Samstag, 29. Dezember 2018

Auszeit im Ökodorf

Das Ökodorf Sieben Linden liegt im Nordwesten Sachsen-Anhalts, in der Nähe von Salzwedel, nicht weit entfernt von Wolfsburg und Stendal. So richtig nah ist aber keine dieser Städte, der nächste Ort, Poppau, hat vielleicht 100 oder 200 Einwohner. Wenn man mit Bus und Bahn nach Sieben Linden anreist, landet man nach einer dreiviertelstündigen Fahrt durch viel ländliche Idylle in Poppau und läuft von da noch einmal etwa einen Kilometer nach Sieben Linden raus. Am Besten bewaffnet mit Stirnlampe oder Taschenlampe, denn beleuchtet ist die schmale Straße natürlich nicht. 

Ich war zuvor schon zwei Mal in Sieben Linden, einmal für einen Kurs "Community Building nach Scott Peck" und einmal fürs Pfingst-Tanzfestival. Beide Male fühlte ich mich sehr wohl, wusste aber auch, dass es kein Ort zum Leben für mich ist. Da ich gerade auf dem Weg bin, herauszufinden, ob Leben in Gemeinschaft und im Ökodorf das Richtige für mich ist, habe ich mich noch einmal nach Sieben Linden aufgemacht - um an den Projekt-Informations-Tagen und an der Woche "Sieben Linden intensiv" teilzunehmen.

Nachdem das Info-Wochenende tatsächlich sehr voll war mit Informationen und das Programm extrem dicht, war die Intensiv-Woche schon fast entspannt. Ich fühlte mich sehr wohl in der Gruppe, die buntgemischt war und eine Altersspanne von 25 bis 80 hatte, ich mochte die Atmosphäre, ich konnte viel mitnehmen aus den Übungen und Angeboten. Auch das Rahmenprogramm sagte mir erstaunlicherweise zu, und auf einmal fand ich mich in einem Singkreis wieder (wo ich doch davon überzeugt bin, nicht singen zu können). 

Dass ich eine Woche wenig am Handy war, weil es nämlich in Sieben Linden nicht nur nicht erwünscht ist, sondern schlicht auch keinen Empfang gibt, trug sicher dazu bei, dass ich mich besonders gut auf das Erlebnis Ökodorf einlassen konnte. Das ist jedoch auch definitiv ein Punkt, warum ich mich nicht dort leben sehe. Was mir wiederum viel eher zusagt, ist das mega leckere Essen, dass die Köch*innen zweimal täglich kredenzen, der leckere Lupinen-Kaffee zum Frühstück (koffeinfrei, yeah!) und die Art des Zusammenseins. 

Ich werde es nächstes Jahr mit einem weniger abgelegenen Ökodorf versuchen, ein bisschen weniger "außer der Welt" und ein bisschen weniger Öko-Elite, aber trotzdem ein Beitrag zu einem nachhaltigen Zusammenleben. Ich bin sehr gespannt, ob ich es schaffe, dort heimisch zu werden.

Freitag, 16. November 2018

Paris, encore une fois

Im Oktober hatte ich mal wieder Gelegenheit, festzustellen, was für eine schöne Stadt Paris doch ist. Eine Freundin gab eine Party anlässlich ihrer Hochzeit, wobei es keine eigentliche Hochzeitsfeier war, was das ganze für mich noch mal sympathischer machte. Und sechs alte Freunde aus der Schulzeit, manche nebst Partner*in, taten sich zusammen und fuhren nach Frankreich. Une bonne idée! 

Die Anreise im ICE und TGV fühlte sich in dieser Gruppe von dann insgesamt neun Leuten stark nach Klassenfahrt an. Ich nutzte die Zeit im Zug, um mit einigen mal wieder ein bisschen länger zu quatschen. Im TGV wurden wir dann leider getrennt, weil es nicht möglich ist, bei der Reservierung einen bestimmten Sitzplatz auszuwählen und wir so zu neunt auf fünf verschiedene Wagen aufgeteilt waren. Bei einem vollständig reserviertem Zug (im TGV ist die Reservierung obligatorisch) war es auch nicht möglich, spontan den Platz zu wechseln und beeinander zu sitzen. In Paris fanden wir uns am Bahnsteig wieder zusammen und liefen und rolkofferten zu unserem Hotel. Es war nicht so weit vom Bahnhof, weniger als eine halbe Stunde zu Fuß und wir sogen schon die erste Pariser Luft ein, genossen den spätsommerlich wirkenden Nachmittag und die Schönheit der Stadt. Im Hotel hatten wir - aber das war nicht anders zu erwarten - ziemlich winzige Zimmer, aber sie waren sehr sauber und somit war ich sehr zufrieden. Der erste Abend führte uns auf Idee eines Reieseteilnehmers zu einem äthiopischen Restaurant. Das Essen war super lecker! Die Freundin, die die Party schmiss, hing ironischerweise beruflich selbst noch in Deutschland fest, und so kamen wir einfach erstmal an. Zudem sollte der Abend ja nicht so wild werden, weil wir am nächsten Tag ja feiern wollten. Zufrieden und satt steuerten wir recht früh das Hotel an. 

Am nächsten Morgen fanden wir ein hübsches Café zum Frühstück und plünderten deren gesamte Vorräte an Pain au chocolat und Croissants. Die große Gruppe war erwartungsgemäß träge zu navigieren und es dauerte, eh wir irgendwo loskamen. Trotzdem wollten alle einen Spaziergang Richtung Seine machen, wo sich dann die Wege trennten. Die einen Richtung Notre Dame und Louvre, die anderen am Quai entlang, ich mit einer Freundin in Quartier Latin, wo wir uns erstmal niederließen, was aßen und umschauten. Als dann eine andere Freundin des Weges kam, ließ ich die beiden allein und ging mich noch ein wenig verlaufen. Ich streunte durchs Viertel, entdeckte, schaute in kleine Geschäfte - Boutiquen, pardon! - und lief dahin, wo es mich hinzog. 


Die Party am Abend war großartig. Wir plünderten das leckere italienisch angehauchte Buffet, tranken Prosecco, tanzten viel, nutzten ausgiebig die Photo Box, tanzten noch mehr und blieben bis zum letzten Lied. Das war, eine Ode an die alten Zeiten, Kettcar. Der französische DJ war gezwungen wurden, wenigsten ein, zwei Lieder vom Soundtrack unserer Jugend zu organisieren und musste für uns Tanzwütige dies dann extra noch mal auflegen. Und wir sprangen und tanzten und sangen mit, als wären wir wieder 17 und würden bei jemandem Zuhause die Musik aufdrehen. 

Der nächste und somit letzte Paris-Tag begann wieder mit einem großartigen Frühstück, diesmal in einem anderen Kaffee, dafür mit mehr Auswahl an Frühstücksgerichten. Mit einer Freundin und ihrem Partner beschloss ich nach dem ausgedehnten Mahl, noch zum Eiffelturm zu fahren. Die beiden waren noch nie in Paris und tja, wenn wir schon mal da waren... Es war dann auch total schön und übermütig beschlossen wir, noch zum Arc de Triomphe zu laufen. Und irgendwo hier verschätzten wir uns total. Wir fanden am Triumphbogen nicht sofort die Metro, verpassten dann noch eine und die nächste blieb aus unbekannter Ursache einfach fünf Minuten stehen, statt loszufahren - wir merkten, dass wir es nicht mehr zum Bahnhof schaffen würden, da ja unsere Sachen noch im Hotel abgestellt waren und wir diese erst noch holen mussten. Die rettende Idee hatte die Freundin - lassen wir es einfach da. Denn Freunde von uns würden noch eine Nacht länger bleiben und könnten uns die Dinge mitbringen. So schafften wir es schließlich rechtzeitig zum Bahnhof, es war sogar noch Zeit, sich mit Getränken und Keksen einzudecken - nur war die Zeit für den Umweg zum Hotel zu knapp gewesen. Ich hatte infolgedessen nur eine Handtasche mit meiner Kamera, meinem Handy und meinem Portemonnaie bei mir. Selbst meine Wohnungsschlüssel waren im Rucksack, der noch im Hotel war. Das Ticket für den Zug hatte ich immerhin auf dem Handy. Aber ich würde am späten Abend, wenn ich zuhause ankam, nicht rein kommen. Eine liebe Freundin in Halle rettete mich dann aus der Situation, in dem sie, sofort nach dem ich ihr geschrieben hatte, anbot, ich könne bei ihr übernachten. 

