Ein wunderbarer Grund, wieder da zu sein, wo auch viele meiner Freunde sind, ist, dass ich wieder mehr mit ihnen unternehmen kann. In den letzten Jahren habe ich es nie geschafft, mit ihnen gemeinsam Urlaub zu machen und so war ich fest entschlossen, es diesmal durchzuziehen. Die Wahl fiel auf Polen, weil da alle günstig hinkommen konnten - mit dem Auto oder Flieger. Ich war an der Planung überhaupt nicht beteiligt, hätte es aber kaum besser machen können.
Fangen wir klein an - Breslau
Wir fuhren mit dem Auto einer Freundin gen Osten und unser erstes Ziel war Breslau. Hier hatten wir eine Wohnung am Hauptmarkt - Rynek - mit Blick über selbigen. Wir spazierten gleich ein wenig durch die Stadt und entdeckten das schöne jüdische Viertel. Bei der einzigen erhaltenen Synagoge der Stadt ließen wir uns im Hof bei einem Lokal nieder und tranken etwas. Später steuerten wir eine Piroggerei an, ein Lokal in dem man eine polnische Spezialität, nämlich gefüllte Teigtaschen - Pierogi - vespeisen konnte. Wir bestellten natürlich viel zu viel und erschraken kurz, als die Piroggen kamen, aber schließlich schafften wir alle bis auf zwei, drei Stück. Danach war nicht mehr viel los, wir waren von der Reise müde und genehmigten uns einen Wein in der Unterkunft.

Am zweiten Tag unserer Reise erkundeten wir die Stadt. Wir besuchten die Universität, wo wir den Fehler begingen, einen Audioguide für den Musiksaal zu nehmen, beziehungsweise gleich vier, für jeden von uns einen, so lauschten wir jeder für sich den durchaus interessanten Ausführungen, die nur leider nicht enden wollten. Zwischendurch gab es auch noch längere Musikstücke, und danach sprach wieder jemand in einem witzigen Deutsch einen Text über den ehrwürdigen Saal, einst eine Kapelle. Etwa 15 Minuten mussten wir es aushalten, den wir wollten dann schon auch alles hören. Bei den nächsten Räumen nahmen wir aber keinen Audioguide mehr - uns wurde aber auch keiner mehr angeboten. Zur Universität gehören auch ein kleines Museum, die Aula und eine Aussichtsterasse. Wir schauten uns alles an und blieben ein wenig auf der Terasse, um uns schöne Häuser auszusuchen, in denen wir gern wohnen wöllten und einfach ein wenig den Ausblick zu genießen.

Nach der Universität besuchten wir noch die Markthalle, die mich aber nicht so sehr beeindruckte, es war eben eine Markthalle, sowie die Dominsel. Die anderen gingen noch in eine der Ponton-Bars auf der Oder, ich zurück in die Unterkunft. Am Abend brachen wir noch einmal ins jüdische Viertel auf und gingen schließlich noch ein mal in das gleiche Lokal vom Vorabend - die Mleczarnia - und aßen und tranken. Damit der Polen-Urlaub so richtig beginnen konnte, orderte ich eine Runde Zubrovka-Bisongras-Wodka. Man musste an der Theke bestellen und auf die Getränke auch gleich warten und so schaute ich amüsiert der Kellnerin zu, wie sie den Wodka eingoss und das Bisongras, das auch immer mit aus der Flasche schwappte mit dem Finger nach jedem Schluck wieder zurückschob.
Es wird touristisch - Krakau

