Donnerstag, 13. August 2015

Tag 2: Auf Sissis Spuren in Baile Herculane

Nach der Entschleunigung im Zug wollte ich noch mehr Entspannung und hatte deswegen als nächsten Ort Baile Herculane (Herkulesbad) geplant. Die Stadt überraschte mich und ich schwanke jetzt noch, ob es mir eigentlich da gefallen hat.


Nach der Zugfahrt und wieder in Oravita angekommen setzte ich mich in mein Auto und fuhr Richtung Westen. Der Weg durch die Berge war wunderschön. Am Bigar-Wasserfall bin ich leider vorbeigerauscht - ich sah nur, dass an der Hauptstraße eine Menge Autos parkten. Als ich in Baile Herculane ankam, suchte ich gleich erstmal meine Unterkunft. Ich hatte panisch vorausgebucht, da auf den gängigen Buchungswebseiten alles ausgebucht war. Ich war noch nie zuvor in Baile Herculane und konnte nicht wissen, dass man immer eine Privatunterkunft finden wird. An der Straße sitzen zahlreiche ältere Damen auf Bänken und warten nur so auf verirrte Urlauber. Einige dieser Damen sprach ich dann auch an, um herauszufinden, wo meine Unterkunft sei. Sie schickten mich erst einmal ein wenig in die Irre, doch als ich merkte, dass es nicht richtig sein kann, fragte ich nochmal. Schließlich landete ich an einem steilen Hügel. Ich traute mich nicht, mit Karl hochzufahren, weil ich ja auch nicht wusste, ob ich oben umdrehen konnte. Ich japste hinauf und wurde freundlich begrüßt von einem Jungen. Nachdem ich die dazugehörigen Erwachsenen gefunden hatte, stellte sich heraus, dass sie durchaus ein Zimmer hatten, nur meine Anfrage noch gar nicht bekommen. Ich bezog ein wunderbares einfaches Zimmer mit Dusche und WC auf dem Hof und ging noch ein wenig den Ort erkunden.

Baile Herculane ist seltsam. Der Ort teilt sich in mehrere Ortskerne, dazwischen läuft man ein ganzes Stück. Zum einen gibt es das eigentlich Städtchen, wo die Einheimischen wohnen. Hier gibt es Läden, Banken, Plattenbauten. Dann gibt es die Gegend mit Hotels und Pensionen sowie Fast Food Buden. Die Hotels sind ebenfalls große sozialistische Plattenbauten und zwischen einigen schönen alten Häusern wurde eine Menge architektonische Verunstaltung betrieben - wie es scheint in den letzten 10 Jahren. Alles wirkt irgendwie billig - der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass ich kein wirkliches Restaurant irgendwo fand. Dann gibt es noch den historischen Ortsteil - hier badete Sissi einst. Im Zentrum steht eine Herkules-Statue, daneben wunderschöne Häuser aus dem 19. Jahrhundert - verfallende Bäderarchitektur, wohin das Auge blickt. Das hat mich unglaublich traurig gemacht, diese Mischung aus bröckelndem Wiener Barock und Schnellimbissen für übergewichtige Badeschlappenträger.

Noch ein wenig ist vom alten Glanz zu erahnen und für einen Fotostreifzug eignet sich Baile Herculane durchaus sehr gut. Die alten Hotels sind nicht zugänglich, da hier und da ein wenig gebaut wird, aber auch von außen kann man gut fotografieren. Das Casino steht den kaiserlichen Bädern gegenüber, dazwischen der Fluss Cerna. Neben der Herkulesstatue findet sich das alte Apollo-Bad und eines der schönsten Gebäude, ein ehemaliger Speisesaal. Geht man weiter den Fluss hinauf, gelangt man zum sozialistischen Hotel Roman, das noch in Betrieb ist. Kurz dahinter sind kostenlose und frei zugängliche Quellen mit Thermalwasser, unter dem Hotel gibt es eine natürliche Sauna, die ebenfalls frei zugänglich ist. Vor dem Hotel kann man sich zwischen Eidechsen auf Betonplatten am Cerna-Ufer sonnen.

Das Bad war wohl schon den alten Römern bekannt, was archäologische Funde belegen. Zu österreichisch-ungarischen Zeiten war es beim Kaiser sehr beliebt, das war etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu finden sind in Baile Herculane zahlreiche Thermalquellen mit zum Teil schwefelhaltigen Wasser. Heute sind die großen Bäder geschlossen und es gibt nur mehrere kleine, die zumeist zu Hotels gehören. Außerdem gibt es in der Nähe der ehemals kaiserlichen Bäder Quellen mit Thermalwasser und ein Brunnen mit (stillem) Mineralwasser befindet sich auch im Ort.

Ich beendete meine Tour im einzigen schönen Restaurant, das eine Terasse direkt am Fluss hatte, zumindest das einzige, das ich gefunden habe, das Casa Lorabella. Es war sehr gut besucht und ich fand nur noch einen Platz neben einer Dame mittleren Alters am Tisch. Ich fragte sie, ob ich mich dazu setzen dürfte und ich hatte so Gelegenheit, gleich noch ein bisschen mein Rumänisch zu trainieren. Leider wartete ich ewig auf das Essen, so dass auch das keine wirkliche gute Erfahrung war, wenn auch die Unterhaltung sehr nett war.


Am nächsten Tag hatte ich mir vorgenommen, ein wenig in die Berge zu gehen. Ich schulterte den Rucksack - zur Sicherheit hatte ich auch gleich Badesachen und ein Handtuch eingepackt - und zog los. Baile Herculane liegt in einem Tal, um nicht zu sagen in einer Kluft. Ich rechnete damit, dass der Aufstieg schwer sein würde und behielt auch recht. Ich schaffte es schließlich nur bis zum "Weißen Kreuz", Crucea Alba, und machte mich danach wieder an den Abstieg. Auch so war ich gut zwei Stunden unterwegs und traf nette Wanderer aus Arad sowie eine rumänische Familie. Insgesamt ist aber das Touristenaufkommen am Berg sehr gering, wenn man bedenkt, wieviele Touristen sich am Abend durchs Zentrum schieben. Leider gibt es aber auch kaum Hinweisschilder mit Informationen zu Wanderwegen, so dass der normale Urlauber, wenn er es nicht gerade plant, auch gar nicht auf die Idee kommen kann, einfach mal loszuwandern. Auch im Internet sind die Informationen dazu eher rar, aber es gibt diese Wanderwege definitiv. Hier die Strecke von Baile Herculane zum Weißen Kreuz.

