Donnerstag, 31. Dezember 2015

Wege, gegangene und zu gehende

Das Jahresende fordert mich immer heraus, zu resümieren. War es ein gutes Jahr, habe ich spannende Sachen erlebt, was hat sich verändert? Für mich steht dieses Jahr jedoch mehr die Frage im Vordergrund: Wie habe ich mich weiterentwickelt?

Der Rückblick zeigt: Es war wieder ein ereignisreiches Jahr. Vor etwa zwölf Monaten fasste ich den Entschluss, meinen Vertrag in Rumänien im August auslaufen zu lassen. Ich bin im Sommer noch mal über den Balkan gereist und auch viel innerhalb von Rumänien. Zwei Höhepunkte waren neben den Reisen auch das Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman und das plai-Festival in Temeswar / Timisoara. Schließlich ging ich die Jobsuche doch sofort an und nahm mir keine Auszeit, wie geplant. Der November brachte dann noch eine folgenschwere Entscheidung - die schon bestätigte Arbeitsstelle in Brandenburg lehnte ich doch ab, dafür trat ich "ab sofort" eine Stelle in Halle an. Das heißt wieder näher an Zuhause und näher an meinen Freunden in Leipzig. Auch näher am Harz, wo ich in letzter Zeit auch häufiger bin.

Wie starte ich also ins neue Jahr? Ich könnte jetzt schreiben, mit einer fordernden Projektstelle und einer halbbezogenen 1-Zimmer-Wohnung in der Hallenser Innenstadt. Aber das wichtigere ist eigentlich, dass das Jahresende sehr viel Veränderung mit sich gebracht hat und ich motiviert bin, selbst auch noch zusätzlich zu diesem Umbruch, der von außen kommt, ein wenig Wandel von mir aus hineinzubringen. Da geht es viel um ökologische und soziale Themen, aber auch um mein Leben. Das Reisen werde ich wohl erstmal für eine Weile einschränken müssen, dafür freue ich mich, ein wenig in der Umgebung unterwegs zu sein. Ich habe zudem einige neue Menschen kennen gelernt und alte Kontakte reaktiviert - und das ist ja auch immer unglaublich spannend. Gerade bin ich gar nicht so sehr daran interessiert, neue Gegenden zu erkunden, weil ich ohne mich viel zu bewegen sehr viel neues entdecke. Sein Leben umzukrempeln, oder wenigstens einige Ecken davon, kann auch eine spannende Reise sein. Wer weiß, vielleicht bleibt Ende 2016 ja ein bisschen Resturlaub für zwei-drei Wochen Kuba übrig.


Ich könnte gerade eine Menge schlauer Kalendersprüche aufschreiben zum Thema "Weg". Dass dieser eben nicht nur geradeaus verläuft, sondern kurvig und auch mal uneben sein kann. Dass auch das aus-der-Kurve-fliegen dazu gehört zum Leben und das es einem die Gelegenheit gibt, wieder in die richtige Spur zurückzufinden. Das Verirren zum Geradeaus dazu gehört. Dass es sich auf ausgetretenen Pfaden zwar gut läuft, man aber manchmal neue Wege beschreiten muss. Dass man allein schneller geht, aber gemeinsam weiter kommt. Dass man auch mal einsam ist oder hängen bleibt, während andere weiter ziehen. Grundsätzlich leuchtet aber gerade ganz viel Optimismus durch: Dass auch 2016 wieder interessante Entwicklungen mit sich bringt. Vor allem habe ich ganz stark das Gefühl, dass ich mich gerade nicht nur bewege, sondern unterwegs dahin bin, wo ich gern sein würde. Um noch den verbreitetsten Spruch zum Thema fallen zu lassen: Der Weg ist das Ziel - ob ich jemals im Utopia ankomme, ist deshalb auch egal, mir ist wichtig, mich jetzt aufzumachen. Dafür braucht es auch eigentlich keinen Jahreswechsel, auch wenn der ein willkommener Anlass ist, die Entwicklung, die das Leben grad einschlägt, mal zu überdenken.

2015 war auch das Jahr, in dem ich wieder mit der alten Practika meines Vaters fotografierte und zwar ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Filmen. Ein paar der Bilder, die diese Jahr so entstanden, sollen die Gedanken zum Thema Wege illustrieren. 2015 war zudem das Jahr, in dem ich schweren Herzens von meinem treuen Gefährten Karl Abschied nehmen musste. Daher hier noch mal eine kleine Erinnerung an ihn. Mensch, war das schön. Ich und die Weite Rumäniens. Jetzt geht es auf in die Weiten Sachsen-Anhalts und zwar mit meiner neuen Gefährtin Lucille.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Lieblingsort: Kalemegdan in Belgrad

So wie ich in Cluj / Klausenburg fast jedesmal den Belvedere-Hügel hochsteige, um über die Stadt zu blicken, so zieht es mich in Belgrad immer und immer wieder zur Festung Kalemegdan. Ich sitze gern an den Mauern über der Sava und Donau, ich lasse den Blick gern schweifen über Novi Beograd - Kalemegdan ist für mich das Herz der Stadt. 


Die Festung liegt über dem Zusammenfluss von Donau uns Sava, am Ende der beliebten Fußgängerzone Knez Mihailova, auf der Landzunge, die Richtung Kriegsinsel und Neu-Belgrad ragt. Es sind natürlich nur noch die Reste einer Festung, die Grundmauern und viele Torbögen. Über allem trohnt der Sieger, Pobednik, weithin sichtbar. 


Für mich gibt es keinen schöneren Ort in Belgrad, um auf einer Bank zu sitzen und in die Sonne zu blinzeln. Es gibt keinen schöneren Ort, um abends ein Bier mit Freunden zu trinken und zu quatschen. Es ist für mich auch ein wunderbarer Ort, um Leute zu beobachten und nicht zuletzt, hat man einen wunderbaren Ausblick. 


Freitag, 18. Dezember 2015

„Die wollen sich ja nicht integrieren“

Ich arbeite jetzt seit etwa einem Monat in einem bunt gemischten Team mit und für Migrantinnen und Migranten. Ich habe eine Projektleitungsstelle in einem Verein, der MigrantInnenselbstverwaltung fördert. Am Anfang habe ich dem Mitbestimmungsaspekt nicht so viel Gewicht beigemessen. Ist doch klar, will ich doch auch, wollen doch alle. Erst langsam wird mir klar, dass auch ich als ach so aufgeschlossener Mensch ganz zufrieden damit bin, den MigrantInnen ihren Platz zuzuweisen.
Integration bedeutet, dass sich alle, die hier ankommen an die Regeln hier zu halten haben. Die Gesetze respektieren, aber auch die gesellschaftlichen Regeln. Beteiligung ist nicht vorgesehen, oder nur in den vorgegeben Strukturen. Immer alles schön mit der Integrationsbeauftragten absprechen und ja nicht auf die Idee kommen, selbst eine Projektidee umzusetzen, vielleicht sogar noch, ohne vorher zu fragen. Gute Deutsche schreiben die Projekte, die MigrantInnen dürfen mitspielen. Vielleicht mal noch eine Bedarfsanalyse hier und eine Zielgruppenbefragung dort, aber im Allgemeinen weiß man ja, was die brauchen. Und wo sind bitte die Deutschen, die Rumänisch können für das neue Problemgebietsprojekt der nächsten Hilfsorganisation? Auslandserfahrung und interkulturelle Kompetenz wünschenswert!
Doch egal, wie lange ich im Ausland gelebt habe, ich werde es nie verstehen, wie es ist, AusländerIn in Deutschland zu sein. Ich hatte immer die richtige Hautfarbe, die richtige Währung auf dem Konto und den richtigen Pass in der Tasche. Ja, ich fiel auf in den Straßen von Nusaybin in Kurdistan, aber niemand wäre je auf die Idee gekommen, mich herumzuschubsen oder mich zu beleidigen, einfach nur, weil ich anders aussehe. Von meinen Kolleginnen, höre ich nicht nur, wie ihnen das ständig passiert, sondern auch, dass niemand aufsteht und etwas dagegen sagt. Dann schäme ich mich für dieses Land, aber verstehen werde ich es nie ganz, wie es ist, mit einer dunklen Hautfarbe durch die Straßen zu gehen oder mit einem Kopftuch. Warum sollte ich dann entscheiden, wie ich diesen Menschen helfen kann? Warum sollte ich Projekte für sie schreiben, warum sollte ich in einem Büro sitzen und über ihr Schicksal bestimmen? Wo sind die Leute mit Migrationshintergrund in den deutschen Amtsstuben?
Wir entmündigen die Flüchtlinge, die ankommen, aber nicht nur die. Immer schön bei der Asylunterkunft an- und abmelden – aber natürlich können diese Menschen machen, was sie wollen, sind ja erwachsene Leute! Menschen, die seit über zehn Jahren hier leben, haben keine Möglichkeit, sich politisch zu beteiligen. Sie können die nicht wählen, die über ihre Zukunft entscheiden. „Na, das wäre ja noch schöner!“ - Moment, kann nicht jeder Rentner (ohne ausländische Wurzeln) auch die Partei wählen, die die Rentenerhöhung verspricht, wenn er das möchte?
Der Platz der ausländischen Bevölkerung ist in den fetttriefenden Fastfood-Imbissen, ist in körperlich anstrengenden und unschönen Berufen, wie Baugewerbe, Fleischverarbeitung und Gebäudepflege. Natürlich ist es auch schön, mal hier und da einen gut integrierten Vorzeige-Ausländer zu haben, der zeigt, dass man es ja auch schaffen kann in Deutschland mit Migrationshintergrund – natürlich nur, wenn man sich gut integriert und mitspielt. Dabei ist aus zahlreichen Studien bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen strukturell benachteiligt werden, wenn es also doch mal eineR schafft, ist das zwar auch eine große Leistung von ihm oder ihr, aber dahinter stehen eine Menge andere, die nie auch nur die Möglichkeit hatten.
In all dem offenbart sich, dass doch jeder Angst hat, es könnte sich etwas verändern, wenn man wirkliche Beteiligung ermöglicht. Es wird noch lange so sein, dass die Stellen, die sich mit Migration und Integration beschäftigen, überwiegend von Menschen besetzt sind, die hiervon keine Ahnung haben können. Denn man kann es noch so lange studieren, man wird es nie verstehen, aus dieser privilegierten Position der weißen Mittelklasse.
Und vielleicht ist ein Hinweis wie dieser sogar sehr angebracht:
Sie werden in dieser Unterkunft einige Zeit verbringen. Die meisten von Ihnen sind aus schwierigen Situationen heraus hierher gekommen. Auch hier werden Sie auf manche Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten stoßen, da für Sie zunächst Vieles fremd sein wird. Bitte wenden Sie sich mit allen Fragen, Sorgen und Nöten an die Betreuer vor Ort. Wir wünschen Ihnen dennoch einen angenehmen Aufenthalt in unserer Unterkunft.
Ich denke, wir haben mehr zu gewinnen, als zu verlieren, wenn wir den Neuankömmlingen Möglichkeiten eröffnen, anstatt sie nur zu verwalten und ihnen Plätze zuzuweisen. Ein gleichberechtigtes Miteinander ist in nächster Zeit kaum umsetzbar, aber Beteiligung und Begegnung auf Augenhöhe ist jetzt schon möglich und das müssen wir gemeinsam anstreben.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Statt Landung aus Kuba Aufschlag in der Realität