Drei Tage Abenteuer, zwei Tage Paris bei schönstem Oktoberwetter, eine der besten Hochzeitspartys, auf der ich je war - es hatte sich gelohnt, nach Frankreich zu fahren. Das letzte Mal war ich zwar erst vor einem Jahr da, allerdings hetzte ich nur durch die Stadt, um einen großartigen Menschen vorm Eiffelturm stehend anzurufen und zum Geburtstag zu gratulieren. Ich hatte einige Stunden Umsteigezeit, als ich aus Südfrankreich kam und nach Hause zurück wollte. Davor war ich mit 15 das letzte Mal da, vor über 15 Jahren. Witzigerweise mit einigen der gleichen Leute wie dieses Mal, das kam mir ein paar Mal in den Sinn und ließ mich schmunzeln. 

Mittwoch, 14. November 2018

Auszeit am Meer

"Das ist Hiddensee, Ed, verstehst du, hidden - versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, [...] wo man zurückkehrt in sich selbst, daß heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens [...]." (Lutz Seiler, Kruso)


Der September war anstrengend und mein eigentlicher Plan, Anfang Oktober nach Athen zu fahren, fühlte sich nach keiner guten Idee an. Eigentlich wollte ich einfach nur ein paar Tage Ruhe. Ein paar Tage zu mir kommen, ein paar Tage genau das tun, worauf ich Lust hatte, vielleicht am Meer sitzen, vielleicht lange Strandspaziergänge, vielleicht aber auch einfach Nichtstun. Den Hinweis auf die Insel bekam ich von einem lieben Menschen und kurz darauf fing ich an, statt Busse und Züge quer über den Balkan meine Reise mit Zug und Fähre Richtung Norden zu planen.


Irgendwie dachte ich, Hiddensee wäre so etwas wie das Ende der Welt. So ruhig und unberührt, wie ich annahm, war es keinesfalls, überall waren in dieser Woche rund um den Tag der Deutschen Einheit Touristen. Auch, dass ich mich in Stralsund im Biomarkt noch panisch mit ein paar Lebensmitteln eingedeckt hatte, war nicht nötig gewesen - es gab in Vitte, wo ich eine Unterkunft gefunden hatte, ausreichend Geschäfte, neben einem Supermarkt auch einen Laden mit Backwaren und Bio- sowie regionalen Produkten. Und ganz so verkehrsarm, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es dann auch nicht - über die Insel fährt der Inselbus, aber auch sonst habe ich einige, wenn auch wenige Autos gesehen (viele davon mit Elektroantrieb). Ich bewegte mich mit einem Faltrad vorwärts, dass ich mit auf die Insel gebracht hatte - wenn ich mich denn bewegte. Ich entschied mich auch viel fürs Tee trinken und Buch lesen, aber freute mich schon auch, schnell zum Zeltkino und Inseltheater zu kommen.


Trotz eher mittelprächtigen Wetters schaute ich mir beide Leuchttürme der Insel an, machte Strandspaziergänge, lief Richtung Steilküste und unternahm eine Wanderung durch den Dornbusch. Das war auch einer der schönsten Hiddensee-Momente: Gerade stand ich noch an der Steilküste und nach einem Aufstieg stehe ich auf einmal zwischen Bäumen und es riecht nach Wald. Ich ging bis zum Klausner, wo ich das Lokal aus Kruso nicht so recht wiedererkennen konnte, ging noch die wenigen Schritte zum Leuchtturm, bei dem aber die Aussichtsplattform geschlossen hatte, weil der Wind zu stark war. Ich ließ mich selbst fast wegpusten, genoss es für einen Augenblick, im Sturm zu stehen - Meer, Leuchtturm, Naturschutzgebiet und bevor ich die Kapuze gut festgezurrt hatte meine umherfliegenden Haare, die mir die Sicht auf all das nahmen. 


Umherwirbelnde Haare, umherwirbelnde Gedanken, umherwirbelndes Ich. Stürmische Zeiten vor und hinter mir und dazwischen eine kleine Pause am Meer. Hiddensee, vielleicht nicht so versteckt und die Stimme des Herzens wachrufend, wie ich erhoffte, aber dennoch immer noch sehr gut, um der Hektik der Stadt und des Berufs für ein paar Tage zu entkommen.

Montag, 22. Oktober 2018

Ankunft in Rumänien

Nach bestimmt einer Stunde Wartezeit hatten wir es geschafft - die Pässe waren kontrolliert, wir waren raus aus dem Schengen-Raum und drin in Rumänien. Hier gleich der nächste Stau oder eher ein Verkehrschaos. Wild parkten überall rumänische Autos. Manchmal denke ich, nur Rumän*innen können dermaßen ohne Rücksicht auf jede Verkehrsordnung parken, liege damit aber bestimmt falsch. An der Tankstelle gleich hinter der Grenze hielten auch wir. Wir brauchten eine Vignette für Rumänien, denn die braucht jedes Auto dort nicht nur auf Autobahnen sondern auch auf ganz gewöhnlichen Landstraßen. Ich kann mich erinnern, diese Vignette vor Jahren mit dem guten Karl, meinem alten Renault, mal an der Tankstelle gekauft zu haben. Deswegen steuerte ich auch siegesgewiss auf die Tankstelle zu. Nein, Vignetten hätten sie keine (obwohl draußen noch die Preisauskunft stand), ich solle rüber zum offiziellen Verkaufsbüro.

Das Vignetten-Verkaufsbüro war leicht an der langen Schlange davor zu erkennen. Hier standen sich nun alle die Beine in den Bauch, während zwei Rumäninnen mit künstlichen Fingernägeln im Zwei-Finger-System die Kennzeichen in den Computer tippten, derweil lief im Hintergrund in ihrem Büro ein Fernseher, dessen Programm vom Wartebereich leider nicht zu erkennen war. Ich fragte gleich mal in die Menge, ob denn Kreditkarte akzeptiert würde - denn dem großen "Visa"-Symbol an der Tür des Büros war nicht zu trauen. Die Frage wurde durch die Reihen vor mir weitergegeben und ein "nein" nach der gleichen Methode zurückgegeben. Hier verließene einige wenige Menschen die Schlange und ich freute mich über den Rest rumänischer Banknoten, die ich noch zuhause gefunden hatte.

Die Schlange rückte stetig weiter, irgendwann passierte auch ich die unfertig eingebaute Kunststoff-Tür (Termopan und Bauschaum) und konnte in den Wartebreich, in dem alte Heizgeräte und zerschlissene Bürostühle wohl darauf warteten, dass sie sich von selbst entsorgten. Eine obligatorische Rumänienkarte an der Wand war leider zu weit weg von der Warteschlange, als dass ich schon mal über die weitere Route hätte sinnieren können. Irgendwann war ich dran. Ich schob meine Fahrzeugpapiere rüber und bat um eine Vignette für 30 Tage. 

Der laufende Fernseher im Hintergrund, der Fakt, dass Zahlung mit Kreditkarte nicht funktionierte, die zwei Grazien, die behäbig tippten und der mit Sperrmüll zugestellte Vorraum - all das schrie mich förmlich an: 

Willkommen in Rumänien! Wir wissen, dass du genau nach dem suchst, was du gerade wieder hier bestätigt bekommen hast - ein wildes Absurdistan. Viel Spaß!

