um die Socken und Schuhe anzuziehen, gelang mir recht gut. Ich warf auch das Shirt wieder über und schlüpfte in die Jeans, ich würde doch noch kurz zuhause vorbeischauen, um zu duschen, bevor ich auf Arbeit ging. 

So schlenderte ich mit dem Handtuch auf dem Arm zurück zum Auto. Und mir entgegen kam ein Polizeiauto. Die Polizisten schienen Streife zu fahren. Kurz nach sieben Uhr morgens, auf einem Feldweg an einem Steinbruch zwischen kleinen Dörfern irgendwo in der sächsischen Provinz. Sie hielten an und stiegen aus. Ich verlangsamte meine Schritte und überlegte, ob ich auf sie zugehen sollte. Ich konnte nicht leugnen, dass ich gerade gebadet hatte, oder was sollte ich sagen? Schließlich waren meine Haare nicht nass, also vielleicht konnte ich es auch abstreiten. Und mein Auto, durfte das da am Feldweg stehen? Der ältere der Polizist unterbrach meine Bedenken. "Alles in Ordnung.", meinte er und schickte ein "Frisch!" hinterher. Ja, frisch fühlte ich mich.

Samstag, 10. Juni 2017

Gori - Stalin und Völkerfreundschaft

Ich werde es gleich zu Anfang sagen: Stalins Geburtsstadt ist wirklich nicht besonders sehenswert. Das Museum ist interessant, vor allem wie es aufgezogen ist, ansonsten kann man noch einmal zur Burg hochklettern und das war es dann auch - eigentlich muss man hier keine Übernachtung einplanen. 

Wir hatten uns für einen Besuch in Gori entschieden, weil es strategisch günstig zwischen Kutaissi und Tiflis liegt, mit dem Zug zu erreichen ist und, eben, weil es doch irgendwie interessant ist, Stalins Geburtsort zu besuchen, umso mehr, wenn es da noch ein Museum ihm zu Ehren gibt. Wir stolperten aus dem Bahnhof heraus gleich mal instinktiv in die falsche Richtung, um dann einen relativ langen Fußweg Richtung Innenstadt anzutreten. Hinter dem Stalin-Museum gab es zwar eine Touri-Info, die aber entgegen der angezeigten Öffnungszeiten geschlossen hatte. Sie wurde von der deutschen GTZ finanziert, wie auf einem kleinen Schild zu lesen war, weswegen uns das Nicht-an-die-Öffnungszeiten-halten unverschämter vorkam, als ohnehin schon. Schließlich nahmen wir ein Taxi zu unserer Unterkunft, da wir einfach überhaupt keine Orientierung hatten. 

Wir waren in einer kleinen Pension untergebracht, wo gleichzeitig fünf Tschechen nächtigten und uns wurde gleich noch ein Abendessen angeboten, was wir gleich noch "zubuchten". Allzu vielversprechend erschienen uns die kulinarischen Möglichkeiten nach unserem Fußmarsch zu urteilen nicht in Gori. Wir erklommen vorm Abendessen noch die Festung, von der man einen schönen Ausblick über die Stadt hatte und ließen uns dann mit drei der Tschechen am Tisch nieder. Die Hausherrin hatte gekocht und aufgetischt und, verkaufstüchtig wie sie war, schwatzte sie uns gleich noch ein paar Flaschen selbstgemachten Wein auf. Wir sprachen dem Wein zu, wir unterhielten uns prächtig und fielen irgendwann zufrieden in unsere Betten. Die Tschechen erfüllten das Klischee, dass ich von ihnen habe: Außerhalb ihres Wohnsitzes sind sie eigentlich nur mit voller Trekking-Ausrüstung anzutreffen und auch gerade dabei, die nächste Bergtour zu planen. Ich habe auch schon Tschechen getroffen, die nicht in dieses Muster passten, aber unsere Abendgesellschaft war defintiv gerade am Überlegen, welche Berge sie sich aufgrund der Witterung am Besten vornehmen sollten. Unsere Wege trennten sich also nach dem Frühstück am nächsten Morgen, denn wir wollten das Stalinmuseum angehen. Doch vorher kam noch die ernüchterte Feststellung - kein Kater, kein Kopfschmerz, kein flauer Magen. Ein Weingelage ohne Folgen? War es vielleicht wirklich ein ganz besonderer Wein, den die Georgier da kelterten?

Das konnten wir an dem Tag nicht weiter klären, erstmal ging es zum Stalinmuseum. Das Museum wurde 1957 dem Generalissimus gewidmet. Seither scheint sich darin nicht viel verändert zu haben. Prächtige Hallen mit hohen Decken, ein cleverer Aufbau, der die Aufmerksamkeit immer wieder auf Portraits oder Büsten lenkt - das Gebäude ist ziemlich prunkvoll. Der Inhalt ist voll an Glorifzierungen, Bildern von Stalin und allen möglichen Menschen, die ihm die Hand schütteln. In einem Schaukasten war dann mal zu sehen, welche Georgier*innen während des Stalinismus verfolgt wurden, aber ansonsten drehte sich alles um die Verherrlichung dieses Mannes. Wir haben etwa eine Stunde gebraucht, uns aber auch nicht jede Info durchgelesen (wenn es nur auf georgisch und russisch war, musste ich eh passen). Danach ging es noch zu Stalins Reisewaggon, der nichtssagender kaum hätte sein können - meines Erachtens waren alle Gegenstände mit Hussen verhüllt, was ja auch Sinn macht, bei ziemlich alten Möbeln, wofür ich aber wiederum nicht extra Eintritt zahlen möchte. Das kann man meiner Meinung nach weglassen. 

Interessant war, dass es Menschen gab, die da weniger touristisch rangingen als wir. Vor dem Waggon machte eine Abordnung der chinesischen kommunistischen Partei (wie ich vermutete, ich kann aber auch komplett daneben liegen) ein Foto. Wenn man noch nicht genug von Stalin hat, kann man sowohl im Museumsshop als auch hinter dem Museum noch Touristennippes kaufen. Ich hätte ja eine Postkarte vom jungen Stalin mitgenommen, um jeden zu zeigen, dass der heute als heißer Hipster durchgehen würde, die gab es aber leider nicht. 

Auch in Gori holte uns die neueste Geschichte wieder ein - 2008 gab es Kampfhandlungen in der Stadt, als die russische Armee im Land war. Gebäude wurden bombardiert, noch heute sieht man an vielen Gebäuden Einschusslöcher. Und wieder schaffen es die Georgier, ihr nationales Gefühl irgendwie zurechtzubasteln. Stalin war ein Guter, aber die Russen sind die bösen - da wird ganz schön viel Geschichte passend gemacht auf nur ein paar Quadratkilometern.

Wir hatten in Gori am Wein genippt und daher zog es uns an Tiflis vorbei nach Kachetien - die Weinregion Georgiens. Nach einem Marshrutka-Wechsel in Tiflis saßen wir in einem Kleinbus nach Signagi - wo weitere Abenteuer auf uns warteten...