Ich war durchgeschwitzt und alles, was ich jetzt wollte, war ein kühles Bad. Kein Thermalwasser, in dem ich mit anderen dicht gedrängt hocken würde, sondern eher eine Art Freibad. Ich beschloss, es in 7 Izvoare [Quellen] zu versuchen, ein Ort ein Stück flussaufwärts von Baile Herculane. In unregelmäßigen Abständen verkehrt von Baile Herculane aus ein Shuttlebus, den ich dann auch nahm, weil ich wirklich keine Lust hatte, eine weiter Stunde durch die Gegend zu laufen. Die Fahrt kostete zwei Lei und man bezahlt direkt beim Fahrer. Am Freibad angekommen, machte ich es mir zwischen zwei Familien bequem und hüpfte gleich ins Wasser, das zu meiner Überraschung salzig war. An Schwimmen war auch hier nicht wirklich zu denken, so etwas wie Bahnen gab es nicht und überall waren Kinder und Erwachsene in riesigen Schwimmreifen oder Gruppen, die sich unterhielten. Ich hielt mich ansonsten im Schatten, aber da ich leider kein Buch dabei hatte, wurde es auch schnell langweilig. Ich suchte mir eine Aufgabe und so begann ich neugierig zu verfolgen, von wo die Menschen die Mini-Doughnuts hatten, die manche der Badegäste verspeisten. Es gelang mir bis zum Schluss nicht, die Quelle ausfindig zu machen. Nach weiteren Abkühlungen verschwand ich dann auch wieder aus dem Bad. Der Eintritt war 10 Lei gewesen, da ist es zu verkraften, wenn man nicht den ganzen Tag bleibt. 
Camping verboten!

Ich beschloss, den Rückweg nach Baile Herculane zu Fuß zurück zu legen. Das taten viele. Sie liefen zumeist einfach auf der Straße, denn einen Fußweg gab es nicht. Außerdem sieht man ja zu Fuß bekanntlich mehr und so kam ich nicht nur am wilden Campingplatz vorbei, wo Rumänen direkt hinter der Leitplanke auf dem schmalen Stück zwischen Fluss und Straße ihre Zelte aufschlugen oder gleich ihren Camper auf der Straße abstellten, sondern auch an den heißen Quellen, nach denen 7 Izvoare benannt ist. Menschen hockten zufrieden im vermutlich warmen Wasser und überall gab es kleine Zelte oder Hütten, wo Massagen angeboten wurden.
Auf halbem Weg zwischen Freibad und Baile Herculane tauchte dann eine Art Wanderweg auf und ich fragte einen älteren Herrn mit Motorroller, ob ich da auch langgehen könnte. Nein, der Weg führte zum Wasserwerk, so die Auskunft. Kaum war ich einhundert Meter weiter, tauchte der Rollerfahrer neben mir auf. Er führe jetzt ohnehin nach Hause, ob ich nicht mitkommen wolle. Und so endete mein Badeausflug mit einer unbehelmten Scootertour hinter einem 60-jährigen auf dem Beifahrersitz.

Wieder in Herculane stromerte ich noch ein wenig umher. Ich hatte von einer Seilrutsche über die Cerna gehört, die ich gern ausprobieren wollte. Ich fand sie auch, aber leider war kein Mensch da, der einen hätte anschnallen und einweisen können, demzufolge konnte ich mich auch nicht tarzangleich am Stahlseil über den Fluss schwingen. Als Ersatz suchte ich dann immerhin noch die Haiduken-Höhle auf, die gleich neben dem Hotel Roman gelegen ist und ging wieder zu meiner Unterkunft. Ich setzte mich mit einem Bier auf die Terasse mit dem schönsten Ausblick der ganzen Stadt und las und plante ein wenig. Kurz darauf kam der Sohn der Besitzerin, der sich auch um die Touristen kümmert. Er machte noch eine kurze Führung durch Baile Herculane mit mir, denn er war Touristenführer. Dabei war auch der kleine Junge, der mich bei meiner Ankunft begrüßt hatte - der zukünftige Touristenführer. Wir gingen noch ein Bier trinken und ich fiel später todmüde ins Bett. Gerade dieser letzte Abend in Baile Herculane hatte die Stadt nocheinmal interessanter für mich gemacht. Ich denke, es ist immer hilfreich, eine Stadt mit den Augen eines Bewohners zu sehen und so erfuhr ich einiges, was ich vorher nicht gewusst hatte.





Unterkunft in Baile Herculane: Casa Radoi, http://casaradoi.baileherculane.ro/Rezervari.htm

Touristenführer für Baile Herculane und Umgebung: Ilie Radoi (englisch, rumänisch), https://www.facebook.com/ghid.turisticbaileherculane

Mittwoch, 12. August 2015

Tag 1: Mit der Banater Semmeringbahn von Oravita nach Anina und zurück

Ein Urlaub ist vor allem dazu da, zu entspannen. Von der Hektik des Alltags abzuschalten, zu entschleunigen. Und wie kann man das besser als mit einer Bahn, die für 33km Strecke fast zwei Stunden braucht? 
Die Bahn zwischen Oravita und Anina ist die älteste Bahnstrecke auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Sie wurde 1863 fertig gestellt und für den Personen- und Güterverkehr in Betrieb genommen. Wegen der bergigen Gegend war der Bau zahlreicher Brücken und Tunnels notwendig - insgesamt 14 Tunnel durchquert die Bahn auf der kurzen Strecke. Die Bahn wurde vor allem zum Transport von Kohle gebaut, dient heute jedoch nur noch dem Personentransport. 

Während der Fahrt kann man die wunderschöne Landschaft des Banater Berglands bestaunen und natürlich eine Menge Bilder machen. Dazu kann man die Fenster der Waggons öffnen, die sich ein Stück herunterschieben lassen oder einfach die Abteiltür. Die Bahn fährt ja nicht sehr schnell, so dass die Gefahr, herauszufallen, gering ist, auch wenn man sich und seine Kamera gut festhalten sollte. Die Fahrt geht durchs Semenic-Gebirge und man kann an vielen Stellen die Gipfel der umliegenden Berge bestaunen. Zum Erkunden von Anina bleibt aufgrund des kurzen Aufenthalts von unter einer halben Stunden leider keine Zeit. 
Langweilen wird man sich auf der Fahrt bestimmt nicht. Abgesehen davon, dass es draußen viel zu sehen gibt, ergibt sich vielleicht das ein oder andere Gespräch mit dem Sitznachbarn. Viele der Reisegäste sind rumänische Touristen, aber auch der ein oder andere ausländische Tourist verirrt sich hierher. Zudem hat der Fahrkartenverkäufer eine Sammlung historischer Bilder von der Bahn und anderen Bahnstrecken in Rumänien, die er gern zeigt und ein kleines Faltblatt, dass über die Geschichte der Bahn informiert und auf deutsch, englisch und rumänisch erhältlich ist. Leider gibt es nur noch jeweils ein Exemplar, weswegen der Zugbegleiter auffordert, den Inhalt einfach abzufotografieren.

Die Bahn fährt ab Oravita täglich um 11.15 Uhr und sollte um 13.05 Uhr in Anina sein. Oft gibt es aber kleine Verspätungen. Rückfahrt ist ab Anina um 13.30 Uhr, um 15.20 Uhr erreicht man dann den Ausgangsbahnhof in Oravita. Die Bahn besteht aus einem Zugwagen und zwei gelb-grünen Waggons mit einfachen, aber bequemen Holzsitzen, die bei Bedarf im Winter sogar mit einem Holzofen geheizt werden können. Das Ticket wird im Zug verkauft und kostet 10 Lei pro Strecke, also 20 Lei (weniger als 5 Euro) für die Hin- und Rückfahrt. Der Zug verfügt über sehr einfache Toiletten und auch in Anina gibt es eine sehr einfache Bahnhofstoilette. Leider werden weder im Zug noch direkt an den Bahnhöfen Snacks und Getränke verkauft, man kann sich aber in Oravita in einem der Kiosks in Bahnhofsnähe gut eindecken.