Sonntag, 2. September 2018

Und jährlich ruft die Kirchenburg - Holzstock-Festival 2018

Dieses Jahr fand das fünfte Holzstock-Festival in Holzmengen / Hosman bei Hermannstadt / Sibiu in Rumänien statt. Ich war das vierte Mal dabei (Berichte von 2017, 2016, 2015). Es wird jedes Jahr professioneller und besser organisiert und hat dabei bisher seinen Charme eines großen Treffens mit vielen Freunden behalten. Ich bin da, um einige alte Rumänien-Bekannte wiederzusehen, um an der Kirchenburg zu chillen, um den Sonnenuntergang über den Wiesen zu bewundern und den Blick an der Bühne vorbei auf die Gipfel des Fagarasch-Gebirge schweifen zu lassen. Die Musik, die jedes Jahr wieder spannende Auftritte von mir unbekannten Künstler*innen bietet, tritt da fast in den Hintergrund, aber auch in diesem Jahr kam das Tanzen nicht zu kurz. 

Die entspannte Stimmung trägt viel zurgroßartigen Athmosphäre des Ortes bei, die noch unterstützt wird von kleinen Details wie Schmalzbroten von der lokalen Bäckerei im Ort, einer Chill-Scheune, die Pinterest-mäßig allerliebst hergerichtet wird und Konzerten in der kleinen Kirche mit massiven Wehrmauern. 

Und wie jedes Jahr nehme ich mir vor, nächstes Jahr wiederzukommen. Sobald ich einen Kalender habe, wird der Termin fürs nächste Jahr dick und fett eingetragen und dann setze ich alles daran, dass das auch klappt mit der Rumänienreise 2019.
 

Mittwoch, 29. August 2018

Betreten verboten

Wir hatten von diesem verlassenen Industriegelände gehört, welches mit riesigen Wandbildern bemalt war. Da wir in der Nähe vorbeikamen, wollten wir es uns anschauen. Mit dem Auto fuhren wir, sobald wir es in der Kleinstadt lokalisiert hatten, direkt auf das Areal. Eine Pförtnerin mit schwarzer 80er-Jahre-Mähne schaute uns hinterher. Ich stieg daher aus, nachdem wir das Auto abgestellt hatten und ging auf sie zu.

Na, eigentlich dürften wir nicht aufs Gelände, aber ok. Ja nirgends reingehen. Und auf keinen Fall vom Direktor erwischen lassen, da bekäme sie Ärger. Und auf keinen Fall irgendwo reingehen.
Nein, nein, wir wollten doch nirgends reingehen, bloß ein paar Fotos von außen.

Wir fotografierten die großflächigen Gemälde, die Sprüche an den Mauern, die herumlungernden ängstlichen Straßenhunde davor, das weitläufige Gelände. Wir liefen umher und entdeckten immer noch weitere Motive. Dann standen wir vor einem Gebäude, welches ein Wachmann bewachte und was ein Kulturzentrum oder eine Galerie zu beherbergen schien.

Ob wir reindürfen?
Nein, das ginge nicht. Aber er könne uns zu dem Eingang bringen, den früher die Arbeiter benutzt hätten. 

Natürlich nahmen wir an und trotteten hinterher, während der Sicherheitsmann immer weitere Schlüssel hervorkramte und uns Türen öffnete. Die Werkstatt, der Machinenraum, eine große Halle, schließlich erklommen wir die Eisentreppen eines Turmes - wir waren im Herzen der Anlage, im Schaltzentrum und hatten einen Überblick über das gesamte Gelände.

Ja nirgendwo hereingehen, wiederholte belustigt eine Stimme in meinem Kopf, als wir schließlich wieder im Auto saßen und davon fuhren. Den Direktor hatten wir nicht gesehen. Ob er tatsächlich manchmal kam?

Montag, 27. August 2018

Post-Urlaubs-Blues

Da trottete ich zur Arbeit und wunderte mich, dass so viel los war auf der Straße. Ach ja, die Schule hatte ja auch schon wieder begonnen, vor zwei, drei Wochen. Am Morgen war es fast noch dunkel gewesen und das Aufstehen fiel schwer. Jetzt kratzte ich einen Sticker der "Jungen Alternative" vom Bauzaun an der Baustelle nebenan, ehe ich die Tür zum Haus aufschloss, in dem das Büro des Vereins lag. Ich war mir sicher, dass ihr sinngemäßes "Wir wollen unser Deutschland wieder" mir und meinen Kolleginnen, meinem Chef und der ganzen Organisation galt. Trotzdem stapfte ich wenig kämpferisch die Treppenstufen hoch. Ich war schon am Vorabend niedergeschlagen von den Nachrichten von rechtsextremen Ausschreitungen, von nicht anlegen dürfenden Rettungsschiffen mit Geflüchteten. All das hatte ich ignoriert zwei Wochen lang und es war mir damit gut gegangen. Nun breitete sich wieder das Unbehagen in mir aus über diese Welt, in der ich lebe.Wie können Menschen so voller Hass und ohne Mitgefühl sein? 

Über 100 Mails im Postfach warteten auf die Sortierung, bei einigen merkte ich, wie mein Stresspegel sofort stieg. Aber alles in allem in weniger als einer Woche aufzuarbeiten, meine Vertretung hatte sehr gute Arbeit geleistet. Und in die kleinen internen Querelen durfte ich mich einfach nicht mehr so reinstürzen. Dann kam noch die Nachricht von der Kündigung einer von mir sehr geschätzten Kollegin. Wer würde weiter dabei bleiben am Ende? 

Ich ging nach Wochen mal wieder joggen, danach kochte ich mir aus dem übrig geblieben Räucherkäse aus Rumänien, der Zacusca und einer Zucchini ein Abendessen. Der Käse roch stark, aber als Pfannenkäse eignete er sich gut. Ich war gerade bei den letzten Happen und genoss meine einfach Mahlzeit, als die Montagsdemo draußen losplärrte, die sich gewöhnlich gegen Merkel und Geflüchtete richtet. Ich verstand nichts, schon allein der Tonfall versetzte mich aber in Aufregung. Ich konnte mir nach den Krawallen am Sonntag vorstellen, um was es ging. Ziehen diese Menschen Erfüllung aus Hetze?

Ich hatte so viel gelacht in den letzten zwei Wochen, hatte gekichert, gegluckst, gegrinst. Ich hatte ungezählte und manchmal unendlich scheinende Kilometer auf Straßen verbracht, Landsstraßen, Feldwege, Schotterpisten und Wege, die aus mehr Löchern denn Belag bestanden, selten mal ein Stückchen Autobahn. Meist mit runtergekurbeltem Fenster, meist mit Blick auf viel Grün. Manchmal mit Musik, viel mit Gesprächen oder Schweigen. Ich war so viel draußen gewesen, hatte Sternschnuppen betrachtet, an Seen gesessen, im Sonnenuntergang gepicknickt, an Quellen Wasser aufgefüllt und mich durch Brombeergebüsch geschlagen. War da draußen nicht ein guter Platz für mich?

Sonntag, 5. August 2018

Museumstour in Bonn

Vor einigen Wochen war ich auf die "Deutsche Mythen"-Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn aufmerksam geworden. Ich entdeckte später noch, dass zur gleichen Zeit auch eine Abramović-Ausstellung in der Bundeskunsthalle stattfindet und so setzte ich mich an einem freien Wochenende in den Zug und machte mich auf den Weg an den Rhein.

