
Nach der Entschleunigung im Zug wollte ich noch mehr Entspannung und hatte deswegen als nächsten Ort Baile Herculane (Herkulesbad) geplant. Die Stadt überraschte mich und ich schwanke jetzt noch, ob es mir eigentlich da gefallen hat.

Nach der Zugfahrt und wieder in Oravita angekommen setzte ich mich in mein Auto und fuhr Richtung Westen. Der Weg durch die Berge war wunderschön. Am Bigar-Wasserfall bin ich leider vorbeigerauscht - ich sah nur, dass an der Hauptstraße eine Menge Autos parkten. Als ich in Baile Herculane ankam, suchte ich gleich erstmal meine Unterkunft. Ich hatte panisch vorausgebucht, da auf den gängigen Buchungswebseiten alles ausgebucht war. Ich war noch nie zuvor in Baile Herculane und konnte nicht wissen, dass man immer eine Privatunterkunft finden wird. An der Straße sitzen zahlreiche ältere Damen auf Bänken und warten nur so auf verirrte Urlauber. Einige dieser Damen sprach ich dann auch an, um herauszufinden, wo meine Unterkunft sei. Sie schickten mich erst einmal ein wenig in die Irre, doch als ich merkte, dass es nicht richtig sein kann, fragte ich nochmal. Schließlich landete ich an einem steilen Hügel. Ich traute mich nicht, mit Karl hochzufahren, weil ich ja auch nicht wusste, ob ich oben umdrehen konnte. Ich japste hinauf und wurde freundlich begrüßt von einem Jungen. Nachdem ich die dazugehörigen Erwachsenen gefunden hatte, stellte sich heraus, dass sie durchaus ein Zimmer hatten, nur meine Anfrage noch gar nicht bekommen. Ich bezog ein wunderbares einfaches Zimmer mit Dusche und WC auf dem Hof und ging noch ein wenig den Ort erkunden.

Baile Herculane ist seltsam. Der Ort teilt sich in mehrere Ortskerne, dazwischen läuft man ein ganzes Stück. Zum einen gibt es das eigentlich Städtchen, wo die Einheimischen wohnen. Hier gibt es Läden, Banken, Plattenbauten. Dann gibt es die Gegend mit Hotels und Pensionen sowie Fast Food Buden. Die Hotels sind ebenfalls große sozialistische Plattenbauten und zwischen einigen schönen alten Häusern wurde eine Menge architektonische Verunstaltung betrieben - wie es scheint in den letzten 10 Jahren. Alles wirkt irgendwie billig - der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass ich kein wirkliches Restaurant irgendwo fand. Dann gibt es noch den historischen Ortsteil - hier badete Sissi einst. Im Zentrum steht eine Herkules-Statue, daneben wunderschöne Häuser aus dem 19. Jahrhundert - verfallende Bäderarchitektur, wohin das Auge blickt. Das hat mich unglaublich traurig gemacht, diese Mischung aus bröckelndem Wiener Barock und Schnellimbissen für übergewichtige Badeschlappenträger.

Noch ein wenig ist vom alten Glanz zu erahnen und für einen Fotostreifzug eignet sich Baile Herculane durchaus sehr gut. Die alten Hotels sind nicht zugänglich, da hier und da ein wenig gebaut wird, aber auch von außen kann man gut fotografieren. Das Casino steht den kaiserlichen Bädern gegenüber, dazwischen der Fluss Cerna. Neben der Herkulesstatue findet sich das alte Apollo-Bad und eines der schönsten Gebäude, ein ehemaliger Speisesaal. Geht man weiter den Fluss hinauf, gelangt man zum sozialistischen Hotel Roman, das noch in Betrieb ist. Kurz dahinter sind kostenlose und frei zugängliche Quellen mit Thermalwasser, unter dem Hotel gibt es eine natürliche Sauna, die ebenfalls frei zugänglich ist. Vor dem Hotel kann man sich zwischen Eidechsen auf Betonplatten am Cerna-Ufer sonnen.
Das Bad war wohl schon den alten Römern bekannt, was archäologische Funde belegen. Zu österreichisch-ungarischen Zeiten war es beim Kaiser sehr beliebt, das war etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu finden sind in Baile Herculane zahlreiche Thermalquellen mit zum Teil schwefelhaltigen Wasser. Heute sind die großen Bäder geschlossen und es gibt nur mehrere kleine, die zumeist zu Hotels gehören. Außerdem gibt es in der Nähe der ehemals kaiserlichen Bäder Quellen mit Thermalwasser und ein Brunnen mit (stillem) Mineralwasser befindet sich auch im Ort.
Ich beendete meine Tour im einzigen schönen Restaurant, das eine Terasse direkt am Fluss hatte, zumindest das einzige, das ich gefunden habe, das Casa Lorabella. Es war sehr gut besucht und ich fand nur noch einen Platz neben einer Dame mittleren Alters am Tisch. Ich fragte sie, ob ich mich dazu setzen dürfte und ich hatte so Gelegenheit, gleich noch ein bisschen mein Rumänisch zu trainieren. Leider wartete ich ewig auf das Essen, so dass auch das keine wirkliche gute Erfahrung war, wenn auch die Unterhaltung sehr nett war.