Dienstag, 11. August 2015

Abschiedstour durch Rumänien

Ich war mal wieder unterwegs mit einem meiner besten und treuesten Gefährten - Karl, mein 18-jähriger Franzose. Ich habe einiges erlebt, was ich in den nächsten Tagen zu Posts verarbeiten werde. Ich habe auch eine Menge Bilder gemacht, sowohl analog als auch digital - aber die analogen dauern wie immer ziemlich lange, da ich (noch?) nicht selbst entwickle.


Soviel sei schon mal gesagt: Wenn ich mich wirklich verabschieden wollte, war dieser Roadtrip eine schlechte Idee, denn jetzt steht mehr denn je fest, dass ich wiederkommen muss.

Die Etappen:
Tag 1 - Fahrt mit der Banater Semmeringbahn von Oravita nach Anina
Tag 2 - Wandern und Baden in Baile Herculane und Umgebung
Tag 3 - Unterwegs im Nirgendwo - Tismana und Cheile Sohodolului
Tag 4 - Brancusi in Targu Jiu und Transalpina!
Tag 5 - Auf zum Holzstock-Festival!
Tag 6-8 - Holzstock-Festival in Holzmengen
Tag 9 - Transfagarasean! Brukenthal-Palast in Avrig und Burg in Michelsberg
Tag 10 - Burg in Deva und zurück über Umwege

Sonntag, 19. Juli 2015

„Fröhlich, frei, Spaß dabei“

Als ich schlaftrunken in Belgrad aus dem Zug stolperte, der mich von Thessaloniki über Mazedonien nach Serbien gebracht hatte, kamen aus den anderen Waggons unzählige Menschen unterschiedlichster ethnischer Hintergründe und Hautfarben. Es war mir sofort klar, dass diese Menschen Flüchtlinge sein mussten und ich stellte bei meiner Recherche zu Hause später fest, dass ich wohl recht hatte mit der Annahme. Dieser Moment veränderte etwas in mir. Ich fing an, das Reisen neu zu betrachten.

Ich reise seit jeher gern, hatte aber gerade erst angefangen, das Reisen um des Reisens willen als möglichen Lebensentwurf für mich zu überdenken. Ganz von allen Sicherheiten und Verpflichtungen möchte ich mich nicht trennen, aber ich überlege ein verspätetes Brückenjahr einzulegen und ein Jahr lang die Welt zu bereisen. Klar war, dass das möglichst „nomadisch“ geschehen sollte – mit wenig Gepäck, billig und im engen Kontakt mit der Umgebung. Ich hatte ein romantisches Bild davon, wie ich nur mit einem Rucksack loszog, um Kuba, Marokko oder Georgien zu entdecken. Wie ich mithilfe von Couchsurfing überall Leute traf und „off the beaten path“, also abseits der ausgetretenen Wege unterwegs war. Zu diesem Entschluss hatten auch zahlreiche Internetforen, Webseiten und Facebookposts beigetragen. Im Internet gibt es unzählige Communities, die sich mit nichts anderem Beschäftigen, als dem Aussteigertum.

„Digital nomads“ nennen sie sich, „vagabonds“ oder „free spirited“. Mit dem MacBook im Gepäck und einer teuren Spiegelreflexkamera ziehen sie los, um die entlegendsten Ecken der Welt zu erkunden. Dabei verdienen sie ihr Geld oft mit Blogs oder Jobben als Sprachlehrer, Fruitpicker oder musizieren auf der Straße. Fortbewegt wird sich mit Hitchhiking, also per Anhalter, übernachtet wird im Zelt, auf dem Sofa eines Couchsurfers oder allerhöchstens in Hostels. Gern auch als Helper oder Wwoofer gegen Kost und Logis. Hotels verachten sie mindestens so sehr wie Flugzeuge. Außer wenn es mal ein Sonderangebot bei einer Fluggesellschaft gibt, dann sind sie die ersten, die zuschlagen, um an das nächste exotische Ziel zu gelangen. Reisen könne jeder, posaunen sie hinaus, man brauche kaum Geld dafür, tippen sie in ihr MacBook. Ab und zu gibt es auch Beispiele von Leuten, die tatsächlich komplett ohne Geld reisen, wobei diese dann doch eingeschränkt sind – weil man ohne Flugticket eben schlecht auf einen anderen Kontinent kommt und weil Visas in einigen Ländern eben eine Menge kosten. Allen diese Menschen, selbst die Reisenden ohne Geld, haben meist eines gemeinsam: Den richtigen Pass. Und Eltern oder Freunde, die sie zur Not aus dem Schlamassel holen, wenn es hart auf hart kommt und das Geld für die Rückfahrkarte schon überweisen würden. Irgendwo ist noch ein Zimmer frei in den Wohlstandsgesellschaften, aus denen sie kommen und selbst, wenn sie total verarmt wären, würde sie ihr Heimatstaat schon auffangen.

Das klingt zynisch und es ist zu einem gewissen Maße sicher so. Jemand, der einen nigerianischen Pass hat, wird wohl schwer ein solcher „digital nomad“ werden können und von überall auf der Welt aus arbeiten. Ich möchte den Menschen, die sich als Reisende begreifen, ihr Recht darauf nicht absprechen. Ich stimme vollkommen zu, das Reisen, insbesondere, wenn dabei wirklich der Kontakt zu anderen Kulturen gesucht wird und man sich nicht nur in einer abgeschotteten Hotelburg befindet und dann behauptet, man sei auf Kuba gewesen, zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen in andere Länder reisen würden und dabei über die Rolle des Touristen hinausträten. Aber ich verlange nicht, dass jeder Mensch seinen geregelten Job aufgibt und von nun an um die Welt zieht, zumal es eben manchen gar nicht möglich ist, weil sie aufgrund ihres sozialen und nationalen Hintergrunds niemals die Chance haben werden. Auch der Markt an Reiseblogs ist irgendwann übersättigt und nicht jedem gelingt es, sich mit Posts aus aller Welt über Wasser zu halten. Ich halte das Reisen nicht für den einzig richtigen Weg, sein Leben zu leben. Und insbesondere, wenn ich eine Gruppe von Flüchtlingen am Belgrader Bahnhof sehe, weiß ich, dass die Forderung, jeder sollte reisen, einem Luxusdenken entspringt. Diese Menschen, die in Belgrad ankommen und versuchen werden, über die serbisch-ungarische Grenze irgendwie in den Schengenraum zu gelangen, sind nicht in diesen Zug gestiegen, weil sie sich den Luxus von zwei Tagen Thessaloniki gönnen wollten. Sie haben keinen Liegewagen gebucht, wo sie einen Teil der Zugfahrt schlafen konnten und sie haben nicht noch Reste vom Salzwasser im Haar, weil sie am Vortag kurz zur Erfrischung im Meer baden waren. Wenn sie Reste von Salzwasser im Haar haben, dann aus anderen Gründen. Sie werden nicht als nächstes nach Rumänien reisen und in ein paar Wochen weiter nach Deutschland, mit dem eigenen Auto dauert das etwa einen Tag. Nein, sie werden diesen Weg vielleicht versuchen, aber sie werden wohl eher von Schleusern in LKWs über die Grenze transportiert, werden versuchen ein unbewachtes Loch in der grünen Grenze zu finden und kilometerweit laufen. Sie haben es bis hierher geschafft, aber Serbien ist kein Land für Flüchtlinge, das wissen sie. Schließlich sehen sie selbst, wie dutzende mit ähnlichem Schicksal in den Parkanlagen um den Belgrader Bahnhof und Busbahnhof lagern.