Ich hatte mir noch einen Schlafwagenplatz im Base Camp Hostel reserviert. Das Konzept des Hostels ist, dass in einer großen Halle ganz viele Wohnmobile und Camper stehen, aber eben auch ein Nachtzug und zum Beispiel ein Trabi mit Dachzelt. Ich hatte mich also für ein Schlafwagenabteil im Zug entschieden, das war ich ja von zahlreichen Reisen schon gewöhnt, zudem dachte ich, es wäre wohl die lärmgeschützteste Variante in der großen Halle. Es war leider dann sehr heiß und demnach schlief ich nicht so gut, ich denke aber, dass ging auch den Leuten in den Campern nicht anders. Aber zunächst begab ich mich zur Kunsthalle, nachdem ich meinen Rucksack im Hostel abgelegt hatte. Dort war eine Ausstellung über die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die ich unbedingt sehen wollte. In der Ausstellung gab es Videos und Fotografien ihrer Kunstwerke zu sehen, aber auch Reperformances einiger ihrer Werke. Einige werden vielleicht schon mal von ihrer Perfomance "The Artist is Present" gehört haben, mit der die Ausstellung begann. Abramović saß drei Monate lang im Museum of Modern Art in New York und Besucher*innen konnten ihr gegenüber an einem Tisch mit zwei Stühlen Platz nehmen. Die Künstlerin blickte die Person dann einfach nur stumm, aber aufmerksam an. Die meisten Menschen beschrieben es als ein einmaliges Erlebnis. Zu sehen waren in Bonn Videos mit den Gesichtern der Menschen, die teilgenommen hatten und gegenüber an der anderen Wand das Gesicht Abramovićs, wie sie diese Menschen anblickte. Zudem war ein einfacher Tisch mit zwei Stühlen aufgebaut, an dem man selbst die Performance nachstellen konnte. Die Ausstellung war eine Art Werkschau, bei der ich viel über die Biographie erfuhr und das küntlerische Schaffen von Abramović nachvollziehen konnte. Ich war sehr beeindruckt und konnte, obwohl ich mir ein Kombiticket für das gesamte Museum gekauft hatte, in den anderen Ausstellung kaum noch etwas aufnehmen. 

Am nächsten Tag startete ich gegen zehn zum Haus der Geschichte und schaute mir die Mythen-Ausstellung an. Diese war wirklich gut gemacht, räumte mit gängigen Narrativen wie Wirtschaftswunder und Öko-Nation auf, griff auch die Erzählungen der DDR und auf der anderen Seite der BRD auf und schaffte es durchaus auch, mich zu überraschen. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass der Käfer als Kraft-durch-Freude-Wagen konzipiert gewesen war und der Begriff "Deutsches Wirtschaftswunder" ebenfalls schon in den 1930er Jahren entstand - ironisch für den künstlich durch Staatsausgaben gepushten Aufschwung. So einiges von Trümmerfrauen zu Wirtschaftswunder durch deutschen Fleiß ist tatsächlich größtenteils Mythos mit wenig Wahrheitsgehalt, aber klar wurde auch: der Europäischen Union fehlen beispielsweise die Mythen und damit auch der Zusammenhalt. Denn das ist es, was Mythen machen, sie wirken als Kleber in der Gesellschaft. Was nicht beleuchtet wurde ist die Frage: Warum braucht es das? Sind wir nicht alle Menschen, die zufällig hier oder dort ihr Leben leben. Müssen wir uns durch nationale oder regionale Narrative von anderen abgrenzen? 

Ich gehe normalerweise selten ins Museum, aber vielleicht sollte ich das wirklich öfter tun, wenn mich eine Ausstellung interessiert. Es ist zunächst einmal einfach lehrreich, aber es bringt mich auch raus aus meiner gewohnten Umgebung und Denkweise. Und davon möchte ich gern mehr haben.

Dienstag, 17. Juli 2018

Zauberhaftes Brandenburg

Ich mag ja bekanntlich Orte, die nicht so dicht besiedelt sind, wo die Einheimischen am Liebsten wegziehen möchten und wo es wilde Tiere wie Bären und Wölfe gibt. Rumänien zum Beispiel und Brandenburg. 

Und so jette ich für einen Wochenendausflug nicht nach Paris oder Mailand, sondern fahre ins Havelland. In Gesellschaft eines Menschen, der zu den besten gehört, die ich kennenlernen durfte, genieße ich dann das Frühstück im Wintergarten im strahlenden Sonnenschein mit Blick auf Jungstörche und Naturpool. Erkunde Brandenburg City und jage Abendessen im lokalen Biomarkt. Paddele über den Möserschen See und lasse mich ans Ufer der Kanincheninsel treiben. Besuche eine kleine Alpaka-Farm und verliere mich eine Weile im Betrachten der Tiere. Lasse mich dann im Elektromobil durch brandenburgische Wälder fahren und halte an der Bücher-Tausch-Telefonzelle, wo ich mir Lesestoff mitnehme. Das alles kann man im ländlichen Brandenburg machen. 

Das alles liegt keine 150 km von meinem Wohnort entfernt. Ich höre jetzt Leute sagen, dass sie solche Ausflüge ja auch im Alter noch machen können. Ja, klingt sehr seniorengerecht, was ich da oben beschrieben habe (naja, statt Paddeln vielleicht ein Motorboot). Aber für mich zählt, dass ich schöne Momente im Urlaub habe. Und ich weiß nicht, ob ich "bessere" Erlebnisse in Amsterdam gehabt hätte oder an den Masurischen Seen - und warum kann ich diese Dinge nicht auch noch im Alter tun? So gern ich in die Ferne schweife, so sehr mag ich es auch, meine Umgebung zu erkunden. Wenn es da Alpakas gibt, umso besser. 


Dienstag, 10. Juli 2018

Radelnd durch den Osten Deutschlands

Raus in die Natur! Ich hatte Anfang Juli ein paar Tage frei und überlegte eine Weile, was ich damit anfangen könnte. Rom, Paris, New York? Was wäre unstressig, schön und nah und würde mir Spaß machen? Wenn ich jetzt schreibe, dass Bitterfeld und Wittenberg dabei rausgekommen sind, fragt sich der*die geneigte Leser*in wahrscheinlich: "Warum um alles in der Welt?"

Ich habe vor einigen Jahren schon mal eine Radtour durch die Lausitz gemacht und festgestellt, dass es wunderschöne Orte zu entdecken gibt, wenn man mit gemäßigter Geschwindigkeit abseits der Hauptverkehrswege unterwegs ist. Dass mich das auch noch entspannt, war ein Plus, der Fitnessaspekt und dass ich keine Emmissionen verursache, kommen noch obendrauf. Wohin also radeln? Schnell entwickelte sich die Idee, von der sächsischen Provinz zu einem lieben Menschen bei Bad Belzig zu fahren. Und da ich mir die Strecke nicht auf einmal zutraute und zudem eine landschaftlich schöne Strecke wählen wollte, nahm ich mir Mulde-Radweg und Europäischen Fernradweg R1 vor.


Ich startete bei Thallwitz und radelte an der Mulde entlang nach Eilenburg und immer weiter Richtung Bitterfeld. Der Radweg war in Sachsen ausgezeichnet ausgeschildert, in Sachsen-Anhalt nicht mehr so sehr. Leider ging es kaum direkt am Fluss lang, der zeigte sich bloß an einzelnen Punkten mal und war ansonsten hinter Deichen versteckt. Ich fand die Strecke wenig reizvoll, die Überfahrt mit der Personenfähre in Gruna war schon ein richtiges Erlebnis, weil ansonsten links und rechts des Weges wenig passierte. Vor allem nach Bad Düben, wo ich mittäglich pausierte, gab es bis Pouch eigentlich überhaupt nichts außer Feldern und einem Storch und einem Bussard an der Strecke. In Bitterfeld verlor ich den Radweg und verirrte mich zwischen Bitterfeld und Wolfen (wo ich hinwollte) und Industrieanlagen, weil wirklich nichts ausgeschildert war. Irgendwann kam ich bei meiner ersten Station an und wurde von meiner Gastgeberin mit Spaghetti mit Tomatensauce für 67 gefahrene Kilometer belohnt. 

Am nächsten Tag wollte ich mich zum R1 durchschlagen, und gelangte nach kurzem Umweg auf den Kohle-Dampf-Licht-Radweg, der mich dahin brachte. Ab Jeßnitz war es schon sehr viel spannendender, auch wenn die Radwege zum Teil sehr schlecht beschaffen waren. Zugewachsene Betonpflasterwege neben Landstraßen bereiteten mir keine Freude. Ich pausierte in Gräfenhainichen, wo ich auf den R1 traf, der mich nach Wittenberg bringen sollte. Hier ging es durch ein paar Wälder, was wegen der Kühle und des Schattens und überhaupt, weil ich Wald mag, eine willkommene Aussicht war.


