Sonntag, 24. August 2014

Es war einmal ein Käse, der reiste durch Montenegro

Hier nun also die versprochene Geschichte. Wir stapften, schweißgebadet und fast ohne Wasserreserven, den Vrmac wieder herunter. Uns waren sehr wenige Zeichen der Zivilisation begegnet, wenige verstreute Wanderer, darunter ein Nudistenpaar und zu Anfang sogar eine Gruppe mit Auto, die etwas im Schilde zu führen schien. Spätestens als der Weg aber unpassierbarer war, waren wir die meiste Zeit allein – von den unzähligen Spinnen, die mit Vorliebe ihre Netze zum Fangen von Touristen quer über den Wanderweg woben, mal abgesehen. Unsere Erfahrungen aus Rumänien sagten uns, dass Hunde und Berge keine gute Kombination sind. Als wir also die zwei kläffenden Exemplare bemerkten, waren wir sehr froh, zu sehen, dass sie angekettet waren. Ich bin zwar prinzipiell kein Freund der Kettenhaltung, aber zerfleischt werde ich auch nicht gern. Zu den Hunden gehörte ein Haus und dazu eine Besitzerin. Ich fragte sie sogleich, ob sie Wasser hätte und zwar in einem schönen zurechtgelegten Serbokroatischen Satz. Mein „Imate li vi vodu?“ wurde beantwortet und ich verstand so viel: Izvor. Das bedeutet nämlich nicht nur in den slawischen Sprachen sondern auch auf Rumänisch Quelle. Wasser hatte sie also keines für uns, aber ob wir nicht Käse kaufen wollten? Das war so ungefähr das naheliegendste, was man zwei dehydrierte Wanderer, die großen Respekt vor den Hunden hatten, fragen konnte. "Danke, außerdem zwei Karten für die Sieben-Uhr-Vorstellung.", wäre wohl eine passende Antwort gewesen. Wo wir aber schon mal da waren, kauften wir ein Laib Käse. Er war relativ hart, also schon ein wenig gereift, weiß und hatte kleine Löcher. Irgendwas zwischen dem frischen Schafs- oder Ziegenkäse im Feta-Stil und einem Gouda. Er kam auch von den Ziegen, die wir auf dem Berg gesehen hatten, zumindest entnahmen wir das der Konversation. Wir: „What kind of cheese?“ Große Augen bei der Käsefrau. Wir: „Mäh?“ Sie: „Mäh!“ Vielleicht also auch von Schafen. Wir bekamen eine Tüte für den Käse und verstauten ihn im Rucksack. Außerdem gab es noch den Hinweis, dass der Käse schon mal einen Tag ohne Kühlschrank aushalten könne, dann sollte er aber wieder rein. Alles klar. Und auf gings, den Berg hinunter. Was dann kam, habt ihr ja im Kotor-Kapitel bereits erfahren. Ich möchte nur noch anfügen, wie es dem Käse erging. Er wurde natürlich sogleich probiert und über Nacht im Kühlschrank verstaut. Am Morgen kam er wieder in seine Tüte und seine Tüte in den Rucksack. An der nächsten Station in Cetinje, gab es ebenfalls einen Kühlschrank. Wir steckten den Kühlschrank in die Steckdose und packten den Käse rein. Einen Tag später hieß es weiterziehen. Der Käse verströmte da schon einen etwas intensiveren Geruch. Wir stellten fest, dass der Kühlschrank zwar am Stromnetz hing, aber auf Stufe „0“ von fünf möglichen Stufen stand. Trotzdem, der Käse wurde in drei Tüten gepackt und wanderte wieder in den Rucksack. Und wir wanderten weiter. Verbrachten einen heißen Tag am Skadarsee und stiegen in einen noch heißeren Nachtzug nach Belgrad. Im Abteil müffelte es schon ganz schön. Aber das könnte auch an den Stinkefüßen der vier Mitreisen und unseren vier Duftpfötchen gelegen haben, an der Tatsache, dass wohl alle schwitzen und ihren Urlaub ausdünsteten in das enge stickige Abteil. Der Rucksack mit dem Käse wurde auf die obere Ablage neben der obersten Liege befördert. Da war es richtig schön warm, denn warme Luft zieht ja immer schön nach oben. Mein Mitreisender behauptet, er hätte die ganze Nacht von Käse geträumt. Ich halte das für eine Lüge. Nicht zu verleugnen war der Geruch dann allerdings, als ich den Rucksack wieder sattelte und wir ausstiegen. Es stank extrem käsig. Ich stank extrem käsig, wenn ich den Rucksack auf dem Rücken hatte. Der Käse sah so nicht viel von Belgrad. Gleich am Bahnhof neben den Toiletten landete er in einem Mülleimer. Hoffentlich hat sich kein Penner den Magen dran verdorben. Das Käsewasser hatte sich indessen durch drei Plastiktüten in meinen Rucksack durchgearbeitet und ihn durchtränkt. Ich wurde den Geruch nicht los. Ich hätte jeder Käseverkäuferin auf dem Markt das Geschäft für den ganzen Tag ruinieren können, wenn ich mich einfach nur neben ihren Stand gestellt hätte, meinte mein Reisebegleiter.

Die gute Nachricht ist: Der Rucksack ist von allein wieder geruchsneutral geworden. Die schlechte: Wir hatten bloß ein paar Häppchen vom Käse gegessen. Schade.

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