Ich sollte mir nicht schlecht vorkommen, wenn ich vom Belgrader Bahnhof mit meinem Rucksack zur Innenstadt losziehe, an ihnen vorbei, noch kurz beim McDonalds halt mache, um mir eine heiße Schokolade zu kaufen, das Internet zu nutzen und die Toilette aufzusuchen. Als Landstreicherin würde ich es vielleicht ähnlich machen. Genau deshalb komme ich mir aber schlecht vor – weil ich einen Lebensstil vorspiegele, den ich gar nicht habe. Freiheit und Armut sind in gewissen Kreisen fast zu Statussymbolen geworden. „Du musst unbedingt in Albanien den Zug nehmen! Er braucht ewig und wer es sich leisten kann von den Einheimischen, würde niemals Zug fahren, aber es ist ein Erlebnis und der billigste Weg von A nach B zu kommen!“ - „Nimm ja nicht die Touristenfähre. Es gibt eine Autofähre, die die Albaner selbst benutzen, die ist zwar auch nur ein bisschen billiger, aber viel authentischer!“ Solche Sätze lese ich in letzter Zeit ständig. Und auch ich dürste nach Authentizität, will sehen, wie die Einheimischen und auch die ärmere Bevölkerung wirklich lebt und gleichzeitig ist da ein Zwiespalt in mir: Warum sollte ich nicht den Shuttleservice für Touristen nehmen, wenn ich das Geld doch habe und im Endeffekt damit mehr Geld im Land lasse, was den Einheimischen ja dient? Aber Geld im Land zu lassen, scheint verpönt zu sein. „Guys you don't need to give money to no one. Don't try to corrupt the heart of the person with stupid money. If a person host you it is not about money and no one is expecting money but it is for respect, and they expect only one thing, Respect. Givin money to the other is not respect and it is not a help.“, antwortet ein Couchsurfer auf eine Frage im Forum, ob der Gast ein bisschen Geld dalassen sollte, wenn er bei Einheimischen (nicht Couchsurfern) in Albanien übernachtet. Als Couchsurferin stimme ich ihm zu – es geht hier nicht um Geld. Als Low-Budget-Reisende möchte ich ihm auch gern zustimmen. Als Mensch erscheint es mir falsch. Klar ist es vielleicht besser, ein Geschenk dazulassen als ein paar Scheine, aber ich möchte Gastfreundschaft auf keinen Fall ausnutzen – weder in den ohnehin sehr gastfreundlichen Ländern Südosteuropas, noch irgendwo sonst auf der Welt.

Ich möchte Gastfreundschaft zurückgeben. Ich will mir diese Mentalität des Willkommenheißens annehmen. Klar weiß ich, dass ich auch hier wieder von meinen Privilegien der richtigen Hautfarbe und Nationalität profitiere und in einem makedonischen Haushalt wohl nicht so herzlich aufgenommen werden würde, wäre ich Sudanesin. Dennoch, ich strebe es für mich an, den Menschen unabhängig von ihrer Herkunft diese Herzlichkeit zurückzugeben, die mir entgegengebracht wird. Das bedeutet für mich auch, dass wenn ich als Fremde in anderen Ländern gut aufgenommen werde, ich es als Pflicht sehe, diese Menschen bei mir gut aufzunehmen. Und hier schließt sich der Kreis zu den Flüchtlingen, die versuchen nach Deutschland zu gelangen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich mache mir bewusst, dass diese Menschen auf überladenen Booten oder tagelang durch die Wüste irrend, im Zweifelsfall beides, versteckt in überfüllten LKWs ohne Luft zum Atmen irgendwie in Europa ankommen. Zu solch einer Reise, die ja jeden „nomad“ ins Schwärmen bringen sollte, weil sie so low budget und authentisch ist (entschuldigt den bitteren Humor), bricht man nicht auf, weil man etwas Neues erleben möchte, weil man denkt, dass Deutschland ein Schlaraffenland ist. Zu solch einer Reise bricht man auf, weil man keinen anderen Weg sieht, zu überleben, sonst würde man wohl kaum die tödlichen Gefahren ausblenden, die der Weg mit sich bringt. Ein Leben am im wirklichen Sinne des Wortes Existenzminimum, Folter, Gefängnis, Verfolgung bringen einen Menschen soweit.

Ich möchte nicht bestreiten, dass es auch Menschen gibt, für die das „nomadische“ Leben auf Reisen der einzige Ausweg ist – die verzweifeln und keinen Lebenssinn sehen, wenn sie nicht ständig unterwegs sind und Neues entdecken. Aber ein Großteil der Abenteurer fühlt sich eigentlich ganz wohl in seinem Sozialsystem, mit dem sicheren Rückhalt seiner Eltern oder seinem Bausparkonto und möchte nur mal eben den Kick und den Kitzel spüren, mit „nur“ ein paar Hundert oder ein paar Tausend Euro loszuziehen. Auch das ist ok, ich will hier niemanden verurteilen, man sollte sich nur stets vor Augen führen, dass es Menschen gibt, für die eine solche Reise kein Spaß ist. Wenn ich in Rumänien den Daumen raus halte und ein Auto anhalte, um meine Reise zu beginnen, steht neben mir ein Mann, der das tut, weil er zu Arbeit muss und kein eigenes Auto hat und sich den Bus nicht leisten kann . 


*„Fröhlich, frei, Spaß dabei“ ist der Titel eines Disney-Films aus dem Jahr 1947 basierend auf der Erzählung „Bongo“ von Sinclair Lewis.