Gegen frühen Nachmittag erreichte ich den wunderschönen Bergwitzsee, wo ich mir erst einmal Pommes und eine Limo gönnte, und mich dann auch noch im Wasser des Sees abkühlte. Nach Wittenberg war es dann nicht mehr weit und da ich noch Zeit hatte, bis ich bei meinem Couchsurfer auftauchen konnte, gab es als verspäteten Nachtisch noch einen Eisbecher in der Innenstadt für mich. Beim Couchsurfer nächtigte dann noch ein amerikanisches Paar mittleren Alters, mit denen ich Abendessen - wieder Nudeln - zubereitete und mich ganz wunderbar unterhielt. 

In Wittenberg sah ich mich am Morgen noch kurz um, bestieg den Turm der Schlosskirche und machte ein Foto von Luthers Thesentür. Dann ging es aber langsam los auf die letzte und kürzeste Etappe - größtenteils durch den Wald, zum Teil auf relativ schlechten Wegen und stärker auf und ab als bisher. In meinem Gehirn sagte irgendwas "Endmoränen!", ich weiß nicht, ob dieses Überbleibsel aus dem Geographieunterricht korrekt ist. Trotzdem war ich gut gelaunt, dem Ziel nahe, noch relativ fit und zudem führte die Strecke fast die ganze Zeit durch schöne Wälder. So erklomm ich dann auch in die Pedale tretend die Straße zur Burg Rabenstein, wo ich Mittagspause machte. Es war jedoch keine lange Rast. Auf gings, die letzte Etappe stand an und bald rollte ich durch die historische Innenstadt von Bad Belzig und war dem Ziel sehr nah.  


Die Tour war wie erwartet schön, gut zum Kopf frei bekommen, wenig an andere Dinge denken als die Beschaffenheit des Radwegs und die Möglichkeit, irgendwo Wasser aufzufüllen. Die Strecke wurde ab Bitterfeld schöner, den Mulderadweg fand ich recht wenig attraktiv auf dem Teil, den ich gefahren bin. Schade, dass er irgendwie so an allem vorbei, sowohl Fluss als auch Dörfer - irgendwo im Nirgendwo verläuft. Auch Bad Düben liegt eigentlich abseits der Strecke und ich fuhr nur in die Stadt, um mir einen Snack und frisches Wasser zu organisieren. Der Bergwitzsee war mein absoluter Favorit an Entdeckungen der Tour, aber tatsächlich gab es doch auch viel zu bewundern und wenn es manchmal nur der Storch war, der im Feld sein Mittagsmahl suchte.

Sonntag, 24. Juni 2018

Verantwortung

Ich arbeite in einer Organisation, die versucht, Migrant*innen zu helfen. Wir sind inzwischen einige Mitarbeiter*innen und nun, da die Projekte größtenteils aufgebaut und angelaufen sind, werden organisatorische und soziale Fragen wichtig. Zum Beispiel das der betrieblichen Altersvorsorge und so war zur Mitarbeitendenversammlung ein Versicherungsmensch eingeladen. Der erzählte uns, wie viel Rente wir garantiert bekämen – auf Nachfrage dann – falls wir mindestens 40 Jahre einzahlen. Natürlich war das schön gerechnet, schließlich liegt unser Altersschnitt höher als 30 Jahre, natürlich will er sein Produkt verkaufen. Das ist auch nicht das Problem. So funktioniert Kapitalismus eben und das durchschaut sicher die Mehrheit. Das wirkliche Problem des kapitalistischen Systems offenbarte sich erst auf Nachfrage: Wo investiert denn die Versicherung die eingezahlten Gelder?

Tja, da wären schon Landminen dabei, leider. Soll sich aber in den nächsten Jahren ändern. Es wäre auch bei keiner anderen Versicherung anders. Ansonsten investiert die besagte Versicherung noch in Immobilien.

Deutlicher, plakativer kann man es sich noch nicht mal ausdenken. Ich arbeite im sozialen Bereich. Ich tue um mein Geld zu verdienen Gutes für Menschen, in meinem Fall sogar speziell für Migrant*innen. Ich bin schon allein aufgrund des Leitbilds meines Arbeitgebers gegen Gewalt und für ein solidarische Miteinander, dafür arbeite ich. Aber ich hätte den Job wohl auch kaum, wenn ich nicht dahinterstünde. Berechtigterweise überlege ich nun, wie ich dieses Geld auch fürs Alter sichern kann. Um dies zu tun, möchte ich es in einer Versicherung anlegen. Diese Versicherung spekuliert nicht nur mit Immobilien, denn etwas anderes heißt „investieren“ in Immobilien nicht, sondern steckt auch Geld in Firmen, die Landminen herstellen. Ich lege also mein Geld in etwas an, wogegen ich bin, und profitiere im Alter davon, wogegen ich in jüngeren Jahren gearbeitet habe. Ganz nebenbei sichere ich noch meinen aktuellen Job, weil Menschen schließlich genau deswegen migrieren – Landminen und andere Kriegstechnik.

Das ist nicht nur ein Beispiel. So funktioniert das System. Ich muss mich fragen: Will ich ein Teil davon sein?

Donnerstag, 21. Juni 2018

Zwei Tage Hamburg mit zweimal Wiedersehensfreude


Die Arbeit brachte mich für eine Tagung in meinem Fachgebiet nach Hamburg. Da ich nicht den kompletten Tag in Zügen und auf der Tagung verbringen wollte und außerdem wusste, dass mindestens zwei alte Freund*innen in Hamburg wohnen, entschied ich mich, bei ihnen nachzufragen, ob wir uns sehen wollten. Ich habe mit beiden mal Erasmus in Rumänien gemacht, das eine Mal vor zehn, das zweite Mal vor sechs Jahren. Als ich das ausrechnete, kam ich mir ja spontan etwas alt vor - aber dachte auch automatisch an die tolle Zeit zurück. Ungefähr genau so lange hatte ich weder die eine noch den anderen wiedergesehen. Beide wollten mich gern treffen und ich konnte sogar bei ihnen übernachten und hatte so entspannt Zeit, anzukommen und abzureisen. Ich schaute zunächst bei der alten Wohnheimkollegin von vor zehn Jahren vorbei - sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem ruhigen Stadtteil. Wir gaben uns gegenseitig ein Update, wo wir gerade stehen im Leben und tranken ein Glas Wein auf dem Balkon. Als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben, fiel es uns leicht, uns zu erzählen, was gerade los ist. Am nächsten Morgen startete ich dann zur Tagung, die mir noch einmal viele interessante Einblicke in meinen Bereich gewährte. Danach verbrachte ich etwas Zeit mit zwei Teilnehmerinnen aus Leipzig, die einen späteren Zug zurück nahmen und ich brach dann zu meinem zweiten ehemaligen Wohnheimkollegen auf, mit dem ich vor sechs Jahren viele Erlebnisse beim Auslandssemester geteilt hatte. Von Hamburg hatte ich zu dem Zeitpunkt den Bahnhof, den Nahverkehr und den Tagungsort gesehen und freute mich, dass er mir sein Viertel, Wilhelmsburg, und vielleicht noch mehr zeigen wollte. Gleich am Abend gab er mir eine Mini-Tour durch sein Nachbarschaft.