Am nächsten Tag hatte ich mir vorgenommen, ein wenig in die Berge zu gehen. Ich schulterte den Rucksack - zur Sicherheit hatte ich auch gleich Badesachen und ein Handtuch eingepackt - und zog los. Baile Herculane liegt in einem Tal, um nicht zu sagen in einer Kluft. Ich rechnete damit, dass der Aufstieg schwer sein würde und behielt auch recht. Ich schaffte es schließlich nur bis zum "Weißen Kreuz", Crucea Alba, und machte mich danach wieder an den Abstieg. Auch so war ich gut zwei Stunden unterwegs und traf nette Wanderer aus Arad sowie eine rumänische Familie. Insgesamt ist aber das Touristenaufkommen am Berg sehr gering, wenn man bedenkt, wieviele Touristen sich am Abend durchs Zentrum schieben. Leider gibt es aber auch kaum Hinweisschilder mit Informationen zu Wanderwegen, so dass der normale Urlauber, wenn er es nicht gerade plant, auch gar nicht auf die Idee kommen kann, einfach mal loszuwandern. Auch im Internet sind die Informationen dazu eher rar, aber es gibt diese Wanderwege definitiv. Hier die Strecke von Baile Herculane zum Weißen Kreuz.

Ich war durchgeschwitzt und alles, was ich jetzt wollte, war ein kühles Bad. Kein Thermalwasser, in dem ich mit anderen dicht gedrängt hocken würde, sondern eher eine Art Freibad. Ich beschloss, es in 7 Izvoare [Quellen] zu versuchen, ein Ort ein Stück flussaufwärts von Baile Herculane. In unregelmäßigen Abständen verkehrt von Baile Herculane aus ein Shuttlebus, den ich dann auch nahm, weil ich wirklich keine Lust hatte, eine weiter Stunde durch die Gegend zu laufen. Die Fahrt kostete zwei Lei und man bezahlt direkt beim Fahrer. Am Freibad angekommen, machte ich es mir zwischen zwei Familien bequem und hüpfte gleich ins Wasser, das zu meiner Überraschung salzig war. An Schwimmen war auch hier nicht wirklich zu denken, so etwas wie Bahnen gab es nicht und überall waren Kinder und Erwachsene in riesigen Schwimmreifen oder Gruppen, die sich unterhielten. Ich hielt mich ansonsten im Schatten, aber da ich leider kein Buch dabei hatte, wurde es auch schnell langweilig. Ich suchte mir eine Aufgabe und so begann ich neugierig zu verfolgen, von wo die Menschen die Mini-Doughnuts hatten, die manche der Badegäste verspeisten. Es gelang mir bis zum Schluss nicht, die Quelle ausfindig zu machen. Nach weiteren Abkühlungen verschwand ich dann auch wieder aus dem Bad. Der Eintritt war 10 Lei gewesen, da ist es zu verkraften, wenn man nicht den ganzen Tag bleibt.
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| Camping verboten! |

Ich beschloss, den Rückweg nach Baile Herculane zu Fuß zurück zu legen. Das taten viele. Sie liefen zumeist einfach auf der Straße, denn einen Fußweg gab es nicht. Außerdem sieht man ja zu Fuß bekanntlich mehr und so kam ich nicht nur am wilden Campingplatz vorbei, wo Rumänen direkt hinter der Leitplanke auf dem schmalen Stück zwischen Fluss und Straße ihre Zelte aufschlugen oder gleich ihren Camper auf der Straße abstellten, sondern auch an den heißen Quellen, nach denen 7 Izvoare benannt ist. Menschen hockten zufrieden im vermutlich warmen Wasser und überall gab es kleine Zelte oder Hütten, wo Massagen angeboten wurden.
Auf halbem Weg zwischen Freibad und Baile Herculane tauchte dann eine Art Wanderweg auf und ich fragte einen älteren Herrn mit Motorroller, ob ich da auch langgehen könnte. Nein, der Weg führte zum Wasserwerk, so die Auskunft. Kaum war ich einhundert Meter weiter, tauchte der Rollerfahrer neben mir auf. Er führe jetzt ohnehin nach Hause, ob ich nicht mitkommen wolle. Und so endete mein Badeausflug mit einer unbehelmten Scootertour hinter einem 60-jährigen auf dem Beifahrersitz.

Wieder in Herculane stromerte ich noch ein wenig umher. Ich hatte von einer Seilrutsche über die Cerna gehört, die ich gern ausprobieren wollte. Ich fand sie auch, aber leider war kein Mensch da, der einen hätte anschnallen und einweisen können, demzufolge konnte ich mich auch nicht tarzangleich am Stahlseil über den Fluss schwingen. Als Ersatz suchte ich dann immerhin noch die Haiduken-Höhle auf, die gleich neben dem Hotel Roman gelegen ist und ging wieder zu meiner Unterkunft. Ich setzte mich mit einem Bier auf die Terasse mit dem schönsten Ausblick der ganzen Stadt und las und plante ein wenig. Kurz darauf kam der Sohn der Besitzerin, der sich auch um die Touristen kümmert. Er machte noch eine kurze Führung durch Baile Herculane mit mir, denn er war Touristenführer. Dabei war auch der kleine Junge, der mich bei meiner Ankunft begrüßt hatte - der zukünftige Touristenführer. Wir gingen noch ein Bier trinken und ich fiel später todmüde ins Bett. Gerade dieser letzte Abend in Baile Herculane hatte die Stadt nocheinmal interessanter für mich gemacht. Ich denke, es ist immer hilfreich, eine Stadt mit den Augen eines Bewohners zu sehen und so erfuhr ich einiges, was ich vorher nicht gewusst hatte.

Unterkunft in Baile Herculane: Casa Radoi, http://casaradoi.baileherculane.ro/Rezervari.htm
Touristenführer für Baile Herculane und Umgebung: Ilie Radoi (englisch, rumänisch), https://www.facebook.com/ghid.turisticbaileherculane