Letzten Donnerstag wäre ich aus Kuba wiedergekommen. Aus den 14 Tagen in der Sonne wurde ja nichts, weil ich einen neuen Job angefangen hatte. Was als Urlaubszeit eingeplant war, gestaltete sich somit ziemlich arbeitsintensiv. Ich lernte die neuen Kollegen kennen, übernahm die Leitung für ein Projekt, hatte auch noch abends Meetings und ganz nebenbei zog ich nach Halle und kaufte mir ein neues Auto. Einiges klappte nicht wie geplant, zum Beispiel als ich mit dem alten Auto zur Zulassungsstelle wollte, um das neue Auto anzumelden und auf der Autobahn mit einem Platten stehen blieb. Ich wartete fast eineinhalb Stunden auf den Pannenservice, und das in der Böschung gleich bei einem Autobahnkreuz. Es gab Momente der Erschöpfung, wenn ich beispielsweise nachts um halb elf nach einem Arbeitstreffen und anschließendem kurzen Plausch mit Freunden nach Hause lief, aber noch einen Umweg nahm, um ein Zugticket für den nächsten Tag zu kaufen. Aber alles in allem schätzte ich mich glücklich und war euphorisch. Ich war zwar müde und erschöpft, aber die neue Aufgabe war spannend und der Einsatz schien lohnenswert. Zudem müsste ich eben zu Projektbeginn mal etwas mehr Einsatz bringen, später wenn alles funktionieren würde, so dachte ich, würde sich das schon wieder reduzieren. Irgendwie ergaben sich auch so viele glückliche Zufälle, dass ich ein wenig übermütig wurde und dachte, es würde schon alles so weiterlaufen.
Mittwochabend fuhr ich für ein Arbeitstreffen nach Magdeburg. Die Besprechung lief mäßig, aber trotzdem war es gut, die Leute kennengelernt zu haben. Ich setzte mich nach dem Treffen wieder in mein Auto, das ich nur einige Tage zuvor vom Händler geholt hatte. Am Vortag war ich extra nochmal nach Hause gefahren, um es bei meiner Versicherung anzumelden. Jemand vor mir blinkte, hielt an, und ich fuhr ihm hintendrauf. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber die Autos wurden ziemlich zugerichtet, weil ich mein neues Gefährt – Lucille heißt sie übrigens – zielsicher auf der Anhängerkupplung des Vorausfahrenden verkeilte. 18.45 Uhr passierte das Ganze, 22.00 verließ ich den Unfallort. Es dauerte eine Stunde, bis die Polizei kam, eine ganze Weile bis später der Abschleppdienst eintraf und schließlich nochmal ewig, bis der zweite Abschleppwagen da war und sie es endlich schafften, die Autos aus ihrer innigen Verbindung zu lösen. Ein lieber Mensch organisierte mir eine Übernachtungsmöglichkeit bei einem Freund, am nächsten Morgen nahm ich den Zug zurück nach Halle. Das Auto blieb in der Werkstatt und ist hoffentlich diese Woche wieder hergerichtet.
Neulich diskutierte ich noch über aus der Kurve fliegen und ähnliche kleinere Katastrophen des Lebens und wie sie einem zeigen, dass man vielleicht etwas verändern sollte. Nun traf es mich selbst, weil ich mir zu viel vorgenommen hatte. Ich hatte zu viel gearbeitet, war privat ebenso eingespannt und hatte einfach durchgepowert, bis es ein drastisches Signal brauchte. Ich reagierte sofort, baute Überstunden ab und nahm mich zwei Tage zurück, was erst einmal gut tat. Das Problem löst es jedoch nicht. Ich muss eine gesunde Balance für mich finden, sonst ist der nächste Autounfall nicht weit und wer weiß, ob es das nächste Mal auch wieder so glimpflich abgeht. 


Als ich am Morgen nach dem Unfall so im Zug von Magdeburg nach Halle saß, musste ich daran denken, dass ich exakt am gleichen Tag eigentlich die Zugstrecke von Frankfurt nach Leipzig hatte fahren wollen, nachdem der Flieger aus Kuba mich zurück nach Deutschland gebracht hätte. Wenn ich in mich hineinhorche und nachforsche, ob das weh tut, bleibe ich immer noch dabei, dass ich es allgemein nicht all zu sehr bedaure. Es hätte mir zwar einige unangenehme Erfahrungen erspart – dass mein altes Auto kaputt gegangen ist, dass ich mit dem neuen einen Unfall hatte –, aber mich auch anderer, erfreulicherer Entwicklungen beraubt. Mir ist vor Kurzem ein Zitat aus einem Film eingefallen, dessen Titel ich nicht mehr weiß. „Wer blutet, der lebt.“ Das ist etwas drastisch für: Wenn ich wirklich leben will, lassen sich Verletzungen, egal ob physisch oder psychisch, nicht vermeiden. Und wenn mir seit dem Sommer mal wieder eins richtig klar vor Augen steht ist es, dass ich leben will.

Donnerstag, 26. November 2015

System reset nr. 237 - wieder eine neuer Start

Eine neue Stadt, wieder einmal. Es reizt mich gerade, auszurechnen, die wievielte eigentlich. Seit ich Abitur gemacht habe, das war grob vor zehn Jahren, habe ich in fünf Städten gelebt und immer mal ein paar Monate im ländlichen Gebiet, also an sechs Orten. Die Hälfte davon im Ausland. Ich habe in sieben verschiedenen Wohnungen, einem Haus und zweimal im (gleichen) Studentenwohnheim gelebt, also in neun verschiedenen Gebäuden. Ich habe im schönen Altbau gelebt und im kommunistischen Block, in einem Haus für mich allein, in verschiedenen WG-Zimmern und in einem Doppelzimmer im Studentenwohnheim. Ich könnte nicht sagen, dass das eine oder das andere besonders gut oder schlecht gewesen wäre - alles war eine wichtige Erfahrung.

Und nun steht der nächste Umzug an. In eine neue Stadt, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. In den letzten Tagen fügte sich einfach alles. Ich habe erst diesen Job bekommen, den ich richtig gern machen wollte, dann die Möglichkeit, für eine Woche in der Nachbar-WG von einem Freund zu übernachten, dann das Angebot, die Wohnung von einem Kollegen zu übernehmen. Ich zweifle gerade ein bisschen, ob ich das annehmen soll, aber dann ist es einfach zu verlockend, weil es so einfach wäre. Und irgendwie bin ich grad so im "Flow", dass ich zögere, auszusteigen. Ich kann auf jeden Fall erstmal da wohnen in der nächsten Woche, also ist dahingehend die Versorgung auch gesichert. Außerdem kann ich mir noch ein paar Tage überlegen, ob es wirklich das Richtige für mich ist. 

Einzig die Gestaltung vom nächsten Wochenende ist noch ein bisschen schwierig. Da ja mein Auto erstmal nicht mehr fahrbereit ist, muss ich mich mittelfristig um dessen Entsorgung kümmern und kann es nicht mehr für die Heimreise benutzen. Ich müsste aber eigentlich mal zu Hause vorbei schauen, weil ich für die nächste Arbeitswoche saubere Klamotten brauche und vielleicht sollte ich auch den Briefkasten mal leeren. Nur komme ich eben nicht bis nach Hause ohne Auto, einer der negativen Nebeneffekte des Landlebens. Wenn ich dann erst wieder in der Stadt lebe, kann ich zwar keine Äpfel aus dem eigenen Garten verspeisen, aber zu Fuß zum Bio-Laden laufen.

Mittwoch, 25. November 2015

Statt Kuba - Eine Straßenbahn namens "Frohe Zukunft"

In ein paar Stunden sollte ich eigentlich auf Kuba landen. Stattdessen muss ich gleich los zu einer Sitzung und mein neues Projekt vorstellen. Heute war mein dritter Arbeitstag. Ich bereue es überhaupt nicht, dass ich nicht in den Urlaub fliegen konnte, sondern fühle mich trotz Schmuddelwetter sehr wohl. Ich habe einen tollen neuen Job mit netten Kollegen, bin für diese Woche in einer netten WG untergeschlüpft undwerde vermutlich nächste Woche eine süße 1-Zimmer-Wohnung beziehen können. Halle ist eine schnuckelige Stadt. Alles hat sich diese Woche so gut gefügt, dass ich fast schon darauf warte, dass irgendwas negatives passiert, um das ganze Glück auszugleichen. Und dann fällt mir ein, dass das schon geschehen ist: Karl ist schrottreif. Unsere Wege werden sich jetzt definitiv trennen. Das sind richtig schlechte Nachrichten, aber auch hier merke ich, dass sich Lösungen finden. Es wird einen Nachfolger für meinen treuen Gefährten geben und ich werde noch sicherer in eine "Frohe Zukunft" starten. 