Wir brachen am nächsten Morgen mit der Fähre von Wilhelmsburg zu den Landungsbrücken und weiter zur Elbphilharmonie auf. Die Annäherung vom Wasser aus bot noch mal einen ganz anderen, wie einen "zweiten ersten" Eindruck. Mein Gastgeber erzählte mir sehr viel über Stadt und Hafen City und Wilhelmsburg, während ich gespannt lauschte. In der Hafen City trennten sich dann auch unsere Wege und ich war auf mich allein gestellt mit einigen Tipps, darunter Elbphilharmonie und Gängeviertel. Diese "ging" ich dann auch im wahrsten Sinne des Wortes an, zu Fuß mit meinem großen Rucksack auf den Rücken. Ich finde, beim Spazierengehen kann man am Ehesten den Flair einer Stadt aufsaugen und ich lief gespannt durch die Straßen, trotz des Gepäcks. Sehr schön fand ich, dass in Hamburg überall das Wasser präsent ist in Form von Flüssen und Kanälen sowie natürlich dem Hafenbecken. Zunächst holte ich mir ein kostenloses Ticket für den Besuch der Plaza der Elbphilharmonie, eine Art Aussichtsplattform im Zwischengeschoss und spähte in alle Richtungen. Dann lief ich hoch zum Gängeviertel, betrachtete Street Art und gönnte mir im Nasch ein veganes Linsen-Curry. So wieder gestärkt machte ich mich langsam auf den Weg zum Bahnhof und betrachtete ich im Vorbeigehen noch das opulente Rathaus. Wahrscheinlich hatte ich mit Elbphilharmonie und Gängeviertel zwei unterschiedliche Ecken von Hamburg betrachtet und auch das dazwischen kam mir interessant vor. Ich ließ mir Zeit, wich immer wieder von der von meiner Smartphone-Navigation vorgeschlagenen Route ab. Wie tickt die Stadt? Irgendwie anders, hatte ich gleich festgestellt, als ich das erste Mal aus der U-Bahn gestiegen war. So hoch im Norden war ich sonst nie unterwegs (und auch selten in so einer Großstadt). Irgendwas war anders. War es die hanseatische Architektur, war es das Wasser, waren es die Menschen? Ich konnte es bis zum Schluss nicht ganz festmachen.

Voller Eindrücke und wohligen Erinnerungen an die Begegnungen saß ich im ICE, der mich ohne Zwischenhalt zurück nach Halle brachte. Es war ein bisschen kurz und ich hätte gern noch mehr erkundet, mich verlaufen, mehr erzählt bekommen, zu Stadt und Stadtentwicklung, mehr Zeit geteilt mit meinen Gastgeber*innen. Aber auch so war ich zufrieden, es fühlte sich wie ein Mini-Urlaub an, dabei war ich nur 55 Stunden aus Halle weg gewesen.

Sonntag, 29. April 2018

Goldener Sonnenschein in der Goldenen Stadt


Ich fürchte, ich überschlage mich gleich mit Lobhuldigungen auf Prag - es ist aber auch immer wieder schön da. Dabei stören mich Touristenhorden sehr und die in Prag auftauchende Spezies des mitteleuropäischen Sauftouristen besonders (im Vergleich zu den meisten anderen Ländern gibt es schließlich relativ billiges Bier an jeder Ecke). Aber trotz Brückentag am Montag und damit überfüllter Stadt am Samstag und keinem Plan, was ich eigentlich tun wollte, war es richtig schön.


Der Anlass meiner Reise war ein Konzert vom Einar Stray Orchestra. Ja, ihr dürft mich jetzt seltsam finden, dass ich denen schon fast hinterherreise (siehe Jena). Ich hatte aber nicht nur das Konzert im Blick, ich sah es einfach als gute Gelegenheit eine 24-Stunden-Auszeit in der tschechischen Hauptstadt zu genießen und den Konzertbesuch so mit einem Kurzurlaub zu verbinden. Nicht zuletzt freute ich mich sehr darauf, einen alten Arbeitskollegen wiederzutreffen, dem ich gleich geschrieben hatte, als mein Mini-Urlaubs-Plan konkretere Züge annahm. Es war richtig schön, Zeit mit ihm zu verbringen und gemeinsam durch die Stadt zu schlendern. Wir trafen uns gleich am Busbahnhof und verbrachten den Nachmittag zusammen, er lotste mich durch die Stadt, ohne, dass ich irgendeine Karte konsultieren musste.

Das Konzert war sehr gut und es gab Momente, wo ich einfach nur breit grinsend und mittwippend dasaß (der Saal des Palac Akropolis war für die Gelegenheit bestuhlt). Meine Lieblingslieder wurden fast alle gespielt, ein wenig enttäuschend war nur, dass Einar und seine Band ohne Zugabe verschwanden. Tja, wer weiß, vielleicht gab es eine Auflage vom Veranstaltungsort. 

Nachdem ich in meinem Hostel ein paar Stunden geschlafen hatte, wurde ich recht früh wach und versuchte mich unter eher schwierigen sanitären Bedingungen etwas zu reinigen. Es gab keine Ablage oder auch nur Haken in der Dusche, die Armatur am winzigen Waschbecken war lose, die Dusche funktionierte per Drücker, den man allerdings gedrückt halten musste, damit ein scheinbar beliebig warmer Wasserstrahl aus der Brause regnete. Gegen acht verließ ich schon das Hostel, mit dem Ziel, im Café Louvre zu frühstücken, weil ich es einfach schön da finde und damit auch schöne Erinnerungen verbinde. Ich war natürlich nicht die einzige, die auf die Idee gekommen war - schon als ich nach dem Spaziergang von Žižkov in die Národní třída gegen neun ankam, stand eine Touristentraube davor. Ich fand, ich war fürh genug dran, um trotzdem einen Platz zu bekommen, aber oben wurde es nicht besser - unheimlich viele Menschen, gehetzt wirkende Kellner schon am frühen Morgen - ich beschloss recht schnell, wieder zu gehen. Ich kaufte mir ein Frühstück zum Mitnehmen bei einem dieser Kaffee-Läden und zog schließlich beladen mit frischem Orangensaft, heißer Schokolade, einer Apfeltasche und einem Schokotörtchen los in Richtung Moldau. 


Das war die beste Idee überhaupt - ich ließ mich auf einer der Inseln mit perfektem Blick auf die Karlsbrücke nieder. Ich gebe hier mal ganz bewusst keine genaue Wegbeschreibung, vielleicht will ich das mal wieder machen und dann nicht bereits um 7:30 von anderen Reisenden belagert finden... Ich genoss mein mitgebrachtes Frühstück, teilte nicht mit einem herbeischwimmenden Erpel, und machte ganz viele Bilder von diesem wunderschönen Anblick. Auf der Karlsbrücke war schon jetzt gut was los, auf der Insel war ich eine von wenigen. Das war der perfekte Start in einen super sonnigen Tag. 

Danach ließ ich mich durch die Altstadt treiben, immer Reisegruppen ausweichend und geriet tatsächlich in menschenleere Straßen mit hübschen Altstadtbauten. Um elf wollte ich am Bahnhof sein, wo ich mich mit meinem alten Kollegen wieder treffen wollte - er hatte angeboten, mir beim Erkunden von Prag Gesellschaft zu leisten. Es war ein herrlicher Tag. Ich konnte herzlich Lachen, als mir mein soeben erworbenes Eis in die Moldau fiel (deswegen darf man also in Belgrad nicht auf der Festungsmauer sitzen - nicht wegen der eigenen Sicherheit, sondern, dass einem nichts runterfällt). Ich war überhaupt gut gelaunt, als wir so umherschlenderten und ganz viel da saßen und die Stadt und die Hektik ausblendeten. Es war auch viel zu warm, um umherzuhetzen, ich hatte kein gesteigertes Interesse an Museen und ich kannte die Haupt-Sehenswürdigkeiten schon. Und so liefen wir einfach umher, vermieden den Altstädter Ring und Wenzelsplatz sowie die Burg recht großräumig und flanierten beispielsweise lieber über die Kampa-Insel. Der Freund konnte mich noch auf einige interessante Fakten zur Stadt hinweisen und weniger bekannte Fleckchen zeigen. Eine Shopping-Queen bin ich ja eh nicht und ich sehe wenig Sinn darin, Einkaufstütenbeladen durch europäische Metropolen zu hetzen.  Das einzige, was ich mitnehmen musste, war gutes tschechisches Bier.