Sonntag, 5. Juli 2015

Kurz ans Meer - Mini-Urlaub in Thessaloniki

Meine Gedanken kreisen seit einiger Zeit nur noch um Urlaub. Noch zwei Monate läuft mein Arbeitsvertrag, doch jetzt im Sommer fällt der Gedanke an Arbeit oft ein bisschen schwer. Also denke ich viel an mögliche Ziele. Vor etwa zwei Wochen hatte ich dann beschlossen, mir zwei Tage frei zu nehmen und für ein verlängertes Wochenende wegzufahren. Die Überlegungen reichten von Radtour entlang der Donau bis hin zu ans Meer fahren. Da standen dann zwei Optionen zur Auswahl - beide ungefähr gleich weit entfernt und auch von der Fahrzeit ähnlich. Rumänische Schwarzmeerküste oder montenegrinische Mittelmeerküste. Montenegro reizte mich mehr, von meinem letzten Besuch am rumänischen Schwarzmeer hatte ich nicht so viele positive Eindrücke behalten. Also stellte ich mich darauf ein, nach Belgrad zu fahren und von dort den Nachtzug ans Meer zu nehmen. Dann jedoch entdeckte ich, dass man von Belgrad mit dem Nachtzug auch die griechische Küste, genauer Thessaloniki erreichen konnte und die Entscheidung war gefallen. Ich war scließlich noch nie auf dem griechischen Festland.


Der Zeitpunkt scheint vielleicht ein bisschen schlecht gewählt wegen der Staatskrise und des angeblichen sofort bevorstehenden Bankrotts des Landes. Ich kam mir vor allem als Deutsche sehr seltsam vor, scheint doch die Bundeskanzlerin die Wortführerin schlechthin zu sein, wenn es darum geht, den Griechen Unfähigkeit zu unterstellen. Andererseits habe ich davon gar nichts gemerkt - ich habe Geld am Bankautomaten bekommen und wurde auch nicht als Deutsche diskriminiert. Und der Strand verändert sich ja nicht, bloß weil grad Staatskrise ist.

Ich startete am Freitag nach der Arbeit und fuhr los nach Belgrad. Zufällig hatte ich gerade eine Couchsurferin bei mir, die ich schon bei einem Projekt in Hermannstadt kennengelernt hatte und die auch nach Belgrad wollte. Deswegen gründeten wir kurzerhand eine Fahrgemeinschaft. Wir fuhren kurz nach vier los und tuckerten langsam Richtung Belgrad. Wir hatten eine unterhaltsame Fahrt. Einen Teil des Weges zuckelten wir dann hinter zwei Panzerwagen hinterher, die wohl auch auf dem Weg nach Belgrad waren, wir konnten sie dann aber doch abhängen. Die Freundin wollte Couchsurfen, ich hatte mir ein Hostel mit Parkplatz herausgesucht, wo wir zunächst erstmal hinfuhren, um das Auto abzustellen. Dann begleitete ich meine Beifahrerin noch zum Bahnhof, wo sie die Straßenbahn zu ihrer Couchsurferin nehmen wollte. Ich wanderte danach noch ein wenig durch die Stadt, hoch zur Kalemegdan-Festung und zurück durch die Innenstadt, bevor ich zurück zum Hostel ging. Am nächsten Tag setzte ich mein zielloses Schlendern fort, natürlich immer die Kamera dabei und machte ein paar Fotos von Belgrad. Leider bin ich immer noch ein wenig zu schüchtern, um Menschen anzusprechen. Beispielsweise hätte ich den älteren Herrn fotografieren sollen, der lauthals auflachte, als er sah, wie verstört ich schaute, wie sich eine asiatische Touristin von ihrem Freund mit einem pinken Gebäckstück in der Hand fotografieren ließ. Die bettelnden Romakinder habe ich sogar, zumindest eins davon, aber nicht, wie sie später mit ihrer Gruppe dasaßen, dabei auch ältere Personen, die ihnen vermutlich das Geld abnahmen. 

Um 18:30 ging mein Zug. Ich war schon etwas eher am Bahnhof. Mit dem Zugbegleiter hatte ich eine kleine wortlose Diskussion. Ich zeigte ihm mein Ticket mit der Nummer 81. Er zeigte mir seine Liste von gebuchten Schlafplätzen - keine 81 dabei. So ging das ein paar Mal hin und her, wir sprachen glaube ich fünf Silben dabei, dann malte er schließlich bei der ausgedruckten Liste neben die Plätze 82 bis 86 kurzerhand noch eine 81. Damit war auch irgendwie klar, dass ich nicht viel Platz haben würde, wenn die anderen Plätze alle gebucht waren. Kurz vor knapp, ich dachte schon, ich hätte doch Glück, kam eine Gruppe Rentner mit riesigen Koffern. Sie sprachen eine slawische Sprache, aber Serbisch war es irgendwie nicht. Es klang so langgezogen und ich erkannte schnell das Sächsisch unter den slawischen Sprachen - Tschechisch. Ich fragte noch mal nach und es stimmte tatsächlich. Die Tschechen müffelten leider ein wenig, es war ja auch ein heißer Tag gewesen, aber trotzdem empfand ich es als unangenehm. Ansonsten waren sie aber sehr lieb und wir kamen - ohne, dass wir uns irgendwie verständigen konnten, super miteinander klar. Ich fragte mich, wie diese Menschen es ohne Englischkenntnisse wohl quer durch Europa geschafft hatten, vermutlich mit dem Zug. 