Mittwoch, 18. November 2015

Die einzige Konstante in meinem Leben: Ständige Planänderungen

Letzte Woche bin ich noch verzweifelt bei dem Gedanken, bald ins brandenburgische Nirgendwo ziehen zu müssen - diese Woche sieht alles schon wieder ganz anders aus. Statt in die brandenburgische Pampa geht es nach Halle an der Saale, statt Kuba-Urlaub geht es gleich mit einem fordernden neuen Job los. Innerhalb von weniger als einer Woche wendete sich die Situation für mich komplett, so dass ich jetzt statt in Wünsdorf in Halle nach einer schönen Wohnung suche. Ich bin viel glücklicher mit dem neuen Angebot und freue mich auch darauf, in der Nähe von lieben Menschen zu weilen, statt mir komplett neue Sozialkontakte aufbauen zu müssen. Den Flug nach Kuba habe ich gerade storniert - es war tatsächlich einmal eine weise Entscheidung, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen. Es tat schon weh, andererseits freue ich mich auch auf die neuen Herausforderungen, die auf mich in Halle warten. Alles neu, das fühlt sich immer wieder gut an für mich. Denn dann heißt es immer erkunden, entdecken und seinen Platz darin finden. Wie heißt es so schön - "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..." 

Die Wege ins Unbekannte verlocken am Meisten.
 

Mittwoch, 11. November 2015

Eines der trostlosesten Fleckchen Erde - mit überraschendem Pluspunkt


Für mich geht es ja bald wieder nach Osten - genau genommen nach Nordosten. Von der sächsischen Provinz bei Leipzig habe ich vor nach Wünsdorf zu ziehen. Das ist südlich von Berlin, im brandenburgischen Niemandsland. Hier gab es einst einen riesigen russischen Stützpunkt, um nicht zu sagen, eine russische Stadt. Vorher waren die Nazis da und vorher hatte die kaiserliche Armee hier eine Garnison, also sind so ziemlich alle mal dagewesen und haben ihre Kasernen und Bunker dagelassen. Es ist tatsächlich einer der seltsamsten Orte, die ich je besucht habe. 




Die Häuser stehen in Reih und Glied, dazwischen ragt hier und da noch ein sogenannter "Spitzbunker" aus unkaputtbarem Stahlbeton in die Landschaft. Man trifft auch auf verlassene Kasernen und viel Ödland - ehemals war die Zone komplettes Sperrgebiet. Auch heute noch wird man beim Spazierengehen hier und da von Betonmauern oder Bauzäunen aufgehalten. Das ganze Areal ist recht weitläufig - es zieht sich für einige Kilometer entlang der Bundesstraße 96 und einer Bahnstrecke. Neben den Kasernen gibt es auch Neubaublocks, zum Beispiel in der euphemistisch "Waldesruh" genannten Siedlung. Der Blick vom Balkon zeigt den Parkplatz, dahinter ein struppiger Wald. In der Nähe des Bahnhofs ist eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Hier haben sich manche wahre Villen hingesetzt. Wenn ich Bauland suchen würde, dann sicher nicht an diesem tristen Fleckchen Erde, geht es mir durch den Kopf. Doch selbst Erde gibt es kaum, der Boden hier ist sandig. Über die Fußwege zu laufen, gibt einem das Gefühl, einen Strandspaziergang zu machen. 


Ich habe mir vier Wohnungen angesehen in dieser Stadt. Bei der ersten erscheint niemand, als ich dann anrufe, ist die Vormieterin sofort bereit vorbeizukommen. Als ich eintrete merke ich - aha, Raucherwohnung. Doch die Wohnung ist eigentlich schön. Am Ende des Gesprächs wird klar, warum die Vorbewohnerin einen Nachmieter sucht - sie will nicht streichen, aus gesundheitlichen Gründen könne sie gerade nicht über dem Kopf arbeiten. Weiter geht es zur nächsten Wohnung. Hier zeigt nicht der aktuelle Bewohner die Wohnung, sondern seine etwa zwanzigjährige Tochter und ihr Freund. Sie hat ein solariumverbranntes Gesicht, aber ist eigentlich ganz nett. Ob die Küche drin bleibe? Naja, der Herd sei kaputt und würde natürlich entsorgt. Den Rest der angesifften Möbel könne ich übernehmen, schreibt sie mir später eine SMS. Doch ob ich in besagter Siedlung Waldesruh wohnen möchte? Erstmal weiter schauen. Ich bin zu früh, und will also noch einen kleinen Spaziergang machen, bevor ich klingele. Ist nur schwierig, denn hier ist der Zugang zum Wald von einem Bauzaun verstellt. Ehemaliges Sperrgebiet sieht anders aus, ich würde eher von einem aktiven Sperrgebiet reden. Auch der Spielplatz ist mit Bauzaun abgesperrt, aber ohnehin ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, die diesen nutzen könnte. Nur ein älterer Herr mit Hund. Und der spricht mich auch gleich an, ob ich Frau XY sei? "Sie fallen hier auf!", meint er, wohl als Begründung, warum er gefragt hat. Er ist der nächste Vorbesitzer und wohl der skurrilste in der Runde. Er ist sehr nett, bietet mir Tee oder Kaffee an (ich lehne dankend ab), ehe er mir auf den Cent ausrechnet, was ich ihm für die Küche zu geben hätte. 2153,14 Euro. Er hat jede Besteckschublade einbezogen in seine Rechnung, vermutlich hat er für alles noch die Quittungen. Er könne auch alles mitnehmen, aber ich bräuchte ja eine Küche und dann müsse ich die ja auch noch aufgebaut bekommen, so wäre alles schon drin. Ich traue mich gar nicht zu fragen, was mich sein Kleiderschrank kosten würde. 

Nach dieser Tour durch diesen sonderbaren Ort ist mir so gar nicht mehr danach, dorthin zu ziehen. Mein Arbeitsvertrag läuft zunächst ein Jahr, so lange würde ich es wohl auch maximal aushalten im brandenburgischen Sperrgebiet. Und eine Küche anzuschaffen, für eine Wohnung, die ich eigentlich gern schnell wieder verlassen möchte, danach ist mir auch nicht. Ich habe ein wenig Zeit bis zur letzten Besichtigung und habe noch nichts zu Mittag gegessen. Im "Nahkauf" werde ich bestimmt ein paar Kekse bekommen, denke ich mir. Ich bekomme den Eindruck, man möchte den Einkaufenden 30 Jahre zurückkatapultieren in der Zeit. In den Regalen stehen vereinzelt ein paar Dosensuppen, darunter natürlich auch noch die gute alte Soljanka, von der meine Leser aus Westdeutschland bestimmt gar nicht wissen, was es ist.. Ich habe die Auswahl zwischen zwei-drei Sorten Keksen. Vielleicht ist dieses Einzelhandelsgeschäft ja in irgendein Tourismuskonzept eingepasst. Vor - oder nach? - der Bunkertour Mangelwirtschaft in der überdimensionierten Ost-Kaufhalle erleben? Vielleicht ist es auch ein Wink mit dem Zaunspfahl, der da schreit "Du brauchst gar keine Küche!". Ganz authentisch ist es dann aber doch nicht, es gibt Bananen in unterschiedlichem Bräunungsgrad - die gammeligeren herabgesetzt. 

So uneinladend das auch alles wirkt, so überraschend kommt dann auch die Wendung. Irgendwoher muss Wünsdorf ja den Titel "Bücher- und Bunkerstadt" haben. Die Bunker sind nicht zu übersehen. Die Bücher entdeckte ich später. Drei große Antiquariate warten im Ort auf Besucher. Ich hatte etwa eine Stunde Zeit und verlor mich daraufhin in einem davon, dem von "Dr. Minx". Es ist ein Antiquariat nach meinem Geschmack, überall liegen Bücher kreuz und quer, große Kisten stehen vor den Regalen, in denen die Bücher dann auch thematisch oder alphabetisch geordnet sind. In fast jeder Kiste sprang mir etwas entgegen und so ging ich am Ende mit fünf Büchern heraus. Ein Buch von Hans Fallada habe ich nicht bei seinen anderen Werken unter F gefunden, sondern in der Wühlkiste und einen Bereich mit englischsprachiger Literatur habe ich gar nicht gesehen, dennoch halte ich das Reclamheft "Harold and Maude" in den Händen. 
Ich als Öko und Möchtegern-Minimalistin hatte mir vorgenommen, keine Bücher mehr zu kaufen und sie nur noch aus der Bibliothek zu holen. Denn was ist schlimmer beim Umziehen als Bücherkisten und das für ein Buch Papier benötigt wird, ist ja auch allgemein bekannt. Den Öko-Aspekt habe ich ganz gut im Griff, denn ich kaufe fast nie neue Bücher sondern das meiste antiquarisch, wenn auch viel online. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, durch ein Antiquariat zu schlendern, wo man alte Lesezeichen, gepresste Blüten und Zeitungsausschnitte in Büchern findet und nicht die sterilen Pakete mit Büchern in "sehr gutem" oder "hervorragendem" Zustand vom Versandhändler geliefert bekommt. Und so habe ich meinen Büchervorrat schon wieder aufgestockt. "Harold and Maude" hatte ich übrigens schon zu Hause. Wer das Zweitexemplar, handverlesen in der Bücherstadt Wünsdorf, haben möchte, schreibe mich kurz an und nenne mir die Lieferadresse. Es macht sich dann mit einem lieben Gruß auf den Weg zu seinem neuen Besitzer. 