Nach Breslau ging es weiter nach Osten - auch in Krakau wohnten wir wieder in bester Lage, wenn auch nicht direkt "auf dem Marktplatz". In dem Haus war früher ein jüdisches Internat gewesen, wie man außen noch lesen konnte. Auch hier erkundeten wir natürlich gleich die Innenstadt - und stellten fest, dass es sehr viel touristischer war. Der Marktplatz war noch viel größer als in Breslau und drumherum standen Pferdekutschen und eine Art Golfcarts, die allesamt auf Touristen warteten, die durch die Gegend gefahren werden wollten. Wir waren verzückt von der Idee, zu viert mit einem solchen Ding durch Krakau kutschiert zu werden. Die kleinen Gefährte hatten hinter dem Fahrer zwei oder drei Bänke, also vier oder sechs Sitze und boten Stadttouren an. Eigentlich war es uns zu teuer, aber am Ende machten wir die Tour dennoch - natürlich mit Komplettprogramm: Jüdisches Viertel Kazimierz, Oskar Schindlers Emaille-Fabrik und ehemaliges Ghetto, Wawel-Schloss und Altstadt. Es war etwas unangenehm, neben einer Touristengruppe zu stehen und aus den Lautsprechern des Wägelchens dröhnte eine Ansage über die jeweilige Sehenswürdigkeit, aber es machte dennoch irgendwie Spaß, mit dem kleinen Elektrogefährt halsbrecherisch umher kutschiert zu werden.

In der Nacht gab es dann noch eine kleine Störung. Zwei der Gäste schlummerten seelenruhig im Schlafzimmer, während ich mit einer Reisegefährtin das geräumige Wohnzimmer in Beschlag genommen hatte. Mitten in der Nacht wurden wir von einem Türenknallen wach. Wir hatten das Fenster aufgelassen und die Flügeltür zum Zimmer ließ sich nicht richtig schließen, weil es keine Türklinke gab. Sie war wohl durch einen Luftzug auf und zu gegangen. Wir lagen noch eine Weile wach, während ich mit Gespenstern (es war schließlich irgendwann mal ein jüdisches Internat gewesen und mitten in der Nacht drehten meine Gedanken in unangenehme Richtungen) und die Zimmergenossin jederzeit mit Einbrechern rechnete. Jedes Geräusch kam uns verdächtig vor und schließlich schlossen wir das Fenster und legten meine Rucksack vor die Tür, um zu verhindern, dass diese noch mal auf und zu schlug.

Am nächsten Tag nahmen wir uns nach einem späten und ausgiebigen Frühstück das Krakau Underground Museum vor. Es ist eine Art multimedial aufgezogenes Stadtmuseum mit vielen interaktiven Tafeln. Es gibt pro Stunde nur eine begrenzte Zahl an Eintrittskarten, was auch sinnvoll ist, denn so muss man sich an den interaktiven Tafeln nicht prügeln, um auch mal lesen zu dürfen. Kartenverkauf und Eingang sind jeweils an zwei verschiedenen Orten im Gebäude der Tuchhallen, man muss also einmal um das Gebäude rum oder quer durch um rein zu kommen. In den Tuchhallen erwarb ich übrigens meinen zweiten Schal aus Krakau, genau wie der erste mit Blumenmuster, aber diesmal auf weißem Grund. Den ersten hatte ich mir bei einer Reise 2010 gekauft. Natürlich wird in den Tuchhallen auch viel Touristennippes verkauft, aber ich fand es trotzdem schön, ein so praktisches Andenken zu haben - und ich trage den ersten Schal bereits wirklich gern. Für das Museum braucht man etwa zwei Stunden, wenn man sich einiges Durchlesen will und Zeit nimmt, es geht natürlich auch schneller, aber ich fand es tatsächlich interessant. Viel drehte sich um die Stadtgeschichte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit - Sachen wie Wasserversorgung und traditionelle Berufe wurden erklärt.