Wir kamen mit saftigen zwei Stunden Verspätung am nächsten Morgen in Thessaloniki an. Die Grenzkontrollen hatten mitten in der Nacht stattgefunden, einen Stempel für meinen Pass hatte ich sehr zu meinem Leidwesen nicht bekommen. Man durchfährt ja auf dem Weg von Serbien nach Griechenland auch noch Mazedonien, was wir aber überwiegend mitten in der Nacht taten. Ich kaufte mir in Thessaloniki angekommen noch eine Reservierung für den Nachtzug zurück nach Belgrad einen Tag später und ging dann Richtung Hostel. Das hatte ich mir extra in Bahnhofsnähe gesucht - nun freute ich mich, dass es nicht so weit war. Ich hatte ein Doppelzimmer, aber trotzdem "dormitory", was heißt, dass ich das Doppelzimmer einfach mit einer wildfremden Person teilte. Das Hostel war wirklich gut, die Zimmer waren groß, alles war schön sauber und die Damen an der Rezeption echt nett. Nur leider war es dann doch etwas weit vom Zentrum und der Altstadt, wie sich herausstellte. Ich durfte mein Zimmer schon eher beziehen und ging gleich erstmal duschen, dann machte ich mich auf zur Stadterkundung. Da ja das oberste Ziel das Meer gewesen war, saß ich schon um drei auf einem Boot, dass mich zu einem Strand bringen sollte. Es ging einmal quer über die Bucht nach Neol Epivates. Um vier waren wir etwa da und ich suchte mir gleich ein Plätzchen am Strand. Schatten war leider sehr wenig zu finden und ich ließ mich schließlich in Nähe der Strandpromenade nieder, wo einige Bäume noch ein wenig Schatten boten. Ich sprang ins Wasser - erfrischend, belebend, wunderbar - hielt mich aber nicht lange auf. Ich war allein und hatte somit auch niemanden, der auf meine Sachen aufpassen konnte und ich hatte keine Ahnung, wie es mit Dieben so aussah. Aber dennoch, schon allein für das kurze eintauchen ins Salzwasser hat es sich voll und ganz gelohnt.
Nach dem Bad las ich noch ein wenig und schlenderte an der Strandpromenade entlang, ich kaufte mir ein Eis und genoss es einfach, da zu sein. Dann machte ich mich auf zum Kai, wo das Schiff für die Rückfahrt anlegen würde. Es zogen dunkle Wolken auf, deswegen hatten die Idee nicht wenige. Was ich nicht realisiert hatte - es wurde nur eine begrenzte Anzahl von Menschen aufs Schiff gelassen. Da ich aber nicht drängelte und schubste, stand ich unter den letzten. Witzigerweise waren die letzten fast nur Deutsche, neben mir standen noch ein paar deutsche Urlauberinnen. Ich wartete stoisch noch ein bisschen, ging schon meine Optionen durch (Abendessen in einem Strandlokal und Ellenbogen ausfahren beim nächsten Schiff in zwei Stunden oder lieber einen Bus suchen?), doch da gingen auf einmal ein paar Jungs wieder von Bord, weil es einer aus der Gruppe nicht geschafft hatte und es kurz vor ihm hieß "Stopp!". Witzigerweise englischsprachige Touristen. Die Balkanesen sind wohl besser im Drängeln und Schubsen. Jedenfalls ließ der Typ am Schiff nun noch vier weitere Touristen mitfahren und ich gehörte glücklicherweise dazu. 
Streetart in Thessaloniki
Ich ging zurück in mein Hostel, duschte nochmal kurz und beschloss, ein Bier trinken zu gehen. Am Ende saß ich in einer tschechischen Kneipe namens Gambrinus und ließ mir ein ebenfalls tschechisches Bier schmecken - auch nicht schlecht. Ich blieb aber wirklich nur auf ein Bier, alleine ist es ja auch doof, und begab mich dann wieder zum Hostel. Hier machte sich meine Mitbewohnerin gerade bereit zum Ausgehen. Ich hatte beim Reinkommen nur kurz erblickt - wie sie nackt im Bett lag, wohl wegen der Hitze. Dann am Landungssteg des Schiffes war sie gerade auf dem Weg zum Strand, während ich gerade versuchte, auf das Schiff zum kommen zurück nach Thessaloniki - zumindest glaubte ich, dass sie es sein müsste. Sie war es tatsächlich gewesen, nun warf sie sich in Schale. Es sei ihr letzter Abend, sie wollte noch mit ein paar Griechen ausgehen. Ich hatte kein Interesse und konnte wohl neben dieser Partyqueen ohnehin nicht bestehen. Sie sagte noch, ich solle sie wecken, morgen sei ja ihr letzter Tag und sie hatte in den letzten Tagen überhaupt nichts von den Sehenswürdigkeiten gesehen - wir könnten doch zusammen in die Altstadt gehen. Ich murmelte Zustimmung und fragte mich, wie ich da wieder rauskommen könnte. Als sie morgens um sechs nach Hause kam, erklärte ich noch kurz, dass sich meine Pläne geändert hätten und ich jemanden träfe, sie solle sich selber den Wecker stellen, ehe ich wieder eindöste.
Gegen neun war ich dann tatsächlich auf dem Weg in die Altstadt. Zunächst wollte ich aber über den Markt schlendern und tauchte ein in Basar-artiges Gewimmel, vorbei an den Fisch- und Fleischständen, wo die Fleischer die Tiere noch zerlegten. Es gab alles, was das Herz begehrte, nur leider wenig Handarbeit. Ich hätte mir ein paar handgemachte Sandalen gewünscht, fündig wurde ich aber nicht. Ich ging dann an einigen Kirchen und ähnlichem vorbei, dann ging es immer nur den Berg hoch. Durch steile enge Gassen, die die Griechen wohl tatsächlich mit dem Auto befuhren, kletterte ich höher und höher. Ein fantastischer Ausblick belohnte mich, außerdem war Thessaloniki hier viel schöner als unten am Meer. Im flachen Teil der Stadt stehen vor allem hässliche Neubauten, von einigen Ausnahmen abgesehen. Je höher man kommt, desto schöner wird auch die Bausubstanz. Ganz oben auf dem Hügel kletterte ich schließlich auf den Mauern einer alten Festung umher und machte Bilder. 
Kurz nach zwölf traf ich einen Couchsurfer, mit dem ich mich verabredet hatte. Er logierte in einem wirklich tollen Hostel mitten in der Altstadt. Er war Inder, der in Kanada lebte und hatte noch eine Südkoreanerin dabei, die er im Hostel kennengelernt hatte. Der Rezeptionist vom Hostel empfahl uns noch ein "nicht ganz billiges" Restaurant in der Nähe. Wir gingen hin und zahlten am Ende 10 Euro pro Person für zwei Hauptspeisen mit Fleisch, zwei Vorspeisen mit Gemüse und Käse (für mich), einen Wein und ein Bier. Dazu gab es aber noch kostenlos eine Runde Schnaps (Rakija nicht Ouzo), ein Mini-Apperetif und Dessert für alle sowie Brot und Wasser. Wir waren gut vollgefressen und hatten interessante Gespräche geführt, nun wollten wir noch einen kleinen Spaziergang machen, der uns wieder runter ans Meer führen sollte. Der Inder kam bloß bis zum Triumphbogen mit, wo wir auch noch ein Foto zu dritt machten, dann verabschiedete er sich. Ich trennte mich von der Koreanerin am Weißen Turm und ging wieder zum Hostel, um auf dem Weg noch einzukaufen und meine Sachen zu holen, damit ich den Zug nicht verpasste. 

Ich war auf der Rückfahrt in einem Abteil mit einem Schweden, der mit seinem elfjährigen Sohn Interrail machte und einem Südkoreaner, der keine zwei Sätze sagte. Dafür unterhielt ich mich mit den Schweden sehr gut - der Elfjährige beeindruckte mich mit seinen Englischkenntnissen. Schlafen konnte ich ganz gut, am Ende verschlief ich die serbische Passkontrolle und niemand weckte mich, um meinen Pass zu sehen. Als wir in Belgrad ankamen, wollte ich gleich erstmal eine Toilette suchen, um meine Kontaktlinsen reinzumachen und mich ein bisschen notdürftig zu säubern. Erstmal fiel mir aber auf, wie aus dem Zug Dutzende Menschen jeglicher Hautfarbe ausstiegen. Ganz offensichtlich Immigranten, vermutlich eher Flüchtlinge und auch nicht ganz legale Flüchtlinge, wie ich annahm. In Belgrad fällt ohnehin auf, dass unzählige Flüchtlinge in der Nähe des Bahnhofs und Busbahnhofs lagern. Ganze Familien, die irgendwie auf die Weiterreise harren zu scheinen. Vermutlich spuckte der Zug aus Richtung Griechenland jeden Tag neue aus, auch wenn auf den ersten Blick nicht ganz klar ist, warum. Denn von außen betrachtet müsste doch die Ankunft in Griechenland, die ja die Ankunft in der EU bedeutet, auch gleichzeitig eine Ankunft in sicheren Verhältnissen sein. Es wäre interessant sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen, was die Flüchtlinge dazu treibt, weitere beschwerliche Wege auf sich zu nehmen. Vor allem Frage ich mich, wie sie es überhaupt schaffen, in einem Zug legal die Grenze zu überqueren.
NZZ Fotos: Die Flüchtlingsroute über den Westbalkan
UNHCR: Erhöhtes Risiko für Flüchtlinge auf dem Westbalkan