Nach dem Wühlen in Bücherkisten und streifen durch die Regale, war es Zeit, zum letzten Termin zu gehen. Ich war nun besserer Laune und der Teil von Wünsdorf, nämlich eigentlich die Waldstadt, gefiel mir auch viel besser, als das, was ich vorher gesehen hatte. Ich meldete mich bei der Hausverwalterin und wir gingen die letzte und wunderschöne Wohnung besichtigen, in der noch ein junges Paar wohnte. Die Gegend gefiel mir, die Wohnung gefiel mir, nur war sie zu teuer und viel zu groß für mich allein. Es war allerdings auch die einzige Wohnung mit Küche, die ich bisher gesehen hatte. Sie hatte auch ausnahmsweise keinen zurückgelassenen Sperrmüll neben den Müllcontainern, sondern Fahrradschuppen neben den Hauseingängen. Dafür lag der Mietpreis eben fast auf Leipziger Niveau. Mir wurde mal wieder bewusst, wie schwierig Wohnungssuche eigentlich war und wieviel Schrott man allgemeinhin so angeboten bekam. Es wird wohl nicht meine letzte Exkursion zur Wohnungssuche im Sperrgebiet gewesen sein. Im Dunkeln fuhr ich zurück in die sächsischen Gefilde, kilometerweit mutterseelenallein auf gespenstischen Brandenburger Alleen, im Rückspiegel nichts als schwarze Nacht. 



"Wünsdorf, da willst du nicht hinziehen", sagte mir einmal eine Brandenburgerin, als ich ihr erzählte, wo ich arbeiten werde. Ich bin mir jetzt tatsächlich sehr unsicher, ob ich das will. Als ich zurückkam spähte ich erstmal ungeduldig in den Briefkasten, ob nicht vielleicht eine Antwort auf die anderen Bewerbungen, die ich so verschickt hatte, darin war.

Samstag, 7. November 2015

Bayern, Biergärten, Brezen

Es ist eine andere Welt. Mir wird bewusst, dass ich bis zu meinem nächsten Besuch wohl keine so gute Breze mehr essen werden, als ich im Fernbus zurück nach Leipzig sitze. Ein letzter Seitenblick auf die Münchner Frauenkirche, dann setzt sich der Bus in Bewegung. 

München gehörte nie zu meinen Lieblingsstädten (Wobei ich davon einige habe: Leipzig, Cluj, Belgrad, Timisoara...). Im Studium war ich gewzungen, von Regensburg aus regelmäßig für Seminare herzukommen. Ich sah nie viel mehr als Hauptbahnhof, U-Bahn sowie Historicum und Hauptgebäude der LMU. Die offensichtliche Schickeria schreckte mich ab, alles kam mir teuer und exklusiv vor. Die monumentale Architektur verstärkte den Eindruck noch. Bayern dagegen habe ich liebgewonnen: Regensburg und die Donau, die Holledau mit ihren Hopfenfeldern, das Bier, die Brezen und natürlich die Biergärten. So war es wohl auch irgendwie logisch, dass ich meine kleine Bayernreise nicht in der Landeshauptstadt sondern in der Provinz begonnen habe.

Ich besuchte eine ältere Cousine, die mit ihrem Mann und ihrer 18-jährigen Tochter in Oberbayern wohnt. Es waren drei wunderbare Tage bei ihnen mit einer Menge tiefgreifenden Gesprächen, viel Sonne und Zeit für mich, aber auch gemeinsamen Spaziergängen und einem kleinen Ausflug zur "Schönen Aussicht". Bei schönstem Biergartenwetter aßen wir unter lauter Ausflüglern, später unternahm ich noch einen kleinen Waldspaziergang. Es war so etwas wie ein seelisches Wellness-Programm, denn ich fühlte mich augenblicklich wohl und willkommen. Dazu trug bestimmt das leicht feministische, linke und vegetarische Umfeld der Frauen des Hauses bei. In meinem Kopf wurden mal wieder ein paar Sachen durcheinandergepustet, aber auf eine angenehme Art und Weise, so dass ich jetzt darüber Nachdenken und die Gedanken neu ordnen kann. 

Wenn ich in München und Umgebung bin, versäume ich es eigentlich nie, eine ehemalige Studienkollegin zu treffen und so war das der zweite Punkt meiner Reise. Sie wohnt seit ein paar Jahren in der Oktoberfest-Stadt (und hasst selbiges) und hat mir schon bei früheren Besuchen die schönen Ecken der Stadt gezeigt. München ist eben auch Englischer Garten und Isar, ist eben auch eine Metropole mit entsprechendem kulinarischen und kulturellen Angebot. Sie holte mich morgens am Bahnhof ab, und es trieb mir sofort ein breites Grinsen ins Gesicht, als ich feststellte, dass wir automatisch und ganz ohne Absprache beide den Imbiss als Treffpunkt annahmen, bei dem wir uns in der Studienzeit immer mit Verpflegung für den Zug ausgestattet hatten. Nach einer kleinen Touristentour durch die Innenstadt - wir kamen gerade rechtzeitig um am Rathaus das Glockenspiel und die Figuren zu beobachten - liefen wir entlang der Isar zum Englischen Garten und genehmigten uns am Chinesischen Turm ein Radler. Danach steuerten wir das Stadtmuseum an und besuchten die Sonderausstellung zu Damenmode der 1930er Jahre. Die Ausstellung ist sehr zu empfehlen und noch bis Mai 2016 zu sehen: Gretchen mag's mondän – Damenmode der 1930er Jahre. Einer vom Wachpersonal bat mich, für eine verirrte Amerikanerin zu dolmetschen, die eine Ausstellung zum Mittelalter mit Ritterrüstungen suchte. Wir wiesen sie mit vereinten Kräften darauf hin, dass das nicht wirklich das richtige Museum sei, sie war aber schon überfordert von dem Gedanken, in einer andere Etage zu gehen, weil sie den Aufzug nicht fand. Wenn ich jemals beim Reisen so dermaßen das Orientierungsgefühl verliere, setze man mich bitte in den nächsten Flieger gen Heimat. Nach dem Museum schlossen wir den Abend noch mit einem viel zu reichlichem, aber wunderbar leckerem Essen in einem afgahnischen Restaurant ab (Bamyan Narges), darauf tranken wir noch das letzte Radler in einem Lokal im Glockenbachviertel. 


Als ich dann in besagtem Fernbus saß, lagen vier Tage Bayern hinter mir, die mal wieder eine Vielzahl neuer Eindrücke mit sich gebracht haben. Ich habe ein neues Eckchen Bayerns entdeckt, mein Bild von München mal wieder ein bisschen erweitert und ein paar großartige Tage mit tollen Menschen um mich rum gehabt. Das Versprechen für einen Rückbesuch ist jeweils abgenommen, ich hoffe, dass er auch bald stattfindet. Es ist schade, wenn liebe Menschen so weit weg wohnen, dass man sie nicht regelmäßiger sehen kann, andererseits ist es dann immer fantastisch, wenn man sich mal wieder sieht. Bayern ist anders als der Rest von Deutschland und wohl vor allem Ostdeutschland, das merkte ich im Biergarten zwischen all den Rentnern in Softshell-Jacken, die sich zum Kaffee trafen. Das merkte ich auch beim Spaziergang durch den Ort, der Lebendigkeit ausstrahlt mit seinem Bioladen und seiner Buchhandlung, mit seinem lebendigen Treiben im Ortskern, aber auch mit seinen Offenställen für die Kühe, die auftauchen, sobald man eine halbe Stunde aus dem Ort herausspaziert. Dort dominieren dann pittoreske, gepflegte Höfe das Bild. Im Osten fühlt sich immer alles an, als wäre es gerade am Sterben, und das seit 20 Jahren. Ich mag Sachsen und es gibt auch wahnsinnig schöne Ecken, aber man sieht gerade im Kontrast die Armut, das Improvisierte, die Arbeitslosigkeit stärker, gerade im ländlichen Gebiet. Perspektivlosigkeit, die man fast mit den Händen greifen kann an jeder Ecke und Menschen, die das auch gern offen zur Schau stellen (vgl. Frag nicht nach Sonnenschein). In Bayern fühle ich mich auch nach wie vor gut, obwohl damit auch negative Gefühle verknüpft sind, überwiegen doch die positiven. Leckere Brezen und ein gutes Helles, am Besten an einem sonnigen Tag mit Freunden im Biergarten genossen, das bleibt für mich immer mit Bayern verbunden.

Montag, 2. November 2015

Auszeit im Harz

In den letzten Oktobertagen besuchte ich einen Freund im Harz. Ich hatte ihn vor über zwei Jahren in Esslingen bei Stuttgart kennengelernt, als ich als Couchsurferin bei ihm übernachtete. Nun hatte es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlagen, in ein Gemeinschaftsprojekt auf einem ehemaligen Klinikgelände im Harz. Das wollte ich mir unbedingt mal anschauen und so vereinbarten wir, dass ich ihn besuchen würde.

Ich nahm mir vor, für zwei Tage komplett offline zu gehen. Kein Facebook, kein Whats App, keine Mails. Ich habe dann wirklich nur einmal ganz kurz das Internet auf meinem Handy aktiviert, weil ich einen Anruf von einem Freund verpasst habe und schauen wollte, ob er mir vielleicht anderweitig geschrieben hat. Offline zu gehen kann ich wirklich für jeden Kurzurlaub empfehlen, man ist sofort sehr viel entspannter und kann auch schon bei nur zwei Tagen viel besser abschalten.

