Hier nun also die versprochene
Geschichte. Wir stapften, schweißgebadet und fast ohne
Wasserreserven, den Vrmac wieder herunter. Uns waren sehr wenige
Zeichen der Zivilisation begegnet, wenige verstreute Wanderer,
darunter ein Nudistenpaar und zu Anfang sogar eine Gruppe mit Auto,
die etwas im Schilde zu führen schien. Spätestens als der Weg aber
unpassierbarer war, waren wir die meiste Zeit allein – von den
unzähligen Spinnen, die mit Vorliebe ihre Netze zum Fangen von
Touristen quer über den Wanderweg woben, mal abgesehen. Unsere
Erfahrungen aus Rumänien sagten uns, dass Hunde und Berge keine gute
Kombination sind. Als wir also die zwei kläffenden Exemplare bemerkten,
waren wir sehr froh, zu sehen, dass sie angekettet waren. Ich bin
zwar prinzipiell kein Freund der Kettenhaltung, aber zerfleischt
werde ich auch nicht gern. Zu den Hunden gehörte ein Haus und dazu
eine Besitzerin. Ich fragte sie sogleich, ob sie Wasser hätte und
zwar in einem schönen zurechtgelegten Serbokroatischen Satz. Mein
„Imate li vi vodu?“ wurde beantwortet und ich verstand so viel:
Izvor. Das bedeutet nämlich nicht nur in den slawischen Sprachen
sondern auch auf Rumänisch Quelle. Wasser hatte sie also keines für
uns, aber ob wir nicht Käse kaufen wollten? Das war so ungefähr das
naheliegendste, was man zwei dehydrierte Wanderer, die großen
Respekt vor den Hunden hatten, fragen konnte. "Danke, außerdem zwei
Karten für die Sieben-Uhr-Vorstellung.", wäre wohl eine passende Antwort gewesen. Wo wir aber schon mal da
waren, kauften wir ein Laib Käse. Er war relativ hart, also schon
ein wenig gereift, weiß und hatte kleine Löcher. Irgendwas zwischen
dem frischen Schafs- oder Ziegenkäse im Feta-Stil und einem Gouda.
Er kam auch von den Ziegen, die wir auf dem Berg gesehen hatten,
zumindest entnahmen wir das der Konversation. Wir: „What kind of
cheese?“ Große Augen bei der Käsefrau. Wir: „Mäh?“ Sie:
„Mäh!“ Vielleicht also auch von Schafen. Wir bekamen eine Tüte
für den Käse und verstauten ihn im Rucksack. Außerdem gab es noch
den Hinweis, dass der Käse schon mal einen Tag ohne Kühlschrank
aushalten könne, dann sollte er aber wieder rein. Alles klar. Und
auf gings, den Berg hinunter. Was dann kam, habt ihr ja im
Kotor-Kapitel bereits erfahren. Ich möchte nur noch anfügen, wie es
dem Käse erging. Er wurde natürlich sogleich probiert und über
Nacht im Kühlschrank verstaut. Am Morgen kam er wieder in seine Tüte
und seine Tüte in den Rucksack. An der nächsten Station in Cetinje,
gab es ebenfalls einen Kühlschrank. Wir steckten den Kühlschrank in
die Steckdose und packten den Käse rein. Einen Tag später hieß es
weiterziehen. Der Käse verströmte da schon einen etwas intensiveren
Geruch. Wir stellten fest, dass der Kühlschrank zwar am Stromnetz
hing, aber auf Stufe „0“ von fünf möglichen Stufen stand.
Trotzdem, der Käse wurde in drei Tüten gepackt und wanderte wieder
in den Rucksack. Und wir wanderten weiter. Verbrachten einen heißen
Tag am Skadarsee und stiegen in einen noch heißeren Nachtzug nach
Belgrad. Im Abteil müffelte es schon ganz schön. Aber das könnte
auch an den Stinkefüßen der vier Mitreisen und unseren vier
Duftpfötchen gelegen haben, an der Tatsache, dass wohl alle
schwitzen und ihren Urlaub ausdünsteten in das enge stickige Abteil.
Der Rucksack mit dem Käse wurde auf die obere Ablage neben der
obersten Liege befördert. Da war es richtig schön warm, denn warme
Luft zieht ja immer schön nach oben. Mein Mitreisender behauptet, er
hätte die ganze Nacht von Käse geträumt. Ich halte das für eine
Lüge. Nicht zu verleugnen war der Geruch dann allerdings, als ich
den Rucksack wieder sattelte und wir ausstiegen. Es stank extrem
käsig. Ich stank extrem käsig, wenn ich den Rucksack auf dem Rücken
hatte. Der Käse sah so nicht viel von Belgrad. Gleich am Bahnhof
neben den Toiletten landete er in einem Mülleimer. Hoffentlich hat
sich kein Penner den Magen dran verdorben. Das Käsewasser hatte sich
indessen durch drei Plastiktüten in meinen Rucksack durchgearbeitet
und ihn durchtränkt. Ich wurde den Geruch nicht los. Ich hätte
jeder Käseverkäuferin auf dem Markt das Geschäft für den ganzen
Tag ruinieren können, wenn ich mich einfach nur neben ihren Stand
gestellt hätte, meinte mein Reisebegleiter.
Die gute Nachricht ist: Der Rucksack
ist von allein wieder geruchsneutral geworden. Die schlechte: Wir
hatten bloß ein paar Häppchen vom Käse gegessen. Schade.
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