Meine Ankunft war also erst einmal begleitet von düsteren Gedanken und die Bahnhofstoilette stellte sich auch als nicht praktikabel für das Einsetzen meiner Kontaktlinsen heraus - Klo und Händewaschen war das Maximum, was ich dort tun wollte. Da mein Zug nur eine Stunde Verspätung hatte, hatte ich noch ein bisschen Zeit, bis ich mich mit meiner Reisegefährtin von der Hinfahrt treffen würde. Wir wollten uns gemeinsam wieder auf den Rückweg von Belgrad nach Timisoara machen. Da also noch Zeit war, ging ich wie so oft die Balkanska-Straße hinauf. Vor dem Hotel Moskau angekommen, überlegte ich kurz, ob ich nicht dort einen Kaffee trinken sollte und das Bad benutzen, verwarf es aber schnell wieder, so stinkend und fertig wie ich war, und entschied mich für das McDonald's auf der anderen Straßenseite. Ich gehe da ja nur äußerst selten hin, aber eine heiße Schokolade, Internet und eine annehmbare Toilette waren dann doch zu verlockend. In etwas besserer Verfassung - wenn auch immer noch stinkend - begab ich mich dann zum vereinbarten Treffpunkt. Gemeinsam nahmen ich und die Reisegefährtin noch ein leckeres Frühstück im Teddy Bear nahe dem Studentski Trg für nur 350 Dinar inklusive Kaffee und chemischem Saft. Dann fuhren wir zum Hostel, wo ich mein Auto hatte stehen lassen dürfen. Im Anschluss verfuhren wir uns etwas in Belgrad, erreichten aber nach einigen Wirren tatsächlich unser Ziel - den See Ada Ciganlija. Ein wenig erfrischen war das Ziel und ich freute mich, den Zugmief und Schweißgeruch loszuwerden. 
Wir blieben nicht lange und fuhren Richtung Timisoara zurück, wobei das diesmal auch viel besser klappte mit der Orientierung. In Vrsac nahmen wir noch einen trampenden Backpacker mit, der auch nach Timisoara wollte und hatte einige interessante Unterhaltungen mit dem Brasilianer. Wir krönten die schönen Urlaubstage, die wir unabhängig voneinander gehabt hatten, mit einem Essen bei meinem Lieblingsrestaurant BioFresh. 



Zug Belgrad-Thessaloniki:

Informationen: http://www.trainose.gr/en/passenger-activity/international-services/international-railway-services/
Preis: Hin- und Rückfahrt ca. 70 Euro inkl. Reservierung für den Liegewagen

Freitag, 12. Juni 2015

Auf in den Osten - von Sachsen!

Ich bin für zwei Familienfeiern nach Hause gefahren. Diese lagen genau zehn Tage auseinander - dazwischen war Zeit für Freunde treffen und ein kleines bisschen Urlaub. Zunächst hatte ich an Ostsee gedacht, sogar einen Last-Minute-Flug in den Süden in Betracht gezogen, aber dann fuhr ich nach Bautzen. Und es war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. 

Aktivsein im Urlaub


Der Weg ist das Ziel!
Ich wollte nicht einfach so rumlungern, weil ich wusste, dass es mir schwer fallen würde, abzuschalten. Ich fahre sehr gerne Rad, wie aufmersame Leser dieses Blogs vielleicht schon bemerkt haben und so stöberte ich nach Radrouten. Wie ich dann auf die Lausitz als Radel-Gebiet kam, weiß ich gar nicht mehr - die Idee war auf einmal da. Damit ich mit dem Zug anreisen konnte, wollte ich gern in Dresden starten und so suchte ich mir die Sächsische Städteroute von Dresden über Kamenz nach Bautzen, Löbau und Görlitz heraus. Am ersten Tag nahm ich mir gleich das ehrgeizige Stück von Dresden nach Bautzen mit dem Umweg über Kamenz vor, dann nach einem Tag Pause wollte ich von Bautzen nach Görlitz weiterfahren. Soviel vorab - es war mal wieder zu ambitioniert, aber ich hatte mir ohnehin gedacht, dass ich ja jederzeit zwischendurch einen Zug nehmen konnte. Jedenfalls radelte ich munter von Radebeul aus los und nach einem etwas holprigen Start über einen Waldweg hatte ich auch bald bessere Wege unter den Reifen und unerwartet sogar eine recht gute Ausschilderung.

Der Sächsische Städteradweg von Dresden (Radebeul) nach Kamenz und Bautzen

 

Kloster St. Marienstern
Der erste Teil der Tour war circa 85km lang und nicht schlecht hügelig. Ich war gegen elf am Bahnhof Radebeul gestartet, weil ich ohnehin aus Richtung Leipzig kam und mir das Gewusel durch die Dresdner Innenstadt sparen wollte. Dank GPS fand ich die Route recht schnell, auch wenn ich zunächst keine Ausschilderung des Weges sah. Ein paar Dörfer später entdeckte ich aber das Schild mit dem Radwegsymbol und dem roten S für die Städteroute. Ich als Anfängerin im Tourenradeln hätte mir wohl besser erstmal eine Flusstour rausgesucht, denn diese Strecke ging ständig bergauf und bergab. Mit Taschen am Gepäckträger ist selbst das Schieben bergauf anstrengender, das Treten sowieso. Ich nutzte aber alle Gänge und war jedes Mal stolz auf mich, wenn ich es ohne absteigen schaffte. Der Weg belohnte mich aber auch - es ging auf fast unbefahrenen kleinen Straßen durch malerische Dörfer, vorbei an Gutshäusern, Klöstern und kleinen Schlössern. Ich stieg ab und zu ab, um mir etwas anzuschauen. Im Zentrum von Kamenz machte ich eine fast einstündige Erholungspause. Anschließend wich ich kurz vom Weg ab, weil ich abkürzen wollte, dann hielt ich mich wieder an die Route. Obwohl es ein leicht windiger, bewölkter Tag war, hatte ich höchstens mal geringen Nieselregen in Häslich, ansonsten blieb es bis zum Abend trocken. Ein kurzer Schauer setzte erst am Kloster Panschwitz-Kuckau ein. Hier blieb ich dann aber einfach eine Weile in einer breiten Toreinfahrt stehen und als es weniger wurde, ging es dann weiter. Ich erreichte Bautzen am Abend nach 19 Uhr. Ich kann gar nicht beschreiben, wie schön der Anblick der Stadt von Weitem war, weniger wegen der tatsächlichen Schönheit als der Gewissheit, das Ziel erreicht zu haben. Ich kam über den Spreebogen in die Stadt und beschloss aufgrund der Berglage gleich, abzusteigen und zu schieben. Ich sah mich schon einmal ein bisschen in der Innenstadt um und wartete auf meinen Couchsurfer, bei dem ich nächtigen wollte.