Ansonsten hatte ich nichts geplant. Ich hatte meine Wanderstiefel für Ausflüge in die Natur dabei, aber ich hatte keinerlei Erwartungen, was Unternehmungen angeht. Als ich ankam, stromerte ich erstmal ein wenig über das Gelände der ehemaligen Klinik. Es war ein Kinderkrankenhaus für Lungenbeschwerden gewesen und insgesamt eine riesige Anlage, erbaut in den 1930ern. Zum Teil kann man den Bauhaus-Stil noch deutlich erkennen, vor allem bei den umliegenden Nebengebäuden. Am Hauptgebäude der Klinik gefällt mir vor allem, dass die Räume alle lichtdurchflutet sind, weil es eine große Fensterwand zum kleinen Teich in der Mitte des Geländes gibt. Seit etwa 15 Jahren stand die Klinik komplett leer, auch wenn es wohl zwei Investoren gegeben hatte, die versucht hatten, etwas daraus zu machen. Seit letztem Jahr haben es sich nun die „Gemeinschaftsstifter“, wie sich die Gruppe nennt, zur Aufgabe gemacht dem Gelände wieder leben einzuhauchen. Das Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen und viel ist noch nicht zu sehen vom Gemeinschaftsleben – aber viele Menschen wohnen momentan auch noch nicht da. Große Teile des Gebäudes sind immer noch stark renovierungsbedürftig. Ich war fasziniert von den Bädern, in denen noch Sticker mit Tiermotiven klebten und von den Zeichnungen an den bröckelnden Wänden, die vor Ewigkeiten für die kleinen Patienten aufgemalt worden waren. Ich stattete dem ehemaligen Veranstaltungssaal einen Besuch ab (und konnte es nicht lassen, kurz auf dem Trampolin zu hüpfen, dass in dessen Mitte stand, um es vor der kalten Witterung draußen zu schützen). Ich schlich durch die Räume, über die Dachterassen und die Treppenhäuser hoch und runter. Es war fast schon gespenstisch still in diesem riesigen Haus.

Trotzdem, es ist „not a lost place at all“, wie der Freund einst bloggte. Denn man spürt den Willen vieler Menschen, hier eine ökologische Gemeinschaft aufzubauen. Wen man auch trifft, wird diskutiert, über die Gruppe, über die Ausrichtung, über die Finanzierung, über die Probleme. Die Menschen haben sich hier mit Herzblut in eine Sache gehangen, die ganz groß werden könnte, wenn sie es schaffen, Kompromisse zu schließen und persönliche Konflikte außen vor zu lassen. Eine Mammut-Aufgabe, wie es scheint, ungefähr so riesig wie die Anlage selbst, aber dennoch machbar.

Es waren zwei unglaublich inspirierende Tage im Harz. Ich traf einige Menschen, denen ich mich sofort sehr nahe fühlte. Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl an diesem Ort. Ganz davon abgesehen, dass die Gegend auch wunderschön ist. Quedlinburg gehört nicht zu Unrecht zum UNESCO-Weltkulturerbe und der Harz im Spätherbst ist sowieso eine Reise wert. Während das Laub von den Bäumen schneit und der Dampfzug der Selketalbahn durchs Tal pfeift, kann man kaum anders, als sich gut zu fühlen.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Linktipps: Guter Buchhandel und moderner Ablasshandel

Dass Amazon nicht gerade zu den besten Arbeitgebern gehört, dass es kleine Verlage kaputt macht, das dürfte dank der Medienberichterstattung hinlänglich bekannt sein. Ich boykottiere Amazon inzwischen. Noch habe ich mein Konto nicht gelöscht, aber ich hatte 2014 drei Bestellungen, 2015 eine einzige bisher. Das kann noch weniger werden. Zumal sich bei der Recherche immer mehr gute Alternativen zeigen. Ich kaufe Bücher inzwischen fast ausschließlich Second Hand, wenn auch nach wie vor übers Internet. Für neue Bücher möchte ich buch7.de empfehlen. Bei diesem Onlinebuchhandel kosten die Bücher das gleiche wie überall - in Deutschland gibt es schließlich eine Buchpreisbindung - aber 75% des erwirtschafteten Gewinns werden für Sozialprojekte gespendet.

https://www.buch7.de/

Ich reise ja so gern, und ab und zu ist Reisen dann auch zwangsläufig mit Fliegen verbunden. Ich versuche deshalb, so direkt wie möglich zu fliegen, wenn ich schon fliegen muss und Flüge auf Kurzstrecken sowieso zu vermeiden. Nun soll es ja aber nach Kuba gehen und da kann ich nunmal schlecht mit dem Boot rüberschippern. Der Flug von Frankfurt nach Havanna ist gebucht, jetzt muss ich mich um das drumherum kümmern - dazu gehört meines Erachtens die Anreise zum Flughafen genau so sehr wie das Abbezahlen meiner Klimaschuld. Klar, besser wäre es, ökologisch gesehen, die Reise gar nicht erst zu machen und wenn ich die Tabelle sehe, die mir atmosfair präsentiert, wird mir übel - aber: Es ist das Mindeste, was ich tun kann, zumindest Geld in Klimaprojekte zu spenden als Ausgleich.


Atmosfair kooperiert übrigens auch zum Beispiel mit Flixbus, wo ich einen Klima-Aufschlag auf mein Busticket zahlen konnte. Besser wäre natürlich, die Firmen würden das gleich von sich aus machen, als es dem Kunden aufzubürden, aber dennoch klicken vermutlich mehr Leute auf den Button, als wenn sie die Seite erst selbst im Internet suchen müssten. Und wer kommt bei einer Linienbusreise schon überhaupt auf die Idee, dass er gerade dem Klima schadet?

https://www.atmosfair.de/home

Freitag, 16. Oktober 2015

Vom Nicht-Stillsitzen-Können

Im Moment tut sich hier nicht viel auf dem Blog. Das liegt daran, dass Deutschland nun mal sehr viel unspannender ist als Rumänien. Nein, das kann man so pauschal ja gar nicht sagen, aber es ist eben sehr viel weniger spannend, wenn ich schreibe, wie die Postfrau fünf Minuten an der Tür warten muss, weil sie für die Bestätigung einer Zustellung meinen Ausweis braucht, den ich nicht finde, als wenn ich erzähle, wie man auf der rumänischen Post nur mit den Achseln zuckt, wenn ich nachfrage, warum ich eigentlich keine Paketbenachrichtigung bekommen habe. Außerdem würde sehr schnell auffallen, dass ich eine ganz schöne Chaotin sein kann, wenn ich von meinem deutschen Alltag berichte.

Woraus besteht der im Moment? Viel schlafen und lesen, aber auch mal einen Tag lang ein Zimmer soweit auf den Kopf stellen, dass am Ende des Tages ein kleiner Müllberg und ein noch viel größerer Berg mit Sachen für den Flohmarkt entstanden sind. Und in den Schränken Ordnung und mehr Platz. Wegwerfen ist nicht so meine Sache, aber die Idee einer minimalistischen Lebensweise fasziniert mich, auch wenn ich es wohl nie soweit schaffen werde. Doch ich sehe ja auch, was passiert, wenn man nichts wegwerfen kann - meine Großeltern haben es geschafft, ein ganzes Haus bis unters Dach vollzustopfen mit allen möglichen Dingen. Da mache ich mich jetzt dran, das abzubauen, in kleinen Schritten.

Ansonsten plane ich Reisen, große und kleine. Ich möchte ein paar Freunde besuchen, dafür geht es zuerst in den Harz und dann nach Oberbayern, München und Prag. Ich freue mich schon drauf, ich war das letzte Mal als wirklich kleines Kind im Harz (neulich beim Aufräumen habe ich die Bilder wieder gefunden - siehe rechte Seite), und im ländlichen Oberbayern war ich noch nie - wobei, das ist gelogen, ich war ja eine Zeit lang öfter in der schönen Holledau und die liegt zum Teil in Nieder- zum Teil in Oberbayern. Aber in dem Teil von Oberbayern, wo ich nun hinfahre, war ich tatsächlich noch nicht. Nochmehr freut es mich aber, wunderbare Menschen wiederzutreffen, die mich inspieren und gute Freunde sind.

Ganz allein geht es zwar auf die Deutschlandreisen, aber ich treffe ja liebe Menschen, die ich kenne. Noch niemanden kenne ich in Kuba. Auf die Insel geht es dann im November bis Dezember für zwei Wochen. Der Flug lastet nicht nur schwer auf meinem ökologischen Gewissen, ich habe auch ein bisschen Angst davor, aber die Neugier überwiegt und ehe Obama am Ende Castro noch anbietet, dass Kuba amerikanischer Bundesstaat wird, will ich es mir anschauen. Der Flug ist gebucht, eine Karte ist bestellt, ein Reiseführer schon gekauft, vor mir liegen ein Monat Vorfreude und ein paar Tage Nervosität. Das wird die weiteste und teuerste Reise, die ich je unternommen habe, aber da ich im Moment sowohl Zeit als auch Geld dafür habe, sollte ich es machen, bevor sich die Situation ändert - so wohl für mich persönlich, als auch in Kuba.

Eine Veränderung steht tatsächlich im Januar an. Ich werde einen neuen Job beginnen, mit Flüchtlingen arbeiten und zwar in der brandenburgischen Provinz. Das wird sicher eine ganz schöne Umstellung, aber ich freue mich auf eine Ortswechsel, viel Natur und Seen in der Umgebung (davon habe ich natürlich im Januar noch nicht viel) und eine sinnvolle Aufgabe. Ab November fange ich dann auch mit der Wohnungssucherei an und im Dezember droht wohl nicht nur das Weihnachtschaos sondern das Umzugschaos gleich dazu.

Freitag, 2. Oktober 2015

Zloti-Time: Kleine Tour durch drei polnische Städte

Ein wunderbarer Grund, wieder da zu sein, wo auch viele meiner Freunde sind, ist, dass ich wieder mehr mit ihnen unternehmen kann. In den letzten Jahren habe ich es nie geschafft, mit ihnen gemeinsam Urlaub zu machen und so war ich fest entschlossen, es diesmal durchzuziehen. Die Wahl fiel auf Polen, weil da alle günstig hinkommen konnten - mit dem Auto oder Flieger. Ich war an der Planung überhaupt nicht beteiligt, hätte es aber kaum besser machen können. 