Danach ging es noch auf den Wawel - auch wenn wir nicht mehr hereinkonnten, weil es zum einen zu spät war, zum anderen keine Karten mehr für den Tag gab. Die Polen schienen zwei Sachen zu lieben - Selbstbedienung in Kneipen und Begrenzung von Eintrittskarten. Danach spazierten wir ins jüdische Viertel und hangelten uns ein wenig durch die Lokale. Die angeblich "typisch jüdischen" Restaurants in der Szerokastraße enttäuschten uns - es gab nichts für Vegetarier und die Karten enthielten alle das gleiche auf Touristen abgestimmte Menü. Wir gingen schließlich in eine kleine Kneipe, wo es eine recht internationale Speisekarte gab und das Essen war solide, wenn auch die Kellnerin nicht besonders freundlich war, wenn sie uns denn mal bediente. Bei einem geschwinden Dreh auf dem Stuhl zog ich mir einen Splitter in den Po - eigentlich ja Oberschenkel, aber Po klingt dramatischer - ein, der mich den Abend noch ein wenig quälte. Auf eine Notoperation auf der Pub-Toilette hatte ich irgendwie keine Lust und selbst kam ich nicht ran. Nach dem Essen gingen wir noch ins angeblich legendäre Singer. Im Raucherraum gab es noch Tische für vier, aber leider einen super lauten Abzug, der den Raum ebenso rauchfrei machte, wie den Rest des Lokals. Musik gab es dafür keine und wir entschieden uns für den großen Tisch im Hauptraum - wir waren auch bereit, diesen mit anderen Gästen zu teilen.
Die Splitter-raus-Notoperation - als Desinfektionsmittel hielt dopelt gebrannter rumänischer Pflaumenschnaps aus dem Flachmann her - fand dann erst am Morgen statt. Noch ein letztes Frühstück stand an in einem zuckersüßen französichen Café, dann ging es für uns schon dem letzten Ziel entgegen - Warschau. Der Weg war beschwerlich, denn es gab zwischen Krakau und Warschau fast keine Autobahn, und so musste man sich gemeinsam mit vielen LKWs über die Landstraßen quälen. Aber schließlich kamen wir auch da an.
Hauptsache wir haben Spaß zusammen - Warschau

Die Zeit in Warschau war bestimmt von einem dauerhaftem Nieselregen. Der Ausblick von unserem vermutlich luxuriösem Appartment - hätte man nicht versucht, Schlafplatz für sechs Menschen zu schaffen, wäre es vielleicht sogar wohnlich gewesen - zeigte es uns schon - Warschau war anders. Hochhäuser dominierten die Skyline, es war eben sehr viel größer und vermutlich Polens Wirtschafts- und Finanzzentrum. Die Wohnung lag in einem Appartmentblock, wo der Wohnraum sicher nicht billig war. Es gab über dreißig Stockwerke, wir waren im 16. und zur Ausstattung gehörten Tiefgarage, Portier sowie Sauna und Schwimmbecken. Wir nutzen letzteres aus Zeitgründen nicht. Unsere Gruppe vergrößerte sich erstmal noch um eine Person und wir begrüßten auch die Freundin die mit uns die Stadt unsicher machen würde. Gemeinsam schlugen wir den Weg Richtung Innenstadt ein und nachdem wir in die falsche Gegend gelaufen waren und absolut nichts fanden, ließen wir uns in einer Pizzeria nieder. Die Pizza war gut, der Hauswein trinkbar, die Bedienung nett und die Vorspeisenplatte hatte nicht nur Fleisch zu bieten, sondern auch Käse. Zufrieden fielen wir alle auf eines der Sofa oder ins Doppelbett, die alle in diese kleine Wohnung gequetscht waren. Die Wohnung hatte sicher nicht mehr als 30qm, aber den Platz hatte man gut ausgenutzt. Auf AirBnB stand wohl, dass sogar sieben Personen hier schlafen könnten - vermutlich war der Sessel noch ausklappbar und als Schlafgelegenheit gemeint. Ich hatte mir jedenfalls die Ausziehcouch im Wohnbereich allein gesichert, die nicht besonders weich war, aber sehr viel Platz für mich allein bot.