Die Lausitz entdecken

 

Bautzen von oben

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie in der Lausitz war. Das heißt, als Kind war ich mal irgendwann im Saurierpark Kleinwelka direkt neben Bautzen. Aber das ist nun sicher schon über zwanzig Jahre her. Obwohl ich meine, mich zu erinnern, dass ich später nochmal mit der Schule da war. Hin oder her, der Saurierpark zählt wohl kaum, ich war noch nie in Bautzen oder Kamenz. Umso schöner war es für mich, diese schönen Städte zu entdecken. In Kamenz habe ich nur eine kurze Runde ums Stadtzentrum gedreht,
Immer wieder riesige Rittergüter am Weg
Bautzen habe ich aus ziemlich vielen Winkeln gesehen. Vom Reichenturm aus, also von oben. Von einem Felsvorsprung über der Spree aus, also von der Seite. Von Hauptmarkt aus, also von innen. Es ist eine echt hübsche Stadt mit vielen Barockgebäuden, massenweise Türmen und viel alter Bausubstanz. Man fährt aber auch nicht lange raus und ist in der Natur, beispielsweise am Stausee oder im Biosphärenreservat. Ich blieb zwei Nächte in der Stadt und übernachtete bei einem Couchsurfer, der mir einiges zeigte. Nach der zweiten Nacht wollte ich dann weiterradeln. Ich war nur ganz schön geschafft, weil wir am Abend noch etwas trinken waren und ganz schön lange gemacht hatten, und so radelte ich etwa drei Stunden in einem ziemlich langsamen Tempo und kam kaum voran. Ich weiß nicht, ob es nur subjektives Empfinden war, dass die Strecke noch anstrengender war. Auf jeden Fall war sie wieder wunderschön, dennoch kapitulierte ich im ebenfalls bildhübschen Löbau. Auch hier schob ich das Rad nur eine Runde durch die Innenstadt, dann begab ich mich zum Bahnhof, um einen Zug in Richtung Görlitz zu nehmen. Es gab aber keine Züge, denn wegen Bauarbeiten verkehrten Ersatzbusse. Ich durfte mein Rad mit in den Bus nehmen und da nirgends ein Schaffner war, zahlte ich noch nicht mal für den Transport, auch nicht für mich selbst.


Doppelte Stadt - Görlitz / Zgorzelece

 

Nicht so "Grand" wie gedacht
Ich ließ mich in Görlitz zur Neiße rollen und fuhr hinüber in den polnischen Teil der Stadt. Dort hatte ich mir ein Zimmer reserviert. Ich war ziemlich müde, dennoch begab ich mich noch ein wenig auf Stadterkundung. Ich suchte natürlich das Kaufhaus, in dem Grand Budapest Hotel gedreht wurde und warf einen Blick durch die Scheiben. Später aß ich noch Piroggen im Przy Jakubie auf der polnischen Seite mit wunderbarem Blick auf die Neiße und trank ein polnisches Bier. Am nächsten Tag kaufte ich noch eine Flasche meines Lieblingswodkas ("Zubrowka") und frühstückte im schönen Café Central. Auch ein kurzer Ausflug an den Berzdorfer See, ein Badesee bei Görlitz, war noch drin. Görlitz ist auf jeden Fall eine Reise wert, auch wenn es eher von älteren Kulturtouristen frequentiert wird. Auch hier wieder ist die Innenstadt mit wunderschönen alten Gebäuden sehr schön hergerichtet. Nicht umsonst wurde "Görliwood" schon häufig als Drehort genutzt.


Auf und zurück nach Westen


Noch eine Nacht blieb ich in der Oberlausitz, allerdings eher im ländlichen Gebiet, dann ging es zurück über Dresden nach Hause. Mich hat die Gegend total fasziniert und mir gezeigt, dass ich nicht immer in die Ferne schweifen muss, um etwas schönes zu erleben. Von beeindruckender Natur, über Barockschlösser bis hin zu kopfsteingepflasterten engen Altstadtgassen hat dieser Ausflug eine Menge geboten. Meine Fahrradtour war eindeutig überambitioniert, aber ich bin mir sicher, dass man vor allem als etwas trainierterer Radler viele schöne Touren machen kann. Vorschläge finden sich zu Hauf im Internet, auch die Ausschilderung vor Ort ist gut. In den regionalen Zügen kann man das Rad auch mitnehmen, so dass man gut weiterkommt, wenn man sich mal verschätzt hat.


Mittwoch, 3. Juni 2015

Ein Ausflug zur Kirchenburg

Es gibt ja Sachen, da bekommt man erst beim Wiedersehen mit, wie sehr sie einem gefehlt haben. Ich bin fast ausgeflippt, als ich letztes Wochenende zur Kirchenburg gefahren bin, denn in Siebenbürgen gibt es etwas, was wir im Banat kaum haben – hügelige Landschaft, ja sogar ein paar Berge am Horizont. Das bietet gleich ganz andere Horizonte – beziehungsweise mal was anderes am Horizont. 

Ich hatte zum wiederholten Male das Glück, bei einem Fotografieworkshop meines Kollegen dabei zu sein. Es geht dabei um Schwarz-Weiß-Fotografie und Porträts der Deutschen Minderheit. Ich wurde wieder für den Interviewteil eingeladen, mein Kollege macht die Einführung in analoge Fotografie. Mit Lochkamera bauen, Film selbst entwickeln und schließlich Bilder vergrößern. Für mich ja immer wieder Magie, wie im Entwicklerbad auf weißem Fotopapier auf einmal die Bilder auftauchen. Da der Kollege in Fogarasch tätig ist und den letzten Workshop mit einer Kollegin aus Hermannstadt angeboten hat, sprangen dabei auch zwei Reisen nach Siebenbürgen für mich raus – einmal nach Bekokten, einmal nach Holzmengen. An beiden Orten finden sich imposante Kirchenburgen, die das Dorf dominieren. Und an beiden Orten ist eine Art Jugendherberge in den ehemaligen Pfarrhäusern eingerichtet. 

Auch wenn die Unterbringung etwas ungewohnt ist – Gruppendusche und Schlafsaal, fühle ich mich da immer sehr wohl – es ist draußen in der Natur, es macht Spaß, mit meinen großartigen Kollegen ein wenig Zeit zu verbringen und die Momente in der Dunkelkammer sind wie gesagt immer besonders magisch. Leider bin ich auch wegen des Zuges die erste die weg muss, weil ich die weiteste Anreise habe und bekomme deswegen die Ergebnisse nicht mit.

Ich empfehle jedenfalls jedem, der Rumänien bereist, die Dörfer mit und ohne Kirchenburg nicht auszulassen. Es ist noch einmal ein vollkommen anderes Erlebnis, als die Städte zu besuchen. Auf manchen Dörfern wirkt es tatsächlich ein wenig, als sei die Zeit stehen geblieben, obwohl man in fast jedem einen Laden hat, wo man Chips und Cola kaufen kann. Vielleicht ist es das, was mir an Rumänien am meisten fehlen wird – nicht so sehr die Städte, sondern das Land.