Fangen wir klein an - Breslau


Wir fuhren mit dem Auto einer Freundin gen Osten und unser erstes Ziel war Breslau. Hier hatten wir eine Wohnung am Hauptmarkt - Rynek - mit Blick über selbigen. Wir spazierten gleich ein wenig durch die Stadt und entdeckten das schöne jüdische Viertel. Bei der einzigen erhaltenen Synagoge der Stadt ließen wir uns im Hof bei einem Lokal nieder und tranken etwas. Später steuerten wir eine Piroggerei an, ein Lokal in dem man eine polnische Spezialität, nämlich gefüllte Teigtaschen - Pierogi - vespeisen konnte. Wir bestellten natürlich viel zu viel und erschraken kurz, als die Piroggen kamen, aber schließlich schafften wir alle bis auf zwei, drei Stück. Danach war nicht mehr viel los, wir waren von der Reise müde und genehmigten uns einen Wein in der Unterkunft. 
Am zweiten Tag unserer Reise erkundeten wir die Stadt. Wir besuchten die Universität, wo wir den Fehler begingen, einen Audioguide für den Musiksaal zu nehmen, beziehungsweise gleich vier, für jeden von uns einen, so lauschten wir jeder für sich den durchaus interessanten Ausführungen, die nur leider nicht enden wollten. Zwischendurch gab es auch noch längere Musikstücke, und danach sprach wieder jemand in einem witzigen Deutsch einen Text über den ehrwürdigen Saal, einst eine Kapelle. Etwa 15 Minuten mussten wir es aushalten, den wir wollten dann schon auch alles hören. Bei den nächsten Räumen nahmen wir aber keinen Audioguide mehr - uns wurde aber auch keiner mehr angeboten. Zur Universität gehören auch ein kleines Museum, die Aula und eine Aussichtsterasse. Wir schauten uns alles an und blieben ein wenig auf der Terasse, um uns schöne Häuser auszusuchen, in denen wir gern wohnen wöllten und einfach ein wenig den Ausblick zu genießen. 
Nach der Universität besuchten wir noch die Markthalle, die mich aber nicht so sehr beeindruckte, es war eben eine Markthalle, sowie die Dominsel. Die anderen gingen noch in eine der Ponton-Bars auf der Oder, ich zurück in die Unterkunft. Am Abend brachen wir noch einmal ins jüdische Viertel auf und gingen schließlich noch ein mal in das gleiche Lokal vom Vorabend - die Mleczarnia - und aßen und tranken. Damit der Polen-Urlaub so richtig beginnen konnte, orderte ich eine Runde Zubrovka-Bisongras-Wodka. Man musste an der Theke bestellen und auf die Getränke auch gleich warten und so schaute ich amüsiert der Kellnerin zu, wie sie den Wodka eingoss und das Bisongras, das auch immer mit aus der Flasche schwappte mit dem Finger nach jedem Schluck wieder zurückschob. 

Es wird touristisch - Krakau


Nach Breslau ging es weiter nach Osten - auch in Krakau wohnten wir wieder in bester Lage, wenn auch nicht direkt "auf dem Marktplatz". In dem Haus war früher ein jüdisches Internat gewesen, wie man außen noch lesen konnte. Auch hier erkundeten wir natürlich gleich die Innenstadt - und stellten fest, dass es sehr viel touristischer war. Der Marktplatz war noch viel größer als in Breslau und drumherum standen Pferdekutschen und eine Art Golfcarts, die allesamt auf Touristen warteten, die durch die Gegend gefahren werden wollten. Wir waren verzückt von der Idee, zu viert mit einem solchen Ding durch Krakau kutschiert zu werden. Die kleinen Gefährte hatten hinter dem Fahrer zwei oder drei Bänke, also vier oder sechs Sitze und boten Stadttouren an. Eigentlich war es uns zu teuer, aber am Ende machten wir die Tour dennoch - natürlich mit Komplettprogramm: Jüdisches Viertel Kazimierz, Oskar Schindlers Emaille-Fabrik und ehemaliges Ghetto, Wawel-Schloss und Altstadt. Es war etwas unangenehm, neben einer Touristengruppe zu stehen und aus den Lautsprechern des Wägelchens dröhnte eine Ansage über die jeweilige Sehenswürdigkeit, aber es machte dennoch irgendwie Spaß, mit dem kleinen Elektrogefährt halsbrecherisch umher kutschiert zu werden. 
In der Nacht gab es dann noch eine kleine Störung. Zwei der Gäste schlummerten seelenruhig im Schlafzimmer, während ich mit einer Reisegefährtin das geräumige Wohnzimmer in Beschlag genommen hatte. Mitten in der Nacht wurden wir von einem Türenknallen wach. Wir hatten das Fenster aufgelassen und die Flügeltür zum Zimmer ließ sich nicht richtig schließen, weil es keine Türklinke gab. Sie war wohl durch einen Luftzug auf und zu gegangen. Wir lagen noch eine Weile wach, während ich mit Gespenstern (es war schließlich irgendwann mal ein jüdisches Internat gewesen und mitten in der Nacht drehten meine Gedanken in unangenehme Richtungen) und die Zimmergenossin jederzeit mit Einbrechern rechnete. Jedes Geräusch kam uns verdächtig vor und schließlich schlossen wir das Fenster und legten meine Rucksack vor die Tür, um zu verhindern, dass diese noch mal auf und zu schlug.
Am nächsten Tag nahmen wir uns nach einem späten und ausgiebigen Frühstück das Krakau Underground Museum vor. Es ist eine Art multimedial aufgezogenes Stadtmuseum mit vielen interaktiven Tafeln. Es gibt pro Stunde nur eine begrenzte Zahl an Eintrittskarten, was auch sinnvoll ist, denn so muss man sich an den interaktiven Tafeln nicht prügeln, um auch mal lesen zu dürfen. Kartenverkauf und Eingang sind jeweils an zwei verschiedenen Orten im Gebäude der Tuchhallen, man muss also einmal um das Gebäude rum oder quer durch um rein zu kommen. In den Tuchhallen erwarb ich übrigens meinen zweiten Schal aus Krakau, genau wie der erste mit Blumenmuster, aber diesmal auf weißem Grund. Den ersten hatte ich mir bei einer Reise 2010 gekauft. Natürlich wird in den Tuchhallen auch viel Touristennippes verkauft, aber ich fand es trotzdem schön, ein so praktisches Andenken zu haben - und ich trage den ersten Schal bereits wirklich gern. Für das Museum braucht man etwa zwei Stunden, wenn man sich einiges Durchlesen will und Zeit nimmt, es geht natürlich auch schneller, aber ich fand es tatsächlich interessant. Viel drehte sich um die Stadtgeschichte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit - Sachen wie Wasserversorgung und traditionelle Berufe wurden erklärt. 
Danach ging es noch auf den Wawel - auch wenn wir nicht mehr hereinkonnten, weil es zum einen zu spät war, zum anderen keine Karten mehr für den Tag gab. Die Polen schienen zwei Sachen zu lieben - Selbstbedienung in Kneipen und Begrenzung von Eintrittskarten. Danach spazierten wir ins jüdische Viertel und hangelten uns ein wenig durch die Lokale.  Die angeblich "typisch jüdischen" Restaurants in der Szerokastraße enttäuschten uns - es gab nichts für Vegetarier und die Karten enthielten alle das gleiche auf Touristen abgestimmte Menü. Wir gingen schließlich in eine kleine Kneipe, wo es eine recht internationale Speisekarte gab und das Essen war solide, wenn auch die Kellnerin nicht besonders freundlich war, wenn sie uns denn mal bediente. Bei einem geschwinden Dreh auf dem Stuhl zog ich mir einen Splitter in den Po - eigentlich ja Oberschenkel, aber Po klingt dramatischer - ein, der mich den Abend noch ein wenig quälte. Auf eine Notoperation auf der Pub-Toilette hatte ich irgendwie keine Lust und selbst kam ich nicht ran. Nach dem Essen gingen wir noch ins angeblich legendäre Singer. Im Raucherraum gab es noch Tische für vier, aber leider einen super lauten Abzug, der den Raum ebenso rauchfrei machte, wie den Rest des Lokals. Musik gab es dafür keine und wir entschieden uns für den großen Tisch im Hauptraum - wir waren auch bereit, diesen mit anderen Gästen zu teilen. 
Die Splitter-raus-Notoperation - als Desinfektionsmittel hielt dopelt gebrannter rumänischer Pflaumenschnaps aus dem Flachmann her - fand dann erst am Morgen statt. Noch ein letztes Frühstück stand an in einem zuckersüßen französichen Café, dann ging es für uns schon dem letzten Ziel entgegen - Warschau. Der Weg war beschwerlich, denn es gab zwischen Krakau und Warschau fast keine Autobahn, und so musste man sich gemeinsam mit vielen LKWs über die Landstraßen quälen. Aber schließlich kamen wir auch da an. 