Mit einer Jutetasche meines alten Arbeitgebers, in dem einige Flaschen Bier für die Grillparty bei meinem Bruder am Montag klapperten, stieg ich am Nachmittag in den Zug nach Dresden. Ich hatte mir nur einen ganz leichten Sonnenbrand geholt, hatte - wie war das eigentlich möglich - wieder neue Facetten der Stadt kennengelernt und einen schönen Kurzurlaub gehabt. Vielleicht sollte ich langsam lieber in ein einfaches Hotel investieren, statt mich mit schlecht belüfteten Hostelzimmern rumzuärgern, aber prinzipiell tut mir so ein Kurztrip einfach verdammt gut.

Sonntag, 18. März 2018

Leipziger Buchmesse 2018 im Scheechaos

Die Leipziger Buchmesse ist ja wieder ganz nah für mich, seit ich in Halle lebe. Das letzte Mal war ich vor über zehn Jahren da, glaube ich. Und das, obwohl ich geschriebene Worte so liebe! Dieses Jahr wollte ich sie mir dann auf keinen Fall entgehen lassen, ist doch das Gastland Rumänien. 

Bevor ich allerdings die Messe genießen konnte, musste ich erstmal hinkommen. Nach einer unschönen Fahrt auf verschneiten Straßen am Tag zuvor und mit im Messeticket enthaltenen Nahverkehrsticket wollte ich wirklich gern die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Bahn und Wetter (scheinbar fast egal welcher Art) ist aber ja nun leider nicht so eine gute Kombination. Und wo war das Epizentrum des Schnee-Verkehrschaos auf der Schiene? Im Großraum Leipzig-Halle. Dort waren das Bahnnetz und beide Bahnhöfe zeitweise komplett lahmgelegt und die S-Bahnen fuhren überhaupt nicht mehr aufgrund von vereisten Weichen und verschneihten und schneeverwehten Gleisen. Informationen gab es auch nicht - wie so oft hatten auch Bahn-Mitarbeiter*innen keine Ahnung, wann der nächste SEV-Bus kommen würde oder wann wieder eine S-Bahn kommen könnte. Das Ganze lässt sich natürlich wirklich oft schlecht abschätzen, ist aber für Reisende in dem Moment extrem frustierend. Ich wollte also,  nachdem ich über einer Stunde in der Kälte ausgeharrt hatte, gerade nach Hause gehen, weil ich keine Hoffnung mehr hatte, noch irgendwie wegzukommen, da kam ein Schienenersatz-Bus und brachte mich direkt bis zur Messe. Halb drei war ich dann endlich in der Messehalle - zweieinhalb Stunden später als gedacht, die mir dann auch fehlten. 

Zuerst steuerte ich natürlich den rumänischen Stand an. Dort wurden sehr viele rumänische Autor*innen präsentiert, es gab eine kleine Ecke gewidmet den Illustrator*innen und Gespräche mit allerlei Literaturschaffenden. Für Diskussionsrunden-Lauschen hatte ich irgendwie so gar keinen Nerv, aber ich stöberte ein wenig durch die Bücher und schnappte hier und da einige Wörter Rumänisch auf. Ich hätte gern mehr Ruhe gehabt um mich in das eine oder andere Werk zu vertiefen. So ging es mir die nächsten Stunden - es war viel zu viel und ich war nicht aufnahmefähig genug. Aber dennoch, es gab viele schöne Entdeckungen - ein paar Bücher, die mir ins Auge sprangen wie "Good night stories for rebel girls" oder "Die Freiheit, frei zu sein" von Hannah Arendt, ein Plakat für eine Klimt-Ausstellung in Halle ab Oktober, Lesempfehlungen der Verlage gegen Rechts, ein herrlicher Schriftzug für mehr Poesie im Leben und viele andere Kleinhigkeiten. Mit nach Hause durften am Ende "Das Leben wie ein Tortenboden" - Neue Rumänische Prosa, einige Zeitungen, die die Medienhäuser immer verteilen und ein paar Postkarten und Lesezeichen. 
 
Leider schaffte ich es nicht, mir Zeit zu nehmen, auf der Antiquariatsmesse alte Bücher zu bestaunen, bei den Kinder- und Jugendbüchern vorbeizuschauen und mir für eine längere Lesung Zeit zu nehmen. Aber der Schnuppereindruck genügte für vielerlei intellektuelle Anstupser und hat viel Lust geweckt, zu lesen und mich mit mir unbekannten Dingen und Autoren zu beschäftigen.

Der Rückweg war wiederum abenteurlich. Die Bahn hatte das Schneeproblem noch nicht in den Griff bekommen und ich stand bei etwa -5°C eine halbe Stunde am Gleis und wartete auf die S-Bahn. In der Bahn standen wir dann so dicht, dass niemand umfallen konnte und erreichten nach einer halben Stunde schließlich auch Halle. Zu Hause taute ich erstmal wieder auf - das in der Kälte Rumstehen hatte mir schon zugesetzt.
Würde ich einen Besuch bei der Buchmesse empfehlen? Ja. Ich würde zudem dazu raten, das Ticket online zu kaufen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, dann ist ein Teil des Ticketpreises schon wieder gerechtfertigt. Ich würde empfehlen, genügend Zeit einzuplanen, um wirklich in literarische Welten abtauchen zu können, ich würde empfehlen, einen Plan zu machen, falls Lesungen besucht werden sollen. Ach ja, bequemes Schuhwerk und eine große Tasche oder ein Rucksack sind auch von Vorteil und genügend Geld für Essen und Getränke, die auf der Messe recht teuer sind, bzw. sich einen Snack einzupacken. Dann kann es losgehen ins literarische Wunderland. 

 
In diesem Sinne: 
Poetisiert euch! 

Donnerstag, 8. Februar 2018

Winterliches Harzgerode

Was gibt es schöneres, als einen kalten Dezember-Sonntag mit Freunden zu verbringen? Dazu eine Märchenlesung mit Begleitung auf der Leier, dazu ein Theaterstück über Weltfrieden aufgeführt von Jugendlichten und das alles in einem wunderbaren Fachwerkhaus, dem alten Gasthaus "Weißes Ross", um genau zu sein, im Ostharz? 


So etwas hatte ich mir gedacht, als ich trotz des wirklich reichhaltigen und ausdauernden Weihnachtsessen am Vortag (ein Traum in drei Gängen mit den wunderbarsten Menschen, die Leipzig so zu bieten hat) beschloss, nach Harzgerode zu fahren. Voller Vorfreude auf Schnee, voller Vorfreude auf lange Umarmungen, voller Vorfreude auf die Projektfortschritte, die es zu bestaunen geben würde, machte ich mich Mitte Dezember auf den Weg. 

Das Projekt "O16 - ein Ort für Chancen", dass zwei Freunde von mir auf die Beine gestellt haben, war Teil der Adventswege in Harzgerode und die Türen der sogenannten Zukunftsbaustelle in der Oberstraße 16 standen an diesem Tag vielleicht noch ein Stück weiter offen, als ohnehin schon. Das schmucke Fachwerkhaus war früher ein Gasthof und somit einer der wichtigsten Orte des Städtchens, wo alle bedeutetenden Lebensereignisse gefeiert wurden. Schon lange waren die Gästezimmer nicht mehr genutzt und die ehemalige Diskothek im Anbau zeugte allenfalls von dem verzweifelten Versuch, in den Neunzigern noch mal etwas aus dem Haus zu machen. Inzwischen gibt es wieder Leben im Haus - sechs Jugendliche sind nicht nur im Seminarraum und der Projektküche anzutreffen sondern auch bei der Arbeit auf dem Bau - wie sie Lehmputz von der Wand hacken, Balken freilegen und überhaupt eine Menge werkeln. Und auch seinen Ruf als Kulturinstitution gewinnt das Haus langsam, mit vorsichtigen Schritten wieder, wenn es hier wie an eben diesem Wochenende Lesungen und Theateraufführungen gibt. 