Den zweiten Tag begannen wir mit amerikanischen Waffeln in der Waffle Bar, dann stand uns aufgrund des Nieselregens der Sinn nach Museum. Das vermutlich einzige Jüdische Museum auf der Welt, dass am Shabbat (Samstag) geöffnet ist, befindet sich in Warschau. Eine der Reisegefährtinnen erzählte, dass es im Vorfeld lange Diskussionen um das Museum gegeben hatten - als wir drin waren, war uns auch klar warum - man hatte sich einfach nicht einigen können, was man aus der über tausendjährigen Geschichte der Juden in Polen weglässt. Das Museum war riesig und vollgestopft mit Informationen, die man unmöglich alle aufnehmen, geschweige denn behalten konnte. Vom Jahre 800 an wurde gefühlt das Leben jedes einzelnen Juden, der jemals polnischen Boden betreten hatte in allen Details nacherzählt. Was man weggelassen hatte, war allenfalls die Rolle der polnischen Bevölkerung beim Holocaust. Die Frage, ob diese das mitbekommen hatten, als das Ghetto brannte, wurde damit beantwortet, dass sie durch den Krieg ohnehin viel Leid erlebten und ihre eigenen Probleme hatten. Und damit ist in Polen wohl jede Diskussion beendet. Immerhin wurde auch berichtet, dass es Juden gab, die von ihren nicht-jüdischen Nachbarn erpresst wurden, dass sie sie an die Gestapo verraten würden, im allgemeinen schien die Judenverfolgung in Polen aber eine Sache zwischen den Nazis und den Juden zu sein. Schade, aber vermutlich momentan noch nicht aufzuarbeiten, welche Rolle die polnische Bevölkerung da wirklich gespielt hatte. Nach fast vier Stunden war ich mit der Ausstellung fertig und hatte, weil ich nicht mehr aufnahmefähig war, sogar die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg übersprungen. Was soll ich sagen, es ist irgendwie schon sehenswert, aber man sollte viel Zeit mitbringen oder sich klar werden, dass man nicht alles sehen kann und selektiver rangehen. An sich ist das Museum aber sehr schön gemacht, mit Schautafeln, Objekten aus der jeweiligen Zeit und interaktiven Touchscreens.

Nach diesem Museummarathon mussten wir dringend mit Piroggen unsere Kraft zurück gewinnen. Danach gingen wir noch in ein italienisches Restaurant mit schickem Klientel, allerdings nur um eine Flasche des billigsten Weins auf der Karte und zwei Hugo zu bestellen, der allerdings in Polen scheinbar ohne Minze gemacht wird. Damit war unsere Reise auch schon vorbei. Geprägt war sie von viel Essen und Trinken, ein bisschen Kultur, vielen Päuschen und dem Akzeptieren der Tatsache, dass man in zwei Tagen pro Stadt nicht alles sehen kann.
Hier noch mal die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Lokale:
Breslau
Universität, Eintritt für alles 12 Zloti, Audioguide kostenlos
Mleczarnia - Lokal im jüdischen Viertel, Selbstbedienung, Essen ok, Atmosphäre sehr schön, breite Getränkekarte
Central Café - super leckere Bagels, Oatmeal zum selbst zusammenstellen, Kuchen, Kaffee... , eignet sich gut zum Frühstück oder für einen Snack zwischendurch, Selbstbedienung, sehr klein und morgens recht voll
Krakau
Krakau Underground, Eintritt 19 Zloti
Mleczarnia - Lokal mit Biergarten in Kazimierz, sehr schöner Biergarten, heiße Schokolade mit Wodka :)
Petit France - Bistro mit französischen Gebäck und leckerer Frühstücksauswahl sowie Quiches und Tartes, ebenfalls gut für ein Frühstück oder einen Snack zwischendurch
Warschau
Jüdisches Museum, Eintritt 25 Zloti
Waffle Bar - große amerikanische Waffeln mit kreativen Belägen, sowohl süß als auch herzhaft
In Polen sollte man unbedingt Pierogi probieren, das sind kleine Teigtaschen, die gebraten oder gekocht serviert werden und süß oder herzhaft sowie vegetarisch oder mit Fleisch gefüllt sein können, dazu gibt es verschiedene Soßen. Außerdem bin ich ja ein Riesenfan von Zubrovka Wodka, der mit dem Bisongrass, der natürlich auch ein echt polnisches Erzeugnis ist. Typisch für Polen sind außerdem die Sahnetoffees, manchmal bei uns in Deutschland Muhmuh genannt, ich find die ja megalecker.