Hauptsache wir haben Spaß zusammen - Warschau


Die Zeit in Warschau war bestimmt von einem dauerhaftem Nieselregen. Der Ausblick von unserem vermutlich luxuriösem Appartment - hätte man nicht versucht, Schlafplatz für sechs Menschen zu schaffen, wäre es vielleicht sogar wohnlich gewesen - zeigte es uns schon - Warschau war anders. Hochhäuser dominierten die Skyline, es war eben sehr viel größer und vermutlich Polens Wirtschafts- und Finanzzentrum. Die Wohnung lag in einem Appartmentblock, wo der Wohnraum sicher nicht billig war. Es gab über dreißig Stockwerke, wir waren im 16. und zur Ausstattung gehörten Tiefgarage, Portier sowie Sauna und Schwimmbecken. Wir nutzen letzteres aus Zeitgründen nicht. Unsere Gruppe vergrößerte sich erstmal noch um eine Person und wir begrüßten auch die Freundin die mit uns die Stadt unsicher machen würde. Gemeinsam schlugen wir den Weg Richtung Innenstadt ein und nachdem wir in die falsche Gegend gelaufen waren und absolut nichts fanden, ließen wir uns in einer Pizzeria nieder. Die Pizza war gut, der Hauswein trinkbar, die Bedienung nett und die Vorspeisenplatte hatte nicht nur Fleisch zu bieten, sondern auch Käse. Zufrieden fielen wir alle auf eines der Sofa oder ins Doppelbett, die alle in diese kleine Wohnung gequetscht waren. Die Wohnung hatte sicher nicht mehr als 30qm, aber den Platz hatte man gut ausgenutzt. Auf AirBnB stand wohl, dass sogar sieben Personen hier schlafen könnten - vermutlich war der Sessel noch ausklappbar und als Schlafgelegenheit gemeint. Ich hatte mir jedenfalls die Ausziehcouch im Wohnbereich allein gesichert, die nicht besonders weich war, aber sehr viel Platz für mich allein bot. 
Den zweiten Tag begannen wir mit amerikanischen Waffeln in der Waffle Bar, dann stand uns aufgrund des Nieselregens der Sinn nach Museum. Das vermutlich einzige Jüdische Museum auf der Welt, dass am Shabbat (Samstag) geöffnet ist, befindet sich in Warschau. Eine der Reisegefährtinnen erzählte, dass es im Vorfeld lange Diskussionen um das Museum gegeben hatten - als wir drin waren, war uns auch klar warum - man hatte sich einfach nicht einigen können, was man aus der über tausendjährigen Geschichte der Juden in Polen weglässt. Das Museum war riesig und vollgestopft mit Informationen, die man unmöglich alle aufnehmen, geschweige denn behalten konnte. Vom Jahre 800 an wurde gefühlt das Leben jedes einzelnen Juden, der jemals polnischen Boden betreten hatte in allen Details nacherzählt. Was man weggelassen hatte, war allenfalls die Rolle der polnischen Bevölkerung beim Holocaust. Die Frage, ob diese das mitbekommen hatten, als das Ghetto brannte, wurde damit beantwortet, dass sie durch den Krieg ohnehin viel Leid erlebten und ihre eigenen Probleme hatten. Und damit ist in Polen wohl jede Diskussion beendet. Immerhin wurde auch berichtet, dass es Juden gab, die von ihren nicht-jüdischen Nachbarn erpresst wurden, dass sie sie an die Gestapo verraten würden, im allgemeinen schien die Judenverfolgung in Polen aber eine Sache zwischen den Nazis und den Juden zu sein. Schade, aber vermutlich momentan noch nicht aufzuarbeiten, welche Rolle die polnische Bevölkerung da wirklich gespielt hatte. Nach fast vier Stunden war ich mit der Ausstellung fertig und hatte, weil ich nicht mehr aufnahmefähig war, sogar die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg übersprungen. Was soll ich sagen, es ist irgendwie schon sehenswert, aber man sollte viel Zeit mitbringen oder sich klar werden, dass man nicht alles sehen kann und selektiver rangehen. An sich ist das Museum aber sehr schön gemacht, mit Schautafeln, Objekten aus der jeweiligen Zeit und interaktiven Touchscreens. 
Nach diesem Museummarathon mussten wir dringend mit Piroggen unsere Kraft zurück gewinnen. Danach gingen wir noch in ein italienisches Restaurant mit schickem Klientel, allerdings nur um eine Flasche des billigsten Weins auf der Karte und zwei Hugo zu bestellen, der allerdings in Polen scheinbar ohne Minze gemacht wird. Damit war unsere Reise auch schon vorbei. Geprägt war sie von viel Essen und Trinken, ein bisschen Kultur, vielen Päuschen und dem Akzeptieren der Tatsache, dass man in zwei Tagen pro Stadt nicht alles sehen kann.

Hier noch mal die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Lokale:

Breslau
Universität, Eintritt für alles 12 Zloti, Audioguide kostenlos
Mleczarnia - Lokal im jüdischen Viertel, Selbstbedienung, Essen ok, Atmosphäre sehr schön, breite Getränkekarte
Central Café - super leckere Bagels, Oatmeal zum selbst zusammenstellen, Kuchen, Kaffee... , eignet sich gut zum Frühstück oder für einen Snack zwischendurch, Selbstbedienung, sehr klein und morgens recht voll

Krakau 
Krakau Underground, Eintritt 19 Zloti
Mleczarnia - Lokal mit Biergarten in Kazimierz, sehr schöner Biergarten, heiße Schokolade mit Wodka :)  
Petit France - Bistro mit französischen Gebäck und leckerer Frühstücksauswahl sowie Quiches und Tartes, ebenfalls gut für ein Frühstück oder einen Snack zwischendurch

Warschau 
Jüdisches Museum, Eintritt 25 Zloti
Waffle Bar - große amerikanische Waffeln mit kreativen Belägen, sowohl süß als auch herzhaft


In Polen sollte man unbedingt Pierogi probieren, das sind kleine Teigtaschen, die gebraten oder gekocht serviert werden und süß oder herzhaft sowie vegetarisch oder mit Fleisch gefüllt sein können, dazu gibt es verschiedene Soßen. Außerdem bin ich ja ein Riesenfan von Zubrovka Wodka, der mit dem Bisongrass, der natürlich auch ein echt polnisches Erzeugnis ist. Typisch für Polen sind außerdem die Sahnetoffees, manchmal bei uns in Deutschland Muhmuh genannt, ich find die ja megalecker.

Freitag, 18. September 2015

Kulturgeschockt, mal wieder

Ich bin wieder in Deutschland, in meinem kleinen Provinznest. Ich versuche mich hier wieder einzuleben und es gibt dabei sogar einige positive Überraschungen. Zum Beispiel hatte ich mir die Besuche bei der Agentur für Arbeit (ja, da mein Entsendevertrag nach Rumänien vor zweieinhalb Wochen endete, habe ich Arbeitlosengeld beantragt) ganz anders vorgestellt. Zunächst einmal ist eine wirklich nette Vermittlerin für mich zuständig, die wohl davon ausgeht, dass ich das mit der Jobsuche ganz gut alleine hinkriege und sie mich deshalb in Ruhe lässt. Vermutlich würde sie mich trotzdem gern öfter einbestellen, um mir von ihren Urlauben in Rumänien oder am Baikalsee zu erzählen. An einem anderen Tag - ich stehe zufällig gerade am Empfang eben dieser Arbeitsagentur - ruft mich ihr Kollege an. Er hätte gehört, dass ich rumänisch könne. Ich biete ihm an, da ich ja schon mal da bin, gleich in seinem Büro vorbeizukommen. Er verwickelt mich in ein langes Gespräch und da ich noch andere Dinge erledigen will, muss ich am Ende regelrecht nachfragen, um was es denn nun ginge. Ein Fensterbauer aus dem Einzugsgebiet des Arbeitsamts hat rumänische Mitarbeiter und er sucht jemanden zum Dolmetschen. Im Gesrpäch kommen wir auch auf die regionale Arbeitslosenquote zu sprechen - diese liegt, obwohl es sich um eine Kleinstadt in der sächsischen Provinz handelt, auf Bundesdurchschnitt. Zahlreiche Lehrstellen bleiben jedes Jahr unbesetzt. Ich muss an das Flüchtlingsproblem denken und kombiniere in meinem Kopf gleich unbesetzte Lehrstellen mit jungen Flüchtlingen. Doch - und vielleicht ist das auch sehr gut so - bisher gibt es in dem Ort keine Flüchtlingsunterkunft.  

Denn sosehr ich die Stadt auch wieder "gar nicht so schlimm finde", es gibt die angeblich besorgten Bürger ja auch hier. In einem Ort nicht weit von hier wurde in einer Bürgerversammlung, die der Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft vorausging, mit einem Ei auf den Bürgermeister geworfen - siehe der Ausschnitt aus einer Lokalzeitung rechts. Gesprächskultur vom Feinsten. Die Leute sehen die Bilder im Fernsehen und haben tatsächlich Angst, dass diese Flüchtlinge, die sich grad durch halb Europa kämpfen, um in Deutschland, Schweden oder Österreich anzukommen, morgen vor ihrer Haustür stehen.

Und dennoch, es gibt auch schöne Momente. Es gibt auch in diesem Kaff ein paar Menschen, die anders denken und kein aber an ihre Sätze hängen. Die zum Beispiel Streetart anbringen, wie auf diesem Stromkasten. Ich war auf meiner Rückfahrt, die ich allein mit dem Auto bewältigte, an zwei Tankstellen angehalten und belegte Brötchen gekauft. Einmal zur Halbzeit, zumindest kilometermäßig, in der Slowakei. Äußerst unfreundlich erhielt ich von der Bedienung, die sich nicht besonders bemühte Englisch zu sprechen, das für mich einzig erkenntlich vegetarische Sandwich aus dem Angebot. Einige Kilometer von zu Hause entfernt, kaum von der Autobahn heruntergefahren hielt ich wieder an. Da ich mir um Essen wirklich keine Gedanken machen wollte, wenn ich nach Hause kam, kaufte ich wieder ein belegtes Brot an der Tankstelle. Die supernette Bedienung, erklärte mir auf die Nachfrage hin, ob das vorderste ohne Fleisch sei, die komplette Liste der Zutaten von zwei verschiedenen Sandwiches und ich war viel zu fertig, um es angemessen zu honorieren. Klar, es gab da auch keine Sprachbariere, aber alles was sie tat, war von einem Lächeln begleitet und natürlich wünschte sie mir noch einen schönen Abend. Das Benzin war sogar billiger als in der Slowakei.