Die Freundin, die mit Herz und Kopf mit im Projekt steckt, hatte mir bereits angekündigt, dass sie kaum Zeit für mich haben würde, um sich persönlich zu unterhalten. Zu wuselig war es, zu viele Leute mussten begrüßt werden, Tüten mit Keksen verteilt werden, alkoholfreier Punsch und Kaffee eingeschenkt werden, das Projekt erklärt werden, die Theateraufführung bestaunt werden, die Märchenlesung begleitet werden. Dennoch kam eine besinnliche Stimmung auf - spätestens als beim Märchen alle mit einer Kerze in der Hand andächtig lauschten. Dazu schneite es draußen dicke Flocken, als ich mich kurz auf den Weihnachtsmarkt herauswagte, der fast direkt vor der Tür des alten Gasthauses begann. 


Für die Rückfahrt musste ich 15cm Neuschnee vom Autodach kehren und mit ungeräumten Straßen kämpfen, aber wieder einmal beschloss ich, dass ich wirklich öfter kommen müsste. Als ich abends müde und verspannt von der Autofahrt in Halle ankam, bereute ich es keine Sekunde, diesen Sonntagsausflug gemacht zu haben.

Dienstag, 6. Februar 2018

"Eine Kollektion für Gott" - Modenschau der Burg Halle

Sicher ist fast jedem und jeder, der oder die in Halle wohnt, die "Burg" ein Begriff. Die Burg meint nicht die Moritzburg, die recht zentral im Zentrum liegt und in der das Kunstmuseum untergebracht ist, sondern die Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle - kurz Burg. Die Student*innen der Burg prägen das kulturelle Leben der Stadt mit - was sicher auch mit der ja eher überschaubaren Größe von Halle und der Anzahl von etwa 1100 Kunst- und Design-Studierenden zusammenhängt. Zweimal im Jahr ziehen Veranstaltungen hunderte Halloren, Hallenser, Hallunken und sicher auch überregionale Gäste an - die Jahresausstellung im Sommer und die Modenschau im Winter. Im Sommer gibt es auch eine Modenschau und zwar am Abend bevor die Jahresausstellung dann beginnt. Bei der Modenschau werden Werke der Student*innen aus dem Fachbereich Modedesign gezeigt, bei der Jahresausstellung alles, was Studierende so im letzten Jahr geschaffen haben.

Ich hatte schon gehört, dass es schwer ist, für die Modenschau Karten zu bekommen und da ich nun nicht übermäßig an Mode interessiert bin, hatte ich nie auch nur genug Energie aufgebracht um nachzuforschen, wo ich denn eine Karte bekäme. Umso schöner war die Überraschung, dass diese mir einfach so zuflog - eine alte Rumänienbekannte, heute Volontärin bei der Pressestelle der Burg, bot mir an, mit ihrem Vorkaufsrecht eine Karte für mich zu besorgen, ob ich nicht Lust hätte, zu kommen? Das nahm ich natürlich gern an, denn wie gesagt, habe ich als Hallunkin schon viel über die Burg gehört und habe auch schon Freundinnen sagen hören, wie froh sie seien, eine Karte dafür ergattert zu haben. Ich war sehr gespannt, weil ich nicht genau wusste, was mich erwartete.  Meine erste Modenschau!

Ich bekam nicht nur die Eintrittskarte von der Freundin, sie hatte mir auch einen Platz bei den Presseleuten reserviert mit ausgezeichnetem Blick auf den Laufsteg. Das war sehr vorausschauend - es fanden bei Weitem nicht alle Menschen Platz, die keine Reservierung hatten. Zuschauer*innen standen dicht gedrängt hinter den Stuhlreihen und saßen auf freien Flecken - zum Beispiel zwischen den Stuhlreihen und dem Laufsteg - auf dem Boden. Mehrere hundert Personen waren wohl im Saal. Durch die Mitte zog sich ein weißer Laufsteg, der auf eine dreigeteilte Videoleinwand zulief - hinter der die Models herauskamen und wieder verschwanden. Rechts und links waren Instrumente aufgebaut - die Show wurde von Live-Musik begleitet, die sehr abwechslungsreich war. Licht, Musik, die Clips auf der Leinwand und natürlich die Kreationen der Student*innen waren gekonnt abgestimmt. 

Insgesamt dauerte es etwa eineinhalb Stunden, bis alle Entwürfe gezeigt waren. Es kamen Werke von Student*innen des zweiten, dritten und vierten Jahrgangs auf den Laufsteg, außerdem Bachelor- und Master-Abschlussarbeiten. Die Zeit verging wie im Flug beim Ansehen all interessanten Ideen. Dabei war das Thema "Eine Kollektion für Gott" für mich als Laiin nicht bei allen Arbeiten zu erkennen. Aber unterhaltsam war es ohne Frage - manches auch durchaus sehr beeindruckend. 

Der einzige kleine Wermutstropfen war, als ich, mehr durch Zufall wegen einer missverstandenen Kommunikation vorher, feststellte, dass die Models doch alle eher dünn waren. Das wäre mir vielleicht gar nicht so krass aufgefallen, sind wir doch darauf programmiert, beim Betrachten von Mode auch überwiegend dünne Personen zu sehen - das was ich sah, war so gesehen "normal". Die Models, wohl überwiegend aus dem Kommiliton*innen- und Bekanntenkreis der Studierenden selbst, waren jetzt auch keine Hungerhaken, wie das vielleicht bei Modenschauen auf den Fashion Days dieser Welt der Fall ist, aber ich nahm nicht eine einzige dicke Person war. Schade, hatte ich doch gerade von einer Hochschule, die so viel künstlerisches Flair umgibt, den Mut erwartet, auch weniger "normative" Personen auf den Laufsteg zu schicken.


Samstag, 3. Februar 2018

Ein Tag in Avignon

Im September verschlug es mich für einen Tag nach Avignon. Die Umstände waren nicht ganz so angenehm, dafür war die Stadt umso netter zu mir. Oder die Menschen, die ich dort traf, denn eine Stadt kann vielleicht höchstens schön sein - was auch schon fantastisch ist. Bereits bei meiner Ankunft war ich total verzückt von der Innenstadt. Überall Gassen und Straßenecken hinter denen es noch mehr zu entdecken gab. Fabelhaft, hier musste ich mich unbedingt verlaufen!

Ich hatte mir ein Bett im Hostel gebucht. Es stellte sich als größeres Design-Hostel mit gemütlichem Aufenthaltsbereich heraus und ich fand es sehr einladend. Dann wurde ich auch noch kostenlos auf ein Einzelzimmer geupgraded, weil das Viererzimmer, wo ich ein Bett gebucht hatte, bereits von einer Gruppe belegt war. Ich ließ mir das natürlich gern gefallen und bekam nicht nur ein Zimmer mit Bett und eigenem Bad sondern auch noch einen traumhaften Ausblick, wenn ich das Fenster aufriss und den Kopf rausstreckte und um 90 Grad zur Seite wandte. 

Ich ließ mich tatsächlich eine ganze Weile durch die Stadt treiben - ignorierte den Papstpalast und die berühmte Brücke und verlor mich viel lieber in den Straßen der Stadt. Dafür entdeckte ich Souvenirstände, die so lavendelfarben lila waren, dass mir die Augen weh taten, einen Baum mit seltsamen gefiederten Blüten, den Beauty-Salon "Zum galanten Hund", eine ganze Menge bezaubernder Lädchen, Streetart, zugewucherte Balkone, herrliche alte Häuser und die Straße mit den Wassermühlen. Als ich vom Erkunden müde war, kehrte ich zum Hostel zurück und setzte mich in den Aufenthaltsraum, um meinen nächsten Zug zu buchen. Dort saß eine andere Alleinreisende und ich sprach sie kurzerhand an, ob sie nicht Lust hätte, abends etwas trinken zu gehen. Das machten wir dann und beeendeten den Abend damit, dass wir in der wunderschönen