Sosehr ich Rumänien liebe, es gibt also auch Sachen, über die ich mich freue und Freundlichkeit von Verkäuferinnen gehört definitiv dazu. Klar ist auch nicht jede Supermarktverkäuferin immer nett, aber im Einzelhandel und in der Gastronomie fühle ich mich im Allgemeinen in Deutschland als Kunde meist wohler. Andererseits - und ich tue mich schwer damit, dass zuzugeben - ist es ungewohnt, dass die Läden sonntags geschlossen sind. Ich finde das vollkommen in Ordnung, nur gerade stört es mich eben noch, weil es in Rumänien schön bequem war, auch sonntags einkaufen gehen zu können.

Montag, 24. August 2015

Tag 10 - Rückfahrt und Fazit

Auch der schönste Urlaub endet einmal und für mich tat er das nach zehn Tagen. Ich hatte noch einen Tag länger frei, wollte den aber nutzen, um noch ein wenig zuhause in Temeswar zu entspannen, ehe ich wieder auf Arbeit musste. Die Rückfahrt war auch ziemlich lang, ich musste von Saliste bei Sibiu bis zurück nach Temeswar. 

Unterwegs machte ich noch einen Stop bei der Burg in Deva, die auf meiner To-Do-Liste "Rumänien entdecken" stand. Das Witzige an der Burg ist, dass man mit einer Art Lift oder Mini-Schwebebahn hinauf fährt. Oben angekommen gibt es dann einen Weg über Holzplanken durch die Burg, die offensichtlich gerade totsaniert wird. Ich weiß, dass ich mir damit gerade bei den Banater Schwaben keine Freunde mache, weil sie Maria Radna für einen Glücksfall halten, aber ich stimme einem Artikel vom Telegraph in weiten Teilen zu. Er behauptet, dass mit europäischen Fördergeldern die Originalität der Bauwerke zerstört werde und die Restaurierung oft unsachgemäß und billig ausgeführt würde: Ancient Transylvanian buildings brutally revamped at cost to EU taxpayers. Ich habe nun einige Burgen gesehen, die zubetoniert worden sind, einige wunderschöne alte Häuser, die mit Termopan (Kunststoffenstern) verunschönt wurden, und einfach sehr viele grässlich ausgeführte Restaurierungsarbeiten. Sicher gibt es auch Gegenbeispiele, sicher gibt es auch gute Restauratoren (wobei mir ein Rumäne versichert, unter Ceausescu sei das Handwerk in Rumänien gründlich und nachhaltig zerstört wurden), aber viel wird schnell und billig gemacht. Die Rumänen sollten die Schätze, die ihr Land bietet, umhegen, bewahren und stolz darauf sein, denn was einmal "kaputtrestauriert" ist, lässt sich nicht so einfach wieder herstellen. Der Ausblick von oben von der Burg in Deva war schön, nur war ich eben leider eher enttäuscht, dass man statt der Ruine eine weitere "echte Mittelalterburg" für Touristen aufbauen will, offenbar. 

Ich verpasste dann die Abfahrt nach Timisoara und nahm den längeren Weg über Radna und Lipova. Bei der päpstlichen Basilika Maria Radna hielt ich nicht, obwohl ich Teile des Artikels von oben prüfen hätte können, aber ich wollte eigentlich einfach nur gern ankommen. Leider war das nicht so einfach, denn das komplette Stadtzentrum von Lipova ist aufgerissen und man wird über irgendwelche Dreckwege einen guten Kilometer durch die Stadt geschickt, bis man auf eine Nebenstraße in erbärmlichen Zustand gelangt, die Richtung Temeswar führt. Ich ruckelte so vor mich hin, aber irgendwann war ich dann da - was sich nach dieser über tausend Kilometer langen Tour seltsam anfühlte. 

Ich habe bei dieser Reise noch einmal wunderschöne Ecken dieses bezaubernden Landes gesehen. Ich habe mich mal wieder neu verliebt, vor allem in Siebenbürgen. Ich habe entlang des Weges sehr viele nette Menschen getroffen. War ich vorher ein bisschen ängstlich gewesen, allein zu fahren, hat sich wieder mal bewiesen, dass man nie allein ist auf Reisen - denn gerade wenn man allein reist, trifft man besonders viele Menschen am Wegesrand. Wer weiß, wer weiß, vielleicht findet man mich ja bald als Burghüterin auf der siebenbürgischen Kirchenburg... 

Sonntag, 23. August 2015

Tag 9 - Transfagarasean, Bâlea-See, Avrig und Michelsberg


Nach dem Festival in Holzmengen, nach einer Menge netter Momente mit lieben Leuten und nach guter Musik und Tanz, war es für mich wieder an der Zeit, mich Richtung Westen des Landes zu begeben. Nur hatte ich noch ein paar Tage Zeit und ehe ich die Rückreise antreten wollte, sollte es ersteinmal noch ein Stück nach Osten gehen - ich wollte eine der schönsten Straßen der Welt bereisen.

Die Transfagarasan oder Transfogarascher Hochstraße verläuft von Nord nach Süd durchs Făgăraș-Gebirge-Gebirge und ist etwa 90km lang. Ich bin von Richtung Cârțișoara gekommen, die Straße führt bis Curtea de Arges. Sie ist nur für drei Monate im Sommer geöffnet und weist beträchtliche Steigungen auf. Bis zum Bâlea-See kommt man aber auch im Winter, denn eine Seilbahn funktioniert das ganze Jahr und bringt Fahrgäste von der Talstation (Bâlea-Wasserfall / Bâlea-Cascada) zum See. Bis zu diese Station ist auch die Straße im Winter geöffnet. Am See ensteht jeden Winter ein Eis-Hotel mit Iglus und Doppelzimmern, gebaut aus Eisblöcken.

Mein Plan war es, das Auto an der Talstation der Seilbahn stehen zu lassen und mit der Seilbahn hoch zum See zu fahren. Ich stellte also zunächst das Auto ab und suchte den Eingang zur Seilbahn. Dabei fand ich nicht gleich den richtigen Weg und gelangte auf den, der zum Wasserfall führte. Ich fragte ein paar Leute, wo es hinginge und geriet gleich an einen deutschen Auslandslehrer, der in Iasi unterrichtete. Er war mit seiner ebenfalls deutschsprachigen Frau oder Freundin unterwegs und ich schloss mich schließlich an. Ich hatte nichts von dem Wasserfall gewusst und es war ein Glücksfall. Der lange Aufstieg, der besonders zum Ende hin auch ziemlich anspruchsvoll war, lohnte sich vollkommen. Der Wasserfall war wunderschön.

Danach wollte ich mich zur Bergbahn begeben, musste aber feststellen, dass bereits ca. 50 Menschen vor mir die gleiche Idee gehabt hatten - es gab eine lange Schlange. Da die Bahn etwa alle 15 Minuten zehn Menschen mitnahm, konnte man sich ausmalen, dass es ein wenig dauern würde. Ich unterhielt mich mit einer deutsch-rumänischen Familie hinter mir, die auch mit der Bahn hoch wollten, weil sie zurück wandern wollten. Und so kam es, dass ich schließlich zwei Kinder im Alter von etwa 11 und 13 Jahren und ihre Eltern bei mir im Auto hatte - ich bot ihnen an, sie mitzunehmen, wenn sie auch keine Lust hatten, zu warten. Ich nehme an, auch die Seilbahnfahrt wäre fantastisch gewesen, aber auch die Autofahrt war sehr reizvoll. Nur leider war ich auch hier nicht die einzige mit der Idee herzukommen, es gab Staus an den zwei völlig überfüllten Parkplätzen. Der Ausblick von oben war wunderschön und auch der See war hübsch, aber die Massen an Touristen, die Massen an Autos auf den Parkplätzen, die Reisebusse, die die zweispurige Straße blockierten, die Hütten, die Gegrilltes, Käse und kitschige Souveniers verkauften - all das machte das Bild zunichte.


Ich blieb nicht lange und setzte mich nur kurz, um ein paar Teigtaschen zu essen, die ich an der Talstation der Bergbahn gekauft hatte. Auch einen leckeren Käse nahm ich noch mit, aber dann begab ich mich wieder in den Stau, um irgendwie dieses Nadelöhr zu verlassen. Kaum war ich ein paar Meter gefahren, gabelte ich noch drei Pfadfinder auf, die als Anhalter mitgenommen werden wollen. Die Unterhaltung mit ihnen war sehr spanennd. Ich setzte sie dann an der Kreuzung mit der Straße, die nach Sibiu oder Fogarasch führte ab, weil ich in die eine und sie in die andere Richtung mussten.

Ich fuhr dann eine Weile und hielt in Avrig an. Hier war das Barockschloss Brukenthal, in dem seit einigen Jahren ein Hotel eingerichtet war, mit angrenzendem Schlossgarten. Ich setzte mich für eine Holunderlimonade in den Gastgarten und las noch ein wenig im Reiseführer. Meine Unterkunft für die Nacht hatte ich in Saliste organisiert, ich wollte vorher noch in Michelsberg vorbei. Ich schaute mir die Route an und machte mich schließlich auf den Weg. Ich musste durch Heltau / Cisnadie nach Michelsberg / Cisnadioara.

In Michelberg war die Burg leicht zu finden. Ich stellte das Auto im Stadtzentrum ab und begab mich zum Kassenhäuschen (5 Lei Eintritt) und ging dann hoch zur Burg. Ein sehr schöner Ort für Fotos, viel gibt es ansonsten dort oben nicht zu sehen. Aber trotzdem, wenn man in der Nähe ist, empfehle ich einen Ausflug. Da es schon relativ spät war, ging es für mich aber gleich weiter zur Unterkunft in Saliste.